Klaus Schlüpmann 1996

Physiker 1933-19451.

 

Ich will noch einmal zusammenfassen, was Geschichte, als die Darstellung und Niederschrift von Vergangenem mit physikalischer Ausbildung zu tun haben könnte. Im 'Historikerstreit' vor zehn Jahren über die Geschichte von Völkermord und Nazizeit trat einerseits eine 'Geschichte der Experten', um nicht zu sagen, 'Geschichte von oben' zu Tage und andererseits vertrat zuerst Jürgen Habermas eine 'pluralistische' Geschichte, ein Konzept, das den Konsequenzen von Täter-Opfer-Unterschieden und -Widersprüchen gerecht zu werden sucht. Ich meine auch, daß wir eine vereinheitlichende Geschichte ebensowenig brauchen wie eine erneuerte nationale Identität. Wenn statt einer eher statischen Identitätsvorstellung mehr eine lebenslange Emanzipationsanstrengung in den Blick kommt, die ein permanenter Lösungs- und Wiederaneignungsprozeß ist, ein Individuationsvorgang in verschiedenen Umgebungen, brauchen die viel beschworenen 'Nachkommen', die die meisten von uns heute sind, unterschiedliches historisches Material, auch und gerade, damit die Unterscheidung von Opfern, Zuschauern, Tätern nicht etwa biologisch zu unterschiedlichen Umgebungen - 'Lebensformen', wie es bei Habermas heißt - führen kann.

Was hat das mit physikalischer Ausbildung zu tun? Wenn sich Lehre und Forschung in Physik auf die Vermittlung fachlicher Kenntnisse und Praktiken nicht nur beschränken, sondern anderweitige Arbeit und Bildung strukturell unterdrücken, ist eine berufliche und korporative Identität vorprogrammiert, die kurz gesagt, die Anstrengungen einer pluralistischen Geschichte unterläuft. Wo dem Widerspruch zwischen der beruflichen und der emanzipativen Zielsetzung nachgegangen wird, werden Physiker auch nach einer 'beruflichen' Vergangenheit fragen und ein Material brauchen, das ihnen ihre Vorgänger und deren Wirken nach Gesichtspunkten der größeren Geschichte, der Sozial- Wirtschafts- Kultur- und politischen Geschichte zugänglich macht.

Ich komme zum eigentlichen Thema, und es mag vielleicht gut sein, ein paar allgemeinere und soziologische Daten vorauszuschicken. 1933 gab es an den 36 deutschen Hochschulen kaum mehr als 300 forschende und lehrende Physiker. Vielleicht noch einmal soviele in der Industrie. Der Hochschulunterricht galt vor allem den Lehrern, die die Masse der fachlich gebildeten ausmachten, und an erster Stelle den Ingenieuren2. Die wissenschaftlich arbeitenden Physiker waren eine kleine Elite im Horizont der anderen, etwa der Chemiker, der Theologen, der Juristen, die mit der beruflichen auch eine kulturelle Anerkennung beanspruchten. In Berlin und Göttingen, aber auch in München und Tübingen waren Zentren der 'modernen' Physik von internationalem Ruf entstanden. Optik und Spektroskopie, Röntgen-, Radioaktivitäts-, und Kristallphysik, Relativitäts- und Quantentheorie waren entwicklungsfähige Arbeitsgebiete, die Physikalische Reichsanstalt und die Kaiser Wilhelm Gesellschaft (KWG) galten als vorbildliche Transferiinstitutionen von der Grundlagenforschung zur industriellen Entwicklung, verkörpert durch große Firmen wie Siemens, AEG und die seit 1925 in der IG-Farben kartellierten Chemie-Giganten. Ein halbes Dutzend Fachzeitschriften florierten, und die 1920 gegründete Zeit­schrift für Physik brachte es noch über 1933 hinaus zu 6 stattlichen Bänden pro Jahr.

Aber schon zeichnete sich, für die Zeitgenossen kaum erkennbar, mit der neuen Kernphysik eine Verschiebung des Schwergewichts vor allem nach Amerika ab. Außerdem hatte die Wirtschaftskrise zu Einschränkungen geführt. Dazu kam in der KWG eine hausgemachte Krise, und Fritz Haber etwa, mußte im Kaiser Wilhelm Institut für physikalische und Elektro-Chemie, das er seit der Gründung 1912 leitete, den Mitarbeiterstab von 65 auf 30 herabsetzen.

Politisch standen die Physiker im rechten Lager der industrienahen Deutschen Volkspartei, aber auch der Deutsch-Nationalen Volkspartei. Wenige sympathisierten mit den 'Weimarer' Parteien, den Demokraten, den Sozialdemokraten und dem Zentrum, wenige mit den Kommunisten, wenige mit der NSDAP, die allerdings zwei Physik-Nobelpreisträger zu ihren Mitgliedern zählte.

Die Weltkriegsniederlage und auch die Revolution waren vielfach mythisch als Kränkung des patriotischen Selbstbewußtseins empfunden worden. National denkende Physiker konnten dem gegenüber auf den ungebrochenen Rang der deutschen Wissenschaft verweisen. Der Boykott der Engländer und Franzosen in den ersten Nachkriegsjahren wirkte, zumal er von den Skandinaviern (und Sowjetrußland) unterlaufen wurde, allenfalls als Herausforderung und ein Denken konnte sich ausbilden, in dem 'saubere Wissenschaft' in ein 'wahres Vaterland' projiziert wurde, das im Kreis der Nationen einen hohen Rang beanspruchen konnte. Ein utopisches Moment trübte das politische Realitätsbewußtsein und die wissenschaftliche Arbeit schien wichtiger als je zuvor. Dies utopische Moment überdauerte manchmal die ganze Diktatur. Für Walther Gerlach zum Beispiel, einen erfolgreichen Experimentalphysiker der 20er Jahre, der kein Parteimitglied wurde, aber noch in der letzten, der Genozidphase, im Reichsforschungsrat zum obersten Geldverteiler von ein paar Millionen für Kernphysik avancierte, scheint die Hoffnung, das 'wahre Vaterland' sei noch einmal davongekommen, erst vorbei, als er, interniert in Farmhall, von Hiroshima erfuhr.

