Universität Osnabrück, Hochschuldidaktik, Projekt Universitätsgeschichte 1890-1938: Februar 1988, ks (ziemlich "autistisch", mehr zur Klärung im eigenen Kopf als zur Lektüre geschrieben)

Nachwort vorangestellt.

Im November 1982 hat Michael Daxner zusamnmen mit Klaus Jaeckel, Peter Bajons und Gerhard Becker dem Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel ein "Projekt arbeitslose Naturwissenschaftler" (Arbeitstitel) vorgeschlagen zur "produktiven Wendung von Arbeitslosigkeit bei Naturwissenschaftlern". Als "produktive Wendung" wurde eine gleichzeitig "ichstärkende" Entwicklung der Auseinandersetzung mit dem "Programm" der Natur- und technischen Wissenschaften in Aussicht genommen, eine Rückwendung zum bisherigen Gang dieser Auseinandersetzung und eine Hinwendung zur Analyse und Kritik derzeitiger Arbeits- und Organisationsformen.

Etwa zur selben Zeit lud Manfred Escherig Ulmer Biologen und Physiker der Hochschule zu einer Podiumsdiskussion "Brauchen wir einen neuen Naturbegriff?". Jan Bloch, Michael Daxner und ich vertraten Arbeitsergebnisse der "Gruppe Naturqualität" (s.a. Bloch,Daxner,Schmidt Hg."Andere Ansichten der Natur 1981), Klaus Binder, Rudi Janning und Brigitte Wormbs unterstützten uns im Publikum. Keinem von uns ging es um den "Begriff", um die Begrifflichkeit, sondern um die Notwendigkeit eines anderen "Umgangs" (Brigitte Wormbs) mit der "Natur" - einer Natur in und um uns - , um eine gesellschaftliche Veränderung bzw. Diskussion deren Notwendigkeit symptomatisch in den "innovativen" Wissenschaften zu beobachten ist. Die Thematik war alles andere als neu, aber die Horizonte der Diskutanten waren so viel und so wenig originell, wie diese selbst. Wir stürzten ab, wie der Schneider von Ulm in Max Eyths Roman, und auch Karl Frey im IPN lehnte die Zusammenarbeit ab. Aber ein Ulmer Genetiker prägte die Bezeichnung "Durchsteiger" (im Gegensatz zu "Aussteiger"): wir wurden anerkannt im Versuch eine auch von ihm empfundene vielfache Widersprüchlichkeit und Undurchsichtigkeit der wissenschaftlichen Arbeit ernst zu nehmen und uns aus den Fachwissenschaften heraus an deren Methoden, Ideologien und Zielsetzungen abzuarbeiten.

"Um das ganze Land herum ist aber eine berghohe Mauer von Reisbrei. Wer hinein oder heraus will, muß sich da erst durchfressen". Schlaraffenland: wer dort Professor werden will muß bekanntlich Grobian, faul und gefräßig sein. Die "Durchsteiger" wollen in ein "Land", wo jeder dringend gebraucht wird, wo man sich den ungeheuren Luxus von "Arbeitslosigkeit" nicht wird leisten können, auch weder "Freizeit" im jetzigen Sinn, noch ein asketisches Ideal von "arbeiten". Zu dieser Ansicht komme ich ( zuletzt über der Arbeit an:Juan Martinez Alier "Ecological Economics" 1987), unbeschadet der Parteilichkeit für die 35-Stunden-Woche. Eine utopische Perspektive, die ich beim Physiker-Kollegen Oskar Lafontaine vermisse. Vom berghohen Reis rundum keine Spur.

Michael Daxner hat 1985 das Projekt auf anderem Weg wieder aufgenommen, diesmal als Pilotstudie zur Universitätsgeschichte. Ich habe versucht, die Thematik "Soziale Reproduktion" auf das "Individuationsmodell" zu beziehen und umgekehrt (wir arbeiteten in einem Fachbereich Erziehungswissenschaften, Sport, Theologie). Das bürgerliche "Reproduktionsprogramm" der liberalen Wirtschaftsordnung, des individuellen Wirtschaftssubjekts hielt sich ideologisch an eine bestimmte "Semiotisierung" der Person, die an ethischen und rechtlichen Vorstellungen ebenso genau abzulesen ist wie am Privateigentum und Paternalismus, am Hausbau oder Grabdenkmal, es gründete auf den bürgerlichen Individualismus, auf eine der großen "Entfremdungsmaschinen". Entfremdungsmaschine und Individuationsmodell - zwei Funktionen der gleichen Konstruktion. . Wie auch immer das neue Modell heißt (Julius Hay, geboren 1900 meint trotz allem, in seiner und auch noch in der Generation der Kinder würde man Sozialismus nennen wollen, was ihn zeitlebens als Arbeitsziel bestimmt hat), es muß mehr Individuation leisten, als das bürgerliche, nicht weniger (wieviel (Kultur-)Arbeitsaufwand das bedeutet ist garnicht abzusehen, bürgerliche Kultur war gesellschaftlich "zu billig"). Der Vorschlag, alle vermittelnden Konstruktionen dem Belieben jedes Menschen zu überlassen und den Individuationsprozeß ganz und gar zu "politisieren", indem die Gesellschaft ihr Reproduktionsprogramm ständig thematisiert, ist ein sozialistisch-utopischer. Ich sehe keinen anderen, der uns als Arbeitsziel zu wünschen wäre

 

Entfremdung/Individuation.

Eilige Skizzen zu einer "Dokumentation der Entfremdung anhand autobiographischer Texte aus Naturwissenschaft und Technik"

 

"Stilisierung der "Gegenspieler"

Komplexe und sozial vermittelte "Produktionsprozesse" solcher Texte "zur Vergewisserung" im jeweiligen (Lebens-)"Stil", in der jeweiligen Form, im Umgang mit der jeweiligen "Münze" - wessen Prägung auch immer das sein mag - hat er einstweilen hintangestellt. Die ersten Absätze lese ich als einen blendend formulierten Aufreißer, um danach nur umsomehr in Schwierigkeiten mit der Auswahl der "Gegenspieler" und ihrer Behandlung zu geraten. Ich versuche beizusteuern, was mir fehlt und bedaure, was mir an Ausgestaltung nicht gelingen kann. In der Diskussion der Hochschulgeschichte - Thema des Osnabrücker Projekts - ist Eugen Düring, wenn er erwähnt wird, soviel wie ein "heißes Eisen". Ich finde,daß unsere (Aussenseiter?-)Kritik an der gegenwärtigen Entwicklung, gerade wie sie aus Henning Bucks Text spricht, erst noch zeigen muß, daß sie die Dühringgeschichte und -Rezeption von damals über den Nationalsozialismus bis heute nicht - oder wie auch immer - gebrauchen will, diese bei Erwähnung des Namens aktuelle Geschichte. Ich kritisiere hier die scheinbare Beliebigkeit mit der über das, was da war, verfügt wird.

Berliner Philosoph, Naturwissenschaftler, Ökonom und Soziologe, Preisträger, "Sozialist" oder Sympathisant der Sozialdemokraten, Hochschullehrer und ab 1877 (mit 44 Jahren) "ausgestoßen", von Hedwig Dohm, wenn ich recht erinnere, in die Frauenbildung hinein und von Frau Helmholtz wieder hinaus gebracht, zunehmend erblindend, vielleicht zunehmend aggressiv, Antisemit in vorderster Linie, Autor seines "Zeitschriftswerks": "Personalist und Emanzipator", Autor von "Der Wert des Lebens, Eine Denkerbetrachtung im Sinne heroischer Lebensauffassung", 1.Auflage 1865, Neubearbeitung 1877, 7te 1915. Die 8te, 1922, kurz nach dem Tod des Vaters vom Sohn als Darstellung "wahrer Lebensfreundlichkeit und echten Freiheitssinns" herausgebracht, findet sich in der Osnabrücker Bibliothek: das Exemplar der Geschwister-Scholl-Schule Wismar mit Stempel: Geprüft, keine Beanstandungen, Komission zur Säuberung der Büchereien.

Friedrich Engels wurde ja seinerzeit als Sachverständiger in Sachen Dühring gebeten. Die Gelegenheit heute, zwei Kritiker des Establishments im Vergleich zu sehen (vgl. Walter Hollitschers Kommentar zum "Anti-Dühring"), dabei verdient, glaube ich, eine "stilanalytisch"-formale Differenz unsere besondere Aufmerksamkeit. Eine zeitgenössische Einschätzung Dührings fand ich bei Jürgen Bona Meyer in Paul Lindaus "Nord und Süd" 1880: der "modernste Bosheitsphilosoph" erfährt hier eine vorläufige -er lebte und schrieb weitere 41 Jahre - öffentliche, auch bio- und "soziobiographische" Würdigung. Noch 1929 nennt Franz Oppenheimer ihn in einem Atemzug mit Theodor Hertzka. "Er lebte als fast menschenscheuer Einsiedler in Nowawes; er war bekanntlich fanatischer Antisemit,und ich hatte keine Neigung, mich einer Abweisung auszusetzen und mir das Bild eines Denkers zu verderben, der jedenfalls einmal ein gewaltiger Kopf gewesen war."

Dühring versuchte, den 1814 geborenen Heilbronner "Patrizier" und in seiner Jugend als Schiffsarzt weitgereisten Robert Mayer für seine "heroische" Auffassung in der Kritik am Establishment noch zu dessen Lebzeiten - er starb 1878 - zu vereinnahmen. Dem war das Establishment (Justus Liebig) am Anfang nicht hold gewesen und die damals jungen Kollegen wie Dührings mächtiger Feind Hermann Helmholtz hatten ihn geflissentlich übersehen. Der Arzt hatte sich psychiatrischen Institutionen anvertraut und sich von dem Vertrauen sehr grundsätzlich wieder lossagen können: Briefwechsel mit seinem Freund und Irrenarzt Wilhelm Griesinger. Vom Ausland her kam schließlich die Anerkennung, John Tyndall in London mit Unterstützung seines Freundes Rudolf Clausius in Zürich sorgten in den 60er Jahren dafür, neben britisch-wissenschaftspolitischen Gründen und solchen aus der Entwicklung der Thermodynamik wirkte womöglich ein Hauch von nicht unpolitischem "Carlylian spirit". Geehrt wurde ein Heilbronner Honoratior und Privatgelehrter, eine andere Funktion hatte Mayer zeitlebens nicht. Gelegentlich schrieb er im kosmopolitisch-liberalen "Ausland" für das Publikum die eine oder andere naturphilosophisch wissenschaftliche Betrachtung.

Mayers, an der Blutfärbung in wärmeren Gegenden abgelesener Beitrag von 1840 zum "case of simultaneous discovery" (Thomas Kuhn) der "Energieerhaltung" war gefolgt von Untersuchungen mit sehr weitem Horizont, deren Lektüre manchem "ökologisch" interessierten Leser heute etwas sagt. Schließlich ist das "Resourcenproblem" und das der "Energierechnung" ungelöster denn je. Die Mayer-Rezeption hat ihre Tücken: Salomon Friedländer (Mynona) stellte die seine 1905 unter das Zarathustra-Motto:"In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel fort. Die Mitte ist überall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit." Im Nationalsozialismus wird Mayers Wissenschaft besonders "deutsch". Meyer glaubte 1849 den jüngeren Bruder vor "Dummheiten" bei Rastatt bewahren zu müssen, stolperte dabei in Händel mit den Genossen des Bruders, also war er besonnen, ein Mann der Ordnung und um Gottes willen kein 48iger Revolutionär, ja, fromm war er auch.

In Henning Bucks Kritik am baren Unsinn, an den größten Plattitüden und an der abgefeimten Hinterlist wird eine Unmittelbarkeit der Texte und eine "Selbständigkeit" der Personen propagiert und anscheinend für zutreffend gehalten,die allerdings grade von derselben Quintessenz zeugt, die meines Erachtens der Kern des Übels der kritisierten Produktion ist. Ihr vermeintlicher Individualismus. Will ich wirklich nicht wissen, wie ich so verschiedenes zusammenbringen kann: irgend eine hergelaufene Person die mir wirklich gänzlich fremd ist, die ein fürchterliches Zeug daherredet und mich selbst? Dabei passiert in der Regel weder Verwechslung noch Vermischung. Wir bringen die Person auf Abstand, den hat sie jedoch sowieso. Und das ist meines Erachtens ein Grundfehler: Unvermittelt stehen dann der/die "ganz andere" und das "alterego" als Polaritäten fest. Was bekanntlich der "Klassenherrschaft" entspricht und den "Klassenkampf" unter gegebenen Verhältnissen doch wohl eher hindert als herausfordert - jetzt vergewissere ich mich in einer dieser Tonarten, die Eugen Dührings Sohn demagogiesüchtig genannt haben würde. Die Hexe hockt derweil bekanntlich auf dem Zaun, hüben nicht und drüben nicht.

Ich sagte, anscheinend wird das so für richtig gehalten, es könnte eben nur der Schein sein, pure Form, ein Verfahren zum Zweck. Zu welchem Zweck? Zu welchem Zweck ist in der Gebärde der Autor abstrakt? Verlegt sich selbst ganz auf das was man fragen möchte, man hört, man sagt, was sich liest, sich versteht, auf das was ist oder nicht ist, auf das beliebige? Wo kommt man sich in dieser Weise abhanden? In eben der Hochschule und bei eben der Arbeit, um die es im Projekt "Hochschulgeschichte" geht? Um ein Stück von Ihnen bittend, Arbeitskollege, - wer sonst soll uns lesen? Mit einem Bewußtsein von gesellschaftlichen Arbeitsverhältnisssen ("boulot,metro,dodo") ist die gloriose Selbsteinschätzung und die der "eigenen" Arbeit, mit denen wir es im Material fast immer zu tun haben, schwer zu ertragen, für dieses abgestorbene "Klassenbewußtsein" mit "Individualismus" habe ich wenig Sympathie - bin andererseits mittendrin, kann gar nicht umhin, Entdeckungen,Bücher,Schriften unausgesetzt zu "individualisieren" - aber der Individuationsprozeß mit dem diese Ideologie auf ihre Weise umgeht, hat nichts an Interesse verloren. Schreiben als Individuationsarbeit? Wie und Wo und Was wäre, meine ich, auch anhand des Materials, und dann an unseren Produkten, zu erörtern.

Autobiographie als Drohung. Alexander Herzen beschreibt in "Erlebtes und Gedachtes" eine Szene aus der französischen Kammer: Thiers lehnt den Haushaltsvorschlag Proudhons ab und macht in seiner Rede eine abfällige Bemerkung über die moralischen Qualitäten des Gegners:"Proudhon bestieg die Tribüne, richtete seine mächtige,bäuerliche, knorrige Gestalt drohend auf und rief dem spöttelnden Alten zu:"Sprechen Sie von Finanzen, aber sprechen Sie nicht von Sittlichkeit. Ich möchte das nicht auf mich beziehen; das habe ich Ihnen schon im Komitee gesagt. Aber wenn Sie damit fortfahren, werde ich Sie zwar keineswegs zum Zweikampf fordern" - Thiers lächelte - ...nein, Ihr Leben ist mir zu wenig; mit Töten beweist man nichts. Ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag. Hier von dieser Tribüne herab will ich mein Leben erzählen, Kapitel für Kapitel; jeder soll mich darauf aufmerksam machen, wenn ich etwas vergesse oder auslasse - und dann mag mein Gegner ebenfalls sein Leben erzählen!"...Die feindselige Kammer schwieg, und Proudhon stieg von der Tribüne herab, nachdem er noch einen verächtlichen Blick auf die Verteidiger von Religion und Familie geworfen hatte." (Übersetzung Cornelius Bergmann)

Die Gründung der Kaiser-Wilhelm-Institute - Stichwort Wissenschaftlicher Großbetrieb - (die Neubauten glichen äusserlich eher Bankhäusern als gewerblichen Produktionsstätten) war eine Investition der Wirtschaft im Dreieck Staat (vertreten durch Schmidt-Ott), Wissenschaft (Präsident Harnack), Wirtschaft (Krupp von Bohlen), der Verein zur Gründung einer Chemisch-Technischen Reichsanstalt, der Bankier Leopold Koppel finanzierten den Sektor Chemie, Physikalische Chemie. Vor dem Hintergrund immer größerer Industrielaboratorien ein Freiraum für langfristige Innovation und "Spitzenforschung". (Ganz im Gegensatz zu dem was man sich in Leipzig mit Karl Lamprecht als "Modernisation" vorstellte, noch einmal wie schon in Beuths "Gewerbeinstitut" wird die "Produktivkraftentwicklung" als technische Aufgabe gesehen, nicht als "kulturelle". Des Kaisers Perückenschneider hat Franz Overbeck den Kollegen Adolf Harnack genannt. Daß seine Modernisation beim "Griff nach der Weltmacht" die richtige war,lag nicht in Harnacks Interesse). Dahlem wurde ein rasanter "Erfolg". Der Staff war klein, die Ausstattung gut, das Prestige hoch, die Beziehungen zu Wirtschaft, Staat und (internationaland.

Über dem Ganzen ein Wahn, der seine äusseren Zeichen hat: Fritz Haber produziert Giftgas und bringt es zur Anwendung, obwohl Frau Haber sich deshalb umbringt. Otto Hahn nahm an dieser Entwicklung teil und kann trotz Emigration von Haber, Meyerhof, Meitner, Krebs, Nachmansohn, trotz aller Zeichen, die Kernspaltung entwickeln und ausbauen. Uns liegen die Autobiographien von Willstätter und Hahn vor, von Richard Goldschmidt aus der Biologie nebenan, Kurt Mendelsohns Nernst Biographie liefert Zeugnisse aus dem eigenen Erleben auch zu Haber (zu dessen latenter Depressivität), Fritz Kraffts Biographie Straßmanns ist zugleich Dokumentation der Arbeitsgruppe und des Instituts, Autobiographisches auch von David Nachmansohn und, sehr knapp von Otto Warburg. Dokumentation des Antisemitismus, Kampf dagegen und Streiflichter auf akademisches Umfeld bei Abraham Fraenkel, bei Franz Oppenheimer in Autobiographien,der eine Mathematiker und Judaist, der andere Arzt, Ökonom und Soziologe.

Richard Willstätter, 1872 geboren, kam 1912 aus Zürich nach Berlin, sein "Chlorophyllbuch" erschien bald darauf bei Springer. Während sein Freund Haber -beide sind sie in Baden aufgewachsen - Kampfgas entwickelt, beschäftigen ihn die Filterstoffe für Gasmasken. Sonst jedoch Chlorophyll und Enzyme. 1908 ist seine Frau Sophie Leser gestorben, seither "Arbeit als Gnade". 1915 stirbt elfjährig sein Sohn. Willstätter kann sich mit Dahlem nicht anfreunden, an Fritz Haber liegt es nicht, der war ihm nah, an Emil Fischer auch nicht - der war weit weg. Deutlich genug dennoch, was los ist:"Sie werden ganz unabhängig sein. Niemand wird sich um Sie kümmern und Ihnen dreinreden. Sie können ein paar Jahre im Grunewald spazieren gehen und sich ausruhen oder wenn Sie wollen, etwas Schönes, Neues ausdenken" Dies Versprechen wurde nicht eingelöst. So erwartet Kollege Nernst von ihm rasch "etwas zum Vorzeigen". 1916 geht Willstätter nach München und 19 nimmt er die Fischer-Nachfolge in Berlin nicht an. Auch nicht als ihn der heute noch in der gleichnamigen Stiftung ungeheuerlich weiterlebende Carl Duisberg dazu auffordert (Den Lehrstuhl erhält Wilhelm Schlenk aus Wien, einer der wenigen die 1933 nicht "gleichzuschalten" sind). 1925 verläßt er seine Professur in München, Grund Antisemitismus, bei Fraenkel ist die violent antisemitische Stimmung in der Stadt dokumentiert. Bis zu seinem Tod 1942 lebt er bei Locarno, wird in Deutschland enteignet und arbeitet mit Margarete Rohdewald, zuletzt an seiner Autobiographie. Die erschien "unverändert" 1949 im "Verlag Chemie" des Vereins der Chemiker, der ihn von 1924 bis 1926 zum Präsidenten hatte. Herausgeber und Nachwortschreiber ist sein Altschüler Arthur Stoll in Basel. Zu der Zeit erklärt die Arbeitsgruppe Chemische Industrie: "daß uns Stolz und Dankbarkeit erfüllen, wenn wir an die Leistung der I.G.Farben denken...und unser Mitleid gilt denen, die, aus unseren Reihen stammend, zur Zeit in Landsberg schon die Sträflingskleidung tragen" (14.10.48 vgl. Walter Ruske, 100 Jahre, 1967).

Mir scheint, Richard Willstätter war jemand, der den Dahlemer Wahn und den der Carl Duisberg, Carl Bosch, Carl Krauch nicht repräsentiert und das läßt ganz andere Schlüsse zu, als Henning Bucks Zitate oder, von diesen ausgehend, andere Schlüsse. Einer handelt abweichend, warum folgt ihm keiner? Wenn er die Frage sich stellt, hat er einerseits die Möglichkeit sich selbstbewußt zu sagen, daß die anderen "Unrecht" tun (ich trage die sozialen Konsequenzen), andererseits kann er, weniger selbstbewußt die Aufforderung spüren, eine Beweislast auf sich zu nehmen, daß die anderen zu gleicher Entscheidung kommen könnten. Die "absolute Differenz", das alterego. Mit den Polaritäten kann man sich herumschlagen (1942 noch vor dem Wendepunkt des Krieges) und bald darauf (1949) können die "absolut anderen" - oder das "alterego" - prüfen, ob und wozu die Niederschrift ihnen nützt. Willstätter, sein Lehrer Baeyer und sein Schüler Stoll einigen sich nur scheinbar über Flauberts "Objektivismus":"lhomme cest rien - loeuvre cest tout" (Stoll 1955)

 

Verwilderte Selbstbehauptung.

Dokumentation der Entfremdung? Entfremdung - das ist nicht einfach so dahingesagt, es bleibt aufzuweisen, daß die Wortwahl stimmt, es soll sich um etwas theoretisches handeln, worauf nicht nur zur "Vergewisserung" zurückgegriffen werden kann, im Zweifel auf gesammelte Überlegung vieler in Texten, die damit angesprochen sind. Hier der Hinweis auf Hans Kilians Studie, "Das enteignete Bewußtsein" 1970:"Tatsächlich ist die gesellschaftliche Bewußtseinsbildung ein Produktionsprozeß, dessen Produkt in einer unvorhergesehenen Weise durch private Aneignung deformiert wird. Die an der Bewußtseinsbildung beteiligten Menschen eigenen sich nämlich weitgehend nicht ihr eigenes Bewußtsein an, sondern es ist vielmehr so, daß ihr Bewußtsein durch die Vermittlung der Massenmedien, der Bewußtseinsindustrie und der psychologischen Sozialtechniken von den Herrschenden angeeignet wird" (per unbewußte Identifikation und Regression, s.a."Identitätsprinzip Wiederholungszwang"). Es sei hier auch verwiesen auf die Studie von Dietrich von Engelhardt: "Historisches Bewußtsein in der Naturwissenchaft von der Aufklärung bis zum Positivismus" 1979.

Die Entfremdung als Konstituens von Texten erörtert Waltraut Gölter 1979 sowohl in theoretischer d.h. historischer Abklärung der Begrifflichkeit wie am Beipiel von Samuel Becketts Texten ("Selbstentfremdung des Menschen" s.a. Dorothee Sölles Analyse 1973 von Karl Philipp Moritz/Anton Reiser und Literaturangaben dort) . "Beide Haltungen, die indifferente und die aggressive, basieren auf der Negativität einer Außenwelt, die das Subjekt als fremd und feindlich erlebt. "Das Ich, das die rationale Umformung der menschlichen und natürlichen Umgebung in Angriff nahm, erwies sich als ein wesentlich aggressives, offensives Subjekt, dessen Gedanken und Taten dazu geeignet waren, Objekte zu bemeistern. Es war ein Subjekt g e g e n ein Objekt" (Marcuse)". Waltraut Gölter untersuchte an Beckett die Zusammenhänge aus denen Entfremdung wächst, die "Erlösungs"-Hoffnung, der ein Zustand vor geschichtlicher Existenz entspricht, eine Regression und Zurücknahme der Individuation. Aufhebung der Entfremdung ist ein Mehr an Individuation. "Ob die Erkenntnis der Zusammenhänge ...bereits einen Schritt zu ihrer Aufhebung darstellt" - so schließt der Essay - "darüber befinden nicht Literatur und Literaturwissenschaft, sondern, mit den Worten Horkheimers, der Fortgang "der allgemeinen gesellschaftlichen Praxis", deren "Produkt"...aber auch deren aktiver Teil sie sind."

Mir, dem Techniker-Naturwissenschaftler ist eine Deformation der Subjektivität über der (Labor-)Arbeit vielleicht auf andere Weise bewußt geworden als dem damit theoretisch befaßten Sozial- und Geisteswissenschaftler, jedenfalls schien die Erfahrung "unmittelbar". Theodor Adorno schrieb:"Mit der Verleugnung der Natur im Menschen wird nicht bloß das Telos der auswendigen Naturbeherrschung, sondern das Telos des eigenen Lebens verwirrt und undurchsichtig". Janusköpfiges Telos: vielleicht wären Astronauten doch Nachfahren des Odysseus? Vielleicht trüge die "Transzendenz eines gegenüber kommunizierbaren Bedürfnissen verselbständigten wissenschaftlich-technischen Fortschritts" (Jürgen Habermas)? doch im "persönlichen Leben"? Ein kaum älterer amerikanischer Kollege brachte unsere jugendlichen Abenteuer auf die Formel "we have been coopted" und das Resultat kann ich kaum besser ausdrücken als kurzerhand mit: "verwilderte Selbstbehauptung" (Adorno, vgl. Jürgen Habermas, Philosophisch politische Profile 1971)

 

Flugversuche, Abenteuer

Als das Osnabrücker Projekt "Hochschulgeschichte 1890-1938" (so wurde es spä-ter versuchsweise betitelt) entstand, sah ich darin die Möglichkeit zu einem Stück Praxis: Anfang der 70er Jahre sah es mir in Bremen, aber auch anderswo so aus, als stünden sich zwei Parteien gegenüber: die die mit"revolutionärer Ehrlichkeit" - keine moralische, sondern eine praktisch-methodische Überlegung - dafür einstehen wollten, daß sie in und zugleich vor aller Wissenschaft die Aufmerksamkeit auf die Kritik und die Gestaltung des eigenen Umgangs mit den Mitmenschen zu richten hätten,auf eine Bewußtseinsarbeit, die mit guten Gründen auch und intellektuell als eine Art "Historiographie" zu tun sein könnte - und eine andere Partei, die das subjektive Moment nicht hereinrückte. "Subjektive" Wissenschaft - leichter gesagt als getan, wenn die Einübung in ein lebenslang machtvolles Subjekt-Objekt-Verhältnis an der Mutterbrust beginnt. Und wenn die Verhältnisse und die politische Kunst Veränderung immer nur ein Stück weit zulassen.

