Briefe Christian Dinkelacker (1836-1911,Seidenwebermeister) aus Mulhouse und Paris nach Sindelfingen bei Stuttgart

 

Mühlhausen den 2.Okt. 1866

Liebe Mutter u. Schwester!!

Es ist nun ein Monat, seitdem ich Euch verlassen habe um den Zweck meiner Bestimmung im Auslande weiter zu verfolgen , ich will Euch nun hiermit berichten wie es mir seither ergangen u es jetzt steht.

Wir reisten Dienstag Morgen von Stuttgart ab, wo wir bis Mühlacker in den badischen Zug überstiegen welcher uns bis Carlsruhe führte wo wir ausstiegen u uns ein wenig restaurierten darauf ging es weiter bis nach Kehl wo wir nach 12 Uhr ankamen Dort blieben wir einige Stunden von dort aus fuhren wir mit dem 4 Uhr Zug nach Straßburg über den Rhein, hier blieben wir einen Tag wo wir die Sehenswürdigkeiten Straßburgs besuchten, besonders das Münster mit der Meisterhaften Uhr war mir sehr interessant, von da reisten wir den anderen Tag Mittags nach 12 Uhr ab wo wir bis Schlettstadt miteinander fuhren u. der Kreyscher seitwärts mußte. Abends 5 Uhr kam ich hier an, ging in einen Gasthof wo ich die ersten Tage dann zugebracht, des anderen Tages ging ich mit meinen Empfehlungsschreiben zu den betreffenden Herren beim ersten war es nichts, beim 2 hätte ich arbeiten können auf Weberei vor allem glatte Waren aber es gefiel mir nicht dort sodann ging ich weiter zu einem Dessinateur an den ich auch ein Schreiben hatte, der führte mich in Gesellschaft Anderer derselben Branche wo ich durch dessen Vermittlung in ein Zeichenatelier eingeführt wurde wo man mir Alles zeigte wie u was sie arbeiten u zu was es bestimmt ist, dieses Zeichnen ist wieder ein ganz anderes es ist meistens für die Druckerei was hier großartig betrieben wird. Dieser Herr dem das Atelier gehörd verständigte sich mit mir um mich aufzunehmen folgendermaßen: ich solle einstweilen einen Monat Versuch machen wie es mir gefällt ich könne dann immer wieder thun was ich wolle; gefalle es mir so solle ich doch ein Jahr zum wenigsten hier bleiben bis ich gründlich durch sei, die Arbeiten die ich mache gehören mein für welche ich nicht bezahlt bin, das ist freilich wieder eine harte Lehre in einem Land wo Alles noch theurer ist als in Deutschland, ich muß aber sagen es gefällt mir sehr gut u was ich hier noch lerne ist die Hauptsache für mein ganzes Leben, es ist nach meinem Wunsch gegangen, in dieses Fach hätte ich schon längst mögen, wir machen hier Desssins die mancher der es noch nicht gesehen hat glaubt Menschenhände könntens nicht machen; sie werden gemalt mit den verschiedenartigsten Farben, bald nach der Natur, bald Fantasie, so wie nach Original u Ornamenten. Wenn ich diesem nun gewachsen bin so kann ich mich überall durchbringen u auf höheren Lohn Anspruch machen denn dieses wird noch gut bezahlt besonders in Frankreich, hier haben Dessinateurs von 5 -10 000 Franken per Jahr, wenn dieses Jahr um ist so komme ich nach Paris was mir die Centralstelle schon geschrieben hat ich habe Ihnen Alles schon berichtet, worauf Sie mir gleich Antw. gaben, mit diesem daß ich ein ganzes Jahr ohne Verdienst sein sollte wollten sie nicht recht mit einverstanden sein, sie wollten die mir verwilligte Summe von 300 fl (Gulden? ks) nicht überschreiten (es wird auch nach Sindelfingen gekommen sein zum unterzeichnen) aber sie müssen doch, es ist wirklich der Herr hier der mir dieses Schreiben mitgab auf dessen ich hieher kam , er besuchte mich schon u sah nach was ich arbeite, er fragte mich über Alles u somit sagte ich ihm daß die Centralstelle nicht so ganz mit einverstanden sei dann sagte er mir ich soll ruhig sein er wolle schon mit den Herren sprechen wenn er zurück komme, u meine Zeichnungen solle ich Ihnen zusenden von Zeit zu Zeit, damit sie sehen was ich lerne u leisten kann dann gehe es schon

Wenn der Ch. Wagner noch zu Hause ist so könnt Ihr ihm sagen, daß es hier gerade für ihn nicht so passend ist vielleicht in der Umgegend besonders von Kreyscher in St. Marie aux mines (Markirch) diesem geht es gut er verdient ordentlich oder auch in Thann u wenn er über die Grenze geht überhaupt wenn er fortgeht außer Deutschland so solle ers auch machen wie wir u soll sein Gepäxk als Passagiergut mitnehmen es ist auf der Grenze besser wenn man dabei ist sowie auch beim Fahrt wir wären in Mühlacker sitzen geblieben wenn ich nicht unsere Koffer gesehen hätte in den badischen Zug zu führen denn wir glaubten wir kämen nach Bruchsal ich habe aber auf meiner Karte gesehen die ich in Stuttgart kaufte daß es richtig ist u daß diese Bahn noch nicht lange besteht, auch soll er in Stutgart visieren lassen denn in Württemberg kostet es nichts mehr in Baden und in der Schweiz müßte er doch u da kostets noch 5 Franken.

Ich bin seither immer gesund u hoffe daß Ihr es auch seit u bleiben möget. Schreibt mir bald wie es auch steht u was man von dem Frieden spricht hier hält man nach den Blättern nicht viel darauf man glaubt daß noch Frankreich hinter Preußen kommt denn es rüstet sich alles es muss jetzt auch alles Soldat sein wie in Preußen die Franzosen schimpfen tüchtig darüber besonders über Bißmark

Wenn Ihr mir schreibt so könnt Ihr die Adresse nicht schreiben, dann müßt Ihr zu jemand anders, wenn Ihr Herrn Reallehrer ersucht darum dann schreibt er Euch, ich grüße Ihn auch herzlich u könnt ihm sagen wie es mir geht

Auch müßt Ihr Euch erkundigen auf der Post was ein Brief hieher kostet wahrsch: 9 kr, 3 3-kr Marken

Herzliche Grüße an Euch Alle von Eurem dankbaren Sohn u Bruder C. Dinkelacker auch an Alle die nach mir fragen besonders auch Heinrich Ruoff ich hätte ihm gerne geschrieben aber ich habe viel zu thun weil ich auch in der Zwischenzeit arbeite (später) meine Adresse:

C Dinkelacker

chez Mons. Littig maître boulanger

rue de l'arsenal

à Mulhouse

 

Mulhausen den 29 Jan 1867

Theuerste Mutter und Schwester!

Euren lieben Brief habe ich erhalten welcher mich sehr freute , ich will Euch nun hiemit weiteres mittheilen wie es mir bisher gegangen u jetzt steht.

Ich habe absichtlich so lange gezögert um eine Zeit abzuwarten wo ich Euch mehr mit Bestimmtheit meine Verhältnisse beschreiben kann; ich kann sagen ich habe seither manche Schwierigkeiten zu bekämpfen gehabt, so daß mir so gar manchmal verdrießlich wurde, denn die Sorgen haben mich noch nicht verlassen; hingegen das Glück auch nicht ists oft nicht im Augenblick so ists doch wenns nöthig ist.