Nicht, daß es in der Wissenschaft gar keine 'Internationalisten'3 gegeben hätte, aber sie waren selten, und sie waren ab 1933 nicht mehr da. Man darf nicht vergessen, daß das Gesetz zur sogenannten Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 zwar eins der ersten rassistischen Gesetze war, die auch mindestens einem Viertel aller Hochschulphysiker bis 1938 die Stelle kosteten, daß aber die Repression in der ersten Phase nach der sogenannten 'Machtergreifung' vorallem der linken Opposition galt, so daß dann nur noch die konservative öffentlich in Erscheinung treten konnte.

Damit komme ich zum erzählenden Hauptteil meines Texts, in dem ich die Geschichte einer Umgebung aller­dings sehr verkürze.

Ein 'Linker' unter den Physikern war Fritz Houtermans (1903-1966). Er hatte 1927 im Göttinger Institut, das James Franck seit 1920 leitete, promoviert, war dann Oberassistent bei Gustav Hertz geworden, der wie sein Freund Franck, Hamburger und einmal ein Schüler bei Heinrich Rubens in Berlin gewesen war, sich im Krieg auch an der Gaskampftruppe von Fritz Haber beteiligte (was beider Freund Max Born schroff ablehnte) und dann, als Franck den Job nicht wollte, bei Philipps in Eindhoven ein Labor übernommen hatte, ein Labor, das besonders hinsichtlich der Vakuumtechnik das modernste war, was es gab. 1925 hatten Franck und Hertz einen Nobelpreis erhalten und seit 1929 arbeitete Hertz und mit ihm Houtermans im neu ausgebauten physikalischen Institut der TH Berlin, wo Richard Becker die Theorie vertrat und Wilhelm Westphal die Anfänger ausbildete. Man beschäftigte sich neben den Lehraufgaben mit Elektronenoptik, Isotopentrennung, Kernphysik. Charlotte Riefenstahl, auch eine Franckschülerin, war aus Amerika zurückgekommen und hatte sich mit Houtermans verheiratet. Rudolf Jaeckel (1907-1962) absolvierte 1932 bei Hertz sein Ingenieursdiplom.

Jaeckel wurde dann Assistent in der Kernphysik bei Lise Meitner im KWI Chemie, er und Fritz Houtermans blieben zeitlebens Freunde. Im Juni 33 verließ Houtermans über Nacht das Land, nachdem die Gestapo seine Wohnung durchsucht hatte. "Jetzt müssen sie's alleine machen"4sagte Gustav Hertz zu Wilhelm Walcher, der damals Houtermans im Praktikum assistierte und seiner Abschlußprüfung entgegen sah. Houtermans blieb zwei Jahre in England in schlechten Industriejobs, ging dann ans das berühmte Physiko-Technische Institut in Charkov, wo auch Alexander Weissberg, ein Wiener Freund, arbeitete, wurde wie die meisten seiner Kollegen 1937 verhaftet, wurde 1940 nach dem Hitler-Stalinpakt ausgeliefert, und von Berliner Physikern (die von Robert Rompe alarmiert wurden) über Beziehungen zum Reichsicherheitshauptamt (deren gab es manche, so war etwa Max Laues Schüler Johannes Juilfs SS-Offizier in der Himmler-Umgebung) mit der Maßgabe Kriegsforschung aus dem Gefängnis geholt. 1941 schrieb Houtermans in Ardennes Privatlabor, vom Postminister finanziert, eine geheime Studie "Zur Frage der Auslösung von Kettenreaktionen", ähnlich der berühmteren von Otto Frisch und Rudolf Peierls, die den Anstoß zum Bau der Plutoniumbombe gab. Zum Thema traf er sich mit den Herren im 'Uranverein' des Heereswaffenamts, mit Werner Heisenberg und Carl Friedrich Weizsäcker und da soll Heisenberg, Houtermans zufolge, geäußert haben, man wolle versuchen, "nicht die Physik für den Krieg, sondern den Krieg für die Physik zu nutzen". In diesem Ausspruch liegt wieder so ein utopisches Moment, das sich vermutlich auf das schon erwähnte, nationalpatriotische zurückführen läßt, als gäbe es eine abstrakte Wissen­schaft, die einen höheren Wert bedeutet und die sich quasi selbst vor Mißbrauch schützen könne. Houtermans legte seinen Gesprächspartnern nahe, Niels Bohr über den Stand der Kernwaffenforschung zu informieren. Das ist nicht geschehen. Jedenfalls nicht so, daß Bohr bei einer letzten Unterredung mit Werner Heisenberg im September 1941 nicht einen tiefen Schrecken davongetragen hätte. Später hat dann Hans Jensen, wenn er auf Reisen zur Schwerwasserfabrik in Norwegen in Kopenhagen Station machte, mehr oder weniger ohne Umschweife weitergegeben, was er wußte. Aber Houtermans informierte auch Fritz Reiche, der seine Breslauer Theoretikerstelle schon 1935 verloren hatte und dem es in jenem Fühjahr 1941 gerade noch gelang, auszuwandern. Mit der ganzen Familie, wenn nicht die Großmutter, Frau Ochs, hätte zurückbleiben müssen. Sie starb in Theresienstadt. - Rudolf Ladenburg in Princeton organisierte ein Dinner für den eben angekommenen Reiche mit den inzwischen in Amerika etablierten Kollegen Wigner, Pauli, Neumann, Bethe und gab am 14. April an Lyman Briggs weiter, was Houtermans hatte sagen lassen. Aber die amerikanischen Bombenpläne kochten da noch auf sehr kleiner Flamme, außer Jennö Wigner (ehemals TH Berlin) arbeitete kaum jemand, und niemand sah sich veranlaßt, Alarm zu schlagen.

