Nachfolgende Skizzen waren Teil der Anfang der 1980er Jahre im Zusammenhang "Ökologische Ökonomie " und Rudolph Clausius gemachten Aufzeichnungen. Hier allerdings (auch weil sie einen amerikanischen Kollegen mit aus  Pommern stammenden Vorfahren interessierten) in 1995 überarbeiteter Form

 

Preußisches (Stettiner) "Geistesleben". Mentalitäten des Fortschritts und der Reaktion

 

Religion im Nachlaß

Der 'Nachlaß Clausius' in der 'Sondersammlung' des Deutschen Museums besteht aus ein paar Schulheften der Szczeciner Jahre, einem Stapel von Kollegheften aus der Berliner Studienzeit, aus einem Stapel von Unterrichtsvorlagen zur Lehre an der Artille­rie- und Ingenieurschule, an den Berliner, Züricher, Würzburger und Bonner Hochschulen, auch zu einem Bonner 'Privatissimum' für Wilhelm Hohenzollern, den späteren Machthaber, aus Manus­kripten und Korrekturfahnen für Bücher und Zeitschriftenbei­träge. In seltener Vollständigkeit liegen da die Dokumente der fachlichen Bildung, der Lehre und der wissenschaftlichen Pro­duktion eines 'Physikers'. Rudolf Clausius (1821-1888) wuchs in einer vielköpfigen preußisch-pommerschen Pfarrersfamilie auf und schloß seine Schulbildung im Gymnasium in Szczecin ab.

Zwei Artikel der umfangreichen Münchener Sammlung gehören ni­cht in den fachlichen Kontext - wenn man ein Manuskript aus der Schulzeit, die 'logische Propädeutik bei Professor Schmidt' zu diesem hinzuzählen mag: eine 'Preußische Verfassung' von 1850 in Miniaturausgabe - bekanntlich kein Dokument einer von Frie­drich Engels 1847 vorhergesagten und erhofften Machtübernahme der Bürgerlichkeit und auch kein Ruhmesblatt im Klassenkampf - und ein 40-Seiten Manuskript mit der Aufschrift: "Religion bei Professor Giesebrecht (in Sekunda)".

Die naturkundlichen, physikalischen Schulhefte bestechen dur­ch gründliche und zeitgenössisch-aktuelle Abhandlung des Stoffs, die "Religion" kann uns jedoch ebenso sehr interessie­ren, weil sie auf ideologische Prägungen hinweist, die für des Physikers Lebens- und Berufsweg, seine Freundschaften, Bezie­hungen und Neigungen nicht ohne Einfluß gewesen sein mögen. Je­denfalls werden uns Möglichkeiten entsprechender Differenzie­rungen und Parteinahmen vor Augen geführt. In den 30er und 40er Jahren war die protestantische Theologie ein Schauplatz legiti­mationsideologischer und politischer Auseinandersetzungen von 'Eliten', Guppierungen der Intelligenz - David Friedrich Strauß' Das Leben Jesu erschien 1835, an der Bonner Universität gab es die Brüder Bruno und Edgar Bauer, 'Linkshegelianer' und Schleiermacher-Anhänger stritten um theologisch-politische Kon­zepte, während eine teils pietistische Umgebung des preußischen Königs, dann ihr 'Preußischer Konfessionalismus', die Zeichen setzten und man es an Bigotterie mit dem viktorianischen Angli­kanismus aufnehmen konnte. Der junge Karl Marx versuchte die dezidierte Umorientierung, weg vom theologischen Kampfplatz.

 

Marienstift

Rudolf Clausius wurde von seinem Vater zu Haus in Ückermünde unterrichtet, bis er in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre zu den älteren Brüdern nach Szczecin zog und das Marienstifts­gymnasium besuchte. Die Schule war etwas besonderes. In der Berliner Staatsbibliothek finden sich Nachrichten über das Schuljahr von Michaelis 36/37 verfaßt vom Direktor Karl Frie­drich Wilhelm Hasselbach zur all-herbstlichen feierlichen 'Re­deübung', abgedruckt zusammen mit einem Vortrag von Justus Graßmann über Akustik. Aus der Schrift geht hervor, daß etwa 450 Schüler von ca 20 Lehrern unterrichtet wurden. Die zwanzig Abiturienten des Jahrgangs wollen entweder (9) Theologie und Philologie in Halle, Berlin oder Greifswald studieren oder (7) Rechts- und Kameralwissenschaften in Berlin und Breslau oder (4) Arzneimittelkunde an denselben Orten. In Prima verteilt si­ch der Unterricht nach Stunden auf Latein (9), Griechisch (5) Mathematik (4), Hebräisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Re­ligion, Geschichte und Physik (je 2) , Propädeutik und Metrik (je 1). Darüberhinaus lehren der Medizinalrat Rhades Naturwis­senschaften (2 Wochenstunden), der Musikdirektor Löwe vierstim­miges Singen (2) und der Zeichenlehrer Tschirsky vierstündig pro Woche seine Kunst. Mindestens vier Lehrer sind mit wis­senschaftlichen oder künstlerischen Arbeiten bekannt geworden: Justus Graßmann (-1852) als Naturforscher, Ludwig Giesebrecht (1792-1873) und Ferdinand Calo als Literaten, Karl Löwe (1796-1869) als Komponist. Zu den bekannt gewordenen Schülern gehören zu seiner Zeit neben Clausius die Brüder Graßmann, der Mathema­tiker Hermann (1809-1877) und der eigenwillige Naturphilosoph und Redakteur Robert (1815-1890), der Kunsthistoriker und Dich­ter Franz Kugler (1808-1858), der demokratische Literat und Li­teraturwissenschaftler Robert Prutz (1816-1872), ein Freund Ar­nold Ruges, später der Romanist und Theologe Eduard Böhmer (1827-), der Pädagoge Gustav Uhlig (1838-) der in Zürich und Heidelberg lehrte und schrieb, der Rechtshistoriker Otto Gierke (1841-) und noch später der Arzt, Erfinder der Kokain-Lokala­naesthesie, und Literat Carl Ludwig Schleich (1859-), Freund von Keller, Strindberg, Dehmel.

 

Preußische Regierungsromantik

Szczecin war die Festung und der Amtssitz des Kronprinzen, der ab 1840 Friedrich Wilhelm IV (1795-1861) wurde. Der spätere 'Romantiker auf dem Thron' war zunächst Militärgouverneur und Statthalter von Pommern.

"Er gewann", wie es heißt, "durch sein Wohlwollen und durch seine Leutseeligkeit ebensosehr wie durch sein glänzendes Red­nertalent aller Herzen".

Ausbildung durch Delbrück, Ancillon, Niebuhr, Savigny, Schar­nhorst, Knesebeck, Schinkel und Rauch hatte in dem Dauphin bes­timmte "Kultur" - Interessen geweckt: ein Interesse für 'chris­tlich-germanische' Vorzeit, für Mittelalter - nichts, was nicht mit seinem Eintreten für eine antikonstitutionelle provinzials­tändische Staatsordnung korrespondiert hätte. Seit 1823 war der Kronprinz mit der bayrischen Prinzessin Elisabeth verheiratet, die 1830 feierlich zum Protestantismus übertrat.