Die königl. Centralstelle wollte in der ersten Zeit nicht recht daran mich auf so lange Zeit zu unterstützen sie meinten so gar ich solle wieder zur Weberei gegen welches ich aber bei ihnen heftig protestierte u schrieb daß wir Webmeister genug haben aber keine tüchtigen Dessinateurs u im Fall könne ich ungeachtet dessen auch eine jede Webermeisterstelle übernehmen ich scheue mich nicht davor, es ist mir blos weil die Webmeister meistens schlecht bezahlt sind, so hatte ich einige Monate mit ihnen einen Federkrieg, u ich schrieb ihnen manchmal so die Meinung daß ich oft selbst mich von ihnen verlassen glaubte, ich schickte Ihnen einigemal meine Arbeiten wo sie sich jedesmal sehr zufrieden äußerten, u zuletzt richtete mein Prinzipal selbst an sie einen Brief worin er ihnen meine Leistungen schilderte, so daß sie selbst mir brieflich retourierten daß sie sich meines Fleißes u bereitwilligen Hingebung zum Lernen sehr erfreuen u sprachen zugleich ihren Dank aus bei meinem Prinzipal, für die Mühe die er sich mit mir gibt u es ist mit diesem soviel ich jetzt sehe der Weg zu meiner weiteren Ausbildung gebahnt worden, denn sie senden mir jetzt ohne Wiederrede jeden Monat francs 80 u ich kann sagen Gott verläßt mich nicht, auch bin ich sehr gerne hier denn ich bin im Hause meines Prinzipals sehr gut aufgenommen selbst wie eigen sie erzeigen mir manche Freude, selbst wo ich in die Kost gehe ist es so diese Frau ist von Strasbourg gebürtig u ihr Großvater ist von Sindelfingen sie heißen Broß als sie den Namen meines Geburtsortes hörte wußte sie nicht vor Freude was sie sagen sollte, denn sie sagte ihr Großvater habe ihr schon viel davon erzählt auf diese Weise bin ich hier bald ganz eingebürgert.

Was die Bedürfnisse des Menschen betrifft so ist hier alles sehr theuer, die Logie in der ich zuerst war kostet mich 22 francs per Monat meine jetzige kostest 14 francs u so ists mit der Kost ausgenommen der Wein, das Bier ist auch theurer, das Brod u. Fleisch ebenso es wird hier sehr viel Pferdefleisch gegessen für welches eigene Metzger sind, hier ist der Reichthum sehr groß aber auch die Armuth, je größer u mehr Fabricken desto mehr Arme gibt es ebenso sind diese Leute noch in sehr traurigem Zustande es können die Meisten nicht lesen u schreiben es ist kein Zwang in den Schulen eingeführt sie sind so gewöhnt sobald ein Kind etwas verdienen kann so muß es in die Fabrick u da bringen sie ihr Leben zu bis sie nicht mehr können, deshalben auch unter ihnen noch sehr rohe Leute gibt das läßt sich denken was man von solchen Pflanzen für Früchte erwarten kann.

Auf den Sommer gedenke ich daß ich nach Paris in Ausstellung kommen werde auf welches ich mich freue.

Nachträglich wünsche ich Euch ein gesegnete neues Jahr, Gesundheit u Alles was Eure Bedürfnisse sind.

Herzliche Grüße an Verwandte u Freunde indem ich verbleibe Euer dankbarer Sohn und Bruder grüße ich herzlich

C Dinkelacker

ich bitte meine Adresse immerhin hieher zu richten

C Dinkelacker

chez Mons. Louis Schoenhaupt

Dessinateur

rue de la loi

à

Mulhouse

Alsace

 

Mulhausen den 27 Aug. 1867

Liebe Mutter u. Schwester!

Euer Schreiben vom 7. April d. J. Habe ich erhalten aus welchem ich ersehen habe daß bei Euch alles seinen alten Gang geht u daß Ihr vor allem gesund seid.

Ihr werdet seither manchmal auf einen Brief von mir gewartet haben, aber ich habe absichtlich so lange nicht geschrieben, es ging mir wie Ihr in Eurem letzten Briefe geschrieben habt. Ihr habt nichts besonderes gewußt es ist zwar gut wenn nichts besonderes vorfällt wenn man aber immer so denken würde könnte bald die glückliche Zeit ein zur Vergessenheit seiner eigenen bringen, welches man nichts anderes zuschreiben könnte als der ungefährteten Geschicke Gottes.

Da ich nun wie Ihr wißt ein Jahr hier bin, so sehe ich wieder einer baldigen Änderung entgegen, welche, wenn die Geschäfte besser gingen, schon stattgefunden hätte, mein Prinzipal hat schon 6 Briefe an verschiedene Häuser nach Paris geschickt um mir dort einen Platz zu verschaffen, von denen wurden 4 beantwortet, daß es unmöglich ist wirklich einen Platz zu bekommen u daß trotz der großen Weltausstellung auf die sich die Leute so viel versprochen haben, auch keine klänzende Geschäfte gemacht, man weißt im allgemeinen nicht wo es hebt (westsüddeutsch für „hält“ ks) und fehlt, die großen thun als ob sie auf freundschaftlichen Füßen miteinander stünden u dennoch entwaffnen sie sich nicht , alle Arsenale u Zeughäuser sind aufs strengste beschäftigt mit Kriegswerkzeugen so daß man wollt glauben die ganze Welt komme hintereinander (gehe aufeinander los ks) u. wenn man alles betrachtet, so rührt es blos von ein paar Menschen ab, die das Volk an der Nase herum ziehen, u spielen damit wie es ihnen beliebt, der Ehrgeiz derjenigen ist nicht gesättigt u anstatt das bessere Zeiten kommen sollen die versprochen werden von denjenigen, desto mehr belasten sie das Volk mit Steuer u machen die Länder zu Kassernen, anstatt daß das Volk arbeiten kann muß es exerzieren u Soldat sein bereits eine Lebzeit das sieht man jetzt in Deutschland, man mag hinkommen wo man will u so begehren die Leute nichts anderes als arbeiten besonders in den großen Fabrikstädten, wenn sie nichts zu arbeiten haben, haben sie nichts zu essen.

Dieses habe ich auch der Centralstelle berichtet, welches sie zwar selbst auch wissen, ich habe sie schon zum voraus berichtet, daß ich nach Paris wolle womit sie einverstanden waren als aber diese Nachrichten kamen, nahm mein Prinzipal alle diese Briefe zusammen u schickte sie ihnen worauf sie mir dann erwiederten, daß ich einstweilen bleiben solle, es werde ein Mitglied von ihnen der wirklich in Paris ist über hier gehen u werde mich aufsuchen damit man sich besprechen könne über meine fernere Beschäftigung , dieses kann anfangs Sept. stattfinden, vorerst kann ich noch nichts sagen wie es geht, ich werde Euch dann später das nähere schreiben.

In Eurem letzten Brief fragtet Ihr mich ob ich auch Nebenverdienst habe, so kann ich Éuch sagen, daß ich seither noch keinen Kreuzer verdient habe ich wollte u könnte es auch nicht, ich bin froh wenn ich meiner eigenen Sache nachkomme u wenn ich in meiner Fremde auch wieder nichts davon schlage als nur meinen gesunden Körper so bin ich zufrieden, viele andere haben auch nicht mehr, den seitdem ich für diese Sache berufen bin habe ich kein Glück was die Zeiten anbelangt, denn jedesmal wenn ich einen Schritt weiter gehen will, liegen die schlechten Zeiten im Weg, u wenn es noch lang so fortgeht, so gebe ich die Hoffnung auf.

Ich habe auch noch nie meine Gevatterleute (meinen Verwandten ks) geschrieben, wenn Ihr einmal Gelegenheit habt oder daß Ihr Ihnen schreiben wollt so lasse ich sie herzlich grüßen u später wenn ich mehr Luft habe will ich selbst schreiben.