Wissenschaftsveränderung, die an den Inhalten herumdoktert und an den Gegenständen, ändert an dem vielleicht schon deutlich gewordenen mißlichen Verhältnis und dem menschlich-historischen "Sachverhalt" wenig,tatsächlich lenkt sie von diesem ebenso gern ab, wie sie auf ihn verweist. Kernkraftkritik und "Umwelt"- Wissenschaft sind davon nicht ausgenommen, aber: wo die Ablenkungsabsicht operativ wird,kann ich mich ihr entgegenstellen. Vielleicht gilt das für "Alltagsgeschichte",für Friedens- und Sexualforschung,für Konversionswissenschaft und Theologie der Revolution für Sozialwissenschaft in Sachen Aids (wo Epidemieprophylaxe und (historisches) Wissen über gesellschaftliche Folgen sexueller Repression sich jedenfalls in den Slogans 1988 nicht treffen) und anderswo. Besonders deutlich vielleicht in der feministischen Wissenschaftskritik die Auseinandersetzung um das Für und Wider von Verhaltensweisen, von Formen, die Inhalte bedeuten und umgekehrt (s.das von Luise F.Pusch herausgegebene Handbuch "Feminismus, Inspektion der Herrenkultur" 1983, die Zeitschriften "Feministische Kritik", "konkursbuch").

Die "Dissidenz", die ein "subjektives" Moment in der angesagten Weise in der wissenschaftlichen Arbeit will, hat lange Geschichte, sie war dann ein erklärtes Moment einer "neuen Sensibilität"(vgl. Menne74) und des Studentenprotests, sie koininzidiert mit Methodologiedebatten der "Entkolonialisierung" in der Anthropologie im Komplex mit der Psychiatrie (etwa Gregory Bateson, Roger Bastide). "Autobiographisch": Kindheit im Nationalsozialismus, oder sind in diesem Zusammenhang die Pubertätsjahre(9-14) wichtiger: 1944-1949. Ideologisch das Mißverständnis als kämen die Zustände aus einem zuviel an Kopf. Als sei der Nationalsozialismus auf den man negativ fixiert, zuerst Ideologie. Als sei Ideologie gleich Theorie gleich überflüssige Indoktrination des praktischen Verstandes(wie er im technischen Denken zu üben ist). Woher soll die Sprache kommen, wenn sie nicht vom Himmel fällt? Wie kann autobiographische Selbstvertändigung überhaupt gelingen? Nicht irgendwann, sondern zur Zeit? Gilt etwa Peter Härtlings Versuch mit Hölderlin? Was schien mir in Peter Weiß Abschied von den Eltern und Fluchtpunkten schon einmal fertiggebracht und in Hermann Peter Piwitts Deutschland, Versuch einer Heimkehr dann wieder verloren?

"Ichstärke" aus "trial and error" draußen gegen autoritären Aufbau drinnen? Ja, was wird eigentlich zum Thema gemacht bei "Aufbau" (Zeitschriftentitel bei Nationalsozialisten und Antifaschisten) und "Wiederaufbau"? Wo ist das Ich gefordert? Offenes Angebot für öffentliche und private trials 1945-48. Angesichts von Wiederbewaffnung, Wiederzulassung des "Farbentragens", von Koreakrieg und McCarthy Prozessen (Kipphard:Robert Oppenheimer) von Antikommunismus (Jürgen Treulieb: Victor Agartz),von Atombewaffnungs-, Notstandsdebatten und "Spiegelaffaire", von Wirtschaftswunder und Area Adenauer (Hochhut63:Stellvertreter) gab es Proben. Die gab es auch in wissenschaftlicher beruflicher und häuslicher Karriere. "They work hard and marry early" hieß es soziologisch in Konjunkturzeiten der 50er von den Jungwissenschaftlern. Merkwürdige Doppelgleisigkeit und bemerkenswerte Sexualpolitik. Wo war da die zeitgemäße "Ichstärke"?

 

Kritik der Grandes Narrations. Kultursemiotik.

Mit der Arbeit an den "Objektbeziehungen" (Balint35) kommt nicht nur Vokabular aus Psychoanalyse und hegelianisch-marxistischer Wissenschaft ins Spiel. Beide "Wurzeln" haben Weisen des "Rückblicks" zum Zweck der Veränderung menschlicher Verhältnisse entwickelt. Beide Wurzeln sind nicht monologisch angelegt. Es ist nicht offensichtlich, ob und wie diese Geschichte(n) wenn und wie ich es wünsche, mehr zum tragen zu bringen wäre. Michel Foucault begegnete den "grandes narrations" von rechts und links mit einer "archologie du savoir". Pierre Vilar (Vilar67) sah 1967 wahrscheinlich nicht den Horizont des Unternehmens, eben diesen politisch sozialpsychologisch kommunikationsbezogenen, er kritisierte interessanterweise das Pathetische beim Autor der Geschichten der Straf- und der Irrenanstalten, er fand eine Komponente negativer Fixierung, die der Kritik die Spitze nähme, es würden entscheidende Gegnerschaften weil sie mit dieser "Gebärde" nicht abzuhandeln seien, nicht erkannt, geschweige denn aufgenommen. In der Wahl der Gegenspieler mache Foucault es sich zu leicht.

Es ist erklärte "Wendepolitik", alte "Diskurse" zu reanimieren. Es scheint mir nicht falsch, Politik "ikonographisch" zu lesen und "ikonologisch" zu interpretieren, wenn "Symbolische Formen" (Ernst Cassirer 1923) vom Typ "nationale Identität" neu verordnet werden. Nur bis zu einem gewissen Grad kann ich mir überlegen, daß ich in diese "Züge" nicht einsteige, auch nicht bei "Mitteleuropa" (wie mein Großvater, vgl. dagegen Oswald Wiener nach Revolution, Anschluß, Befreiung und Wiederaufbau-Wunder) auch nicht bei "Verantwortung". Die Dekonstruktion der "grandes narrations" kann ich als Notwendigkeit verstehen: wenn sich allerdings auf unsere "Konsumgesellschaft" übertragen läßt was gründliche Analysen über "Kultur" anderer Gesellschaften aussagen (etwa Gustav von Grunebaum zum Islam) dann sind - vielleicht weniger verordnete - "grandes narrations" als Gesellschafts"bilder" nicht nur Konsumgut und Mode und Dekonstruktionsarbeit mischt sich mit (re-)konstruktiver."Arbeit am Mythos" (Hans Blumenberg), als nicht auschließlich"negative"Anstrengung. Die Moskau Tartu-Schule spricht von einem ständigen De- und Resemiotierungsprozess im"Kulturellen Text", in der "Vorlage" auf die alle Formen von Repräsentationen bezogen sind."Kultur" als "Texte" und "Funktionen" (Juri Lotman).

Oberste Funktion der "Gesellschaftsbilder" oder der "kulturellen Texte" ist ein in-die-Wege-leiten des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses. Während jedoch Gesellschaften, die Claude Levi-Strauss im Gegensatz zur Industriegesellschaft "kalte" genannt hat, aus einem "Text" heraus quasi statisch funktionieren ("Mythos"und "Riten"), muß man in der Industriegesellschaft permanent der Funktionsgerechtigkeit der"Texte" nachgehen. Es liegt deshalb nahe, daß die "heißen" Gesellschaften "Geschichte" "semiotisieren", sie auf die "Textebene" bringen. Ob heiß oder kalt, was und wie man semiotisiert, wird von gesellschaftlichen Machtverhältnissen bestimmt. Der "Text" ist Diktat. So läßt die gesamtgesellschaftliche Funktionsgerechtigkeit auf sich warten. "Geschichte" als "Bild" und "grande narration" mag einer interessenorientierten "Versteinerung der Verhältnisse" entsprechen und "konkrete Utopie" lehrt Reproduktion erst einmal als nicht repetitiv zu begreifen, es sollte gelingen, sie auf die "Textebene" zu bringen.

Die Semiotiker unterscheiden "paradigmatische" und "syntagmatische" Verhältnisse von Texten und "Begebenheiten":bei ersteren besteht ein Bruch und man ist gegebenenfalls aufgefordert sich "auf die andere Seite zu begeben" wie ein Betrachter der (mittelalterlichen) Ikone, bei letzteren ist die Verbindung hergestellt, wie formal in zentralperspektivischer Darstellung, inhaltlich in barocker "Weltlichkeit des Heiligen" (das "heilige" ist das "textuelle" sowohl der barocken wie der mittelalterlichen Ordnung). Das Verhältnis der beiden Relationstypen charakterisiert den kulturellen Text. Die semiotische Unterscheidung mag dazu dienen, diesen als auf "Verinnerlichung" abzielenden und als ganz und gar nicht "selbstverständlich" wahrzunehmen. Die Diskussion ähnelt der, die Roman Jakobson mit praktisch derselben Unterscheidung zum Thema gesellschaftliche (politische) Wirkung von literarischer Textproduktion hie expressionistisch, hie realistisch, angestoßen hat(s.a."Metapher", "Metonymie"). Die Unterscheidung mag helfen, wenn es darum geht, eine neue Repräsentation auf die Textebene zu bringen.Ich meine zu erkennen, wie der aus der Naturwissenschaft emtwickelte "Selbstorganisationsdiskurs"(Jan Bloch, Wilfried Meyer,später und mit anderem Bezug Günther KÜppers, Wolfgang Krohn, in Anlehnung an Ilya Prigogine, an Maturana) an einer Absicht krankt, den eher "paradigmatischen" Aufbau des Versuchs als eher "syntagmatisch" hinzustellen um ihm sei es die textuelle "Dignität" der Naturwissenschaft zu geben, was eine falsche Richtigkeit hat, sei es um die Aussage damit als besonders "realistische" auszuweisen, was mir garnicht einleuchtet.

 

Subjektive Bezugspunkte

Rechts wie links ist man bereit eine Geschichte für wichtig zu halten. Der Zweck ist nicht ganz derselbe, die Geschichten sind nicht ganz dieselben. Verschiedene Bedeutungszuweisungen, verschiedene "Semiotisierungen" und damit ein Feld der Auseinandersetzung, in jedem Fall ein Wirkungsfeld. Da passiert etwas. Die großen Symbole, die grandes narrations, unzählige "Identitäts"-Angebote, "Begründungs-"logiken und Legitimationsgeschichten, - ich mache es mir zu leicht in der Wahl der Beispiele: die Christenheit, der Sozialismus, Kapitalismus, Mitteleuropa, die Arbeiterklasse, der Bourgois, Newton, Einstein, Hispasia, Louise Michel, das Mittelalter und hopp eine Gegenwart, eine Zukunft. Welche? Und dann denkst Du nach und fragst Dich wie ist das Verhältnis der Worte und Reden zu einer Ahnung, einem Wissen (und gerade nicht "subjektivistisch" und auch ohne Schopenhauerlektüre oder "Lebensphilosophie"),zu einer Dimension von Schrecken und Terror, die eben keineswegs unvorstellbar ist, zu der gesellschaftlichen Veranstaltung der Shoa, zur "(Mit-)Täterschaft" von der ich mich gern "klipp und klar" distanzieren möchte, aber nachdenkend nicht kann. Ich bin ich, aber wer bin ich und jedenfalls bin ich auch nicht ich - diese Art von "Identitätsphilosophie" erklärt, wo die bipolare Klarheit nicht stimmt. Unversehens arbeite ich an einem Mißverhältnis in eigenen und fremden Worten, Sätzen, "Geschichten" zu einem "Wissen" oder Bewußtsein, zu einem "Horizont", der ein"historischer" ist. Dieser Horizont relativiert.

Auf anderer Ebene relativieren andere Horizonte. Was bedeutet es, daß Intellektuelle, denen die Wirkungs-,Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten genommen werden, kaum versuchen, sie sich zu nehmen? Oder wie kommt es, daß die, die sie haben, sich in garkeiner Weise gezwungen sehen, klar zu machen, ob sie unter allen Umständen ihr Amt behalten und damit zur Gegenseite für die anderen werden, oder ob die Umstände von Zeit zu Zeit so sind, daß sie sich nicht nur verbal oder administratorisch mit den "Aussenseitern" solidarisieren. Kommt das daher, daß man sich gegenseitig versichert, daß man "doch nichts böses tut, solang man seine Pflicht erfüllt"? Ich muß sagen, daß ich das größere Problem auf Seiten derer sehe, die "drin" sind, als auf Seiten der "freigesetzten" (wobei ich es meistens falsch finde "mit der Hochschule nichts mehr zu tun haben zu wollen"). Dies auch bei den Arbeitern der Automobilindustrie, die nicht glauben, daß sie das "Schicksal" mit den Stahl- und Werftarbeitern teilen, sodaß sie Gefahr laufen, zu "Gegnern" der Kollegen zu werden.

Das größere Problem auf Seiten derer, die drin sind, weil die den Burgfrieden für sich erhalten und so tun als ob nur ein paar "Terroristen" töten, was man unterbinden oder in Kauf nehmen muß, was aber weiter keinen Hintergrund hat, geschweige denn an eigenem mörderischem Verhalten festzumachen ist.Ich brauche mich weniger mit denen auseinanderzusetzen, die wissen, daß sie töten oder sterben lassen, als mit denen, die dafür garkeine Antenne haben wollen (Pazifisten kennen die Problematik): die dahinter stehenden Ängste wären abzubauen, es geht ja grade nicht darum, daß gleich jemand umgebracht würde oder man gleich sterben müßte. Es geht um ein reales, nicht abstraktes Verhältnis zu einer allerdings mörderischen Auseinandersetzung um "Ziele".

Hochschulgeschichte 1890-1938. Wenn heute die Hochschullehrer geschweige die Lehrer selbst in ihrer Gewerkschaft kaum daran denken mit denen "draußen" den Zugang zu ihren Wirkungs- Arbeits- und Einkommensmmöglichkeiten als Kampf zu organisieren steht es für diese schlecht, noch schlechter aber vermutlich um gesellschaftliche Ziele. Eine ruhmvolle Vergangenheit können die Männer und die ungleich wenigeren Frauen für die Hochschulen in gesellschaftlichem Verhalten nicht beanspruchen (die Studenten leider auch nicht), weder 1914 noch in der Revolution noch bei der "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" 1933 und in den dann folgenden Jahren. Damals wie heute hatte man Anlaß an der "politischen Vernunft" der Hochschule zu zweifeln. Aus ganz verschiedenen Gründen? Es wären institutionelle, personelle, sozialpsychologische, politische usw. Komponenten der Entwicklung aufzuzeigen.

 

Mandarine,Experten,Spezialisten.

Fritz Ringer hat 1968 in einem vielbesprochenen Buch die Entwicklung eines fatalen "Konservatismus" in den deutschen Hochschulen untersucht und beschrieben (Jürgen Habermas kritisierte an dem Versuch eine Schiefe, oder eine Unklarheit in Bezug auf die Strukturfrage der gesellschaftlichen Kräfte im Verhältnis zu den Kopfarbeitern und ihren "Mandarinen": voreilig sei sein Schluß vom Prestige auf die tatsächliche Macht. Übrigens hat die Frage nach der aktuellen "Machtrolle" von Intellektuellen Schärfe in höchstens oberflächlich vergleichbaren "Diskursen" (Andre Glucksmann, György Konrad), Ringer hat den Naturwissenschaftlern und Technikern weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Das verwundert, wo im Zeichen der periodisch "forcierten" Industrieentwicklung grade diese Hochschulzweige ausgebaut wurden. Kann man wirklich aus dem Material schließen, daß ideologisch die einen von den anderen abhängig gewesen seien und daher die Aufmerksamkeit sich erübrigt? Oder wird im Nachhinein klar, daß zwar nicht unbedingt die "Ausnahmen" von Technikern und Naturwissenschaftlern, die nichts originelles zu sagen hatten, unsere Aufmerksamkeit verdienen, wohl aber ganz entscheidend eine "originell sprachlose" und schließlich mit und in dieser Sprachlosigkeit mächtige technisch-wissenschaftliche Elite. Ich will nicht ohne weiteres behaupten, daß dies die historische Entwicklung von Beuths und der preussischen "Sparpolitik" in der Ausbildung der Spezialisten gewesen sei, die ungebrochen bis heute dauert, genau so ungebrochen wie Technikernamen von Siemens bis Porsche als "groß" gelten und das Foto von Fritz Todt kommentarlos in der "Ehrenreihe" der gewesenen Vorstandsmitglieder die Kataloge vom Deutschen Museum schmückt. Das ist eine These und das Osnabrücker Projekt mag diesbezügliche "Ergebnisse" liefern.

Mir ist vergleichsweise gegenwärtig, welch entscheidende Rolle die Diskussion um die "Bildung" der "Spezialisten" in der jungen Sowjetunion hatte, wie sehr etwa die Parteitheoretiker der Gruppe um Abram Moisevitch Deborin und längst schon Alexandr Bogdanov diese im Auge hatten, "konkret utopisch" und trotz der machtpolitischen Gruppenkämpfe, bis in diesem Punkt die stalinistisch technokratische Entscheidung gefällt war und damit sozialistischen Forderungen wie sie Alexandr Herzen im 19ten Jahrhundert an die Träger des wissenschaftlich-technischen Fortschritts gestellt hatte, nicht entsprochen wurde. So entstand ein denkwürdiger "Freiraum" für "Spezialisten". In den Folgen eindrücklich dokumentiert in der von Ilya Ehrenburg nach 1956 angestoßenen Debatte "fisiki i liriki" (Anton Hiersche 1970).Im übrigen verdient die "Social function of science" Debatte deren Beginn man früh, vielleicht gleichzeitig mit ersten gewerkschaftlichen Organisationsformen der "Scientists" (Hyman Levy, auch Frederik Soddy)ansetzen kann, unsere Aufmerksamkeit, auch wenn, gerade wenn sie vom "Machtstreben" der neuen Eliten vorangetragen wurde (Gary Werskey 1970). Französische und bis 1933 auch Sozialisten in Deutschland (Franz Borkenau) arbeiteten an vergleichbaren Fragestellungen.

Der "Spezialist" verkörpert eine "Sprachlosigkeit" die jedoch über das Fachgebiet und die technische Bedeutung der Arbeit hinaus funktional ist für eine Gesellschaft die vom unvermittelten Wollen, von der "Eigeninitiative" des Hinklotzens, von der "Leistung" lebt. Sprachlosigkeit auch als Empfänglichkeit für "Kunstsprachen", für Sprachnormung - Sprachregellung. Mit radikaler Überzeugung hat Eugen Rosenstock Huessy 1963 die "Todesbezogenheit" der Physiker philosophisch herausgearbeitet was Erich Fromm dann sozialpsychologisch und viel ausführlicher gemacht hat. Hat der nekrophile Diskurs der Sprachlosen die Aufmerksamkeit, die seiner Gewalttätigkeit entspricht?

 

Mediatisiertes Prestige

Manche Naturwissenschaftler und Techniker haben sich "autobiographisch" geäußert. Daß sie sich äußern, ist nach dem Gesagten gänzlich atypisch, man wird die, die sich äußern, nicht als Stellvertreter ansehen können. Andererseits werden immer wieder Stellvertreter "ernannt":"berühmte" Techniker und Wissenschaftler. Frank Elstner präsentiert unermüdlich "Stille Stars". Elstner hätte sich die journalistische Arbeit kaum einfacher zurechtlegen können: das "besondere" der Fachleute ist der Nobelpreis, im Interview operiert er beruhigend "stereotypisch", jedesmal die devote Frage nach dem "Glauben" jedesmal der entwaffnend bloßstellende Hinweis auf die Gelegenheit zu einer "Botschaft an alle Menschen" die tatsächlich "genutzt" wird: der Kollege hat die angetragene Bedeutung verinnerlicht. In dieser Fähigkeit zur Verinnerlichung angetragener Bedeutung mag der Zuschauer letztendlich die wichtigste Voraussetzung der Preisverleihung erkennen.

Bedeutungszauber, "Semiotisierung". Der obskure wissenschaftlich-technische Produktionsprozeß kommt mit falscher Erfolgsstruktur "stückweise" zum Vorschein. Mit der Nominierung der "Künstler" erhält er die kulturelle Dignität nach hergebrachtem Muster. Schon bei seiner Stiftung war der Preis ein Anachronismus:Ausdruck und Instrument reaktionärer Kultur- und Machtpolitik einflußreicher Mitglieder (Arhenius, Ostwald) der neuen Schichten, die statt adäquate (Massen-) Kulturentwicklung zu fördern, diese Schichten mit den konventionellen Mustern an die Machthaber "verkauften". Das Fernsehen bringt mit voyeuristischen Stimuli die Unnahbarkeit der Größen an den Mann: "Nobelpreisträger privat".

Abstrakte, ihrer Funktionaliät und den Interessen ihrer Trägerschichten nicht entsprechende "Textualität" haben den Natur- und Technikwissenschaften zwar nicht zuletzt die Nobel- und anderen Preise eingetragen, aber sie wurde mit anderen Mitteln, mit Museumsbau und "Technikgeschichte", ja "Technikphilosophie" (Oskar Miller,Conrad Matschoß,Eberhard Zschimmer,Friedrich Dessauer) ebenso vorangetrieben. - Miriam Hansen hat in einer Ezra Pound Studie diese Verschleierung als für den Faschismus konstitutiven ideologischen Faktor herausgestellt.Diese Textualität hat sich bewährt, seither steht die Modernisierung an und die Anpassung an die Medienentwicklung und an die ideologischen Verhältnisse.

Konsumenten von Frank Elstners Unterhaltungssendung mögen genüßlich den eigenen Outfitam "privaten" offensichtlich wohlhabender und respektabler Leute messen und damit ihren eigenen Stand bestätigen. Vielleicht jedoch provoziert das freundliche "Mittelmaß", die "Normalität" der "Großen" gar den Schwebezustand der Ungewißheit über die eigene "Leistungsfähigkeit". Jedenfalls Produktion von Verwechslungen. Eine möglichst beidseitig falsche Verortung der Einzelleistung im Gesamtprozess, die Methode hat . Seitens der "Medien" die Techniken: "Authentizität" (kaum gestört durch Schnittmöglichkeit?) im Interview, "Vertiefung" durch "Autobiographisches".

Ein pervertiertes "Biointerview" (Sergej Tretjakov):während dort in der Erzählung der "Lebensgeschichte" "entdeckt" wird, daß im Menschen, von dem keiner spricht lauter emanzipative soziale Möglichkeiten liegen, kann hier jeder die Sherlok Holmes Rolle üben und entdecken, warum in diesem "Durchschnittsleben" moderner Mittel- bis Oberschichten die bedeutende Leistung entstand. Der machtvolle Kulturakt, der die Bedeutung herstellt, liegt längst unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.

Wird also jeder den Preis erringen können? Elstner-Fans auf dem Weg zum Stillen Star: eine Lawine der Innovation, des wissenschaftlich technischen Fleißes: "Jugend forscht"?

 

Struktur der Starisation.

Zwei gegensätzliche Weisen autobiographischer Repräsentation: "Paradigmatisch" wie die Heiligenbilder (die kein Wohlleben, sondern "Martyrium" repräsentierten - man lebte im "übertragenen Sinn") steht in den Stillen Stars der kulturelle Text jenseits von jedermanns Leben, biographische Elemente kommen ziemlich unvermittelt dazu, das textuelle ist jedenfalls vorher da und liegt nicht im Lebensprozeß, sondern im Ziel, im Erfolg, in der "Leistung". Syntagmatisch die Konstruktion im Biointerview: vom Leben zum Text, ohne die Lebensgeschichte wird nichts textuell. Manche "Stille Stars" brachten die syntagmatische neben der paradigmatischen Repräsentation zur Geltung, etwa indem der Zeitzeuge den Star ablöste.Owen Chamberlain berichtet vom schauerlichen Test der Bombe im Juni 1945. Emilio Segre bringt für mich überzeugend unabhängiges Denken seiner Generation und Gesellschaftsgruppe zu den Zeitereignissen ("Herr Hitler", Kernkraft, SDI) und zur eigenen Rolle zum Ausdruck.

Manchmal gerät die paradigmatische Repräsentation zur Karikatur. So bei Sam Ting. Seine Wunder der Wissenschaft gipfeln im metaphorischen Gebrauch der Vorstellung eines Dorfes in dem die Bewohner 10 000 Jahre alt werden.

Schwachsinn aus berufenem Mund - die Redewendung läßt formal nicht erkennen, wer gerufen hat, Klarheit darüber wird aber vorausgesetzt: Sprachgefühl - "ce que parler veut dire" (Pierre Bourdieu). Max Webers "Wissenschaft als Beruf" war - mit definitorischer Schärfe für diese - nicht das Programm "subjektiver" Wissenschaft. Das "berufliche" Leben repräsentieren die Schriften, die spezifische Produktion. ("Meine Schriften" betitelte Ernst Troeltsch seinen Beitrag in "Meiners Selbstdarstellungen"). Dem entspricht, wenn Eugen Rosenstock Huessy fand, daß die "Laien" ihren Auftrag an die Naturwissenschaftler und Techniker zurücknehmen, zumindest erläutern müßten. Entrufung. Biographisches steht für diese Auffassung - l'oeuvre cest tout - auf einem ganz anderen Blatt. Die "Berufung" zum Stillen Star auch.

Stars leben von Träumen, Wünschen, Hingabe an ein Gefühl, von individuellen und sozialen aestetischen Notwendigkeiten. Sie tun oder sind etwas begeisterndes für "Massen", noch im Kitsch das Komplement zur Masse, auf der Kinoleinwand die verkörperte Illusion, Objekte unserer Projektionen, symbolische Figuren. Stars stehen im Rampenlicht, Manchmal waren Wissenschaftler, Techniker auch oder fast Stars ( Marie Curie, Albert Einstein, Frederic Joliot-Curie).

Wenn es nicht hauptsächlich das aesthetische ist und auch kein "Charisma", was begeistert dann? Was begeistert an Militärs, Staatsmännern, Wirtschaftsführern? Nichts? Einfach das Komplement zur Masse? Ein Machttraum? Regressive Vorstellungen von Schutz, Geborgenheit, Liebe, masochistisch von Abhängigkeit und Unterdrückung? Gestaltungs- und Zukunftspläne? Hoffnungen aller Art?

Was begeistert an Spitzensportlern? Wäre es das ästhetische Moment? Das Schauspiel? Die Erinnerung gar an wohltuendes eigenes "Körpergefühl"? Oder vielmehr die Verkörperung abstrakter Vorstellungen von "Durchsetzungsvermögen","Ausdauer", "Leistung" und von "sportlichem" Verlieren und Versagen?

Seit über hundert Jahren gibt es Naturwissenschaftler und Techniker mehr und mehr und schließlich als "Masse": sie sind längst kein "Komplement" mehr. Was macht die Stillen Stars zu Stars? Ihre Leistung wie bei Spitzensportlern? Der Breitenwirkung eines Spitzensports entspricht die Tätigkeit einer breiten arbeitenden Schicht?

 

Kultureller Habitus.

Der kulturelle Indiviualismus hat eine entwickelte Symbolik von der Wiege bis zur Bahre. Geboren wurde die Begabung und an der Bahre galt die Sorge dem Grabmal. Grabmäler sind Geschmackssache? Begabung ist eine Erfindung zum Zweck? Technisch-naturwissenschaftliche Kenntnis der Vererbungs-, Umwelt- und "Selbstorganisations-(Zufalls-)" Mechanismen läßt Begabung als das erkennen was sie in der tatsächlichen Gepflogenheit vorallem war: vereinfachende und damit politische Schematisierung. Exponate zum Beweis waren in der Vergangenheit Künstler, das "Talent": der Zusammenhang mit dem "Geschmack" als sozialem "Integrator" und zugleich klassen- schichten- gruppen- oder individualspezifischem "Differentiator" und "Diskriminator", kurz "Identitätsoperator", ist intim.

