(KS 2018)

Rückblick aus dem Nichts. Briefliche Mitteilungen.

 

Dem Archivar, der entscheidet, was als Zeugnisse von Vergangenheiten aufbewahrt wird oder nicht, erzählen auch Tote Geschichten als lebten sie noch heute. „Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute“, so empfiehlt uns das Märchen zum guten Schluss seine Figuren, als hätten sie zeitlos wirklich gelebt. Die „wirklichen“ Menschen von denen Zeugnisse und Dokumente „sprechen“, leben nicht mehr. Aber auch ihre Geschichten sind nicht unbedingt zeitgebunden, sie bereichern um ein Wissen von wechselnden Umständen, Taten und Verhaltensweisen, um Referenzen für unser Denken und Handeln in der Gegenwart.

 

Ich kam am 21. Januar 1921 auf die Welt. Meine Mutter, die Musch, Erzieherin ausgebildet im protestantischen Berliner Pestalozzi-Fröbel-Haus, war fast 36 Jahre alt. Der Babo, mein Vater, zwei Jahre älter als sie, früh ein Staatsstipendiat, war seit seinen Jahren im Tübinger Stift und seiner Promotion bei Richard Gans über das physikalische Phänomen der „Spitzenentladung“ ein württembergischer Demokrat und überzeugter „Reformlehrer“. Ich bin ein „Nachzügler“. Meine ältere Schwester Hilles wurde im Januar 1911 geboren und Löles, die jüngere im November 1914. Die Familie, - ohne mich - war 1919 aus Essen nach B gezogen, wo Muschs Mutter und einer ihrer Brüder, der Onkel Ru. lebten, Musch hatte drei Brüder, Ru, Ka und Ge. Ge hatte mit 28 Jahren 1916im Krieg in Frankreich sein Leben verloren. Die Großmutter habe ich nicht wirklich gekannt, sie starb als ich 3 Jahre alt war. In Essen hatte Babo über ein Jahrzehnt an der Luisenschule, einem Mädchengymnasium unterrichtet, am Gymnasium in B gab es auch nach der Revolution 1918 nur wenige Mädchen.

Ich schrieb an Babo, als der Demokrat und Staatsparteiler 1933 während seiner alljährlichen Sommerreise ins Schwabenland „abgebaut“ wurde. „Lieber Äffi“ schrieb ich (bei meinen ersten Sprechversuchen hatte ich ihn so genannt, weil sein Vorname Alfred war). Ich schrieb dass ich mich sehr freue, dass wir jetzt Kaninchenställe bauen würden, dann brauche die Musch nicht mehr so viel Fleisch zu kaufen…“ Mit meinen 12 Jahren war mir absolut nicht entgangen, dass der Lehrer an meiner Schule seinen Job ganz und gar, und wir unser Einkommen zu einem beträchtlichen Teil verloren hatten. „Aber wir lassen den Kopf nicht hängen“, schrieb ich und gleich weiter, dass ich ins Kino gehe: „Deutschland erwacht- ich sah die offizielle Dokumentation der neuen großen Männer und der großen Ereignisse seit dem 30 Januar. Wir sind erwacht: wir züchten, schlachten und essen Kaninchen.

Im Mai 1934 nimmt mich der Freund meiner älteren Schwester im Auto mit nach Aachen, der Stadt seiner Familie. Er zeigt mir ein riesiges Feld, ein Meer von blaublühenden Lupinen und auch die enormen Gruben vom Braunkohlentagebau in der Ville. Der 21 jährige Student, mein späterer Schwager, war begeisterter Segelflieger und bis zum Vorjahr im Universitäts-Segelfliegerklub. Dann war er ausgetreten. Er täuschte sich nicht, sehr viel länger wäre seines Bleibens ohnehin nicht gewesen, sein Vater hatte eine „nichtarische“ Mutter. Der Babo war aus politischen Gründen abgesetzt worden. Er hatte Anfang der 20er Jahre angesichts wachsender extrem deutsch-nationaler Tendenzen in B., auch im Kollegium, die Kreisgruppe der neuerdings verhassten Deutschen Demokratischen Partei ins Leben gerufen. Ich machte mir keine Gedanken. Ich wusste nicht, dass meine Calwer Großmutter mit ihrem Mädchennamen Schabbes hieß, nur waren schon ihre Eltern wie auch sie protestantisch getauft. Die Verwaltung im Königreich Württemberg hatte vor langer Zeit den christlichen Taufzwang eingeführt. Neuerdings ein Schutz vor Diskriminierung, wenn auch kein absoluter.

Zwei Jahre lang ging ich einmal, im zweiten Jahr zweimal die Woche nachmittags mit Jungen und Mädchen meines Alters in einen zweistündigen „Konfirmandenunterricht“ des Pfarrers in B. Zwar gab es theologische und auch pädagogische Differenzen zwischen dem „orthodoxen“ Vertreter der unierten protestantischen Kirche und dem im Tübinger Stift theologisch gebildeten Babo und Ple, Löles Mann, beide Vertreter einer „liberalen“ Theologie und eines religionsgeschichtlichen Schulunterrichts. Aber, wie schon meine beiden Schwestern, lernte ich Liedstrophen und Bibelstellen und wurde mit 14 Jahren konfirmiertes Kirchenmitglied. Ganz wie die Geburtstage, war dieser Konfirmations-Palmsonntag vor Ostern Anlass zur Familienfeier. Unter meinen Geschenken war ein gelbeingebundenes Buch im Oktavformat, aufgedruckt der Autor in roter Fraktur: Bengt Berg, der Titel in Hellblau: Arizona Charleys Junge. Vom Autor ins Deutsche übersetzt, geschrieben 1927. Wie kaum eine andere Lektüre hat mich diese Geschichte aus dem Leben eines 14 jährigen Westgotenjungen damals begeistert und die Figur des Jungen hat mich später so manches Mal ermuntert.

Berg, schwedischer Lehrerssohn, Präparator, Tierfotograf und -Filmer, Erzähler, Ökologe, Tierschützer, Fischer, Jäger und Opportunist in Beziehungen zu deutschen NS-Größen, hatte gerade seine Aufnahmen von Riesenstörchen und Elefanten im britisch-kolonialen Darfur in einem Erzählband „Abu Markub“ veröffentlicht. Eine Arbeit, der Oskar Loerke, derzeit Kritiker des Berliner Börsenkurier, „schlichten, guten Humor“ bescheinigt und: wenn der sich selbst zurücknehmende „Dichter“ jemanden rühme, so sei es „sein Freund und Reisebegleiter, ein schottischer Major“ oder „sein getreuer brauner Mohammed oder der schwarze Kapitän“ des alten Dampfers, oder „dieser Noahkasten selbst.“ Diesen Reisebericht und seine Figuren hat Berg ein Jahr später zu seinem einzigen Abenteuerroman verarbeitet: Zwei Brüder wandern aus armen Verhältnissen in Mittelschweden nach Amerika aus. Der eine wird Cowboy, dann Film-Pferdezüchter in Kalifornien, der andere kehrt zurück um ihrer beider Liebe zu heiraten. Sie stirbt, als der Sohn 12 Jahre alt ist. Wir finden Sohn und Vater in New York, Ulle als Laufbursche und gelegentlicher „Schwarzfahrer“ eines Obsthändlers, den Vater als Bauarbeiter. Der Junge rennt wie Weltmeister Nurmi, sein Vorbild, und er nährt seine Traumwelt in wöchentlichen Kinobesuchen mit dem Vater. Als der vom Gerüst stürzt und stirbt (Berg hatte seinen Vater mit 12 verloren) kommt der vierzehnjährige zum Onkel in die kalifornische Pferde- und Filmwelt, wo das eigentliche Abenteuer seinen Ausgang nimmt, die Afrika-Expedition eines spleenigen Öl-Milliardärs der ein aussterbendes Großtier für seinen Zoo fangen will und nach diversen Abenteuern schließlich auch fängt – nicht ohne die ebenso entscheidende wie unwillkürliche Hilfe von Ulle. Das Werk wäre heute kaum zu publizieren. Es ist gespickt mit allen rassistischen Vorurteilen gegen Schwarze und Araber, die dem Volksmund in Amerika und Europa seinerzeit zur Verfügung standen. Die antijüdischen, die heute in einem Atemzug zu nennen wären, kommen nicht vor, ein „alter Jude“ spielt eine kleine positive Rolle am Anfang des „Szenario“. Denn das ist der Text auch: ein Szenario von Ulles „Dummheiten“ die sich fast immer als Glück bringend erweisen. Die Handlung ist unglaublich dicht und reich an szenischen Einfällen aller Art. Des „Dichters“ Kunst der atmosphärische Schilderungen von Tieren und Landschaften unterstützt wohldosiert die Dramaturgie im inneren „Film“ der beim Lesen abläuft und die Spannung hört nicht auf, hält die Phantasiebegabten nicht weniger, aber bedeutend länger als ein Kinofilm in Atem. Wer bereit ist, hinter den meist gutmütig formulierten wiewohl gar nicht lustigen Vorurteilen einen Willen zu erkennen, der aus diesen herausführt und den Vorurteilen in exemplarischen Rollen widerspricht, mag den Text noch immer gerne lesen. Das unwillkürliche Glück, das Ulle widerfährt spiegelt eine andere Lebensphilosophie und Traumrealität, als etwa die, die der Held in Karl May‘s Romanserien wiedergibt, von denen ich „Durchs wilde Kurdistan“ auch besaß und mir im Tausch die spannende Lektüre ganzer Serien eröffnete.

Ein Jahr später, in den großen Ferien, - ich bin jetzt 15 - radele ich mit Ge und Ku Elf, Lehrerssöhne wie ich, nur dass ihr Vater nach wie vor amtiert, nach Norden: Sauerland, Teutoburger Wald, Lüneburger Heide, die Ostsee. Ich schicke Ansichtskarten nach Hause. Haffkrug an der Westseite der Lübecker Bucht. Von dort mache ich einen Abstecher zum Oberhof an der Ostseite der Bucht. Ein wunderschönes Landgut ein großes Herrenhaus, der Besitz einer Fabrikantenfamilie des Siegerlandes. Musch und ihre Brüder hatten aus der Jugendzeit Freunde in dieser Familie. „Denkt mal, Onkel P. hat 8 Pferde und 20 Kühe und meint das sei noch nicht viel“, schrieb ich - und gleich darauf: „heute gibt es Schweinebraten.“ Von Oberhof fuhr ich in zwei Tagen, Samstag und Sonntag die 140 km nach Neubrandenburg. Ich besuchte die Familie: Muschs Bruder, Onkel Ka, praktizierender Arzt, Tante Ma und meine beiden viel jüngeren Cousinen Li und Hei und das Kleinkind, meinen Vetter Vo.

Im Frühjahr 1939 habe ich mein Abiturzeugnis in der Tasche, acht Jahre Realgymnasium hinter mir. Ge Elf ebenso wie ich, nur im anderen, im Gymnasialzweig der Schule wie sein Bruder Ku schon vor zwei Jahren. Die ersten beiden Jahre war der Babo noch an der Schule, dann hatte er gehen müssen und Löles, meine jüngere Schwester hatte 33 ihr Abitur und Hilles, die ältere hatte schon drei Jahre zuvor ihr Philosophiestudium begonnen. Ich war der Sohn des geächteten Lehrers. Ich hatte gänzlich ungerecht gefunden, was meinem Vater geschah und die lärmenden Schmährufe der Hitlerfans vor unserem Haus hatten auch mich entsetzt. Aber nach anfänglichem Schock geriet ich zunehmend in Zwiespalt. Die Familie und ihr Freundeskreis fanden wenig Gutes am „neuen Staat“, aber unter den Schulkameraden und auch bei den Lehrern war überwiegend Enthusiasmus angesagt. Ich merkte bald, wie Lö‘s Mann Pa, mein Schwager, 20 Jahre älter als ich, sein Freund Ok und noch der ein oder andere Kollege mit ihrer Meinung, die ich ja von zu Hause kannte, sehr vorsichtig geworden waren und sich nach außen mehr oder weniger angepasst und gelegentlich über-angepasst verhielten. Auch kam es vor, dass der gemaßregelte Babo nicht ganz so vorsichtig war, den Hitlergruß „vergaß“, und dann die Musch den NSDAP-Kreisleiter aufsuchte und ihn, als gute Patriotin sich gebend, überzeugen konnte, ihren Mann nicht weiter zu verfolgen. Mein Vater hatte obendrein den „Fehler“, kein Veteran des 1.Weltkrieges zu sein, Alter, Beruf und relativ zarter Körperbau hatten ihn davor bewahrt - das Wehrgesetz vom Mai 1935 bekräftigte die bevorzugte Behandlung von Veteranen z. B. bei Bewerbungen. Ich hing an der häuslichen Umgebung aber ich schämte mich meines Vaters, seiner „Halstarrigkeit“ in der Haltung zu „Deutschlands Aufschwung“, seines Mangels an „Optimismus“. Ein paar Jahre später schrieb ich an meinen Schwager Ple, ich hätte den Babo zeitweilig sogar gehasst.

Ich schaffte jedoch den „diplomatischen“ Spagat von der häuslichen zur Außenwelt in dem ich die politische „Gleichschaltung“ mit einem Propaganda-konformen Interesse an Fliegerei verband und mich mit gleichaltrigen in der Flieger-Hitlerjugend traf. Anders als dem Babo, gefiel mir die Propaganda in vielem. Allerdings nicht da, wo Mitschüler sich veranlasst sahen, den ein paar Jahre jüngeren jüdischen Schüler aus dem Nachbardorf auf dem Schulweg zu hänseln und zu belästigen. Die Begleitung durch den FliegerHJ-ler schützte ihn gelegentlich bis er 1938 nicht mehr zur Schule kam. Heute weiß ich, das Ende Oktober 1938 Tausende, darunter seit Jahrzehnten in Deutschland lebende Juden mit polnischen Papieren, unvorbereitet verhaftet und mittellos abgeschoben wurden. Dass Hermann Grynszpan in Paris, so alt wie ich und kümmerlich lebend, vor diesem Hintergrund – seine Schwester hatte ihm geschrieben und um Geld gebeten - auf den Botschaftsangehörigen geschossen hatte, dessen Tod dem Hitlerdeutschland den Novemberpogrom „erklären“ sollte. Die angebliche „jüdische Weltverschwörung“ überzeugte mich so wenig, dass ich mich umso mehr bestärkt fand in der zweifelhaften Vorstellung von der Existenz einer, nicht weniger als die Täter und alle Antisemiten, „patriotischen“ aber in dieser Hinsicht „anders denkenden“ Menschheit. Ich kriegte zweifellos auch mit das „dem Nöck“, einer liebenswürdigen Großstadtgrundschullehrerin, die oft zu Besuch nach B. kam. nach dem Novemberpogrom 1938 abverlangt wurde, einen Zettelvordruck zu unterschreiben:"Auf Grund des gemeinen Meuchelmordes in Paris bin ich nicht mehr in der Lage, den Religionsunterricht zu erteilen und Lehre und Gestalten eines Volkes zu verherrlichen, dass allein vom Hass gegen Deutschland lebt. Hiermit erkläre ich, daß ich den Religionsunterricht niederlege“.

Die „Vernünftigen“ hatten, hoffte ich, unter den doch seit dem Krieg mit dem Nimbus der „Ritterlichkeit“ behafteten Fliegern ihren Platz. Allerdings wurde mir schon mit 15 Jahren der Nachweis abverlangt, dass ich nicht „jüdischer Mischling“ sei, und ich wusste wohl, dass gerade die propagandistisch hochgelobten Flieger als eine besonders peinlich auf ihre Abstammung geprüfte NS-Elite galten. Aber das sah ich leichtfertig als abwegige Bürokratie, die mir doch meine Zukunft nicht verbauen sollte.

Ein Dorfschullehrer am Stegskopf in der Nähe von B. animierte eine Segelfluggruppe zunächst zum Modellbau. Ich schnitt und klebte einen wunderschönen „Vogel“ aus feinem Sperrholz und Seidenpapier zusammen, mit einer Spannweite von 1,80 m. 1935 war der erste Hanggleiter angekommen, wir hatten jetzt ein Gebäude im Reichsarbeitsdienstlager auf der Höhe, unser „Führer“ hatte alle Fluglehrerprüfungen abgelegt und ihm gelang ein erster 5-Minutenflug im Aufwind, bevor er uns verließ und wir uns bis auf weiteres selbst verwalteten. Wir bauten unseren Gleitflieger, flogen ihn zu Bruch und reparierten. Kameraden wie die beiden Söhne unseres Nachbarn, deren Vater Zimmermann war, brachten den Hintergrund handwerklichen Könnens mit. Meine Wochenenden und die Ferien waren weitgehend der Stegskopfgruppe gewidmet, wir nahmen die Fahrräder oder fuhren 12 km mit der Bahn und liefen dann 5 km zu Fuß. Im Lauf der Jahre war ich zum „Scharführer“, zu einer Art „Unteroffizier“, befördert worden. Allerdings war von der paramilitärischen Ausrichtung der HJ in unserer „Flugschar“ nicht viel zu merken. Ab 1937/38 wurde die Flieger-HJ zwecks Rekrutierung für die Luftwaffe mit Gleit- und Segelmaschinen, mit Funkausrüstung und Ausbildung in Sommerlagern erheblich gefördert (1938 zählte man 20 000 Gleitfliegerprüfungen). Da ich also zur „fliegerischen Bevölkerung“ zählte, war ich laut Musterungsverordnung zur Luftwaffe einzuziehen. Meine zweijährige Dienstpflicht würde mit dem 20. Lebensjahr beginnen. Ich war beim Schulabgang gerade mal 18 Jahre alt, es gab die Möglichkeit den Militärdienst freiwillig früher abzuleisten. Ich meldete mich freiwillig in der Hoffnung, möglichst bald zum Fliegen zu kommen. Allerdings war ein 6 monatiger obligatorischer Arbeitsdienst vorgeschaltet, den ich als Freiwilliger ebenfalls früher ableisten würde. Die Musterung hatte mich zu meinem Kummer von der eigentlichen „Fliegertruppe“ ausgeschlossen, mir wurde eine zum Flugzeugführer nicht ausreichende „Sehschwäche“ attestiert, ich optierte für die erst seit 1935 bestehende „Luftnachrichtentruppe“. Ich hatte zwar eine Vorstellung von Aufgaben und Geräten der „Funker“ aber nicht von ihrer Bedeutung als „Führungstruppe“, vom Ausmaß der Abhängigkeit der Luftwaffe von diesen Einheiten.