Mit der Hoffnung beseelt, daß Ihr Euch gesund und wohl befindet grüße ich Euch herzlich, sowie auch alle welche nach mir fragen

C Dinkelacker

Da Du liebe Schwester die letzte Adresse selbst geschrieben u so ziemlich richtig ist; so will ich es Dir doch besser erklären

(Herrn) heißt Monsieur, u abgekürzt Mons;)

C Dinkelacker

(Herrn) Mons. Louis Schoenhaupt im deutschen Ludwig Schönhaupt

dessinateur) heißt (Zeichner oder Dessinzeichner

(rue ) heißt ) Straße

(rue de la loi ) heißt (Gesetzgasse oder -Straße)

Mulhouse) heißt (Mühlhausen)

Elsaß) heißt (Alsace)

Frankreich ) heißt (france)

jetzt braucht man aber nicht zugleich Alsace u france hinschreiben das wäre lächerlich , man schreibt blos eins bei weil noch mehr Mühlhausen giebt, aber nicht in Frankreich oder in Elsaß verstehst Du's?

 

20 Sept. 1867 Poststempel Heidelberg/ Stuttgart

Fehlt ein erster Teil der Seite …

Ich gehe auch zugleich nach Paris um Beschäftigung zu suchen, erhalte ich deren nicht, so weiß ich noch nicht wie es geht.

Es ist noch nicht lange daß ich Euch geschrieben habe aber die Antwort davon ist noch nicht gekommen, darauf könnte man lange warten es macht zwar nichts im Augenblick bin ich ruhig weil ich auf ein verzögertes Schreiben die Hoffnung hege daß nichts bedeutendes u gefahrvolles vorgefallen ist, sollte sich in der kurzen Zwischenzeit etwas besonderes zutragen so könnt Ihr Euer Schreiben hieher senden unter der gleichen Adresse wie bisher ich bekomms doch, wäre es aber nötig u. pressant so schickt Ihrs nach Paris unter der Adresse:

Monsieur

C Dinkelacker

Bureau de Wurtemberg

rue de Grenelle St. Germain No 218

Paris

Wenn ich dort bleibe so werde ich Euch schon schreiben u meine eigene Adresse geben.

Einstweilen bin ich sehr froh daß so geht ich komme doch wenigstens jetzt in die Weltausstellung, was mir auch wieder großer Nutzen ist.

Lebet indessen wohl u gesund und indem Euch herzlich grüße so verbleibe ich (Loch wo die Briefmarken umseitig aufgeklebt waren...ks)

Euer dankbarer Sohn und Bruder

C Dinkelacker

geschrieben in Eile

 

Paris, den 15. Okt: 1867

Liebe Mutter u. Schwester!

Meine Abreise von Mülhausen sowie meine Anwesenheit in hiesiger Stadt wird Euch von meinem letzten Schreiben bewußt sein, ich will Euch nun hiermit genauer mittheilen wie es jetzt bei mir steht.

Ich hatte schon lange den Wunsch die große Weltausstellung in diesem Jahr zu sehen, diesem zufolge hatte ich, trotz meiner Stellung u. Der Gelder die für mich verwendet wurden u. Welche jetzt mehr ausmachen als noch für mich verwilligt wurde, nochmals Eingaben bemahct um Unterstützung für diesen Zweck, zu welchem mir 300 francs ohne Anstoß abermals geschickt wurden, ich bin nun 3 Wochen hier und habe in den ersten 14 Tagen meistentheils meine Zeit in der Ausstellung zugebracht, ich kann es Euch nicht beschreiben wie manigfaltig u. Großartig die Ausstellung aller Nationen ist, man sieht alle Erzeugnisse der ganzen Erde, alles was die Menschen überall arbeiten u. Hervorbringen u. Alle Nationen untereinander gerumlaufen ; man sieht Russen, Türken, Egypter, Neger, kurzum alle Menschen Rassen in ihren Costümen, in der Ausstellung selbst kann man essen und trinken bei allen Nationen bei jeder nach seiner Art, bei den Egyptern bekommt man zum Bier welches ein verschlossenes Krüglein ist einen Strohhalm durch welchen man das Bier heraussaugen muß die anderen haben wieder andere Arten u so geht’s fort, dann ihr Theater u. Gesang der wilden , Türken u andern Nationen das ist ganz zum lachen da muß man lachen u wenns einem nicht drum ist, aber alles kostet Geld der Eintritt in die Ausstellung kostent von Uhr morgens 1 Franken dann kann man bleiben bis Nacht 10 Uhr, man kann alles haben was man zu essen und zu trinken wünscht aber bloß sehr theuer, ein Schoppen Bier nach deutschem Geld kostet 12-15 kr u. Wenn man mittagessen will ein wenig ordentlich so kostet es gleich 4-6 Franken u. Dann kommt erst noch der Kellner, es ist in Paris so der Mode daß man überall wenn man einen Schoppen Bier trinkt dem Kellner auch 2 oder 3 Kreuzer geben muß, gibt man nichts so bringt er ein andermal nichts mehr wenn man kommt, es gibt hier Kellner welche nicht bezahlt sind, sondern bezahlen noch ihrem Herrn für den Platz den sie haben, das ist aber nicht überall so man muß sich nur auskennen. Als ich hierher kam logierte ich in einem Hôtel wo ich 5 Franken per Tag bezahlen mußte aber bloß fürs Zimmer. Kaffee, 1 Franken Mittag 3 fr. Machts 21/2 fr so dass ein jeder Tag mit Besuch der Ausstellung auf 12-15 fr zu stehen kam u. Das ist noch nichts besonderes, hier blieb ich 10 Tage bis ich mir eine weitere Aussicht verschafft hatte.

Ich bin in der Absicht auch hieher zugleich mit dieser Gelegenheit in eine Stelle einzutreten um hier zu blciben, welches auch der Centralstelle ihr Wunsch war u. Was mir auch gelang, ich arbeite nun hier in einem Zeichnungsatelier u. Verdiene was ich brauche, ich bin jetzt ganz befriedigt, es ist mir nach Wunsch gegangen, obgleich ich manches schwierige zu bekämpfen hatte so ließ man mich doch nicht fallen, ich habe bekommen was noch keiner meiner Kollegen, ich ließ nur nicht nach, und mit Muth und Kraft besiegte ich alles was mir noch so hart im Wege stand.

Was die Stadt Paris anbelangt, so ist es eben alles großartig u. Zwar so daß sich Niemand keinen Begriff davon macht der nicht schon größere Städte gesehen hat, lauft man die Straßen u. Betrachtet die Paläste so kann man nicht genug bewundern für? Die reiche und schöne Arbeit besonders in unserer Zeit. Napoleon will wo nur enge Straßen sind, alles zusammenreißen u. Zu schönen Anlagen u. Freien Plätzen machen u. Besonders aus diesem Grunde im Fall eine Revolution ausbrechen würde daß das Volk keie Parikaden bauen kann es wird alles so gebaut u. Gerichtet, daß man von vielen Plätzen wo man sich hinwendet bis auf halbe und ganze Stunden in gerader Linie in die Stadt sieht, so daß alle Straßen auf einen Punkt zusammenlaufen und kreuzen, hier hats Straßen von 2-21/2 Stunden lang so daß man sich müde läuft in einer Straße , ich bin schon bereits in der halben Stadt theils gelaufen u. Theils gefahren, u. Habe schon viele Merkwürdigkeiten gesehen, mehrer Kirchen, u auch schon inwendig das kaiserliche Palais? So könnte ich noch vieles schreiben aber ich habe keinen Raum mehr ein andermal. Schreibt mir jetzt auch einmal u. Laßt es nicht so lange anstehen.

Ich grüße Euch alle herzlich u. Verbleibe Euer dankbarer Sohn und Bruder C. Dinkelacker.