Pierre Bourdieu und Gruppe haben versucht anhand einer empirischen Untersuchung den sozialen Geschmacksidentitäten mit der Definition eines kategorischen "Habitus" die wissenschaftlich-metasprachliche Diskussionsqualität zu geben."Trajektorie" nennt er das soziologisch-diachronisch fixierbare Substrat von "Individualität", den "Lebensweg" im kategoriellen Schema: die Diachronie der Trajektorie und die "Synchronie" des Habitus stoßen aufeinander, die Indikatoren für die "habituelle Situation" (Lebens- und Konsumgewohnheiten, Kino- oder Lesepräferenzen, Stars und Fans etc.) entsprechen jedoch denen für "kulturelle Identität" darin, daß sie eigentümlich für etwas stehen, was Bestand hat von dem ich nicht sagen könnte, was das ist, sodaß mir der Habitus als Momentaufnahme im De- und Resemiotisierungsprozeß von der den Symbolen eigenen Diachronie zusehr abstrahiert. Die "Pathosformeln" Aby Warburgs andererseits verweisen auf das, was an Symbolen Bestand haben kann, Ausdruck und Vermittlung bestimmter subjektiv-ästhetischer Komplexe, "Körpersprache", Gebärden, deren Anteil am Aufbau des Habitus im Sinn Bourdieus aber unklar ist und jedenfalls nicht maßgeblich.

Kulturgeschichte. Der "gute Geschmack" steht zu "Tugend" etwa und zu "gottgefälligen Leben" im Spannungsverhältnis des bürgerlichen zum feudalistischen und klerikalen Programm. Eine diese Programme ablösende Praxis kann auf jegliche Normung verzichten, sie vertraut auf die zwar nicht unbedingt angeborene aber praktisch erreichbare Fähigkeit die Gesellschaft ohne autoritatives Maß von Fall zu Fall mit- und gegeneinander zu organisieren. Individuation mit dem Wissen um die Vor- und Nachteile der abstrakten historischen "Überbauten". Mit der Hinwendung zu einem "Materialismus" der vor dem Umbau der Produktion nicht halt macht ebensowenig wie vor der materiellen Umverteilung. Übrigens verlangt eine solche "Ordnung" der Dinge nicht weniger "Kultur" sondern mehr, jedoch ein anderes Verhältnis zu den Symbolen und auch andere Symbole.

Naturwissenschaft und Technik gehörten zum "guten Geschmack", von Newton bis Laplace repräsentierten sie das Programm oder dessen Kompromiss, wie Boris Gessen in seiner Newtondarstellung 1931 aufzuzeigen versuchte. Im "Amerikanismus" sind vorallem die Techniker wieder prominent, für das neu-alte Regime Repräsentanten der "Geschmacklosigkeit" für viele aber die verkörperte Hoffnung in die "Maschinenwelt". Begründete oder unbegründete Zuversicht auf eine rationale Gestaltung des Zusammenlebens heftete man unbegründet an Leute, die mit einem ganz anderen Gegenstand rational umzugehen gewohnt waren. Das war auch die ideologische Anpassung an die soziale Realität des Einflusses der Maschinenkenner und -Konstrukteure. Thorstein Veblen, der Theoretiker des technokratischen Programms hat die abstrakte Rationalität untersucht, die den "guten Geschmack" ablösen sollte. Der Realisierung dieses Programms wirkte eine Semiotisierung nach konventionellem Muster entgegen: Verkörperung durch "Große Männer". Die neuerliche Integration der Naturwissenschaftler und Techniker als Kultursymbole ist von vornherein Nachmache, Kitsch, im Amerikanismus und im Faschismus, Stalinismus. Und ein Zaubertrick: das in fast jeder Hinsicht obskure der technischen Blackbox wird durch die exemplarische Verkörperung ein menschliches "Wunder". "Leistung" wie bei Spitzensportlern grenzt nur ans wunderbare, würde für den Trick kaum genügen. Deshalb heißt das Wunder in semiotischer Rationalisierung Begabung.

Wenn sie also weniger begabt sind, als sie begabt werden, die Talente, dann ist der Wille, das "Spiel" zu machen umso wichtiger, ist ja auch reichlich vorhanden, obwohl er so selten lohnt. Was immer Talent und Entdeckung sein könnten, steht in keinem Verhältnis zu ihrer Rolle in der kulturellen Repräsentation, was immer sie sein könnten, ist rar im "kulturellen Text". Dazu mehr unter dem Stichwort "Soziobiographie". Im Licht des gesagten bietet auch der "typische" Lebensweg des Spitzenwissenschaftlers den Anne Roe vor mehr als zwei Jahrzehnten aus biographischen Recherchen der Preisträger ermittelte (Einzelkind, frühe geistige Interessen, late in "dating", kontaktscheu usw.) weniger eine "Ätiologie" der "Begabung" für Wissenschaftliche Arbeit als für das zeitgemäß zum Erfolg führende soziale/unsoziale Verhalten.

Ethnologen untersuchen, wie Gesellschaften ihre "großen Menschen" passend zur jeweiligen Ordnung produzieren. Die "matter-of-fact" Gesellschaft ist entgegen Veblens Annahme offenbar sowenig "matter of fact" daß sie große Naturwissenschaftler und Techniker braucht. Einer von ihnen, Isaac Rabi sagte dem Historiker, der über die "Bombenbauer" schreibt (Daniel Kevles) - Warum schreibt niemand über meine Generation von Physikern? - augenzwinkernd :"After all, we changed the world". Die Bombe war nicht die erste wissenschaftliche Tat, die obwohl ein Fehler,statt das Establishment zu schwächen, es stärkte. Dünger, Giftgas, Pharmazeutische Produkte wirkten ebenso. Derartige Verdrängungen zeigen was die kulturelle Semiotisierung leisten kann. In vorläufig letzter Konsequenz lehren uns die "Stillen Stars" das Exponat, den Star "privat" als Menschen wie Du und Ich zu akzeptieren. Obwohl der uns garnicht zuhört. Obwohl Frank Elstner unsere Fragen jedenfalls nicht stellt. Einfalt und Größe, geräuschvoll und unvermittelt.

Kurzum, die "Starisation" der Naturwissenschaftler und Techniker kann oder soll vermitteln,daß die obskure Entwicklung der Maschinen in "Leistungen" einzelner zu "quantifizieren" sei: das gibt dem Prozeß den Schein der Überschaubarkeit und des zum guten Zweck geordneten und verdeckt die Irrationalität der technischen Entwicklung."Theoretische" Glosse: eine jeder Dialektik bare Vorstellung von der grundlegenden Bedeutung der "Produktivkraftentwicklung" motiviert bis in unsere Zeit diese Irrationalität. Ohne Dialektik bleibt jedoch "Produktivkraft" eine unbestimmte Größe, Produktion und Destruktion sind eins. Erst mit einer "Dialektik" der Entscheidungsvorgänge, die die gesellschaftliche Totalität nicht nur theoretisch mit der "Produktionsebene" vermittelt, tritt die "Produktivkraftentwicklung" aus der Unbestimmtheit heraus.

Die "Exponate" einer Rationalität verdecken die Notwendigkeit einer an anderem "Gegenstand" sich bildenden Vernunft. Aus den berufenen Mündern kommen "Botschaften", die bestenfalls von der Kritik an eigenem Tun zur politischen Problematik des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses vordringen. Sie diskreditieren gleichzeitig den sinnvolleren Prozeß, den Fortschritt von der Diskussion der gesellschaftlichen Reproduktion zur Kritik an Naturwissenschaft und Technik.

 

Der alte und der neue Mensch

Dem "autoritären Menschen" (das ist die Bezeichnung bei Otto Rühle, die spätere empirische Studie der Frankfurter im Exil versteht unter "Autoritärem Charakter" ähnliches) ist der, die oder das gesellschaftlich höher oder hoch geschätzte schlechthin glaubwürdig. Auf diesen sozialpsychologischen Faktor gründet der unmittelbarste Semiotisierungsvorgang: hohes Einkommen zum Beispiel und die Signale satten Wohlstands schaffen "kulturelle" Bedeutung. 1925 debattierten die Sozialisten der Aktion den "Weg zum neuen Menschen": autoritäres Verhalten entspricht dem angepaßten Wunsch nach sozialer Sicherheit der "auf-sich-gestellten". Der Selbstbewußte neue Mensch findet jedoch diese Sicherheit in der "familiären" ("Schwester","Bruder"...) Umgebung, die die alte Familie aufhebt. Wie kommen Frauen und Männer zu der Einsicht? Otto Rühle fand sie sei ein Erziehungsproblem, seine Gegner sahen in ihr eine Selbstverständlichkeit "richtiger" zielbewußter Praxis, beide Seiten machten den Fehler autoritäres Sicherungsverhalten undifferenziert als "bürgerlich" eigentümlich hinzustellen.

Wie eine Parodie ließt sich heute Egon Friedells jugendliche Polemik 1914 gegen eine "Abschaffung des Genies", die den Zweck habe, "unser ganzes Leben, Denken und Fühlen zu sterilisieren". "Kollektivseele" das wäre ein Greuel, denn "solche Seele, die nichts ist als das Resultat gemeinsamen Ineinanderarbeitens von Massenteilchen hat nämlich auch jede richtig gebaute Maschine!" Da hat die technokratische Modernisierung keine Chance. Geradezu feudalistisch die anschließende "Gottkonstruktion" Friedells:"In dem Augenblick aber, als wir glauben,daß wir selbst eine Seele haben, glauben wir auch notwendigerweise an einen Schöpfer dieser Seele, glauben wir an höhere Seelen, die diesem Schöpfer noch näher verwandt sind als wir, glauben wir an große Männer. Und wenn unter diesen sich einer befindet, der alle so sehr überragt, daß er dem Schöpfer mehr zu gleichen scheint als den Geschöpfen, dann ist es ganz logisch und natürlich, wenn wir ihn Gott nennen."

Das autoritäre Modell arbeitet semiotisierend mit "Vorbild", "Identität", "Charakter" und ähnlichen Konzepten. Es bleibt immer auch ein "Individuationsmodell". Ein Fehler aus heutiger Sicht war, vermute ich, daß politische Möglichkeiten zwischen den "Vorbildern" zu differenzieren, unterschätzt wurden."Luther", "Leibniz","Friedrich II","Goethe" waren politische Kompromissfiguren im "kulturellen Text", mehr oder weniger "preussisch-deutsche", mit ihrer "Hilfe" vermittelte sich nach autoritärem Modell gesellschaftliche Reproduktion: konservativ gesehen möglichst als Repetition, liberal als Modernisation und sozialistisch als Reform und Revolution, sie vermittelten Interessengegensätze, allerhand Ziele: klerikale, höfische, militärische, kapitalistisch-wirtschaftliche, usw., auch "proletarische".

Der revolutionäre Impetus macht solche Überlegung falsch? Besonders radikal Robert Stahl in Auseinandersetzung mit Franz Seiwert über seine Thomas Münzer Brochüre: Machen wir Schluß mit der "indirekten Kommunikation" über Führer, ob Luxemburg Liebknecht, Lenin, Buddha, Jesus, kommunizieren wir nicht über ihre (angeblichen) Vorstellungen und Gedanken, Führer wollen "Weltmittelpunkt" sein, provozieren Entscheidungen für oder gegen sie, kommunizieren wir direkt:"her mit unklischierter Lebendigkeit"."Begraben wir Münzer unter Schutt, der sich nicht mehr bewegt".Stahl sagt auch gegen Seiwert, der meint die großkapitalistische Entwicklung werde dazu führen daß die Masse ohne Mittelsperson ihren Willen durchsetze: die Masse die ihren Willen durchsetze, werde in der Tat eher dasein als die, die sich direkt verständigt. Direkte Verständigung. Stahl will nicht zur "Allgemeinverständigung" schreiben, sondern diese Wege des Führerkomplexes, über den "Ausfluß ins Gesamte" gerade "mit unterminieren".

Dieser Diskussion mit relativer - wie ich meine - "Basisnähe" in der Aktion entspricht eine ähnliche um das mehr oder weniger "bürgerliche" (mehr bei den nationalliberalen, weniger bei den feudalheroischen Zeitgenossen) Ideal in akademischeren Formen geführte, die - das sei im Vorgriff festgestellt - zur Entstehungsgeschichte der "Soziobiographie" (wenn damit an die sowjetische Diskussion angeknüpft wird s.u.) gehört. 1926 erscheint Edgar Zilsels "Die Entstehung des Geniebegriffs", ein Beitrag zur Ideengeschichte der Antike und des Frühkapitalismus. Georg Lukacs war ein ebenso bemühter Leser wie Rezensent: Grünbergs Archiv publiziert seine Besprechung von Zilsels Buch. Und im Anschluß nicht wenige "Anschläge" (ich nehme an, er schrieb Maschine) zu Büchern von Ottmar Spann, Carl Schmitt... - dies also der Rahmen. Lukacs spricht von einer "zwiespältigen Stellung zum Historischen Materialismus" beim Autor, leider handle es sich um "bloße Verallgemeinerungen empirischer Tatsachenbeobachtungen" nicht um die "Gesetze" von denen die Rede sei."Denn sie zeigen bloß gewisse Strukturzusammenhänge zwischen Tatsachenkomplexen auf, ohne die bewegenden Kräfte aufzuweisen, die diese Veränderungen mit Notwendigkeit hervorbringen". Die Kritik gerät vollends zum Lob, weil sie - ökonomisch für den Rezensenten - seitenlang zitiert. Zilsels strukturalistische "Erfindungen" sind die "Ruhmverleiher" im dialektischen Prozeß mit "abgelaufener Kultur" und "Neuheitsidealen", ist der "Personenkult" im Übergang von "parteiischen zu formalen Gestalten" und Zilsels feuilletonistische Pointen werdem dem Leser nicht vorenthalten:"Im ganzen wird sich innerhalb einer weltlich-geldwirtschaftlichen Gesellschaft die Berufsideologie der geistig Tätigen um so metaphysischer gestalten, je größer deren Zahl ist und je weniger die Ruhmeskonkurrenten einander persönlich bekannt sind."

Lukacs stellt mit Recht fest was ungenügend ist, nur kritisiert er Zilsel damit zu Unrecht, er selbst wäre nicht weniger überfordert gewesen.

Für einen anderen Rezensenten, für Albert Salomon in Rudolf Hilferdings "Die Gesellschaft" ist Edgar Zilsel ein "entschiedener Anhänger des historischen Materialismus. Und darum muß seine soziologische Methode kritisiert werden". Zur Einleitung spricht Salomon über Lebensideale der Zeit:"Und da der Georgekreis die Verachtung der Masse, eine tiefe Unbrüderlichkeit und Unbekümmertheit um das soziale Ringen der Gegenwart zur Schau trägt, so wird sein Lebensideal zu dem Gespenst eines schönen Renaissance-Jünglings mit falscher Aristokratengebärde, die typische Ideologie einer Rentner- und Beamtenschicht." Für Salomon liegt heute-damals "schlichtes Heldentum in der Hingabe an eine Sache". "Max Weber war ein solcher Held, wie Simmel ein Weiser und Peguy ein Heiliger...Denn sie durchbrechen die Sphäre des nur Gesellschaftlichen und stehen unmittelbar zum Ewigen genau so wie die tiefsten Bindungen des menschlichen Herzens in Liebe und Freundschaft dem Bereich der Soziologie entzogen sind." Andererseits bleiben im gesellschaftlichen die "Standes- und Berufsideologien":"man kann sie soziologisch als den Ausdruck verschiedener Formen einer ständischen und aristokratischen Gesellschaftskultur bezeichnen" und zum "sozialpsychologischen Habitus der Gegenwart"(Emil Lederer 1914) stellt Salomon fest daß das Genieideal "wenn man nicht die geschichtlichen Materialien willkürlich anordnet, nur als Ideal der subjektiv-individuellen Höchstleistung in einer Epoche gelten (kann), welche eine feste soziale Ordnung nicht mehr kennt und nur Individuum neben Individuum sieht". Trotz vieler Einwände und großer kulturhistorischer Perspektiven hält Salomon für richtig erkannt, was Lukacs noch zu beweisen ist, (Zilsels "Gesetz") "daß mit zunehmender Rationalisierung der Gesellschaft jedes lebendige Persönlichkeitsideal einem rein formalen inhaltlosen Ideal sich nähert, wie der Geniebegriff eines bedeutet." und wo ist der "eigentliche Sitz der Genieverehrung, ja der Geniereligion"? Zilsel sieht als Verbraucher "eine breite Schicht von gebildeten Berufstätigen, die die offizielle Kirche nicht befriedigt, denen halboffizielle Nebenreligionen nicht zur Verfügung stehen, die aber Ehrfurcht und Erhebung brauchen, um im Alltag des Berufslebens nicht zu verkümmern..." "Anarchie der bürgerlichen Produktion im Geistigen und Moralischen sagt Salomon.

Zwar braucht der neue Mensch keine "Publikcharaktere" (Robert Stahl), aber allen Diskutanten, auch Stahl, ist klar, daß der "Neue Mensch" genau sowenig ins Leben springt,wie die Revolutionen das neue Gemeinwesen mit einem Schlag herstellen, überhaupt herzustellen vermochten. Und die Hoffnung, ihn aus revolutionären Gruppen heraus als den "ganz anderen" zu produzieren, verkennt Machtverhältnisse und das Prinzip derselben, sich auf allen Ebenen,nicht zuletzt der individuellen durchzusetzten.

Wie diese Durchsetzung vorsich geht, lehrt die Psychoanalyse. Sigmund Freud war dabei geneigt, als "Prinzipien" menschlichen Lebens zu betrachten, was andere Psychoanalytiker als sozial abzuleitende Erscheinungen erkannten. So hat Marianne Krüll (Freud und sein Vater, 1979) gezeigt, wie eigene Widerstände ihn daran hinderten, seine ursprüngliche "Verführungstheorie", in der die Erwachsenen die Psychodynamik der Kinder bedingen, gegen die "Ödipustheorie" zu verteidigen. In seinen späteren Jahren sah Freud im "Zusammen- und Gegeneinanderwirken von Eros und Todestrieb" das "Bild des Lebens" (Freud 1932). Der Todes- oder Destruktionstrieb, der Erich Fromm zur Analyse der "Nekrophilie" in Naturwissenschaft und Technik geführt hat, wurde vorallem von Wilhelm Reich nicht primär als "Trieb" sondern als Folge sozial bedingter Störung der Triebentwicklung analysiert. Demgemäß ist Machtwirkung sozialpsychologisch an die frühe Störung der psychischen Entwicklung gebunden. "Repression der Genitalität", "anale Fixierung" sind die komplizierten Mechanismen, mit denen wir die "Anpassung" an die autoritär strukturierte Gesellschaft schaffen. Erst dann kann der "Publikcharakter" seine Wirkung entfalten. Die Zusammenhänge sind alles andere als einfach. Während "Genitale" Sexualität, wie Reich meinte, nicht "sublimiert" werden kann, und George Devereux bestätigt diese Auffassung, ist Genitalität gewiß nicht erreicht durch die "Liberalisierung" unserer Sexualität im Regime der Verdinglichung. Ihre "Fetichisierung" entspricht der "Tabuisierung" als gesellschaftliche Form des Widerstands gegen den "totalen" Anspruch der Sexualität im menschlichen Leben.

Totalität. Reich hat erläutert, daß masochistisches Verhalten nicht einfach Lustgewinn aus Leiden bedeutet, sondern Liebesansprüche in Form von Provokation.Die psychanalytische Grundsätzlichkeit der Liebesansprüche, ihre Totalität hat Michael Balint 1935 am "primären Narcismus" in Auseinandersetzung mit Freuds Narcismusdarstellungen entwickelt. Alle Fragen nach dem "Sinn des Lebens" finden theoretisch eine Antwort: während entsprechend der psychischen Konfiguration individuel die verschiedensten Möglichkeiten und Notwendigkeiten ins Auge gefaßt werden müssen, steht außer Zweifel, daß "lebenserhaltend" nur sein kann, was den primären Liebesansprüchen auf die Sprünge hilft und ihre "Deformation" verhindert. Das ist nicht vielmehr als eine Tautologie. Das soziale,ja politische Programm ist identisch mit dem "Sinn", der zum Unsinn werden kann und das "Unbehagen an der Kultur" ist längst mehr als ein Unbehagen. Übrigens ist die soziale Totalität der Liebesansprüche literarisch in der Figur des Don Juan thematisiert und ihre "Verdinglichung" kaum irgendwo radikaler als bei Donatien Alfonse de Sade.

Hier wäre der Punkt, an dem ich der "Entfremdung" das Wort reden kann: Hegel und Feuerbach sahen den ideologischen Zusammenhang in dem sich die religiöse Konstruktion als Überbau verselbständigt darstellt als sei sie die primäre, die uns Menschen leitet: ein Wahn, die Entfremdung vom eigenen Produkt. Marx hat das gesellschaftlich vermittelte Verhältnis zu jeglichem Produkt als Wahn gesehen: entfremdete Arbeit. Eine "Inflation" des Bedeutungsgehaltes in der neueren Literatur spricht nicht nur gegen die "Entfremdung", ich verweise auf Menachem Rosners Arbeit "Alienation, Fetichisme, Anomie" in "Freudomarxisme et sociologie de lalienation" 1974. Dem Vorwurf, das Entfremdung empirisch nicht zu belegen sei kann meine ich mit einem "Corpus" des autobiographischen Materials wirkungsvoll begegnet werden.

Die "Ethnopsychanalyse" hat meines Erachtens neue Beiträge für die Maßstäbe der Erörterung kollektiven Verhaltens und "emanzipativer" Möglichkeiten gebracht. Während frühkindlich die Entwicklung von den Personen der unmittelbaren Umgebung bestimmt ist, kommt in der Pubertät die "Kultur" mit ihrem ganzen symbolischen Potential in der Regel mit vielen Personen zur Wirkung. Mario Erdheim hat eindrucksvoll beschrieben, wie in der Pubertät nocheinmal "alles offen" ist für ein Projet de Societe, eine konkrete Utopie, die primäre Liebesansprüche und gesellschaftliche Reproduktion auf einen Nenner bringen kann, wie entscheidend die gesellschaftliche Repression dann eingreift und wie die "Qualität" eines Gemeinwesens von der Qualität seiner "Jugendkultur(en)" abhängt (Erdheim 1985). Erdheim zeigt wie und warum nationalsozialistisch-faschistische Ideologie sich als "Werkzeug" zur Repression eignet. Während Wilhelm Reich eine sozialpsychologische Komponente, die "emotionale Pest" und das Subalternverhalten in seinen Faschismusanalysen ausmalte und an unser Bewußtsein appellierte (Höre, Kleiner Mann!) verweist uns hier ein gesellschaftlicher "Produktionsmechanismus" auf Pubertätsphasen, eigene und fremde und ihre "symbolische", formgebende,"Gestaltung". Maßstäbe für "Kulturarbeit". William Stern hatte 1919 in Zustimmung zur Revolution und mit gemischten Gefühlen zur jugendbewegten Unbekümmertheit auf den Doppelsinn der Parole "Wer die Jugend hat, hat die Zukunft" hingewiesen: offensichtlich war der "Mißbrauch" im Kaiserreich und vorallem im Krieg gewesen, dann,1933 kam es schlimmer und wozu schweigen wir, schweige ich heute?

Kurz, Psychoanalyse scheint mir eben deshalb ein Stück "passende" Theorie abzugeben, weil der Primat der Sexualität nichts anderes ist als der Primat unserer sozialen Bestimmtheit. Letzterer scheint mir ebenso kontrovers und so überzeugend wie ich mich selbst empfinde. Es ist oft genug festgestellt worden, daß die Psychoanalyse eine am Rationalitätsbegriff der Naturwissenschaften orientierte Modellkonstruktion ist (Freud hat das so gesehen, und Wilhelm Reich auch) und umgekehrt sah Sandor Ferenci im Physiker Ernst Mach (Kulturgeschichte der Mechanik) einen Adepten psychanalytischer Methodik willentlich oder wider Willen, was Mario Erdheim verneint, weil der Physiker die methodische Priorität eben doch umkehrt: er funktionalisiert die Selbsterfahrung für die "Objekterkenntnis", während psychoanalytisch die "Objektwahl" im Hinblick auf "Selbsterkenntnis" mit oben erläutertem Totalitätsbezug in Frage gestellt wird. Es scheint mir die Differenz zur Naturwissenschaft auch darin zu liegen, daß sich deutlich sagen läßt, wo im Hinblick auf die gesellschaftlichen Zustände und Folgen das "Unbewußte" als Faktor der sozialen Reproduktion quasi mathematisch zu Buch schlägt und wo andererseits jedem die Notwendigkeit entsteht, die facon de parler mit ganz eigener Narrativität auszugestalten, oder wo der "Phantasie", dem Denken und Tun keine Grenzen gesetzt sind.

 

Das bürgerliche Abenteuer

Auch Autobiographie hat ihre Formen, die nicht vom Himmel fallen. Literaturwissenschaftler finden, daß in Dantes "Vita nuova" vielleicht zum erstenmal die "Ikone" mittelalterlicher Stilisierung verlassen wird und ein Stück irdischer Liebesbeziehung (zu Beatrice der "unerreichbaren" Patrizierin) textualisiert wird. Geschrieben vor 1300, publiziert 1576, "La gloriosa donna della mia mente" ein erster Gegenstand der "Tatsachenliteratur"?(vgl.Jerome Mazzaro in Fletcher76). Ganz gewiß ist Girolamo Cardanos "De vita propria liber" von 1575 (Jena 1914) "neue Gattung":"wissenschaftliches Lebensbild"? (Moritz Cantor 1909). Lessing hielt den Renaissance-Arzt und Forscher für eine seiner "Rettungen" wert. Cardano nennt als Vorbilder Marc Aurels des römischen Kaisers griechisch geschriebene stoische Selbstbetrachtungen (geschr. vor 180, Zürich, Xylander,1558),ferner einen Verwandten, den der Tod über dem Schreiben ereilte, einen Juden, der die gleiche Idee unkritisch ausgeführt habe (Flavius Josephus,"iosepon bios"?) und - zur Sicherheit? - Galen den römischen Arzt der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts. Kein Wort im dergestalt manirierten Prolog zu Augustins Bekenntnissen von 420 und der ausgiebigen Nachfolgeliteratur. Nach der cäsarischen (ich Cäsar schreibe Geschichte) und der devoten eine ausdrücklich andere Form der Selbstbetrachtung:"nur eine Geschichte, kunstlos, niemanden zu belehren,Nacherzählung meines Lebens, keine tumultarischen Begebenheiten". In der Folgezeit offenbar ein Skandal. Semiotisierung/Desemiotisierung. Seit dem 19ten Jahrhundert wird zu

Recht und zu Unrecht dies Buch in die Tradition "der" Wissenschaft gestellt.Kaum jemand kennt es, das "Kardangelenk" macht den Autor heutzutage populär. Der Züricher Physiker Markus Fierz schrieb neuerdings seine Biographie.

Welche "Funktion" hatte das Buch. Nach Paul Zweig ist Odysseus, von Gilgamesh (der erst im 19ten Jahrhundert entdeckt wurde) abgesehen der frühste "Narrator", der - Schamanenreise - bis ans Ende der Welt und darüber hinaus zu den Toten ging, um "Geschichten" zu erzählen (Zweig74). Das ist vom Zuhörer, vom Leser gesehen, wer immer da in Frage kommt, der Anspruch: "Unterhaltung" sagen wir heute: unterhalten wird die Bewegung der Vorstellungen Gedanken und Gefühle. Das ist die Funktion der "Texte". Das ist die Funktion der Mythen in der schriftlosen Kultur. "Adventure", "Abenteuer" ist nach Zweig in passenster Formulierung das was unterhält. Was dabei alles "transportiert" und "conditioniert" wird und werden soll, erhellt, wenn die "Helden" von Homer bis Musil zuerst und fast ausschließlich Männer sind.