Der Thronwechsel von 1840 wurde, entgegen manchen Hoffnungen, nicht zum modernisierenden Bruch in der sozio-ökonomischen Entwicklung. Im Agrarland Preußen dauert der Trend zum Kartof­felanbau an, während die Kapitalintensität der Landwirtschaft stetig steigt. An der Börse ist die Eisenbahnspekulation in vollem Gang und der Aktienmarkt steuert die erste selbstgemach­te Baisse von 1844 an. Alle 250 Lokomotiven, die Preußen 1840 besaß, waren im Ausland gekauft, die Industrialisierung - im Ausbildungssektor seit 1824 mit der Gründung des 'Gewerbeinsti­tuts' auf den Weg gebracht - läuft -außer im Rheinland - zöger­nd an. Das Memorandum des rheinischen Eisenbahnfinanzierers Da­vid Hansemann für mehr konstitutionelle Freiheiten blieb ebenso folgenlos, wie das des preußischen Oberpräsidenten und Smi­thianers Heinrich Theodor Schön (1773-1856) der 1842 resignier­te.

1840 bedeutet im Ideologischen eine Intensivierung der Reak­tion, des ausgesprochenen Willens, den Reformideen, den Ideen der Julirevolution mit "Kultur" entgegenzuwirken. Der lan­gjährige Minister Altenstein trat 1838 krankheitshalber ab, Ei­chorn übernimmt. Man beruft A.W. Schlegel, Tiek, Rückert, Schelling, Cornelius, Mendelsohn-Bartholdy, bei aller Verschie­denheit untereinander und relativer "Bürgerlichkeit" doch die 'Antimodernisten' unter den Kulturproduzenten. Im übrigen ge­winnen der Preußische Konfessionalismus und die pietistisch-neulutherische Orthodoxie, propagiert durch die 'Evangelische Kirchenzeitung' des Berliner Dogmatikers Hengstenberg, wie ka­tholischerseits ultramontane Tendenzen die Macht. Man schätzt das 'positive', Empfindung und Gemüt, Hegels Ansichten gelten als 'pantheistische' Irrlehre, Bruno Bauer verliert 1842 seine Professur in Bonn, O.E. Gruppe wird für seine Agitation gegen Bauer (und Hegel) mit einem Lehrstuhl in Berlin belohnt.

 

Zirkel

Die Biographen von Robert Prutz berichten über einen Zirkel im Szscecin der dreißiger Jahre um den Gymnasialprofessor und Mitarbeiter am Grimm'schen Wörterbuch Franz Albert Wellmann, der wegen eines Gichtleidens sein Amt nicht ausüben konnte. Wellmann habe Prutz auf die noch relativ neue Philologie bei Böckh und Lachmann aufmerksam gemacht und ihm Hegel nahegebra­cht. Bei Wellmann traf man Franz Kugler, seit 1833 Professor in Berlin, Anton Dohrn, Arzt und Entomologe, Vater des Gründers der 'Statione Zoologica' in Napoli und Übersetzer spanischer Dramatiker, traf man Blankensee, der Mickiewicz und Crosigk, der Bojardo übersetzte und Gierke, den Vater des Rechtshisto­rikers und 'Märzministers'. Der Brockhausautor Rudolf Gottschall kommentiert 1876:

"Es war die Zeit des hannoverschen Verfassungsbruchs, der Kölner Wirren, des Strauß'schen Leben Jesu"

Bei Wellmann war Politik jedenfalls kein Tabu.

Carl Löwe findet, als er nach Scszecin kommt, eine Heimat bei den Graßmanns. Sein Kollege Justus, Kristallograph und Erfinder eines Luftpumpenhahns, begeistert ihn für Astronomie. Löwe be­richtet:

"An seinen Vorlesungen nehmen viele gebildete Männer der Stadt, auch Damen zahlreichen Anteil. Bei der Lehre von der Leitung des Schalles erfuhr ich neues, das wohl nur in der Gegenwart Gegenstand der Erfahrung geworden ist."

Graßmanns Sohn Hermann Günther (1809-1877) studierte zunächst Theologie, wurde dann Realschullehrer und schließlich Nachfol­ger seines Vaters. Seine Arbeiten zur Geometrie n-dimensionaler Räume (1844, 1862), zur Elektrodynamik (s. Poggendorfs Annalen Band 64, s. Rosenberger)und zur Sanscrit-Forschung (1875) sowie eine Rig Veda Übersetzung machten ihn bekannt. Der Bruder Ro­bert, Lehrer, Buchhändler, Redakteur der "Stettiner Nachrich­ten", Mathematiker und Naturforscher veröffentlichte unter an­derem Die Weltwissenschaft oder Physik 1862-1873 und Die Wis­senschaftslehre oder Philosophie 1876

Mit einer Empfehlung seines Schwiegervaters Jacob findet Löwe freundliche Aufnahme und Interesse an seiner Kunst bei Frau Ti­lebein, Gutsbesitzerin und Geheimratswitwe im nahen Zülchow, die nach dem Muster der ihr bekannten und befreundeten Pariser Bankiersgattin Julie Recamier Salon hielt.

"Ein halbes Jahrhundert war damals, als ich sie zuerst sah, an dem Geist dieser Frau vorübergegangen..."

Der Musiker sieht sich bald als ihr 'Hofkapellmeister':

"konnte es wohl anders sein, als daß ich ihr mit ganzer Seele anhänglich und ergeben war?...Auf ihrem Schreibtisch, in der großen und zahlreichen Bibliothek ihres Hauses, liegt noch heute eine große, ehrwürdige Bibel, in der sie zu stu­dieren pfegte. Oft hat sie lächelnd gesagt: "Meine Lebenswei­sheit schöpfe ich aus dem Jesus Sirach". Über alle Zweige der Kunst hatte sie ein treffendes und reiches Urtheil, und Musik und Malerei übte sie als Künstlerin."

Der Vater Schleichs (1822-1907) war Ophtalmologe und lang­jährig Arzt für die Vulkanwerft in Szczecin. Der Sohn be­schreibt den Freundeskreis der Eltern aus Bismarck-Zeiten, nämlich daß:

"die meisten unserer Lehrer bei meinen Eltern an den diens­tagsabendlichen Jours teilnahmen, wo bei Tee und Brötchen und einem Fäßchen echt Stettiner luftdichtem Biers Philosophie und Aesthetik getrieben wurden... Auf diesen Jourabenden trug meines Vaters Freund, Dr. Wißmann, der Kunstpfeiffer und Aristoteles-Übersetzer Koloraturarien vor und rezitierte Sze­nen aus den Wolken und den Vögeln; Dr. Pfundtheller, ein Neu­philologe verlas eigene Übersetzungen französischer Chansons, namentlich Beranger lernte ich hier besonders lieben; der alte Giesebrecht las eigene Balladen und Oratorien, mein Va­ter debattierte mit meinem Onkel, dem Pastor Hermann Friedri­ch... Da meine Mutter eine eifrige Verfechterin der angeblich von Goethe oft gekränkten Frauenrechte war, so ließen mich diese Kontroversen bei den Mahlzeiten manches aus Goethes Le­ben früher schon intensiver belichtet sehen, als dies Biogra­phen zu sagen pflegen."

