I.

Fragen und Fakten zum Schema der "alten" Produktionsweisen. Sammler, Bauern, was ist "Hochkultur"?

Um die verschiedenen "Produktionsweisen" untereinander und zu uns in Beziehung zu setzen, werde ich des öfteren mit zwei Begriffen operieren, die ich hier nicht präzisieren will: "Reproduktion" und "Entfremdung" verweisen selbstredend auf die "existentielle" materielle Grundlage des "Gemeinwesens" und auf das ebenso existentielle Wohlbefinden einer Person in ihm. Mit der Abhandlung der Fragen und Fakten wird die Rolle, welche der "Wissenschaft" zukommt, an Deutlichkeit gewinnen.

1.

Rosa Luxemburg hat 1912 in "Die Akkumulation des Kapitals" unsere, die kapitalistische, Reproduktion beschrieben: "Profit als Endzweck und bestimmendes Moment beherrscht hier also nicht bloss die Produktion, sondern auch die Reproduktion, d.h. nicht bloss das Wie und Was des jeweiligen Arbeitsprozesses und der Verteilung der Produkte, sondern auch die Frage, in welchem Umfange und in welcher Richtung der Arbeitsprozess immer wieder von neuem aufgenommen wird, nachdem eine Arbeitsperiode ihren Abschluss gefunden hat". Und selbst die Nationalökonomie, die es doch besser wissen müsste, verriet beständig die Neigung,"das Problem der Reproduktion, kaum dass sie es halbwegs bewusst aufgestellt oder wenigstens geahnt hatte, unversehens in das Krisenproblem zu verwandeln und sich so die Lösung selbst zu versperren."

In keiner anderen "Produktionsform" gibt es diese (unvernünftige) Offenheit, Gedankenlosigkeit,"Risikobereitschaft", Rosa Luxemburg unterstreicht diese Festellung mit dem Hinweis auf die archaischste aller Produktionsweisen: "So ist nach den gründlichen Forschungen von Spencer und Gillen der Totemkult der Australneger im Grund nichts anderes, als die zur religiösen Zeremonie erstarrte Überlieferung gewisser seit undenklichen Zeiten regelmässig wiederholter Massnahmen der gesellschaftlichen Gruppen zur Beschaffung und Erhaltung ihrer tierischen und pflanzlichen Nahrung." Mit anderen Worten, die Australier überlieferten explizit, allenfalls "rituell und mythisch",das zur sozialen Reproduktion notwendige Wissen, "Totemkult" religiöse Zeremonie, Erstarrung sind gegebenenfalls schiefe Formulierungen.

2.

Marshall Sahlins beschreibt 1972 in "Stone age economics" wie in den Textbüchern der Anthropologen bis dato "dem Jäger auf den Fersen das Gespenst des Hungertodes durch die Seiten pirscht". Wenn man hingegen genau zu lesen verstünde, was u. a. die oben erwähnten Spencer und Gillen beobachtet hätten, könne man eher vom "Zen-Weg zum Wohlstand" reden, von den Arunta konnte, solange sie ungestört blieben, berichtet werden (London 1899, 1927): "his life is by no means a miserable or a very hard one".

Dazu gibt es sogar Zahlen: "Reports on hunters and gatherers of the ethnological present - specifically on those in marginal environments - suggest a means of three to five hours per adult worker per day in food production" Sahlins schreibt auch, dass fast alle Gruppen heutzutage traurig "kulturlos" geworden sind, dass man nur gelegentlich noch Beweise findet wie "symbolisch", "zeremoniell" wenn auch niemals materiell aufwendig diese Produktions- und Reproduktionsform ehemals war. Das Kennzeichen ist "Unterproduktion", das kann nur heissen, dass die Kultur sich dezidiert nicht "ökonomisch" gestaltete, sie so zu reproduzieren will vermutlich gelernt sein.Bis vor hundert Jahren konnten die Buschmänner an den Hängen der Drakensberge ihre Felszeichnungen herstellen, wie auch die Steinzeitkulturen in Europa,Lascaux,Altamira, ein "Kulturprodukt" dieser Produktionsweise.

3.