Abenteuer, das ist action. Bis in der Moderne die stille Handlung zum Abenteuer wird. Abenteuer, das ist immer noch das sich behaupten, Feind der Tod. Der Girolamo Cardano des Buches scheint sich als Gelehrter, mit Scharfsinn und Pedanterie zu behaupten, mit Psychologie und den Alltäglichkeiten eines wohlsituierten Zeitgenossen im Handelskapitalismus. Die Leser? Die kosmopolitisch-gelehrten Humanisten, die zahlreich von ihm genannten "Kollegen"? Cardano kannte sein Publikum "persönlich". Der Genosse einer Zeit die "Riesen brauchte und Riesen schuf" (Friedrich Engels)?

Die Don Quijote, Simplizissimus, Gulliver, Tom Jones, Robinson Crusoe, Candide und Jacques le Fataliste bestehen ihre Abenteuer in verschiedensten Welten und für die passenden Leser ihrer und anderer Zeiten. Da ist eine Frau, die Princesse de Cleve, die ihre Tugend in der französischen Hofgesellschaft behauptet: die Schlüsselgeschichte zur "Sexualpolitik" im ancien regime. Hundert Jahre danach "Casanovas Memoires sur lui-meme" und das Abenteuer der "Transgression",poetes maudites und gothic novels. Bau der Gefängnisse und Irrenhäuser. Das im 18ten Jhdt entstandendene und ständig wachsende lesende Publikum unterhalten schließlich die Confessions Rousseaus, Goethes Dichtung und Wahrheit und mit Benjamin Franklins Autobiography ein "Naturwissenschaftler","founding father" der USA, Konstrukteur von Blitzschutzanlagen und ein Pfeiler des nonconformist bürgerlichen Establishment wie Priestley, Erasmus Darwin, Wedgewood, Boulton. Der alte Jean Jacques schrieb die Bekenntnisse in den Jahren der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Human Rights Präambel in deren Vorgeschichte Franklin seit über zwanzig Jahren stand. Zu der Zeit war der junge Goethe dabei, den sentimentalen "Erfolg" seines Werthers umzumünzen und sich an Justus Möser zum würdigen Amtsinhaber zu bilden, was ihn sehr von Rousseau trennt und von Franklin weniger unterscheiden würde, wenn weltpolitische "Opposition" und Weimarische Untertänigkeit nicht unvereinbar wären. Franklin liefert - mit Verspätung, die seine royalistische Nachkommenschaft verschuldete - das Brevier zur Lebensführung im Geist der "Wealth of Nations", Adam Smith hielt große Stücke auf den Amerikaner. Goethe der unglückliche Naturforscher, schrieb "Mein Leben" nach der Arbeit an der Farbenlehre, 1811-15 unter dem bezeichnenden Motto "Der Mensch, der nicht gezüchtigt wird, wird nicht erzogen". Er blieb über die grande revolution hinweg "auf tiefste vom Hofe beeinflußt" (Bruford 1936). Die Sensibilität an der ihm soviel lag, ist nur noch das Pendant autoritärer Unfreiheit, noch bei dem pietistisch-quietistisch fühlenden Arzt und Autobiographen Jung-Stilling aus dem Siegerland, den er kannte und dessen Autobiographie ihn beeindruckt hatte, ist Sensibilität zumindest tröstlich-widerständig.

Ihr Vater schrieb "Things as they are, ore the Adventures of Caleb Williams" (1794), das Abenteuer des "unauffälligen, häuslichen Despotimus", ihre Mutter war die Urheberin der "Rights of women" und Mary Wolstonecraft-Shelley brachte mit "Frankenstein" den Helden der Abenteuer Wissenschaft und Technik zur Welt. Abenteuer-Ungeheuer. Das vorläufige Ergebnis einer kollektiven Auseinandersetzung dAvantgarde mit der Industrialisierung. "Ich, Frankenstein" ist bisher keinem Techniker oder Naturwissenschaftler eingefallen?

Sehr "Autobiographisch" getönt sind auch Johann Wilhelm Ritters "Fragmente aus dem Nachlaß eines jungen Physikers", 1809, ein Jahr vor seinem Tod geschrieben. Er ist Ritter, wir sind Knappen soll Bettina Arnim von ihm gesagt haben. Die Umgebung aus der die Aphorismen, "Nachtgedanken", wissenschaftlichen, wissenschaftsorganisatorischen, biographischen Texte entstanden, ist unverkennbar die des "Jenaer Kreises" von 1800. So kurzlebig diese "Wohngemeinschaft" war, so intensiv war ihre Arbeit am Entwurf "moderner" Lebensform. In Briefen und Fragmenten wurde versucht zu verarbeiten, was die Zeiten aufgaben. Caroline, die Göttinger Gelehrtentochter, hatte im revolutionären Mainz mit Georg Forster gelebt, Dorothea lebte die "Assimiliation" die ihr Vater in Berlin vertreten hatte, die hannoveranischen Pastorensöhne Schlegel waren die Philologen und Literaten, Hardenberg-Novalis, Neffe des preussischen Ministers, war der Bergingenieur und Ritter war Apotheker und Naturforscher. Mit Schelling kam einer aus dem Tübinger Kreis (Hölderlin,Hegel, Sinclair) und an der Universität hatte Schiller gelehrt und lehrte Fichte. Für Einfluß war im Rahmen des möglichen gesorgt. Hier in Sachsen hatte man nicht in dem Maß wie die englischen "Romantiker" der "Lake District" Gruppe die Industrialisierung im Blick (zeitgenössisch J.Beckmanns "Beiträge zur Geschichte der Erfindungen"1783-1788), und in dem Versuch mit naturphilosophischem Ansatz sich ein Stück Kultur und Gesellschaft zurecht zu legen, wird die "Natur" überhöht und die Technik verdrängt. Die später in München geschriebenen Fragmente des Entdeckers ultravioletter Strahlen und Konstrukteurs von Akkumulatoren sind der Versuch den Augen der Kulturwelt auch die "geheimere Werkstätte des Physikers" zu öffnen in der Tradition der Enzyklopädie und der Naturgeschichtler,wie vorher Markus Herz und Lichtenberg aber mit dem Kunstgriff einer besonderen Aura des lebendigen, des Zwiegesprächs mit der Objektwelt, "als schreibe man für gar niemand, nichteinmal für sich selber, sondern eben für den Gegenstand selbst". Das Abenteuer einer Sensibilität für die Subjekt-Objekt Beziehung. Von hier geht über Gustav Theodor Fechner ("Nana oder das Seelenleben der Pflanzen") eine Anregung zu Freud. Im Trend liegt dagegen das Ausmalen, das beschreiben, das "immobilisieren", die Verdrängung aller Ängste vor dem "Zurückschlagen" auf die menschliche Verständigung."De monstris epistolae".Von Buffon Über Alexander Humboldts "Kosmos" zu den Artikeln und Monographien der professionalisierten Fachwelten. Die "Entmündigung der Gegenstände".

Wer las Ritter? Die jungen Mendelsohns und Magnus, die Neffen und Nichten Dorotheas, Berliner Kulturbürger, selbstbewußte Musiker, Maler, Kaufleute und Gelehrte wandern 1827 im Harz, spielen mit Kieseln im Bach "und das alles drückten wir in Ritterschen Phrasen aus" schreibt Felix Mendelsohn nach Hause. Irgendwo zwischen "Familie" und der schmalen Schicht literarisch interessierter Leser lag (und liegt) sein Publikum.

Die arbeitenden "Massen" der Industriegesellschaft diskreditieren die Staffage im privaten Denken und Fühlen befangener Autobiographie. Parallel zur Industrialisierung die Semiotisierung der Materialien, facts, facts, facts, Meyers Conversationslexikon (zuständig für Technik und Naturwissenschaft), Rankes Geschichte, Brehms Tierleben, Ratzels Völkerkunde. Das passiert im 19ten Jahrhundert. 1830 siegt die technokratische Komponente des Saint Simonismus, wenn auch nicht in Deutschland, 1848 verlieren hier die Kulturbürger gegen einen "Bismarckismus" der den Gesellschaftsentwurf bis heute darin prägt daß "naturrechtliches" Denken neben dem pragmatischen und autoritären,ja dem "Recht des Stärkeren" im Rechtsgefühl kaum ankommt.

Es gab Abenteurer des Untergangs, Don Quijote, Lermontovs "Geroi nasheva vremeni",("Ein Held unserer Zeit"). Das "bürgerliche Individuum" hatte sich kaum den großen Sieg erstritten, da schafft es sich mit dem "Fortschritt" und der "Leistung" bereits wieder ab. Was am Ziel des Citoyen gemessen, menschlicher Fortschritt und Leistung sein konnte, Eigentum, verliert mit der Unaufhaltsamkeit der technischen Entwicklung - Frankenstein - den Sinn in der Industriegesellschaft. In der nunmehr "offenen" Gesellschaft der unbegrenzten Möglichkeiten wird unbesehen zur Leistung erhoben, was in großem oder kleinem Stil mit Hilfe der Maschinen erworben wird: als ob das nicht ausnahmslos auf Kosten anderer Menschen ginge, wie vordem die "Landnahmen".

 

Gespenst Privateigentum

Spätestens nach Darwins Erscheinen hätte den sich selbstdarstellenden "Erfolgreichen" der Titel "Mein Kampf" einfallen können. Sie übersehen den Aspekt geflissentlich. Am einfachsten, man begreift sich als Teil der Maschinenwelt - Abenteuer der Erfindungen - redet von sich als Fortschrittsengel, aber nicht von der Realmacht des Geldes, so Werner Siemens, und bestimmt unübersehbar ein Vermögen zweckgebunden der "Allgemeinheit" - hier dem Staat - , die man sich - Marcel Mauss: "Die Gabe" - damit kauft.

"Eigentum verpflichtet": "...ist auf dieser Grundlage die Physikalisch-Technische Reichsanstalt in Charlottenburg erwachsen, die unter der Leitung des ersten Physikers unserer Zeit, des Geheimrats von Helmholtz, jetzt eine deutsche Heimstätte für die wissenschaftliche Forschung bildet" (geschrieben 1889). - "Nicht zuletzt genieße man das Abenteuerliche, ich möchte fast sagen, Kindliche, von dem dies Buch Zeugnis gibt" kommentiert Eugen Diesel 1943 die Reklamausgabe.

Charakteristische Episode: Siemens unterzeichnet mit anderen im Vormärz ein antiklerikales Manifest und hört vom vorgesetzten General, "daß jeder Mann, und namentlich jeder Offizier, stets offen seine Meinung sagen soll, Sie haben aber nicht bedacht, daß offen und öffentlich himmelweit verschiedene Dinge sind". Man kann der Darstellung entnehmen, wie ihm, Siemens die preussische Offenheit einleuchtete.

Andrew Carnegie, zwanzig Jahre jünger als Siemens schrieb 1914 die Abenteuer des jugendlichen schottischen Einwanderers der in Kriegen und Kämpfen mit Kapital und Arbeit zum Stahlkönig wird (Autobiography of Andrew Carnegie):"Wenn ich morgen meine geschäftliche Tätigkeit wieder aufnehmen sollte, so würde ich keine Furcht vor Arbeiteraufständen haben; nur liebevolle Fürsorglichkeit für die armen, oftmals nur irregeleiteten und doch im Grund gutartigen Arbeiter würde meine Seele erfüllen und milde stimmen; und dadurch würden auch sie milde gestimmt werden." Ein Besuch 1907 in Berlin überzeugt: "Wilhelm II ist nicht nur Kaiser, sonderen etwas weit Grösseres - ein Mann der unablässig bestrebt ist, die bestehenden Verhältnisse zu verbessern, unermüdlich in seinem Bestreben, zur Mäßigkeit anzuhalten und das Duell zu unterdrücken und, wie ich glaube, den Weltfrieden zu sichern." Hohenzollern hatte die Rektoratsrede Carnegies in St. Andrews gelesen und ihm eine Konfirmationsrede an seinen Sohn zukommen lassen.

Carnegies Text verwendet als Stilmittel ausgiebig Dialoge. Oft so frappant falscher "Commonsense" wie in Frederick Winslow Taylors berühmten "Principles": "Sind Sie eine erste Kraft?..." Übrigens: Auch Henry Ford, "My Life and Work" erschien in dieser Zeit: "...vitiated by the cant that is so often associated with an Americans good intentions, particularly when he must justify his arbitrary financial power"(Lewis Mumford)

So präsentierten sich die Ungeheuer. In hohen Auflagen, in Schulen und Bibliotheken: Namen, die jeder kennt, heute noch. Sie könnten sich ihre Publikum kaufen was sich aber erübrigt, es zeigt sich einmal mehr, daß der Teufel immer auf den größten Haufen sch...

 

Lehrerinnen und Revolutionäre

- "Wird man ewig Gespenster machen um sich mit ihnen herumschlagen zu können" steht als Motto über der Autobiographie (1905:"Souvenirs et aventures de ma vie") von Louise Michel, die als junge Lehrerin 1856 nach Paris kam und nach der Commune in den Gefängnissen und im Londoner Exil schrieb und zuhörte und redete bis sie 1905 gestorben ist. Die Commune "das war mit einem Wort, die Forderung der Menschenrechte, das war das Volk als Herr über seine Zukunft, das war das Recht auf ein Leben in Arbeit, das war das Tyrannenzepter zerschlagen unter dem Hammer des Arbeiters". Viele Begegnungen, Dialoge, Proteste, Aktionen,viel Leid, zerstörte Hoffnung, Mißerfolg.

1840 trafen sich in Moskau die Hegelleser:"...dachte noch niemand unter den jungen Leuten, die sich bei Ogarjow versammelten, daran, sich im Namen des Geistes gegen den Buchstaben und im Namen des Lebens gegen die Abstraktion aufzulehnen" schrieb Alexander Herzen später (in den 60ern) in "Byloe i dumoe" (Erlebtes und Gedachtes),"Der philosophische Satz, der am meisten Schaden anrichtete und auf den die deutschen Konservativen den Bund zwischen der Philosophie und der politischen Struktur Deutschlands zu gründen suchten, war der berühmte Ausspruch aus der "Philosophie des Rechts":"Was wirklich ist, das ist vernünftig"..." Herzen erzählt in seiner Autobiographie den Hintergrund, vor dem seine "Briefe über das Studium der Natur" 1843-45 entstanden und in den Petersburger "Otetschestwennije Sapiski"erschienen. Das Bild das ich mir von den Adressaten mache, ist das der "Militäringenieure" dieser Zeit, der Siemens-"Kameraden":"Die Naturforscher wollen um keinen Preis die Beziehung des Wissens zum Gegenstand, des Denkens zum Sein, des Menschen zur Natur untersuchen, sie verstehen unter Denken die Fähigkeit, die gegebene Erscheinung auseinanderzulegen und dann das Gefundene und für sie Gegebene zu vergleichen, zusammenzubringen und einzuordnen;...Sie möchten sich ihrem Gegenstand gegenüber völlig empirisch,passiv, rein beobachtend verhalten; es versteht sich von selbst, daß das für ein denkendes Wesen ebenso unmöglich ist, wie daß ein Organismus Speise aufnimmt ohne sie zu verdauen. Ihr scheinbarer Empirismus führt trotz allem zum Denken, aber zu einem Denken, dessen Methode willkürlich und persönlich ist."(Vgl.Rugard Otto Gropp in: Festschrift Ernst Bloch 1955)

Diese Kritik trifft noch lange zu und das Gegenteil von willkürlich und persönlich ist sicher nicht dogmatisch und unpersönlich. Ein Programm, das sich auf Ritter und Fechner berufen könnte, könnte sich zur Korrektur der "quietistischen Momente" in deren Texten praktischerweise auf Herzen berufen, der als "Westler" in der Auseinandersetzung mit seinen "slawophilen Freund-Feinden" passende Argumente ausdachte. "Subjektive Wissenschaft und Technik".

Ingenieure haben in Frankreich jedermann seit Napoleon I sichtbar als "Polytechniciens", Absolventen der "X", einflußreiche Funktionen und in England ist schon im "Klassenkompromiss" der "langen Revolution" ein gesellschaftliches Prestige für sie angelegt (Isaac Newton als Repräsentant). Nicht so in Ländern der Heiligen Allianz. Ein klerikales Semiotisierungsprogramm bewirkt, daß man hier mit Berufsverboten und politischer wie kultureller Entmündigung in die Industrialisierung geht. Die Politik ändert sich angesichts der Realmacht technisch-wissenschaftlicher Intelligenz, Eisenbahn und Bergbau, Telegraf, Düngemittel, Photographie, Farben, Pharmaka und Sprengstoff, Stahl- und Betonbau, Elektrifizierung, Benzin- und Dieselmotor, Automobil und Traktor, Grammophon, Film und Luftfahrt, Gewehre,Panzer, Kanonen und Flotte bedeuten Kapital und Arbeit, bedeuten technisch-wissenschaftliche Intelligenz samt Ausbildungsinstitutionen, Vereinen und Lobby. Nicht daß es sie gibt, sondern wie es sie gibt, in welchen Organisationsformen und mit welcher "Mentalität" ist entscheidend. Der Ingenieur in Ibsens Schauspiel ist unbestechlicher Held des sozialen Fortschritts. So auch in Jules Vernes "Science Fiction". Beim Fabianer H.G. Wells ist die Gestalt ambivalent und in Bernhard Kellermanns "Der Tunnel" von 1913 oder in des österreichischen Sozialisten Rudolf Brunngrabers "Radium" erst recht.

 

Der technokratische Traum

Dream of technocracy und nationalsozialistischer Alptraum. Adolf Loos Programm: "Weg von den Blumen": funktionalistische Architektur, "Abschied von der Geschichte", Behrends Turbinenfabrik, die Diskussionen im "Werkbund" bringen ein neues Semiotisierungsprogramm zum Ausdruck, ein "technokratisches". Die sozialistischen Utopien, die Alexander Bogdanov angeregt durch H.G.Wells und als bekannter Parteitheoretiker nach der Revolution von 1905 schrieb, "Roter Stern", "Ingenieur Menni", können meines Erachtens hier genannt werden. In den USA formiert sich ab etwa 1910 eine Öffentlichkeit der technischen Intelligenz - Frederik Taylor spielt eine bedeutende Rolle - gegen die Verschwendung der Profitorientierten Wirtschaft. Wiliam E.Akin sieht "The Technocrat Movement 1900-1941" motiviert durch den "American Dream" (nationaler Identität): die ab Ende des 19ten Jahrhunderts rasant wachsenden Mittelschichten technischer Intelligenz professionalisieren sich und kämpfen um Existenz und Prestige."Almost as soon as American internal improvements became extensive enough to give the civil engineer much employment, the engineer became an organisation man, a respectable member of a bureaucracy" zitiert Akin. "Social engineering" - Sozialtechnik sagte man jetzt. Der "Experte" als unabhängiger Organisator: Taylor widerspricht entschieden der Unterordnung der technischen unter die kaufmännische Betriebsführung. Als "Priests of Material Progress" sieht man sich in Ingenieurskreisen und an der "Verantwortung" trägt man schwer.

Europäische Ingenieure hatten die Gesellschaftsorganisation als technische Aufgabe gesehen: Joseph Popper-Lynkeus,"Die Nährarmee". Die Notwendigkeiten der Kriegswirtschaft geben neuen Anstoß zu technokratischen Überlegungen. In Rußland waren maßgebliche Naturwissenschaftler (Vernadsky, Fersmann) in der KEPS, der Energie und Resourcen Komission Experten der zaristischen Regierung und nicht minder der Revolutionsregierungen. Auch für Otto Neurath, Mitglied der österreichischen Revolutionsregierung von 1919 stellt die Kriegswirtschaft die Möglichkeiten wirtschaftlicher Planung unter Beweis. Was wäre geworden, wenn die deutsche "Sozialisierungskomission" der Novemberrevolution sich technokratisch hätte legitimieren können? 1916 gründen etwa 50 amerikanische Techniker die Gruppe "The New Machine","determined to harmonize industry and society. They held the adamant belief that uncontrolled business leadership had failed" (Akin). Expertenlogik und Abkehr von der politischen Führung. Die neugründete Föderation amerikanischer Ingenieursvereine rief bald darauf - die New Machine war nur kurzlebig - ein Komittee gegen Abfallvergeudung ins Leben, hier wurde Herbert Hoover der "engineers engineer" (Akin): man stellt enorme Vergeudung in sechs Industriezweigen unter Beweis und zieht daraus nicht den Schluß einer irrationalen "Verselbständigung" der Maschinenwelt, sondern, selbstbewußt und konservativ hält man die Geschäftsführung und die politische für disqualifiziert. Man unterschätzt das Problem und hängt - american individualism - an konservativem Mannes(hoch)mut, der die Dinge in den Griff kriegen will. Das Denken wird unterstützt von Thorstein Veblens (instinkt-)theoretischer Gegenüberstellung von Geschäftsgeist und Produktionsrationalität, von "leisure class" und "workmanship". "Archetypen". Veblen sah organisierte Arbeit (Gewerkschaften) befangen in "vested interests" wie die Kapitalseite. er war zwar nicht optimistisch in Bezug auf die Revolte der Techniker aber versuchte, als er 1919 an der New School of Social Research unterrichtete seine Revolution in Gang zu setzen. Ein Seminar von Guido Marx:"Conferences on the Social Function of Engineers" im Winter 1919/20 war ein Flop. Veblens Resultat: "By settled habit the technicians, engineers and industrial experts, are a harmless and docile sort."

Als Hoover 1928 Präsident wird,ist dieser Konservative "erste Techniker im Weissen Haus" das Symbol für den Kompromiß der potentiellen Revolutionäre mit dem "ancien Regime", besser gesagt für deren Integration. In den Zusammenhang technokratischer Semiotisierung kann ich Boccioni,Filippo, Tomasi Marinetti, die "Futurologischen Manifeste" (ab 1909) stellen, besonders weil "Funktionalismus" und hymmnische Weihe hier offenbar zusammenkommen. Prosopographische Anmerkung: ein Foto aus Rom, Winter 1916/17 zeigt Marinetti mit Natalia Gontscharowa, Michail Larionov und Pablo Picasso (Flint 1971), Marinetti in Uniform. In der jungen Sowjetunion spielt der Futurismus im Semiotisierungsprozess, in der Symbolik der "neuen Kultur" eine prominente Rolle (Majakowski) Anders als im Westen wird hier die Avantgarde-Diskussion als kulturpolitisch maßgebliche geführt (Lunatscharski) und die Protagonisten können vor dem Hintergrund größter Not aber auch eingedenk marxistischer Wissenschaft nicht ganz so sorglos das technische Zeitalter verkünden. Das Subjekt-Objekt-Verhältnis ist die "Klippe" die nur mit Mühe und erst mit dem "Stalinismus" umschifft wird.

"Die Debatte um den neuen Typ Dichterbiographie und ihre praktischen Folgerungen wurden an der Wende der 20er zu den 30er Jahren zum Hauptentscheidungsfeld für alle Konzeptions-, Erbe- und Poetikkämpfe in der sowjetischen Lyrik" schreibt Fritz Mierau 1972: Produktionsnähe der Poeten? Mierau weist auf einen Briefwechsel des Dichters Sabolozki mit dem "Raumfahrttheoretiker" Ziolkowski hin, der mit Engels sagen kann, daß die "lenkenden Eingriffe in die Natur" schließlich zur Aufhebung des historischen (christlich-antiken) Gegensatzes zwischen Mensch und Natur, zwischen Geist und Leib usw. führen. Ökologie, aber welche?

Mierau sagt, für die sebstbewußten Poeten sei die Schwierigkeit gewesen, die "Hülle des Exotischen", Industrieumgebung oder Natur, zu durchstoßen, um die geschichtemachenden Menschen zu Wort kommen zu lassen. Wie nirgendwo sonst hat in der Sowjetischen Literatur das "Abenteuer" der technischen Intelligenz seine Helden gefunden (Danil Granin, Galina Nikolaewa), aber auch nach Alexander Solschenitzins autobiographischem Buch sind die Schattenseiten, Terror, Leiden und vielfaches Scheitern in Selbstdarstellungen kaum oder nur wie Alexander Weissberg-Cybulskis Bericht im antikommunistischen Propagandazusammenhang mitgeteilt.

Technocracy erreicht den Höhepunkt ihres Einflusses in den USA nach der Krise in den Jahren 1932/34. Pierre Francastel hat die Ambivalenz technokratischer Semiotisierung deutlich zum Ausdruck gebracht, wenn er von Le Corbusier sagt, er sei 20 Jahre vor Petain ein Mann der Ordnung, ein Architekt der Autorität gewesen, bei aller Würde in den Zeiten, in denen die Anhänger einer "Neuen Ordnung" das Land besetzten. Architekten der Ordnung.

Als entgegengesetzte Polarität trat der ingenieurmäßig "mechanizistischen" vielfach eine "organizistische, der "analytischen" eine "ganzheitliche" Ideologie und Semiotisierung gegenüber. Frank Loyd Wright war der "Organizist" unter den Architekten. Der "Monismus" , zeittypische Mittelstandsideologie (Ostwald,Wille) ließ sich organizistisch inspirieren, der "Vitalismus" in der Biologie (Hans Driesch, Ludwig Bertalanffy) ist, besonders in der "weltanschaulichen" Ausgestaltung (General Smuts, Adolf Meyer-Abich (Autobiography:"Atlantische Existenz")) organizistisch-ganzheitlich. Das neue "Urban planning", die "Urbanisten" (Patrick Geddes, die "Gartenstadt", die Gruppe des "American Comittee for urban planning": Stuart Chase, Lewis Mumford) war offen für organizistische Impulse. Organizistische Legitimationsideologie vermischt sich mit "ökologischer" (Möbius, Tienemann) vom "Biotop" bis zur "Biosphäre"(Vernadsky), andererseits nähert sich die "Systemtheorie" (Bertalanffy gilt als "Vater") der mechanizistischen Synthese und in der ganzheitlichen "Gestalt" der Würzburger Psychologen und Psychophysiker (Bühler, Köhler,Koffka) erkenne ich nichts organizistisches.

Technokratie impliziert im Ansatz die Auseinandersetzung mit dem Einsatz der Maschinen, der Technik und Wissenschaft: Effizienz, Zweckmäßigkeit, Funktionalität sind keine Kriterien ansich, sondern in Bezug auf Ziele. Der "reactonary modernism" in Amerika, den Hoover verkörperte, brach mit dem Dogma des "Individualismus" der Diskussion um Ziele die Spitze. In der Sowjetunion bedurfte es zum gleichen Zweck eines semiotischen Kraftaktes , "Personenkult". Faschismus und Nationalsozialismus konnte an einem Infragestellen der wissenschaftlich-technischen Entwicklung (und unternehmerischer Profite) nicht gelegen sein, "Liberalismus" galt als feindliche Ideologie, war defacto keine ausreichende Gegenkraft gegen vorhandene und passende korporatistische Formen, "Technokratische Transparenz" war mit den erklärten und nichterklärten Zielen des Regimes nicht vereinbar, Versuche, eine völkisch-ideologische Bestimmung von Wissenschaft und Technik (Lenard,Krieck) öffentlich zu diskutieren, mußten scheitern. Zur Verschleierung der Funktionalität wurde nach Kräften hier verniedlicht, dort überhöht. Gänzlich inadaequat blieben auch die Texte der "Altmeister" unserer Technikgeschichtsschreibung, Conrad Matschoß, Franz Maria Feldhaus (und Wissenschaftsgeschichtsschreibung von Hans Schimanck, Adolf Meyer-Abich bis Armin Herrmann, Andreas Kleinert hat daraus kaum die Konsequenz gezogen). Technikkritik von vor 1933(Alfred Böttcher,"Das Scheinglück der Technik" 1932, auch Arthur Mendt, "Die Technik in der Krise unserer Zeit" 1933) wurde nicht fortgesetzt. Eugen Diesel schreibt 1939 "Dem VDI" in: "Das Phänomen der Technik": "Die Technik stellt Totalitätsansprüche gewisser Art an die Menschen der ganzen Erde. Daher steht nicht das soziale oder wirtschaftliche oder seelische Problem im Vordergrund, sondern, alles überschattend, das politische. Daß hierbei der Gedanke des Totalen, des Totalitären in den Vordergrund rückt, ist zu verstehen. Denn die Verwandlung ist total. Und die Auffangvorrichtungen gegen die Krise nehmen totalen Charakter an." Gleich darauf relativiert der Autor im Schlußsatz:"Aber die Betrachtung solcher Dinge gehört nicht mehr in dieses Buch, welches das Phänomen der Technik, nicht die Zukunft der Menschheit zum Gegenstand hat."