Schleich bezieht sich auf die Erzählungen seiner Eltern, wenn er in Besonnte Vergangenheit 1920 eine Blühtezeit des 'geisti­gen Lebens' in Szczecin hervorhebt und daraus ableitet, was ihm dann als eine 'Naseweisheit' seiner Jugendzeit erscheint, ein kulturaristokratisches Selbstbewußtsein:

"in unseren Spielen blühte überhaupt bisweilen eine gewisse Geistigkeit und Frühreife, eine Art spöttischen Kritizismus und eine Naseweisheit auf, die ich mir nicht anders erklären kann, als mit dem Ab- und Nachglanz einer Art geistiger Klas­sizität Stettins, die um das Jahr 1840 dort einsetzte und über 20 Jahre eine Hochspannung geistig-künstlerischen Lebens erzeugte, die mich aus den Erzählungen meiner Eltern und äl­teren stets angemutet hat, als habe sie etwas von Weimarer Luft ausgestrahlt... Es war damals in Stettin eine Schar ho­chbedeutender Männer und Frauen vereinigt durch die Gunst der Zeit, deren Namen auch weit in die Lande hinausleuchteten. Der Balladenkomponist Carl Löwe, Organist der St. Jacobi-Kir­che, in deren Orgel, in der Höhlung der großen C-Flöte, in goldener Kapsel sein Herz laut testamentarischer Bestimmung eingemauert ist; der Komponist herrlicher gemischter Chöre, Ferdinand Ölschläger, der Großvater meiner Frau..., der His­toriker Schmidt, der Dichter Ludwig Giesebrecht, ein Lyriker und Epiker ersten Ranges, ein Mann, der - man lese ihn nur - wahrhaft Goethesche Töne hatte... und der Löwe unzählige Texte zu Liedern, Balladen und Oratorien lieferte. Dann war da ein Universalgenie, der eine Autorität im Sanskrit, zu­gleich ein perfekter Musiker und ein weltberühmter Mathema­tiker und Philosoph war, den die französische Akademie zum Ehrenmitglied ernannte, Hermann Graßmann, leider war er beim Empfang der Ehrung schon tot. Da war der hochgeistige Gymna­sialprofessor Calo, ein förmlich mystischer Mann... Calo hatte Weltreisen gemacht, war ein Mysterium-Sucher, hatte ei­nen sonderbar faszinierenden Einfluß, laut Schilderungen mei­nes Vaters und anderer, auf die Stettiner Gymnasialjugend... der Ton in Stettin war 'überkiekig', snobbistisch..."

Der Autor der dem Goethe- und Weimar-kult huldigt nannte Wil­helm II den "unvergleichlichsten aller Kaiser".

 

Von Zinzendorf zu Hegel: Ludwig Giesebrecht

Gustav Uhlig schildert seinen Lehrer Giesebrecht als jemanden

"durchaus nicht geneigt, sich in den Gedankengang eines an­deren zu versetzen"

und:

"seine politische Überzeugung hat er, wie seine religiöse auch in Schulreden mit voller Klarheit, oft mit Schroffheit zum Ausdruck gebracht.

In der Allgemeinen Deutschen Biographie schreibt der Histo­riker Wilhelm Giesebrecht (1814-1889) über die Mitglieder sei­ner Familie:

Benjamin Giesebrecht (1741-1826), der Vater von Ludwig, war Pastor in Mirow (ca 90 km nordnordwestlich von Berlin an ei­nem mecklenburgischen See gelegen, Tuchmacher und Färber, Bierbrauer, Tabakarbeiter, um 1860 ein Lehrerseminar, ein Herrensitz). Er heiratete die sechzehnjährige Tochter seines Amtsvorgängers, Elisabeth Leithäuser (1756-1823), die elf Kinder gebar und bald nach der Geburt des achten - wie es heißt nach einem Aderlaß - erblindete. Benjamin war Gegner der Kirchenbuße und jeder geistigen Disziplinargewalt. Er schrieb 1775 Moralische Gedanken vom gesellschaftlichen Leben und stand mit dem pädagogischen Theoretiker und Rektor des Joachimsthaler Gymnasiums, J.H.L. Meierotto (1742-1800) in freundschaftlicher Verbindung (s. F.Kern)

Der älteste Sohn Karl (1782-1855) wurde Professor am 'Grauen Kloster' in Berlin, übersetzte Camoes und die Portu­giesin Vimeiro und dichtete für die von Fouqué herausgege­benen Musen .

"In kirchlicher und politischer Beziehung war er besonders durch Schleiermacher bestimmt, dem er früher schon persönlich nähergetreten war"

Adolf Giesebrecht (1790-1855) wurde Pädagoge in Frank­furt/Oder, am Friedrichs Werder Gymnasium in Berlin, wo Schleiermachers Reden einen bleibenden Einfluß bei ihm hin­terließen, dann in Neustrelitz. Von dort reiste er auf Staatskosten nach Yverdon zu Pestalozzi, um anschließend in Mirow das Lehrerseminar einzurichten. Später residierte er in Prenzlau, in Neustettin, wurde 1842 Provinzialschulrat für Pommern und ab 1848 für die Provinz Preußen in Königsberg

"Seine letzte Schrift, Drei Schulreden und ein Fragment, Königsberg 1854, wurde durch die Verdächtigung veranlaßt, daß er den christlichen Charakter nicht bestimmt genug wahre".

Ludwig Giesebrecht (1792-1873) ging zusammen mit seinem Zwillingsbruder Friedrich, der später Nachfolger des Vaters wurde, in Mirow und am Grauen Kloster in Berlin zur Schule. Beide wurden 1813 'mecklenburgische Husaren' ('Schlacht bei Ka­tzbach'), Ludwig verfiel während des Krieges "in eine lange und schwere Krankheit", war trotzdem 1815 in Frankreich. Ein Jahr später wird Stettin sein zu Hause, zunächst in Ausbildung, dann als Lehrer, ab 26 Professor für Deutsch, Geschichte und Reli­gion am Gymnasium bis 1866. Gleich zu Anfang in Stettin wird Frau Redepenning, geborene Ringeltaube, Pastorentochter, Bür­germeistersgattin, eine Zinzendorf-Jüngerin, seine 'Monica' und Mutter. Er publiziert später:

"Außen keck und innen Qual: / Also kam ich unbereitet / In Dein Haus zum erstenmal...

Über mehrere Jahre beschäftigen ihn die Brüdergemeinde, die Schriften und Reden Nikolaus Ludwig Zinzendorf-Pottendorfs (1700-1760). Sicherlich mehr die Mystik, die homiletischen und theoretisch-poetischen Vorstellungen des weitgereisten Grafen, Reformpietisten und Gemeindegründers, als dessen Wirtschafts- und Organisationsmodell. Aber letzteres doch in so weit, als er sich selbst 'Independent' nennt und damit die Forderung nach religiöser Selbstbestimmung der Gemeinde zum Ausdruck bringt, ja einen religiösen "Subjektivismus" und eine Absage an jede äußere Organisationsform der Religion.1

Giesebrecht war kein blinder Anhänger der Brüdergemeinde, eher ein aufgeklärter Sympathisant:

"In der Aufgabe, die Wissenschaft und Poesie mit dem Glau­ben zu durchdringen, ist die Brüdergemeinde von Anfang an zurückgewichen" (Zinzendorf hatte geschrieben: "Besser noch in Phantasie / als in Philosophie / Fühlen wird durch Prüfen just / Raisonieren ist Verlust...")

Giesebrecht stört an den Brüdern, wie zuvor schon Schleierma­cher, daß sich die Mitgliedschaft nicht mit hohen geistigen In­teressen vereinbaren läßt. Er wird bald ein Apostat. Er verhei­ratet sich mit einer Schwester seines Freundes und seit 1828 neuen Direktors Hasselbach. Er endeckt Hegel, kurz nach dessen Tod 1832, als die Rechtsphilosophie - von Marheinecke herausge­geben - zu erscheinen beginnt. Hier findet er, was er den Brü­dern von Anfang an entgegengehalten:

"Nun stand mir Hegel sehr hoch; aber ich war vierzig Jahre alt: das ist nicht das Lebensalter, in dem man sich unbedingt an ein System hingiebt."