Zurück nach Berlin 1933. Die Oberassistentenstelle bei Gustav Hertz, die Houtermans verlassen mußte, erhielt ein Spektroskopiker und angehender Spezialist für Kernmomente, der acht Jahre ältere Hans Kopfermann, der 1932/33 ein Rockefellerstipendium in Kopenhagen hatte. Seine vorherige Assistentenstelle in Fritz Habers Institut, wie übrigens auch die des Abteilungsleiters Rudolf Ladenburg (eben der, dem Reiche die Nachricht Houtermans brachte), mit dem er jahrelang zusammengearbeitet hatte, war den Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen. Ladenburg hatte sich 1931/32 nur schwer entschlossen, eine Professur in Princeton anzunehmen, Haber hatte ihn sehr drängen müssen, auch mit einer pessimistischen Aussicht auf die politische Entwicklung. 1933 war klar, daß er Recht gehabt hatte. Da organisierten Ladenburg und Wigner in Amerika die Unterstützung für jobsuchende Wissenschaftler, nicht nur Physiker, nach einem Verfahren, das Max Born als Göttinger Rektor in der Wirtschaftskrise angewandt hatte: sie baten alle Wissenschaftler, die in Deutschland gearbeitet hatten, um Abgabe von 3-5% ihres Einkommens.

1933 war Kopfermann 38 Jahre alt, hatte den ganzen Weltkrieg an der Westfront mitgemacht, war Leutnant außer Dienst und hatte außerdem 1919 in München im Freikorps Epp für die Reichsregierung und gegen die Räterepublik gekämpft, was für Nationalsozialisten etwas galt5 und war Mitglied im 'Bund Epp'. Noch 1941 hieß es in einem Gutachten:

"Es mag noch erwähnt sein, daß K. im vorigen Kriege das EK I und II erworben hat, verschüttet war und nach dem Kriege Freikorps-Kämpfer war. Er hat also auch sichtbare Beweise seines rückhaltlosen politischen und menschlichen Einsatzes erbracht..."

Kopfermann war 1923 der erste Doktorand von James Franck in Göttingen gewesen. Franck hatte ihn Fritz Haber empfohlen. Neun Jahre später hatte Haber ihm das Rockefeller Stipendium nach Kopenhagen besorgen können mit der Maßgabe, daß die Notgemeinschaft, die spätere DFG, seine weitere Karriere sichern würde. Im Mai 1933 war Kopfermann von Kopenhagen nach Göttingen, Berlin und Rostock gereist und hatte in einem fünfseitigen, maschinegeschriebenen Brief an Bohr seine Eindrücke mitgeteilt, daß die 'Massen', insbesondere ein Teil der Studenten, radikaler seien als die neue Führung, daß nach den rassistischen Beamten- und Schulgesetzen die einen, wie Fritz Haber, pessimistisch seien, wärend andere, wie Max Laue, glaubten, daß man nur Zeit gewinnen müsse oder noch optimistischer, daß man, wenn möglich, durch Eintritt in die 'Bewegung' entradikali­sierend wirken könne. Proteste seien infolge der eingeschränkten Meinnungsfreiheit selten, das Deutlichste habe Wolfgang Köhler, (der bekannte Berliner Gestaltpsychologe) geschrieben. Weiter hieß es,

"Sehr in Not ist der Berliner Positivist Reichenbach. In Francks Institut in Göttingen ist mit dem baldigen Abgang von H.(Heinrich) Kuhn zu rechnen. Auch Fräulein Sponer (das war die Oberasssitentin und Professorin Hertha Sponer)..., die zwar arisch ist, wird wohl damit rechnen müssen, ins Ausland zu gehen..."6

In Klammern steht erklärend-ironisch und mit doppeltem Ausrufezeichen die Naziparole: "die deutsche Frau gehört hinter den Herd".. Mit Hans Reichenbach war der Briefschreiber über einen jüngeren Freund, den Logiker Carl Gustav Hempel verbunden, mit Wolfgang Köhler über Hertha Schwertfeger-Kopfermann, die in Köhlers Institut bei Max Wertheimer promoviert hatte und seit 1925 Frau Kopfermann war. Kuhn fand in Oxford, Sponer erst in Oslo, dann in Durham, Reichenbach in Istambul eine Bleibe. Hempel emigrierte 1934 nach Brüssel, Köhler 1935 nach USA.

Die erste Doktorarbeit, die 1936 bei Hans Kopfermann zum Abschluß kam, handelte von Messungen zur Hyperfeinstruktur der Platinisotope. Autorin war Barbara Fuchs (geb. 1909) seit 1935 mit Rudolf Jaeckel verheiratet.

Gustav Hertz hatte 1935, nachdem ihm die Prüfungsberechtigung entzogen wurde, die Hochschule verlassen und leitete ein Forschungslabor bei Siemens. Unter den jungen Physikern, die mit ihm zu Siemens gingen, war Heinz Barwich, der Hertz 1945 in die Sowjetunion begleitete, später Professor in Dubna wurde, bis er nach dem Ende der Tauwetterperiode dem Regime den Rücken kehrte. Elfie Barwich und er schrieben die erlebte Geschichte auf. Titel: "Das rote Atom".

Im Frühjahr 1937 wurde Kopfermann ordentlicher Professor in Kiel als Nachfolger Heinrich Rausch von Trau­benbergs, eines Hochschullehrers der Einstein-Generation, der zum demokratischen 'Weimarer Kreis' gehört hatte und dem Anfang 1937 sein Amt verboten wurde7. Mit Kopfermann nach Kiel gingen aus dem Hertz-Institut Wilhelm Walcher, der inzwischen zum Massenspektrographen und Separatoren-Spezialisten geworden war und ein junger Physiker, der viel später, als Emeritus, für damals begonnene Arbeiten Nobelpreisträger wurde: Wolfgang Paul.

Barbara Jaeckel blieb in Berlin, verlor aber nie den Kontakt mit den jüngeren und älteren Kollegen ihrer ehemaligen Arbeitsumgebung. Ihren Vater, den Aerodynamiker Richard Fuchs, hatte der Mathematiker Bieber­bach, der notorisch auch da noch diskriminierte, wo die rassistischen Gesetze Freiräume ließen, zwar um sein Lehramt gebracht, aber die Luftfahrtforscher des Göringministeriums verzichteten umso weniger auf ihn, und vorübergehend haben Physikerin und Mathematiker, Vater und Tochter, zusammengearbeitet.