Meine Adresse ganz genau nach diesem welchem Ihr gut schreiben könnt: (in lateinischer Schrift ks)

Monsieur C.Dinkelacker

Hôtel des Acacias

rue feutrier No 11

Monmartre

Paris

Wenn ich einmal mein Ziel erreicht habe u. Der Sprache mächtig bin dann kehre ich in meine Heimat zurück. Vergangene Woche habe ich auch Herrn Groß von Berg in der Ausstellung getroffen, es hatte uns beide sehr gefreut u. Er hat ich eingeladen ihn in seinem Hôtel zu besuchen, was ich zweimal gethan habe er hat mir Glück gewünscht u. Ich soll hier nur eine Zeitlan bleiben.

 

Paris den 16 Febr. 1868

Liebe Mutter und Schwester!

Euren werthen Brief vom 20 Okt. vorigen Jahres mit der beigelegten Photographie meiner lieben Schwester habe ich richtig erhalten, es freute mich außerordentlich als ich Dein Bild sah u wie es so gut getroffen ist, ich würde u habe schon öfters gewunschen von Vater und Mutter dasselbe auch zu haben, aber eines ist nicht mehr mehr (schwäbische Verdopplung? ks) möglich, wenn es aber der Mutter möglich ist dasselbe noch zu thun so möchte ich Euch bitten es nicht zu versäumen.

Aus Eurem Schreiben habe ich weiter ersehen daß Ihr Euch gesund und wohl befindet, was mich sehr beruhigt, daß die Christ. Base (Lase?) gestorben ist war nicht anders mehr zu hoffen, aber bei Seemüllers Wilhelm das zu bewundern (ist das verwunderlich ks) und sehr schwer für die Mutter besonders auch in Hinsicht ihrer Tochter und deren Mann, ich war mehrere Mal mit ihm zusammen aber nie hat er mir gefallen ich sagte Niemand nichts davon ich dachte es für mich, er war immer in dem was er redete verschraubt u in den Blicken zerrissen was ich sobald wahrnahm u wie ich voran sagte nie gefiel. Im ganzen genommen hat die Seemüllerin kein Glück mit ihren Kindern, grüßt sie freundlich u daß ich sehr Antheil an ihrem Schiksal nehme.

Daß Heinrich Ruoff verheiratet ist, freut mich u grüßt mir denselben mit freunschaftlichem Glückwunsch

Wie Du mir weiter schreibst von Vetter in Calw u Tante in Esslingen Grüße u. von Weil im Dorf daß ich überhaupt nichts hören lasse das macht mir gar nichts es ist das beste wenn mans so macht. Wenn ich alle denen schreiben müßte wie sies wünschen, so hätte ich nur zu arbeiten für Brief-Porto ich habe so ohnedies genug zu schreiben u zu dem habe ich vor etwa 2 ½ oder 3 Monaten nach Weil im Dorf geschrieben, worauf ich bis heute noch keine Antwort habe, mir ist zwar eins (egal ks) denn diese schreiben am Ende doch auf Schulpapier u nehmen ein Convert mit 9 kr so daß der Brief zu schwer wiegt dann kostet er mich hier noch einmal 14 kr nach deutschem Gelde , was mir schon ein paar mal vorgekommen ist, das beste ist, wenn man solche Briefe hat man trägt sie unfrankiert auf die Post u fragt was sie kosten sodann giebt man einem die Marken und klebt sie darauf dann ist man sicher . Dein letzter hat auch hier noch 17 kr gekostet er war etwas zu schwer u man fühlte dass eine Karte darin war, da gehört auf die Adresse geschrieben Photographie, was im Brief noch enthalten ist heißt das nun etwas besonderes darin ist, bei gewöhnlichen Briefen natürlich nichts es macht jetzt bei Deinem nichts Du hättest doch müssen noch 9 kr auf die 9 bezahlen, aber wenn die Leute sparen wollen u schreiben auf Kuchenpapier u denken man siehts nicht es kommt ja in ein Couvert dann hat dasjenige dreifach zu zahlen wo erhält (schwäbisch für hat derjenige dreifach zu zahlen der ihn erhält ks).

Was mich anbelangt bin ich immer Gott sei Dank gesund u geht mir gut. Die Centralstelle thut seitdem ich hier bin immer noch mehr, da sie sahen, dass ich durchsetze sie haben mir seitdem ich hier bin mit meinem Reisegeld zusammen wieder 500 francs geschickt erst vor acht Tagen wieder 100 fr, ich glaube daß nicht einer so viel bekommt als ich aber ich kenne meine Leute u weiß sie zu behandeln ich schreibe ihnen Briefe daß sie nicht anders können als sie müssen Geld schicken ich lebe hier nicht kärglich ich lasse mir nichts abgehen, besonders da ich in Mühlhausen zusehr spärlich leben mußte sie schicken mir hieher zu meinem Verdienst soviel als nach Mühlhausen ohne Verdienst, dort war ich zu sehr herabgestimmt ich hätte es nicht mehr lange ausgehalten, aber der Eifer u. Lernbegierde haben mir vieles helfen überwinden ich weiß für was ich strebte, was hätte ich wenn ich am Webstuhlkarren geklopft(? geschuftet) hätte, ich wäre so wie so alt geworden aber so daß ich jetzt hier bin u in den Größten Geschäften von Paris arbeite wo immer die neuen Moden gezeichnet werden das gibt mir erst einen Namen u ein Ansehen deßhalb kann ich auch bei den Herren in Stuttgart auftreten, u deßhalb lassen sie mich auch nicht fallen denn ich bin jetzt in ihrem Ansehen gekommen wenn ich nur erwähne, daß mir mangelt so wird gesorgt auch habe ich vor 14 Tagen meinen Platz gewechselt, ich bin in einem größeren Geschäft, das 3te in Paris, es sitzen hier 24 Zeichner, das wissen die in Stuttgart noch nicht. Wenn ich es ihnen schreibe, was in acht Tagen geschehen wird werden sie noch mehr überrascht ein da sie haben wollen, daß man nicht zu lange auf einem Platz bleibt weil überall wieder anders gearbeitet wird.

Ich habe auch vor einem Monat H. Gross in Stuttgart-Berg für 70 fr Entwürfe geschickt, die ich in der Zwischenzeit für ihn machte, er hat sie bestellt bei mir ich (Loch wo umseitig die Briefmarken waren...) noch keine Antw. erhalten Dieses alles thut mir gut denn … man es brauchen Ihr könnt Euch keinen Begriff machen wie … zu Grunde geht meine Kleider sind jetzt alle zwar … wird hier so schön gewaschen wie nirgends aber so schr... wie nirgends sonst es wird nicht mit der Hand gewaschen, die Wäsche wird geklopft u gebürstet und scharfe Sachen … geschüttet z.b. Klorkalk, Auch Kleider und Schuhe gehen zu streng überall hin stundenweit zu laufen da heißts aufgepaßt. was das Essen anbelangt lebt man in Paris meistentheils von Fleisch u Wein ich möchte euch nur wünschen, daß ihr auch von diesem Wein hättet er ist nicht theuer da ein Schoppen der bei euch bereits 11/2 Schoppen ist kostet 8 sous oder 12 kr er ist sehr stark so daß man im Anfang wenn man nicht gewöhnt ist nicht vertragen kann ich kann sagen ich trinke durchschnittlich täglich 4 Schoppen, man sollte nicht glauben wo die Nahrungsmittel alle herkommen für so eine große Stadt die mehr Einwohner zählt als ganz Württemberg an das kann ich mich am wenigsten gewöhnen daß die Leute hier alle das Fleisch lieber halbroh essen sie essen am liebstens wenns noch ganz roth aussieht u das Blut noch herausläuft das kommt alles von der Gegend her sie essen und trinken stärker u so leben sie auch. Für immer hier zu bleiben würde es mir hier nicht gefallen denn das Weltgewühl ist zu groß wenn man über eine Straße läuft ist man seines Lebens nicht sicher vor den vielen Fuhrwerken, Omnibussen und Chaisen in vielen Straßen muß man oft eine Viertelstunde warten bis man nur über die Straße gehen kann.