Sein Haupteinwand gegen Hegel richtet sich gegen dessen Ur­teil in der Unterscheidung von Denken und Gefühl. Weder habe Religiösität wesentlich nicht im Denken Wurzel und Stelle, wie andere behaupteten, noch sei das Gefühl, wie Hegel sage, unsere tierische und allein das Denken unsere göttliche Seite.

"Hegel hat sich selbst sein Urteil gesprochen. Es ist viel von ihm zu lernen; aber ein System, das den Menschengeist ei­genmächtig in zwei Hälften scheidet und die, in welcher das unruhige Übel voll tödtlichen Giftes herrscht, Gott gleich setzt, die andere, schweigende aber mit den Thieren auf eine Linie stellt: läßt sich, wie es da liegt, mit christlicher Bildung nicht vereinigen."

Das Denken ist für Giesebrecht voll tödlicher Gifte und ein unruhiges Übel? 1834 stellt er den Hegel-Einfluß auf seine li­terarische Produktion so dar:

"Ich betrachte nachgerade meine Oratorien als selbständige Arbeiten, die mit Musik mehr, aber darohne doch auch etwas sind. Zwei Gedichte der Art denke ich sollen noch in diesem Sommer reif werden, ein Ödipus und der zweite Teil der Sie­benschläfer; damit mag der Cyclus meiner Mysterien bis auf weiteres abgeschlossen sein. Sie sind eigentlich alle auf He­gels Grund und Boden gewachsen. Das Christenthum ist die ab­solute Religion, sie ist das Wahre in allen Religionen. So stellt nun mein Hafis das Christentum im Islam dar, die eherne Schlange im Judenthum, Ödipus soll dasselbe im Glauben der Griechen zeigen, die heilige Lanze das Verhältnis der historischen, vergänglichen Momente (Wunder, Reliquien) zu dem wesentlichen Inhalte des Christenthums (dem Sakrament). In dem ersten Theil der Schläfer ist die Auferstehungslehre dargelegt in der Form der Vorstellung für den Glauben, der zweite Teil soll dasselbe Dogma als Gnosis enthalten, d.h. in der Hauptsache so, wie Marheinecke es in seiner Dogmatik ex­pliziert."

Seit 1821 war Carl Löwe (1796-1869) städtischer Musikdirektor und Organist an St. Jacobi und zugleich Musiklehrer mit 18 Wo­chenstunden am Gymnasium und am Lehrerseminar, alles für jähr­lich 850 Taler (nach 1850 1150, ein A. Humboldt verdiente 5000). Giesebrecht wurde sein engster Freund. Löwe hatte in Halle Theologie studiert und war mit der Tochter des Hallenser Philosophen, Kantianers und Ökonomen L.H. von Jakob (1759-1827, Jakob hatte vor Halle in Charkov (1807-09) und Petersburg (1809-16) gelehrt) verheiratet. Luise Jakob starb schon 1823. Löwe und Giesebrecht 'erfreuten sich der Huld des Kronprinzen'. Löwe macht 1837 Anstalten, von Stettin wegzukommen. Er schreibt an seinen Freund:

"Wenn ich mich auch zu Hummels Stelle meldete, so hoffe ich nicht im mindesten, sie zu bekommen. Du weißt, wie wenig Glück ich darin habe, und daß die Vorsehung mich immer in al­ler Demuth hält, sodaß ich als ächter Adam, im Schweiße mei­nes Angesichts mein Brod essen muß... Wer wird Hummels Nachf­olger werden? Ich denke Mendelsohn. Er hat gar zu viel Für­sprache und Freunde, ist reich und unabhängig und treibt die Kunst wie ein echter Dilettant; da muß es gehen, wenn man soviel Fertigkeiten hat, wie er. - Ich müßte nur das Schul­meistern aufgeben können und die Welt sehen, da würde sich's bald machen; ein Künstler muß vagabondieren, wenn er berühmt werden will. Paris, das wäre der Ort; Aber alles kann man nicht..."

Löwe blieb in Stettin. Nur die Konzertreisen brachten ihn mit den Berühmtheiten der Zeit in Berührung, 1847 in London traf er Freiligrath. Im Alter schrieb er rückblickend:

"Von allem Guten, das mir Stettin geboten hat, war für mei­ne künstlerische Tätigkeit die Nähe und der Umgang mit Giese­brecht die wertvollste Gabe. Dieser geniale Mann, der mit leichter Hand ganze Zeiträume in ein paar Verse zusammen­zudrängen vermochte, der seine gedrungenen Formen mit der reichsten, großartigsten Poesie zu durchweben verstand, schien mir zum Oratoriendichter geschaffen und ich konnte ihn sehr bald als meine rechte Hand betrachten."

Und Giesebrecht meinte zu den Oratorien 1837:

"Mit meinem Versuch, zwischen dem strengen Kirchenstil der Händelschen Oratorien und der Oper zu vermitteln, bin ich in 'Gutenberg' an die äußerste Grenze gekommen. Das Kirchliche ist im Text sehr in den Hintergrund getreten, in der Composi­tion verschwindet es ganz, und ich sehe ein, daß ich mich um eine Halbheit bemüht habe. Indessen erkennen, daß man gefehlt hat, ist ja auch ein Gewinn."

Ausser den Oratorien verfaßte Giesebrecht Gedichte, 1843 auch Wendische Geschichten, ein Lehrbuch der alten Geschichte. Spä­ter, zwischen 1860 und 1865, gibt er zunächst allein, dann zu­sammen mit seinem Neffen Eduard Böhmer (1827-19 ) eine lite­rarische Zeitschrift heraus, die nach der ersten athenischen Anhängerin des Paulus Damaris heißt. 1865 schreibt der alternde an Löwe einen Abschiedsbrief:

"Mein lieber Freund, wie oft habe ich, seit Du wieder in der Stadt wohnst, daran gedacht, Dich aufzusuchen, es ist mir nicht geworden, nicht aus Vergeßlichkeit, nicht aus Mangel an Theilnahme, sondern, weil mein körperliche Zustand mich hin­dert... Nun möchte ich Dir noch schreiben, da das Sprechen sich nicht machen will. Wir haben ja manchmal miteinander gestrebt, auch vielleicht miteinander geirrt, und Du Guter, hast mir Liebe und Vertrauen bewiesen. Mein Herz ist Dir dan­kbar dafür; das sollst Du auch wissen, darum geht das Blatt von mir zu Dir. Du wirst kräftiger, erholst Dich immer mehr - so höre ich von verschiedenen Seiten - das freut mich. Du bist ja auch mehrere Jahre jünger als ich. Lebe wohl. Von Herzen Dein Giesebrecht."