"1928,als die Welle der Arbeitslosigkeit um den Erdball brandete und auch Amerika überspülte,schwang sich Howard Scott (Veblen-Freund und technokratischer Theoretiker vgl. Akin. K.S.), ein arbeitsloser Ingenieur, aus der Flut auf und schrie den Amerikanern zu, daß sie alle untergehen müßten, wenn sie sich nicht entschließen würden, mit den alten Vorstellungen zu brechen...Seine Behauptung, daß man die vorhandene Kraft, Wasserfälle, Turbinen und Motoren, Kohlen und Dampfmaschinen, Erze und Chemikalien, genau errechnen und zum wahren Volksvermögen erklären könne, daß man nicht mehr gut mit Gold, sondern nur mit Kraft bezahlen könne, ist nicht lächerlicher als tausend andere Behauptungen. Über tausend andere Vorschläge aber erhebt sich der des arbeitslosen Ingenieurs durch seinen Wirklichkeitssinn..." (Walter Kiaulehn, "Die eisernen Engel" 1935) - Kiaulehn schmiedet den Umständen entsprechend "volkstümliche" Legenden in seiner "Geschichte der Maschinen von der Antike bis zur Goethezeit". Rücksichtslos reproduziert und modelliert Hans Domnik in Bestsellern den ideologischen Konsum und die Unterhaltung von Massen mit gespaltenem Bewußtsein für "Wirklichkeit", für wissenschaftlich-technische und politische Wirklichkeit.

Zeitgenossen aller Schichten in sozialer Not und Kriegszeiten sind nicht nur den Muckrackers (Mistwühlern) - Roosevelts Bezeichnung für Steffen Lincoln, John Updike und Freunde - die Impulsgeber ihrer literarischen Auseinandersetzung mit "Wirklichkeiten", auf die verschiedenste Weise kommen diese Zeitgenossen in den Texten von Brentano, Bredel, Döblin, Feuchtwanger, Gläser, Jung, Mann, Remarque, Sack, Schnitzler, Seidel, Weißmantel, um ein paar deutschsprachige Autoren zu nennen, zu prosaischer Wirklichkeit. Unterhaltung? "Dokumentarische Fiktion"? Ein Stück Historiographie? Hermann Broch hat die erlebten "Schlafwandler" vom Kaiserreich bis ins Dritte Reich literarisch fixiert. Robert Musil stellt im "Mann ohne Eigenschaften" einen "Typus" technisch-wissenschaftlicher Intelligenz zur Diskussion, der offenbar zu nichts berufen, daher eigenschaftslos, als ganz und gar nicht "emotionsloser" "Intellektueller" mit den Schlafwandlerinnen und Schlafwandlern umgeht, der Text blieb unabgeschlossen.

 

Ende der Autobiographie

Die Schwierigkeiten mit der Autobiographie bringt Rene Schickele 1932 so zum Ausdruck: "Es werden dauernd selbstbiographische Notizen von mir verlangt. Mein Leben, wie es sich datieren läßt, war nicht mein Leben, sondern das eines mir unsympathischen Menschen, mit dem ich in der Kindheit und vielleicht noch in der ersten Jugend befreundet war. Versuche ich aber, das was mir als die Wirklichkeit meines Lebens erscheint, darzustellen, wird es ein Märchen, dessen Gerüst, nämlich die genaueren Daten, das einzig Unwahrscheinliche daran ist..."

Gertrude Steins "Autobiography of Alice B. Toklas" ist eine Selbstdarstellung und ist keine. 1968 schreibt Vaclav Havel "Muj zivotopis"(Meine Autobiographie): Nichts als eine Spalte der Jahreszahlen von 1936 bis 1964 (Manuskripte 12/64).

Die Diltey-Schule hatte das autobiographische Denken als Weg zur individuellen Emanzipation geschätzt:"In der Selbstreflexion emanzipiert sich nämlich das verstehenwollende Individuum vom historischen Zeitablauf als solchem und entwirft damit eine individuelle Interessehaltung gegenüber der Geschichte. Solche Interessehaltung hat autobiographische Züge." (Otto 1973) Vor welchem Horizont wird so philosophiert? Was heißt Selbstreflexion? Ich schreibe meine Version der Geschichte? Warum wäre das für die meisten von uns weniger Solipsismus als Emanzipation? Etwas anderes die autobiographische Darstellung von John Percival 1840 "A Narrative of the Treatment Experienced by a Gentleman during a State of Mental Derangement, Designed to Explain the Causes and the Nature of Insanity, and to Expose the Injudicious Conduct Pursued Towards Many Unfortunate Sufferers under that Calamity"(neu herausgegeben von Gregory Bateson). Ähnlich Paul Schrebers "Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken" von 1903 (Rezeption von Freuds "Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia" 1911 bis Jacques Lacans "Presentation des Memoires dun nevropathe" 1966 und darüber hinaus). So wichtig dem Individuum ist, sich vom historischen Zeitablauf "als solchem" abzuheben, so wenig liegt darin die Emanzipation. Die "existentialistische" Literatur - ich denke hier sowohl an Texte von Jean Genet, Antonin Artaud, als an solche der "Beatniks" - scheint mir hinreichend zu klären, daß es die "Selbstemanzipation" nicht gibt, daß die Selbstreflexion mehr oder weniger unmittelbar darauf hinausläuft, Emanzipation gesellschaftlich einzuklagen. Abschied von der Autobiographie. Notwendigkeit der "temoignages", der Zeugenaussagen, der Leidensberichte, der "authentischen" Anklage.

Den mehr als nur vorübergehenden Schwierigkeiten mit der Autobiographie und einer soziologischen Sensibilität entsprach auf der anderen Seite das Festhalten an bereits verlorenem, die Proklamation alter Werte, in der "Krise" die Konstruktion überhöhter Individuen, eine "biographische Welle". Siegfried Krakauer hatte mit "Ginster, Von ihm selbst geschrieben" ein Stück soziologisch-literarische Selbstreflexion zum Weltkrieg und zum eigenen Architektenberuf literarisch verarbeitet. 1930 schrieb er in der Frankfurter Zeitung über "Die Biographie als neubürgerliche Kunstform":"...daß nicht zuletzt auch die neuen technischen Erfindungen den Alltag der sogenannten Kulturvölker tatsächlich erschüttert und umgebrochen haben...Allzu nachhaltig hat in der jüngsten Vergangenheit jeder Mensch seine Nichtigkeit und die der anderen erfahren müssen, um noch an die Vollzugsgewalt des beliebigen Einzelnen zu glauben...Die Biographie als Form der neubürgerlichen Literatur ist eine Zeichen der Flucht;genauer der Ausflucht. Um sich nicht durch Erkenntnisse bloßzustellen, die das Dasein der Bourgoisie in Frage ziehen, harren die Biographen unter den Schriftstellern wie vor einer Wand an der Schwelle, bis zu der sie von den Weltereignissen vorgetrieben worden sind. Daß sie von ihr aus wieder ins bürgerliche Hinterland fliehen, statt sie zu übertreten, beweist die Analyse des Durchschnitts der Biographien."

1938 wirft Leo Löwenthal der Lebensphilosophie - dem "irrationalistischen Selbstmord des Bürgertums" - als einer der Quellen der modischem Biographik vor, sie habe den "brutalen Vitalismus der autoritären Praxis" vorbereiten helfen. Teil dieser Biographik ist das "Scheinsystem einer Sozialphilosophie" und die Wiederaufnahme eines vor der gefährlichen technischen Apparatur resignierenden Naturpantheismus: Naturphänomene müssen zu clichehaften Vergleichen des Menschenlebens herhalten. Den Biographen - von der Menge nur Schweigen, unter denen die die Kritik namentlich achten will, vorallem Emil Ludwig und Stefan Zweig - wirft Löwenthal vor, daß sie sich gebärden, "als ob sie eigentlich die ganze Sache nichts angehe und sie sichs nicht in ihren kühnsten Träumen einfallen ließen, daß sie selbst etwas dabei zu suchen hätten." Hämische Augen für die Politik und dahinter das "Korrelat des Ressentiments, die heimliche Verliebtheit in den Erfolg". Im Übrigen das "geistige Warenhaus". Löwenthals "Kataloge der Superlative": im "Personenregister", in Sachen "Seelische Verfassung", in "einzigartiger Handlung", als "Mythosregister", als "Geheimnisliste", als "Schablonen von Einsamkeit und Tod".

Soziobiographie Was aber Biographie auch sein könnte, erläutert Kracauer an Trozkis Autobiographie, Selbstdarstellung und Biographie werden bemerkenswerterweise eins:"Die Lebensbeschreibung des historischen Individuums ist hier nicht ein Mittel, um der Erkenntnis unserer Situation auszuweichen, sondern dient nur dazu, sie zu enthüllen...Ein neues Individuum, außerhalb des Dunstkreises der Ideologien: es besteht genau bis zu dem Grade, in dem es sich im Interesse der erkannten aktuellen Notwendigkeiten aufgehoben hat."

Nennen wir eine entsprechende Textform "Soziobiographie". Keine exklusive Kennzeichnung, ich entnehme einer Rezension von Eric Roussel, "Quatre siecle de Socio-Biography - Jean Delay, Avant-Memoire": "nachdem er seine Vorfahren in ihren sozialen Kontext gestellt hatte, kam ihm die gute Idee, sie per Metamorphose zu Zeugen ihrer Zeit zu machen. So verbindet sich, bemerken wir, sein so einzigartiges Werk den Vorstellungen der "Nouveaux Historiens", die sich seit dem Krieg nicht mehr nur für die Riesen vergangener Jahrhunderte interessieren, sondern für die einfachen Leute und die im Dunkeln gebliebenen." Soziobiographie im Zusammenhang der "Nouvelle Histoire".

Bettina und Lars Clausen formulieren in "Zu allem fähig - Versuch einer Soziobiographie...":"es lohnt sich wohl, der Geschichte im Einzelnen zu folgen. - Denn es ist nicht nur die seine (Leopold Schefers, K.S.): Mit ihm ist ein ganzes Nebenland abgesunken (Muskau um 1800, K.S.); eine Provinz voller Anlagen und europäischer Muster ist aufgegeben worden. Nicht unwiederholbar jedoch." "Wiederholt" wird doppelstrangig: Erzählung rechts, dokumentarisches und Kommentare links: "ein Beispiel, wie man mit Kunst und Eigensinn zum Leben kommt" sei der Dichter gewesen. Arno Schmidt, dessen Fouque-Dissertation auch eine Art Soziobiographie sein kann, stand Pate. Für meinen Geschmack arrangiert sich soziobiographische "Selbstbehauptung" hier etwas zuviel mit den absurden Zeitläufen.

Auf der Suche nach geeigneten "Instrumenten" zur Repräsentation der Akteure in der Geschichte entwickelten Historiker die "Prosopographie": "a method of group biographies, not rounded biographies, but sketches of major figures or of ranges of modal, representative figures who do not receive full biographic treatment", schreibt David Hackett Fischer in "The Braided narrative" 1976 und verweist auf Arbeiten von Syme, Namier und Diskussionen im "Daedalus" Winter 1971 oder in Toynbees "Acquaintances" 1967: "...sketches located at the points of intersection between individual lives and the sociological lines of inquiry". Prosopographie erklärt sich in Bezug auf das Interesse der historiographischen Arbeit, näher am "Objekt", Soziobiographie könnte mehr "Selbstbezug" der arbeitenden Subjekte bedeuten, die historiographische Arbeit immer wieder in Frage stellen, auch als die "parteilichere" Form. "Das Individuum, das sich im Interesse der erkannten Notwendigkeiten aufhebt", oder eben - "entfremdet" - nicht aufhebt, in seiner Umgebung nicht aufheben kann, mag das leitende Interesse sein. Individuation bedeutet das Handeln im Interesse der erkannten Notwendigkeiten. Soziobiographie hätte jeweils Entfremdung und Individuation im Blick, insofern auch "the points of intersection between individual lives and the sociological lines of inquiry" nur verweist die soziologische Fragestellung nocheinmal zurück auf die Individuen. Geschichte und persönliches Handeln im wechselseitigen Erklärungszusammenhang, Prosopographie mehr von den Personen hin zur Geschichte, Soziobiographie mehr von der Geschichte hin zu den Individuen. Beiden Methoden gemeinsam ist die "soziologische" Fragestellung, und daraus folgend die "Verkürzung" der Biographien - wenn das eine Verkürzung ist - im Blick dieser Fragestellung, Soziobiographie hat meines Erachtens systematisch höhere Genauigkeitsansprüche (im Sinn psychoanalytischer Genauigkeitsvorstellungen) in der Auseinandersetzung mit voyeuristischen, moralisierenden, sonstwie projektiven Tendenzen der arbeitenden Subjekte und systematisch höhere Ansprüche an assoziative Qualität. Im Spannungsfeld von "Entfremdung" und "Individuation" steht in der Soziobiographie ein Interesse an den "Sozialisationsprozessen", ein "historisches" Interesse mit Doppelsinn für Person und Gesellschaft.

In Georgi Plechanows "Rol litchnosti..."(Die Rolle der Persönlichkeit...)wurde der "Freiraum" persönlichen Handeln relativiert aber auch der "Zwang" der Geschichte. Plechanow bezog sich auf eine politische Geschichtsschreibung alten Stils (Bismarck als ein Beispiel). Im Satz von der "Aufhebung des Individuum im Interesse der erkannten Notwendigkeiten" wird noch deutlicher, wie die Kampflinie verlegt ist: wo die herrliche Freiheit und die großartig unüberwindliche Widrigkeit der Umstände letztenendes unversöhnlich blieben, hier der Mensch, dort die Verhältnisse, spalten sich die Widrigkeiten programmatisch in erkannte Notwendigkeiten und fordern Solidaritäten, in denen das alte Individuum aufgehoben ist. Ein fiktiver Individuationsprozeß ist seitdem entlarvt, dem tatsächlichen werden bis heute zu geringe Chancen gegeben.

Boris Michailovitch Gessen (Hessen in anderer Transskription) geboren 1884 (Sowjetische biographische Angaben) oder 1894 (Arnost Kolman und neuere westliche Daten), gestorben 1938 als verurteilter "Volksfeind" und heutzutage "rehabilitiert", hatte die Kaderhochschule IKP (Institut der Roten Professur) absolviert und war von 1927 bis 1935 einer der maßgeblichen Theoretiker in Zeiten permanenter Ausweitung technisch wissenschaftlicher Kader. Theoretiker im Deborin-Kreis (ZS "Unter dem Banner des Marxismus"), Mitherausgeber der wichtigen physikalischen Fachzeitschrift "Uspekhi..."(Ergebnisse...), Mitarbeiter der Großen Sowjetenzyklopädie, (korr.)Akademiemitglied. Seine 1931 in englisch und bald darauf in russisch publizierte Arbeit über Newton gilt in Fachkreisen als die grundlegende Arbeit zur "Externalismus-These" - das Dictionary of the History of Science 1981 verweist auf die "Hessen Thesis", dann auf die "Merton-" "Needham-" und "Zilsel-Thesis" (fehlt die "Borkenau-Großmann-These"?), allesamt Ergebnisse der 30er Jahre in Abhängigkeit von Gessen und der sozialistischen Theoriedebatte. Newtons Arbeit stellt in der marxistischen Studie eine Antwort auf die militärischen und Produktionsprobleme der Zeit dar und eine fiktive innere Logik , "autonomer" rein wissenschaftlicher Entwicklung wird nach Gessen ausserdem durch ideologische "Äusserlichkeiten" wie den klerikalen Klassenkompromiß von 1688 gebrochen.

Während diese Darstellung im Westen als einen Angriff auf die "Freiheit der Wissenschaft" verstanden wurde und in England ausserdem die nationale Integrationsfigur in Frage stellte, und nur bei ein paar Oppositionellen der Oxbridge Elite auf Sympathie stieß, bezog sich Hessen in der Sowjetunion auf den humanistisch-revolutionären Primat der Entwicklung der menschlichen Verhältnisse, auf die Forderung einer technisch-wissenchaftlichen Entwicklung im "Dienste der Menschen" und es galt zu zeigen, daß die westliche Wissenschaft in ihrer "Freiheit" eine gesellschaftliche Bestimmtheit nicht entbehrt, daß ideologische Voreingenommenheit die "Entwicklung der Produktivkräfte" (was immer das ist, jedenfalls aber etwas zum Wohl der Menschen) entgegen offizieller Behauptung hier durchaus behindert und daß "Marxismus-Leninismus" in den Köpfen bzw. in der Praxis diese Behinderung aufheben kann. Gessen impliziert, denke ich, daß in der Sowjetunion die technisch-wissenschaftlichen Eliten nicht per se gute Marxisten-Leninisten sind, sobald sie gute Fachleute sind.

Selbst wohlwollende Leser haben Gessen "ökonomistisch" mißverstanden, als predige er die fatale Bestimmtheit der wissenschaftlichen Innovation durch den sozialökonomischen Prozeß. (Das Mißverständnis wurde gefördert durch die im Vergleich zum russischen Text sinnverdrehende Übersetzung insbesondere in einem zentralen Satz). Das Gegenteil ist der Fall, der "normativ" oder programmatisch wirkende äussere Horizont ist wesentlich ein ideologischer und müsste, meint Gessen marxistisch-leninistisch werden. Was das praktisch heißt, zeigt seine Untersuchung: die Entwicklung eines Bewußtseins für die historisch-gesellschaftliche Bestimmtheit und Bestimmung wissenschaftlicher Arbeit im Gegensatz zur westlichen Fortschrittsideologie. Ein bis heute weder in der Sowjetunion noch sonst wo ausprobierte Methode der Steuerung des technisch-wissenschaftlichen Prozesses. Operationeller Externalismus.

Ich betrachte Gessens Text als einen Basis-Text der Soziobiographie. Wegen des "operationalen", "subjektiven" Impetus einerseits und dem Versuch zu zeigen, wo das "Individuum sich im Interesse der erkannten Notwendigkeiten aufhebt" andererseits. Gessens Text stellt auch heraus, in welcher Weise die obengenannten "Semiotisierungsprogramme" zugleich große "Entfremdungsmaschinen" sind. In Hochschul-, Wissenschaftsgeschichte und Wissenschafssoziologie paßt Soziobiographie zum "externalistischen" Programm.

Es scheint mir einigermaßen überzeugend, daß "äußere" Entwicklungen das "Wissenschaftsprogramm" jedenfalls langfristig entscheidend bestimmen. Daß die der Arbeitswelt von Technik und Wissenschaft äusserliche Welt sich in diese hinein fortpflanzt, ist kaum zu bezweifeln - so getrennt sind die Welten auch wiederum nicht - , daß sie es entscheidend tut und über welche "Brücken" ist leichter vermutet als tatsächlich aufgezeigt (Die Literatur von Gaston Bachelards "Formation de l'esprit scientifique" bis zu Gerald Holtons "Thematic Origins of Scientific Thought, Kepler to Einstein" verlangt eine gründliche Kritik). Dies ist vielleicht die Hauptschwierigkeit des Programms. Es liegt nahe, Soziobiographie hier einzusetzen und ich behaupte, daß mit der Hinzunahme "soziobiographischer" Arbeiten eine integrative Sicht im Sinn moderner Historiographie (vgl. Reinhard Rürups Programm von 1969) entsteht, die (Sozial- und "Mentalitäts-")Geschichte und Wissenschafts- bzw. Technikgeschichte aus dem Zustand der "Parallelität" herausbringt.

Beim Versuch die Biographie zu "retten" konnte auch ein ganz im Denken des bürgerlichen Individualismus befangener Autor wie Jean Romein ("Die Biographie" 1948) auf "externalistische" Gedanken kommen. Der Biograph möchte schließlich "seinen Helden als eine Einheit" sehen und begreifen und dazu brauchts die Umwelt,weil wir "Kants Wort eingedenk" erst dann "begreifen, wenn wir im Vielfältigen der Erscheinungsformen eine Einheit zustande gebracht haben":"Die Frage ist berechtigt, ob es denn überhaupt möglich sei,den organischen Zusammenhang nachzuspüren zwischen Lebens- und Denkwelt eines Pascal, eines Einstein oder eines L.E.J.Brouwers, zwischen den Beziehungen der Welt des ersten mit seinen mathematischen Errungenschaften, des zweiten mit seiner Relativitätstheorie, des dritten mit seiner intuitionellen Mathematik. Ich glaube, es ist möglich, aber nur unter zwei Voraussetzungen. Die eine theoretischer, die andere praktischer Art. Einerseits soll man nämlich ausgehen von der unendlichen Variabilität des Verhältnisses zwischen Personen und Umwelt und deshalb a priori annehmen, daß tausend und ein verschiedene Leben mit einer gleichartigen Denktätigkeit zusammenhängen kann und umgekehrt. Andererseits soll man über genügend detaillierte Kenntnisse verfügen und diese anzuwenden wissen". Hier wird noch einmal der Unterschied zwischen der biographischen und unserer "soziologischen" Fragestellung deutlich, dort die Einheit der Person, hier das Interesse an den Zusammenhängen von "Lebens- und Denkwelt". Die "Subjektivität", das Eigeninteresse, die wir wie gesagt thematisieren, sieht Romein nur bei der Autobiographie, diese ist, "da der Mensch in dieser posthumen (in den guten alten Zeiten erschienen Produkte dieser Gattung erst nach dem Tod des Autors K.S.) Abwehrschrift sämtliches Raffinement zu zeigen (und zu verbergen!) pflegt, irreführend in einem Ausmaß, daß den stutzig werden läßt, der auf diese Dinge nicht vorbereitet war."

Mein erster Versuch in "soziobiographischer Methode" galt ihrem oben besagten "Pionier" Boris Michailovitch Gessen, er scheiterte bisher an den Schwierigkeiten sowjetische Kollegen dafür zu gewinnen, was ich "subjektiv" für unumgänglich halte (Ivan Timofeevitch Frolov meinte in Prominenz sowjetischer Wissenschaft nicht nur,daß es für Gessen kein Interesse gäbe, sondern auch, daß der Sozialismus eher die Erinnerung an Kantische Ethik brauche, als die "Hegelianisierung", die die Deborin Gruppe wollte). Soziobiographische Versuche zu dem ukrainischen Arzt und Revolutonär Serhii Podolinski und zu dem Berlin-Zürich-Würzburg-Bonner Professor und preussischen Geheimrat Rudolf Clausius hatten das "subjektive" Interesse, Veränderungsvorstellungen zur sozialen Reproduktion (s.Juan Martinez "Ecological Economics" 1987) historisch darzustellen.

Erika Barth hat im Rahmen der Hochschuldidaktik in Osnabrück soziobiographisch zu entwickeln versucht, wie die Pädagogin und Hochschullehrerin Elisabeth Siegel zwischen Individuation und Entfremdung im sozialpflegerischen Frauenberuf zur wissenschaftlichen Pädagogik kam und in dieser zu einem schwerlich emanzipativen "Mütterlichkeitskonzept" (vgl. Hermann Nohls "Ritterlichkeit"):"subjektives" Interesse das feministisch-solidarische.

Joachim Böhmer hat in gleichem Rahmen zu Carl August Becker dem Orientalisten, Reformer und (zeitweise höchsten) Kulturfunktionär vor und nach der Revolution von 1918 gearbeitet, "subjektives" Interesse vor allem ein methodisches an der Darstellung einer dem Autor unvertrauten (großbürgerlichen) Welt jener Zeit.

Soziobiographische Anregungen gaben viele "Gruppenbiographien" und Biographien ich hebe Beispiele hervor, die mit dem Projekt "Hochschulgeschichte 1890-1938" in Verbindung zu bringen sind:

Gary Werskey, "The Visible College" behandelt die Oxbridge Leute, die in den dreissiger Jahren das Social Function of Science Movement trugen, Sozialisten unterschiedlichster Prägung, Wissenschaftler der "exakten" Wissenschaften, Aktive der "Union of Scientific Workers", Schriftsteller im "Left Book Club" und anderswo, Propagandisten einer "Science for the people" Revolutionäre im Establishment, deren Veränderungsversuche Maßstäbe setzten (vgl.Diskussion zum "Bernalism" im Londoner Radical Science Journal der 70er Jahre). Gary Werskey Amerikaner, zeitweilig Historiker am Imperial College (Technikerausbildung),"subjektives Interesse" in Folge der Vietnam-Diskussion, Sympathien mit dem religiösen Sozialismus Joseph Needhams. In J.G. Crowther verfügt die englischsprachige Literatur über einen "Wegbereiter" im Terrain: "Founders of British Science","Scientists of the Industrial Revolution","Statesman of Science" 1965.

Wolfgang Schivelbusch,"Intellektuellendämmerung" schildert die "Lage der Frankfurter Intelligenz in den 20er Jahren", vom Kreis der jungen um Nehemia Anton Nobel: Erich Fromm, Siegfried Kracauer,Leo Löwenthal, Ernst Simon über die jüdische Volkhochschule mit Martin Buber und Franz Rosenzweig, die Frankfurter Zeitung und das Radio zum Institut für Sozialforschung - zum Verwaltungsgebäude der I.G. Farben. "Nach der sogenannten Kristallnacht - ein Euphemismus der Nazis, der unerklärlicherweise bis heute zur Bezeichnung der damaligen Schreckensereignisse verwendet wird, - wurde das Lehrhaus, diesmal endgültig geschlossen." (s.a. Inka Mülder, Siegfried Kracauer 1985)

Mehrere Publikationen der letzen Jahre zu den Wiener Sozialisten, den Intellektuellen des Austromarxismus, des "Wiener Kreises": Erwin Weissel, Die Ohnmacht des Sieges 1976, Ernst Glaser, Im Umfeld des Austromarxismus 1981, Friedrich Stadler, "Vom Positivismus zur "Wissenschaftlichen Weltanschauung" 1982, sämtlich Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann Instituts. Vielleicht paßt an diese Stelle der Hinweis auf Hermann GLaser, Sigmund Freuds zwanzigstes Jahrhundert 1976.