Einer baldigen Antwort entgegensehend grüße ich herzlich

C Dinkelacker

da ich vor kurzem mein Logis geändert habe will ich euch hiemit meine Adresse buchstäblich geben

in Eile

ich habe schlecht geschrieben heute werdet aber noch lesen können

Monsieur

C Dinkelacker Dessinateur

No 11 rue Poulet

Paris-Monmartre

 

Paris den 26 Juli 1868

Liebe Mutter und Schwester

Euer Schreiben vom 14 Juni habe ich erhalten, auf welches ich sehr lange wartete, ich hatte es mir inzwischen einigemale vorgenommen Euch zu schreiben woran es fehle daß mein Brief nicht beantwortet wird, aber ich unterließ es wieder weil ich dachte es werde nichts besonderes sein, aber dennoch solltet Ihr meine Briefe nicht so lange unbeantwortet lassen, da ich u Ihr nicht wissen könnt wo ich in so langer Zeit hinkommen kann, sodann wären solche Briefe verloren, natürlicherweise hinterlasse ich überall meine Adr damit ich immer zu finden bin.

Aus Eurem Schreiben ersehe ich daß Ihr immer gesund Euch befindet welches mich recht freut u sehr beruhigt, es wäre für mich keine Kleinigkeit wenn bei Euch solche unvorhergesehene Fälle eintreffen würden wie diese von welchen Ihr mir in Eurem Briefe davon geschrieben habt, über welche ich nicht wenig erstaunt war als ich es las, besonders auch von L. Bräuninger(?) u es scheint daß sie doch Anhänglichkeit hatte indem sie sich in einem benannten Schreiben nach mir erkundigt, auf diese Weise ist nun alles beerdigt. Für die Sophie bin ich selbst froh daß sie wenigstens versorgt ist, aber sie wird ihr spärliches Auskommen haben sie wird noch manches mal an mich denken, jetzt kann ich aber sagen, sie war für mich noch mein Glück, wäre es nicht so gegangen so wäre ich nicht ins Ausland gekommen es ist deshalb nicht alles fehlerhaft u wünsche ihr von Herzen daß es ihr gut gehen möge.. Was mich anbelangt, bin ich immer sehr gesund und der wirklichen (gegenwärtigen ks) und schon so lange anhaltenden Hitze welche hier im Schatte den Höhepunkt von 34-35 Grad erreicht hat, Ihr könnt es Euch nicht vorstellen welche Luft in einer so großen Stadt herrscht, welche Ausdünstung u wo nicht einmal in manchen Theilen vor den 6-7 Stock hohen Gebäuden die Kühle der Nacht ihre vollständige Wirkung machen kann um den gestrigen Gestank u Ausdünstung zu vertreiben es kommen deshalb wirklich (gegenwärtig ks) öfters Colera Fälle vor an welchen diese Leute plötzlich hinweg sterben, ein sittliches Leben u geregelte Kost trägt auch viel zur Gesundheit bei, man hat sich auch hier sehr vor dem Wasser zu hüten, es ist das schlechteste wo man nur findet, meistens vom Fluß Seine u es wird hiermit dem Wasser großer Verkauf getrieben es kommen alle Tage die Wasserleute wie in Stuttg die Milchweiber, u selbst dieses ist nichts u von frisch darf man nicht sprechen. In geschäftlicher Beziehung geht es auch recht gut bei mir u verdiene ein schönes Geld, so daß es mir an nichts mangelt, was eben bei dieser Hitze für mich gut ist, wo auch viel darauf ankommt, daß man nicht zu spärlich leben muß oder schlecht logiert, oder wie man sieht Tausende welche in gar kein Bett kommen die sich auf den Straßen herumtreiben vertreibt sie die Polizei so verschlupfen sie in Winkeln u frostigen (?) Ecken, wo sie ihr Nachtquartier finden. Ihr dürft Euch wegen meiner keine Bedenken tragen, daß ich nicht durchkomme, ich bin jetzt im Stande mich überall in der Welt wo es auch sein mag durchzubringen, u zu dem habe ich immerhin eine gute Hilfe gehabt. 3 Tage nachher als Euer Schreiben ankam erhielt ich wieder 100 francs, welche ich nicht gerade so nöthig gehabt hätte, für den Lebensunterhalt, aber da ich mich durchaus (ganz neu ks) kleidete u in allem neu einrichten mußte waren sie doch nöthig. Und warum sollte ich dieses dahinter lassen, da unsere Verpflichtungen gegenseitig getauscht sind, diejenige die es nicht erhalten sind selbst daran schuld, sie wissen es nicht anzugreifen, es ist jetzt aber auch bei mir ganz anderes Verhältnis, ich erwerbe mir hier einen ganz anderen Namen aus welchem alles dieses hervorgeht u geschieht, deßhalb dürft Ihr ruhig sein, die Hauptsache u meine einige (einzige ks) Besorgnis u Wunsch ist daß wenn ich zurückkehre es mir gelingen werde einen passenden Platz zu erhalten, bei welchem ich nach meinen Verdiensten u Aufopferungen belohnt würde u wir miteinander die Freude genießen dürften uns gegenseitig väterlich u brüderlich , die Hände zu drücken , wenn die göttliche Vorsehung uns wieder so gesund zusammenführt wie wir einander verlassen haben u. daß Du liebe Mutter doch es noch erleben möchtest mich glücklich zu sehen wenn es möglich sein kann.

Herzliche Grüße an allen Verwandten u Freunde in der Hoffnung auf ein Wiedersehen und einer baldigen Antwort grüßt Euch herzlich u verbleibt

Euer dankbarer

C Dinkelacker dessinateur

rue Poulet N 11

Monmartre

Paris

Wie ich gehört habe ist Kreyscher in Berg bei H. Gross, ist Sigmund auch noch dort?

 

 

Paris le 21 Dez 1868

Liebe Mutter und Schwester!

Es ist bald ein halbes Jahr verflossen, daß ich Euch geschrieben habe u habe bis dato noch keine Antwort darauf erhalten es veranlaßt mich deßhalb bei Euch anzufragen, was die Ursache sein mag daß Ihr so lange nichts von Euch hören lasset.