Mit dem Ende der Schule war auch das Ende der Stegskopf - Wochenenden gekommen. Nahtlos schloss sich der Arbeitsdienst an. Am 27. April 1939 schrieb ich aus dem Ausbildungslager in Remagen an die „Liebe Mutter“ dass ich leider, wegen zu wenig Zeit zum Waschen, ihr meinen 4 Wochen lang getragenen Drillich zur Kochwäsche und vorsichtigem Auswringen schicken müsse, das täten auch die Kameraden. Wir hätten den 2. Drillich gerade erst erhalten. „ Wir exerzieren jetzt schwer für den 1. Mai genaue Spatengriffe. Ich bin zur Ordnung eingeteilt und brauche sonst nicht viel zu tun und habe den Vorteil, dass ich in aller Ruhe essen kann und soviel Butter etc. wie ich lustig bin. Aber auf Deine Bratsduffeln (Bratkartoffeln) freue ich mich doch sehr. Eben wird Zapfenstreich geblasen. Hoffentlich klappt die Stubenabnahme, dass wir nicht alle aus den Betten und auf die Spinde müssen. Gute Nacht Euer E. - Es hat geklappt nur ein paar mussten raus und die Stiefel nachputzen. Ich habe bis jetzt noch nie aus dem Bett gemusst. Also Servus.

Gleich vom nächsten Tag schrieb ich, das wir die Führerrede am Radio gehört hätten: „Roosevelt hat sicher geschwitzt“. Am 15. April hatte der US-Präsident in einem Brief Hitler gebeten, Ängste der europäischen Nachbarn durch eine Nichtangriffserklärung für die nächsten 10-25 Jahre zu beschwichtigen. Die Presse hatte Roosevelt mit Schmähungen überhäuft und am 28 redete Hitler vor dem Reichstag und griff zur Rechtfertigung seiner doch so überaus friedlichen Gebietsansprüche tief in die Geschichte seines „heißgeliebten Volkes“. Eine deutsche Bedrohung sei eine Propagandalüge der demokratischen Regierungen. Die Rede zielte und traf auf den Traum in unseren unkritischen Köpfen von einstiger und jetzt zurückzugewinnender nationaler Größe.

2 Wochen später gratuliere ich der Musch zum Geburtstag (der 54.): „Kräht der Hahn früh am Morgen usw...“ Das war das Geburtstagslied in der Familie, Verse von Paula Dehmel-Oppenheimer, eine vielleicht famlieneigene Melodie, jedenfalls nicht die übliche. „… und pack Dich fest lieb“ schrieb ich und dann, dass wir am nächsten Sonntag zum Nürburgring, zum großen Autorennen fahren „ich freu mich schwer darauf“ und: „Übrigens ist Hitler auch hier in der Gegend und es ist gar nicht unmöglich, dass er uns mal besucht… So, nun muss ich Schluss machen, ich habe nämlich keine Wache und schreibe unter „Lebensgefahr“ während der Arbeitszeit… Dein Pitter.“ Das Eifelrennen sahen wir am 21 Mai 1939, Gewinner war Herrmann Lang in einem Mercedeswagen.

Anfang Juni liege ich 9 Tage mit einer fiebrigen Erkältung im Bett.“Während dieser Zeit ist unsere Abteilung schwer geschliffen worden, denn am Sonntag war sie in Bonn zum Kreisparteitag und hat auch ganz gut abgeschnitten...“ Genesen, schreibe ich, dass die Mutter wohl jetzt in Neubrandenburg sei und mit ihres Bruders neuem DKW über Land führe. „Ich kann mir das alles so schön vorstellen. - So jetzt ist die Wache gleich zu Ende und dann steige ich sofort ins Bett, Viele herzl. Grüße, Dein E.“ - Der F8 der Deutschen-Kraft-Wagen-Werke Augsburg von Onkel Ka hatte Frontantrieb, 18 PS, wog 700 kg und schaffte die Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern

In den folgenden Wochen, Monaten und schließlich Jahren schrieb ich regelmäßig, manchmal fast täglich. Nicht nur nach Hause an die Eltern und Löles mit Familie in der ersten Etage und an die wechselnde Mieterfamilie im oberen Stockwerk. Auch an die Verwandten und Bekannten in Neubrandenburg, an Onkel Ru in Siegen, an Muschs Freundin in Freudenberg, manchmal an die Calwer Verwandten und Stuttgarter Freunde der Familie, an die Aachener Familie, an Pls Mutter in „Gütsel“. Sie alle schrieben mir und schickten Päckchen und manchmal Pakete. Es geht in meinen Briefen und Karten meist um Dank für Zigaretten und „Schoko“, manchmal auch für Kuchen und Äpfel und wenn ich an die Eltern schreibe, geht es auch um kleine Geldbeträge, um Kleidung und Wäsche, um Dinge wie Dokumente oder einen Füller oder auch einen Schlafanzug aus meinen Schubladen in B, und immer wieder um „Rauchwaren“. „Schickt mir doch auch bitte 1 oder 2 Schachteln meiner „Loyd Privat“ Zigaretten mit (von meinem „Gehalt“ abziehen)“. Ich schreibe immer wieder „Liebe Musch“, „Lieber Babo“ und oft „Ihr Lieben“ und zum Schluss meist „Herzl. Gruß (bzw. Grüße) Dein (bzw. Euer) E.“. Für die Musch bin ich auch oft ihr „Pitter“. Nur an Onkel Ru steht am Schluss manchmal „Heil Hitler“. Ich weiß ja, dass Musch‘s Bruder – manchmal unausstehlich für den Babo – als Veteran, Stahlhelmer und „moralisch“ kläglich gescheiterter SS-Wachmann große Stücke auf den „Führer“ hält.

Ich korrespondiere regelmäßig auch mit Lo der Nachbarstochter, die als Telefonistin im Postamt von B. arbeitet, mit Bä, Pe‘s Schwester, bald meine „Schwipschwägerin“ und mit Ge, Abiturientin im Jahr vor mir und angehenden Ärztin, jüngere Schwester von Al, der seinerzeit im Namen seiner Schulklasse öffentlich für den Babo eingetreten war, mit der „Base“ in Mühlacker, mit der Tocher von Babos Freunden, den Leons.

Ich erzähle in Bruchstücken aus meinem Alltag, noch spielen in unserer ganz aufs militärische ausgerichteten Ausbildung Geheimhaltungsvorschriften keine Rolle: „Am vorigen Sonntag haben wir wieder Feuerwehr bei einem Brand in einer Remagener Möbelfabrik gespielt. Wir haben den Brand sehr erfolgreich mit Wassereimern bekämpft, weil die Feuerwehr versagte. Der Besitzer der Fabrik hat uns schon seinen "handgreiflichen" Dank in Form von 5 Hektoliter Bier versprochen, wovon ich ja wenig habe. Heute abend ist Kameradschaftsabend in unserer Abteilung. Der Gaumusikzug kommt nämlich und anschließend spielt unsere Hauskapelle z. Tanz. Bald steigt auch eine große Rheinfahrt und im August ein großartiges Sommerfest. Unser Lager wird von Tag zu Tag schöner.“

Es wäre grimm“, schreibe ich, „wenn Hilles mich mal besuchen käme. Andernfalls können wir uns ja in Bonn treffen, was mich ja nur -70 ch (Pfennig) kostet“… „So jetzt muss ich wieder raus aufs Auto und Erde fahren, denn wir bedecken die ganzen Anlagen mit gutem Mutterboden, aber bald ist alles fertig.“ Der Babo hat mich in Remagen auch besucht und er hatte Freunde in der Stadt, die mich einluden und zu denen ich am Wochenende manchmal ging. Remagen ist ja laut Ansichtskarte „der beliebte Ausflugsort am schönen Rhein“.Am 7. Juli schreibe ich an die Musch kurz vor ihrer Abreise aus Neubrandenburg: Wir werden augenblicklich schwer hochgenommen, denn unser Lager ist Reichsausbildungslager geworden und wir haben viele neue Männer bekommen, und viele alte sind weggekommen, auch Go. Mir tun sämtliche Knochen weh nach Paradeschritt kloppen. Hoffentlich kann ich am nächsten Sonntag nach Hause kommen und mal in der Sieg oder in W baden gehen. Auf Dein Päckchen freue ich mich schon sehr.“

Wo es um „politisch sensible“ Mitteilungen ging; befleißige ich mich strikt des zu Hause nach außen geübten, nicht allzu ironisch klingenden „Doubletalks“ , wie etwa mit „Roosevelt hat sicher geschwitzt“. Denn dass ich mein Vorwärtskommen jederzeit gefährden konnte, schien mir klar. Als ich Mitte Juli von einem Wochende zu Hause zurückfahre beobachte ich „endlose Güterzüge mit Truppen- und Material…“ „auch alles Kameraden berichten dasselbe. Es scheint also schwer was im Gang zu sein. Soweit ich gehört habe, haben Arbeitsdienst und Militär ab 20 Juli Urlaubssperre… Es sind ganze Abteilungen Arbeitsdienst nach dem Osten zur „Erntehilfe“ verladen worden. Nun, wir warten der Dinge die da kommen werden und exerzieren mal weiter für Nürnberg.“

Anfang August erfahren wir, das wir nicht als „Vorbeimarschabteilung“ für den Parteitag ausgewählt wurden, sondern nur als platzfüllende „Ergänzungsabteilung“. Der Ausgang in die Stadt ist uns untersagt wegen Diphterie-Erkrankungen dort und auch im Lager. Mitte August schreibe ich, dass ich Freudensprünge gemacht hätte, als nach einer Woche endlich Post gekommen sei, Meine ältere Schwester Hilles und Pe haben geheiratet und sind wieder in Berlin. Eben habe ich mein Komißbrot gefressen, nach dem man regelmäßig Bauchschmerzen bekommt, so auch jetzt. Zigaretten haben wir auch bekommen, aber es gibt jetzt nur noch billige Eckstein-Zigaretten mit denen man sich nur die Lunge aus dem Hals raucht. Aber ich hoffe, dass es in B. noch etwas besseres zu rauchen gibt. Hier in der Gegend ist in weitem Umkreis alles ausverkauft. / Meine schlechte Schrift musst Du entschuldigen, aber ich liege hier an der Fuhrmannslampe auf dem Bauch im Stroh und benutze den Spaten als Unterlage. Trotzdem wir jetzt deutsche Wehrmacht sind, haben wir unseren Spaten immer noch mitgeschleppt und jetzt wird er hier verrosten. / Nun so will ich mich ins Stroh einschieben und hoffentlich kommt morgen Dein Brief. Morgen haben wir Ruhetag, der zufällig auf den Sonntag fällt.

Jetzt bin ich also als Arbeitsdienstler in einem Baubataillon der Wehrmacht noch in der Remagener Umgebung auf dem Absprung zum Westwall. Am 23. August wird der „Hitler-Stalinpakt unterzeichnet. Wie bald herauskommen wird, mit einem geheimen Zusatzabkommen zur Aufteilung besetzter Gebiete. Ich schreibe nach Hause: Ja, was sagt Ihr nun zur Außenpolitik? Wir waren hier über den Nichtangriffspakt zw. D u. R. jedenfalls leicht geplättet, obwohl wir ja von den deutsch russischen Verhandlungen wussten. Heute abend haben wir schallend gelacht, als Luxemburg meldete, dass bei der Ankunft Ribbentrops der Moskauer Bahnhof mit Hakenkreuzflaggen geschmückt war. Übrigens, in dem Aufmarschplan für Nürnberg ist auch eine Arbeitsdienstabteilung aus Danzig vorgesehen, die aber bis jetzt noch nicht besteht. / Eben haben wir Generalappell in sämtlichen reichseigenen Sachen gehabt. Ein Glück, dass ich keine Wäsche mehr zu Hause hatte. Das war ein Durcheinander. Wir mussten innerhalb 10 Min. unseren ganzen Krempel in eine Wolldecke packen und auf dem Appellplatz antreten. - Heute Nacht erwarten wir zu allem Überfluss noch einen Luftschutzalarm. Augenblicklich haben wir auch wieder kein Wasser und können weder Wasser trinken noch uns waschen. Das Wasser zum kochen müssen wir aus Remagen holen. Schickt mir bitte mein Geld früh genug. Wenn es geht 20 M. Nach dem Parteitag bekomme ich ja während des Urlaubs 6 M Verpflegungsgeld, die kann ich dann dem Babo ja geben“. Es schien in der Tat absurd: man hatte uns gründlich eingeschärft, dass die Kommunisten unsere schlimmsten Feinde seien und wir ebenso für sie und jetzt paktieren wir mit ihnen und sie empfangen unsere Delegation mit allen Ehren. Mit keinem Gedanken dachte ich an Konsequenzen für Moskau-treue Kommunisten in Belgien und Frankreich. Nur ein paar Tage später wurden sie Feinde im eigenen Land. Dann war der Krieg da und Danzig, schon seit Juni 1933 nationalsozialistisch regiert, kein „Vorposten“ mehr.

Wir haben jetzt eine Feldpostnummer, die der 4. Kompanie des Baubataillons bei der 5. Armee zur „Grenzsicherung am Rhein“. Am 24. August, einem Donnerstag, ist uns Schreibverbot erteilt worden. Erst am 5. September 1939 kann ich wieder berichten „ … wenn der "Krieg", so weiter geht, bin ich zufrieden. Für uns ging alles ziemlich plötzlich. Ich hatte von Donnerstag auf Freitag Wache. Freitag morgen kam dann der Befehl, dass wir Samstag schon nach Aachen kämen, Wir packten dann noch bis ungefähr 11 Uhr nachts unsere Tornister und als ich eben in der Klappe lag, wurde ich z. … gerufen. Da war eben für den Arbeitsdienst Großalarm befohlen worden und ich sollte als Meldeführer eingesetzt werden“. Das Lager wurde vollständig geräumt und auf unseren Sonderzug verladen. In einem Dorf bezogen wir dann für 5 Tage Quartier, wurden aber von der Feldküche verpflegt. Ich habe aber meistens in meinem Quartier gegessen für wenig Geld, weil die Feldküche immer nur "Quer durch die Eifel" kochte.“ Wir langweilten uns.Erst als dann Adolf im Reichstag sprach, ging die Stimmung schnell in die Höhe. Am letzten Sonntag sind wir dann 25 km weiter marschiert und gestern weitere 40 km (dabei haben viele schlapp gemacht, E aber nicht!) und liegen nun scheinbar in unserem endgültigen Standort und ruhen uns aus. Die Verpflegung ist jetzt gut. Gestern Abend 1 ganzes Schwein im Essen. Wo ich liege darf ich Euch begreiflicherweise nicht schreiben. Ich hoffe jetzt nur, dass sich alle Verwicklungen bald lösen und wir mit nicht allzu viel Verspätung nach Hause kommen können.Der Angriff auf Polen sollte am Samstag den 26 beginnen, war am 25. Abends abgesagt worden. Allerdings hatte der Funkspruch einen Vortrupp im tschechisch-polnischen Bergland nicht erreicht, er überschritt die Grenze, völkerrechtswidrig zum Teil in polnischen Uniformen, wurde abgewehrt und die Heeresleitung hatte sich noch am 26 bei den Polen entschuldigt. Einen Vorfall den Hitler unterschlug, als er in seiner Rede am 1. September den Polen alle Schuld gab, den Krieg als notwendig hinstellte, zur nie kapitulierenden Gemeinschaft aufrief und mit der Parole Sieg oder Untergang pathetisch sein persönliches Schicksal verband. Aus unserem Nachhausekommen sollte nichts werden. Ich frage nach Pe und Pa, den Männern meiner Schwestern: „Ist Pe noch nicht eingezogen? Und läuft der Ple noch frei herum? In unserer Kompanie sind nämlich auch viele in Ples Alter.“ In der Tat war Pe, jungverheiratet schon mobilisiert. Der 38 jährige Ple blieb bis Mai 1943 verschont.

Ich bitte sobald wie möglich um ein großes Paket mit viel Kuchen und Schokolade. „Ich habe nämlich einen wahnsinnigen Hunger nach so etwas, denn überall wo wir gewesen sind, war nichts mehr dergleichen zu bekommen … Geld brauche ich hier keins, denn wir bekommen pro Tag 1 M und 12 Zigaretten. Mehr kann man ja nicht verlangen.“ Solange wie wir hier in der Hocheifel am Westwall bauen, schreibe ich fast täglich. So am 8. September schon wieder:“

Ihr Lieben! Aus Langeweile schreibe ich Euch schon wieder und kosten tut es ja auch nichts. Das bißchen Dienst, was wir hier machen, ist kaum der Rede wert. Im Übrigen bekommen wir ganz großartiges Essen, das Wetter ist wundervoll und ab und zu gehen wir baden und freuen uns dieses ruhigen Krieges. Mir fehlt etwas zum lesen und vielen fehlt das Bier… Postsendungen an mich braucht ihr natürlich nicht frei zu machen. Nur anstelle der Briefmarken "Feldpost" hinschreiben, / Gerade haben wir mal wieder "gefrühstückt". Ich habe heute morgen fast eine ganze Kilodose Tilsiter Käse verdrückt, weil einige keinen essen wollten. Ich erkundige mich nach „den Aachenern“, die doch sich evakuiert und in B. gelandet seien. Ich bestelle auch oft Grüße an vier Familien der Nachbarschaft in B.