Heute leben nach vielerorts unsäglichen Massakern Gruppen von Jägern, Sammlern, Fischern in Australischen Reservaten, hier und da im Pazifik, im hohen Norden, in Feuerland, im Südamerikanischen Urwald, in der Kalahari und im Kongourwald, Weipa- und Aurukun-Australier, Aunin-,Mbuti-,!Kung-Buschmänner, Pygmäen, Eskimos, Indianer... Meist "marginal hunters" im Vergleich etwa zu den Büffeljagenden nordamerikanischen Plaineindians, deren Existenzgrundlage vor hundert Jahren in die Fleischfabriken gewandert ist. Die Australier sind wieder zahlreicher, 3OO OOO, von denen aber die Hälfte in den Städten lebt, ihre Reservate werden von der Beauxit- (Rio Tinto Zinc) und Uran- Industrie zerstört: "From Massacres to Mining" (Janine Roberts 1978); im brasilianischen und peruanischen Urwald nimmt man den Indianern mit dem Holzraubbau, dem Abbau der Bodenschätze (Gold, ™l,...) und der Grossviehzucht die Lebensmöglichkeiten: "Opfer des Fortschritts" (Johanna Gerdts 1983). Diese in ihrer Art hochentwickelte, "sanfte" Produktionsweise hat kaum noch eine Chance, die "Barbados-Anthropologen" (vgl. Mark Münzel 1985) sind mit dezidierter Aktionsforschung an die Seite dieser Minoritäten getreten.

4.

Zwischen der "ursprünglichen" Produktionsweise und der der Brandrodung liegt die von Gordon Childe so benannte "Neolythische Revolution", die Revolution der Pflanzen- und Haustierzüchtung. Die Brandrodung in den tropischen Wäldern ist zwar ein destruktiver aber immer noch relativ harmloser Eingriff in die ökologische Struktur. Diese Produktionsweise, die im übrigen die vorherige integriert, gestaltet sich noch immer als "Unterproduktion", The Domestic Mode of Production: The Structure of Underproduction, schreibt Marshall Sahlins. Allzu schnell können ™konomen sagen, es gäbe keinen Markt, es gibt auch die Möglichkeit gesellschaftlicher Beschränkung auf den Hausgebrauch. Das explizite Instrument dieser Beschränkung und ihrer Reproduktion: "Mythen und Riten".

5.

Revolutionär sind Ackerbau und Viehzucht zweifellos, technisch gesehen hat eine Entwicklung der "Produktivkräfte" stattgefunden, der ökologische Eingriff stellt zwar diese Entwicklung wieder in Frage, jedoch nicht für die Betroffenen, die ihr (thermodynamisches) System in dieser Hinsicht "offen" sehen. Auch hat die "carrying capacity", die Maximalzahl der Menschen, die eine Bodenfläche ernähren kann, als solche keine Bedeutung, man kann nur feststellen,dass die oft brennende "Landfrage" nie in erster Linie die der Resourcen und der Technik ist, sondern die der gesellschaftlichen Praxis. "Unterproduktion" geht einher mit "brach" liegenden Resourcen: 288 Menschen pro Quadratmeile in Neuguinea, das sind 64% der carrying capacity, Robert L. Carneiro findet, dass der südamerikanische Wald bei traditioneller Brandrodungsnutzung Dörfer mit etwa 45O Menschen ernähren könne, wo man sich auf 51 bis 15O Menschen beschränkt, die Kuikuru nutzen sogar nur 7% der carrying capacity. In einer Hinsicht kann man den revolutionären Fortschritt jedenfalls negativ formulieren: Die Sammler und Jäger mussten für ihr Auskommen nicht länger täglich arbeiten als die neolythischen Bauern, wahrscheinlich hat die "Revolution" einen höheren Arbeitsaufwand für die Nahrungsmittelproduktion erzwungen.

6.

Die neolythische Revolution ist gewiss auch die Revolution der Axt und der Hacke, aber sie ist zu allererst die eines neuen Bezugs zu den Resourcen, Ergebnis mühseliger Perfektion der gesellschaftlichen Arbeitskraft und nicht der Werkzeuge (so ist etwa der Speer eines alaskischen Eskimo um einiges perfekter als ein melanesischer Grabstock) und überhaupt ist bis zur industriellen Revolution die Geschicklichkeit bei der Arbeit Hauptfaktor der Produktivkraft:"Only an industrial system could survive on the proportion of unskilled workers as now exists", schreibt Sahlins und so ist also bis in unsere Zeit, die das Reproduktionsproblem reduziert und vergessen hat, die Weitergabe solcher Geschicklichkeit ein Hauptanliegen. Die "hausgemeinschaftliche" Produktionsweise ("domestic mode of production") produziert um zu leben, in der Industriegesellschaft orientiert sich das Leben an der Produktion.