Seither war mir schon Gelegenheit geboten in ein großes Anziehgeschäft(? Kleidungsgeschäft ks) in Düren bei Koblenz Rheinpreussen einzutreten das ich aber vorderhand nicht angenommen habe indem ich noch länger gedenke hier zu bleiben. Diese Herren schrieben an die Centralstelle Stuttgart um einen passenden Mann für ihr Geschäft als Dessinateur so dann wurde ich von den Herren der Centr. Denselben vorgeschlagen worauf ich von beiden einen Bericht erhielt u mir von Seiten der Centralstelle den Willen gelassen wurde daß ich nach eigenem Gutachten darüber beschließen kann was für mich von Vortheil ist, somit ließ ich es einstweilen beim alten, habe aber mich soweit mit diesen Herren vereinigt daß ich ihnen in meiner Zwischenzeit (Freizeit ks) arbeiten will worauf sie einverstanden waren. Könnte mit diesem bis später ein näheres Verhältnis entstehen wenn meine Arbeiten Anklang finden u ich darauf geneigt bin von hier wegzugehen. Bis jetzt läßt sich bei mir nichts zu wünschen übrig ich habe sehr viel zu thun mehr als mir manchmal lieb ist vergangene Woche haben wir alle Tage im Atelier bis Nachts 10 Uhr gearbeitet u Sonntags den halben Tag u jetzt dieses noch das macht daß ich keine Nacht vor 12 Uhr ins Bett komme, das Beste ist hier es ist nicht kalt, es hat bis jetzt noch nicht geschneit es regnet immer, so daß es ist wie in einer Herbstzeit, Gesund bin ich auch immer es hat mir noch keine Stunde etwas gefehlt u es wird mich freuien wenn ich von Euch dieselbe Nachricht erhalten werde. Weil mein Dötle seit der Zeit als ich von Euch verreiste von mir aus kein Geschenk mehr erhalten hat, so möchte ich an Euch die Bitte richten wenn es Euch nichts ausmacht daß Ihr ihm von mir aus ein schönes Weihnachtsgeschenk geben möchtet, ich will es Euch dann später in Geld schicken jetzt habe ich nicht der Zeit ich kann nicht damit umgehen, denn es ist hier nicht wie bei Euch daß so viele Feiertage kommen, diese werden in Frankreich alle nicht gehalten, es sind von der Regierung blos 4 Festtage im Jahr anerkannt, u das sind Napoleonsfest, Aller Heiligen, Neujahr u ich glaube Pfingsten oder Ostern die anderen werden alle nicht gehalten besonders hier, hier werden Sonntags Häuser gebaut, Steine geführt (gefahren ks) so daß sich Niemand einen Begriff davon macht der es noch nicht gesehen hat, denn wer hier nicht arbeitet hat nichts zu essen. Vor wenigen Wochen war ich auf einer Hochzeit der ein Sohn ist von Buchbinder Hamm, ich habe ihn durch Zufall getroffen...  sich gefreut hier ist in dieser Hinsicht große Ordnung und Strenge wenn die Polizei einen auf der Liste einmal hat so haben sie ihn in 24 Stunden wenn er hier ist er mag stecken in welchem Winkel als er will u wenn es nicht so wäre wie könnte man in solcher Stadt auskommen. So ist es auch mit anderen Sachen zB am 3. Dezember werde eine Revolution hier ausbrechen, das Volk will schon lange einem der im Jahre 1848 hier auf den Barrikaden gestorben ist ein Denkmal errichten. Das leidet die Regierung nicht, weil er zu derselben Zeit gegen die Regierung gekämpft hat somit wollten sie einen feierlichen Zug veranstalten bis dahin wo er begraben liegt aber auch das wurde vereitelt in der Nähe des Kirchhofs sollen allein 1000 bis 1200 Mann Polizei gewesen sein mehrere Schwadronen Kürassiere einige Bataillone infanterie u ringsum Paris herum war alles Militär gerüstet, denn um Paris herum liegt Militär genug weil es eine feste Stadt ist u rings darum sind wieder 12-14 Festungen u aus einer derselben haben allein 12 Batterien Artillerie wo jede Batterie 12 Kanonen zählt gewartet auf den Schlag wenns angehen würde in die Stadt zu fahren da könnte ihr Euch denken wie es dann hergehen würde, im Augenblick wäre die ganze Stadt im Belagerungszustand, das Volk will eben ihren Kaiser nicht mehr u da suchen sie bis sie Gelegenheit haben ihn zu über zwinglen(?) aber der nimmt sich auch in Acht und sieht sich vor, u das Volk wird sich auch wohl besinnen.

Ich wünsche Euch von Herzen Gesundheit , erfreuliche Feiertage und Glück u Segen zum neuen Jahr grüßt mir alle Verwandten u Bekannten

indem ich verbleibe Euer

gehorsamster Sohn u Bruder

C Dinkelacker

Dessinateur

immer die gleiche Adresse 11 rue Poulet Montmartre

Paris

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Briefwechsel Karl Hartmann (1856-1910, Dr. phil., „Privatgelehrter“) in Eiserfeld mit seinen beiden Söhnen Gerhard (1888-1916) und Rudolf (1886- 196?) in Barmen, wo sie zur Schule gehen.

 

Gerhard Hartmann am 21.06.1902

Liebe Eltern!

Über die Karte und das Briefchen habe ich mich gefreut. Es geht mir noch gut hier in Barmen. Das Wetter ist ganz prachtvoll.- Am vorigen Samstag-Nachmittag machten wir einen kleinen Ausflug nach Sonnborn (Herr und Frau Löwe hatte nämlich ihren Hochzeitstag und an diesem Tage pflegen sie eine kl. Tour zu unternehmen). In Hammerstein 10 Min von Sonnborn ließen wir uns in einer schönen großen Gartenwirtschaft nieder und ließen uns dort Kaffee kochen (Es war natürlich eine ziemlich starke Sorte) Um 7 Uhr fuhren wir zurück und kamen mit em Bewußtsein einen vergügten Nachmittag gehabt zu haben gegen 9 Uhr wieder zu Hause an. Vergangenen Sonntag-Nachmittag waren wir beim Luftkurhause am Toelleturm und besahen uns das Aufsteigen eines Luftballons, welcher laut Generalanzeiger nach schöner 2 stündiger Fahrt in Gevelsberg gelandet ist. Am Donnertag fehlte ich selbstverständlich nicht bei der Feier von Onkel H. Geburtstag. Als ich am Kaffeetisch saß (Pardon! - für ein durchgestrichenes Wort ks) und tüchtig „futterte“ rief ich mir den Donnerstag in mein Gedächtnis zurück, an dem wir so „feste“ in Gilsbach bei Scholls schmausten. Bei diesem Gedanken mußte ich so leise vor mich hin lachen – Lieber Vater! Beim Durchlesen dieser letzten Zeilen erinnere Dich auch noch einmal des interessanten Augenblickes in dem wir, Rudolf, Karl und ich so fest drauflos aßen und Du uns lächelnd zusahst. – Nach dem Kaffee machten wir alle einen zweistündigen Spaziergang durch die Anlagen. (Frau) Tante Fischer war auch zugegen. Dann ließen wir uns den Pudding u.s.w. Gut schmecken und gegen 8 Uhr lenkte ich freudig und wohlgenährt meine Schritte zu der heimatlichen Hütte. Onkell H. Freute sich riesig über mein Geschenk. Er hat überhaupt viele Gaben erhalten (Fortsetzung dieser Rubrik in der Beilage.) Er sagte, er hätte schon einmal im Stillen geweint. Als ich nach Hause ging, gab mir Tante Joh noch ein Packet Kuchen u.a. mit. Gestern Freitag feierte Herm. Reuter (der spätere Düsseldorfer Stadtbibliothekar und Hg. Des Siegerländer Wörterbuchs ks) der ja seit Montag hier ist und wie er angibt mindestens noch 14 Tage hier bleiben wird, seinen 22. Geburtstag . Der Feier wohnte ich auch wieder bei. Frl. Else Fischer war auch da. Da ich am vorigen Samstag nichts gearbeitet hatte, stand ich am Sonntag-Morgen Punkt 5 Uhr auf und machte mich frisch und munter an die Arbeit, die ich gegen 7 Uhr beendete. Es war wirklich eine Herzenslust in dieser Morgenstunde zu arbeiten. Die Sonne strahlte schon zu meinem Zimmer hinein. Von 8-9 machten wir einen kl. Spaziergang. Nach der Kirche spielte ich mit Herrn Löwe zusammen ein kl. Aber schönes „Potpurri“, für eine Violine mit Klavierbegleitung. Es ist ein einfaches aber schönes Musikstück. Es hat mir wirklich Spaß gemacht. Herbst bringe ich es mit , dann wollen ich und Klara es Euch vorspielen. - Endlich will ich, um Euch zu beruhigen, auch noch etwas von der Schule schreiben, das ist Euch ja doch die Hauptsache. In der Schule geht alles gut, soweit. In Physik besprechen wir jetzt die einfachen Maschinen, Hebel, Rolle, Wellrad usw. Im deutschen stehen wir an dem Gedicht der Hanschuh von Schiller. In Geographie nehmen wir Deutschland (physikalisch) durch in Geschichte Dr. Martin Luther: Reichstag zu Worms etc. - Ich muß jetzt auch im Chor mitsingen und zwar Tenor. Es dient mir zur größten Freude, jetzt mitzusingen. - Es wird sich schon ...