 

Vormärz und Paulskirche

Giesebrecht schätzte Hegel, aber das 'verschrieene' Buch Da­vid Friedrich Strauß' kam ihm als eine Verirrung vor, schien ihm nicht in Hegels Sinn. Und ein Verteidiger Strauß' und eine ebenso verschrieene Skandalfigur, Arnold Ruge (1802-1880), da­mals Professor in Halle, gefiel ihm auch nicht, 1839 schrieb er zum Streit Ruges mit H. Leo (1799-1880), einem Republikaner beim Wartburgfest, der als Hallenser und Berliner Professor in der Evangelischen Kirchenzeitung, später Kreuzzeitung gegen die Republikaner wie Diesterweg, Görres und die Hegelianer zu Feld zog:

"Das sind kümmerliche Geschichten, Leo hat unleugbar Miß­griffe gemacht, aber das neue Evangelium Ruges und seiner Genossen wird in Wahrheit der Wissenschaft und dem Staat auch das Heil nicht bringen, ungeachtet es sich stark so gebär­det... Die Confessionen sind in ihrem Unterschiede und in ihrer Einheit anzuerkennen. Das müßte doch Hegelianern ein­leuchten, die den Begriff der Identität und die Lehre des Meisters erfaßt haben, daß der Widerspruch die Wurzel alles Lebens und aller Bewegung ist. Nicht eben der rohe Widerspru­ch mit der Faust, sondern vielmehr der innere, allem Denken immanente."

"Wie sich Leo gebärden mag, die spekulative Philosophie wird er nicht aus der Welt schaffen; eben so wenig wird Ruge mit seinem Toben den Straußischen Cultus des Genius an die Stelle des Christenthums setzen"

1841 werden Ruges Jahrbücher verboten. Die Direktiven des Mi­nisterium Eichhorn berühren auch das Marienstiftgymnasium und seine Lehrer:

"Bald aber verlauteten Äußerungen von oben, die mit dem Sinn und der Art unserer Schule nicht in Einklang waren. Die Zeitungen meldeten, der Minister Eichhorn habe da und dort in Ansprache erklärt, sein Bestreben gehe dahin, das positive Christenthum aufrecht zu halten. Dazu bemerkte ich, im Ge­präch mit Freunden, die Polizei müsse dahin sehen, daß die Sonne mit Bankeisen befestigt werde, sonst könne sie uns über kurz oder lang auf den Kopf fallen; wurde ernstlich gespro­chen, so warf ich ein: nicht wir haben das Christenthum, das Christenthum hat uns, denn es ist aus Gott"

Hasselbach und Giesebrecht erhalten den Besuch eines Revisors und wegen einiger "diputabler Sätze aus Herders Ideen zur Phi­losophie der Geschichte in den Themen der Aufsätze in Prima" erhält Giesebrecht eine Rüge:

"...daß ich in meinem Unterricht vorzugsweise nur die kri­tiwsche Entwicklung des Verstandes zu erzielen suche und mich nicht dabei beruhige, das Positive in dem Gebiete der Reli­gion und die Tatsachen der Geschichte, sowie die Erscheinun­gen in der Literatur, mit welchen die Jugend bekannt gemacht wird, auf das Gemüt und den Geist der Zöglinge unmittelbar wirken zu lassen, sondern über alles ihnen ein Verständnig zu eröffnen bemüht sei."

Und dichtet:

"Positives, wie erfreulich, / Das Verständnis, wie abscheu­lich! / Doch verstehn wir, was ihr sucht. / Was gelernt die jungen Seelen, / Könnt ihr messen dann und zählen, / Und das Phlegma wird gebucht.

Als 1845 die Landstände sich mit Eichhorn über das Recht des Geistlichen, vom Abendmahl auszuschließen, streiten, opponiert Giesebrecht eifrig gegen den Minister und gegen das von diesem gewollte Recht.

"Das ist eben dein häretischer Subjektivismus, wird man mir antworten. Möglich, aber das apostolische Zeugnis tritt für mich ein."

Die Kirche habe keine andere Aufgabe, als zu lehren und zu taufen. 1847 kann der streng orthodoxe Kollege Friedländer das Stettiner Gymnasium öffentlich als unchristlich bezeichnen und sich dabei auf Giesebrechts Verse beziehen:

"Du Geist und ewige Kraft, / O, wahre uns und hüte / Der Menschheit Kranz und Blüthe, / Hochheilige Wissenschaft."

Eichhorn schickt eine Untersuchungskomission, die weder Gie­sebrecht noch einen der anderen Religionslehrer, sondern gleich den Direktor Hasselbach zur Disposition stellen läßt. Aber dann haben die Berliner Hausfrauen von der Teuerung die Nase voll, Eichhorn verliert in Folge der Märzereignisse sein Ministeramt und sein Nachfolger Schwerin setzt Hasselbach umgehend wieder als Direktor ein.

"Wie das Berliner Seminar als der Herd des Pestalozzianis­mus der Volksschule betrachtet wurde, den man in Diesterweg beseitigte, so galt dem Minister Eichhorn das Gymnasium in Stettin als der Hauptsitz des gleich verderblichen Hegelia­nismus. Das war ein Irrthum. Philosophische Bildung fand sich in dem Lehrercollegium, aber das System Hegels hatte hier so wenig ausschließlich, als unbedingt seine Anhänger, unchris­tlich war die Gesinnung auch nicht, aber im Einklang mit der kirchlichen Ansicht, welche der Landtagsabschied (in Sachen Ausschluß vom Abendmahl K.S.) zu Tage gelegt hatte, war nur einer von den Lehrern."

Im Mai 1848 reist Giesebrecht als gewählter Volksvertreter nach Frankfurt. Ein Monarchist, aber ein konstitutioneller. Seine Devise:

"Freie Völker, freie Fürsten"

Er gehört der 'Casinopartei' an, also der Mehrheitspartei, dem rechten Zentrum wie Beseler, Dahlmann, Droysen. Auch Lette, Duncker. Andererseits berichtet sein Schüler und Biograph Franz Kern, er sei täglich ins 'Westendhall' spaziert, wo Leute vom linken Zentrum sich trafen, wie etwa Friedrich Theodor Vischer, der Hegelianer, Tübinger Aesthetiker und David Friedrich Strauß-Freund (Pseudonym 1862 "Deutobold Symbolizetti Allego­riowitsch Mystifizinky"). Kern zitiert aus Giesebrechts Briefen dessen Erlebnisse. September 48:

"... alle Vorderzimmer des Hauses, auch das meinige mußten auf Befehl der Demokraten ausgeräumt werden. Man trug große Steine in mein Zimmer, um im Nothfalle von da aus sich zu verteidigen.... Die Offiziere gingen zu ihren Geschützen. Wir hörten zum Abprotzen kommandieren; sehen konnten wir so wenig die Kanonen, als die Barrikade. Dann war tiefe Stille auf Seiten der Truppen; die Demokraten forderten mit lautem Wut­geschrei heraus: Schießt, ihr Lumpe, auf eure Deutschen Brü­der! Feuer! Feuer! Wir wollen Blut sehen!... Vier Erschosse­ne, von den Demokraten, lagen eine Weile meinem Fenster ge­genüber auf der Straße, mehrere schwer und leicht Verwundete habe ich auf der Zeil tragen und führen sehen."

Giesebrecht fühlt sich keineswegs wohl in Frankfurt:

"Ohne Politik mag ich nicht leben, aber ausschließlich der Politik leben, ist noch viel weniger nach meinem Sinn. Was hier neben der Politik zur Sprache kommt, befriedigt mich ni­cht... Ich bin hier nur Ziffer, nichts mehr, ich helfe zu ei­ner Majorität; ich würde noch weniger, würde ein Hindernis dem Fortschreigen unseres Werkes sein, wollte ich mich vor­drängen und Reden halten. Es ist des Redens schon viel zu viel."

März 1849:

"Das kommt aber alles nur von der innigen Liebe aller Deutschen zueinander; sie möchten sich gegenseitig vor Zär­tlichkeit auffressen und nichts übrig lassen als die Zöpfe, Perücken und Fuchsschwänze, die der Nachwelt unentbehrlich bleiben. Gott gebe uns bessere Tage und zu dem Ende vor allen Dingen Krieg. Der Wirrwar läßt sich nicht anders lösen."