Vera Broido, Apostles and Terrorists, 1977, die Geschichte der Frauen der Narodnaia volia, der narodniki, der Töchter aus gutem Hause, der Medizinstudentinnen in Zürich. (s.a. W.Schmieding, Aufstand der Töchter, Berlin 1979)

Leonardo Sciascia, La disparition de Majorana, 1977. Die Turiner "La Stampa" druckte 1975 eine Woche lang in Fortsetzung einen - so der Untertitel - "philosophischen Kriminalroman". Sciascia bekannter Schriftsteller und "homme politique" (KPI), sein Sujet das merkwürdige Verschwinden 1938 eines Physikers, Sizilianers, eines der "Jungen aus der Via Panisperna", der kernphysikalischen Arbeitsgruppe Corbino mit Eduardo Amaldi, Enrico Fermi, Pontecorvo, Emilio Segre, die - zum Teil - ein paar Jahre später in USA die Bombe baute. Sciascias "kriminalistischer" Plot: Majorana habe nach einer "Krise" und in Voraussicht der Bombe sich nicht wie man schließlich annahm, das Leben genommen, sondern die Identität gewechselt. Daraufhin entstand eine Polemik um die "Wahrheit" - oder um die Wissenschaft? - , Amaldi in "l'Espresso", Sciasca in "La Stampa", die im Buch mitabgedruckt ist:"ich schrieb aus Wut und aus Angst. Die Wut und die Angst - wie Camus gesagt hat - des an-der-Wand-lebens, des zusehen müssens, wie das Leben immer mehr zu einem Hundeleben wird".

Wolf Zuelzer,"Der Fall Nikolai" 1981, Wolf Zuelzer Arzt, 1909 in Berlin geboren, seit 1935 in USA, Georg Friedrich Nikolai, zeitweilig mondäner Berliner Arzt, Physiologe Kriegsdienstverweigerer 1914,Pazifist, Autor der "Biologie des Krieges" 1916, der "Fall Nikolai" nach der Revolution: Angriffe der deutschnationalen Universitätskollegen und Studenten, Emigration nach Argentinien 1922, ab 1933 bis zum Tod 1964 in Chile, Soziologe, Wissenschaftstheoretiker, Eugeniker.

Luise Schorn-Schütte, Karl Lamprecht 1984. Als "Ortsbestimmung eigenen Arbeitens" geschrieben, mit Karl Lamprechts Worten ein Stück Darstellung der "Lebensformen vergesellschafteter Menschen". Im Leipziger "Debattierkränzchen" stritten sich Wilhelm Ostwald, Elektrochemiker und "Energiemonist", Wilhelm Wundt, "Psychophysiker" und "Völkerpsychologe", Friedrich Ratzel, "Anthropogeograph". Zum weiteren Kreis zählte Karl Bücher, Ökonom und Autor von "Arbeit und Rythmus"Lamprechts Instituts- und Wissenschaftsreform als Gegenstück zu den Berliner Plänen.

Russel McCormmach, Night Thoughts of a Classical Physicist 1980(?): "Science" Fiction, die Story um die komponierte Figur des konservativ patriotischen jüdischen Physikers Jakob als schneller Überblick, ausführlicher dokumentarischer Teil, Auszüge der Erinnerungen des Bonner Physikers Heinrich Kayser (344pp Manuskript, Michigan), Leo Graetz'Erfahrungen mit Wilhelm Roentgen, der Suicid des Berliner Physikers Paul Drude 1906 als "Katastrophe" und "Rätsel",Arnold Sommerfeld, immer wieder der Antisemitismus, kurz die versammelte zwanghaft autoritäre Gesellschaft um die "Mandarine" - eine dokumentarische Illustration zu Fritz Ringers Buch. Gerade an dieser Stelle möchte ich Bernhard vom Brockes Arbeiten (bes."Das System Althoff") nicht vergessen.(s.a.Rainer Marwedel,Theodor Lessing 1987)

Weitere Biographien, die ich in diesem Zusammenhang aufführen möchte: Iris Runge, Chemikerin und Physikerin, Osram, nach 1945 Humboldtuniversität: Biographie ihres Vaters Carl Runge, Mathematiker und Physiker 1948 - Bremische und Berlinische Großbürgerlichkeit; Felix Auerbach, Ernst Abbe 1918, Auerbach Physiker in Jena (1906 mit Zigarre von Edvard Munch portraitiert), verheiratet mit Lydia Auerbach, ihrer Zeit bekannte Frauenrechtlerin, Kreise Richard Dehmel, Max Bruch, Felix und Lydia nahmen sich 1933 das Leben. Ernst Abbe, Ingenieur, Physiker, Unternehmer,"Sozialreformer"; Andre Langevin, Paul Langevin mon pere, Biographie des Atomphysikers, Kommunisten in Volksfront und Resistance, die Curies, Langevin, Joliot; Kurt Mendelsohn, Walter Nernst, der Autor bis 1933 Berlin, dann Physiker in Oxford, FRS, Bücher wie "Science and Western Domination", Nernst als zentrale Figur inmitten der maßgeblichen preussischen "Modernisatoren", die Atmosphäre des KWI, s.a.: Fritz Krafft, Fritz Straßmann, ausführliche Dokumentation zur Entwicklung der Kernspaltung im KWI zur Kontinuität dieser Institution 1933, zu Hahn, Meitner, den Noddaks,zur "ausländischen Konkurrenz"; Constance Reid, Richard Courant, Göttinger Kreise vor 1914,Felix Klein, David Hilbert, Max Born und Courant im Krieg, "Blüte" der 20er Jahre, Göttingen 1933 und Emigration, Emmy Noether, James Frank; Befreiung 1945; R.K. Balandin, Vladimir Vernadsky,(russischer Titel: V.:Leben,Denken,Unsterblichkeit) 1979: "...one is sometimes tempted to say:my favourite scientist...One of my very favourite scientists is Vladimir Ivanovich Vernadsky" Vernadsky als Autor der "Biosphere"(der Terminus geht auf Lamarck zurück) 1927 als Wegbereiter ökologischen Denkens (und 1923 als Anreger Teilhard de Chardins und damit Arnold Toynbees)in der Darstellung "a universal genius,a true naturalist, and a charming personality".

Johannes Cremerius vermerkt in der Bibliographie zu der Aufsatzsammlung "Neurose und Genialität" 1971 nur wenige psychoanalytisch-biographische Arbeiten zu Naturwissenschaftlern: zu Franklin, Kekule, Darwin, Robert Mayer. Nicht ein einziger Techniker.

 

Mauern und Wälder.

Zeitungsauschnitt des "Evening Standard" London, Mai 1943, Titelblatt "Die Zeitung", London, 3ter Jahrgang, Freitag 28. Mai 1943. Soviet War News Weekly vom 24. Mai 1945, Tatsachenbericht W.A.Beckert vom Juli 1945, Neue Westfälische Zeitung vom 30.10.1945: Am 34.Tage des Belsen-Prozesses, Eugen Kogon, Der SS-Staat 1947, Günther Weisenborn, Memorial 1948, Leon Poliakov, Breviaire de la Haine, 1951, Walther Hofer Hg.Dokumente 1933-1945, Fischer Taschenbuch 1957, H. Langbein, Der Auschwitz Prozess 1965, The Book of Alfred Kantor 1971, Fania Fenelon, Sursis pour l'Orchestre 1976, Oskar Sahlberg, Ein Nachmittag in Sachsenhausen 1978, Michael Pollak, La gestion de l'indicible 1986. Dokumentation, Zeugenberichte für die Öffentlichkeit, die den gesellschaftlichen Plan mittrug, dessen Rationalität noch immer nicht ins Auge fällt: ich trage mit, unbesehen meines Rechtsempfindens. Leon Poliakov rechnete 5.8 Millionen Ermordete.

"A report from the head of the Underground Bund organisation in German-occupied Poland was recieved by Szmul Zygielbojm, a representative of the Jews in the Polish National Council in London, on the day he took his own life (May 12)" schrieb der Evening Standard. - "Drancy-Velodrome d'hiver-Pithiviers...die Ausrottung der Juden in Frankreich ist seit 10 Monaten unaufhaltsam im Gang schreibt "Die Zeitung". - "Oswiecim" ist der Titel der Soviet War News. "J'ai malheureusement eu tort quand j'ai pense que j'avais range tout cela dans le dernier petit coin de mon cerveau, et que tout ce passe y etait bien enterre. Et puis, depuis nous nous rencontrons, je me rends compte que je n'ai rien oublie, et que tout est present comme au moment ou je l'ai vecu" erfährt Michael Pollak in den 80er Jahren von der 1904 geborenen, die überlebte.

Trotz aller "Dokumentation" ist die politische Auseinandersetzung seit der Befreiung nicht offen durch sie bestimmt. Wo sonst kann ich überhaupt umgehen mit dem Wissen? Im direkten Handeln und im vermeiden von kompensatorischem läge eine Chance zur politischen Individuation. Rückversetzend auf 1945 schrieb Jean Amery 1961: "Deutschland steht vor der Nötigung einer kollektiven politischen Auto-Psychoanalyse...Das Deutschland sich weigern wird, liegt auf der Hand." und schreibt zu einem anderen Land, "dem einzigen, das dem Nachkrieg mit pathetischer Kraftanstrengung gegenübertrat" - Frankreich. Ich moralisiere nicht, ich bin überzeugt, daß ein Stück notwendige Individuation und politische Auseinandersetzung nirgendwo sonst zu gewinnen ist, als in dieser, spätestens seit der Befreiung andauernden Konfrontation mit den Zeugnissen und der Reaktion auf sie.

Kurt Huber hatte dem Gericht, daß ihn 1943 verurteilte erklärt: "Die innere Würde des Hochschullehrers, des offenen, mutigen Bekenners seiner Welt- und Staatsanschauung, kann mir kein Hochverratsverfahren rauben, mein Handeln und Wollen wird der eherne Gang der Geschichte rechtfertigen;". 1950 erinnert Hans Werner Richter in der Rhein Neckar Zeitung an die Geschwister Scholl:"Hätten unsere Schulen und Erzieher, unsere Universitäten und Hochschullehrer etwas aus dem

"Dritten Reich" gelernt und wüßten sie um die Gefahren von morgen, dann wäre es selbstverständlich, daß der Todestag dieser Studenten in München ein Erinnerungstag an allen Schulen und Universitäten wäre, dann würde unsere Jugend nach ihrem Vorbild erzogen und die Diktatoren von morgen würden nicht sechs oder sieben Studenten vorfinden, die ihnen mit dieser freien und offenen Haltung entgegenträten, sondern eine ganze Generation." Als Weg zu dieser "Utopie"-Notwendigkeit hat Richter offenbar die "pathetische Kraftanstrengung" im Kopf von der Amery in der französischen Gesellschaft spricht. Mir ist das Verhältnis von Symbolik und kollektivem Verhalten auch in dieser unheimlich, sie vergewissert mich im Vergleich zu unserer unmittelbarer, in tagtäglicher Entschiedenheit vieler, in denen eine kollektive Geschichte lebt und die wie mir scheint nicht unbedingt die alten Formen des Erinnerns geschweige denn Vorbilder brauchen. Nicht ganz leicht zu sagen, und überzeugt bin ich auch nicht, weil tatsächlich in Frankreich auf Schritt und Tritt "symbolisch" erinnert wird.

Über der Lektüre von "Kogon Der SS-Staat und Goebbels Memoiren" notierte Berthold Brecht am 20. April 48: "ohne die ausrottung (nicht nur besiegung) anderer völker kann das eine volk nicht mehr existieren. und herr goebbels kommt bequem mit dem wort- und ideenschatz der bürgerlichen feuilletonistik aus." Dieses "Sprachproblem", das gewiß nur widerspiegelt, was an Problematik zwischenmenschlicher Verhältnisse ansteht, ist darum noch kein oberflächliches. Gegebenenfalls müßte sich in einem Sprachgewinn etwas von der gewonnen politischen Individuation wiederfinden. Vorallem die "Frankfurter Schule" hat meines Erachtens diesen Gewinn gesucht und manchmal gefunden. In dem Maß ist auch die politische Differenzierung vorangekommen. Ist nicht Theodor Adornos Satz zur Dichtung nach Auschwitz emphatischer und pointierter Ausdruck der Möglichkeit eines Bruchs in den Sprachverhältnissen?

Es hat merkwürdige Formen der Konfliktverarbeitung gegeben: Walter Dirks sagt im Bericht über eine 1953 nach einem Grundplan (John D. Montgomery) des Operations Research Office The John Hopkins University ausgeführte Studie: "Die Entnazifizierung hat beileibe nicht das Gewicht des Nationalsozialismus; sie ist nur eine seiner Folgen; aber sie darf ebensowenig vergessen oder verdrängt werden wie der Nationalsozialismus selbst". Der "fragwürdige erste offizielle Versuch einer Überwindung" (Kontrollratsdirektive 24.12.45. "Schuldvermutung", Beweislastumkehr; 5.3.46 "Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus. Sühne, Reintegration) führte zu einer "durch die Schuldvermutung ausgelöste und in den Jahren 1946 bis 1950 stark verbreitete Entschuldigungsmanie", Selbstbesinnung hat dann zum Zeitpunkt der Interviews "Seltenheitswert. Dirks fragt "Wie kann man überhaupt mit Intention und Technik etwas erreichen, was nur als Inhalt und Ergebnis einer originären politischen Bewegung vorstellbar ist?"

Nach der Enschuldigungmanie einigte man sich mehrheitlich auf unklare Maßstäbe für zurückliegendes Verhalten und auf Tabuisierung persönlicher Geschichten im täglichen Umgang. Auf ein paar Figuren hüben und drüben wurde stellvertretend verwiesen, wobei der Widerstand (für den zuerst Rudolf Pechels Buch "zuständig" war) durch besonders einseitige Überhöhung und entrückende Heroisierung entschärft, oder wenig phantasievoll in "innere Emigration" und "geistigen Widerstand" projiziert wurde. Die Maßstäbe waren derart unentwickelt, daß dem Juristen Uwe Wesel nach eigener Aussage erst nach und nach aufging, was Beate Klarsfeld anmahnte, als sie Kurt Georg Kiesinger ohrfeigte. Sie sind es fast überall noch immer.

1950 kritisiert der protestantische Bischof und Antifaschist Wurm die Entnazifizierungspolitik und einen schweizerischen Amtskollegen, der an einer Zeitung die für den Staatssekretär a.D. Weizsäcker eintritt, nicht mitarbeiten will: "Was Weizsäcker bewog, 1936 dem noch von Neurath an ihn gerichteten Ruf zu folgen und auch unter Ribbentrop zu bleiben, das war sein Pflichtgefühl dem Vaterland gegenüber, der Entschluß, die Fahrt in den Abgrund aufzuhalten." 1962 hat Rolf Hochhuth die Materialien für sein Stück "Der Stellvertreter" zusammengetragen: "...die meisten Exponenten des innerdeutschen Widerstandes haben es bewußt vermieden - auch Weizsäcker - , der Welt das Ausmaß der im Namen Deutschlands begangenen Verbrechen zu schildern, um draußen nicht jede Kompromißbereitschaft zu zerstören" ; im übrigen (dazu haben Poliakov-Wulf Dokumente gedruckt) "handelte Weizsäcker oft vollkommen erbarmungslos" und Hochhuth beklagt die meines Erachtens tatsächlich frappante "Souveränität" mit der dieser Zeitzeuge seine Memoiren schreibt. Wurm kritisiert den schweizer Amtskollegen, Weizsäcker wird die Symbolfigur der "Unklarheit": "künstlerisch gesehen", schreibt Hochhuth "einer der faszinierensten (Charaktere) der Zeitgeschichte".

Auf der Suche nach den verschiedensten Zeitzeugen in der politischen Konfusion mag an ein von Karl Cornio 1980 herausgegebenes Bändchen "Intellektuelle im Bann des Nationalsozialismus" erinnert sein und verblüfft registriere ich noch einmal das Gewicht dieser "Gruppe" im "Kulturleben" der Bundesrepublik: Michael Schmaus S.J., Gottfried Benn, Richard Strauß, Arno Breker, Arnold Gehlen, Friedrich Sieburg, Hans Grimm, Arnold Bronner, Veit Harlan, Rudolf von Laban, Hans Freyer, Ernst Forsthoff, Carl Schmitt. Karl Heinz Deschner spricht in seinem Beitrag zu Schmaus, von der Verbindung zweier "irrational geprägter und autoritär regierter Einflußsphären:"in Deutschland gelang der weltgeschichtliche Coup mit Hilfe des Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacelli." Deschner zeigt auch auf, wie Theodor Heuss mit dem Regime sich arrangierte oder "kollaborierte".

Auf die Technisch-wissenschaftliche Intelligenz wirft der "Zyklon B Prozess" 1946 seine Schatten. Im "Ärzte Prozess" sagte Otto Warburg für Victor Brack (SS Offizier, Röntgen-Sterilisationsprojekt) aus(Poliakov). Dann kam der I.G.Farben Prozess. Dazu schon 1953 Karl Winnacker: "In einem mit großer Härte geführten Prozeß konnten sich die verantwortlichen Leiter der I.G.Farbenindustrie AG., und damit unser gesamtes Unternehmen, von den diskriminierenden Anklagen des Kriegsverbrechertums, des Raubes und der Plünderung reinigen. Wir fühlen uns mit den Herren des alten Aufsichtsrates und Vorstandes der I.G.Farbenindustrie AG. sowie mit allen alten Freunden dieser Firma eng verbunden und sind glücklich darüber, eine große Zahl alter Freunde aus dieser Zeit bei uns heute begrüßen zu können." Das ist bundesrepublikanischesa Selbstbewußtsein. Wie hatte Hans Dominik in "Vistra, das weiße Gold Deutschlands" geschrieben? "An vierter Stelle (nach Leuna-Stickstoff, Leuna-Benzin und Buna K.S.) brachte die I.G. den Faserstoff. Der fünfte Teil des Absatzes in Deutschland ging den ausländischen Lieferanten bereits verloren, und einen weiteren von Jahr zu Jahr steigenden Verlust wird ihnen der neue Vierjahresplan der deutschen Regierung bringen..." Ernst Bäumler, ein neuerer Firmengeschichtsschreiber 1963:"Nach einigen Jahren hob sie die Dividende auf 8 Prozent an, zahlte aber während des Zweiten Weltkrieges den allgemein schablonierten Satz von 6 Prozent, der in der Zeit der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft als eine Art von konzessionierter Standardrate galt." Der Leser muß begreifen, daß die Rendite niedrig war. Buna Auschwitz III-Monowitz (s.Poliakov).Erich Welter 1943 in "Der Weg der deutschen Industrie": "Aber das Geheimnis des deutschen Erfolges läßt sich doch nur dadurch erklären, daß die gesamte Industrie, deren Arbeit sich naturnotwendig abseits vom Licht der Öffentlichkeit, großenteils anonym, vollzieht, es als vornehmste Pflicht, als ihre "eigene Angelegenheit" betrachtet, den höchtmöglichen Beitrag für das Gelingen zu leisten." Karl Winnacker geb. 1903, seit 1933 bei Hoechst publizierte 1971 "Nie den Mut verlieren.Erinnerungen an Schicksalsjahre der deutschen Chemie"."Im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten und weit darüber hinaus waren sich unsere Unternehmen ihrer sozialen Verpflichtungen immer bewußt" steht da im Zusammenhang Mitbestimmung zu lesen."

Fritz Thyssen, der Stahlkönig, der Othmar Spanns korporatistische Staats- und Wirtschaftsordnungen im Kopf hatte, ein Nationalsozialist war und sich ab 1936/37 in Opposition begab, 39 die Parteizughörigkeit und sein deutsches Vermögen verlor, 40 in Frankreich verhaftet wurde, drei Jahre in der Heilanstalt und dann in Konzentrationslagern gefangen war, das Entnazifizierungsverfahren 48 als "minderbelastet" verlassen konnte und nach Argentinien ging, wo er 51 starb symbolisiert einen der bundesrepublikanischen Kompromisse mit der Geschichte: "Ich gebe alles für meine Arbeiter, wenn es gelingt, ihre Arbeitsstätten vor der unsinnigen Wut der Demontagewelle zu bewahren." Resumiert Robert Ellscheid 1953 in Erinnerung an seinen Mandanten dessen Konzeption. "Dieser Gedanke konnte zwar nicht verwirklicht werden" meinen die Firmenhistoriker Wilhelm Treue und Helmut Uebbing aber 1960 erfährt die Presse:"Die Familie Fritz Thyssen hat sich entschlossen, einen wesentlichen Teil ihres Vermögens, und zwar nominell 100 Mill. DM Aktien der August Thyssen-Hütte AG, einer Stiftung zur Förderung der Wissenschaft zuzuwenden..." Die Historiker kommentieren: "In Deutschland trat erst mit der Gründung der Fritz Thyssen Stiftung eine Einrichtung dieser Art ebenbürtig neben die großen amerikanischen Stiftungen...Denn auf die Dauer können auch in Deutschland nur Staat und Bürger gemeinsam die ins ungeheure gestiegenen Aufwendungen für die wissenschaftliche Forschung aufbringen."

Wilhelm Treue, einer der beiden Thyssen-Historiker ist 1909 in Berlin geboren."1916 wurde mein Bruder Wolfgang geboren. Auch er studierte hauptsächlich Geschichte. Während ich mich der Forschung und Lehre zuwandte, machte er nach dem Kriege bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Bereich Wissenschaftsförderung eine Karriere, die ihn zu hohem Ansehen und manchen Auszeichnungen führte." Weiter berichtet Wilhelm Treue 1982 in seinen "Materialien für eine gute wissenschaftliche Nachrede:"Ich gründete Anfang der 50er Jahre mit Hilfe des Deutschen Industrie-Instituts Köln die "Tradition, Zeitschrift für Firmengeschichte und Unternehmer-Biographie...Ich gründete eine Quellensammlung zur Kulturgeschichte, in der ich bisher mehr als 20 Bände herausgab, und eine andere Buchreihe in Verbindung mit der Fritz Thyssen-Stiftung...Meine Tätigkeit als Unternehmenshistoriker, Oppenheim-Archivar und Herausgeber der "Tradition" machte mich in den interessierten Kreisen so bekannt, daß ich in Beziehungen zur Deutschen Bank geriet..." Treue sagt von sich "ich bin wohl kein Mensch politischer Aktivität" und zwei Seiten weiter lese ich:"Ich widerstand den Radikalen ...Ich schloß Sitzungen unmittelbar nach deren Eröffnung...und beriet mich dann mit ein paar soliden Kollegen beim Abendessen in meinem Hotel...Vielleicht habe ich mit alledem einiges verzögert - mehr nicht. Ich konnte nicht verhindern, daß der Psychologe Brückner und Politologen die Wissenschaft politisierten..."

Auch dies maßgebliche Wirklichkeit, ich habe versucht deutlich zu machen, welche relative Macht in unserem kleinen wissenschaftlichen Interessenbereich von Hochschul-, Wissenschafts- und Technikgeschichte ausgeübt werden kann und mit welchem politischen Horizont als dem eines Personenkreises dies geschieht, wahrhaft korporatistisch.Lebendiger als das Leben selbst?

"Vom Anderen und vom Selbst" überschreiben Reinhold Grimm und Jost Hermand einen von ihnen 1982 herausgegebenen literaturkritischen Aufsatzband zu Fragen der Biographie und Autobiographie. Scheinbar ist das Genre inzwischen wieder "in": "Weil in den letzten Jahren sowohl die Tendenz ins Dokumentarische als auch die Rückwendung zum Individuellen im Mittelpunkt des literarischen Interesses standen, haben Gattungen wie Biographie und Autobiographie eine neue Bedeutung gewonnen." Oder, gewissermaßen im Gegenteil: die Dokumentarische, nicht zuletzt in der Medienentwicklung vieldiskutierte Tendenz, und die neue Subjektivität, die keine Rückwendung ist, sondern eine neue Bewußtheit dafür, das gesellschaftliche Individuationsprozesse immer aufs neue Dringlichkeit haben, bewirken eine neue Produktion unter alten Namen? Die Titel der Beiträge bringen denn auch das gebrochene Verhältnis zum alten Genre zum Ausdruck: "Zur Politik des persönlichen Erinnerns", "Verübelte Geschichte","Mühen der Ebenen".

Ich möchte auf Autobiographische Schriften hinweisen, die zwar nicht mit dem technischen und naturwissenschaftlichen Arbeitsfeld zu tun haben, wohl aber mit der Zeitspanne 1890-1938 und insofern Bezüge herstellen, - an denen ich beobachte, daß das autobiographischen Schreiben bewußt oder nicht bewußt, nicht mit mir "unerträglicher Leichtigkeit" erledigt wird, die Autorin, der Autor womöglich dazu etwas sagen, und dann mich, den Leser den historischen Horizont "empfinden" lassen, in dem mich heute noch "bewegt" (wenn das ein passendes Wort ist), was passiert ist: Lou Andreas-Salome, "Lebensrückblick" 1968, Max Brod, "Streitbares Leben" 1968, Fritz Brupbacher, "60 Jahre Ketzer" 1935, Toni Cassirer, "Mein Leben mit Ernst Cassirer" 1981, Claire Studer,Ivan Goll,"Meiner Seele Töne" 1966, Alfred Grotjahn, "Erlebtes und Erstrebtes" 1931, Martin Grotjahn, "My Favourite Patient" 1987, Julius Hay, "Geboren 1900 - Aufzeichnungen eines Revolutionärs" 1971, Kurt Hiller, "Logos", "Eros" 1969, Arthur Hollitscher, "Lebensgeschichte eines Rebellen" 1924, Karl Jaspers, Philosophische Autobiographie 1977, Claire Jung, "Paradiesvögel" 1982, Arthur Koestler, "Als Zeuge der Zeit" 1982, Hans Lietzmann, "Glanz und Niedergang der deutschen Universität" (in Briefen von und an H.L.) 1979, "Leo Löwenthal, Mitmachen wollte ich nie" 1980, Katja Mann,"Meine ungeschriebenen Memoiren" 1974, Hugo Marx, "Werdegang eines jüdischen Staatsanwalts und Richters in Baden (1892-1933)" 1965, Franz Oppenheimer, "Mein wissenschaftlicher Weg" 1929, Lily Pinkus,"Verloren,Gewonnen,Mein Weg von Berlin nach London" 1980, Alice Rühle-Gerstel "Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit" 1984, Eugen Rosenstock-Huessy, "Erinnerungen" 1965, Hans Sahl, "Einer und die Vielen" 1970,"Memoiren eines Moralisten" 1983, Egon Schwartz, "Keine Zeit für Eichendorff:Chronik unfreiwilliger Wanderjahre" 1979, "Toni Sender, "The Autobiography of a German Rebel" 1939, Sabina Spielrein, "Tagebuch" 1986, Gabriele Tergit, "Etwas Seltenes Überhaupt, Erinnerungen" 1983, Marina Zwetajewa, "Mutter und die Musik, Autobiographische Prosa" 1985.

"Werdegänge" ins Exil und durch die Gefängnisse, "Gegenstand" und "Inhalt" der Texte, über dem Schreiben die Auseinandersetzung mit dem Medium, mit der Sprache, den Formen, mit der Absicht und Motivation, am ehesten - scheint mir - gelingend in der Form des autobiographischen Romans, andererseits als Aussage ohne besondere Glättungen, mit dem eigenen Pathos der "Unbeholfenheit" und des entfremdeten ichs auf den "Bericht", die "Zeugenaussage" verweisend, den Leser in Anspruch nehmend.

Egon Schwarz, 1922 geboren, ist in meiner Liste der jüngste. Aufgewachsen in Wien:"So weit ich zurückdenken kann, hatten der Aufstieg Hitlers und die Machtübergabe an die Nazis im mächtigen Nachbarland bedrohliche Schatten zu uns herübergeworfen. Was Wunder, daß man den Begriff "Auswanderung" erörterte, längst ehe er ein Synonym für Lebensrettung wurde...Ich selber begann mich in der Lebensphase, wo sich die Persönlichkeit festigt und der Mensch auch seine grundlegenden politischen Orientierungen annimmt, immer mehr sozialistischen Ideen zuzuwenden. Darin ist bestimmt nichts Eigentümliches...Dies waren nicht nur die Jahre der sich immer weiter ausdehnenden Hitlerherrschaft, sondern überhaupt der faschistischen Triumphe in fast allen Ländern Europas. Irgendwie wurde der spanische Bürgerkrieg zu meinem politischen Urerlebnis...Die Erlebnisse, auf denen meine spätere geistige Haltung beruhte, waren vielfältig...Zur intellektuellen Bewältigung dieser verzwickten Umstände boten sich jüdische Religion und Zionismus auf der einen Seite,tieferes Eindringen in die traditionelle europäische Kultur und sozialistische Orientierung auf der anderen an. Ich wählte sozusagen auf lange Sicht die zweite Alternative." Egon Schwarz 16 - ich übertrage die Schreibweise von Julius Hay s.u. - fand sich in Bolivien, blieb viele Jahre in Lateinamerika.