7.

Die Dorfgemeinschaft braucht Namen, funktionale Bezeichnungen für Arbeitsteilung und Ritual, Arbeitsteilung zunächst der Geschlechter,"les structures alimentaires de la parentee" hat Claude Meillassoux das genannt, da gibt es "Klassifikationen", die "mnemotechnisch" für die orale Tradition aufgearbeitet werden müssen und über Maskenbildnerei und "Kunst" für das Ritual. Diese Klassifikationen "systematisieren" alle Produktions- und Reproduktionsbereiche in Natur und Gesellschaft. Es gibt z.B. in der Gesamtzahl der Menschen im Dorf eine nach Bedarf einzeln benennbare konkrete Totalität, die nicht zu verwechseln ist mit gewaltsam verkürzt gedachten sektiererischen "kosmischen" Konstruktionen von Ganzheit heute.

Claude Levi-Strauss hat das taxinomischen Wissen der alten Produktionsweisen quasi gleichberechtigt neben das der modernen Wissenschaft gestellt und George Gurvitch hat ihm erbittert wider-sprochen, beide hatten gute Gründe: das alte Wissen war auf die soziale Reproduktionsnotwendigkeit hin konzipiert und darin dem heutigen eher überlegen, im Rahmen eines von Gurvitch noch vertretenen "Exaktheitsanspruchs" seiner Wissenschaft kann es nicht mal als Vorstufe gelten. Diese Wissenschaft tritt zugleich mit einem mehr als zweifelhaften Anspruch gesellschaftlicher Zuständigkeit an, den Levi-Strauss nicht mehr teilt: Exaktheit in Bezug auf wen oder was?

8.

Mit der Speicherwirtschaft kommt offenbar ein Moment der Zukunftssorge in die Produktionsweise, anstelle von erfahrungsgemäss berechtigtem Vertrauen in eine Reproduktionsform, die morgen so gut wie heute und gestern finden lässt, was gebraucht wird. Die Speicherwirtschaft z.B. am Rand des Afrikanischen Wald-"Halbmond" zur Savanne hat gewiss ihre geographisch-metereologischen Gründe, gleichzeitig "programmiert" diese Wirtschaftsform, indem sie sie antizipiert, die "Katastrophe" vor. In der Verletzlichkeit der Subsistenzgrundlage liegt einerseits ein Grund zur stärkeren "Militarisierung", gar zur Ausdifferenzierung eines Kriegerstandes oder zur "Symbiose" mit kriegerischen Viehzüchtern, andererseits ein vielfach "verwendbares", kanalisierbares und kanalisiertes sozialpsychologisches Angstmoment.

9.

Eine "Trilogie" der Funktionen zeichnet sich ab, die George Dumezil (1958) jedenfalls den Indoeuropäern nachweisen konnte: landwirtschaftliche Produktion, Verteidigung und Krieg, Verwaltung und (religiöse) Ordnung: Bauer, Krieger, Priester, getrennte Funktion, eventuell getrennte "Stände", dann auch getrennte "Götter", einen für den Bauch, einen fürs Herz, einen für den Kopf (Quirin, Mars, Jupiter und in den Farben schwarz, rot, weiss...).

10.

Es sieht so aus, als trüge die "Kunst"produktion das Kennzeichen einer Produktionsweise im jeweiligen "Stil". Wenn man die "Symbole" mit Ernst Cassirer durchaus dem Denken unterstellt oder vielmehr ihnen etwas "ausgedachtes" oder eine bestimmbare Bedeutung unterstellt und dann mit Susan K. Langer eine "nichtdiskursive Form" in dewr Kunst feststellt und die Bezüge, die symbolisch hergestellt werden, aufzuzeiten sucht, kommt eine unmittelbare Komponente weniger zur Sprache. Man hat auch von einer "affecting presence" sprechen wollen (Robert Plant Armstrong 1971), von einer "gefühlsbestimmenden Gegenwärtigkeit" und gewiss motiviert so etwas ersteinmal zur Frage nach den Referenzen - oder motiviert gerade nicht, evoziert ein Gefühl und weiter nichts?

