KS "Lehrveranstaltung": Stichworte

Wissenschaft - Mythos oder Märchen.

Zitat Siegfried Krakauer aus "Das Ornament der Masse"(1927):

"Der Prozess der Geschichte wird von der schwachen und fernen Vernunft gegen die Naturmächte ausgefochten, die in den Mythen Erde und Himmel beherrschten. Nach der Götterdämmerung haben die Götter nicht abgedankt, die alte Natur in und ausser dem Menschen behauptet sich fort. Aus ihr sind die grossen Kulturen der Völker gestiegen, die wie irgendein Naturgebilde sterben müssen, ihrem Grund entwachsen die Überbauten des mythologischen Denkens, das die Natur in ihrer Allmacht bestätigt... Die organische Gesellschaftslehre, die den natürlichen Organismus zum Vorbild der gesellschaftlichen Gliederung erhebt, ist nicht minder mythologisch, als der Nationalismus, der um eine höhere Einheit als die schicksalhafte der Nation nicht weiss..." Und:

"Nicht in dem Zirkel des natürlichen Lebens bewegt sich die Vernunft. Ihr geht es um die Einsetzung der Wahrheit in der Welt.Vorgeträumt ist ihr Reich in den echten Märchen, die keine Wundergeschichten sind, sondern die wunderbare Ankunft der Gerechtigkeit meinen...In den Frühzeiten der Geschichte schon ist im Märchen die blosse Natur um des Sieges der Wahrheit willen aufgehoben.Die natürliche Macht geht an der Ohnmacht des Guten zugrunde, Treue triumphiert über magische Künste..."

Wissenschaftsgeschichte, eine Einleitung. Funktion und Geschichte der Wissenschaftsgeschichte.

Zur Debatte um die Rolle der Naturwissenschaft in der Gesellschaft: Wissenschaftsgeschichte? "Produktivkraft Wissenschaft" - das Substrat einer ideologisch verschleierten Naturwissenschaft? Oder ist das Substrat die "Destruktivkraft Wissenschaft"? Die verschiedenen "Wissenschaftsgeschichten". - Wissenschaftsgeschichte, Technikgeschichte als Sozialgeschichte. Das Rürupprogramm. Kulturtheorie, Kulturologie, Semiotik. Ferrucio Rossi-Landi, die Moskau-Tartu-Schule, Juri Lotman. Alte Dichotomie: Produktion und ideologische Superstruktur. Semiotik,Trichotomie. Grundsätzlich die Frage des "Reproduktionsschemas". Ökologische Wissenschaft?, Soziale Wissenschaft?

"Elektrifizierung und Rätesystem" -Geplante Wissenschaft nach 1917. The social function of science (Bernal, Crowther, Merton) 30er Jahre. Der "Sputnikschock" (Die konservative Minervadebatte) nach 1958. Wissenschafts-soziologie (Vereinigung deutscher Wissenschaftler /concerned Scientists, Starnberg/Futurologiedebatte, Schwerpunkt Wissenschaftsforschung Bielefeld).

Fragen an die Geschichte? Gewiss, aber welche? Sprache in der "Konsenszone" der civil society, woher nehmen? Amerikanische Eliteschulprogramme(Harvard, MIT, Princeton): STS-Science,Technology,Society, heute statt Grundkurs Philosophie auch Grundkurs Wissenschaftsgeschichte. "Verstehen" der Technikentwicklung? Verstehen oder Verändern? usw: postmoderne Debatten oder Engagement für ein alternatives Reproduktionsmodell? Ein noch und immer wieder zu verabredendes. Ein Ahnenkult? Ist Wissen kumulativ? -in dem Sinn Vergangenheit für die Zukunft.