Noch bevor der 'Anschluß' 1938 Lise Meitner letztendlich zur Flucht zwang, sah sich der Assistent Rudolf Jaeckel genötigt, der KWG den Rücken zu kehren. Ähnlich wie bei seinem Lehrer Hertz profitierte die Industrie vom diskrimierenden Umgang des Staats mit hochqualifizierten Wissenschaftlern. Rudolf Jaeckel ging zur Firma Leybold in Köln. 1945 hat er sofort den Kontakt zur Hochschule (Bonn) wieder aufgenommen. Bis zur Befreiung im April 1945 lebten Barbara und Rudolf Jaeckel in dem engen Raum zwischen Gesetzen, die sie nicht zur Emigration zwangen und einem Zustand der Gesellschaft, der ihnen das Bleiben schwer machte und am Ende noch zur mörderischen Bedrohung werden konnte.

Meine sozio-biographischen Erörterungen enden hier und im restlichen Text geht es mir eher um Orientierung beziehungsweise Desorientierung wissenschaftlicher Forschung und Lehre im sozialen Raum, um eine Diskus­sion also, die für die im Zug der Bildungsreform sich etablierende und ausdifferenzierende Hochschulpädagogik und Didaktik grundlegend war, und auch politisch etwas bedeuten konnte, was 'geschichtsbewußte' junge Physiker in den Bann zog. Gleichzeitig liefen in USA, in England und Frankreich Anstrengungen, 'Wissen­schaftsstudien' (Science Studies) zur Geltung zu bringen, die historisch und soziologisch 'The Place of Science in Modern Society', so der Titel eines Essays von Thorstein Veblens von 1908, neu zu bestimmen beziehungsweise zu relativieren suchten. Einmal im Zuge der 'Innovationspolitik' in den hochindusrialisierter Ländern, dann wieder zu ihrer radikalen Kritik, die eine kritische Aneignung bisheriger Geschichte einbegriff. In dem Lösungs- und Wiederaneignungsprozeß, von dem ich zu Anfang sprach, galt es, sich aus den über die Umgebungen vermittelten Formeln zum Thema zu lösen und sich andererseits Sensibilitäten und Einsichten anzueignen, die von bestimmten Umgebungen und Menschen in der Vergangenheit entwickelt wurden.

Der erwähnte Hans Kopfermann hatte als zuständiges Mitglied im Vorstand der Deutschen Physikalischen Gesellschaft maßgeblichen Anteil an Richtlinien für eine Diplomprüfung für Physiker die 1942, analog der für Ingenieure üblichen, eingeführt wurde. Bis dahin hatte es als Abschluß nur den Diplomingenieur und den Dr. 'ing.' oder 'phil.' oder, je nach Universität, 'rer.nat.'gegeben. Ein solches Diplom, das seit 1938 diskutiert wurde, lag auf der Linie forcierter technischer Bildung und bedeutete unter Kriegsverhältnissen vorallem eine Rationalisierung der Ausbildung. Es besteht, trotz veränderter Voraussetzungen, wie wir wissen, als rein fachlicher Abschluß noch heute.

In den 'Meldungen aus dem Reich', einem geheimen Periodikum des Sicherheitsdienstes, war im Jahreslagebericht 1938, als auch die Diskussion um das Diplom einsetzte, zu lesen:

"die technischen Wissenschaften sind durch die größere Konzentration auf den Vierjahresplan und wehrtechnische Aufgaben im Berichtsjahr stark in den Vordergrund getreten. Diese Entwicklung hatte gleichzeitig eine Zurückdrängung der Geisteswissenschaften zur Folge und kann in Zukunft eine scharfe Trennung zwischen technischen Wissenschaften und Geisteswissenschaften heraufführen. Die nationalsozialistischen Kräfte in der Technik sehen in dieser Trennung eine große Gefahr. Der verantwortlichen Hochschulverwaltung wird in diesem Zusammenhang vorgeworfen, daß sie kein Verständnis für technische Probleme habe, so daß es den technischen Wissenschaften an einer für planvolle Arbeit notwendigen Zentralstelle fehle. Die Folge davon sei, daß andere Stellen, die an einer erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeit interessiert sind, wie Industrie, das Reichswirtschaftsministerium, die Wehrmacht schon von sich aus in die Fragen der wissenschaftlichen Ausbildung eingreifen. In diesem Sinn ist die Wahl des Generaldirektors der IG-Farben, Carl Bosch, zum Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zu verstehen, wodurch eine starke Abhängigkeit der Forschung von der Industrie zu erwarten ist, dies umso mehr, als die IG-Farbenindustrie bereits bestrebt ist, zur Ausbildung ihrer Ingenieure eigene Institute zu gründen."

Dieser Text scheint mir die Handschrift des Initiators und Herausgebers der 'Meldungen' zu tragen: der grade mal dreißigjährige Otto Ohlendorf (1907-1951), Jurist und Ökonom im Staatssicherheitsdienst (SD) der SS und soeben ins neubesetzte Wirtschaftsministerium berufen, war ein entschiedener Gegner der dominierenden technokratischen und großindustriellen Fraktion wie sie Erhard Milch im Luftfahrtministerium, Carl Krauch im Vierjahresplan und später Hans Kehrl im Wirtschaftsministerium repräsentierten, ihm galten eher mittelständische Interessen als Prüfstein dauerhafter Wirtschaftspolitik. Übrigens wurden, als es soweit war, mit seiner Zustimmung und gegen den Befehl des 'totalen Kriegseinsatzes' Perspektiven für die bevorstehende Niederlage, für einen, wie es hieß, 'Karthagofrieden' diskutiert, in denen ein Gutachten des späteren Ministers Ludwig Ehrhard eine wichtige Rolle spielte.