Gleich am nächsten Tag schreibe ich an Onkel Ru: „ Eben haben wir alle vor den Fenstern eines Bauernhauses die Rede Hermann Görings gehört und sind alle begeistert, wie er es den Engländern gegeben hat. Ob die wohl jetzt noch Lust haben, weiter Krieg zu spielen? Ich glaube nicht.“ Göring hatte am 9. September vor Arbeitern der Borsig-Rheinmetallwerke in Berlin-Tegel gesprochen und wurde entsprechend bejubelt, wenn er sagte „ Wir werden nicht zulassen, dass auch nur eine einzige Bombe auf das Ruhrgebiet fällt.“ Zum britischen Abwurf von Flugblättern hatte er gemeint „Wehe aber wenn sie den Propagandazettel mit einer Bombe verwechseln sollten, dann wird die Vergeltung keinen Augenblick auf sich warten lassen. - „Wir hoffen aber alle in 3 Wochen wieder zu Hause zu sein. Also hoffen wir das Beste. Gruß und Heil Hitler E.“

Ein paar Tage später beklage ich mich, dass es mit der Feldpost noch nicht so ganz zu klappen scheint. Alle anderen läsen ihre Briefe und packten ihre Päckchen aus. „Aber was nicht ist , kann ja noch werden! - Wir müssen jetzt jeden Tag ziemlich schwer arbeiten, aber die Arbeit macht wenigstens mehr Freude als in Remagen. Heute war seit Sonntag wieder der erste schöne Tag. Sonst haben wir immer im Regen gearbeitet und kamen abends klatschnass ins Quartier, die Stiefel bis obenhin voll Schlamm, sodass wir morgens eine halbe Stunde Arbeit hatten, bis wir sie an den Füßen hatten. Gesundheitlich geht es mir sehr gut. Nur abends bekommen wir alle Heimatstimmung: Ach, noch einmal ne Pfanne Bratkartoffel,n sagt einer, nein, ich zieh ein Schnitzel vor, ein anderer: noch einmal in der Badewanne sitzen und den ganzen ?-dreck abwaschen! - und so geht das dann immer weiter und endet dann schließlich bei Thema 1 :Mein Mädel. Ja und immer wird gepennt und zwar so fest, dass wir morgens regelmäßig das Wecken verschlafen, die Zähne nicht noch putzen können und ohne Kaffee auf die Baustelle ziehen müssen. Da dreht sich dann meist das Gespräch um unsere Entlassung. Wenn irgendein hohes Tier kommt, wird jedes seiner Worte auf etwaige Hindeutung auf Entlassung abgewogen und dann gehen die berühmten Latrinenparolen los. Heute hieß es z. B. nach dem Besuch eines Oberfeldmeisters, am 29. werden wir entlassen und zu unserem Truppenteil eingezogen.“

Ich erkundige mich nach jedem einzelnen im Haus in B., auch nach den Kindern, frage ob es Nachrichten von den Elf-Brüdern gibt, ob die Oma im Nachbarhaus noch lebt, was den Aachenern geschehen ist, ob der Ok jetzt auf der Flugwache hockt, ob der Babo noch kein Pöstchen bekommen hat und „Gibt es viele Äpfel?“. Ja der Ok hockt schon auf der Fluwa auf dem westlichen Berg über B und ja, der Babo ist jetzt Luftschutzblockwart. „Doch nun zum Geschäftlichen:Liebesgaben sind sehr erwünscht, aber leider nur Päckchen bis 250 g erlaubt ... Also wie gesagt, schickt Zigaretten in rauen Mengen, möglichst meine Marke (Loyd privat und Overstolz) in möglichst großen Packungen. Schickt ruhig mal 100 Stück her. Wenn Mutter sagt sie gäbe keinen Pfennig für Zigaretten aus, dann soll sie die Schoko kaufen. Das Geld für die Zigaretten bekommt Ihr von mir wieder, denn Geld hab ich genug, weil man hier auch rein gar nichts kaufen kann und die Zigaretten vom Bataillon kommen ziemlich spärlich und sie sind noch das einzige bisschen Gemütlichkeit, was man hier hat … „So, nun will ich mir meine Stiefel und Jacke ausziehen und unter Decke und Mantel ins Stroh kriechen. Meine Kameraden sind schon feste am koksen. Also gute Nacht Euer E. Hoffentlich brauch ich nicht lange auf Post zu warten.“

Der erste Kriegsmonat war für mich ereignis- und erlebnisreich, aber auch von Heimweh geprägt. Am 18 September schreibe ich „Ich bin ja nur sehr gespannt, ob der Babo wieder pauken wird. Dass die Aachener bei Euch sind, hatte ich mir ja schon halb gedacht, aber ich glaube, dass sie bald wieder abhauen können. Noch in diesem Monat werden wir aus dem ehemaligen N.S. Spatenbund entlassen werden und erhalten eine militärische Kurzausbildung, wahrscheinlich 8 oder 12 Wochen … Dann möchte ich doch mal gerne wissen, ob die Musch noch Kaninchen im Glas hat, sonst komm ich schon gar nicht erst nach Hause. - Zu verflixt, nun hatte ich mir auf der Briefstelle soviel überlegt, was ich alles schreiben wollte und nun bin ich so müde, das alles wie weggeblasen ist. Also mach ich Schluss. Herzl. Grüße und vielen Dank für Eure Briefe Euer E. - Nein, im Krieg erst recht wird man die Erziehung des soldatischen Nachwuchses nicht einem ungedienten, politisch unzuverlässigen „Pauker“ anvertrauen.

Und zwei Tage später: „Liebe Musch! Heute Morgen bekam ich Dein Päckchen und hatte die Schokolade innerhalb 2 Minuten verputzt: Der Babo wird sicher sagen: "Hano, des hätt der Buab sich doch a bissel verdeile könne", aber ich hab sie auf einen Schlag gefressen … So langsam fängt ... hier in der Hocheifel die Kälte und damit auch die Erkältung an bes. wo wir meist in undichten Scheunen liegen. Aber bald geht es ja zu Preußens. Herzl. Grüße und feste lieb packt Dich Dein Peterle. - An Dein Lied denke ich jeden Morgen um 9 Uhr. Abends bin ich meist schon zu müd und höre es dann im Traum.“ Meiner Mutter Lied: Zu ihrer Mezzo-Sopran-Stimme begleitete sie sich mit einfachen Griffen auf einer Laute, die ein jugendbewegter Musikerfreund und Komponist als Soldat durch den Weltkrieg gebracht und ihr geschenkt hatte. „Ihr Lied“: „Maria sitzt am Rosenhag und wiegt ihr Jesuskind / Durch die Blätter leise weht der warme Sommerwind“. Musik Max Reger op. 76, Nr. 52; Text Martin Boelitz (1874-1918), Bankkaufmann, Verleger, Buchhändler, Dichter aus Wesel, der 1904 in Nürnberg „Schöne alte Kinderlieder“ herausgegeben hatte.)

Ich schreibe dem Babo, dass ich sein Zigarettenpäckchen zu meiner größten Freude zusammen mit seinem Brief erhalten hätte. Dass Onkel Ru mir eine Segelfliegerzeitschrift geschickt habe, die ich während der Arbeit studiert hätte: “ Da habe ich nämlich Zeit dazu, weil wir uns wegen des schweren Bodens immer in der Arbeit ablösen. Heute morgen hat es zum ersten Mal gefroren. In der Nacht ist es immer lausig kalt und meistens ist dann so warm, dass man bald baden gehen möchte. Das "schönste Gefühl" ist es, wenn man morgens aus dem Stroh steigt und sich am Bach wäscht. Im Winter würde das sicher nur einmal in der Woche der Fall sein. Übrigens habe ich jetzt auf einmal 2 Illustrierte geschickt bekommen. ... So etwas ist hier natürlich sehr gesucht. (Fortsetzung am 27 auf der Baustelle) Wir warten hier jetzt jeden Tag auf den Befehl zur Entlassung. Wir werden aber sofort , ohne Urlaub, in die Kaserne kommen, ob zu unserem Truppenteil, ist auch noch die Frage.“ Ich schreibe dem Vater auch, dass ich mich wegen einer Ingenieuroffizierslaufbahn beim Kreiswehramt erkundigen wolle, ob meine Meldung noch Zweck habe. „ Übrigens sind bei uns auch, wie Ge Elf, die zur Marine eingezogenen schon weg“.

Am 5. Oktober bitte ich den Babo, einem Kameraden der zur Kriegstrauung in der Nähe von B. ist, meinen Fotoapparat und Filme Agfa Isopan 21/10 DIN 24x36mm Taglichtspule mitzugeben. DIe Hoffnung auf Entlassung haben wir jetzt aufgegeben und uns schon mit "Westwallweihnachten" abgefunden. Löles hat mir eine kleine Zeichnung geschickt, von einem mir vertrauten idyllischen Wiesental geschickt. Ich habe mich besonders gefreut, schreibe ich, nicht nur sehr gefreut, was eine der häufigsten Wendungen in meinen Briefen. Das Essen spielt bei mir immer eine sehr große Rolle: „ In der letzten Woche habe ich für die hiesigen Verhältnisse ein paar Mal recht gut gelebt. Einmal habe ich Spiegeleier mit Salat usw. dann Rouladen und gestern abend mit noch 18 Mann ein Spanferkel gegessen. Ich kann Euch sagen, wir haben gefr ... : ungut, jedenfalls habe ich jetzt noch Bauchschmerzen von dem ungewohnten Essen. Natürlich (kostet) so etwas eine Stange Geld,“ An diesem 5. Oktober nimmt Hitler in Warschau die Siegesparade ab, 10 000 Deutsche Soldaten wurden getötet und 66000 polnische. Am Abend zurück in Berlin spricht der Diktator vom „besten deutschen Soldatentum“ und am darauffolgenden Tag macht er in einer Reichstagsrede ein heuchlerisches Friedensangebot auf der Basis des status quo. Göring dankt mit einem „Führer befiehl, wir folgen“. Und ich diene mehr oder weniger unbekümmert in meiner Baukompanie an der Westfront. Im Radio, nach den Tagesmeldungen tönt neuerdings das Löns-Lied von 1914, der Refrain „ Denn wir fahren gegen Engelland...“ In der allernächsten Zeit werden 60 000-80 000 potentiell unbequeme Polen umgebracht und noch im Oktober wird angeordnet in allen ländlichen Gebieten die Juden zu vertreiben. Im „Reich“ wird, eugenisch und kriegswirtschaftlich begründet, die geheime Massentötung von Kranken und Behinderten organisiert.

Mit meiner Resignation hinsichtlich „Westwallweihnachten“ habe ich mich getäuscht. Am 10. Oktober kann ich mitteilen: Wir werden Sonntag entlassen. Wahrscheinlich kommen wir nach Koblenz zur Aushebung und von da aus sofort zur Kaserne. Vielleicht bekommen wir von unserem Standort aus einmal Urlaub. Und am 16., einem Montag, schicke ich eine Ansichtspostkarte: Wir sind gestern abend um 9 Uhr von der Grenze weggefahren und um ½ 6 Uhr in Koblenz angekommen. Hier ist eine große Massenabfertigung. Was nun aus mir wird, ob ich zu meinem Truppenteil komme, weiß ich noch nicht. Die „Ansicht“ zeigt eine junge Frau wartend unter einer Standuhr und im Hintergrund einn Soldaten der mit anderen, aus einem Zugfenster winkt. Legende: „Ich habe Dich versetzt, denn ich bin versetzt.“ Ich konnte unerwartet in Koblenz einen kurzen Besuch zu Hause einlegen und am 21. kann ich dann berichten: Ich bin gestern gut in Layenhof angekommen, und zwar bin ich mit der Straßenbahn von M(ainz) nach hierher gefahren. In Layenhof sind wir aber nicht lange geblieben, sondern nach Idstein i. Taunus verfrachtet worden. Es war eine saumäßig kalte Nachtfahrt auf offenen Lastwagen und unterwegs fing es zum Überfluss noch an zu schneien.“ In Layenhof waren Arbeitsdienstler dabei, Gelände für ein Flugfeld trocken zu legen. In der mittelalterlichen Stadt Idstein gab es früh schon ein Arbeitsdienstlager im alten Schloss.

Bevor wir noch keine Stiefel haben, machen wir noch keinen Dienst, sondern spielen von morgens bis abends Skat. Von mir aus kann es die übrigen 3 Wochen so weiter gehen. Länger werden wir wohl nicht hierbleiben, trotz des guten Essens verfresse ich mein ganzes Geld in der Kantine. Aber dem Babo werde ich seine 10 M doch so bald wie möglich schicken. Von Mutters Kuchen habe ich heute den letzten Rest verputzt. Schickt mir in dem Paket doch bitte eine Portion Äpfel mit. Wir liegen hier in der Stube mit 27 Mann. Ich bin Stubenältester.“Dies unter dem 25. Oktober und am 31. schreibe ich:Wenn ihr mal was übrig habt, dann schickt mir doch bitte mal etwas Wurst oder Margarine. Die Postsendung ist ja sehr schnell. Aber nur, wenn ihr selbst auch genug habt.“

Am 8 November erfahren meine Lieben wissen, dass wir für die Post arbeiten, - was bedeute, dass wir 50 ch Verpflegungszuschuss bekommen - und dass ich die Wurst zum zweiten Frühstück auf der Baustelle brauche, weil es Morgens nur trockenes Brot und etwas Marmelade gäbe. - An diesem 8.11. hatte Georg Elser (1903-1945) versucht, Hitler wegen seiner Kriegspläne im Münchener Bürgerbräukeller zu töten. Der Schreiner Elser hatte das Attentat sorgfältigst vorbereitet. Seine Bombe explodierte wie programmiert, aber Hitler hatte unerwartet 13 Minuten früher die Rednertribüne verlassen. Die Bombe tötete 8 Menschen, 7 Parteimitglieder und eine Kellnerin. Elser wurde auf der Flucht in die Schweiz in Konstanz festgenommen, gefoltert, in den Kz‘s Sachsenhausen und Dachau in Einzelhaft genommen und am 9 April 1945 auf Anweisung aus Berlin ermordet. Erst nachdem die Verhörprotokolle in den 60er Jahren gefunden wurden, fand Elser und seine Attentat einen Platz in der Geschichte des Widerstands. Ich schreibe der Musch am folgenden Tag: „Heute mittag, als das Auto mit dem Essen kam, erfuhren wir von dem Attentat auf den Führer. Wir wollten es alle nicht glauben und liefen extra 2 km zum nächsten Dorf, um die Nachrichten zu hören. Als wir dann das Gerücht wirklich bestätigt fanden, waren wir zuerst vollständig niedergeschmettert, allein von dem Gedanken, welche unübersehbaren Folgen ein Gelingen dieses Attentats im Augenblick gehabt hätte. Aber ich glaube die Wirkung, die dieses Attentat haben sollte, ist nun gerade ins Gegenteil umgeschlagen, denn jeder sagte sofort: das ist kein Schicksal oder Zufall sondern Gottes Fügung. Bes. die Bewohner der Dörfer waren in heller Entrüstung und Wut gegen die Täter und in doppelter Begeisterung für den Führer. / In solch einem Augenblick wird einem tatsächlich mal klar, welche moralische und dann auch militärische Niederlage es bedeutet hätte, wenn Hitler auf einmal nicht mehr da wäre. Aber gottseidank ist es ja anders gekommen. So dann möchte ich Dich noch bitten, mir möglichst bald noch ein Stück Toilettenseife zu schicken. Herzl. Gruß Dein E.Am 13. November ist u. a. Wieder das Essen Thema über das ich mich beklagt hatte, es sei nicht ganz schlecht, aber zu wenig: Morgen nachmittag sind also Mama S und Lo bei Dir zum Kaffee l. Musch. Dann regt Euch aber bloß nicht zuviel auf über unser gutes Essen. Zum Sterben ist es ja immer noch zu viel und solange geht es ja. Schreibt mir dann aber bloß nicht so "gehässig" wie Onkel Ru von Apfelkuchen mit Schlagsahne. - Löhnung haben wir noch keine bekommen. Wir sind nämlich jetzt eine selbständige Kompanie geworden, und da muss der Verwaltungskram erst umgekrempelt werden.

Am 18.11. „bin ich mal wieder Wachhabender und es geht andauernd etwas kaputt. Ich musste außerdem den Ufz.vom Dienst übernehmen und habe daher wenig Zeit. Eben wurden wir alarmiert zur Räumung der Reichsautobahn, die durch einen tollen Sturm, der den ganzen Tag schon wütet, vollständig gesperrt ist. ich habe mindestens 20 Wirtschaften angerufen um unsere Autofahrer und Männer herbeizukriegen, denn heute abend ist ja Ausgang. Nun sind sie glücklich abgefahren … Pa hat mir den "Wanderer" nicht an die Westfront geschickt, sondern ich glaube etwas anderes von Flex … Ahoi! E. - Die „etwas andere“ Lektüre war ein 1926 erschienenes Novellenbändchen. Geschrieben zwischen 1907 und 1914, Erzählungen von Menschen in psychischen Krisen. Texte die ebenso wie der „Wanderer zwischen zwei Welten“ unverkennbar vom vaterländischen Ideal des Autors zeugen.

Am 21. November zeichnet sich ein Ende der Bautätigkeit ab: Ich hätte mich über einen Besuch von Babo natürlich sehr gefreut. Die Sachlage hat sich aber mittlerweile wieder geändert. Wir kommen nämlich Ende dieser oder sonst in der nächsten Woche wieder von hier weg, da unsere Arbeit hier zu Ende ist. Vielleicht kommen wir auf die Lippe (b. Burbach) das wäre ja grimm, weil ich dann leicht nach Hause kommen kann. Vielleicht kommen wir auch nach Bad Nauheim od. Limburg. Also vorläufig ist alles noch unbestimmt. Anbei ein paar nicht bes. gelungene Bilder von der "Strecke". Nachdem am 2. Dezember, einem Samstag bekannt wurde, dass „alle Luftnachrichtenfreiwilligen nach Wiesbaden kommen“ kann ich am 3. Dezember mitteilen: Nun bin ich also endlich richtig bei den Soldaten und zwar bei einer Bordfunkerkompanie. Ob ich allerdings wirklich als Bordfunker Verwendung finde, entscheidet sich erst nach 3 Monaten. So lange dauert nämlich die Ausbildung bis zur Frontverwendung. Wir sollen im März die alten Soldaten an der Front ablösen. - Wir liegen hier in einem großen, aber wunderbaren Barackenlager. Von Innen merkt man allerdings nicht viel von den Baracken. - Natürlich pfeift hier jetzt ein anderer Wind wie bei den österreichischen Führern in Idstein. - Die Unteroffiziere haben ein „prima Kino“ eingerichtet, ich sehe gleich am ersten Abend den Kurt Hoffmann - Streifen „Paradies der Junggesellen“ mit Heinz Rühmann und dem Song „das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ den ich mir gleich aneigne und mit meiner „Quetschkomode“ einstudiere „Keine Angst, keine Angst, Heidemarie...“ Mein Repertoire für mein derzeitiges Publikum enthielt unter anderem den Kölner Karnevalsschlager „Heidewitzka Herr Kapitän, mem Müllemer Böötche fahre mer su jän …“ - Eine Woche später ist das Programm der Fliegerfilm "D III 88" den ich Euch auch sehr empfehlen kann, wenn Ihr mal etwas Einblick in das Fliegerleben gewinnen wollt. - Eben haben wir unsere Uniformen gefasst, alles fast neue Klamotten. - Ich schlafe übrigens im 3. Stock und muss daher immer waghalsige Kletterpartien und Verrenkungen machen, besonders beim Bettmachen.“ - Tatsächlich glorifiziert der Fliegerfilm des wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ 1933 entlassenen Theatermannes und aktuellen Propagandafilmers Kurt Maisch die Flieger des Weltkrieges und kolportiert die „Dolchstoßlegende“ vom unbesiegten Heer, dem die Revolution 1918 den Boden entzogen hätte. Erst einmal finde ich jedoch in jenem „Fliegerleben“ mein jugendliches Idol. Meine Adresse: Funker E. 18 FLn.- Ers. Abt. III/12 Wiesbaden - Dotzheim 8. K.

In Wiesbaden residierte seit April 1938 das früher Gießener Kommando des Luftgaues 12 (Wehrkreis 12: Rheinprovinz, Hessen-Nassau, ab 1941 Wehrkreis 13: Franken, Ost-Bayern) dem u.a. die Einsatzhäfen Biblis und Lippe und die Flugleithorste Gießen, Wiesbaden, Mannheim-Sandhofen unterstellt waren. Im Lager Wiesbaden-Dotzheim war die „Fronttruppe“ des Luftgau – Nachrichten - Regiments 12 der Luftflotte III stationiert und in der 18. Ersatzabteilung meine Einheit, die 8. Kompanie.