Persönlich: 1972 Berlin: "Kurs" Wissenschaftsgeschichte. Nach 6 Jahren Genf (und Serpukhov), nach 15 Jahren "Berufspraxis" in der physikalischen Forschung. 1974/75 Modellversuch zur Forschungsorganisation: viele Gespräche mit Naturwissenschaftlern aller Fachrichtungen über "Forschungspolitik" (Hortleder hatte das "Weltbild des Ingenieurs" unter die Lupe genommen, Wolfgang Krohn, Wolf van den Daehle und Gernot Böhme hatten in den MPI eine Enquete verantstaltet etc.). Generelle Beobachtung: Zu enge Sprache, zu enger Horizont, was tun? "Philosophie, Geschichte". Der Modellversuch: Form und Inhalt der Universität an zwei Punkten: Prestigeökonomisch: sozialer Druck, Aufstiegsmotivation, der "Sozialaufsteiger" und "Armut in der Welt", "Nord-Süd"-Fragen, Entwicklung, Industrialisierung, was lehren die Universitäten "da dazu"? Dann die Kernkraftdebatte,in Frankreich früher als in Deutschland, hier dann die regelrechte Bürgerbewegung Antiakw. Die Begutachtungs und Genehmigungsverfahren, die Enquetekommission zukünftige Energiepolitik: Auch hier die Horizontfrage, die der Sprachmächtigkeit. Was weiss man über die Energieabhängigkeit sozialen Fortschritts? Die Energiedebatte geriet immer wieder in Vergessenheit, frühere technische Revolutionen sind kaum im Bewusstsein.

Geschichte aber wie? Immanuel Geiss, Hans-Ullrich Wehler, Jürgen Kocka, Dieter Groh, auch Reinhard Kosellek, vorallem aber Reinhard Rürup und Karin Hausen. Die Ecole des Annales in Frankreich. Eric Hobsbawn, E.P.Thompson, vorallem auch Christopher Hill in England: Past and Present, New Left Review,und History Workshop. Carlo Ginzburg? Und die bei Wagenbach produzierten Taschenbücher, Aufstand der Sciompi, Savonarola, Peter Brückners Fichte-Buch, die Frankensteingeschichten, die "Romantikerinnen", die neue Aufmerksamkeit für den "Alltag", die Geschichtswerkstätten.

Marxismus: "Alles hängt irgendwo zusammen". Während der Wiener Kreis eine "unified Science" aufzubauen suchte, hatte der Marxismus auch nie vor disziplinären Schranken Angst und gleichzeitig das Wozu im Auge - die Wiener waren da bescheidener: Susan K. Langer hat die Methodik beschrieben: Fragestellungen ausgrenzen um das Terrain für Laborarbeit zu bereiten. Marxismus: nichts ausgrenzen, also "ehrgeiziger"?

Traumatischer Personalismus, traumatischer Kollektivismus: Frage: Was tun, wenn die Umgebung nicht aufhört zu fragen, wie kannst Du heute Physiker sein? Die Umgebung wechseln? Antwort eines ergrauten Physikers: wer sich irre machen lässt, hat seinen Beruf verfehlt. Die Persönlichkeit und das Kollektiv? Eben drum. Traumatische Erfahrung mit dem Nationalsozialismus, bestehen auf dem persönlichen, Vertrauen a la Adam Smith: wenn jeder seine Interessen kennt und ihnen nachgeht, regelt sich das Ganze von selbst. Vertrauen in eine "Ethik". Dementgegen steht das modernere und begründete Misstrauen. Traumatischer Kollektivismus: zum Beispiel Erziehung in nationalsozialistischer Zeit: Als Einzelner bist Du nichts, das Kollektiv ist alles. Oder auch eine Erschütterung des auf-Hilfe- angewiesen-seins oder die Angst vor exitentialistischen Ehrlichkeiten, kurzum die Suche nach Sicherung, gegebenenfalls eine Abhängigkeit, ja Sucht, gegebenenfalls Bequemlichkeit oder"Opportunismus". - Wenn das Kollektiv also zu fragen beliebt, wie kannst Du heute, dann liegt allerdings die Retourfrage nahe: Wie meint ihr das? Ziel der Verhandlung ist was? Und wie halten wirs mit der "Individualität" oder der "Spontaneität"?

A propos Nationalsozialismus: die Verschleierung ihrer Funktionalität war kaum je so arg für Naturwissenschaft und Technik, reichliches Material für eine Semiotik: Verherrlichung vom Kino bis ins Deutsche Museum, von den Schulbüchern bis zu den Preisverleihungen an Ingenieure und Wissenschaftler. Patriotische und Kriegswissenschaft.

Ziel der Beschäftigung mit Wissenschaftsgeschichte ist was? Die Apologetik, die Kritik, die Fachinterne "Theoriegeschichte", das alles gibts und ein gewisses Mass an Institutionalisierung auch und dementsprechend funktionalisierte Fachdebatten: die Externalismus-Debatte, die Kuhndebatte etc.