Als der Preußenkönig am 28 März 1849 zum Kaiser gewählt wird, ist er begeistert und dann bitter enttäuscht, als dieser die Wahl nicht annimmt:

"Armes Vaterland! Armer König, verstrickt in dem Netz sei­ner Idiosynkrasien... Also, liebe Kinder, als Hochverräter werde ich heimkehren."

Im Mai 1849 tritt Giesebrecht aus der Nationalversammlung aus:

"Der Gesellschaft Abgeordneter im Casino habe ich die Ehre, meinen Austritt aus der Nationalversammlung ergebenst an­zuzeigen..."

Er dichtet:

"Kein Glauben auf dem Throne, / Kein Glauben in dem Troß, / Am Absturz Reich un Krone, / Der Reiter samt dem Roß...

Der Compaß auf dem Schiffe / Ist leider ganz doctrinär; / Es brandet um alle Riffe: / Wo kommt der Steuermann her?

Und da sie alle verstummen, / Der Alte im Himmel spricht: / Ich bin der Vormund der Dummen, / Getrost und fürchtet euch nicht."

Im 'neuen Leben' nach 1849 hat der 'Hochverräter' mit inneren und äußeren Schwierigkeiten zu kämpfen:

"Die Freiheit ruft, ich wandere aus..." oder:

"Die Geschichte, die Lieblingswissenschaft meines früheren Lebens, widert mich an. Meine Freude, mein Leid ist die Schu­le, die Lyrik in ihr, die Lyrik der Reflexion und des Ge­fühls."

Die Behörde tadelt ihn; er habe bei einem Schulfest 'Obszö­nes' singen lassen - es handelte sich um römische Spottverse. Dann wird ihm verboten, eine Schulrede zu veröffentlichen.

"Jener Vortrag habe politische Polemik enthalten. Von his­torischer Polemik in ihm gegen die Betrachtung der Reforma­tion in Leos Universalgeschichte weiß ich, auch von pädago­gischer gegen Schleiermachers Erziehungslehre, die den Gymna­sien den Religionsunterricht nehmen will, aber was als poli­tische Polemik darin zu bezeichnen sein möchte ist mir nicht klar..."

Sein Freund Hasselbach, den er wiederholt gegen den Vorwurf der 'Ungläubigkeit' verteidigt hat, geht 1858 in Pension. Gie­sebrecht gibt den Geschichtsunterricht an den neuen Direktor ab. 1860 erscheint zum erstenmal seine Zeitschrift Damaris sie soll den Charakter christlicher Kunst, christlicher Wissen­schaft, neben den 'lichten Zwillingsschwestern' verdeutlichen. Drei psychologische Grundsätze liegen der Verdeutlichung zu Grund:

"Der erste ist den Theologen und allen gläubigen Christen­seelen wohl bekannt; er heißt Natur und Gnade. An den zweiten hat Jean Paul zu Anfang unseres Jahrhunderts dringend gemah­nt. Umsonst, wie aus den didaktischen Wirren der Gegenwart ersichtlich. Er heißt: Gedächtnis und Erinnerung. Der dritte scheint, so nahe er liegt, noch weniger beachtet... der Ge­gensatz des ausprechlichen und des unaussprechlichen Geiste­slebens."

"Lassen wir uns dadurch nicht irren, daß die Vorstellung von unaussprechlichen Gefühlen und Gedanken durch verkehrten Gebrauch in Verruf gekommen ist, und daß Hegel diktatorisch erklärt, ohne Worte denken zu wollen sei Unvernunft, und das Unaussprechliche sei in Wahrheit nur etwas Trübes, Gärendes, das erst, wenn es zu Worte zu kommen vermöge, Klarheit ge­winne. Es gibt dennoch ein Denken, das sich nicht in Worte fassen läßt; alles sinnliche Wahrnehmen ist ein solches, die Musik und alle bildenden Künste zeugen von dem Unaussprechli­chen."

Giesebrecht nimmt gewissermaßen eine Grundannahme der Psycho­analyse vorweg, nämlich die der vorsprachlichen 'Repräsentan­zen' im Bewußtsein, die im Vorgang der 'Assoziation' mit Worten verbunden werden.

Damaris weist Aufsätze auf zu Cervantes, Calderon, Goethe, Jacobo Ortiz, Schiller, Rafael, Murillo, Ph.O. Runge, Titel wie "Die Brüder Valdes", "Die kleinen Schulen von Port Royal". Daneben Jugendgedichte des 'Zinzendorfianers', der aus dem Krieg kam und bei 'Monica' Redepenning eine Zuflucht fand:

Monica hält ihre lieben / Bücher meinen Blicken fern? - / Sie sind nicht für Dich geschrieben, / Laß mich mir und mei­nem Stern.

Was in seltsam bunter Weise / Zinzendorf einst sprach und sang, / Lautet jetzt in Deinem Kreise / Wie ein unbegriffener Klang. -

Doch der Zirkel, dessen Schranken / Zauberhaft mich einge­hägt, / Dieser Knäuel von Gedanken, / Die ich fort und fort gepflegt,

Sie ja sind's, die auf mir lasten: / Weg von da, so weit ich kann / Segel auf an allen Masten! / Zinzendorf der Steuermann

Als es 1871 zur Reichsgründung kommt, sieht der dann neu­nundsiebzigjährige das Hauptziel von 1848 doch noch erreicht. Es lebe Preußens Gloria.

 

'Religion bei Professor Giesebrecht'

Die Seiten aus dem Nachlaß Clausius dürften, nach dem, was Uhlig und Kern über die Unterrichtsmethode Giesebrechts berich­ten, einem Diktat des Lehrers ziemlich nahe kommen. Der Text bricht einfach ab, hinterläßt aber trotzdem einen eingermaßen runden Eindruck vom 'wissenschaftlichen' Zugang zur Religion. Läßt er sich mit anderen Quellen vergleichen? Franz Kern schrieb 1875:

"Die religionswissenschaftlichen Vorträge in den beiden oberen Klassen hielt Giesebrecht nach sorgfältig ausgearbei­teten Heften. Leider habe ich sie in seinem literarischen Na­chlaß´nicht mehr vorgefunden. Ein vollständig genügender Er­satz dafür ist jedoch die von seinem Neffen und Schüler Eduard Böhmer ausgearbeitete Nachschrift aus den Jahren 1844 bis 1846, bei welcher dieser zum Theil das Original selber hat benutzen können. Diese Vorträge, sich anlehnend an Mar­heinecke, enthalten einen Abriß der Religions- und Kirchen­geschichte, die Einleitung in die heiligen Schriften, die Symbole der christlichen Kirche, die Lehre vom christlichen Glauben und Leben. Auch diese Darstellungen sind von der edlen Reinheit, der inhaltvollen Gedrängtheit wie alles was Giesebrecht je geschrieben. Eine theilweise Veröffentlichung der Vorträge wäre sehr zu wünschen und würde nicht etwa bloß für die Religionslehrer an höheren Schulen willkommene Gabe sein."

Zu einer Veröffentlichung ist es meines Wissens nicht gekom­men. Ein Vergleich mit Böhmers Nachschrift, falls es sie noch gibt, bleibt unerläßlich. Wie ist ein 'religionswissenschaft­liches' Konspekt, wie es hier im Ansatz vorliegt, ins rechte Licht zu rücken? Was schreiben spätere Autoren?

