Viacheslav Chesnokov 1989:

La vie et l'oeuvre du savant et socialiste Sergei Podolinskii (en russe)

 

KS, Februar 1995:

Mit Hilfe älterer Untersuchungen und des von Roman Serbyn und Viacheslav Chesnokov neuerdings zammengetragenen und bearbeiteten Materials läßt sich "Leben und Werk" von Serge Podolinsky (1850-1891) in einer Reihe von bedeutungsvermittelnden "Strukturen" diskutieren [1]:

SP als Aristokrat und Sohn des Dichters aus dem Puschkin-(Dekabristen-?)Kreis, mütterlicherseits mit französischen Diplomaten-vorfahren und den Vettern Berdiaev.
SP als "Chaikovze" und Mitglied der Gromadisten, als Freund Dragumanovs und Zibers.
SP auf "Bildungs-" Reisen mit Ziber und Kuliabko-Koretski: Arbeiterkolonien in Mulhouse
SP im Umkreis der Ukrainophilen-diskussion Antonovich-Dragumanov, als Mitarbeiter im Kreis des "Kievskii Telegraf".
SP als Schlichter im Konflikt um die Züricher Bibliothek zwischen Anhängern und Gegnern Lavrovs und Bakunins, sein Umgang in Kreisen der in Zürich studierenden Frauen aus der russischen Aristokratie, insbesondere mit Olga Lubatovich.
SP als Teilnehmer des Haager Kongresses 1872 und als Besucher bei Marx in London.
SP als Medizinstudent und junger Physiologe (in einer jungen, gerade erst "professionalisierten" Wissenschaft), als Hörer bei Ludimar Herrmann in Zürich, Claude Bernard in Paris später als Doktorand bei Rudolf Heidenhain in Wroclaw, als experimenteller Physiologe im Breslauer Labor mit Paul Grützner und Paul Ehrlich, aus dem u.a. auch Ivan Pavlov hervorging.
SP als Finanzierer und Mitarbeiter des Vpered Lavrovs, später der Gromada Dragumanovs.
SP als ukrainischer Schriftsteller und sozialistischer Utopist mit der Parova Maschina, mit weiteren Arbeiten, gelesen und übersetzt (in galizisch und polnisch) von den Freunden Pavlik, Franko, Terletsky.
Sp als "Narodnik" in der Ausbildung von Frauen für die Gesundheitsfürsorge auf dem Land, als Arzt und "Soziologe" auf den eigenen Gütern, im Zusammenhang damit:
SP als Hygieniker mit seiner Arbeit zur Gesundheitssituation in der Ukraine (publiziert in ukrainisch und in französisch, als compte-rendue auch in deutsch);
SP als erster ökonomischer Autor in ukrainischer Sprache mit "Remesla i fabriki". Damit und mit dem übrigen Werk Einfluß auf die Artel- und Kooperativen-Ökonomen von Navrotsky und Levytsky bis Tugan-Baranovsky;
SP als Berichterstatter der sozialistischen Bewegung mit Berichten über England und Spanien und politischer Ankläger der vergleichsweise unfreien Zustände in Rußland, insbesondere in "Südrußland".
SP als Pionier ökologischer Energierechnungen mit dem Versuch physikalische Arbeitswerte zu bestimmen. Sein Slovo-Artikel von 1880 erschien in vielen Zeitschriften in jeweils angepaßter Form. Am "politischsten" in La Revue Socialiste und in La Plebe.
SP als nomineller und tatsächlicher Mitarbeiter mehrerer sozialistischer Periodika, Vpered, La Revue Socialiste, Die Neue Zeit, La Plebe, Obshchestvo, Gromada.
SP nicht zuletzt als "Fall" für zeitgenössische Psychiater und psychiatrische Institutionen (seine Erkrankung fällt in die Wirkungszeit etwa von Charcot)
SP und Natalia Akimovna: ein gescheitertes Projekt zweier Revolutionäre?
Natalia Akimovna, ihre Perepetien und ihre Auseinandersetzungen mit Schwiegermutter, Polizei und Gerichten um Mann, Sohn und Geld in Paris (in London?).
SP in den "Semiotisierungen" der Rezeption zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten, unter ukrainischen, galizischen und polnischen Revolutionären, in der Ukraine und der Emigration nach 1917, in der Ukrainisierungswelle nach 1956, im Brezhnew-Imperialismus und in der Dissidenz; im Ökologismus der 80er Jahre, heute.

"abstrakt":
eine Dimension "parteilicher" Wissenschaft, (noch) nicht die der "unparteiischen" Experten, sondern im Rahmen eines (Semiotisierungs-) Programms von potentiell demokratisch festgelegten Wissens- und Forschungsnotwendigkeiten, das wissenschaftsintern programmatisch fixierte "Erkenntnisziele" hintanstellt. Wissenschaft als Praxis? Demokratisch "verhandelte" Wissenschaft? Gleichzeitig:
eine Dimension der Kritik "produktivistischer" Wissenschaft und in der (politischen)"Ökologie" auch der Kritik marxistischer "Produktivkraft"-Vorstellungen.
eine Dimension föderativer Sozialismus; den "Zentralisten" (u.a. Bernstein) wird entgegengehalten, daß Einsicht die Menschen bestimmen kann, ihre wirtschaftlichen Standortvorteile nicht zu ungunsten anderer zu benutzen: Sozialismus verlangt höhere Grade der Emanzipation (Bildung) als das liberal-(methodisch-)individualistische Konzept;
eine Dimension der Bildungs- und Vermittlungsarbeit. Popularisierung? Aufbau einer demokratisch-politischen Ebene? Literarische Fixierung von Utopien;
die Problematik des (nicht mehr) emanzipativen Nationalismus unter Bedingungen seiner Vereinnahmung durch imperialistische Nationen;
in der (zeitgebundenen?) Polemik eine Dimension anti-sozialdarwinistischer und damit antirassistischer Wissenschaft; auch unabhängig davon:
eine Dimension Antisemitismus und die Anstrengung zur eigenen Emanzipation;
eine Dimension der Geschlechter-Rollen-Diskussion, einerseits eine "Medikalisierung" im Zusammenhang mit den Lues-Debatten, andererseits eine sozial-revolutionäre Problematisierung der endemischen Syphilis;
eine Dimension Praxis des Zusammenlebens, des Konflikts von Utopie und Gegenwart;
eine Dimension der Säkularisierung, einer "Verwissenschaftlichung" gesellschaftlicher Perspektiven; gleichzeitig einer "Historisierung";
die Problematik eines politischen (oppositionellen) Gesellschaftsentwurfs ("projet de société"), einer hinreichenden Differenzierung und Realitätsnähe.

 

1Das Staatsarchiv Petersburg besitzt Podolinsky-Archivalien, von denen frühere Autoren (L. Ia. Korniichuk und I.M. Meschko 1958) ebenso wie Roman Serbyn und Viacheslav Chesnokov Gebrauch gemacht haben.

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