Geschichte der Wissenschaftsgeschichte

Schweiggers Urgeschichte der Physik 1822. Schon nicht mehr gänzlich die Tradition Naturgschichte. Franckesche Stiftung, Schweiggers (früher Gehlens)Journal,die Naturforscherversammlung. Universität Halle. Zwanzig Jahre später Berlin: Poggendorf, die Physik hat sich mit Gustav Magnus, mit der Gewerbeschule,mit der Entwicklung in Frankreich aus der Naturgeschichte gelöst, zögernd auch in Deutschland das industrielle Zeitalter. Eine Art Fachgeschichte, was wir bis heute als solche kennen, nur noch praktischer, auch schon der Aspekt Vereinsgeschichte, Poggendorfs Bibliobiographisches Lexikon, Poggendorfs Annalen.

Zwanzig bis 30 Jahre später Mach, Theoriegeschichte, das Erkenntnisproblem, die Vierteljahresschrift. Ja und dann? Kulturgeschichtliche Anstrengungen, Archiv für Kulturgeschichte, z.B.Strunz, die "Historische Schule" (Schmoller) verarbeitet Technik- und Wissenschaftsgeschichtliche Daten, ebenso die "Kathedersozialisten" Karl Bücher. Noch vor dem ersten Weltkrieg dann in grader Linie in den Nationalsozialismus hinein, apologetische Technik- und Wissenschaftsgeschichte über die Vereinsgeschichte hinaus, Feldhaus, Matschoss, Lenard. Die kultur- und geistesgeschichtliche Linie bei Sarton, Isis, zunächst in Leuwen, später in Boston, Poincare auf dem Titelblatt. Altmeister der Wissenschaftsgeschichte, speziell Aufwertung mittelalterlicher Wissenschaft: Duhem, gleichzeitig Wissenschaftstheorie, wie bei Mach, wie bei Poincare: die Axiomatik, das "Modell".

1931 Boris Gessen zu Newton, Kongress der Wissenschaftshistoriker in London, die marxistische Diskussion in der Sowjetunion seit 1917, Deboringruppe, Bogdanov, aber auch in Deutschland seit Korsch, Lukakcs (aber auch Bernstein, Kautsky, Liebknecht, Bebel). 1932 Borkenau, dazu Grossmann. In England durch Gessen angestossen, Wissenschaftsgeschichte des linken Establishment, Bernal, Hogben, Needham, Levy, Waddington. The Social fonction of science debate. Parallelen in Frankreich Wallon et al. In Amerika erste Schritte der späteren Wissenschaftssoziologie, Merton am Beispiel 17 Jhdt, Anregung Gessen, Sarton, Sorokin(Kulturologie). Illegitime Erben der marxistischen Tradition? vgl. die "Sputnikdebatte" nach 1957.

Nach 1945 in der BRD Universitätsneuanfang (vgl. Alexander Kluges Dissertation), Bald der kalte Krieg. Das christliche Abendland. Komitee Freiheit der Wissenschaft (seit 1941), antikommunistisch, Baker, Michael Polany. Das Bulletin of the Atomic Scientists, Organ der concerned Scientists. International Union of Scientific Workers. Blackett, Unesco, die Needhams: Outpost of Science (in China). Joliot und das CEA. CERN-Gründung. Wirtschaftswunder, Bilateralverträge der USA zur "Friedlichen Nutzung der Kernkraft, Ministerium Strauss: neue Finanzierung der Naturwissenschaften, Debatten um die Universitätsgestaltung: Hans Blumenberg.

 

Anmerkungen.