Alles morgen. - Hoffentlich erfreut Euch dieser Brief, natürlich mit Ausnahme der Schrift. Ich muß mich beeilen daß der Brief um 3 Uhr noch mitgeht. Ich hatte bis 1 Uhr Schule und ich möchte auch gern daß der Brief schnell sein Ziel erreicht. Karls Karte von der Turnfahrt bereitete mir große Freude. Wir beraten jetzt auch immer eine Tagereise – Sonst weiß ich nichts mehr. Es wird dies wohl genügen.

Für diesmal, meine l. tr. (lieben und teuren ks) Eltern, muß ich Euch lebewohl sagen.

Herzlichen Gruß und Kuß

Euer dankbarer

Gerhart

(am Rand: viele herzliche Grüße an alle lieben Eiserfelder und Siegener)

 

(Rand: Schreibt mir bitte bald, ob ich den Ausflug mitmachen darf derselbe ist vielleicht schon im Laufe der Woche Gruß Onkel Tante ? ? u Fam Löwe)

 

(Rand: Seid mir fleißig auf dem Bühl (Wo der Garten der Hartmanns lag ks) pflückt tüchtig Beeren, besonders bei der Hitze – das ist ganz gut und gesund. Pflückt ihr, das Essen (der Beeren ks) besorge ich)

 

Karl Hartmann

Eiserfeld, den 3. Aug. 02.

Lieber Gerhart!

Hiermit übersende ich dir den erforderlichen Abmeldeschein, den Du Herrn Löwe zu übergeben hast.

Mit Deinem Vorhaben, bei der Heimreise den Weg über Köln zu nehmen, um Dir die Großstadt anzusehen, kann ich mich vorläufig nicht einverstanden erklären. Die Erlaubnis dazu würde doch eine Vergünstigung bedeuten; einer solchen aber hast Du Dich , obwohl die Nachrichten über Dein Verhalten erfreulicherweise günstig lauten, immerhin noch nicht in für mich greifbarer Form würdig erwiesen. Also: nein!

Übrigens habe ich vor, während der Ferien mit Euch allen vielleicht einmal auf einen Tag nach Köln zu reisen, um Euch die Haupt-Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen; selbstredend aber hängt die Ausführung des Planes vom Ausfall der Zeugnisse ab.

Gestern habe ich in Wiebelhausen den Graswuchs versteigern lassen. Infolge der reichlichen eigenen Ernte verhielten sich die guten Bauersleute weniger schwierig im Bietn als voriges Jahr, aber immerhin wurden 5% des Ankaufkapitals erzielt. In dem Dir bekannten Wäldchen fand auch diesmal wieder eine allgemeine Tränkung der Heerschaaren nach dem geschäftlichen Teil statt, die trotz strömenden Regens recht gemütlich verlief und, da ich wohl wirklich das Quantum knapper bemessen hatte als damals, auch ein glückliches Ende nahm. Kurz bevor wir nach Gilsbach aufbrachen, erschien tief unten bei den Tannen ein rot schimmernder Fleck, der sich allmählich als Tertianermütze entpuppte, unter deren Schutze „os Kall“ (unser Karl ks) bergauf hüpfte. Er hatte natürlich unterwegs wieder allerlei naturwissenschaftliche Entdeckungen gemacht, Rehe und Rebhühner gesehen, sogar „auf der Wilde“ eine Katze, die einen großen Frosch verschlingen wollte, der aber mit Händen und Füßen dagegen protestierte, dem Magen des Untiers einverleibt zu werden usw. Während Karl mit meiner Erlaubnis auf eine Stunde in Wiebelh. Zurückblieb, um Forellen zu fangen, zogen wir – auch Meister Otterbach und Herr Havig (Ist der Baba verreist?) aus Eiserfeld waren mit von der Partie – nach Gilsbach wo Mutter Scholl uns und alle Graskäufer mit wahren Fluten ihres vortrefflichen Mokkas übergoß und mit Türmen von Herbrodsdonge (Butterbroten ks) bombardierte. Na, Du weißt ja Bescheid. Karl saß wieder am bekannten Platz nachdem er sich ohne Forellen eingefunden hatte – er wurde sehr geäztert (gefüttert?ks) (auf der Bank am Fenster) und leistete auch wieder unglaubliches; es schien mir, als ob er der festen Überzeugung sei, für Dich und Rudolf mitessen zu müssen. Natürlich hatte er wieder eine ganze Masse Rehe gesehen; wenigstens schnitt er fürchterlich auf. - Die Stimmung am Kaffeetisch war recht munter; Herr Philipp Scholl gab allerlei heitere Jagdberichte zumbesten, die Zeit verann im Nu, und siehe da: erst gegen 8 Uhr nahmen die sitzfleischigen Iserfeller (Eiserfelder ks) Abschied vom gastlichen Gilsbach, pilgerten eiligst den steilen Berg hinan, huschten am Baudenberg vorüber, stahlen sich im Halbdunkel durch die ? Des Unterwaldes ?? und Karl sah dort „natürlich“ eine Nachteule und wer weiß was sonst noch für gruselig machende Gespenster – und erreichten punkt Glockenschlag 10 ½ Uhr die heimischen Penaten.

Müde waren wir zwar, aber die Klappe wurde noch nicht aufgesucht, denn: als erster Heimkehrergruß schallte uns Rudolfs Bärenbaß entgegen: Guten Abend! Da gabs noch eine längere Sitzung am Küchentisch – und nachher sicher noch ein längerer Schwatt der jungen Herrn in der Schlafstube …

„Nun fehlt noch der Hardes, dann haben wir sie wieder alle beieinander“ hieß es zuletzt . „Na meinte einer , bis Mittwoch ist keine Ewigkeit.“ Na dann, lieber Hardes bis Mittwoch!

Herzlich grüßt Dich Dein treuer Vater

(Rand: Herzliche Grüße von Allen an Alle!)

 

Eiserfeld den 16 März 03

Lieber Rudolf!

Wir haben heute einen Glückstag! Als ich vorhin von Siegen zurückkam, überreichte mir Mama freudestrahlen zwei Briefe: einen von Klara und einen von Dir. Welchen von beider ich zuerst las ist leicht zu erraten. Das ist ja famos, lieber Junge! Ganz besonders wichtig und erfreulich ist es, daß Dein deutscher Aufsatz genügt , Nun ist die Schlacht nahezu gewonnen, denn, nach den mitgeteilten Prädikaten zu urteilen, müßte es Dir im Mündlichen schon arg grotzelig gehen, wenn man Dich noch durchplumpsen liesse. Wir freuen uns ganz gewaltig über Deinen Erfolg und hoffen zuversichtlich, daß Du nun nicht etwa auf Deinen im „Schriftlichen“ errungenen „Lorbeeren“ ausruhst vielmehr dich eifrig bestrebst, auch im „Mündlichen“ wacker Deinen Mann zu stehen. Zeit zu gründlicher Vorbereitung ist Dir ja noch reichlich geboten, da die Prüfung auf den 31 März verschoben ist. Also: nutze sie aus!