Nach der zweifelhaften „Durststrecke“ der letzten Monate bin ich jetzt einigermaßen überzeugt, „auf dem rechten Weg“ zu sein. Am häuslich-traditionellen Nikolaustag, dem 6. Dezember, schreibe ich in bordfunkermäßigem Telegrammstil : 1. Mir gefällt es hier ganz ausgezeichnet / 2. Ich bekomme keinen Weihnachtsurlaub / 3. Ich brauche Einwilligungserklärung, dass Vater mit meiner Wahl der Ing. Offizierslaufbahn einverstanden ist. / Essen immer ausgezeichnet. / 5. Dienst sehr interessant u. abwechslungsreich. /6. Hoffe ich morgen Post von Euch zu erhalten. / 7. Langer und anstrengender DIenst, aber wie gesagt sehr schön. / 8. Muss ich gleich noch den Stoff des letzten Unterrichts ausarbeiten. / 9. Schickt mir bitte Briefpapier / 10. Rauchen ist hier sehr eingeschränkt (das wird Euch ja freuen) /11. W's und auch Hilles auch schon geschrieben/ 12. Gruß E.

Zum ersten Mal werde ich Weihnachten nicht zu Hause sein: Ihr müsst dann eben in diesem Jahr mal ohne mich feiern.“ Ich habe zwei Wünsche, ein paar Lederhandschuhe zur Uniform und eine Geldbörse, die ich mir aber selbst in Wiesbaden kaufen will. Ich schreibe am 9. Dezember: Wir haben unsere Stube auch recht nett weihnachtlich eingerichtet. Ein schöner großer Adventskranz hängt um die Lampe mit roten Bändern und dicken roten Kerzen. Ich habe mit meinem Kaporalschaftsführer die Tannenäste geholt. Lieber hätte ich sie ja nach alter Tradition mit dem Babo im Wald geholt. Habt Ihr eigentlich wieder großen Adventsrummel gehabt mit anschließend Äpfel im Schlafrock? Ich habe am vorigen Samstag abend sehr an Euch gedacht. / Die Sache mit meiner Ingenieursausbildung scheint zu klappen, ich habe mich bereits für 4 1/2 Jahre verpflichtet.

Am 12 Dezember will ich wegen der knappen Zeit nur kurz auf Vaters Brief antworten: Über einen Neujahrsbesuch würde ich mich natürlich sehr freuen und werde auch Ausgang haben. Auf das Münchener Schreiben warte ich natürlich. Bin aber sowieso für 41/2 Jahre verpflichtet, sozusagen als praktische Vorbildung. Die Bewerbung geht von hier aus. Mein arischer Nachweis ist ziemlich abgenutzt und liegt wahrscheinlich bei meinen Büchern in einem Schnellhefter oder in der Nachttischschublade. Bitte erneuern lassen. Aufgefordert worden sind wir nicht. Je früher ich mich melde, umso schneller geht Ausbildung und Beförderung wegen des Krieges. Mit d. Papieren bitte noch 6 Passbilder von meinem Wehrpassbild beim Photographen. 18 ist Kompanie, 8 ist Korporalschaft (bitte nie vergessen) Über die 5 M und die Aussicht auf weitere habe ich mich sehr gefreut. Beim ersten Ausgang werde ich einkaufen gehen“. Und zu meiner Mutter‘ Zeilen: Bitte möglichst dicke Socken. Über die kleinen Erinnerungen aus der Kinderzeit zu Weihnachten habe ich mich sehr gefreut und kann mir den K und die B gut vorstellen, dass sie es genau so machen wie ich damals. Ja das war noch schön und friedlich. - War gestern Abend mit meinem Führer und einigen Kameraden in unserem "bunten Abend" von K.d.F. Großer Mist! - Die „Gemeinschaft Kraft durch Freude“, diese „Freizeit-Organisation“ der Zwangsgewerkschaft „Deutsche Arbeitsfront“ nach dem Vorbild der faschistischen Dopolavoro war in Arbeiterkreisen mit Reise- , Sport- und Unterhaltungsangeboten bis zum Krieg sehr wirksam. Gegen Robert Ley, dem DAF-Organisator aber auch gegeneinander beanspruchten Goebbels und Rosenberg mit unterschiedlichen Konzepten die erfolgreiche Massenorganisation für ihre Machtbereiche. Wenn es anfänglich Ansätze zu einem kulturellen Bildungsprogramm im Arbeitsdienst gab, bald schon hatte die KdF das Programm übernommen und veranstaltete stattdessen „Bunte Abende“. Mit meinem Urteil war ich nicht allein. Unsere Weihnachtsfeier scheint ganz nett zu werden aber sie kann das zu Hause doch bei weitem nicht ersetzen. Ich habe auch einen Adventskalender und zwar meine Essmarken. Jeden Tag reiße ich eine Marke ab.

„Wir müssen feste pauken, beinahe wie in der Schule. Hier kommt es viel mehr aufs "Köpfchen" an als auf das Militärwissen und es ist nicht einfach in der kurzen Zeit alles zu beköppen? Leider kann ich Euch über meine ganze Tätigkeit nichts schreiben, es war ja auch für Euch sehr interessant, aber Ihr wisst ja, wie es damit ist. / Also feiert recht froh u. vergnügt Euer Weihnachtsfest mit dem Onkel Ru , Löles und Pa, und K und B. Der K soll mir auch schreiben, was er zu Weihnachten bekommen hat. Ihr denkt an mich und ich an Euch Herzl. Weihnachtsgrüße an das ganze Haus Euer Funker. Das schreibe ich am 21. Dezember. Am 26 kann ich dann erzählen, was zu Weihnachten bei mir angekommen, von zu Hause und überall aus dem Verwandten und Freundeskreis. Natürlich war vieles „auf einen hungrigen Soldatenmagen abgestimmt“. Das Schönste war aber doch ein kleines „Heimatalbum“. Bei unserer Kompanie-Weihnachtsfeier, war uns nur beim ersten Lied „Stille Nacht“ Wehmut hochgekommen „und wir wären gern mit einem Satz nach Hause gesprungen. Aber das ging auch vorbei“. Wir hatten Ausgang und ich geriet in ein Lokal, wo das Kännchen Kaffee (1 ½ Tassen) 1 M 35 kostet ich habe mir schnell ein anderes Lokal gesucht. Ich freue mich sehr auf Babos Besuch und erkläre wie er am besten nach Dotzheim kommt. Am Neujahrstag schreibe ich dann: „Das Neue Jahr habe ich im Bett begonnen, allerdings nicht schlafend. Unser großangelegter Plan einer Sylvesterfeier ist nicht durchgeführt worden aus bestimmten Gründen. Es war nur ein allgemeines Besäufnis an dem ich wenig Interesse hatte.

Am 21. Januar 1940, meinem 19.Geburtstag, schreibe ich:Draußen ist es schon seit 2 Tagen ununterbrochen am schneien. Gestern war ein richtiger Sturm. Wir waren auf dem Schießstand und weil wir ja ganz im Freien schießen, war es verflucht kalt. Allmählich haben wir uns aber jetzt an die Kälte gewöhnt. Wenn man muss, geht eben alles. Der Schnee ist schon ordentlich dick. WIe schön wäre es, wenn ich jetzt zu Hause Schilaufen könnte. Bei uns auf dem Stegskopf muss doch sicher hoher Schnee liegen und unser Fliegerlager ist sicher dick eingeschneit. Das waren doch noch schöne Zeiten, als ich Samstags mit meiner Karre auf den Stegskopf zog, auch wenn Du Musch es lieber gesehen hättest, wenn ich mal zu Hause geblieben wäre, mich aber trotzdem immer gut mit Fresserei versehen losließt“. Am 24 Januar komme ich mit einer fiebrigen Erkältung ins Revier, bin aber am 28. Januar wieder auf den Beinen. Nicht nur die Familie versorgt mich mit Nahrhaftem und mit Leckereien, auch ein Wiesbadener Freund von Babo bringt mir „einen Haufen Äpfel und ein Glas Pfirsiche“. Am 4. Februar schreibe ich, dass ich mich einer Fliegertauglichkeitsprüfung in Giessen unterziehen muss und am 26. dass die erste Ausbildungsphase abgeschlossen sei: Heute sind wir feste am packen. Jetzt muss ich also schon wieder einmal umziehen, wie schon so oft und mich auch von meinen Kameraden trennen, mit denen ich 3 Monate lang die Freuden und Leiden der Aspiranturzeit geteilt habe. Es fällt nicht immer leicht, besonders wenn man wirklich nette Kameraden gehabt hat. Na, ich hoffe aber, dass ich noch mit einigen zusammenbleibe.“

Am 1. März kann ich berichten: Nun bin ich also hier in Mannheim. Am Mittwochmorgen sind wir zu 50 Mann nach hier versetzt worden. 50 sind nach Fritzlar u. Kassel gekommen und 50 auf den Hunsrück nach Kastellaun. Ich hatte sogar die Ehre, den Transport hierher nach Mannheim zu bringen und hatte daher vorher keine Zeit mehr, nach Hause zu schreiben. Wir sind hier aber nur vorübergehend und können vielleicht schon heute Nacht wieder wegkommen. Wohin, weiß noch keiner ... Das Essen ist hier sehr gut. Wir bekommen auch wieder Zigaretten und 50g Butter am Tag. Damit kann man schon etwas anfangen. Heut haben wir unseren Zimmerboden gespänt. Hier ist nämlich Parkett in den Stuben. Schon wieder mal etwas gelernt. Überhaupt sind die Kasernen sehr schön und die Zimmer groß und luftig mit Zentralheizung.“ Zwei Tage später habe ich „mal wieder für einige Zeit das Umziehen aufgesteckt und habe wieder festen Fuß gefasst“ Der neue Standort ist Biblis, aber das durfte ich nicht schreiben: „Den Umständen entsprechend gefällt es mir hier wieder ganz gut und ich fühle mich schon wieder ganz wohl in meiner neuen Umgebung. Nur ist man hier wieder ganz von der Zivilisation abgeschnitten und auf die Kantine angewiesen. Der nächste Bahnhof ist 1 Stunde entfernt, von da ist es ungefähr ¾ Stunde Bahnfahrt nach Ludwigshafen. Der Dienst ist sehr einfach. Heute Morgen haben wir auf dem Flugplatz Fußball gespielt, das Wetter ist ja wunderbar, nur nachts ist es noch sehr kalt. Tischtennis haben wir auch hier und als Meister kann ich jetzt Billard spielen. Heute Nachmittag mache ich einen Spaziergang um den Flugplatz mit einem älteren Kameraden, an den ich mich schon etwas näher angeschlossen habe.“

Hilles, meine ältere Schwester in Babelsberg hat mir zu Ostern (24. März 1940) Lektüre geschickt. Ich hatte ihre längst antworten wollen, als wir am 9. April erfahren, dass die Marine Dänemark und Norwegen angegriffen hat. Dänemark hat gleich aufgegeben und in Norwegen wurden die wichtigen Häfen überraschend schnell besetzt so dass die Briten, als sie am 14. eingreifen, wenig ausrichten. Am 17. April schreibe ich endlich nach Babelsberg : „Ich danke Dir noch recht schön bes. für das Büchlein. Ja , ich habe mir auch so meine Gedanken darüber gemacht. Die beiden hatten doch nun ein sehr schönes Familienleben und liebten sich doch auch recht innig. Aber ich denke, den Mann hat eben noch mal eine zu große Jugendlichkeit überfallen und da er bei den anderen Herren einen Widerhall fand, ist diese eben zum Ausbruch gekommen. Ich glaube, so ein jugendliches Grünenüberkommt die meisten Männer auf der Höhe ihres Lebens, wenn es heißt von der Jugend zum Alter überzugehen. Ja, und die Frau, mit ihrem großen verstehendem Herzen steht ganz gewiss weit über dem Durchschnitt. Sie hat eben alles mit dem gütigen Verständnis einer Mutter aufgenommen und in sich verarbeitet. Sie weiß ganz genau, dass ihr Mann sie sehr lieb hat und sie niemals würde entbehren können. So erkennt auch der Mann, nachdem er seinen jugendlichen Ausbruch überwunden hat, was ihm seine Frau eigentlich bedeutet, er weiß es sicher noch stärker als vorher. Und so finde ich es bei solchen Menschen mit den gleichen Gefühlen und der gleichen Reife ganz natürlich, dass sie sich wieder zusammenfinden. / So, nun hast Du mal meine nichtssagende Meinung gehört. - Schnitzlers „Traumnovelle“ von 1926 gelesen mit meinen 19 Jahren noch mit familiärer Triebverzichtsprägung und einer unemanzipierten Mutter-Frauenrolle im Kopf. - Hier ist noch alles beim alten. Am Samstag bekomme ich wahrscheinlich eine Woche Urlaub, um dem Babo im Garten zu helfen. Prima, was? Wir haben in der letzten Zeit viel gearbeitet und nun haben wir einen schönen Garten mit Büschen und einer Laube angelegt. Ebenso die anderen Einheiten. Nachher gibt es den Preis für den schönsten Garten. In der Ausgestaltung der Unterkünfte haben wir auch einen Wettbewerb gemacht und als beste abgeschnitten. / So, nun herzl. Grüße an Dich und Pe Dein E. Ich hatte um den Urlaub ersucht und er war mir in Aussicht gestellt worden, wenn der Vater mich förmlich anfordern würde. Aber schon am nächsten Tag muss ich dem Babo absagen: Vorgestern kam Dein Gesuch hier an, aber leider ist die ganze Sache schon wieder Essig, weil vor einigen Tagen 22 Mann aus unserer Truppe rausgezogen worden sind und der Rest nun natürlich nicht zu entbehren ist. Es tut mir schrecklich leid, denn ich hätte doch so gern nochmal mit Dir im Garten „geschäffelt“, also da ist nun nichts zu machen“. Ich schreibe auf kleinem grauen Falt-Feldpostbrief – Brief und Umschlag in einem -, mit bräunlichem Bildaufdruck Idyllisch junge Frau an einer Schwengel-Pumpe, ein Leiterwagen, ein Soldat lehnt an einem Baum, schaut zu ihr rüber, sie zu ihm hin. Die gleiche Zeichnung wie auch auf den Feldpostkarten. Die Musch hat mir einen „langen Erzählbrief“ geschrieben. Die angehende Ärztin Ge schrieb mir aus dem Arbeitsdienst in der Pfalz und ich schreibe einen Geburtstagsbrief an Lo, die Nachbarin in B.. Ich schicke Dosenmilch nach Hause und bitte von dort um Schuhwichse, „möglichst große Dose“.

Am 8. Mai 1940 steht das Pfingstwochende an: Mir geht es ganz gut, habe nur augenblicklich viel zu tun. Ich hatte einen sehr schweren Husten und musste sogar manchmal brechen. Ich habe dann auf dem Revier Heissluftbestrahlungen bekommen und es geht mir jetzt wieder besser. Unkraut vergeht nicht. Augenblicklich habe ich wieder Nachtdienst. Ich lese ein Fliegerbuch, dass mir Ok heute geschickt hat. Es ist sehr schön. Im „großen Krieg“ habe ich auch schon ein ganzes Stück gelesen. Ich habe das Buch immer unter meinem Kopfkissen liegen und lese abends im Bett noch drin“. Propaganda-konforme„Fliegerbücher waren, nicht erst seit 1933 in großer Zahl erschienen, so des Welkriegsfliegers, Wasserkuppenseglers und SA-Mannes Fritz Stamer „Jungen werden Flieger“ 1938 oder des Pressesprechers der Lufhansa und Görings Ministerialrat Heinz Orlovius „Flieg, deutscher Adler, flieg“, oder auch die bebilderte Zusammenstellung „Fliegerbuch der deutschen Jugend“ von Otto Winter und H.G. Schulze 1933, mit einem Vorwort des bekannten aber Göring nicht genehmen Weltkriegsfliegers, Transatlantik-Pioniers, Nur-Flügel und Junkers-Testflieger Hermann Köhl. Das Buch erschien neubearbeitet mehrfach bis 1940. Solche Lektüren waren sehr beliebt, ich war da keine Ausnahme. - “Der große Krieg 1914-1918. Kurzgefasste Darstellung auf Grund der amtlichen Quellen des Reichsarchivs“des Stabsoffiziers und Mitarbeiters der Kriegsschuld-Untersuchung im Auftrag der Verfassungsgebenden Versammlung Erich Otto Volkmann (1879-1938), seit 1920 Reichsarchivrat Potsdam. Erschienen 1922. Die Schilderung schließt mit dem Satz: „Viele Sterne der Vergangenheit leuchten dem deutschen Volke in die Zukunft hinüber“. Die militaristische Überzeugung Volkmanns in weiteren Publikationen entsprach den Absichten der Diktatur.

 

„Der Pfingsturlaub ist für alle gesperrt. Gut, dass ich nochmal vorher zu Hause war. Bleibt Ihr alle zu Hause oder tut Ihr auch ein bisschen ausfliegen? An Pfingsten ist doch bestimmt schönes Wetter. Ich werde dann wahrscheinlich auch mal etwas aus dem Bau gehen.“ Schrieb ich noch am 8. Mai Der Grund für die Urlaubssperre wurde am 10. Mai klar: Unsere Wehrmacht greift jetzt auch im Westen an, sie soll möglichst schnell die Häfen der Kanalküste zu besetzen, so dass wir am ganzen europäischen Festland Großbritannien „im Griff“ haben. Aber im Gegensatz zum ersten Plan vom Herbst 1939, der durch ein wetterbedingtes Abdriften des Kurriers und Notlandung jenseits der belgischen Grenze in alliierte Hände gelangt war, wurden die Panzertruppen jetzt über die in den Augen der französischen Militärs unwegsamen Ardennen geschickt, was hinreichend gelang. Nicht zuletzt durch die Unterstützung der 3. Luftflotte, also auch durch uns. Hitler hatte den Erfolg des „Entscheidungskampfes wieder mit seinem persönlichen Geschick verbunden. Dank irriger Vorstellungen von der Stoßrichtung des Gegners bei den Franzosen konnten die Panzer unerwartet schnell geradenwegs westlich vorstoßen. - Der Flughafen Biblis war 1936 im Eiltempo gebaut worden, ein Arbeitsdienstlager bestand ein Jahr zuvor. Wir waren „Einsatzhafen für Junkers Ju 52 und Ju 87, die dreimotorige Standard-Tranportmaschine der Luftwaffe mit geringer Geschwindikeit aber kurzen Start- und Landestrecken und der einmotorige „Sturzkampfflieger“, schändlich „ausprobiert“ im Spanienkrieg und im ersten Kriegsjahr das „Blitzkrieg-“Symbol.