1/ Clifford Ambrose Truesdell 198O

2/ Ludolf Kuchenbuch, Prümer Klosterherrlichkeit,

3/ Die Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft", die "Bielefelder Schule", Autoren wie Reinhard Rürup, Karin Hausen. Zur Fachgeschichte schreibt Immanuel Geiss (geb.1931) (Ansichten einer künftigen Geschichtswissenschaft, München 1974): "Der Restauration Westdeutschlands, dann der Bundesrepublik im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Betrieb entsprach die Restauration des Zunftbetriebs (der Historiker K.S.), so gut es eben nur ging, repräsentiert von Friedrich Meinecke, Gerhard Ritter, Hermann Aubin, Hans Rothfels und Hans Herzfeld. Von ihnen und ihrer unmittelbaren Schülergeneration war kein grundsätzlicher Wandel zu erwarten..." An gleicher Stelle beschreibt Manfred Asendorf(geb.1944) den "Aufstieg" der Sozialgeschichte: Otto Brunner, Theodor Schieder und Werner Conze bemühten sich schon in den frühen 5Oer Jahren, die politische Geschichtsschreibung um die sozialgeschichtliche "Betrachtungsweise" zu ergänzen. Sozialgeschichte oder, wie sie seitdem öfter auch heisst, Strukturgeschichte soll institutionelle und kollektive historische Phänomene in den Blick nehmen, um - so Schieder - den "historischen Materialismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen... Einige Historiker der mittleren und jüngsten Generation wagen sich seitdem über diese eher taktisch bestimmte Variante der überkommenen deutschen Geschichtsideologie in theoretisch-methodologisches Neuland hinaus: Vor allem Hans-Ulrich Wehler (geb.1931 K.S.) versucht in weitverzweigter Tätigkeit als Autor und Herausgeber, die Fachhistorie an den angelsächsischen und französischen Standard der sozialgeschichtlichen Forschung näher heranzuführen..." Dass es sich bei Wehler, Groh (geb.1932), Kocka (geb.1941), Kosellek, W.J.Mommsen und Nipperdey weitgehend noch immer um "verkappte traditionelle Geschichte" handelt, um einen "pluralistischen" Ansatz, der ein Theoriedefizit nicht verdecken kann und auf einer höheren Stufe doch mit dem commonsense-Denken paktiert,versucht Volker Rittner(geb.1946) a.a.O. zu zeigen. "Alltagsgeschichte" und "Oral history" (vgl.Lutz Niethammer (Hg.)Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis, Frankfurt 198O) - dernier cri im Fach - zeichnet sich auch nicht grad durch Theoriefreudigkeit aus.

vgl. auch Friedrich Eberle, Eike Hennig, Anmerkungen zum Verhältnis von Theorie und Empirie in "Die Gesellschaft" 2, Frankfurt 1974, wo die Schwierigkeiten der historisch-genetischen Methode mit m.E. geeigneten theoretischen Ansätzen nachgezeichnet werden. 4/ Autoren wie Christopher Hill, E.P.Thompson, Eric Hobsbawm, um nur die bekanntesten zu nennen. Die Zeitschrift "History Workshop"

5/ Die "Annales" existieren seit 1929, Marc Bloch, Fernand Braudel und Lucien Febvre zählen zur Gründergeneration, die Nachfolger (Jacques LeGoff et.al.) entwickelten neuerdings das Interesse für eine "histoire des mentalites", die nicht nur gelegentlich christlich-sozialistisch geprägt ist.

6/ Reinhard Rürup in: Technikgeschichte.Voraussetzung für Forschung und Planung in der Industriegesellschaft,hg.v. Deutschen Verband technisch-wissenschaftlicher Vereine, Düsseldorf 1972 (DTV- Schriften Nr.2). - ders. Die Geschichtswissenschaft und die moderne Technik. Bemerkungen zur Entwicklung und Problematik der technikgeschichtlichen Forschung, in: Kurze,D.(Hg.),Aus Theorie und Praxis der Geschichtswissenschaft, Berlin 1972 7/ Alexander Kluge, Die Universitätsselbstverwaltung, Ihre Geschichte und gegenwärtige Rechtsform. Frankfurt/Main 1958 8/ "Das Problem der Reproduktion" überschrieb Rosa Luxemburg den ersten Abschnitt ihres Buches von 1912, Die Akkumulation des Kapitals (Berlin 1923, Frankfurt 1966):"Worin besteht das Problem der Reproduktion des Gesamtkapitals? Reproduktion ist wörtlich genommen einfach Wiederproduktion, Wiederholung, Erneuerung des Produktionsprozesses, und es mag auf den ersten Blick nicht abzusehen sein, worin sich der Begriff der Reproduktion von dem allgemeinverständlichen der Produktion eigentlich unterscheiden und wozu hierfür ein neuer befremdender Ausdruck nötig sein soll. Allein gerade in der Wiederholung,in der ständigen Wiederkehr des Produktionsprozesses liegt ein wichtiges Moment für sich. Zunächst ist die regelmässige Wiederholung der Produktion die allgemeine Voraussetzung und Grundlage der regelmässigen Konsumtion und damit die Vorbedingung der Kulturexistenz der menschlichen Gesellschaft unter allen ihren geschichtlichen Formen. In diesem Sinne enthält der Begriff der Reproduktion ein kulturgeschichtliches Moment..." Eine nicht "theologische" Erörterung der "Zukunft" (und auch diese, soweit sie eine "konkrete Transzendenz", m.a.W.die "konkrete Utopie" im Blick hat) lässt sich zweckmässig als das Reproduktionsproblem formulieren, soweit scheint Übereinstimmung sich abzuzeichnen (Claude Meillassoux, private Mitteilung). Für den Kontext Bildung/Ausbildung vgl. Pierre Bourdieu, Jean-Claude Passeron, La reproduction, elements pour une theorie du systeme d'enseignement, Paris 197O, und: 8/ Claus Rolshausen, Wissenschaft und gesellschafliche Reproduktion, Projekt Wissenschaftsplanung 1, Frankfurt 1975 9/ vgl.Jost Halfmann, The Dethroning of the Philosophy of Science: Ideological and Technical Functions of the Metasciences, in: R.Cohen and M.Wartofsky(eds), Methodology, Metaphysics and the History of Science, Amsterdam NY. (D.Reidel Publ.) 1984. - Eine systematisierende Abhandlung, historisch-genetisch mit Vorbehalten zu geniessen.