Beim Aufwachen heute morgen dachten wir natürlich wieder und ganz besonders an Dich, in der Meinung daß nun vielleicht für Dich der große Entscheidungstag angebrochen sei. „Jetzt schnallt sich Rudolf wahrscheinlich seinen Examenssack an“ sagte ich zu Mama; aber der war nicht gerade „scherzerig“ zu Mute, und mir eigentlich auch nicht, denn mir lag immer Dein deutscher Aufsatz wie ein Zentnergewicht ganz genau auf der Stelle wo sonst manchmal die Scherze hervorquellen. Nun aber kann die Ader wieder sprudeln, ohne daß Mama ein Regenwettergesicht dazu aufsetzt, das ihr bekanntlich nicht sehr gut steht. Denn nun dürfen wir frei atmen und singen : „Weg mit den Grillen und Sorgen!“ Hoj heärscht fälle Fraaj na Heäs Huß! (Heute herrscht viel Freude in Heäs Haus) Und die Freude wird erst recht groß sein wenn du als glücklicher Besitzer des „Einjährigen“ am Horizont der Heimat auftauchst und als freier Bursch in die Hallen des Vaterhauses Deinen Siegeseinzug hältst

Aber : noch flott wirken, solange es tag ist, damit das was wir jetzt schon Gott sei dank als fast sicher betrachten dürfen, nun auch zur gewissen Thatsache wird. Und noch eins: vergiß nicht, was Du Herrn Dr. Toepel schuldest; und das ist : Dank und nochmals Dank, solange Du lebst.

Nun sei, lieber Rudolf, aufs herzlichste gegrüßt von Deinen durch Deine heutige Mitteilung innigst erfreuten

treuen Eltern

ganz besonders diesmal von Deinem Dich liebenden Papa

Herzl. Grüße von Karl, Großmutter u Ohm Reinhart drüben, sowie Augustchen.

Klara schreibt sehr vergnügt; sie ist recht fleißig und fühlt sich glücklich, ihren Beruf demnächst ausüben zu können.

Noda , gonacht Jong! (Nun da, gute Nacht, Junge)

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Brief von Alfred Dinkelacker (1883-1958, Dr. rer nat. Gymnasiallehrer) nach der Doktorprüfung bei Friedrich Paschen (spektroskopischer Paschen-Back-Effekt, später Direktor der Phys.-techn. Reichsanstalt) und Richard Gans (aufgrund der „NS-Rassengesetze“ verfolgt, ab 1946 bedeutende Rolle in der Wissenschaft in Argentinien).

 

Esslingen, den 30 Juni 07

Meine Lieben!

Für Eure Glückwünsche in erster Linie meinen herzlichen Dank! Und nun will ich endlich einmal wieder etwas mehr von mir hören lassen. Ich bemerke nämlich gleich im Voraus, daß ich erst über Königs Geburtstag Euch zu besuchen gedenke, so daß ich jetzt nicht länger mit dem Briefschreiben warten darf. Wenn nicht gerade am Samstag das Fastnachtskränzchen wäre, dann wäre ich wahrscheinlich gekommen. Wenn ich das mitmachen wollte, dann müßte ich mir jetzt für ein Kostüm sorgen u mich auf irgendeine Rolle etwas einstudieren, wozu ich in dieser Woche keine Zeit habe, weil ich 60 Geschichtsregelationen zu korrigieren u Gesamtzeugnisse zu machen habe. Und überhaupt habe ich gegenwärtig Ruhe nötig u bin deshalb zum Tanzen gar nicht aufgelegt. Im übrigen ist für mich das Kommen über Königsgeburtstag insofern auch geschickter, als ich da schon am Samstag Mittag wegfahren kann u wahrscheinlich erst am folgenden Dienstag zurückfahren brauche, weil ich Dienstag keinen Unterricht habe, dagegen Montag Vormittags.

Die 2 Wochen vor meiner Prüfung waren für mich Wochen angestrengtester Arbeit. Am Montag, den 14 Juni mußte ich wegen Fortbildungsschulprüfung für H. Rektor Unterricht geben. Am anderen Morgen kam von Tüb. Die Nachricht, da meine Arbeit angenommen u der Termin des Kolloquium auf den 26. Juni festgesetzt sei. Nun wollte ich mich tüchtig an die Vorbereitung für diese Prüfung machen, da kam gleich darauf die Nachricht, ein Lehrer sei krank. Für diesen mußte ich nun die ganze Woche Schule halten. Zum Glück war es eine untere Klasse (II) so daß ich kaum eine Vorbereitung brauchte, aber ich hatte eben noch meine Geschichtsstunden daneben u kam so fast zu keiner Privatarbeit. Bei allem war es aber ein Glück, daß dieser Lehrer wenigstens den vorletzten Montag wieder kommen konnte u ich dann wenigstens die ganze letzte Woche noch für die Vorbereitung auf meine Prüfung hatte. Natürlich mußte ich mit Hochdruck arbeiten, um auch nur einigermaßen noch einmal das ganze Gebiet der Physik u Mathematik zu überfliegen . Physik mußte ich notwendig gründlich nehmen, von der Mathematik mußte ich einige Gebiete einfach bei Seite liegen lassen. Trotzdem glückte mir zu meiner großen Freude die Sache vollkommen. Denn die höchste Note zu bekommen war von vornherein ausgeschlossen; denn wegen der Schwierigkeit, auf die ich in meiner Arbeit noch gestoßen war u die nicht gehoben werden konnte, war es Herrn Prof. Paschen nicht mehr möglich, mir für die Arbeit als Doktorarbeit auch noch das höchste Zeugnis zu geben u durch die mündliche Prüfung kann man dann selbst im günstigsten Falle die zweithöchste Note nicht auf die oberste empor drücken, leicht aber auf die dritte herunter. Und das eben ist nun meine große Freude, daß ich diese Note in der mündlichen Prüfung gehalten habe. Es ist die Note – und das möchte ich Euch kurz noch näher auseinandersetzen – magna cum laude d.h. Mit großer Auszeichnung u ist soviel wie sehr gut! Die höchste Note, die man erhalten kann ist summa cum laude = mit höchster Auszeichnung oder „ausgezeichnet“. Unter meiner Note gibt es noch die Zeugnisse cum laude = mit Auszeichnung oder „gut“ u rite = genügend bis befriedigend.. Die Prüfung dauerte ununterbrochen 11/2 St. lang, Samstags Abend von ¼ 7 Uhr bis ¾ 8 Uhr u die Art und Weise wie geprüft wurde war sehr fein,so daß ich in wenigen Minuten kaum mehr das Gefühl hatte in einer Prüfung zu sitzen. Denn während je einer der Professoren bei mir am Tisch saß u mich prüfte, unterhielten sich die zwei übrigen am anderen Ende der Tafel ganz gemütlich, ohne auf uns aufzupassen. 3 Minuten, nachdem ich das Prüfungszimmer verlassen hatte, wurde ich schon wieder hereingerufen u mir das Resultat verkündigt, das mich überaus erfreute. Ich ging dann gleich auf die Kneip, die recht gemütlich u. unterhaltend war; mein Freund Schenk war extra meinetwegen von Herrenberg gekommen u wir logierten miteinander im Ochsen. Den anderen Tag brachte ich natürlich auch noch in Tübingen zu. Zu Familie Förster(?) kam ich nicht, weil H. Förster(?) an diesem Samstag Herzkrämpfe bekommen hatte, es gehe aber wieder besser; heute ist eine Gratulation von ihm gekommen, ebenso auch von H. Kaufmann, dem ich indessen durch Dich, l Oskar, bestens danken lasse; werde ihm aber natürlich gleich in der nächsten Zeit auch eine Karte schicken.

Wenn mich auch die Anstrengung vor dem Examen ordentlich erschöpft hat, so war ich doch im übrigen stets wohl dabei u jetzt fühle ich mich recht erleichtert u bin kreuzfidel. Von Erkältung bin ich seit den Ferien fast ganz frei geblieben. Hoffentlich seit Ihr Alle auch recht wohl. Ich freue mich natürlich sehr darauf, Euch bald einmal wieder besuchen zu könne u. grüße u küsse Euch indessen herzlichst

Euer

Alfred