In den 'Meldungen' heißt es an gleicher Stelle:

"Obwohl die Grundlagenauseinandersetzungen der gesamten Naturwissenschaften, insbesondere jedoch auf dem Gebiete der Physik von Fachleuten mehr und mehr als geklärt angesehen werden, machten verantwortliche Stellen beispielsweise Besetzungen abhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten fachlichen Richtung. Die schwierige, problematische Wissenschaftslage für die deutsche Physik wurde durch den sachlich-politischen Streit um die Theorie, deren Ergebnisse deutschen und nicht jüdischen Ursprungs sind, auch im letzten Jahre durch diese Maßnahme verhängnisvoll kompliziert. Die Tagungen der naturwissenschaftlichen Gesellschaften zeigten neben hervorragenden deutschen Leistungen in zunehmendem Maße die Konkurrenzfähigkeit fremder Länder auf naturwissenschaftlichem Gebiete. Teilweise wurde von deutscher Seite der entscheidende Fehler begangen, für die zusammenfassenden Hauptreferate Männer zu verpflichten, die weder fachlich noch charakterlich geeignet waren, der internationalen Hörerschaft einen Eindruck von der deutschen Naturforschung zu geben. - Die veranstaltenden Gesellschaften sind noch immer stark von Juden und Emigranten durchsetzt und denken noch nicht daran, dem Beispiel der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu folgen, die nach dem 10.11. 1938 (Novemberpogrom K.S.) ihre bisherigen Mitglieder, die unter die Nürnberger Gesetze fielen, zum Austritt veranlaßte. Fast einheitlich zeigte sich im Berichtsjahr die instinktlose Haltung der deutschen Naturforscher in dem spontanen Beifall, der auf Tagungen den jüdischen oder dem Amte enthobenen ehemaligen Professoren entgegengebracht wurde."8

Texte wie dieser, die im Repressionszusammenhang stehen und in dem der Auseinandersetzungen im Machtkartell, sind nicht so ohne weiteres zu interpretieren. Ich will hier auf die 'Arisierung der DPG' nicht eingehen, auch nicht auf die schon im vorigen Zitat vorgebrachte Kritik am Unterrichtsministerium, sondern nur auf die bekannte Auseinandersetzung um die Theorie, in erster Linie um die Relativitätstheorie. Im Sommer 1938 hatte Ludwig Prandtl (1875-1953), der als maßgeblicher alter Aerodynamiker in allen einschlägigen Gremien saß, in Sachen Werner Heisenberg und Lehrstuhlbesetzung München an Heinrich Himmler, an den sich auch Heisenberg gewandt hatte, geschrieben - übrigens im schlimmsten antisemitischen Jargon. Der SS-Chef war Prandtls Rat gefolgt und hatte entschieden, daß fortan die einschlägigen Arbeiten 'nichtarischer' Autoren wie es im Text heißt 'deutschen Ursprungs' seien. Heisenberg erhielt zwar nicht den Sommerfeld-Lehrstuhl, aber in Zukunft die volle Anerkennung des Regimes. Die Entscheidung Himmlers zur Physik bedeutete einmal mehr das Ende einer Formierungsphase und den Eintritt in eine 'Systemphase' der Diktatur, eine Phase der expansionis­tischen Eroberung, der 'Blitzkriege', der rassistischen Legitimationsideologie und Repression, die dann 1941/42 in der letzten, der Genozidphase aufging.

1940, als man Ideologie in die besetzten Länder, auch in die Universitäten Poznan, Praha, Strasbourg expor­tieren wollte, stellte sich die ideologische Frage wieder neu und es kam noch einmal zu einem Streitgespräch von 'Ideologen' und 'Pragmatikern' im Rahmen der zuständigen Parteiorganisation, dem NS-Deutschen Dozenten­bund, dem nicht nur Parteimitglieder angehören konnten, in dem aber die Reichsschaft Hochschullehrer des NS-deutschen Lehrerbundes aufgegangen war. Letzterer war Hans Kopfermann im Sommer 1934, vermutlich im Zusammenhang mit dem Wunsch, sich von der Universität zur TH umzuhabilieren, beigetreten. Die Experimentalphysiker Kopfermann und Wolfgang Finckelnburg, die Theoretiker Otto Scherzer, Carl Friedrich Weizsäcker, Georg Joos und der Astronom Otto Heckmann saßen unter der Gesprächsleitung des Arztes und Professors Gustav Borger von der Reichsdozentenführung Kollegen gegenüber, die eine rassistische Grundlegung der Naturwissenschaft vertraten, vornehmlich nach Maßgabe von Hugo Dingler, der einmal dem Wiener Kreis nahegestanden, dann seine eigene 'Methodologie' entwickelt hatte, seinen Lehrstuhl in Darmstadt hatte aufgeben müssen, was ihm dann erst recht ermöglichte, in München einen größeren Kreis überzeugter Parteigänger um sich und seine Ideen zu versammeln9. In dem fünf-Punkte-Protokoll der Sitzung konnten die rassistischen Vorbehalte der Wissen­schaftsphilosophen als praktisch abgeschafft gelten.

Vorbehaltlose Fragen nach den Grenzen einer 'Ideologiefreiheit' von Wissenschaft, nach dem Ideologiegehalt der 'reinen Wissenschaft', nach den Folgen einer dogmatisch 'internalistischen' Ansicht von der Wissenschafts­entwicklung, ließen sich unter den obwaltenden Umständen allerdings gewiß nicht stellen.

Wie stark der rassistisch-ideologische Eingriffsversuch in die Physik ein Gegenbild freier Forschung hervorrief, klingt an, wenn Rudolf Jaeckel 1946 die Ungewißheit in jungen Köpfen bekämpfen möchte und schrieb:

"ich entsinne mich aus meiner Studentenzeit welch starken Antrieb für uns die aus Vorbild und Lehre geschöpften Ideale freier, nicht zweckbedingter Forschung, die rein um der Erkenntnis willen betrieben wird, bedeutet haben."10

In den angelsächsischen Ländern hatte die politische Linke schon in den dreißiger Jahren die Frage "Erkenntnis oder soziale Praxis?" zu einer größeren Debatte gemacht (und 1941 die Gründung der militant antikommunisti­schen 'Society for the Freedom of Science' provoziert). In Deutschland war erst einmal kaum daran zu denken, den l'art pour l'art Standpunkt des 'rein um der Erkenntnis willen' arbeitens auf seinen ideologischen Gehalt hin abzuklopfen. Noch als 1958 die VdW, die Vereinigung deutscher Wissenschaftler gegründet wurde, deren Vorsit­zender Hans Kopfermann war, handelte es sich um eine in Bezug auf diese Grundfrage sehr ambivalente Frie­denslobby ('Deutsche Pugwash').