10/ Max Horkheimer, Eclipse of Reason, N.Y.(Oxford U.P.)1947, deutsch: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft (Übersetzung Alfred Schmidt) Frankfurt 1967

11/ Hans Blumenberg ("Über den Rand der Wirklichkeit hinaus", Akzente 1/83) sammelte die "Gebärden des Wirklichkeitsverlustes", Kostprobe: (Edmund Husserl zu Helmuth Plessner): "Er habe sein Leben lang die Realität gesucht: Und dabei zückte er seinen dünnen Spazierstock mit silberner Krücke und stemmte ihn vorgebeugt gegen den Türpfosten... Unüberbietbar plastisch vertrat der Spazierstock den intentionalen Akt und der Pfosten seine Erfüllung..." Blumenberg: "Der Stock freilich, als ein Instrument der Berührung mit der Realität, das uns fremd geworden ist, gehörte schon Wilhelm Diltey. Max Scheeler verwies auf ihn, als er 1926 den Gegensatz von Idealismus und Realismus am Widerstandserlebnis demonstrierte - mit der Verfeinerung, dass, wenn wir einen Stock gegen die Wand stemmen, der Widersetand im Stockende, die Tastempfindung aber an der Hand erlebt wird..."Immer hat der Augenzeuge den Primat der authentischen Überlieferung. Doch dem um wiederum zwei Jahrzehnte Nachkommenden erscheint jene metaphorische "Handgreiflichkeit" auch als hilflose Gebärde der Furcht vor dem, was für Husserl unter dem Schreckwort "Solipsismus stand und ihm die Katastrophe des Verlustes der Wirklichkeit benannte. Blickt man auf den Göttinger Spazierstock zurück, so wird dieser von zeitgenössischer Eleganz und folglich biegsamer Dünne gewesen sein, so dass er dem Beobachter eher als Bogen der Intentionalität dann als Werkzeug der Soliditätsprüfung des robusten Torpfostens erscheinen konnte. Noch hatte ein Problem seine Schärfe nicht erreicht, das erst im Konzept der Intersubjektivität seine Lösung finden sollte."

12/ Walter Aschmoneit, Studentenbewegung und Internationalismus aus "asiatischer Perspektive" Osnabrück 1985 (Ausarbeitung eines Vortrags auf einem SDS-Symposion "Internationalismus und intellektuelle Wunschlandschaft", Berlin Juni 1985).