Übrigens schreibe ich ab sofort nicht mehr in der üblichen Sütterlinschrift sondern in der in den Fremdsprachen in der Schule geübten lateinischen. Wir machten den Anfang der Umstellung aller Schulen 1941. Am 14. Mai schreibe ich einen Geburtstagsbrief an die Musch.einen lieben, lieben Gruß und einen recht herzlichen Glückwunsch von Deinem Pitterchen aus der Ferne … beinahe hätte ich es vergessen, Dir zu schreiben, aber wie Du siehst, habe ich doch noch im letzten Moment dran gedacht. Es wäre ja auch allerhand gewesen, wenn ich Dich über all den Geschehnissen hier vergessen hätte. Nun sind wir aber mitten drin im schweren und grausamen Entscheidungskampf. Wir hier werden ja noch sehr wenig davon berührt, aber wir sehen die Spuren des schweren Kampfes, wenn unsere Flieger vom Feind zurückkommen. Wir sind sehr stolz auf unsere Kameraden in der Luft und bestürmen sie mit Fragen, wenn sie aus ihrem Kasten steigen. Aber nebenbei ist dann immer der brennende Wunsch auch mitfliegen zu können und der Gefahr ins Auge zu sehen. Doch wir sind dazu verdammt hier in der Etappe rumzukrebsen. Aber solche muss es ja auch geben.“ Zum 3-jährigen Geburtstag meiner Nichte reime ich dem Löles: Kräht der Ebo spät beim Nachtdienst: / wenig Zeit, wenig Zeit! / Schade liebes Schwesterchen , / dass Du bist so weit, so weit! / Gestern kam Dein Brieflein an, / hatte sehr viel Kreide dran, / Sei bedankt mein lieber Schwan, / Gleich steig ich in meinen Kahn, / Bin sehr müd und abgespannt, / schicke Dir von fern die Hand. / Grüß die Anderen von mir, / Mehr krieg ich nicht mehr zu Papier / Herzl. Gruß E

Am 21. Mai schreibe ich hochmütig: Wir warten jetzt immer darauf , dass wir von hier wegkommen, denn allmählich wird der Weg nach Frankreich für unsere Flieger zu weit. Unsere Truppen machen ja gewaltige Fortschritte. Nicht wahr? Jetzt sind sie sogar schon am Kanal, haben die Engländer abgeschnitten und drängen sie alle ins Wasser. Jetzt habe ich auch mal an vielen Beispielen gesehen bzw. gehört, wie verlogen der feindliche Nachrichtendienst ist, nicht nur an einem, sondern an unzähligen Beispielen. Besonders als sie berichteten, dass ihre Luftwaffe nur den 4. Teil an Verlusten hätten, wie unsere, musste ich laut lachen. Wie es sich in Wirklichkeit verhält, kann ich ja hier selbst beobachten, und unsere Flieger sind auch bestimmt im dicksten Dreck dringewesen. So könnte ich Euch noch viele Beispiele schreiben. Dass wir Namur einfach umgangen und liegen gelassen haben, ist doch auch eine Sache, die man im Weltkrieg nie gemacht haben würde. Und dann vor allem der schmale Keil, den unsere Panzertruppen in die franz. Front hineingetrieben hatten und der sich ja jetzt mächtig verbreitert hat. Diesem Keil hatten die Franzosen übrigens alles schlechte prophezeit, aber sie haben sich gewaltig getäuscht. Habt Ihr Euch eigentlich auch eine Karte gemacht, wo Ihr die Front immer mit Nadeln abstecken könnt? Das ist nämlich sehr interessant. Au! Gerade kommt die Erläuterung im Wehrmachtsbericht. Den muss ich hören. Also macht es weiterhin gut. Am 19. Mai waren die deutschen Panzer des „Keils“ bei Abbeville an der Kanalküste angekommen und bewegten sich nördlich zur Eroberung der Kanalhäfen. Das britische Expeditionskorps, die belgischen und französischen Armeen wurden eingeschlossen. Auch weil Millionen zivile Flüchtlinge Straßen und Wege verstopften, scheiterte ein Versuch der Belgier und Franzosen auszubrechen, während die Briten sich bereits auf eine Evakuierung auf dem Seeweg einstellten. - Die Verluste der Luftwaffe betreffend war kein Grund zum Lachen, sie verlor 1940 insgesamt 6800 Maschinen, die Alliierten eher mehr als weniger.

Die Schoko schmeckte ja noch fabelhaft, und Mutters lange Briefe sind immer so schön, und man meint, man wäre gerade mal in Urlaub gewesen.“ Ich schicke 4 M und bitte mir Zigaretten zu besorgen. Am 2. Juni schreibe ich ausführlicher als gewöhnlich an die Mutter: Liebe Musch! / Heute hat es die Post noch mal gut mit mir gemeint. Dein Brief kam, vom Babo das Zigarettenpäckchen und von Hilleschen ein langer Brief. Ich habe mich schrecklich gefreut und ich habe , trotzdem ich den ganzen Tag Dienst gemacht habe, doch noch etwas vom Sonntag gemerkt. Auf das angekündigte Päckchen mit Süßstoff bin ich sehr erpicht. Übrigens kam gestern auch von Lo ein langer Brief: Eigentlich wollte ich sie jetzt auch mal einen Monat ohne Post von mir zappeln lassen, aber ich glaube, ich bringe es doch nicht übers Herz. Zur Feier des Sonntags habe ich heute morgen eine ganze Dose „Seefisch in Gelee“ verdrückt, die ich glücklicherweise in der Kantine geschnappt habe. Das war mal eine schöne Abwechselung. Ich wollte sie Euch schon mal schicken, aber mein Hunger war doch stärker als mein guter Wille. Aber Kondensmilch kann ich Euch wieder schicken im Bedarfsfall, aber ich glaube, dass Ihr in den nächsten Tagen auch genug bekommen könnt, weil wegen Hinzukommen der holländischen Vorräte die eigenen zur Ausgabe gelangen. Nun will ich Euch noch eben sagen, wie Ihr mich in dringenden Fällen erreichen könnt. Ihr meldet ein Gespräch an nach Biblis bei Worms, Fliegerhorst. Wenn sich unsere Vermittlung dann meldet, verlangt Ihr den Nachrichtenoffiizier. Nun wisst Ihr hoffentlich Bescheid. - Dass Du, liebe Musch mal etwas in F. ausgespannt hast (ihre Freundin Li wohnte dort oben am Waldrand) ist ja sehr schön. Schade, dass das Wetter nicht so schön war. Wir hatten übrigens auch einen ganz tollen Hagel hier. Dann schriebst Du noch, dass Dich der Verlust Narviks so schmerzte. Ich glaube, Ihr habt die Sache nicht richtig kapiert. Uns geht es ja nicht um Narvik, sondern um die Sicherstellung und Freihaltung der Erzbahn nach dem Süden, die für uns sehr wichtig ist. Weil nun die Verteidigung der Stadt Narvik wahrscheinlich mit zu vielen Verlusten erfolgte, haben unsere Truppen die bedeutend leichter zu verteidigenden Bergstellungen um Narvik herum bezogen. So nun bist Du hoffentlich beruhigt und kannst mit Deiner neuen Weisheit glänzen.“ Wir achten beide sehr auf unsere Sprache, wenn wir uns über „sensible“ Themen verständigen. Die Seeschlacht um den eisfreien Hafen in Nordnorwegen verlor die deutsche Marine und büßte ihre 10 Zerstörer ein. An Land entgingen die Besatzer durch ihren Rückzug. Erst als die Alliierten Truppen an die Front in Frankreich abgezogen wurden, konnten die Deutschen en Hafen wieder besetzten.

Am 7. Juni: Liebe Eltern! / Des Chefs unerforschlichem Ratschluss hat es gefallen, mich heute zum Gefreiten zu befördern. Um gleich auf des Pudels Kern zu kommen, die Sache hat natürlich eine Stange Geld gekostet. Das weil ich der einzige glückliche war. Ich möchte also den Babo bitten, mir mit 10 M unter die Arme zu greifen. Meine Kameraden hatten nämlich bei der augenblicklichen großen Hitze einen nicht gerade geringen Durst...Hier ist jetzt eine Bullenhitze und die Schnaken sind wahnsinnig frech und in großer Zahl vertreten, weil ja alles Sumpfgebiet hier ist.Man kann schon gar nicht einschlafen. / Herzl. Grüße / Euer „teurer“ E“

Am 26.Juni verlasse ich das Sumpfgebiet: Nun ist es aber endlich wahr, dass wir wegkommen. Seit gestern Mittag liege ich jetzt auf dem Bahnhof hier in einem von unseren Funkwagen. Alles ist jetzt verladen. Eigentlich sollten wir schon heute morgen fahren. Nun ist aber die Abfahrt um 24 Stunden verschoben worden. Zuerst werden wir bis nach Chalons fahren. Von dort erhalten wir unseren Standort angegeben. Bis Bittburg fahren wir mit Sack und Pack per Bahn. Dann geht es auf der Achse weiter, also per Auto. Die Fahrt wird sich er sehr schön. Wir fahren über Charlesville. Ich denke, dass wir auf einen Flughafen in Küstennähe kommen“

Am 7 Juli folgt ein langer Bericht an Lo, die der Familie den wesentlichen Teil abtippt: Nun sitzen wir also glücklich in Frankreich und zwar in der Nähe von Paris. Die Fahrt hierher war wunderbar, am Rhein entlang von Bingen bis Sinzig, vorbei am Niederwalddenkmal und dann die Aar aufwärts. Ich bin noch nie diese Strecke am Rhein entlang gefahren. Ich sass schön mit meinen Kameraden auf dem flachen Güterwagen vor unserem Funkwagen und es war sehr gemütlich. Abends waren wir in Bitburg und wurden dort ausgeladen. Am nächsten Tag sind wir auch noch dort geblieben, und ich habe den ganzen Tag in meinem Wagen gepennt, weil ich noch viel nachzuholen hatte. Ich habe überhaupt bis jetzt immer im Wagen gelebt, da ich als Wagenleiter immer bereit und da sein musste. Das war ganz praktisch, ich konnte meine Klamotten schön unterbringen und wusste auch, wo ich nachts schlafen würde. Seit dem 2. 7. sind wir nun hier, und heute haben wir angefangen, uns eine Bude zu bauen. Wir sind hier 4 Mann und sind dauernd hier bei unserem Funkwagen stationiert, während die Kompanie ein paar km weiter liegt. Mit der franz. Bevölkerung verstehen wir uns ganz gut. An der Grenze war noch kein Mensch zu sehen. Hier sind schon fast alle Bewohner wieder zurück. Zerstört ist eigentlich nicht viel, nur dort, wo sich die Franzosen festgesetzt hatten. In Luxemburg hat man überhaupt nichts gesehen, aber gleich hinter der Grenze ging es los. Als ich zum ersten Mal wieder meine franz. Sprachkenntnisse ausprobieren wollte, brachte ich wahrhaftig keinen Ton heraus. Aber jetzt geht es wieder ganz gut. Jedenfalls kann ich alles was ich sagen will, den Leuten klar machen, Augenblicklich gehe ich jeden Tag zu einem belgischen Bauern, bei dem ich oft bis in die Nacht hinein sitze. Es ist ein netter junger Kerl, genau wie ein Deutscher. Dort hole ich auch immer Eier und Milch. Ein Ei kostet 60 centimes (drei Pfennig nach unserem Geld) und ein Liter Milch kostet 2 Franken, das ist 10 Pfennig. Infolgedessen fressen wir natürlich Eier am laufenden Band zu jeder Tages- und Nachtzeit. Morgen bin ich sogar bei dem Belgier zu echtem Bohnenkaffee eingeladen. Den Zucker muss ich selbst mitbringen. Die Bewohner sind hier ganz ohne Nachrichtenverbindung. Wir sind durch Ortschaften gekommen, wo wir zuerst für Engländer gehalten wurden. Vom Waffenstillstand hatten sie noch gar nichts gehört. Radio können sie gar nicht in Betrieb setzen, weil es schon seit Kriegsbeginn keinen Strom mehr gibt. Von ihren Soldaten haben sie noch nie einen Brief erhalten und können auch selbst nichts schreiben. Die franz. Soldaten, die Engländer und besonders die Schwarzen haben dem Land noch schlimmer mitgespielt als die Deutschen. Pferde, Autos, Fahrräder usw. haben sie alles requiriert ohne zu bezahlen. Da haben wir nun einen guten Eindruck auf sie gemacht. Von Hass kann man nichts merken. Ganz im Gegenteil. Unterwegs haben wir auch viele Flüchtlinge getroffen, die zurückkehren. Sie sind alle in einem bedauernswerten Zustand. Vielen haben wir Brot geschenkt, damit sie überhaupt was zu essen hatten. Wenn ich wieder nach Hause komme, werde ich Euch viel erzählen.“

Für wen und für wie lange haben die Besatzer einen erträglichen oder gar guten Eindruck gemacht? Sicher nicht für die, die nicht zurückkehren durften, weil Gebiete annektiert wurden oder mit deutscher Verwaltung ausgebeutet werden sollten. Auf Dauer und bei zunehmenden Gewaltmaßnahmen und Einschränkungen nicht mehr für sehr viele Menschen, mit der Zwangsarbeit in Deutschland kommt schließlich das Ende der letzten Sympathien. Und für die jüdische Bevölkerung bestand von Anfang an Lebensgefahr.

Am 18.Juli will ich „noch mal etwas von mir hören lassen“:Wir haben hier noch gar keine Post bekommen. Ich freue mich schon schwer auf die ersten Briefe aus der Heimat, Man merkt doch schwer, dass man nicht mehr in Deutschland ist, Eigentlich bin ich sehr enttäuscht von Frankreich, bes. weil die uns so gewohnte Sauberkeit fast überall fehlt. Ich kann jetzt auch die stark parfümierten Franzosen gut verstehen. Meine franz. Sprachkenntnisse haben sich wesentlich gebessert. Ich gehe fast jeden Abend zu einem belgischen Bauern hier in der Nähe. Er hat einen schönen, großen Hof und dort ist auch alles viel sauberer als bei den Franzosen. / Wir haben uns jetzt hier bei den Wagen eine Bude gebaut wo wir zu Viert drin hausen. Die Kompanie liegt etwa 5 km entfernt in einem Ort. Bis jetzt haben wir immer nur im Zelt geschlafen. Aus franz. Tarnnetzen haben wir uns prima freischwebende Betten gebaut. Mit Moneten sind wir jetzt auch reichlich versorgt, da wir als eingesetzter Verband Frontzulage bekommen. Also bekomme ich jetzt alle 10 Tage 22 M. Damit kann man schon etwas anfangen“.

Für ungebetene Leser schwäche ich meinen Eindruck von Frankreich ab. Ich bitte wiederholt, mir Filmmaterial zu schicken, es ist immer sehr schnell „verknippst“. Am 1. August schreibe ich von einem neuen Standort:Ich habe Euch mal wieder lange nicht geschrieben aber das kam daher, dass wir mal wieder eine ganz nette Anzahl Kilometer näher an den Englishman rangefahren sind und eine Zeit lang nicht schreiben konnten. Ob Ihr wohl meine anderen Briefe bekommen habt? Hier das ist der 4. Von Euch ist noch immer keine Post hier. Noch keiner von unserer Kompanie hat Post bekommen. Soviel ich gehört habe, ist unsere Post von Paris aus zurückgeschickt worden, weil niemand sie geholt hat. Ich möchte so gern mal wissen, was Ihr macht und vor allem ob der Papa W. Wieder da ist. Dass ich im letzten Monat sehr schreibfaul war, werdet Ihr wohl gemerkt haben. Es ist ganz komisch, manchmal vergisst man ganz, dass man noch ein zu Hause hat. Wo man später mal wieder hin zurückkehren will. Das liegt alles so fern wie hinter einem Nebel. Na ich will aber versuchen, mich zu bessern. Ich habe sonst noch an niemand geschrieben, nur an Lo einen einzigen Brief, aber ich denke, dass Ihr ja die Briefe alle zusammen lest.“ Aber schon 2 Tage später muss ich mich durch 10 Briefe, 6 Karten, 6 Päckchen und 5 Zeitungen „durchfressen“: Meinen Kameraden geht es genau so, sie hocken auf ihren Strohsäcken und verdauen die frohen und traurigen Nachrichten. Leider musste ich auch gleich in einem der ersten Briefe die traurige Nachricht lesen, dass mein alter treuer Freund Felix gefallen ist. Das hat mir gleich einen schweren Schlag gegeben, den ich so schnell nicht wieder los werde. Aber dass Papa W wieder heil und gesund zurückgekehrt ist, hat meine Stimmung wieder etwas gehoben … Eben brummen wieder die Engländer durch die Nacht, aber die können uns nicht aufregen. Wenn ich jetzt zu Hause wäre, könnten mich keine 10 Pferde in den Keller bringen. Dass Ihr so oft runter müsst, tut mir leid, aber ich denke, dass das auch mehr sehr lange dauern wird. Ja, liebe Musch, Du kannst jetzt ruhig abends Deinen Blick zur Küste wenden, so ungefähr stimmts. Mit der Kondensmilch ist es ja nun leider vorbei, aber morgen oder übermorgen geht ein Päckchen mit „Herzenströster“ (Kaffee) an Dich ab, allerdings französischer aber der wird auch nicht schlecht schmecken. Dass Euch der Wein geschmeckt hat, freut mich, allerdings glaube ich nicht, dass dem Babo die französische Zigarette bekommen ist, denn das ist ein abscheuliches Kraut. Wir rauchen sie jedenfalls nur im äußersten Notfall und verschenken sie sonst an die Gefangenen Schwarzen, die immer höchst erfreut sind. Nur die englischen Zigaretten kann man rauchen. Die Sachen, die wir kaufen, bezahlen wir mit Deutschen Reichsmarkscheinen, die Rentenmarkscheine haben in Frankreich keine Gültigkeit … ich schrieb vor kurzem noch, dass die Heimatgedanken stark verblassen aber jetzt mit der Postverbindung ist das Alles wieder anders geworden.“

Am 16. August hat „ unser Feldwebel, der die Post bei der Kompanie abgeholt hatte, die ganze Tasche mit unserer Post verloren und wir haben sie nicht wiedergefunden. Das ist Pech, aber nicht zu ändern. Vor einigen Tagen sind wir ganz neu eingekleidet worden, weil unsere alten Klamotten zu sehr mitgenommen waren. Jetzt sehen wir wieder aus wie in Friedenszeiten, aber wie lange? / Der Kampf gegen England wird ja nun endlich in verstärktem Maße fortgesetzt und ich hoffe, dass sie bald klein sind. Müsst Ihr immer noch oft in den Keller“. Meine Anschrift ist jetzt Gefreiter … L31044 Feldpost Paris. Ich frage immer nach Neuigkeiten in der Familie, wundere mich, dass Der Bengel, mein Neffe schon 5 Jahre alt geworden ist und am 28 August schreibe ich: Gestern habe ich mir einen prima Radioapparat für 70 M gekauft. Da staunt Ihr, was? Hoffentlich schmeißt mir der Engl. keine Bombe drauf.“