Das Ergebnis des 'Münchener Religionsgesprächs', wie es genannt wurde, im November 1940, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß mit der Absage an ein Nazi-Ideologem und der taktischen Proklamation von 'Ideologiefreiheit' die Grundfrage nach der 'Praxisorientierung' und die nach der Interessenabhängigkeit von Innovation und wissenschaftlicher Arbeit nicht erledigt war. Die zur Abhängigkeit von der Großindustrie geäußerten wirtschaftstheoretischen Bedenken der Meldungen aus dem Reich waren unabhängig von nationalsozialistischer Ideologie zu rechtfertigen, zumal diese Industrie die Diktatur nicht gerade schwächte. Das Ergebnis der Münchener Begegnung ist auch in so fern zu relativieren, als sie vor dem Hintergrund einer Kriegspolitik stattfand, in der auch in der ideologischen Führung die Zeichen zunehmend auf Mobilisierung aller Ressourcen und auf zielorientierter Rationalisierung standen. Effizienzgewinn also durch Zurücknahme ideologi­scher Hindernisse in technischen Bereichen? Unwillkürlich kommt der Gedanke an den Völkermord auf, für den es zwar einen ideologischen Hintergrund gab, der aber mörderisch 'ideologiefrei' geplant wurde.

Der Politologe Reinhard Höhn (geb. 1904), der in den fünfziger Jahren in Bad Harzburg eine 'Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft' betrieb und umfangreiche historische Studien unter anderem über "Sozialismus und Heer" veröffentlichte, hatte ab 1935 die Abteilung 'Lebensgebiete' des SD Inland geleitet und holte ebenso den schon erwähnten Otto Ohlendorf wie den Juristen und Hochschullehrer Franz Six in sein Amt. Schon 1933 war der gerade promovierte Philologe Wilhelm Spengler in den SD eingetreten und hatte begonnen, in Leipzig eine 'Schrifttumsstelle' der Gegnerforschung aufzubauen; er siedelte ins Reichssicherheitshauptamt über. Zu den jungen Akademikern, die den SD auf- und ausbauten gehörten ferner der Oldenburger Hermann Behrends (der den Plan der Fälschungen entwickelte, denen Stalins Militärs als 'Verräter' zum Opfer fielen) und Walter Schellenberg in der Auslandsabteilung und der Justitiar der Gestapo und spätere Statthalter in Dänemark, Werner Best; zur gleichen Altersgruppe zählte auch der Chef der Gestapo, Reinhard Heydrich. Alle stiegen zu hohen SS-Rängen auf, Spengler war 1943 Obersturmbannführer (Oberstleutnant), Ohlendorf Brigadeführer (Generalleut­nant).

Hatte man es zu Anfang des Hitlerregimes und in der Formierungsphase mit, wie der Historiker Ulrich Herbert schreibt, "aktiven, wirklich fanatischen Antisemiten" zu tun,

"die es zu unmittelbarer Aktion drängte, deren Perspektive aber im Grunde der Pogrom war",

bestimmte in der Genozidphase auf andere Weise und noch schrecklicher eine Nachwuchselite, die mit der Systemphase begonnen hatte, ihre politischen Vorstellungen umzusetzen. Herbert spricht von einer

"Gruppe der jungen akademischen Radikalen in den Führungsgruppen des Terror- und Verwaltungsapparates des NS-Regimes, für die der Massenmord eine extreme, unter den entsprechenden Umständen aber zu billigen­de Variante der Deportations- und Vertreibungspolitik war und für die der rassistische Antisemitismus eben­so ein Element der Motivation und Radikalisierung wie einen Legitimationsfaktor bedeutete"11.

Zu dieser Gruppe gehörte unter anderen der erwähnte Otto Ohlendorf. Es waren Hochschulabsolventen, die sich derart ideologisch aufgeladen hatten und aufluden, daß ihnen, wie Ohlendorfs schockierend nüchterne Aussagen in Nürnberg bezeugen, im Rahmen ihrer Menschen-verwaltenden Professionalität und organisatorischen Effizienz selbst die Planung von Völkermord einfach von der Hand zu gehen schien. Sie wurden, so wie es heute aussieht, in Nürnberg und noch lange danach nicht im vollen Umfang der Quellen erörtert. Ohlendorf wurde zum Tod verurteilt, aber nicht für die Planung des Völkermords, sondern für seine unmittelbare Verantwortlichkeit als Führer einer 'Einsatzgruppe', die 1941 in der Ukraine 90 000 Menschen (Ohlendorfs Nürnberger Aussage) ermordete.

Es hat auch mehr oder weniger direkte Beziehungen zwischen Physikern und diesen obersten Kontrolleuren, Planern und Repressionsbeamten gegeben, die in allen Funktionseliten des Staates mitredeten. Welcher Art waren diese Kontakte? Der Chemiker oder Physikochemiker Rudolf Mentzel, ehemals Kreisleiter in Göttingen, wurde der für Berufungen und Auslandsbeziehungen zuständige Ministerialbeamte und schließlich Vorsitzender der DFG und des RFR und Vizepräsident der KWG. Er war wie Otto Ohlendorf 'Brigadeführer der SS', (das Äquivalent eines Generalleutnants), aber den Gegnern der 'Ideologisierung' in der Physik, erschien er mehr oder weniger 'auf ihrer Seite' und Walther Gerlach hat ihn im Spruchkammerverfahren nach dem Krieg entlastet. Ein unheimlicher Eindruck bleibt, auch weil die 'bessere Seite' mit den Ministerien Göring und Speer und mit Industriellen im Zentrum der Naziherrschaft wie Carl Krauch und Albert Vögler paktierte, die unter 'Effizienzgesichtspunkten' die Sklavenarbeit und die mörderischen Dienste der SS eben nicht zurückgewiesen haben.