13/ Wilhem Berger, Sozialwissenschaftliche Ausbildung und Soziale Kompetenz in: Jakob Huber (Hrsg) Materialien zu alternativen Wissenschafts- und Forschungsansätzen, Wien 1981

14/ Barbara Maria Köhler, Werner Rammert, Klaus Schlüpmann, Peter Weingart, technische Entwicklung und Institutionalisierung der Wissenschaft - Eine empirische Untersuchung von Struktur und Entwicklung einer als "Grossforschung" organisierten Wissenschaft - am Beispiel des CERN-Laboratioriums und der Elementarteilchenphysik, Berlin und Bielefeld 1974, unveröffentlichter, der Stiftung Volkswagen vorgelegter Antrag, die Studie kam nach einem komplexen und langwierigen Begutachtungsprozess nicht zuletzt wegen der von der CERN-Direktion auferlegten Bedingungen (Publikationsvorbehalte etc.) nicht zur Ausführung. Um "Aktionsforschung" ging es insoweit, als man sich einen gegenseitigen Gewinn hätte versprechen können, was aber von den Physikerkollegen so nicht gesehen wurde. Korrollar: Ein neuerlicher Versuch die "Ethnologie de Laboratoire" auch beim CERN einzuführen stiess auf den Widerstand der Direktion, wörtlich: "Wir sind doch keine Wilden".

15/ Gregory Bateson, Social Planning and the Concept of Deutero-Learning (1942) in "Steps to an Ecology of Mind" Bungay/Suffolk 1973

16/ Mario Erdheim, Für die Wiedergewinnung der Utopie in der Wissenschaft, Neue Rundschau 95 (?) vgl. auch Maya Nadig und Mario Erdheim, Die Zerstörung der wissenschaftlichen Erfahrung durch das akademische Milieu, Berliner Hefte 15, 35 198O

17/ Mark Münzel gibt einen Einblick in die Problematik: "Der vorläufige Sieg des indianischen Funktionärs über den indianischen Medizinmann in Lateinamerika, Anmerkungen zum europäischen Diskurs über ethnische Minderheiten in der Dritten Welt, Peripherie 2O, 1985.

18/ Henning Ritter, die ethnologische Wende, Über Marcel Mauss, Neue Rundschau 92, 1981,98

19/ Hans-Peter Dürr, Traumzeit,Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, Frankfurt 1978. Im Vergleich mit einer "jungen deutschen Sozialgeschichte" (s.o.) liegt es nahe, hier von einer noch jüngeren deutschen Ethnologie, die um 1968 sich zu artikulieren begann, zu sprechen. vgl. Fritz Kramer, Christian Sigrist Hrg. Gesellschaften ohne Staat, Frankfurt 1978, Blickrichtung englische Anthropology (E.E. Evans-Pritchard, Meyer Fortes u.a.), Blick zu den gleichaltrigen französischen Ethnologen, Pierre Clastres, Jean-Francois Lizot, zu den Anfängen neuer Selbstfindung: Paul Leiris...

2O/ Für einen Ein- oder Überblick vgl. einerseits: K.P.Kisker, Medizin in der Kritik, Abgründe einer Krisen-Wissenschaft, Stuttgart 1971; andererseits den Erfahrungsbericht von Klaus Holzkamp in: Kritische Psychologie, Vorbereitende Arbeiten, Frankfurt 1972. Kisker schreibt a.a.O.:"...habe ich mich der Erwartung der Kontrahenten im Konflikt - des SPK (Sozialistischen Patientenkollektiv Heidelberg K.S.) - auf ein Wirken als "Gutachter" entzogen und auf Sozialwissenschaftler als kompetente Schlichter sozialpolitischer Konflikte verwiesen. Wobei die Sozialwissenschaftler lediglich herhalten für das legislative Gemächte einer Hochschul- und Bildungspolitik, das - unwillentlich wahrscheinlich - von der Präsumption geleitet wird, eine "direkte" Demokratie sei den Universitäten und sanitären Diensten zwar vorzuschreiben, gleichwohl aber nicht zu praktizieren. Womit das kläffende Hochschul-Windspiel an die lange Leine einer Schuld-Dynamik gelegt und insofern für seine traditionelle Selbstherrlichkeit und Caprice gestraft wird." Und Programmatisch meint der Autor:"Ziemlich entfernt von den polit-psychiatrischen Programmen, wenngleich bei oberflächlichem Hinsehen mit ihnen in einen Topf zu werfen, entfalten sich in diesen Jahren Versuche, die Meinung vom Anderssein der Wähnenden noch stärker einzuschränken. Sie knüpfen sich an die Namen M.Siirala, M. Foucault u.R.D.Laing; eigene Bemühungen, an anderer Stelle mitgeteilt (K.P.Kisker, Dialogik der Verrücktheit, ein Versuch an den Grenzen der Anthropologie, Den Haag 1971 K.S.), mag man an ihrer Seite rücken. Das Ziel dieses Denkens, dem sich leicht voraussagen lässt, dass es im Abseitigen bleiben wird, ist die Konsubstantialität von Vernunft und Wahn. Der Verrücktheit soll das Cliche genommen werden, entfremdeter Modus des Menschlichen zu sein. Dies nicht nur zu behaupten, sondern auch anschaulich zu machen, heisst auf das systematische Wissen und das Handwerkszeug der klassischen Psychiatrie verzichten. Die Phänomene des Abwegigen sind auf eine radikal neue Weise zu beschreiben, und das geschieht offenbar im hermeneutischen Spiel-Raum des Präpsychiatrischen, des präscientifischen angemessener als am Leitseil von Hypothesen,Theorien und Modellen..., ich entwickelte sie aus einer naiven Dialogik, die dem Gespräch nachgeht, das zwischen mir und dem konkreten Abwegigen oder dem abwegigen Anderen meiner selbst ist oder ausbleibt." Klaus Holzkamp a.a.O. stellt ganz einfach fest: "Die kritische Relevanz" auch psychologischer Forschung bestimmt sich allein nach der besonderen Weise und dem besonderen Grad des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns, der in ihr erreicht werden konnte. Eine solche kritische gesellschaftstheoretische Relevanz liegt dann vor, wenn die gewonnene Erkenntnis eine Erkenntnis im Interesse der progressiven und gegen das Interesse der regredierenden Kräfte in dieser Gesellschaft ist." Und damals (Ablehnung der Berufung von H.H.Holz durch den Senator etc.) galt wie heute:"Der Kampf gegen den Versuch des Staates,Universität und Wissenschaft "gleichzuschalten", wird im Zusammenhang mit der Diskussion des Hochschulrahmengesetzes und rückschrittlicher Tendenzen zur Novellierung des Berliner Hochschulgesetzes im allgemeineren Zusammenhang fortgeführt werden müssen".