Ernst Troeltsch 1902 zufolge war die normative Geltung des Christentums überhaupt nicht mehr zu beweisen, nachdem man das 'Übersinnliche' bei Platon und Epiktet infolge besserer Kennt­nis vom christlichen gar nicht mehr unterscheiden konnte. Die Menschheitsgeschichte erscheint kausal und teleologisch als ein Ganzes, indem sich ein religiöses Ideal stufenweise durchsetzt. Es gibt tatsächlich nur eine Religion, in allen historischen Religionen sind in ihrem Ursprung und ihrem Ziel Begriff und Wesen der Religion schlechthin latent, im Christentum werden sie frei vollendet:

"Nachdem die Geschichtsphilosophie Lessings, Kants und Her­ders derartige Betrachtungsweisen angebahnt hatte, haben zwei Häupter des deutschen Idealismus, die zugleich die Väter der neueren historisch-kritischen und doch religiös-positiven Theologie sind, Schleiermacher und Hegel, in zwar verschiede­ner, aber doch in der Hauptsache verwandter Weise dieses Be­griffsgefüge zum festen Fundament der Theologie gemacht. Schleiermacher betont dabei mehr das historisch-positiv-Indi­viduelle in diesem Rahmen; Hegel spannt den historischen Rah­men durch seine feste Begründung des Entwicklungsbegriffes klarer und stärker, er hat daher in der Gestaltung der Theo­logie doch den stärkeren Einfluß geübt. Die korrelaten Be­griffe des Wesens der Religion, der Entwicklung dieses Wesens in der Religionsgeschichte und des Christentums als der abso­luten Religion sind von da ab das apologetische Fundament der sogenannten modernen oder liberalen Theologie geworden, das sie in ihren zum Teil sehr verschiedenen Nuancen überall vo­raussetzt und bei dem auch die mehr supranaturalistisch ge­färbten Systeme starke Anleihen gemacht haben."

Nach liberaler Vorstellung findet sich die 'absolute' Reli­gion latent in jeder historischen. Troeltsch zieht ebensowenig wie Giesebrecht in Zweifel, daß das Religiöse etwas eigenstän­diges ist; und betont wie dieser. daß Konstruktionen, die das 'echte' ausschließlich und normatif mit dem Christentum gleich­setzen, nach Hegel, Schleiermacher, Herder nicht mehr möglich sind, Troeltsch gibt David Friedrich Strauß darin recht:

"Nur auf dem Nebel einer noch sehr unbestimmten histo­rischen Erkenntnis konnte der Regenbogen solcher Konstruk­tionen leuchten."

Es handelt sich für Troetsch um ein Erkenntnisproblem, wobei für ihn

"das eigentliche erkenntnistheoretische Problem der Geschi­chte die Erkenntnis des fremdseelischen."

Nach Krieg und Revolution, wurde der liberalen Theologie - vielleicht zu früh? - ein Ende gemacht. Einer der Erneuerer, Friedrich Gogarten, (den sein Erneuerungswille zeitweilig zum Kollaborateur des nationalsozialistischen Regimes werden ließ) fand 1926, daß 'Formdenker des übergeschichtlichen Geistes' und 'Lebensanschauer der untergeschichtlichen Natur' bisher unver­mittelt nebeneinander aufgetreten seien:

Es sei "kein Zufall, daß neben Fichte Schelling, neben He­gel Marx und in unseren Tagen neben Rickert Troeltsch steht. Aber die Isolierung, die Leerheit überwindet weder der eine noch der andere, und die Sphäre der wirklichen Geschichte er­reicht auch keiner von ihnen".

Diese neuerkannte wirkliche Sphäre, die neue 'Wirklichkeit' ist - in Vorwegnahme einer 'Alltagsgeschichte'? - die wi­derspruchsvolle, gegensätzliche von Du und Ich. Machen hier die Religionswissenschaft oder die neue Theologie schon eine Anlei­he beim Freund-Feind-Schema, beim archaischen Kampf-Modell - wenn auch in versöhnender Absicht? Macht diese - wie sie sich nennt 'dialektische' - Theologie wiederum blind in Bezug auf naheliegende Reduktionismen, die sie nicht weniger machtpoliti­sch instrumentalisierbar sein lassen als die 'liberale' oder die ganze 'Orthodoxie'?

Wenn Schelling neben Fichte, Marx neben Hegel und Troeltsch neben Rickert gestellt werden, bedeutet das, scheint mir, die unzulässige Unterstellung, von einerseits Subjektivismus und andererseits Objektivismus, von einerseits Anthropozentrik, an­dererseits Physikalismus und vielleicht gar von einerseits Theologie, andererseits säkularisierendem Denken, wobei dann Marx zum (teuflischen?) Theologen gemacht wird. Aus der 'an­thropologischen' Sicht, die bei Giesebrecht nicht anfängt, er­giebt sich meines Erachtens letztendlich eine auch durch Troeltsch nicht aufgehobene - geschweige denn durch die 'Dia­lektiker' - Skepsis gegenüber der Eigenständigkeit und der 'Notwendigkeit' des Religiösen. Was bleibt, wenn der Anteil, den die historischen Religionen zur 'konkreten' Utopie leisten, zur 'Reproduktion' der Gesellschaft, als solcher endlich 'de­mokratisiert' ist, der bewußten immer neuen Verabredung unter­liegt, statt in 'gottgegebenen' oder mit Gott konstruierten Formeln tradiert zu werden? Braucht es zu dieser Verabredung ein Moment, das religiös genannt werden könnte?

"Die einzige Beruhigung für das arme Herz des unglücklichen Menschen liegt in der Religion, aus der er zugleich Kraft und beseeligende Hoffnung entnimmt. Indem Gedanken an Gott, im Gebet fühlt sich der Geist hinfortgezogen von dem Irdischen zu seinem Urquell, dem ewigen Geiste des Lichtes und der Wahrheit, aus dem er wie das säugende Kind, Trost und Mut schöpft, von dem durchdrungen der Körper sich frisch den Mühen und Gefahren des Lebens entgegenstellt. Diesen Trost des himmlichen Lichtes empfangen alle Menschen, und soweit wir von den Völkern der Erde Kunde haben, finden wir bei ih­nen Religion, die bei den verschiedenen nach Maßgabe ihrer Bildungsstufe auch verschiedene Gestalten angenommen hat."

Darf, vernünftigerweise, eine solche Niederschrift, wie sie Rudolf Clausius um 1838 hier von Giesebrecht aufgegeben wird, mehr sein, als eine autosuggestive Fixierung von Gedanken, höchstens eine Anleitung, daß sich jeder selbst seine Trostfor­meln suche, als etwas ebenso grundsätzlich wahnhaftes wie kaum übertragbares?

Auf ihre Art bringt die Lehre Giesebrechts eine strenge Ord­nung in die Welt, sie liefert eine logische, unter bestimmten Prämissen einsichtige, gedankliche Konstruktion der Religion, die dem Gedanken, dem Gefühl, der Handlung den Platz zuweist. Kein Begriff bleibt unerklärt: das Böse läßt sich auf Selbst­sucht zurückführen, das Gute ist der Glaube, der ist die Ver­mittlung von Vorstellung und Gefühl: Gefühl ist Form der Bezie­hung zu Gott. Erkenntnis ist nur in der 'Wechselwirkung' von Gott und den Menschen möglich: beide geben.