Am 25. Mai 1944 befahl Heinrich Himmler

"Unter den Juden, die wir jetzt aus Ungarn hereinbekommen, sowie auch sonst unter unseren Konzentrations­lager-Häftlingen gibt es ohne Zweifel eine ganze Menge von Physikern, Chemikern und sonstigen Wissen­schaftlern. Ich beauftrage den SS-Obergruppenführer (Generaloberst) Pohl, in einem KL eine wissenschaftliche Forschungsstätte einzurichten, in der das Fachwissen dieser Leute für das menschenbeanspruchende und zeitraubende Ausrechnen von Formeln, Ausarbeitung von Einzelkonstruktionen, sowie aber auch zu Grund­lagen-Forschungen angesetzt wird. DasAhnenerbe wird beauftragt, in Zusammenarbeit mit dem RSHA, das unter den russischen Gefangenen eine ähnliche Auswertungsstätte eingerichtet hat, die von der Wissenschaft und Rüstungsindustrie als vordringlich erachteten Aufträge einzuhlen und sie zu stellen. Gesamtverantwortung : SS-Obergruppenführer Pohl, wissenschaftliche Leitung: Ahnenerbe, SS-Oberführer (Generalleutnant) Wüst, in Vertretung SS-Standartenführer (Oberst) Sievers. Die wertvolle Anregung zu diesem Gesamtkomplex stammt von SS-Obergruppenführer (Generaloberst) Koppe. Als Sonderauftrag für das Ahnenerbe gebe ich die sofortige Inangriffnahme der vor dem Krieg von Dr. Scultetus angefangenen Rechnungen der Grundlagen für eine langfristige Wettervorhersage, die im Jahre 1939 aus Kriegsgründen abgebrochen werden mußte. Ich wünsche monatlichen Bericht, zum erstenmal am 1.8.1944."12

Auf Sievers' Exemplar von diesem Befehl ist handschriftlich vermerkt, daß er am 9.6. SS-Standartenführer Spengler unterrichtete. Das Protokoll einer Besprechung am 15. Juni zwischen Pohl, Sievers und Maurer (SS-Standartenführer) erklärt den Referenten für Naturwissenschaften im RSHA CIII Dr. habil. Fischer zum Oberauf­seher und hält unter Punkt 3 fest:

"Es sollen nur die besten Kräfte für die Arbeiten herangezogen werden, etwa 30-40. Die Unterbringung soll in Sachsenhausen erfolgen, da dort die Beaufsichtigung am besten möglich, weil Dr. Fischer in Berlin sitzt"

und unter Punkt 5:

"Nach Regellung der Unterkunftsfrage und Meldung der verfügbaren Fachkräfte werden unter Einschaltung des Reichsforschungsrates durch das Ahnenerbe die Arbeitsaufträge erteilt. Dabei sollen besonders berücksichtigt werden die Arbeitsbereiche der Bevollmächtigten für Hochfrequenztechnik, für Kernphysik und für Strahlvortrieb, sowie Prof. Süss, Freiburg."

Der Spartenleiter für Kernphysik im RFR, Walter Gerlach schrieb am 19.8. an Sievers:

"Mit Interesse nahm ich die Ausführungen ihres Briefes vom 21.8. (7.?) 44 zur Kenntnis. Ich begrüße das Bestreben, das Fachwissen der in Konzentrationslagern sitzenden Wissenschaftler für die Grundlagenforschung einzusetzen und habe in diesem Sinne mit Dr. Graue gesprochen. Auch mit Herrn Prof. Süss, Vorsitzer des Fachkreises Mathematik, werde ich mich in dieser Richtung in Verbindung setzen."

Sievers gab unter dem 1.12.44 zu Protokoll

"in Buchenwald wurden von den dort vorgestellten 37 Häftlingen 14 als brauchbar ausgewählt... vom SS-Rohstoffamt sind 32 Rechenmaschinen übergeben worden."

Diese Festsellungen deuten an, wie punktuell und wenige Menschen betreffend 'Rettungsaktionen' für rassistisch diskriminierte Kollegen im Namen der Wissenschaft waren, noch dazu wenn man bedenkt daß im Zug der Effizienzsteigerung ab Frühjahr 1944 immerhin 5000 (?) 'Jungwissenschaftler' und Auszubildende nach Plänen von Werner Osenberg, Sparte Planung im RFR, von der Front zurückbeordert wurden ('Aktion Osenberg'). Vordergründig war der Einsatz für die Waffenentwicklung, im Hintergrund mag die offiziell verbotene Nachkriegsplanung mitgespielt haben. An Deportierte und Nicht-'Volksgenossen' wurde wohl kaum gedacht.

Ein Physiker, der mit knapper Not der Deportation entkam, weil sich Gerlach über Spengler beim SD einsetzen konnte, war Richard Gans (1880-1950)13. Hans Kopfermann und seine Umgebung hatten mit Gerlach vereinbart, Gans in der bei Siemens-Reiniger/Erlangen begonnenen Betatron-Entwicklung zu beschäftigen14. Das war ein Projekt, das zwar als kriegswichtig deklariert wurde, sich aber, zumal bei den gegebenen Zeitperspektiven, ziemlich eindeutig an Nachkriegsplänen von Siemens orientierte. 1946 übernahm Gans, 66 jährig, für ein Jahr den Sommerfeld-Lehrstuhl in München. Es hat ihn nicht lange in Deutschland gehalten, die letzten Jahre seines Lebens lebte er wieder in Rio de la Plata..

Ich hoffe, was ich zur Sprache bringen konnte, läßt sich im Rahmen des angesprochenen Anliegens einer 'Fachdidaktik' und Hochschulpädagogik verstehen, und in dem eines Programms, das auch am Beginn der fachlichen Arbeit in Oldenburg stand und seither den Metamorphosen der Zeitläufe unterworfen ist, nämlich: im Rahmen der sozialen Praxis eine tatsächlich zukunftsorientierte Physikausbildung und - wenn man so will - 'freie' Forschung zu entwickeln. Der Didaktiker Klaus Jaeckel hielt an diesem Programm fest mit der notwendigen Ambivalenz und Unsicherheit gegenüber den engeren und weiteren Umgebungen, die mir der beste Garant der Vernunft zu sein scheint.