21/ Ferdinand Menne Hrg. Neue Sensibilität, Alternative Lebensmöglichkeiten, Neuwied 1974. vgl. Rudolf zur Lippe, Am eigenen Leibe: Beiträge zur Ökonomie des Lebens, Frankfurt 1978, vgl. die franz. Zs. "Scarabee"

22/ Trutz Rendtorff, Heinz Eduard Tödt, Theologie der Revolution, Analysen und Materialien, Frankfurt 197O "Neue Konstellation" der Ökumene seit der Genfer "Weltstudienkonferenz für Kirche und Gesellschaft" 1966

23/ Paul Tillich, Natur und Sakrament in: Religiöse Verwirklichung, Berlin 193O

24/ Werner Hofmann, Georg Syamken, Martin Warnke, Die Menschenrechte des Auges, Über Aby Warburg, Frankfurt 198O

25/ Ernst Cassirer, Was ist der Mensch, Stuttgart 196O

26/ Gustav E.von Grunebaum,Studien zum Kulturbild und Selbstverständnis des Islams, Zürich und Stuttgart 1969

27/ Jurij M. Lotman, Text und Funktion in: Aufsätze zur Theorie und Methodologie der Literatur und Kultur (Hg.Karl Eimermacher) Kronberg 1974

28/ Ferruccio Rossi-Landi, Sprache als Arbeit und als Markt, München, Hanser, 1973 In Linguistics and Economics, The Hague-Paris, Mouton,1975 schreibt derselbe Autor: "Social reproduction always comprehends, in a constitutive way, three indissolubly correlated moments: 1.External material production which, although it uses signs, produces no signs but bodies. 2.Exchange, which is always, at the same time and constitutively, external material exchange, that is, the process of exchanging not signs but bodies; sign exchange, that is communication, including as such within it sign production, sign exchange in the strict sense, and sign consumption. 3.External material consumption, which, even when it uses signs, consumes not signs but bodies. Ich möchte nicht unterschlagen, was zur Erklärung dieses Schemas vielleicht von Nöten: "We can distinguish three fundamental moments in social reproduction: production, exchange, and consumption. As Marx showed once and for all, these three moments are so closely interconnected that only by deliberate abstraction can one talk about them separately. The goods men need, the "use-values", must in fact be produced and consumed, consumed and produced; with the social division of labor the exchange of produced goods is inserted as the abstractly intermediate moment between the abstractly initial and terminal moments of production and consumption. As we have just seen, exchange takes place according to values which are different from the use values, although they presuppose them. In the restricted sense of economics proper, we can begin to speak of exchange only from the moment in which there is production for the market. But in a vaster sense the process is at the root of homination...