Am 5. September „Dass ich mich nicht um die technische Militärlaufbahn beworben habe, schrieb ich ja schon einmal. Vater wollte es wissen. Ich kann mich jetzt zu nichts entschließen. - Dann schrieb Vater, Ihr möchtet gern mal etwas über meine jetzige Lebensweise erfahren. Da hatte ich also scheinbar noch nicht viel drüber verlauten lassen, das will ich jetzt nachholen. - Also auf der Fahrt nach Frankreich und auch noch einige Zeit an unserem Ziel habe ich dauernd als Wagenbegleiter im Funkwagen gelebt, gegessen und geschlafen, gelesen und vor allem gequalmt. Später als der Wagen benutzt wurde, bin ich ins Zelt übergesiedelt. Wir waren zu 4 Mann Dauerbesatzung bei den Funkwagen und führten ein Leben für uns. Als uns die Zeltwohnung zu ungemütlich wurde, bauten wir eine Holzbaracke und Betten aus Tarnnetzen und allem erreichbarem „Komfort“. Aber die Tücke des Objekts oder das OKW, halt eben der Krieg, wollten es dass, als wir alles fertig hatten, wir unsere Klamotten wieder zusammensuchen und unser selbstgeschaffenes trautes Heim wieder verlassen mussten. Aber je näher es an den Tommy heranging, um so besser. Also waren wir mit der Luftveränderung auch einverstanden. Nun sind wir also seit 6 Wochen hier. Zuerst habe ich wieder einige Tage im Wagen verbracht, dann haben wir uns für unsere Funkstelle einen schönen Platz ausgesucht und auch gefunden. Wir hausen nun also mit 14 Mann in einem kleinen Dorf, natürlich in dem besten Haus, das zu finden war. Die Besitzer müssen ziemlich viel „Knöppe“ gehabt haben und dieses Haus als Sommersitz benutzt haben. Wir fanden jedenfalls noch alles gut erhalten vor und haben uns in 3 Zimmern prima eingerichtet. Schöne Polster- und Korbmöbel, Teppiche, Spiegel, Essgeschirr, elektrische Küche, Badezimmer, eigenes Wasserwerk mit fließendem Wasser kalt und warm. Heizung, WC (in Fr. eine große Seltenheit) , usw., usw. Die Wasser und elektrische Anlage mussten wir allerdings mal wieder in Stand setzen, aber das war ja eine Kleinigkeit für uns. Die Stuben haben wir uns nach unserem Geschmack eingerichtet, in alle Fassungen neue 100 – 500 Wattlampen eingeschraubt so dass abends der ganze Bau innen in allen Ecken hellerleuchtet ist, Ich wohne mit unseren 3 Uffz zusammen in dem schönsten Zimmer mit Balkon und Bad und wir kommen uns vor wie die Fürsten. Leider kann man das Wasser hier nicht trinken, und da es in Frankreich fast keinen Sprudel zu kaufen gibt, so haben wir uns immer so gut wie möglich mit Bier eingedeckt. Eine kleine „Hausbar“ haben wir uns auch angelegt, wo manch guter Tropfen drin zu finden ist. Aber keine Angst, der Gebrauch hält sich immer in mäßigen Grenzen. Auch ich habe mich schon seit einiger Zeit mit dem Alkohol abgefunden und kann jetzt das Bier auch ohne Widerwillen schlucken. Ich glaube aber, dass ich mir das zu Hause ohne große Anstrengungen wieder abgewöhnen kann. - Die Verpflegung ist sehr gut und reichlich. Unsere elektrische Küche benützen wir auch sehr oft. Wir kaufen Kartoffeln und alle 2 Tage 90-100 Eier, Gurken und Tomaten wachsen im Garten. Salz, Essig und Öl treibt man auch irgendwo auf, na, und da kann man doch schon ein ganz anständiges Abendessen hinkriegen, nicht wahr? Weintrauben und sonstiges Obst fressen wir auch haufenweise, und wenn uns das alles noch nicht langt, dann machen wir eine paar Fleisch- oder Fischkonserven auf. Ihr seht also, dass wir uns über nichts beklagen können. Wenn wir dann manchmal denken, wie knapp dagegen alles in der Heimat ist, dann möchten wir Euch gerne was mitgeben, aber das lässt sich ja schwer machen bei 1 Pfund Päckchen. Aber meistens kommen uns unsere schönen Lebensverhältnisse gar nicht so zum Bewusstsein, weil wir sehr viel Dienst haben und in der Freizeit schlafen, essen, unsere Wohnung sauber halten oder einkaufen. Eine Sommerfrische zum ausruhen und Speck ansetzen ist es bestimmt nicht. Zu unseren freien Stunden haben wir uns jetzt auch einen französischen Geländewagen mit Raupen wieder zurecht gemacht. Er läuft jetzt ganz prima. Wenn ich mal in Urlaub komme, kann ich Euch das alles mal auf Photos zeigen. / Gestern Abend haben wir auch die Führerrede gehört. Hoffentlich geht es nun bald richtig ran an den Tommy. Über uns brummen Tag und Nacht unsere Bomber in Richtung England. Die Engländer lassen sich überhaupt nicht mehr blicken. Scheinbar haben sie schon ein anständiges Ding verpasst kriegt. Besuchen sie Euch immer noch so oft? Ich würde gern mal ein Bild von der „heiligen Familie“ im Luftschutzkeller machen. - - - O, ich glaube der Brief ist lang genug und der Bericht des Soldaten in Frankreich erschöpfend.

Die Führerrede vom 4. September zur Eröffnung des Winterhilfswerks mit Beginn des 2. Kriegsjahrs: „Nur einer glücklichen geographischen Situation und einer außerordentlichen Schnelligkeit im Ausrücken“ habe England zu verdanken, dass es nicht das gleiche Schicksal wie Frankreich, Russland und der Norden erfahren habe. „Was auch kommen mag, England wird niederbrechen“. Wenn man in England heute frage, „warum kommt er denn nicht? - Beruhigt Euch, er kommt!“ meinte Hitler und er werde natürlich alles sehr sorgfältig vorbereiten, „das werden Sie verstehen“ sagt er seinem jubelnden Publikum im Sportpalast. Er trinke keinen Kaffee aber „es ärgert mich, dass andere keinen trinken können“. Der Unfug, dass ein Piratenstaat mit seiner Blockade 450 Millionen in Armut stürzen könne, müsse endlich aufhören. - Faktischer Hintergrund dieser Rede ist, dass britische Bomber seit den letzten Augusttagen begonnen hatten, nicht nur im Westen sondern auch Ziele in Berlin zu bombardieren. „Sie werden es verstehen, dass wir jetzt Nacht für Nacht Antwort geben.“ Hintergrund ist auch, dass die Führung annahm, die Briten hätten praktisch keine Abfangjäger mehr in dem „Abnutzungskrieg“, den sie führten und der auch bei den Angreifern zu großen Verlusten geführt hatte. Tatsächlich standen jedoch stets mindestens 650, den deutschen Bomber-Befleitschutz-Maschinen überlegene Jäger bereit und die Produktion lief ungestört auf Hochtouren. - Wo 85 Millionen einen Willen hätten, könne den eine Welt nicht brechen, meinte der Redner in großsprecherischem Wunschdenken. Die gelungene Evakuierung von 3000 Soldaten aus Dünkirchen, der Abschuss zahlreicher von Skandinavien aus operierenden Bomber am 15. August und nicht zuletzt die Bombardierung von London brachten die Briten weitgehend auf Winston Churchills Regierungskurs.

Am 8. September schicke ich meinem Vater eine Ansichtskarte aus Trouville, dem sommerlichen Badeort der Pariser 10 km südlich von Le Havre auf der anderen Seite der Seinemündung: „Jardins du Casino“ (die Kasinogärten): Vor einigen Tagen bin ich hier am Kanal für einen Tag zum baden gewesen … Also machs gut, Alter und bleib noch recht lange gesund und munter.“ Am 16. habe ich mir wieder einmal „meine berühmte Erkältung“ geholt und überwunden: „Gestern war ich auch zum ersten Mal seit April wieder im Film. Da sieht man doch mal wieder etwas anderes als Soldaten und Franzosen. Augenblicklich wohne ich in einem ehemaligen katholischen Schwesternheim. Allerdings mutet es einen mehr als eine Gerümpelkammer oder Trödelladen an. Allerdings habe ich noch einige Handtücher (ich hab nur ein einziges) und einige Taschentücher von beträchtlicher Grösse gefunden, gerade richtig für meine Dauerlaufnase, denn ich habe sowieso nur 2 Taschentücher bei mir.... Wegen Obstversorgung braucht die Musch nicht bange zu sein, wir fressen hier Weintrauben, Pflaumen, Pfirsiche usw, in rauhen Mengen. Kuchen können wir auch kaufen. Liebe Musch, Du brauchst Dir also nicht ein Küchelchen für mich zusammenzusparen. Backt Euch lieber selbst mal eins. Wir haben übergenug zu essen, während Ihr doch sicher verdammt knapp dran seid.“

Ich schicke 10 Mark direkt und 50 Mark auf Umwegen nach B. Für mein Sparkonto. Ich telefoniere mit Lo in der Telefonzentrale in B. Feine Sache, was? Wenn man bedenkt, dass man fast 1000 km durch den Draht spricht“ . Meine „berühmte Erkältung“ konnte ich manchmal als Warnung verstehen, dass es in mir nicht nur so zuginge wie ich wohl wollte. Im Oktober komme ich für 2 Wochen nach Hause. Auf der Rückreise war die Verbindung ab Paris sehr schlecht. Am 21. 10. schicke ich die in B. Gekaufte Uhr zurück mit etwas Kaffee:Einen Teil müsst Ihr Euch selbst brennen, in einer Pfanne.“ Am 6. November schicke ich nochmal Kaffee: „In dem Päckchen liegen auch noch einige Bilder vom Besuch Görings bei uns. Verwahrt sie bitte gut. / Bei uns ist augenblicklich ein sehr unbeständiges Wetter. Manchmal ist ein Sturm in dem man nicht mehr gerade stehen kann. Und dann wieder scheint die Sonne. / Schickt mir doch bitte sofort meine grauen Lederhandschuhe. Was macht meine Uhr? Ich hoffe, dass mein Kamerad sie mir mitbringt – Jetzt habe ich schon 6 Tage lang keine Post mehr bekommen. Lo hat seit meinem Urlaub überhaupt noch nicht geschrieben, das Aas! Vielleicht komme ich im Dez. nach Deutschland auf eine Kriegsschule, ich bin nämlich jetzt zum Offiziersanwärter auf Kriegsdauer ernannt worden und meine Beförderungssauferei habe ich auch gut überstanden.“

Am 25. Oktober hatten sich Pétain und Hitler in Montoire die Hand geschüttelt. Die anschließende deutsche Propaganda in Paris mit Parolen von „europäischer Collaboration“ und Partnerschaft hatte zu den wildesten Spekulationen Anlass gegeben: baldige Rückkehr aller Gefangenen, Rückkehr der Regierung nach Paris, Aufhebung des Besatzungszustandes. In Wirklichkeit ging es deutscherseits um nichts anderes als maximale, wo nötig zwangsweise Beteiligung an der Kriegsanstrengung. In diesem Zusammenhang stand auch der Göringbesuch. Aber erst einmal suchte sich unser Oberbefehlshaber am 3. und 5. November eigens für ihn im Jeu de Paume ausgestellte Bilder aus jüdischem Besitz zum privaten Ankauf aus. Nachdem wir ihn hatten sehen können hatte der mächtige Vierjahresplaner dann am 9 November eine Unterredung mit Pétains Außenminister Laval zwecks militärischer „Partnerschaft“. Aber wo nach Montoire die Vorstellung einer „echten“ Partnerschaft entstanden war, fiel diese so schnell wie sie aufkam den Realitäten zum Opfer.

Am 15. Oktober war die Invasion Englands zurückgestellt worden, Die Bilanz der „Luftschlacht“ zum Ende des Monats sah so aus,dass die Luftwaffe rund 2000 Maschinen verloren hatte, die meisten abgeschossen, und sie eine entsprechende Anzahl von toten und vermissten Piloten und Besatzungen verzeichnete, während die Briten den Verlust von 544 Piloten und 1700 Flugzeugen zu beklagen hatten. Die Aussichten, den „Tommy“ zum Einlenken zu bewegen waren umso schlechter als seine Flugzeugproduktion der deutschen deutlich überlegen war. Am 14. November taten auch wir, die Luftnachrichtentruppe, unseren Dienst bei der Bombardierung der Industriestadt Coventry in den englischen Midlands durch einen Verband von 550 Maschinen, die in mehreren Wellen die ganze Nacht über Luftminen, Sprengbomben und 10-tausende Brandsätze abwarfen. Mindestens 568 Menschen wurden getötet, 40 000 Wohnungen, zwei Krankenhäuser, zwei Kirchen und die Kathedrale wurden zerstört sowie dreiviertel der innerstädtischen Industrieanlagen. Am 17. schreibe ich nach Hause, dass ich in der nächsten Woche mal nach Paris kommen würde und dass ich vielleicht im Dezember nach Berlin zur Schule käme. Am 19. schicke ich an Löles einen Geburtstagsgruß : „Gestern Abend war ich im Variété. Da hättest Du deinen „kleinen“ Bruder noch mal lachen sehen können, Mensch! Uns tut jetzt noch der Bauch weh. - Gestern habe ich mich auch für meinen Offizierslehrgang untersuchen lassen. Der Arzt meinte, ich hätte einen Fehler an der Lunge. Heute morgen war ich dann im Lazarett. Dort bin ich dann von hinten und vorne beklopft und durchleuchtet worden. Man ist dann zu dem Ergebnis gekommen, dass meine Lunge vollständig in Ordnung ist. Wahrscheinlich komme ich aber erst im Januar zur Schule. Schade! Im Dez. hätte ich bestimmt Weihnachtsurlaub bekommen.“

Unter dem 21. November 1940 teile ich mit, dass 2 Päckchen mit Sardinen kommen würden und ich bitte um meinen 2. Schlafanzug auch „könnt ihr der Lo sagen, sie könnte mich von jetzt ab von hinten begeistern !!!. Heil und Sieg E.“ Das erste und letzte Mal, dass ich diese Grußformel nach Hause schicke. Übrigens war der drastisch vermerkte Ärger über die Lo wohl bald verraucht. - Am 30., einem Samstag, schreibe ich „Morgen ist aber tatsächlich schon der 1. Advent. Ja, voriges Jahr um diese Zeit haben wir in Wiesbaden Kränze gebunden und bestimmt geglaubt, beim nächsten Mal wären wir daheim. Aber das hat nun nicht geklappt. / Schade, dass ich nicht auf die Schule gekommen bin. Mein Kamerad ist hingekommen und wird wohl auch zu Weihnachten Urlaub haben. Aber der ist auch verheiratet. Ich habe jetzt viel zu tun. Überall wurde ich ausgequetscht und muss daneben noch Aufsätze schreiben, muss mich als Fernsprecher, Peiler, Fernschreiber ausbilden. Na, wenn ich mal glücklich die Schule hinter mir hab, dann ist es bald geschafft. Die Schule ist auch so ein Ding, man fliegt 10mal leichter runter, als man rauf kommt. Da braucht man bloß mal den Mund schief ziehen, und schon wird man „untauglich“ geschrieben. / So, nun muss ich Schluss machen. Für Montagmorgen habe ich noch eine ellenlange schriftliche Arbeit zu machen. Aber trotzdem gehe ich heute ins Variété u. Morgen ins Kino und am Montag in eine Symphoniekonzert mit ???. Die Nacht ist ja auch nicht allein zum Schlafen da. Also mach ich meine Arbeit nachts. Herzl. Grüße und eine frohe Adventszeit / Euer E. / Ich lese augenblicklich ein feines Buch von Zöberlein „Der Befehl des Gewissens“ -

Ein „feines Buch“? Hans Zöberlein (1895-1964), bayr. Vizefeldwebel 1918, Freikorps Epp 1919, 1943 SA-Brigadeführer, 1945 Mörder in Penzberg, 1948 zunächst zum Tod verurteilt, dann zu lebenslanger Haft, kam 1958 aus gesundheitlichen Gründen frei. Der Roman „Befehl des Gewissens“ (1937, Auflage 400 000) handelt vom Freikorps und proklamiert antisemitische Ausgrenzung („Mitleid ist Schwäche“).

„Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da“, - Melodie Theo Mackeben, der 1928 die Uraufführung der Dreigroschenoper geleitet hatte, Text Otto Ernst Hesse, Baggensen – Spezialist, Journalist u.a. der „Vossischen“, und Drehbuchautor. Das war nicht nur mir ein sehr vertrauter Schlager, ja Ohrwurm, zumal hier in Paris, wo der Film „Tanz auf dem Vulkan“ (1938) des Naziregisseurs Hans Steinhoff spielt, in dem Gustav Gründgens, seinerzeit Staatsrat und Göring-Protégé, als Rebell von 1830 das Lied zum ersten Mal sang, bevor es in aller Ohren kam: doch wir woll'n im Siegeslauf / immer memorieren: / Augen auf! Augen auf! / Dann kann nichts passieren. In der Schallplattenversion fiel die letzte Strophe mit diesen Zeilen allerdings der NS-Zensur zum Opfer. Sie passte mir als trügerisches Leitmotiv.

In der Advents- und Weihnachtszeit häufen sich 1940 noch ein Mal die Briefe und Päckchen. Am 1.12. „freue (ich) mich unsäglich“ über Adventskranz und Kuchen Jetzt habe ich das Kränzchen angesteckt. Meine Kameraden sind alle im Kino u. ich bin also ganz allein bei meiner Adventsfeier. Neben das Kränzchen habe ich die Bilder von Euch hingestellt. Ihr habt es sicher auch so gemacht nicht wahr? Ist der Nöck (s.o)auch dagewesen? Dann schreibt Ihr sicher auch gerade einen Gruß an mich. / Vorgestern war ich wieder im Variété. Es war wieder sehr nett. Ingeborg von Kusserow, eine bekannte Filmschauspielerin mit viel Temperament, hat uns ganz verrückt gemacht. Die netten deutschen Mädels sollten sie lieber zu Haus lassen, denn „was ich nicht weiss, macht mich nicht heiß“. - Ach, jetzt verzapfe ich sicher ein Blech. Der Frankreichkoller nimmt allmählich immer beängstigendere Formen an, aber da kann man halt nichts machen!