* * *

 

1Beitrag zu einem Klaus Jaeckel (1942-1996) - Kolloquium im Juni 1996 in Oldenburg. Klaus Jaeckel hatte ein Seminar oder eine Vorlesung zur Physik in der Hitlerzeit geplant, und er hatte schon immer Material zusammen­getragen, vorallem Bücher, über die wir zum Teil seit Jahren miteinander gesprochen haben. Und noch bei unserem letzten Treffen, im Mai, im Café Merlin, zusammen mit Heinz Helmers und Jochen Pade, hatten wir für ein paar Minuten den gewohnten Wortwechsel über uns, die Literatur und die Kollegen von damals.

21924 etwa, studierten in Deutschland insgesamt im naturwissenschaftlich-mathematischen Zweig der Universtitäten weniger als 4000 Studenten. An den Technischen Hochschulen entfielen auf die Fächer Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemie und Hüttenkunde, deren Lehrplan physikalische Anteile aufwies, 16500 Studenten. Diese Zahl hatte sich übrigens seit 1914 verdreifacht (s. Meyers Lexikon 7te, 1925, Eintrag 'Deutsches Reich')

3Hier meine ich natürlich nicht den 'reaktionären' 'Internationlismus', der etwa seit der Jahrhundertwende den 'friedlichen Wettstreit der Nationen' propagierte, etwa in den olympischen Spielen seinen Ausdruck fand, und auch bis zu einem gewissen Grad in der Institution des Nobelpreises, und der unter Wissenschaftlern weit verbreitet war.

4Private Mitteilung Wilhelm Walcher, Gespräch Marburg 30. Juni 1995

5Franz Epp (1868-1947), Berufsoffizier schon im Expeditionskorps gegen den Herrero-Aufstand, war früh schon der Kolonialpolitiker der NSDAP, wurde 1933 Reichsstatthalter in Bayern und galt als parteiinterner Kritiker Hitlers.

6Hans Kopfermann an Niels Bohr, 23. Mai 1933, Niels Bohr Archive, Kopenhagen und APS (American Physical Society), courtesy Dr. Finn Aaserud, NBA

7Aus den Inhaltsangaben für die Personalakte des Reicherziehungsministeriums (REM) im Bundesarchiv/Berlin Document Center ist ersichtlich, daß das Ministerium Rausch am 17.4.1936 aufforderte, sich zu seiner Mitgliedschaft in der Deutschen Friedensgesellschaft und in der Liga für Menschenrechte zu äußern, was nur bedeuten konnte, daß man ihn loswerden wollte. Am 17.11. wurde ihm eine Stellungnahme 'wegen §6' abverlangt. Anfang 1937 wurde er 'entpflichtet'. Ausschlaggebend mögen die Ehegeetze von 1935 gewesen sein. Rauschs zogen nach Charlottenburg und das REM vermerkte später in der Personalakte eine Zusammenarbeit mit dem OKH. Rausch arbeitete auch mit Otto Hahn. Als er 1944 gezwungen wurde, sich von seiner Frau zu trennen, starb er. Otto Hahn konnte Frau Rausch mit der Maßgabe, daß sie allein in der Lage wäre, den kriegswichtigen Nachlass ihres Mannes zu bearbeiten, vor der sicheren Deportation retten.

8Heinz Boberach Hg., Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS 1938-1945, Hersching (Pawlak) 1984, Bd. 2, S.89

9Der Kreis hatte sich mit etwas 'Etikettenschwindel' Philip Lenard zu einer Art Ehrenmitglied erkoren, hinsichtlich des Antisemitismus jedoch mit Recht.

10Brief Rudolf Jaeckel aus Clausthal an Walther Weizel in Bonn vom 2.1.1946, Privatarchiv Klaus Jaeckel

11Ulrich Herbert, "Aus der Mitte der Gesellschaft", Die Zeit Nr.25, 14.Juni 1996

12Bundesarchiv/Berlin Document Center, BDC Wi A474, betr. Gerlach

13Gans mußte 1935 im Alter von 55 Jahren sein Kaliningrader Lehramt aufgeben, wo er und Kaufmann, der auch gehen mußte, die beiden Lehrstühle für Physik innehatten. Gans versuchte vergeblich, sich zu wehren, u.a. mit einem Gutachten des Generals Faupel, des Gründers des Iberoamerikanischen Instituts (heute Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Franco-Freundes) (Angaben zur Personalakte des REM, BA/BDC) Richard Gans war der Sohn von Leo Gans (1843-1935), Kommerzienrat, Vorsitzender des Frankfurter Städelvereins und 1926-1935 im Aufsichtsrat der IG-Farben. Richard Gans war von 1903-1908 Privatdozent in Tübingen, wo um Friedrich Paschen eine 'Tübinger Schule' entstand, dann lehrte er in Strasbourg und von 1912 bis 1925 in Rio de la Plata. Seit 1925 war er Professor in Königsberg.

14S. Victor Weisskopf, "Hans Kopfermann", Nuclear Physics 52, 1964, S.81. Walther Gerlach hat 1963 in der 'Neuen Deutschen Biographie' ("Richard Gans") geschrieben, daß bis 1939 Freunde und Schüler Gans eine Beraterstelle bei der AEG vermittelten. "Nach Ausbruch des Krieges aber mußte er eine schwere Zeit körperlichen Arbeitens durchmachen - ohne daß er je seine wissenschaftlichen Interessen und seinen überlegenen Humor verlor". Die Angaben zur Personalakte des REM (s.o.) vermerkten unter dem 30.6.41: "Gema-Heranziehung". Gerlach a.a.O. weiter: "In den letzten Kriegsmona­ten entkam er durch rechzeitige Warnungen und die Bemühungen einiger jüngerer Kollegen den Nachstellungen der Ge­stapo, zuletzt nur noch durch Flucht".