"Zu zeigen, wie es jemand erging, dessen Leben aus der Bahn geworfen wurde, weil diese Mitläufer, diese halben oder ganzen Nazis eine Zeitlang die Dinge lenken konnten, liefert mir jedenfalls einen starken Antrieb...Nachdenken über meinen Werdegang - dieses Wort scheint mir das Dilemma geradezu zu verkörpern, denn sein erster Teil deutet mehr auf die äußeren Zwänge, der zweite mehr auf die persönliche Initiative - hoffe ich, zwischen dem mir durch die Umstände Vorgegebenen und dem Beitrag, den ich zu meinem Leben geleistet habe, genauer unterscheiden zu lernen..."

Bei Hans Sahl folgt der romanhaft erzählten Erinnerung des "Werdegangs" die Besinnung auf die anderen Menschen mit dem Motiv der "Rettung": "Oh, wie ich das kenne, diese Aufmunterungen, diesen Appell an das Gewissen, etwas zu schreiben, das man nicht mehr schreiben wollte...Zudem habe ich einmal den "Roman einer Zeit" geschrieben...in dem ich das autobiographische Material nur als Rohstoff benutzte...Wichtig erschien es mir, die Verhaltensweise bestimmter Menschen in bestimmten Situationen darzustellen, ihr Ausgeliefertsein an die Geschichte, die ihre Gesichtszüge auslöschte und ihre Namen in alle Winde zerstreute. Heute, so scheint es mir, hat jeder von ihnen ein Anrecht darauf, aufgerufen und in seiner Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit erkannt zu werden. Ich werde also Namen nennen, soviele als möglich. Sie werden mich durch dieses Buch begleiten. Die großen und die kleinen. Die Kriegselephanten der Literatur und der Kunst ebenso wie das schreibende Fußvolk, das mit ihnen den Marsch ins Exil antrat..." Die Moral ist "paradox": "die Meere bezwungen, den Krieg und die große Pestilenz, wo wir doch nicht einen Fuß vor den anderen setzen konnten und Mühe hatten, das eigene Wort zu verstehen."

Arthur Koestler, philosophiert - mir beinahe unerträglich - zum autobiographischen Schreiben:"Dem aufgeblasenen Bericht des Prominenten steht die Nacktheit des Exhibitionisten gegenüber - unerquicklich, weil nur gesunde Nacktheit anziehend wirkt;wer außer dem Arzt hat Freude an der Krätze?..." Motiv aller Selbstdarstellung: Das Erlebte teilen, um die Isolation des Ichs zu überwinden? Bei Koestler "Drang", "Bedürfnis"? "Ecce Homo" wie "sterbende Ärzte, mit minuziöser Genauigkeit ihre Gedanken und Gefühle unmittelbar vor dem Fall des Vorhangs aufzuzeichnen" bemüht sind". - "Während des Spanischen Bürgerkrieges, als ich im Gefängnis saß mit der Aussicht, an die Wand gestellt zu werden, tat ich ein Gelöbnis: Wenn ich lebendig aus dieser Geschichte herauskäme, dann würde ich eine aufrichtige und gegen mich selbst schonungslose Selbstbiographie schreiben...Aber welche Art Leser stellt der Autor sich vor?... Arthur Koestler schrieb in der Vossischen Zeitung der 20er Jahre zu Naturwissenschaft und Technik, in "Der Krötenküsser" hat er an dem Wiener "Lamarckisten" Kammerer seine Sicht der "Wissenschaftlichkeit" entwickelt.

Julius Hay bewegt, wie er nie derselbe gewesen, von Jahr zu Jahr ein anderer und doch er, ja ganz besonders unbeirrt er selbst:"J.H.57 ging geduldig in der engen Box herum, die dazu diente, daß die Häftlinge ungesehen und einzeln spazierengeführt werden konnten. - J.H. 58 gewöhnte sich an die Sträflingskluft. - J.H.59 lernte, wie ein braver Sträfling auf jedem Strohsack jederzeit einschlafen kann, wenn er nur darf. Und all die Jahre, Tage und Nächte schuf ich in der Zelle an meinem Drama weiter. Eine schöpferische Henkersmahlzeit war das.Und wo lag mein Damaskus? Wo bin ich aus einem Saulus ein Paulus - oder aus einem Paulus ein Saulus - geworden? Ich glaube, nirgends. Und eben dafür sollte ich büßen.Jahrzehntelang schon ging und hastete und trottete ich denselben Weg, immer denselben Weg, den ich als Weg zum Sozialismus kannte.Andere aber, die sich die Partei nannten, verließen diesen engen Pfad. Sie wählten die Straße der Macht und Gewalt und sagten, diese Straße führe zum Sozialismus, zum Kommunismus... Sie haben ihr Ziel nicht erreicht, und ich habe mein Ziel nicht erreicht..."

Mir gibt Hay über dem Lesen zu denken, was einleitend gesagt war: "Was mir nachträglich alles so schwer macht ist, daß ich mich enttäuscht fühle, obwohl ich nie Illusionen hatte...": Enttäuschung über solch eindrucksvolles Leben? Ich höre einen Vorwurf an mich, den Leser, bin versucht stellvertretend um Geduld zu bitten, noch immer um Geduld?

"Werdegänge" ins Exil und durch die Gefängnisse. Auch bei Kurt Hiller: "Ein besonderer Freund der Schriftengattung Selbstbiographie bin ich nicht. Zu schweigen von herrlichen Ausnahmen wie Gide, wie Toller...Wenn ich mich trotzdem entschlossen habe, dieses, in der Sprache der Mucker zu reden "ichbezogene Buch zu verfassen, so geschah das ... nicht zuletzt auch, weil ich so in die Lage komme, etwas, was ich bisher nur außerhalb Deutschlands einem kleinen Kreis von Nichtdeutschen und Emigranten in einer Zeitschrift vortragen konnte (1934/35), hier endlich Deutschland zu unterbreiten: meine Erlebnisse in Hitler's Hafthöllen... Schon damals kamen von den Anständigen etliche um, später zahllose...ich durchstand die Jahrzehnte;umso stärker die Pflicht, mitteilend-aufklärend zu kämpfen. Es ist kein Kampf nach rückwärts; wo sind denn die rechtlichen Regellungen, die eine Wiederholung der Schande unmöglich zu machen suchen..."

Rechtliche Regellungen und solche die wir uns selber machen, wenn wir 1986 einen Verein zur Wissenschaftsforschung gründen wollen und an die Schande der wissenschaftlichen Vereine von 1933 zu denken haben?

Einer der früh geschriebenen und spät erst publizierten Berichte aus der Emigration ist der Roman "Umbruch oder Hanna und die Freiheit" Alice Gerstel oder Hanna, die Prager Bürgerstochter, hat 1935 die Untergrundarbeit in Deutschland aufgegeben und ist nach Prag emigriert, sie beschreibt die Schrecken dieser Zeit der faschistischen Triumphe: einer der Schrecken ist die stalinistische Indoktrination der Opposition. "Alltag" einer Intellektuellen und der einer Frau in der Männerwelt einer liberalen Zeitung, wo bleibt das "Ich" mit Empfinden und Gefühl in der politischen Arbeit? Stephen Kalmar beschreibt im Nachwort wo er die Autorin 1940 traf: "Coyocan, ein alter,kleiner Vorort im Süden von Mexiko City, sollte bald in der ganzen Welt bekannt werden, denn dort wurde 1940 Leo Trotzki ermordet. Dort lebten auch die berühmten Maler Diego Rivera und Frida Kahlo, durch deren Vermittlung der mexikanische Präsident, Lazaro Cardenas Leo Trotzki Asyl gewährt hatte. Wie die meisten Häuschen in Coyocan und in allen mexikanischen Dörfern war das Haus, in dem Alice und Otto Rühle lebten, von bescheidener Größe, weißgetüncht, aus Adobe-Lehmziegeln gebaut, mit einem kleinen, von Kakteen umzäunten Vorgarten, pupurne und rote Blüten von Bougainvillea und Jacaranda-Bäumen bedeckten einen Großteil der vorderen Wand. Alle Wege ringsumher waren ungepflastert, alles war sehr dörflich, die Großstadt noch weit entfernt...Am 24.Juni 1943 starb Otto Rühle an einem Herzschlag. Er war immer gesund und kräftig gewesen, und sein Tod im 69.Lebensjahr kam ganz unerwartet. Am gleichen Tag beging Alice Selbstmord, erst 49 Jahre alt..." Kalmar schleppte das ihm anvertraute Manuskript über die weiteren Exilstationen bis er von Berkeley aus, durch Arthur Koestler ermutigt, einen Verleger fand.

Claire Jung konnte es gelingen, "zu Hause" zu bleiben, in Berlin. "Paradiesvögel" waren die Menschen ihrer Umgebung, die "Avantgardisten" um die "Aktion" Franz Pfempferts", um den Malik-Verlag, die "Aktivisten" der KAP. Als die Krise ihres Lebens 1932 "mit der politischen zusammenfiel", baut sie eine Korrespondenz auf, den "Deutschen Feuilleton-Dienst", der Zeitungen mit "Kulturnachrichten" bediente."Die ständige Beschäftigung mit wissenschaftlichen Problemen brachte eine neue Seite meines Wesens zum Klingen und eine Reihe von Essays und Versuchen hervor. Werke von Leo Frobenius und Josef Beyer, Jakob v. Uexküll und Carl Ludwig Schleich und die Bekanntschaft mit Ernst Fuhrmann, Hugo Hertwig und der Zeitspanne 1890-1938 und insofern Bezüge herstellen, - an denen ich beobachte, daß das "autobiographische" Schreiben bewußt oder nicht bewußt, nicht von "unerträglicher Leichtigkeit" ist, die Autorin, der Autor womöglich dazu etwas sagen, und dann mich, den Leser den Horizont "empfinden" lassen, in dem mich heute noch "bewegt" (wenn das ein passendes Wort ist), was passiert ist: Lou Andreas-Salome, "Lebensrückblick" 1968, Max Brod, "Streitbares Leben" 1968, Fritz Brupbacher, "60 Jahre Ketzer" 1935, Toni Cassirer, "Mein Leben mit Ernst Cassirer" 1981, Claire Studer, Ivan Goll,"Meiner Seele Töne" 1966, Alfred Grotjahn, "Erlebtes und Erstrebtes" 1931, Martin Grotjahn, "My Favourite Patient" 1987, Julius Hay, "Geboren 1900 - Aufzeichnungen eines Revolutionärs" 1971, Kurt Hiller, "Logos", "Eros" 1969, Arthur Hollitscher, "Lebensgeschichte eines Rebellen" 1924, Karl Jaspers, Philosophische Autobiographie 1977, Claire Jung, "Paradiesvögel" 1982,Lili Körber, Die Ehe der Ruth Gompertz Mannheim 1984, Arthur Koestler, "Als Zeuge der Zeit" 1982, Hans Lietzmann, "Glanz und Niedergang der deutschen Universität" (in Briefen von und an H.L.) 1979, "Leo Löwenthal, Mitmachen wollte ich nie" 1980, Georg Lukacs, Briefwechsel 1902-1917, Katja Mann,"Meine ungeschriebenen Memoiren" 1974, Hugo Marx, "Werdegang eines jüdischen Staatsanwalts und Richters in Baden (1892-1933)" 1965, Franz Mestitz, Anmerkungen zu meinem Leben, Frankfurt 1986, Franz Oppenheimer, "Mein wissenschaftlicher Weg" 1929, Lily Pinkus,"Verloren,Gewonnen,Mein Weg von Berlin nach London" 1980, Alice Rühle-Gerstel "Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit" 1984, Eugen Rosenstock-Huessy, "Erinnerungen" 1965, Hans Sahl, "Einer und die Vielen" 1970,"Memoiren eines Moralisten" 1983, Egon Schwartz, "Keine Zeit für Eichendorff:Chronik unfreiwilliger Wanderjahre" 1979, "Toni Sender, "The Autobiography of a German Rebel" 1939, Sabina Spielrein, "Tagebuch" 1986, Gabriele Tergit, "Etwas Seltenes Überhaupt, Erinnerungen" 1983, Marina Zwetajewa, "Mutter und die Musik, Autobiographische Prosa" 1985.

"Werdegänge" ins Exil und durch die Gefängnisse, "Gegenstand" und "Inhalt" der Texte, über dem Schreiben die Auseinandersetzung mit dem Medium, mit der Sprache, den Formen, mit der Absicht und Motivation, am ehesten - scheint mir - gelungen im autobiographischen Roman (Rühle-Gerstel,Sahl), als "Dokumentation" in Briefen (Lukacs, Lietzmann, Spielrein). Aber das "Herunterschreiben","kunstlos", ein "Verzicht auf Glättungen", ein Pathos der "Unbeholfenheit", "Bericht" nimmt mich, den Leser ebenso in Anspruch.

Egon Schwarz, 1922 geboren, ist in meiner Liste der jüngste. Aufgewachsen in Wien:"So weit ich zurückdenken kann, hatten der Aufstieg Hitlers und die Machtübergabe an die Nazis im mächtigen Nachbarland bedrohliche Schatten zu uns herübergeworfen. Was Wunder, daß man den Begriff "Auswanderung" erörterte, längst ehe er ein Synonym für Lebensrettung wurde...Ich selber begann mich in der Lebensphase, wo sich die Persönlichkeit festigt und der Mensch auch seine grundlegenden politischen Orientierungen annimmt, immer mehr sozialistischen Ideen zuzuwenden. Darin ist bestimmt nichts Eigentümliches...Dies waren nicht nur die Jahre der sich immer weiter ausdehnenden Hitlerherrschaft, sondern überhaupt der faschistischen Triumphe in fast allen Ländern Europas. Irgendwie wurde der spanische Bürgerkrieg zu meinem politischen Urerlebnis...Die Erlebnisse, auf denen meine spätere geistige Haltung beruhte, waren vielfältig...Zur intellektuellen Bewältigung dieser verzwickten Umstände boten sich jüdische Religion und Zionismus auf der einen Seite,tieferes Eindringen in die traditionelle europäische Kultur und sozialistische Orientierung auf der anderen an. Ich wählte sozusagen auf lange Sicht die zweite Alternative." Egon Schwarz 16 - ich übertrage die Schreibweise von Julius Hay s.u. - fand sich in Bolivien, blieb viele Jahre in Lateinamerika.

"Zu zeigen, wie es jemand erging, dessen Leben aus der Bahn geworfen wurde, weil diese Mitläufer, diese halben oder ganzen Nazis eine Zeitlang die Dinge lenken konnten, liefert mir jedenfalls einen starken Antrieb...Nachdenken über meinen Werdegang - dieses Wort scheint mir das Dilemma geradezu zu verkörpern, denn sein erster Teil deutet mehr auf die äußeren Zwänge, der zweite mehr auf die persönliche Initiative - hoffe ich, zwischen dem mir durch die Umstände Vorgegebenen und dem Beitrag, den ich zu meinem Leben geleistet habe, genauer unterscheiden zu lernen..."

Bei Hans Sahl folgt der romanhaft erzählten Erinnerung des "Werdegangs" die Besinnung auf die anderen Menschen mit dem Motiv der "Rettung": "Oh, wie ich das kenne, diese Aufmunterungen, diesen Appell an das Gewissen, etwas zu schreiben, das man nicht mehr schreiben wollte...Zudem habe ich einmal den "Roman einer Zeit" geschrieben...in dem ich das autobiographische Material nur als Rohstoff benutzte...Wichtig erschien es mir, die Verhaltensweise bestimmter Menschen in bestimmten Situationen darzustellen, ihr Ausgeliefertsein an die Geschichte, die ihre Gesichtszüge auslöschte und ihre Namen in alle Winde zerstreute. Heute, so scheint es mir, hat jeder von ihnen ein Anrecht darauf, aufgerufen und in seiner Einmaligkeit und Unwiederbringlichkeit erkannt zu werden. Ich werde also Namen nennen, soviele als möglich. Sie werden mich durch dieses Buch begleiten. Die großen und die kleinen. Die Kriegselephanten der Literatur und der Kunst ebenso wie das schreibende Fußvolk, das mit ihnen den Marsch ins Exil antrat..." Die Moral ist "paradox": "die Meere bezwungen, den Krieg und die große Pestilenz, wo wir doch nicht einen Fuß vor den anderen setzen konnten und Mühe hatten, das eigene Wort zu verstehen."

Arthur Koestler, philosophiert - mir beinahe unerträglich - zum autobiographischen Schreiben:"Dem aufgeblasenen Bericht des Prominenten steht die Nacktheit des Exhibitionisten gegenüber - unerquicklich, weil nur gesunde Nacktheit anziehend wirkt;wer außer dem Arzt hat Freude an der Krätze?..." Motiv aller Selbstdarstellung: Das Erlebte teilen, um die Isolation des Ichs zu überwinden? Bei Koestler "Drang", "Bedürfnis"? "Ecce Homo" wie "sterbende Ärzte, mit minuziöser Genauigkeit ihre Gedanken und Gefühle unmittelbar vor dem Fall des Vorhangs aufzuzeichnen" bemüht sind". - "Während des Spanischen Bürgerkrieges, als ich im Gefängnis saß mit der Aussicht, an die Wand gestellt zu werden, tat ich ein Gelöbnis: Wenn ich lebendig aus dieser Geschichte herauskäme, dann würde ich eine aufrichtige und gegen mich selbst schonungslose Selbstbiographie schreiben...Aber welche Art Leser stellt der Autor sich vor?... Arthur Koestler schrieb in der Vossischen Zeitung der 20er Jahre zu Naturwissenschaft und Technik, in "Der Krötenküsser" hat er an dem Wiener "Lamarckisten" Kammerer seine Sicht der "Wissenschaftlichkeit" entwickelt.

Julius Hay bewegt, wie er nie derselbe gewesen, von Jahr zu Jahr ein anderer und doch er, ja ganz besonders unbeirrt er selbst:"J.H.57 ging geduldig in der engen Box herum, die dazu diente, daß die Häftlinge ungesehen und einzeln spazierengeführt werden konnten. - J.H. 58 gewöhnte sich an die Sträflingskluft. - J.H.59 lernte, wie ein braver Sträfling auf jedem Strohsack jederzeit einschlafen kann, wenn er nur darf. Und all die Jahre, Tage und Nächte schuf ich in der Zelle an meinem Drama weiter. Eine schöpferische Henkersmahlzeit war das.Und wo lag mein Damaskus? Wo bin ich aus einem Saulus ein Paulus - oder aus einem Paulus ein Saulus - geworden? Ich glaube, nirgends. Und eben dafür sollte ich büßen.Jahrzehntelang schon ging und hastete und trottete ich denselben Weg, immer denselben Weg, den ich als Weg zum Sozialismus kannte.Andere aber, die sich die Partei nannten, verließen diesen engen Pfad. Sie wählten die Straße der Macht und Gewalt und sagten, diese Straße führe zum Sozialismus, zum Kommunismus... Sie haben ihr Ziel nicht erreicht, und ich habe mein Ziel nicht erreicht..."

Mir gibt Hay über dem Lesen zu denken, was einleitend gesagt war: "Was mir nachträglich alles so schwer macht ist, daß ich mich enttäuscht fühle, obwohl ich nie Illusionen hatte...": Enttäuschung über solch eindrucksvolles Leben? Ich höre einen Vorwurf an mich, den Leser, bin versucht stellvertretend um Geduld zu bitten, noch immer um Geduld?

"Werdegänge" ins Exil und durch die Gefängnisse. Auch bei Kurt Hiller: "Ein besonderer Freund der Schriftengattung Selbstbiographie bin ich nicht. Zu schweigen von herrlichen Ausnahmen wie Gide, wie Toller...Wenn ich mich trotzdem entschlossen habe, dieses, in der Sprache der Mucker zu reden "ichbezogene Buch zu verfassen, so geschah das ... nicht zuletzt auch, weil ich so in die Lage komme, etwas, was ich bisher nur außerhalb Deutschlands einem kleinen Kreis von Nichtdeutschen und Emigranten in einer Zeitschrift vortragen konnte (1934/35), hier endlich Deutschland zu unterbreiten: meine Erlebnisse in Hitlers Hafthöllen... Schon damals kamen von den Anständigen etliche um, später zahllose...ich durchstand die Jahrzehnte;umso stärker die Pflicht, mitteilend-aufklärend zu kämpfen. Es ist kein Kampf nach rückwärts; wo sind denn die rechtlichen Regellungen, die eine Wiederholung der Schande unmöglich zu machen suchen..."

Rechtliche Regellungen und Statuten, die wir uns geben, wenn wir z.B. 1986 einen Verein zur Wissenschaftsforschung gründen wollen und an die Schande der wissenschaftlichen Vereine von 1933 zu denken haben?

Einer der früh geschriebenen und spät erst publizierten Berichte aus der Emigration ist der Roman "Umbruch oder Hanna und die Freiheit" Hanna oder Alice Gerstel, die Prager Bürgerstochter, hat 1935 die Untergrundarbeit in Deutschland aufgegeben und ist nach Prag emigriert, sie beschreibt die Schrecken dieser Zeit der faschistischen Triumphe: einer der Schrecken ist die stalinistische Indoktrination der Opposition. "Alltag" einer Intellektuellen und der einer Frau in der Männerwelt einer liberalen Zeitung, wo bleibt das "Ich" mit Empfinden und Gefühl in der politischen Arbeit? Stephen Kalmar beschreibt im Nachwort wo er die Autorin 1940 traf: "Coyocan, ein alter,kleiner Vorort im Süden von Mexiko City, sollte bald in der ganzen Welt bekannt werden, denn dort wurde 1940 Leo Trotzki ermordet. Dort lebten auch die berühmten Maler Diego Rivera und Frida Kahlo, durch deren Vermittlung der mexikanische Präsident, Lazaro Cardenas Leo Trotzki Asyl gewährt hatte. Wie die meisten Häuschen in Coyocan und in allen mexikanischen Dörfern war das Haus, in dem Alice und Otto Rühle lebten, von bescheidener Größe, weißgetüncht, aus Adobe-Lehmziegeln gebaut, mit einem kleinen, von Kakteen umzäunten Vorgarten, pupurne und rote Blüten von Bougainvillea und Jacaranda-Bäumen bedeckten einen Großteil der vorderen Wand. Alle Wege ringsumher waren ungepflastert, alles war sehr dörflich, die Großstadt noch weit entfernt...Am 24.Juni 1943 starb Otto Rühle an einem Herzschlag. Er war immer gesund und kräftig gewesen, und sein Tod im 69.Lebensjahr kam ganz unerwartet. Am gleichen Tag beging Alice Selbstmord, erst 49 Jahre alt..." Kalmar schleppte das ihm anvertraute Manuskript über die weiteren Exilstationen bis er von Berkeley aus, durch Arthur Koestler ermutigt, einen Verleger fand.

Claire Jung konnte es gelingen, "zu Hause" zu bleiben, in Berlin. "Paradiesvögel" waren die Menschen ihrer Umgebung, die "Avantgardisten" um die "Aktion" Franz Pfempferts", um den Malik-Verlag, die "Aktivisten" der KAP. Als die Krise ihres Lebens 1932 "mit der politischen zusammenfiel", baut sie eine Korrespondenz auf, den "Deutschen Feuilleton-Dienst", der Zeitungen mit "Kulturnachrichten" bediente."Die ständige Beschäftigung mit wissenschaftlichen Problemen brachte eine neue Seite meines Wesens zum Klingen und eine Reihe von Essays und Versuchen hervor. Werke von Leo Frobenius und Josef Beyer, Jakob v. Uexküll und Carl Ludwig Schleich und die Bekanntschaft mit Ernst Fuhrmann, Hugo Hertwig und Adrien Turel waren es, die meinen Arbeiten eine ganz andere Richtung gaben als bisher" (Turel ist Psychoanalytiker, schrieb damals für Harro Schulze-Boysens "Gegner", Anfang 34 erste Verhaftungswelle, Erlanger, ein junger Mitarbeiter, wird erschossen. Essay Turels 1934: Technokratie, Autarkie, Genetokratie).Hermann Schüller, ein Mitstreiter aus der Zeit des "Proletarischen Theaters" (1921)betrieb ein ähnliches Unternehmen "wissenschaftlicher Berichterstattung" man arbeitete zusammen (Schüller war Vormund der Kinder des gemeinsamen Freundes Alexander Schwab, der ermordet wurde). Schüller schrieb "Forscher zwischen Traum und Tat" 1942, in zweiter Auflage "Weltmacht Atom" 1947. Helga Karrenbrock schreibt über Claire Jung "Sie hatte den Mut zur Veränderung der Welt unter völliger Verkennung der "Tatsachen". Sie lebte intensiv ein Modell von Solidarität und war zugleich im traditionellen, auch im traditionell linken, Sinn völlig unpolitisch". Claire Jung: "Im Sommer 1911 - ich war damals 19 Jahre alt - hatte ich die für mein ganzes weiteres Leben wichtigste Begegnung: ich lernte in Berlin den literarischen Kreis um die Aktion kennen..."

1931 redigierte Alfred Grotjahn seine 1927 (mit 58 Jahren) niedergeschriebenen Erinnerungen:"Zurückblickend auf sein Leben angesichts eines vielleicht baldigen Endes Erinnerungen niederschreiben, heißt Gerichtstag halten mit sich selbst." Er sieht sich als Aussenseiter, sowohl im Beruf als Hygieniker "weil er es wagte, den Menschen selbst wieder als Objekt der Hygiene in den Vordergrund zu stellen" (und lieferte Formulierungen für Eugenik (vom "Statistiker" Francis Galton eingeführte Bezeichnung) und "Rassenhygiene" (dieses Wort lehnt Grotjahn wegen der Gobineau-Zusammenhänge ausdrücklich ab)(Vgl. die drastische (und "überzogene"?) Kritik von Karl Heinz Roth 1984), als auch als Sozialist, der nicht auf den "geistigen Vorrang" "des vom Klassenhass freien Akademikers und Intellektuellen... verzichten konnte und wollte". Grotjahn starb noch 1931. Martin Grotjahn, sein Sohn und Psychoanalytiker wird in der amerikanischen Emigration auf den "nationalsozialistischen" Vater angesprochen, dieser Vater ist in des Sohnes Selbstdarstellung sehr gegenwärtig aber seine wissenschaftliche "Verirrung" kommt nicht zur Sprache. Ist die Kluft zwischen dem zu Lebzeiten (und in den Memoiren) menschlichen Alfred und dem im Grab zum Monstrum gewordenen allzu tief? Martin Grotjahn erinnert sich, wie er im Nachkriegsamerika, von einem Kollegen gerufen, die Diagnose Epilepsie prüfen soll und unwillkürlich Argumente sucht, um den Kranken vor der Sterilisation zu retten, wie seinerzeit in Berlin. Kein Wort an dieser Stelle über Alfred, von dem Karl Heinz Roth schreiben kann: "Nur sein Tod hinderte ihn daran, die Kontinuität des Projekts (zur Sterilisation K.S.) bis zum nazistischen "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" zu wahren". Eine engagierte Formulierung in der aktuellen gesundheitspolitischen Debatte und eine, die durch die individualisierende Zuschreibung und das "entwickeln" der Geschichte von den Köpfen her, meines Erachtens fehlgeht. Sozialist war Grotjahn seit er mit Ludwig Woltmann,von dessen "Arierschwärmerei" er nichts hält, versucht hatte, Bebel und Kautsky Studentenpolitik nahezubringen, er verließ die Partei und den Zirkel um Leo Arons, den er lebendig schildert, als der "Revisionismus" scheitert. 1914 sieht er sich durch Theodor Wolff, den er "eines Tages zufällig in der Bendlerstraße" getroffen im Skeptizismus bestärkt, spricht von der "akuten Geistesverwirrung" "bisher geschätzer Personen" (u.a.Ernst Haeckel, Wilhelm Wundt, Werner Sombart"), vom "Weltreichskoller". Die Invasion in Belgien dämpft seinen nationalistischen Patriotismus, Tagebuchnotizen vermitteln 1914 die Unmittelbarkeit seiner politischen Einsichten, am 3ten August die "Kriegskredite", am 4ten die "Neutralitätsverletzung", Grotjahn trifft regelmäßig Fritz Tönnies, Max Liebermann, Walther Rathenau, Albert Südekum, Major Parseval, Philipp Scheidmann, kurz eine Fraktion der "Kulturwelt" in der "Deutschen Gesellschaft 1914" in Robert Boschs "Haus Pringsheim". 1919 wird er ein "Revolutionsprofessor", Konrad Haenisch institutionalisiert die "Sozialhygiene". Tagebuchnotiz vom 18.Mai 1919: "Uns, die wir dieses große Stück Geschichte miterleben, soll man später nicht vorreden, daß einzelne Personen dieses Stück Weltgeschichte gemacht haben...Dagegen kann anscheinend der Einzelne auch in der Politik sehr viel Unfug anrichten..."