Mit „Tropenkoller“ wurde gelegentlich ein insbesondere auch sexuell entgrenztes Verhalten von in den Tropen lebenden Europäern bezeichnet, das gern, wie der Name sagt, auf das Klima zurückgeführt wurde. Ein Moment des Frankreichbildes, das bei uns kursierte waren angeblich besonders diversifizierte Sexualpraktiken und eine aufreizende Bordell-Erotik. Dies Moment in der Verallgemeinerung auf alle Franzosen führte in unserer soldatisch-gewaltförmigen Männerwelt zu übermäßiger, meist kruder Sexualisierung der Gespräche, zur Angeberei mit tatsächlichen oder phantasierten „Abenteuern“. Der Zunahme von Geschlechtskrankheiten in der zweiten Hälfte 1940 versuchte das Oberkommando durch Einrichtung von „Wehrmachtsbordellen“ zu begegnen und dort mit der Anordnung jeder Soldat habe sich der frei verfügbaren Präservative zu bedienen. - Wenn meine liebe puritanische Musch gelegentlich bedauerte dass, oh je, ihr „Pitter“ seine „Unschuld in dem Sündenpfuhl Paris“ verloren habe, hatte sie zwar nicht ganz Unrecht, aber schrecklich waren die Umstände ganz und gar nicht und ganz andere als sexuelle Erfahrungen waren in der Tat schrecklich. Die uns auferlegte Verdrängung förderte vermutlich den Koller.

Ingeborg von Kusserow (1919-2014) trat 1936-1944 in deutschen Filmen auf und 1946 im ersten, britisch lizensierten Nachkriegsfilm „Sag die Wahrheit“, ein relativ einfach gestrickter Unterhaltungsfilm, die Neuaufnahme mit anderen Schauspielern einer 1944 abgebrochenen Produktion des Heinz-Rühmann-Teams. Nachdem sie und ihr Mann nach England übergesiedelt waren spielte sie 1951-1963 in englischen Filmen. - Oft schrieb ich an Sonntagen, so auch am 8. Dezember. Ich bedanke mich für Briefe, Zigaretten und Kandis. “Ich fand alles zusammen vor, als ich am Freitag abend von Paris kam. Es war ein sehr schöner Tag in Paris und wir haben viel gesehen. Paris ist wirklich eine eigenartig schöne Stadt. Ich glaube, das gibt es nur einmal. Aber dafür steht auch das übrige Frankreich weit unter dem Durchschnitt. - Gestern abend war ich wieder in einem netten Film, morgen kommt ein Lessingtheater her, aber ich weiß nicht, ob ich hin kann. - Es wird jetzt allerhand für unsere Unterhaltung getan.“ Am 12 dann noch: Gestern abend haben die Tommies mal wieder einige Eier fallen lassen, aber es ist bis jetzt immer noch ohne Schaden abgegangen“. Am 14 geht ein Kärtchen mit braun getöntem Foto eines verschneiten Dorfes hinter Tannen im Tal nach B. Aufdruck „Joyeux Noel“ und am 16. gleich auch ein deutsches mit blau getöntem Foto, verschneite Tannen und ein Kirchlein am Hang, Ein glückliches Neues Jahr. Ich melde: „Ihr Lieben! / Jetzt sind also 5 Päckchen weg. Eins mit Apfelsinen und mit Socken, eins mit Würstchen, eins mit Schoko, eins mit Schoko und Tee u. ich denke, dass ihr das Zeug irgendwie unterbringen könnt. Die 3 Weihnachtspäckchen sind da, ich freue mich schwer. E.“ Am 20 schicke ich nochmal eine Karte, beidseitig in Maschinenschrift: Ich bin jetzt augenblicklich auf der Schreibstube tätig, was Du ja schon aus meinen schüchternen Tippversuchen ersehen kannst. - Kriegt der K (mein 5 jähriger Neffe) eigenlich zu Weihnachten eine Eisenbahn? Oder habt Ihr keine mehr bekommen?. Ich hätte hier wohl eine bekommen können. Allerdings nicht so stabil wie in Deutschland. - So, nun Schluss. Der Chef hat mich schon angeschissen, weil ich während der Dienststunden Privatbriefe schreibe.“

In einem langen Schrieb vom Ersten Weihnachtstag 1940 kommt noch ein Mal zum Ausdruck, wie sehr ich, der bald 20 jährige, mich mit zu Hause verbunden fühle.Nun ist der Weihnachtsmann also dagewesen mit all seinen schönen Päckchen und Sächelchen – Wir haben gestern abend zuerst alle zusammengesessen und einen schönen Glühwein getrunken… (Unseren Weihnachtsbaum) dann angesteckt und unsere Päckchen ausgepackt. Das ist doch immer der schönste Moment . Ich habe alles aus den Schachteln raus getan und in der schönen weihnachtlichen Verpackung unter das Bäumchen gelegt. Ach ja, wie nett hast Du liebe Musch, und du Löles alles eingepackt in schönes Weihnachtspapier mit Bäumchen, Tannenästchen und Kerzen. Die bunten Pappsterne ..., - Ja und dann habe ich das Buch ausgepackt. Darüber habe ich mich ganz bes. gefreut. Zwar habe ich noch nicht drin gelesen, aber dran gerochen habe ich mal. Zum Lesen war ich zu müde, und heute hab ich bis 10 Uhr geschlafen. Nun habe ich wenigstens noch mal schöne Lektüre für abends im Bett. - Dann noch das schöne Buch von Schls: ich glaube „Fleuron“ schreibt ganz fabelhaft von den Tieren. Hilles hat mir auch schon mal davon geschrieben. Von Hilles kam übrigens eben ein ganz dicker Brief. Ihr Päckchen ist noch nicht da, aber der Brief war mir die Hauptsache. - Euren Plätzchen schmeckt man aber die lange Kriegszeit gar nicht an. Da habt Ihr sicher tüchtig für gespart. Gestern abend konnte ich allerdings kaum was runterkriegen aber, fragt mal unseren grossen Mathematiker das gibt sich „im Quadrat der Entfernung“ schon wieder. Dass die Zigaretten sehr willkommen waren, brauch ich ja garnicht besonders. zu sagen. - Ja, beinah hätt ich das Eselchen mit dem Christkind vergessen. Das hat mir erst all die schönen Weihnachtserinnerungen aus meiner Kinderzeit so richtig nahe gebracht. Etwas Besseres hättet Ihr mir gar nicht schicken können, um mich in die richtige Weihnachtsstimmung zu bringen. Das hat die Musch wieder richtig gefühlt. - / Von den Ws kam auch ein schönes Buch „Afrikanische Spiele“ von Jünger. HW schrieb mir, dass es ein sehr gutes und interessantes Buch sei. Jetzt hab ich also Lektüre massig. Bls haben mir auch ein nettes kleines Büchlein geschickt. „Requiem“ eine Mozartnovelle von Grete Massé. Na, und der Onkel R hat mal wieder mein altes Fliegerherz erfreut mit einem schönen Fliegerkalender, der einen Platz über meinem Bett finden wird, und dem „ Fliegerjahrbuch“ Dann kam heute noch von EL aus Heidelberg ein Päckchen mit Plätzchen, Schoko und Zigaretten. Ist doch nett, dass sie auch an mich gedacht hat. - Vom Lochen ist nun allerdings noch gar nix da. Hoffentlich sind die Päckchen nicht fortgekommen. Ich hab so was gehört, als ob man in Frankfurt einen Sabotageakt auf das Feldpostamt gemacht hätte.Na, hoffen wir das Beste. Schade ist es ja, das die Päckchen nicht da sind. - Gestern hatte ich um 5 Uhr Dienstschluss. Ich bin noch schnell in die Stadt gegangen und habe mir 2 Kilo Apfelsinen und 1 Pfund Zwiebeln für die Feiertage gekauft. Ja was meine Ihr, was wir hier alle für Zwiebeln verdrücken, so ungefähr 2 Kg pro Mann die Woche. Überall, zu Käse, Wurst werden Zwiebeln gegessen. - Dann habe ich mir auf meiner Bude einen ordentlichen Schlag Bratkartoffeln in Butter und Zwiebelgemüse gemacht. Das hat geschmocken kann ich Euch sagen. Darauf habe ich dann unseren Weihnachtsbaum besorgt und fertig gemacht. Das war ein Spaß. Als Ständer dient meine Gasmaskenbüchse. Die Kerzen haben zwar alle eine andere Größe, aber das macht ja nichts. Es sieht jedenfalls sehr nett aus, unser Bäumchen. Die Kameraden haben alle ihren Baumschmuck aus ihren Päckchen dazugegeben und nun steht das Bäumchen neben meinem Bett, darunter Eure Bilder. Ihr seid also immer dabei. - Heute habe ich keinen Dienst, aber morgen wieder den ganzen Tag. Dafür ist man halt Soldat, auch auf Weihnachten. - Meine Kameraden lesen eben alle in dem Büchelchen vom Eselchen, das das Christkind sucht. Das berührt sie doch alle. Da hat die Musch der ganzen Stube eine Freude gemacht. Eben ist ein Kamerad unserer Stube auf Urlaub gefahren. Da wären wir wohl alle gerne mitgegangen, aber es müssen ja auch welche da sein, die die „Stellung“ halten. Wenn man allerdings im Radio wie gestern nachmittag, die schönen Weihnachtslieder hört, dann wird es ein bisschen schwer. / So, nun aber Schluss, ich muss ja noch viel schreiben. / Für alles Liebe und Schöne was Ihr mir geschickt habt, vielen tausend Dank und fürs neue Jahr alle guten Wünsche / Von Eurem / E

Das Buch über das ich mich „ganz besonders gefreut“ habe:„Der Krug des Brenda“, Gütersloh, Bertelsmann 1940, eines der vielen Werke der „Schwarzwalddichterin“, Auguste Supper geb. Schmitz (1867-1951), aus dem Pietismus kommende, kirchenkritisch-protestantische, deutschnationale, antisemitische Königs- und Hitlerverehrerin, aufgewachsen in Calw. Heirat 1889 mit dem Juristen Otto Heinrich Supper, der 1911 starb. 1898 erster Roman „Der Mönch von Hirsau“. Schrieb und publizierte bis zu Ihrem Tod. Eine „Erfolgsautorin“ vor Allem im NS, lukrativ für Bertelsmann.

Svend Fleuron (1874-1966) dänischer Offizier bis 1921, dann freier Autor auf ererbtem Landgut; Teilnahme 1941 am Weimarer Dichtertreffen, an der neuen (NS-)Zeitschrift „Europäische Literatur“, Werbung für Kriegsbegeisterung. Schrieb 1912-1960 zig Tierromane und Tiergeschichten darunter „Schnipp Fidelius Adelzahn, ein Dackelroman“ von 1922, immer wieder neu aufgelegt. Mein Weihnachtsgeschenk 1940.

Ernst Jünger (1895-1998) beschreibt in „Afrikanische Spiele“ 1936 wie er (Berger im Roman), ein miserabler Schüler 1913, als 18 jähriger Schule und Elternhaus verlässt und in Verdun zur Fremdenlegion kommt. Missglückter Fluchtversuch aus Algerien nach Marokko, freigekauft vom Vater, zurück in Deutschland: „Die Zeit der Kindheit war vorbei“; Jünger wie viele dann 1914 Kriegsfeiwilliger. Den Roman zeichnet, anders als spätere Bücher des Autors ein Moment der Skepsis aus, dass seine militaristische, konservative Überzeugung zur Katastrophe führen könnte.

Grete Massé (1883 Hamburg – Dezember 1941, deportiert und Tod in Riga) Journalistin, Erzählungen, Novellen u.a. „Das Rubinhalsband“ 1916; das Requiem 1925; Und draußen war Krieg o.J. (vor 1921) ; Autorin der vielfältigen, kulturell konservativen (patriotischen) Heftreihe „Hesses Volksbücherei“ (mehr als 1000 Nummern, Hesse und Becker, Leipzig 1837-1920).

„Wie das Eselchen das Christkind suchte“ Bilderbuch in quadratischem Kleinformat (15cm) von Marigard Bantzer, Verlag Max Voigt Marburg/Lahn ca 1928. Bantzer war die Illustratorin, den Text schrieb Marion Darbishire (1904-1945, auch Übersetzerin von englischen. Schultexten). Marigard Bantzer (1905-1999) wuchs in Marburg auf, studierte Illustration in Leipzig, heiratete 1930 den Zeitungskarikaturisten und Comic-Zeichner Erich Ohser, Freund Erich Kästners und dessen Illustrator. Als Ohser nach 1933 diskrimiert und einkommenslos wurde, arbeitet Bantzer für Mann und Sohn. Ohser konnte unter Auflagen wieder arbeiten (u. a. für die im Krieg erscheinende und vielgelesene, journalistisch ungewöhnlich gute Zeitschrift „Das Reich“) wurde 1944 denunziert als „Defaitist“, und gefangengenommen. Er nahm sich das Leben im Frühjahr 1944 in der Nacht vor dem angesetzten Volksgerichtshofprozess. Sein und Kästners Freund, der Redakteur Erich Knauf wurde verurteilt und im Mai 44 hingerichtet.

Das Jahr 1940 geht nicht zu Ende ohne einen weiteren Nach-Weihnachtsbrief am 31.: Nun weisst Du also auch mal, was ein Anschnauzer von einem Unteroffizier ist. Lo‘s Päckchen sind also nun endlich da. Dass ich mich schrecklich gefreut habe, kannst Du Dir ja denken. Du weßt ja, was alles drin war. Ich kam an dem Abend gerade von Chartres und fand zu meiner größten Freude 7 Päckchen und 3 Briefe vor. Eins von Tante He, dann von meinem alten Segelfliegerkameraden, von Bä, von der Partei (d.i. Onkel R.)und 2 von Lo. Da hab ich dann nochmal unser Bäumchen angesteckt und zum zweiten Mal Weihnachten gefeiert. Das Päckchen von Hilde ist immer noch nicht hier, aber es wird sicher noch kommen. Das Buch von Euch habe ich an 2 Abenden ausgelesen und es hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. Das ist so richtig ein Buch, wie man es hier gebrauchen kann, guter Inhalt und fesselnd. Doch was ganz Anderes wie die ewige Schundlektüre. Dieses Jahr habe ich aber auch wirklich nochmal einen wohltuenden Haufen Bücher bekommen. Auch meine Flieger haben mir ein schönes Fliegerbuch geschenkt. Da fällt mir übrigens ein, dass ich unbedingt noch ein Buch brauche und zwar „Der Reserveoffizier“ von Altrichter. In welchem Verlag das Buch erschienen ist, weiss ich leider nicht.“

Friedrich Altrichter (1890-1948), preußischer Offizier im 1. Weltkrieg, dann Reichswehr, 1929 an Reformen orientierter Kriegsschullehrer Potsdam, ab dann auch Militärschriftsteller. Im 2. Weltkrieg wechselnd zwischen „Führerreserve“ und Frontkommandeur, zuletzt Generalleutnant der Infanterie, als solcher im April 1945 noch Feldausbilder im Ostfrontabschnitt Mitte. Starb in sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Kasachstan. 1936 Promotion Heidelberg mit „Die seelischen Kräfte des deutschen Heeres im Frieden und im Weltkriege“. U.a. Publikationen die um die es hier geht: „Der Offizier des Beurlaubtenstandes“, Berlin 1935 (Neuauflage 1943)

Der erste Brief im neuen Jahr geht am 5. Januar 1941 nach B.: „Eben kam Euer Brief zusammen mit 3 Päckchen von Lotte und einem Päckchen vom BDM aus Degerloch. Ich hab mich sehr gefreut Meine Päckchen sind also alle glücklich angekommen. Könnt Ihr eigentlich Apfelsinen kaufen? Sonst schicke ich noch mal einige Kilo, denn Verpackungsmaterial habe ich ja jetzt genug und die Mutter kann doch sowas immer als ??skost gut gebrauchen. Gestern kam auch noch eine Karte vom 18.12. wo Ihr alle unterschrieben habt, ausserdem endlich das Weihnachtspäckchen von HW und PW mit sehr netten Büchlein. Hab ich eigentlich schon geschrieben, dass ich „Den Krug des Brenda“ schon gelesen habe? Das Buch hat mir ganz ausgezeichnet gefallen. - Mit dem Wintersport hat also der Babo noch nicht begonnen. Hier liegt seit einigen Tagen auch Schnee, und weil auch ein starker Wind weht, ist der ganze Urlaubsverkehr per Bahn gesperrt, weil die Strecken verweht sind und die Weichen vereist. Unsere Wagen sind auch schon oft stecken geblieben, obgleich ja nicht viel Schnee gefallen ist. Die Sache mit der Pistole habe ich wirklich vergessen, und jetzt ist mein Chef in Urlaub. Ich glaube, ich warte bis zu meinem nächsten Urlaub mit dem Brief. - Papa O bekommt auch in diesem Monat noch 20 M aber erst nach dem 20. … Von Onkel. Ru kommen gar keine Zeitungen in letzter Zeit. Vor einigen Tagen kam allerdings „Der Adler“. Dass Paul Ruck nun jetzt geheiratet hat, wusste ich noch gar nicht. Sie hatte mir ja damals in Worms schon gesagt, dass sie es beide vorhätten. Dass Kurt Elf im Lazarett liegt, ist mir auch neu. Ist er ernstlich krank? Ich werde ihm gleich mal schreiben. Auch Leons will ich gleich noch mal mit einem Brief beglücken. So hat also die G auch ihr Loch gefunden – Dass die Base in Mühlacker mich mal mit einem Päckchen beglücken will, ist mir sehr sympathisch, aber, weil Ihr es ja auch immer wolltet, außer Zigaretten habe ich wirklich keine Wünsche. Süßigkeiten habe ich genug für 2 Jahre, denn mein Bedarf ist sehr gering. Rouladen oder Pellkartoffeln mit Hering könnt Ihr mir ja nicht schicken. Hoffentlich habt Ihr einige Dosen für meinen Urlaub reserviert bes. mit Mayonnaise. Ich hoffe nur, es wär schon mal wieder so weit … - So jetzt will ich aber auch noch einige andere Briefe schreiben. / Herzl. Grüße, auch an den 1. Stock und das Dachstübchen / Euer E.

Papa O.: der Uhrmacher in B. bei dem ich mir eine Armbanduhr gekauft hatte,die mehrere Male hin und hergeschickt wurde, weil sie anfangs immer stehen blieb. „Der Adler“ die 14 tägig erscheinende Propaganda-Illustrierte der Luftwaffe aus dem Berliner Scherl-Verlag in der Frankreichausgabe bilingual. Paul und Otto Ruck sind die Söhne des Zimmermanns und Nachbarn in B. Wir waren zusammen in der Flieger-HJ. Im „Dachstübchen“ wohnte das „Clärchen“ solange sie der Musch im Haushalt aushalf. Hilles hat mir eine Zeichnung ihrer neuen Wohnung in Babelsberg gemacht und sie und der professionelle Sterngucker schickten mir zwei kleine „Sternenbüchlein“. Ich schrieb ihr am 6. Januar: „Ich habe mich nochmal zur Bordfunkerei gemeldet. Hoffentlich klappt es. Allerdings sieht es dann für meinen Urlaub schlecht aus. - Also sei nicht böse, dass ich so kurz angebunden bin,“ An Löles schreib ich am 11 Januar, weil ich mich bei der Gütersloher Mutter für die Weihnachtspost bedanken will, aber die Adresse verloren habe, und: „Ha,Ha !!! dass ich nicht kichere. Von wegen rauchen abgewöhnen kann ja gar keine Rede sein. Ich habe mich also mächtig über die Zigaretten gefreut ...Eigentlich hatte ich vorgehabt, heute auf Urlaub zu fahren, aber ich kann nicht weg. Da wird wohl überhaupt nix mehr draus werden in absehbarer Zeit, vorausgesetzt, dass ich zur Schule komme. - Briefpapier ist alle, also Schluss.