Das ist dann auch, was in den "Pathosformeln" Aby Warburgs anklingt und natürlich kann, wie Warburg es gerade tut, hinterfragt werden, woher das Gefühl kommt: die "Semiotisierung/Entsemiotisierung" hat eine Geschichte und die wiederum hat eine individuelle (und nicht zuletzt dabei gesellschaftliche), aber auch eine sozialhistorische Komponente, womit letztendlich die "affecting presence" zwar nicht individuell und momentan, aber gesellschaftlich und im Nachdenken restlos in der symbolischen "Form" aufgeht. Aristotelisch? - die Praxis ist allerdings eher platonisch, eine affektive Finalität eignet der Darstellungsfunktion ebenso wie ihr intellektueller Aspekt, eine "gefühlsbestimmende Gegenwärtigkeit" hat die Funktionalität, "Geschicklichkeiten", die für eine Produktionsweise spezifische sozialpsychologische Konditionierung (Norbert Elias), zu fördern und zu fixieren: "Normung" der Affekte und Sensibilitäten, ohne dass man sich dieser Funktionalität bewusst wird.

Ich beobachte im Prozess der "Normung" zugleich Vergröberung und höhere "Genauigkeit" entsprechend der über unmittelbare Lager- und Dorfverhältnisse übergreifenden Bestimmung und Produktion der Gegenstände. In den Tonköpfen der Nok, in den hölzernen Skulpturen der Yoruba, bestimmt aber in den Bronzen aus dem Benin und erst recht in der "Kunst"-produktion lateinamerikanischer Kulturen wie der Moche, kommt zum Ausdruck, das sich diese jeweiligen Produktionsweisen von den hier erstgenannten unterscheiden. Mit der Annahme, dass Karl Bühlers Terminologie gültig ist, möchte ich sagen, dass die "Ausdruckskomponente" im Prozess der Normung ganz zurücktritt und die Apellfunktion an die Darstellungsfunktion gekoppelt betont wird. Eckhard Neumann (Herrschafts- und Sexualsymbolik, Stuttgart 198O) spricht vom "Dschungel der unüberschaubaren Begriffseigentümlichkeiten" in der Symboltheorie und hat versucht klärendes zu sagen, auch im Hinblick auf die religionstheoretischen "Romantiker" numinoser Erfahrung, von denen Bühler vermittelnd gemeint hatte"Romantiker und Nichtromantiker wird es immer geben; sie müssen in der Wissenschaft nur versuchen, sich gegenseitig zu verstehen."

11.

"Reziprozität", Konzept der Ethnologen und Soziologen seit Marcel Mauss' "Essay sur le don" 1924 und schon bei W.H.R. Rivers war im Prinzip die Aussage vorhanden, schreibt Claude Levi- Strauss, und Thorstein Veblens prestigewirtschaftliche Sicht des "Conspicuous vaste" spielt wesentlich mit. Phänomene wie der Potlatch der Kwakiutl mögen erläutern wie die prestigewirtschaftliche Differenzierung die ökonomische Gleichstellung zum Ziel hat. Marshall Sahlins beschreibt den Verlauf der Reziprozität aus der Hausgemeinschaft über die Lineage, das Dorf, die Ethnie zum interethnischen "Aussenbereich": generalisierte Reziprozität im Haus, ausgeglichene, relative in den Zwischenbereichen und "negative" oder "freies Spiel der Kräfte" nach aussen. Offenbar spielt eine gesellschaftliche Festlegung mit, die als "Moral" (Geschäftsmoral) verinnerlicht wird.

"Lyrisch" betont Claude Levi-Strauss das Konzept:"Es bleibt heute für das ethnologische Denken eine Grundlage, die so solid ist, wie die Gravitationstheorie für die Astronomie. Aber in diesem Vergleich liegt eine Lehre: in Rivers hatten die Ethnologen ihren Galilei; und Mauss war ihr Newton. Bleibt nur zu hoffen, dass die wenigen noch lebendigen und als dualistisch bekannten Systeme in einer Welt, die weniger vernünftig, als die unendlichen Welten, vor deren Schweigen Pascal erschrak, auf ihren Einstein warten können, bevor ihnen die nicht mehr ferne Stunde schlägt."