Unter dem 10.November 1916 schreibt Leopold Ziegler aus Ettlingen an Georg Lukacs in Heidelberg:"Für ein persönliches Wiedersehen käme ja am besten ein Besuch bei uns in Betracht. Leider müssen wir aber einstweilen davon absehen, wegen der leidigen Verpflegungsverhältnisse. Ich würde ihnen daher gern vorschlagen, an irgend einem Nachmittag mich in Karlsruhe zu treffen. Etwa Sie kommen mit Zug 4.24 in K. an, ich von Ettlingen 4.38. Endweder holen Sie mich dann am Albtalbahnhof ab, der 5 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt liegt und leicht zu finden ist, oder wir geben uns ein Stelldichein in Wartesaal 2.Klasse, Hauptbahnhof, und gehen dann gemeinsam ins Kaffee Tiergarten gegenüber..." Gustav Radbruch hat, wie Ziegler, Lukacss "Theorie des Romans" gelesen - "schon vor Wochen hier im Unterstand mit Genuß aber auch mit großer Anstrengung" - und möchte, daß Lukacs zu seinem "Kriegsaufsatz" (Zur Philosophie des Krieges) im Archiv für Sozialwissenschaft "einmal ein Wort" sagte (Brief vom 14.11.16). Und Hans Vaihinger hat von Paul Ernst, mit dem Lukacs ausgiebig korrespondiert - "Wenn Sie sagen: der Staat ist ein Teil des Selbst: so ist es richtig. Wenn Sie sagen: er ist ein Teil der Seele, so ist es unrichtig..." (Brief vom 4.5.15) -erfahren, "daß sie zu denen gehören, die "eine neue Metaphysik wollen, aber bewußt als Fiktion". Wenn ich dies richtig verstehe, so mündet das ein in dasjenige, was ich selbst "Die Philosophie des Als Ob" nenne" (s.a.die "Bogastroitelstvo" (Gottkonstruktion) Alexandr Bogdanovs in Opposition zur "Bogaiskatelsvo" (Gottsuche) bei Nikolai Berdiaev vor 1905).Ein Jahr zuvor - 21.9.1915 - will Ernst Bloch aus Berlin von "Djoury" wissen, "wie es mit Deinen Militärsachen steht", er selbst denkt, daß seine "hohe Kurzsichtigkeit dazu mit einer von einem Münchener Privatdozenten der Augenklinik konstatierten "nervösen Sehstörung" genügt". Lukacz hat von Karl Jaspers ein Gutachten, bittet unter dem 9.11.15 um Ergänzung, "da wie Sie wissen, ich keinen Civilberuf auszuüben fähig bin wegen des großen nervösen Wechsels in der Arbeitsfähigkeit, die es verursacht, daß auf arbeitsfähige Tage oder Wochen Tage, beziehungsweise Wochen der tiefsten Depression und Arbeitsunfähigkeit folgen..." (von der "Leistung im Civielberuf" hängt neuerdings die Kriegstauglichkeit ab). Bela Balazs hat im Februar 1915 "das Gefühl, daß es zu handeln gilt und ich so sein muß', daß man mir glaubt und folgt". Er findet, "daß sich unsere neue spirituelle Generation im Namen des Heiligen Geistes international organisieren müßte,wie es die Arbeiter und die Frauen tun...eine Reaktion auf diesen Krieg... Du mußt Führer sein..." (Brief an G.L. 28.2.15) Von Max Weber erfährt Lukacs die Meinung von Emil Lask über seine Arbeit:" er ist geborener Essayist, er wird nicht bei systematischer (zünftiger) Arbeit bleiben; er sollte sich deshalb nicht habibilitieren. Denn der Essayist ist gewiß auch nicht um Haaresbreite weniger als der zünftige Systematiker, - eventuell grade im Gegenteil. Aber er gehört nicht an eine Universität und gereicht dort weder dem Betrieb, noch vorallem sich selbst zum Heil". Nicht nur Lasks, sondern auch Webers Ansicht? "Weil ihr plötzliches Abschwanken zu Dostojewski - jener Ansicht (Laskss) Recht zu geben schien, haßte ich diese Ihre Arbeit und hasse sie noch." (Brief 14.8.16)

Ein Stück deutsche Hochschulgeschichte vorher und bis heute in ein paar Sätzen.Deutsche Hochschule ist nicht "Kulturarbeit" schlechthin, sie soll "systematisch sein. Was ist Systematisch?

Noch ein paar Sätze Webers, angeregt durch Lukacs, drei Jahre zuvor: "Ich bin begierig, wie es werden wird, wenn Ihr "Form"-Begriff auftaucht: "Geformtes" ist ja nicht nur das Werthafte, das über dem Erlebnishaften sich erhebt, sondern geformt ist auch das in die Tiefe und äußersten Winkel des "Kerkers" eintauchende Erotische. Es teilt das Schicksal des Schuld-Belasteten mit allem geformten Leben, steht in der Qualität seines Gegensatzes gegen Alles, was dem Reiche des "formfremden" Gottes angehört, dem ästhetischen Sichverhalten sogar nahe. Sein geographischer Ort muß bestimmt werden und ich bin begierig, wo er bei Ihnen sich befindet..."(10.3.13)

In diesen Briefen die "Heidelberger" Vor-November-Atmosphäre (i.A.a."Vormärz") "zum Greifen" präsent, ob Weber schreibt "Mein Gehirn leistet nichts mehr...Zu einem Versuch, mich mit der Sache selbst auseinanderzusetzen, fehlt mir jetzt jede Kraft und Möglichkeit. Ich bin sehr"fertig" (22.3.13) oder Joseph Lukacs dem Sohn den Kredit erhöht, über die 10000 (!) Mark Jahresausgaben hinaus (25.5. 14).

Hugo Marx erlebt Heidelberg zur gleichen Zeit als Student und dann bis 1933 als "jüdischer Staatsanwalt und Richter in Baden": "Autobiographie" zugleich langweiliger als der Lukacs-Briefwechsel und faktisch, im Bericht aus der ersten Republik mindestens ebenso "interessant", vom Landgerichtspräsidenten a.D. 1965 verfaßt, "konventionell" in der Diktion, relevant in erinnerten "Tatsachen". "Es ist kaum ein schärferes,tiefer geschautes, ehrlicheres und rücksichtsloseres Selbstbildnis denkbar, als dies Radbruch in seiner Autobiographie "Der innere Weg" geschaffen hat...Bildhaft war diese persönliche Erscheinung einfühlend wiedergegeben in dem Gemälde von Maria Ranke...Diesem Bild glaubte man den Frondeur der bürgerlichen Gesellschaft, für den sich Radbruch um jene Zeit selbst hielt, und der in seinem Herzen, seiner Gesinnung bereits dem sozialistischen Lager zugehörte, obwohl er formell bei der demokratischen Partei eingeschrieben war, die er neben anderen Großen der Heidelberger Universität im Stadtparlament geistreich vertrat. Das war der radikale Denker, der viele russische Sozialrevolutionäre und zahlreiche junge jüdische Oppositionelle in seinen Bann zog...Es war eine völlig andere Persönlichkeit wie der opportunistische sozialdemokratische Politiker, der während der zwanziger Jahre auf der Bühne der Sozialdemokratischen Partei eine wenig glückliche und für das Schicksal der Weimarer Republik bestimmt nicht förderliche Rolle spielte..." Von Max Weber, dem "wissenschaftlich genialen, aber politisch kurzsichtigen und deshalb auch schicksalhaft politisch gescheiterten", erinnert Marx die "Leidenschaftlichkeit" besser wohl das drastisch zum Ausdruck gebrachte Selbstbewußtsein mit dem er in einer Prozeßpolemik von sich selbst erzählte wie er einem Studenten sein Kolleggeld zurückgegeben habe, um ihn nicht in der ersten Reihe seiner Hörer sehen zu müssen.

Marx erzählt wie zu den ersten,kurzfristig angesetzten - "vom sozialistischen Standpunkt aus sicher ein fundamentaler Fehler" - Wahlen der Republik mit der neugegründeten deutschnationalen Partei in Heidelberg unter Führung des Philosophiedozenten Arnold Ruge eine "wilde antisemitische Bewegung" aufkam und seine "Demokratische Partei, zu deren Promotoren die Brüder Max Weber und Alfred Weber gehörten" ihn und Moritz Mayer in den Wahlkampf schickte. Die DDP "bedeutete eine der größten Enttäuschungen in der Geschichte des deutschen Parteiwesens" Die badischen Wahlen zeigten zuerst, wie stark das nicht revolutionäre Lager war ("Ära des Prälaten Schofer"). Marx berichtet, wie er gegen Nahum Goldmann,damals Student und Vertreter einer national-jüdischen Politik: Stimmenthaltung, die Wahlen den Deutschen überlassen, auftrat, obwohl er von den "überassimilationistischen Tendenzen des Centralvereins durchaus nicht begeistert" war. "Die Geschichte hat Nahum Goldmann recht gegeben. Ich habe seine Auffassung schon vor 1933 akzeptiert".

Zur Arbeit in der er selbst steckte - die Mörder Erzbergers konnten von den bayrischen Behörden geschützt nach Ungarn entkommen - und zu einem bedeutenden Zeitgenossen schreibt Marx: "Professor Emil Gumbel, der Weltruf geniessende mathematische Statistiker, der früher in Heidelberg der Universität angehörte und heute in New York wirkt, hat mit seinem klassischen Buch "Sieben Jahre politischer Mord" sich das große Verdienst erworben, diesen Justizdschungel dargestellt zu haben, den die Weimarer Republik nicht bewältigen konnte und der viel zu ihrem Untergang beigetragen hat."

Carlo Mierendorf - "der ebenso begabte wie unerschrockene Vorsitzende der Sozialistischen Studentenschaft" - hat als nach dem Mord an Walther Rathenau Philipp Lenard als Institutsdirektor "Staatswiderstand" beging, indem er die Fahne vollmast setzen ließ und weder Universität noch Polizei ihn maßregeln wollte, zur Institutsbesetzung aufgerufen und Lenard wurde gewaltsam ins Gewerkschaftshaus entführt. Marx schildert genau und ausführlich, wie er - es war sein dreißigster Geburtstag - eingriff, seinen vor einer großen Menschenmenge unentschlossenen Chef zum Handeln bewegte und die brenzliche Situation sehr persönlich zu einem guten Ende ("Im ersten Stock fanden wir die uns bekannte Don Quijottehafte Figur von Lenard...") brachte: "Das Versprechen des Oberstaatsanwalts, das unter Anrufung meiner Garantie gegeben war und dahin ging, daß Lenard zur Rechenschaft gezogen werden sollte, wurde nie eingelöst. Die Regierung brachte den Mut nicht auf, ihn öffentlich als Staatsfeind zu diffamieren. Auch die Universität hat nichts gegen Lenard unternommen. Er blieb in Amt und Ehren." Marx fühlte sein "persönliches Prestige schwer verletzt", sein "Staatsgesinnungsbewußtsein tief gedemütigt". Er hatte allen Grund. "Schlimmer war,daß...gegen Mierendorff und einige Gewerkschaftsführer Anklage wegen Landfriedensbruch" erhoben wurde:" Die Republikaner, die in bester Absicht das Staatsinteresse wahrzunehmen sich bemüht hatten, wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt. Ehrend sei der Universität Heidelberg gedacht. Unter dem Vorsitz des charakterlich großartigen Gerhard Anschütz, der vor allem von Professor Jaspers, der Beisitzer war, unterstütztwurde, ist Mierendorff im universitären Disziplinarverfahren freigesprochen worden..."

Mein Studienkollege Gisbert zu Putlitz hat in seiner Amtszeit als Rektor zusammen mit Reinhard Neumann die voluminöse Jubiläumsschrift der Heidelberger Universität 1986 um den Beitrag "Philipp Lenard" bereichert: "Es wäre wohl bei weitem am bequemsten gewesen, Lenard in einer Festschrift für die Ruperto Carola einfach wegzulassen...Dennoch darf gerade Lenard nicht fehlen: Sein Leben geriet zum Lehrstück, daß hohe wissenschaftliche Leistungen in keiner Weise schützen vor extremen politischen Fehlurteilen und davor moralisch völlig zu versagen." Meines Erachtens ein dreifach schiefer Satz: Um hier zu lernen ("Lehrstück"), müsste erst gelernt worden sein, das "Wissenschaft" eine politische und moralische Anstalt ist, das "extreme politische Fehlurteil" war seinerzeit geachtete "öffentliche Meinung",und dafür, "moralisch völlig zu versagen", ist Philipp Lenard kein gutes Beispiel, eher ist er dafür ein Beispiel, daß "Moral" versagt.

Nachdem eklatant schlechte Wissenschaftshistoriographie hinreichend zitiert ist, wird am Schluß die These vom "Lehrstück" bekräftigt: "Indem er sich hinreißen ließ zu zunehmend inkompetenten und sachlich ungerechtfertigten Äußerungen, zu politischer Polemik und antisemitischen Verleumdungen, hat Lenard aus heutiger Sicht den moralischen Kredit verspielt, der ihm als einem der Großen in der Physik ursprünglich zustand". "Großen in der Physik" steht moralischer Kredit zu? In Umkehrung der Morallogik, die Größe für Moral verspricht?

Ich komme auf diese "Aktualität" zu sprechen, weil den Autoren die Lektüre von Hugo Marx zur Fehlleistung geriet: "Die Vorgänge an diesem Tag schildert H. Marx ausführlich, der sich als Staatsanwalt damit befassen mußte. Es kam zu teilweise handgreiflichen Auseinandersetzungen (Einzelheiten siehe auch Be 1980, S.134f. (A.D.Beyerchen, Scientists under Hitler 1977 K.S.). Der akademische Senat untersagte Lenard wegen seiner Weigerung bis auf weiteres, sein Institut zu betreten. Mit einer Unterschriftensammlung und Eingabe erreichten seine Studenten seine Wiedereinsetzung durch das zuständige Badische Ministerium." Mag sich doch der jüdische Staatsanwalt a.D. Hugo Marx im Grabe herumdrehen? Carlo Mierendorff wird garnicht erst erwähnt. Das besorgte Norbert Giovannini in Ergänzung zur "offiziellen" in der "alternativen" Jubiläumsschrift (Karin Buselmeier et al. Hg.) und mußte sich vor der Fernsehkamera - politisch oder moralisch? - mit dem Rektor und mit Hans Gadamer auseinandersetzen.

Karl Jaspers (geb.1883) - ein "Oldenburger" und lange Jahre "Heidelberger" -schrieb seine Autobiographie für Paul A. Schilpp "Philosophen des 20. Jdts" 1956, für einen Band zu seiner Philosphie: "1937 wurde ich vom nationalsozialistischen Staate meines Lehrstuhles beraubt, 1945 mit Zustimmung der amerikanischen Besatzungsbehörde wieder eingesetzt. 1948 folgte ich einem Rufe an die Universität Basel, an der ich heute lehre...Ich genoß die Einsamkeit in unberührter Natur, im Engadin und an der Nordsee. Wie beglückend die Anschauung des Schönen in Italien! Ich war hingerissen auf Reisen...Aber wie schmerzvoll die Einsamkeit, wenn ich mich ihr eine Weile hingegeben hatte! Zu Menschen zog es mich. Doch was tun?..."Man muß krank sein um alt zu werden" sagt ein chinesisches Sprichwort (Albert Fraenkel in Badenweiler stellte dem 18jährigen die Diagnose: "Bronchiektasen und sekundäre Herzinsuffizienz" K.S).... Einsamkeit, Schwermut, Selbstbewußtsein, alles verwandelte sich, als ich 24 Jahre alt, 1907, Gertrud Mayer begegnete..."

1911 hat Jaspers von Wilmanns und vom Springer Verlag das Angebot eine Psychopathologie zu verfassen:"Diltey hatte gegen die theoretisch erklärende Psychologie eine andere "beschreibende und zergliedernde Psychologie" gestellt. Diese Aufgabe machte ich mir zu eigen, nannte die Sache "verstehende Psychologie" und arbeitete die längst geübten, von Freud auf eigentümliche Weise faktisch angewandten Verfahren heraus, durch die man im Unterschied von den unmittelbar erlebten Phänomenen die genetischen Zusammenhänge des Seelischen, die Sinnbezüge, die Motive aufzufassen vermag...Niemals läßt sich mit wissenschaftlichen Mitteln gleichsam die Bilanz eines Menschen ziehen. Jeder kranke Mensch ist wie jeder Mensch unerschöpflich.Niemals gelangt das Bescheidwissen so weit,daß nicht die Persönlichkeit in ihrem verborgenen Geheimnis, und sei es als bloße Möglichkeit, als noch widerstrahlend in wundersamen Resten, wenigstens fühlbar bleibt."

"Die großen Anstalten für Geisteskranke wurden immer hygienischer und prachtvoller gebaut. Das Leben der Unglücklichen, im Wesen nicht zu ändern, wurde verwaltet... Angesichts des verschwindend geringen Wissens und Könnens halfen sich intelligente, geistig unfruchtbare Psychiater mit Skepsis und mit eleganten Redensarten weltmännischer Überlegenheit wie etwa Hoche.

Die posthume Neuausgabe der philosophischen Autobiographie wurde durch einen Kapitel "Heidegger" ergänzt."Im Mai (1933 K.S.) war er noch einmal kurz und zum letzten Mal bei uns...Schon bei der Ankunft entstand eine uns trennende Stimmung. Der Nationalsozialismus war zu einem Rausch der Bevölkerung geworden. Ich suchte Heidegger zur Begrüßung oben in seinem Zimmer auf. "Es ist wie 1914..." begann ich, und wollte fortfahren:"wieder dieser trügerische Massenrausch" aber angesichts des den ersten Worten strahlend zustimmenden Heideggers blieb mir das Wort im Hals stecken. Dieser radikale Abbruch machte mich ausserordentlich betroffen...Ich zweifle, ob er jenen Abbruch bis heute begriffen hat...Angesichts des selber vom Rausche ergriffenen Heideggers habe ich versagt." Jaspers schließt: Was seit 1933 war und heute ist, scheint mir zwischen Heidegger und mir offen. Ich kann nicht abschließen."

Toni Cassirer schreibt: "Nicht mein Leben soll geschildert werden, sondern Ernstens Persönlichkeit, wie ich sie erlebt und gesehen habe". 1928 hält sie ihn davon ab, auf Einladung von Bürgermeister und Senat von Hamburg die Festrede zur Verfassungsfeier zu halten, und ein Jahr vorher hatte sie "heftig Einspruch erhoben" gegen eine mögliche Kandidatur fürs Rektorat:"Obwohl ich ihm niemals hemmend in den Weg getreten bin, wenn er Entscheidungen zu fällen hatte, die mit seiner Arbeit zusammenhingen, war ich unbedingt dagegen, daß er sich politisch oder auch nur universitätspolitisch betätigte. Ich wollte der herrschenden und wachsenden Abwehr gegen die angeblich zu große Einmischung der deutschen Juden in das Schicksal der Nation nicht Vorschub leisten. Ernst teilte diese Einstellung nicht."

Franz Mestitz (geb.1904) will keine Autobiographie schreiben, macht "Anmerkungen" zu seinem Leben:"Kurz, ich stand am Rande, war ein marginal man, der oft zum Außenseiter wurde, ohne aber diese Lage immer und ständig als bedrückend empfunden zu haben...Daß ich als Jude Außenseiter bin, wurde mir erst verhältnismäßig spät durch äußere Vorgänge zu Bewußtsein gebracht, ohne daß es freilich für mein Denken große Erschütterungen bedeutet hätte...Zum Sozialisten wurde der junge Mensch aus freier Entscheidung...der Wissenschaftler empfand das Außenseitertum in dem kulturell und ethnisch andersartigen Milieu...Jahrzehnte als bedrückend und hemmend, da er durch deutsche Wissenschaft und Kultur tief geprägt war". Franz Mestitz, der Arbeitsrechtler aus der Frankfurter Akademie der Arbeit, Freund von Hugo Sinzheimer, kam 1972 aus Bratislava in die Bundesrepublik und fand sich wiederum Aussenseiter "durch die jahrzehntelange Isolierung vom "westlichen", namentlich deutschen wissenschaftlichen Denken und dessen Entwicklung und durch den so entstandenen, nicht mehr zu deckenden Nachholbedarf." - "Nachholbedarf" - Julius Hay sprach von der "Enttäuschung" dessen, der sich nie Illusionen machte, eine "objektive" Enttäuschung.

Mestitz schreibt, wie seine frühe Vorstellung vom Leben als Wissenschaftler ausgerechnet durch die Lektüre von Gustav Freitag "Die verlorene Handschrift" geprägt wurde ("Jüngst versuchte ich das Buch wieder zu lesen; der Versuch scheiterte"), wo "es auch unter Opfern und gegen Widerstände nur "um die Sache" ging, und sei sie auch "weltfremd". Für mich der Beruf eines Wissenschaftlers." Ich finde bemerkenswert, daß der 1904 in Roudnice nördlich von Prag geborene Fabrikantensohn Franz Mestitz diesen Anstoß zu einem "Lebensplan" mit dem 1875 in Berlin geborenen, dort in einer Schustersfamilie aufgewachsenen "Arbeiterastronomen" Bruno Bürgel teilt.

Hans Mayer hat seit er von 1935 bis 1945 über Georg Büchner arbeitete das Thema nicht aus den Augen verlieren können und 1975 hat er die Aussenseiter, die "intentionellen" und die "existentiellen", das "Monstrum als Ernstfall der Humanität", die "Aussenseiter des zweiten Geschlechts", die Undine, Jeanne dArc, Judith und Dalila (von Luther bis Norman Mailer), die homosexuelle Lebensführung von Marlow bis Gide und den Shylok ebenso wie den Nathan bis zu "Genosse Shylok" und zum "Judenhass nach Auschwitz" zu einander und zur sozialen Entwicklung in Beziehung gesetzt. Zentrale Bedeutung gewinnt "ein deutsches episches Leitmotiv: Sehnsucht nach einer Vorbürgerlichkeit,die - sonderbar abstrakt - nicht als Feudalität verklärt wird, wie teilweise noch bei den Romantikern, sondern alle Züge eines dörflich-kleinbürgerlichen Glücks im Winkel aufweist...Gustav Freytag und Wilhelm Raabe, manches in Storms Erinnerungsorgien, beim frühen Hermann Hesse in Peter Camenzind, den sein Autor als verschrobenen Außenseiter geschildert zu haben glaubte, um bald zu erfahren, wie er einer großen deutschen Leserschicht die eigene Lebensmelodie vorgesungen hatte. Ernst Wiechert darauf..." Von 1840 bis etwa 1920...

In dieser "gesellschaftlich unreifen" (an anderer Stelle wird erinnert an "das Grundphänomen rückständiger gesellschaftlicher Zustände") Epik wird, sagt Hans Mayer, mit dem "Schema der parallelen Lebensläufe" gearbeitet, mit Aufstieg und Abstieg und: der Feindschaft gegen die moderne Großstadt folgt die Feindschaft gegen den aufgeklärten bürgerlichen Intellektuellen und dieser die Judenfeindschaft, die alles inbegreift: "So wird der Prototyp einer Freund-Feind-Relation (mit- oder nach- K.S.)geschaffen: der jüdische großstädtische Intellektuelle, den man, je nachdem pejorativ als Asphaltliteraten,Kaffeehausliteraten,schließlich als Kulturbolschewisten abqualifiziert..." Mayer zitiert George L. Mosse: "Es gab kaum einen jüdischen Haushalt in Deutschland, wo Freytags und Dahns Bücher nicht zu finden waren. Das Klischee zu akzeptieren, diese Schriftsteller zu lesen, wurde Ausdrucksform der Assimilation". Die rückständigen gesellschaftlichen Zustände implizieren insgesamt ein unentwickeltes Leser-Verhältnis zu der Literatur, die aus ihnen heraus produziert wird.

Rückständig war (und ist) unsere Gesellschaft in soweit als sie die fundamentale Gleichheit die, in Hans Mayers Worten, jede aufgeklärte Gesetzgebung anstrebt, nicht anerkennt, eine Gleichheit die der englischen wie der französischen Gesellschaft etwas geläufiger ist und die "die existentielle Besonderheit des Aussenseiters" unvermeidlicherweise verletzt: eine Gleichheit,die eine "Personalisierung" bedeutet. So kann der "Aussenseiter" Hans Mayer ohne Ironie mit einem Satz der Integrationsfigur Goethe schließen:"Man tut nicht wohl, sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten. Das Esoterische schadet nur,indem es exoterisch zu werden trachtet. Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt."

Mir haben die autobiographischen Texte meiner Liste die beiden "Phänomene", die vor- und nachrevolutionäre Entwicklung (Grotjahn,Marx,Oppenheimer,Sahl) und die nationalsozialistische "Machtergreifung" (Rühle-Gerstel,Hiller,Jung,Martin Grotjahn, Mestitz) ins heutige Blick- und Aktionsfeld gerückt, weil sie sie mit den Personen in einer intellektuellen "Welt", die keine Welt für sich sein will,erscheinen lassen, in der die gesellschaftlichen und "persönlichen" Fragen teils ähnlich wie damals, teils anders gestellt werden,jedenfalls oft genug ihr Interesse noch haben. Keinen Zweifel lassen die Texte - auch wenn man wie etwa Franz Oppenheimer besonderen "politischen Einfluß" hatte, daß die Intellektuellen zwar in der Ideologieproduktion stehen, aber diese und die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht zu bestimmen haben, das Maß an Mitbestimmung wechselt. Grundsätzlich anders scheint mir das Verhältnis zur gesellschaftlichen und ideologischen "Macht" bei den im letzten Kapitel zur Sprache kommenden Zeitgenossen von 1890-1938 geregelt.