Am 19. Januar 1941 kann ich berichten, dass es mit der Schule geklappt hat: „Bin gut in München angekommen. Von Oberföhring bin ich gleich wieder weitergeschickt worden nach Gauting, wo ich jetzt wohl bleiben werde. Gauting liegt in der Nähe des Starnberger See. Die Kasernen sind sehr schön u. das Essen soll auch gut sein. In München habe ich noch die Frau meines Freundes besucht, und bin sehr herzlich aufgenommen worden“ Nebenbei erfährt die Familie aus meiner Anschrift, dass ich inzwischen befördert wurde: Uffz E. 16. Erg. Ln Reg.3, M ünchen Gauting. Der Poststempel vermerkt: „Schönes Siedlungsgebiet im Würmtal“ Am 22. folgt eine kurze Mitteilung: „Ich bin schon wieder mal gewechselt und zwar bin ich jetzt bei der 15. Kompanie – Meinen Geburtstag habe ich gestern Abend in München verbracht. - Auf alle Fälle weht hier wieder ein etwas anderer Wind als in Frankreich“ - Das Luftnachrichtenregiment 3 hatte als „Legion Condor“ zur Unterstützung von Franco‘s Truppen 1936-1939 unter anderem Guernica bombardiert. Die späteren „Aktiven“ trugen als Auszeichnung für diese „ehrenvolle“ Tradition ein eigenes Armband. Wir, die Ergänzungstruppe blieben ausgenommen. - Zum 30. Geburtstag der Schwester schreibe ich, ihr „Bruderherz“, einen Tag später: „Sei mir bitte nicht böse, dass ich nur eine Karte schreibe, aber ich muss mir in München erst wieder Briefpapier besorgen. - Was sagst Du dazu, dass ich nun hier in München gelandet bin? Fein, was? In einer Beziehung ja, man kann nämlich verdammt viel sehen in München. In militärischer Beziehung weht hier jedoch wieder ein ganz anderer Wind wie in Frankreich, bes. als O(ffiziers)A(nwärter) wird es mir nicht ganz leicht fallen hier. Hoffentlich klappt alles. Ich glaube ja nicht so ganz dran. An meinem Geburtstag bin ich abends nach München gefahren und hab die Frau eines Freundes besucht. Es war sehr nett und ich soll öfters mal kommen. Da hab ich also schon wieder jemand wo ich „Familienleben“ genießen kann.“

Nach 14 Tagen habe ich mich „so allmählich eingelebt. Eben habe ich einen 5 Tägigen Uffz Kursus mitgemacht. Das war weiter nicht schlimm. Er war nur dazu da um nachher bei den neuen Rekruten einen einheitliche Ausbildungsweise zu erzielen. Mit der freien Zeit ist es hier natürlich noch knapper wie in Frankreich. Wenn nächste Woche die Rekruten kommen, wird es ja für die erste Zeit mal wieder ganz aus sein. Obwohl wir jeden Abend bis 2 h Ausgang haben,machen wir doch meist wenig davon Gebrauch, dh. ich jedenfalls bis jetzt noch. Die neuen Rekruten sollen lauter Bayern sein. Da sehe ich ja schon schwer schwarz bes. weil man jetzt so verdammt weiche Erziehungsmethoden eingeführt hat. Wenn man einen Rekruten nur mal auf dem Bauch über den Exerzierplatz rutschen lässt, kann man schon in den Bau wandern. Man wagt schon bald gar nichts mehr zu tun, weil ein schlauer Rekrut einen dann bestimmt reinlegen kann. / Für meine Offz Sache brauche ich nochmal ein polizeiliches Führungszeugnis und meinen Ahnenpass. Schickt mir dann beides so schnell wie möglich. / Dann wollte ich mal leise anfragen, ob der Babo vielleicht ein paar Punkte (Kleidermarken) für ein Hemd übrig hat, ich würde mir nämlich gern ein Hemd für die Uniform kaufen, mit geschlossenem. Kragen und Krawatte. Natürlich nur, wenn er die Punkte gut entbehren kann, denn das Hemd ist durchaus nicht notwendig für mich. / So, das wär alles für heut.

Das war am 1. Februar. Ich ergehe mich vorbildlich in angemessener Unteroffiziers- Ausdrucksweise. Am 3. schreibe ich schon wieder: „Die beiden Päckchen sind heute angekommen. Nun kann ich also endlich mal meine Wäsche wechseln. - Die Zigaretten kamen mir auch sehr gelegen. - Gestern war ich in „Peer Gynt“. Es war sehr sehr schön. Alex Golling spielte den Peer. Ihr werdet ihn vielleicht vom Film her kennen. - Er spielt ganz fabelhaft. Morgen gehe ich in die Operette „Wiener Blut“ u. am Samstag in „Maske in Blau“. Bald werde ich auch mal in die Oper gehen. Leide hat mich jetzt doch eine Erkältung gepackt und das nicht zu knapp. Schickt mir doch bitte meine Halbschuhe falls sie überhaupt noch einigermaßen salonfähig sind.“

Henrik Ibsens Peer Gynt von 1867 war ursprünglich ein Lesegedicht, dann auch ein Bühnenstück. (Schauspielmusik Edvard Grieg), ist eine kritische Auseinandersetzung mit norwegischem Nationalfolklore. (Griegs nationalromantische Musik passte schlecht dazu?). Die lügenhaften Identitäten des Bauernsohns Peer. - Alexander Golling (1905-1989) 1934 Berliner Volksbühne, 1938 Staatsschauspieler, Intendant München: „der braune Theaterfürst von München“. Nach dem Krieg „Belasteter“, sein Vermögen wurde eingezogen. 1950 wieder Auftritte in Filmen (Veit Harlan, Liebeneiner, Karl Ritter) in den 60ern auch im Fernsehen
„Wiener Blut“, komische Operette, Musik Johann Strauß 1899, Titel nach dem Konzertwalzer von 1873. „Maske in Blau“ Operette von Fred Raymond Berlin 1937; Raymond (1900-1954), österreichischer Komponist, gefördert vom Wiener Kabarettisten und Kunstsammler Fritz Grünbaum (1880-1941 KZ Dachau) erst Bankkaufmann, dann nur noch Musiker. „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“ 1926 ein großer Erfolg. Viele Weitere Schlager und Bühnenstücke: „In einer kleinen Konditorei“ 1929 im ersten (nachsynchronisierten) Tonfilm. Als Soldat schrieb er „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“ (gesungen von Lale Andersen). Nach dem Krieg zunächst Österreich ORF, dann Überlingen. 1951 „Geliebte Manuela“ Mannheim.

Waren meine Kraftausdrücke vom 1. „ausgewertet“ worden? Jedenfalls weiß ich am 5., dass ich mich mit den Bayrischen Rekruten nicht anlegen muss:Ihr Lieben! / Nun ist es also doch so weit. Heute oder morgen hau ich ab zur Bordfunkerschule nach Nordhausen im Harz. Ich wäre ja lieber auf die Münchener Schule gegangen. Stellt also die Postsendungen mal vorläufig ein.

Die „Münchener“ Luftnachrichtenschule befand sich in Pölking, km von München, was ich damals nicht wußte. AlsoNordhausen in Thüringen. In der Kreisstadt war im Zug der Aufrüstung die Boelke-Kaserne gebaut worden. Der Hauptmann Boelke war der zum Mythos verklärte Flieger mit den meisten „Luftsiegen“ gewesen, seine strategischen Regeln für den „Luftkampf“ hatten fortdauernde Gültigkeit, er war auch Ausbilder bis der Absturz nach einem Zusammenstoß 1916 seinem Leben ein Ende setzte. Die Kaserne beherbergte die Luftnachrichtenschule 1, zur Ausbildung hauptsächlich von Bordfunkern. Auf dem Flugplatz standen Paar Me111 und Ju 88 zur Verfügung.

Am 9. geht die erste Nachricht aus Nordhausen nach B.:Am 6. bin ich von München weggefahen. Um 17 Uhr war ich in Halle und habe dort noch einen Kameraden auf der Schule besucht. Gegen 24h00 war ich dann in Nordhausen und habe mich dort gleich in ein Hotel geschlichen um mich nochmal richtig auszuschlafen. Ich brauchte nämlich erst am nächsten Tag um 18 Uhr 00 in der Schule zu sein. Ich hab dann also bis Mittag gepennt, dann gut gegessen und mich darauf in der Schule gemeldet. - Unser Lehrgang besteht aus lauter Funkunteroffizieren. Morgen wird wohl die Arbeit losgehen. Da werden wir allerhand ochsen müssen, von morgens 6 ½ bis 9 Uhr ist Dienst, dazwischen 2 Std Mittagspause. Die Verpflegung könnte allerdings besser sein. Wenn wir mal ans Fliegen kommen, wird es auch wieder besser. Wenn Ihr mal Reisebrotmarken übrig habt, dann könnt Ihr mir die schicken für Brötchen und Kuchen.“ Am 15. brauche ich meine Aktenmappe aus B. um meine „ Schulbücher darin zu verstauen“. Außerdem soll mir mein Postsparbuch mit roter Ausweiskarte aus der Schublade meines Schreibtisches geschickt werden, und die Musch will mich auf der Rückreise aus Berlin nach B. in Norhausen besuchen:

In einem Brief an meine „große“ Schwester Hilles berichte ich am 16. ausführlicher über meine neue Umgebung: Beinahe hätte ich vergessen, dass in Babelsberg auch noch jemand auf Post von mir wartet. Jetzt habe ich schon 10 Briefe geschrieben und 4 muss ich noch. Dann ist aber auch der Sonntagmorgen flöten. Heute Nachmittag mache ich dann noch meine „Schulaufgaben“ und dann geht es raus zum tanzen oder ins Kino. - In der Woche komme ich kaum zum Schreiben, und da sammelt sich dann immer allerhand für den Sonntag an. - Gestern habe ich nun endlich mal wieder einen anständigen Füller erworben für 12 M, sodass die Schreiberei jetzt auch etwas flotter geht. Man ist ohne Füller ganz aufgeschmissen hier, denn man muss einen Haufen Stuss schreiben. / Unser Tageslauf beginnt um 5h30 mit dem Wecker. Um 6h45 beginnt der Dienst, der fast nur aus Unterricht besteht: Navigation, Erdkunde, Wetterkunde, Gerätelehre, Funken, Betriebslehre usw. Mann rennt mir der Aktenmappe unterm Arm von einem Lehrsaal in den anderen, genau wie in der Penne. Um 12h ist dann Mittagspause bis 14h. Dann geht der Laden weiter bis 18h. Um 20h bis 21h ist dann noch Arbeitsstunde zur Ausarbeitung des Gelernten. Die „höhere Mathematik“ kommt mir hier doch sehr zu gute, bes. bei der Navigation, Kurs berechnen usw. Mit der Physik ist es genau so. / Nach 14 Tagen werden wir einer Prüfung unterzogen und werden dann den Leistungen entsprechend in die verschiedenen Ausbildungsstufen eingeteilt. Da wir doch fast alle schon eine gewisse Ausbildung haben, brauchen wir auf diese Weise wenigstens nicht mehr die gesamte Ausbildung mitzumachen. - So jetzt weisst Du also so ungefähr Bescheid. / Das Die Musch Euch besuchen will, ist ja ganz prima, und dass sie mich gleich auf dem Rückweg auch „heimsuchen“ kann ist Knorke. Hoffentlich kann sie ein paar schöne Tage bei Euch verbringen. - Mit Fliegeralarm habt Ihr also nicht mehr viel zu tun? Wir haben hier schon verschiedene Male im Keller gesteckt. Skatspielenderweise,. Die Wirkung zeigt sich dann immer am nächsten Tag, bes. wenn der Unterricht nicht ganz so interessant ist. / Gestern hab ich mir ein dickes Buch bestellt und zwar „Scotland Yard“ die Geschichte der englischen Polizei. Ich hatte bereits einmal drin gelesen und das Buch hatte mir sehr gut gefallen. Allerdings kostet es ganze 9,50 M. Doch was ist das schon für einen mitteleuropäischen Gehaltsempfänger, der auf Staatskosten lebt. / Ihr Seid jetzt also auch Rundfunkteilnehmer geworden mit dem Kleinempfänger. Ich werde mir das Ding vielleicht auch noch überlegen. Man kann es so schön im Koffer mitnehmen wenn man, wie ich, dauernd auf Reisen ist, und ohne Radio ist das Leben einfach besch...eiden. Man traut schon seiner eigenen Uhr nicht mehr, zum Zeitungslesen ist man auch zu faul und erfährt also nix neues mehr. / Mensch, jetzt ist aber Feierabend./ Heil u. Sieg-„Scotland Yard“ A. L. Philipp, Leipzig Esche Verlag 16.-25. Tausend 1940 (1.-5- Tausend 1939) Banderole: „Auch das ist England“. Auch nach dem Krieg wieder aufgelegt u.a. i. d. Volksbücherei Stuttgart. „..spannend geschrieben...“ heißt es im Klappentext.

Ich schreibe auch schnell an die Eltern: Das ist nun der 12 Brief und der Sonntagmorgen ist bald dahin. Gestern kamen Ahnenpass und Steuerkarte. Das pol. Zeugnis ist auch da. Vorläufig hab ich ja nun keine Verwendung dafür denn die O(ffiziers-).A(nwärter-). Sache schläft auf der Schule so ziemlich. (gottseidank) Einen Füllhalter habe ich mir gestern erstanden für 12 M. Ihr braucht Euch also nicht mehr zu bemühen. Ein Glück, dass ich wieder so ein Ding habe. Solltet ihr schon einen gekauft haben, so schickt ihn ruhig her, ich werd ihn schon los. - Denkt Ihr auch an die Aktentasche u. das Postsparbuch? Ich muss meine ganzen Bücher u. Hefte immer so mit rumschleppen. / Meine Gehaltssache wird ja nun wohl auch so langsam in Fluss kommen. Die Steuerkarte geht heute weg. Ihr werdet dann auch sofort das Geld zurückbekommen, es waren doch 57 Mark? / Gestern habe ich mir auch das Buch bestellt aus der Geschichte der englischen Polizei, wo ich damals schon von sprach. - Mein Offz.Anw. Buch könnte ja nun auch allmählich mal erscheinen. Augenblicklich habe ich es ja nicht nötig. Jedoch könnte ich mir schon einiges draus aneignen. Eben dämmert es mir, dass die Musch ja schon auf der Bahn sitzt, wenn der Brief ankommt. Dann ist er halt nur für Dich, l. Babo. / Eben habe ich auch einen längeren Brief nach Babelsberg geschrieben. Der wird ja dann wohl mit der Musch dort sein, denn die Post geht hier sehr schnell. / ich muss nun schon Schluss machen, denn ich habe Kohldampf u. vor dem Essen muss ich noch den 13. und 14. Brief schreiben. / Herzl. Gruß / E. / die Brotmarken habe ich natürlich auch bekommen

Acht Tage später kann ich einen kurzen Brief nach Berlin noch gerade eben „herausschmuggeln“, denn wir sind wegen Scharlach in der Kaserne auf der Stube „interniert“ und schreiben ist auch verboten. Es sieht so aus, als würde aus Mutters Besuch nichts werden. Aber am 26 scheint es, als würden wir am folgenden Freitag entlassen und dann stünde dem Besuch nichts im Weg: Wenn Du in Nordhausen aus dem Bahnhof rauskommst, siehst Du direkt auf der anderen Seite des Platzes rechter Hand ein Hotel. Dort kannst Du gut und preiswert unterkommen. Ich habe dort auch schon geschlafen. / So, dann wär ja alles für den Fall des Falles geregelt. Auch wenn Du schon auf Grund meines vorhergehenden Briefes andere Entschlüsse gefasst haben solltest, komm, wie Du auf der Karte geschrieben hast. / Ich bin zu erreichen unter: Luftnachr. Schule Nordhausen, Nebenanschluss 172. / Meist werden aber nur Ferngespräche vermittelt. Falls Du mich hier aufsuchen solltest, so bin ich in der 1. Komp. Block II. (Nebenanschl. 172). Am Apparat meldet sich unser U.v.D. (Unteroffz.vom Dienst) Du musst mich dann an den Apparat holen lassen“. Der Besuch gelingt. Am 4. März 1941 schreibe ich nach B:

Über Dein Briefchen, dass ich gleich am nächsten Tag erhielt, habe ich mich schrecklich gefreut. Über die 2 M (die die Musch bei der Bahn hat zahlen müssen) ja weniger. Hoffentlich bist Du gut nach Hause gekommen. - Heute kamen von München meine Papiere von der Gehaltssache. Ich soll alles hier einreichen, damit mir mein Gehalt hier ausgezahlt werden kann. - Das hätten die blöden Säcke sich freilich früher überlegen können. - Wenn der Babo kann, soll er mir doch gleich noch mal etwas „Zaster“ schicken, aber nur, wenn er es gut entbehren kann. Ich werde die Sache hier so gut wie möglich beschleunigen.“ Das gewünschte Geld kam richtig zum Wochenend-Ausgang. Ich „freue mich schon schwer aufs Fliegen“. Leider wird nichts draus: Am 9. März schreibe ich nach B: „Stellt Euch vor, heute sollten wir fliegen und da hat nun wieder so ein Idiot von unserer Stube Scharlach bekommen. Wir platzen fast vor Wut und unsere Kameraden brummen oben in der Luft rum. So ein Pech habe ich ja nun noch nie gehabt und dazu noch auf Sonntag in der Stube hocken. Natürlich werden wir auch wieder sehr viel im Unterricht versäumen, denn da geht es jetzt mit Riesenschritten vorwärts. - Na, Schwamm drüber. Unseren Quarantäneeröffnungsskat haben wir schon gespielt. Es werden sicher noch etliche folgen. / Das Geld ist gestern genau richtig zum Ausgang angekommen. Erst hab ich mir den Bauch voll Kaffee mit Kuchen geschlagen, und dann bin ich in‘s Hotel gegangen, wo Mutter gewohnt hat und habe Lungenhaschee gegessen. Das hat mal wieder für ein paar Stunden gereicht. Sonst ist nichts Neues zu berichten.“

(wird fortgesetzt)