29/ ders. Ideas for the study of linguistic alienation, Social Praxis 3,77-92, 1976(?)

3O/ ders. Semiotik, Asthetik und Ideologie, 13 Beiträge, München, Hanser 1976, Abschnitt 6, "Der Komplex der Gute-Mama-Wissenschaft" des Beitrags VIII,"Bedeutung, Ideologie und künstlerischer Realismus". Die Bemerkungen zur Gute Mama Wissenschaft entstehen 1967 im Zusammenhang einer Kritik an Thesen von Piero Raffa in"Avanguardia e realismo": "Doch gerade eine ungebührliche Verengung des Ideologiebegriffs und eine Privilegierung dessen was man aus ihm herauszuhalten gedenkt, sind gewöhnlich die Fundamente einer konservativen Ideologie. Indessen muss eine erneuernde Ideologie zunächst die gesamte Realität als Ideologie anerkennen und gerade darum prüfen, wie sich diese Realität verändern lässt... Wenn wir indessen die Andeutungen über die Relativität der Existenzprädikate in den verschiedenen Diskurs-Universen tatsächlich ernstnehmen würden und all ihren Implikationen beharrlich nachgingen, statt sie nur gelegentlich zur Einschränkung anderer Behauptungen zu benutzen, so befänden wir uns am Ende auf einem ganz anderen Boden, - auf einem, der die komplexen Fragen des ideologischen, oder allgemeiner, entfremdeten Charakters aller unserer Denk- und Sprechweisen nicht mehr zu umgehen erlaubt: erst auf diesem Boden wird es möglich - nun aber nicht mehr privilegiert und in ganz anderem Ansatz -, sich dem Problem eines Denkens und einer Sprache zu stellen, die beide, lange bevor sie als nicht-entfremdet erscheinen können, gleichwohl den Anspruch erheben, aus Entfremdung zu befreien." Wer einfach eine "Realität" für "erkennbar" hält, ist einem Ballonfahrer zu vergleichen, der aus grosser Höhe die Bodenbeschaffenheit glaubt ausmachen zu können, jemand hat "Ideen" über "Objekte" - "es kommt darauf an, ihn die einen wie die anderen als geschichtliche Produkte erkennen zu lassen - und das heisst zunächst einmal als etwas, das seiner sozialen Gruppe, ja seiner besonderen Schicht in dieser Gruppe zu eigen ist. Wie von selbst werden im dann auch andere, anderen Gruppen eigene Ideen und Objekte als geschichtliche Produkte erkennbar. Dies scheint mir der beste Weg, auch ihn zur Entfaltung einer Theorie all dieser Produkte zu bringen, mithin zu einer Theorie ihrer Produktion überhaupt...Das Bollwerk, hinter dem sich unser Ideologe (der sich selbst für einen Nichtideologen hält) zu verschanzen pflegt, ist also ein bestimmter Typus von (natur) wissenschaftlichem Wissen, genauer, eine besondere philosophische Manier, dieses Wissen misszuverstehen und zu überschätzen - eine derart klassische und exemplarische, dass sie sich zu entmystifizierenden Übungen empfiehlt." 31/ Wilhelm Reich, Listen, Little Man! a Document from the Archives of the Orgone Institute, New York (The Noonday Press), 1969 (1948)

32/ Reinhard Lettau, Täglicher Faschismus, Amerikanische Evidenz aus 6 Monaten, München 1971

33/ Theodor W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz, Rundfunkvortrag 1966, abgedruckt in: ders., Stichworte, Kritische Modelle 2, Frankfurt 1969

34/ Urs Jaeggi, Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik, Frankfurt 1969. vgl. Bernhard Blanke, F.C. Delius, Tilman Fichter, Niels Kadritzke, Bernd Rabehl, Ute Schmidt, Georgia Tornow (Redaktion), Die Linke im Rechtsstaat, Berlin 1976, vgl. Harald Jung, Eckart Spoo Hg. Das Rechtskartell, Reaktion in der Bundesrepublik, München 1971

35/ Eric Voegelin, Die deutsche Universität und die Ordnung der deutschen Gesellschaft, in ?