Im pantheistischen Stadium sind Substanz und Akzidenz die lo­gischen - unbewußten - Konstruktionsprinzipien: Gott ist die Substanz, vorstellbare Vollkommenheit liefert den ontologischen Gottesbeweis. Die Griechen hatten die abstrakten Kategorien Ananke und Chaos für die Dynamik ihres Vielgötter-Pantheismus.

Im deistischen Stadium sind Ursache und Wirkung die Konstruk­tionsprinzipien: die Schöpfung, die einen Schöpfer voraussetzt, liefert den kosmologischen Gottesbeweis. Die (nicht immer un­mittelbar einsichtige) Sinnhaftigkeit der Welt liefert den ers­ten, die Zweckhaftigkeit der Organismen den zweiten teleolo­gischen Gottesbeweis. Der erfahrbare Widerspruch zwischen Sitt­lichkeit und Wohlsein muß sich auf höherer Ebene lösen: ein er­weiterter, den Geist einbeziehender zweiter teleologischer Be­weis. Der organische menschliche Geist ist kein individueller. Dem Deismus fehlt das Bewußtsein von der Persönlichkeit Gottes, ausgenommen im Judentum, wo die Welt zur Ehre Gottes da ist. Ehre ist eine persönliche Kategorie.

Christlich wird die Religion dadurch, daß nicht nur Gott Be­wußtsein besitzt und in seinem Sinn handelt, sondern auch die Menschen. Diese beschränkt, jener unbeschränkt. Handlung schafft Bewußtsein. Im Handeln werden die Schranken bewußt. Die Welt setzt uns Schranken. Gott hat Bewußtsein: er erfährt Schranken, aber es sind zum Zweck des Selbstbewußtseins selbstgesetzte Schranken, er erzeugt sich selbst durch Schran­ken setzen, Schranken aufheben. Dieser Selbst-Bewußtseinsprozeß führt logisch zur dreieinigen Hypostasen-Konstruktion: Erzeu­gung wie Vater-Sohn, ohne Erzeugung kein Bewußtsein-Geist. Va­ter, Sohn-Logos, Geist.

Menschen erzeugen durch Handeln menschliches Bewußtsein und erfahren gleichzeitig göttliches. Nur der Teufel hat das gött­liche Bewußtsein verloren. Erbsünde ist die Möglichkeit ohne göttliches Bewußtsein zu handeln, eine allgemeine Schlechtig­keit der Natur, wo das Judentum nur die indviduelle, nicht die erbsündhafte Schlechtigkeit kennt. Dort bleibt Gott mehr auf Distanz. Christus führt vor, wie der christliche Gott sich ver­mittelt: als Prophet durch das Wort, als Priester durch den Willen, als König durch den Geist. Aber zum Erwerb des göttli­chen Bewußtseins (was einzig bei Christus ein vollendeter Pro­zeß ist) muß (denkende wie fühlende) menschliche Bereitschaft da sein: Erkenntnis ist ein sowohl menschlicher, wie göttlicher Vorgang der "Versöhnung". Christus war die 'objektive' Versöh­nung, die 'subjektiv' nur stückchenweise vollzogen werden kann.

Der Text beginnt dann mit der Erklärung der Sakramente und bricht ab. Er bedeutet, zumal für einen 16jährigen, entspre­chend eingestimmten Schüler, eine Herausforderung an das Denk- und Urteilsvermögen. Er nimmt jedermanns Erfahrungszusammenhän­ge theoretisch auf und versucht sie abstrakt aber 'dynamisch' zu ordnen, Handeln ist dabei zentral. Von einfacher Gläubigkeit oder gar konformistischer Religionslehre ist er weit entfernt.

Für den 'Physiker' Clausius kann diese 'rationale Rekonstruk­tion' der eigentlichen, der theologischen 'Theorie' das Modell abgeben für beschränktere fachliche Theorien, sie kann ihn vo­rallem vor Ängsten schützen, die dadurch entstehen können, daß etwas als 'rational' nicht zugänglich erscheint und fixiert wird. Der in seinem Selbstbewußtsein handelnde Mensch ist frei wie ein Gott?

 

Literatur

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1Die 'Herrenhuter' waren 1748 in Sachsen nach Jahren der Ver­folgung endlich anerkannt oder doch zumindest geduldet. Ihr Oberhaupt hat im Lauf seines Lebens in Europa, Westindien, Nord­amerika und vier Jahre in England für seine Ideen gewor­ben. Er begann seine Reformatorenlaufbahn als adliger Zögling in der agressiveren Variante des Pietismus, in der Nachfolge Speners (1635-1705), bei A.H. Francke (1663-1727) in Halle und ließ auf seinen Gütern mährische Emigranten siedeln, die in der antihie­rarchischen, 'puritanischen', theologisch wohl auch arianisch-monophysitischen Tradition der Wiclif, Huß, Comenius lebten. Sozialgeschichtlich auch eine Tradition der Sündenböcke in al­len möglichen sozialen Konflikten. Zinzendorf schöpft zugleich aus dem Unterstrom der Mystiker('Rheinische Mystik' des 14 Jahrhunderts usw...).

Meyers 1te 1860 entrüstet sich lang und breit: "Hohle Formens­piele, Wortschwall, verrenkte Sprachwendungen aller Art, ge­schmacklose, ekelhafte, selbst unzüchtige Bilder und Anspielun­gen, dies alles dient dazu, die Verliebtheit in den Heiland, den Lobpreis des Lammes und anderer solche Vorstellungen auszu­drücken. Berüchtigt ist aus etwas späterer Zeit die sogenannte 'Wundenlitanei', welche mit angereihten Fürbitten abwechselnd diese Wunden als würdige, liebste, kräftige, geheime, klare, funkelnde, hohle, saftige, nahe, niedliche, warme, weiche, heiße, ewige anrief. Vor den anderen Wunden erhielt hauptsäch­lich die Seitenwunde, welche der Speer gerissen hatte, den Preis der Andacht und Zuneigung in vervielfachten Aus­drücken der verliebtesten Entzückung; das Seitenhöhlchen, wie sie es nannten, wurde die Zuflucht der Sünder, die 'warme Lagerstät­te', worin die Kinder Gottes, nach ihrem Behagen, in die Länge oder in die Quere sich ausstrecken, worin sie spielen, 'ein Mund', welchen sie küssen etc. Da sich in Wunden leicht Würmer erzeugen, so war auch ein Wundenwürmelein in dem Seitenhöhlchen bald gefunden und die 'Blutwürmeleinsmäßigkeit' davon abgelei­tet. Den meisten Lärm und Spott hat aber das Wort 'Kreuzluft­vöglein' angeregt, zuerst von Zinzendorf in den Versen ge­braucht: "Ein Kreuzluftvögellein / Kränkend vor Liebespein / Nach Jesu Seitenschrein..." Am höchsten war das Ärgernis in solchen Liedern getrieben, wo durch allen Unsinn die Heimlich­keiten der Liebe und Ehe schimmern."

Der Marburger Kirchenhistoriker Heinrich Stephan schrieb 1909: "Die Heilandsliebe wurde in tändelnden, oft läppischen Formen und in Bildern der ehelichen Liebe bis zur Obszönität ausge­prägt... Vorallem aber erregte die Erhebung des natürlichen Ehevollzugs zur religiösen Feier Anstoß; so sehr sie in der echten evangelischen Absicht wurzelte, das Natürliche zu heili­gen, legte sie doch den Vorwurf der Schamlosigkeit und die Ver­wechselung mit antinomistischen Auswüchsen nahe."