Der Text ist als Radioessay im SDR Stuttgart erschienen und liegt gedruckt im Frankfurter Verlag Stroemfeld Roter Stern vor (in Brigitte Wormbs, Ortsveränderungen, Frankfurt, 1981). - In ihren "Sätzen über eine Kindheitsgegend" brachte die Autorin mit dem Ende der 70er Jahre zum Ausdruck, wie vielerorts und in manigfaltiger Weise ein dem individuellen Leben gerechter und gerade darin demokratischer Umgang mit Umwelt und Zukunft mißachtet wurde (und wird). Daß Menschen auch desolaten Umgebungen aufbauende Beobachtungen und 'anheimelnde' Empfindungen abgewinnen können, steht auf einem anderen Blatt. Die Redaktion.

Brigitte Wormbs

Entfernung vom Siegerland

Sätze über eine Kindheitsgegend.

Die Zusammensetzung der Bilder erscheint wahllos und zufällig, aber sie fügt sich wie von selbst zu einer deutbaren Ordnung: kleinformatige Fotos mit gezacktem Rand. Darauf abgebildet grasüberwachsene Wege, schräg hangansteigend zu fichtenbestandenen Bergkämmen, düsteren, hart von hellen Himmelsstreifen abgesetzten Horizonten unter dunklen Wolkengebirgen mit leuchtenden Rändern. Abwärts zum Fluß sich neigende Böschungen, Ufergestrüpp, mit der Strömung ziehende Weidenzweige und Treibholz, vor der Schleuse angestaut. Schmale, in Bögen gepflasterte Straßen, die sich hinter Eisenbahnunterführungen in engen Kurven verlieren. Bewaldete Hänge und Bahngleise, eintauchend in schwarze, rund gemauerte Löcher, aus denen manchmal etwas Helligkeit von der anderen Seite schimmert.

Menschenleere Landschaftsausschnitte, gruppiert um das Bild eines hochaufgestockten, spitzgiebeligen Hauses hinter einer langen Pappel, inmitten eines Gartens voll blühender Apfelbäume. Daneben - um nicht zu sagen darin - das Bild eines kleinen, weißhaarigen Mädchens, das krumm dasitzt auf viel zu großem Stuhl, vor dunklem, undeutlichem Hintergrund das spitze, hell beleuchtete Gesicht ein wenig angehoben, den Blick ernsthaft wie auf etwas weit Entferntes gerichtet, ungefähr dahin, von wo die Helligkeit kommt.

 

Es scheint so, als wäre es Tageslicht, das durchs Fenster ins Hausinnere kommt. Es scheint so, als wäre das Licht dieses Tages der Jahreszeit entsprechend hell. Es ist ein Tag im Mai. Geburtstag. Das kleine Mädchen hat eine Mundharmonika bekommen und ein altmodisches Lied darauf zu spielen versucht.

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.
Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus.
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Das kleine Mädchen sitzt auf dem viel zu großen Stuhl in dem viel zu hohen Haus in dem Garten voll blühender Apfelbäume im Tal eines Flusses, der Sieg heißt, zwischen den bewaldeten Bergen, die seine weitere Umgebung begrenzen: das Siegerland, Land zwischen Westerwald und Sauerland, zwischen Rothaargebirge und Siebengebirge; zwischen rheinischer, hessischer und westfälischer Sprache.

         

Gegend, aus einiger Entfernung vom Schreibtisch in Ulm aus betrachtet. Ist die Zusammensetzung der Bilder wahllos und zufällig, oder fügt sie sich schon zu absichtsvoll dem Vorsatz, einer Beziehung auf die Spur zu kommen, mit Sätzen über eine Kindheitsgegend wieder in die Nähe eben dieser Gegend zu gelangen?

Annäherungsversuch, ausgelöst von einem Rundbrief, der fünfundzwanzig Jahre nach dem Abitur zum Klassentreffen ins Siegerland einlädt. "Fünfundzwanzig Jahre - Grund genug zum Wiedersehen und Feiern", steht in dem Brief.

Ein Vierteljahrhundert, das voll gewordene Maß einer zeitlichen Entfernung als Anstoß zum Zurücklegen der räumlichen. Abstrakte Quantität von Vergangenheit, die umschlagen könnte in die konkrete Qualität eines wach gewordenen Gedächtnisses?

Gedächtnis. Herkunft und ursprüngliche Bedeutung (nach Kluges etymologischem Wörterbuch): althochdeutsch kithehtnissi; mittelhochdeutsch gedoehtnisse; gehört zu gedenken, denken, von dessen Partizip althochdeutsch gidaht die Bildung ausgeht.

denken: althochdeutsch und mittelhochdeutsch denken, gotisch pankjan; dies bedeutet als Faktitiv zu unserem dünken (das das alte Zeitwort der Bedeutung ,scheinen` war) ursprünglich ,machen, daß etwas einleuchtet', dann ,überlegen, erwägen'.

Fünfundzwanzig Jahre später, das Zeit-Denkmal, wenn nicht schon Grund genug, so doch immerhin Anlaß zum Versuch, der Beziehung zu dem Ort, von dem die Entfernung ausging, auf den Grund zu kommen.

Entfernung - was für ein dehnbarer Begriff. Auf der Rückfahrkarte Ulm-Betzdorf noch immer die gleiche Kilometerzahl. Aber mit der Zeit ist der Fahrpreis höher, die Fahrtdauer kürzer geworden. Die Verbindung, wie man so sagt, günstiger. Verbindung von was? Noch liegt die Vorstellung von einem Sprung zwischen zwei getrennten Orten näher als die einer Verbindung.

In großem Bogen schwenkt der Münsterturm aus dem Blickfeld. Reste von Wacholderheide albaufwärts zwischen abgeblühtem Schlehengebüsch. Vorjährige Silberdisteln im frisch übergrünten Trockenrasen, Knabenkraut auf einem feuchten Wiesenstück. "Heimische Orchidee", wie der Großvater dazu sagte. Goldbraune Flechten auf grau verwittertem Kalkgestein. Waldmeister weiß und grün aus den lichten Hangwäldern schimmernd. Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,Da bleibe, wer Lust hat mit Sorgen zu Haus. Was heißt da zu Haus? Ulm an der Donau oder Betzdorf an der Sieg oder wo immer ein heimlicher Grund sich findet?

heimlich. Althochdeutsch heimelich bedeutet als Ableitung von Heim ,zum Haus gehörig'. Mittelhochdeutsch heimlich geht von ,einheimisch` über zu ,vertraut` und bedeutet seit dem 12. Jahrhundert auch schon ,(Fremden) verborgen'.

Gleitende Flucht der Schienen, die unverhofft die Topographie entlang einer Gedächtnisspur zwischen Vorfahren und Nachfahren ausrollen. Hinter Stuttgart abseits der Intercity-Strecke ins Neckartal geraten, langsamer als vorgesehen von Ort zu Ort wie rückwärts voran: Neckareltz, Eberbach, Hirschhorn, Neckargemündt; Namen, die auf Postkarten in des Mädchens Kinderzeit kamen, als der Großvater noch alljährlich einmal heim ins Schwabenland fuhr, aus dem er als Lehrer ins Siegerland ausgewandert war. Das Neckartal hier noch anmutig und weit. Hellgrüne Buchenwälder an den Berghängen, gelegentlich Weinreben, Obstwiesen die flachen Ufer entlang. Die älteren Häuser der Orte rot und mit Ziegeln gedeckt. Alte Brücken aus rotem Sandstein, darunter tief im Wasser liegende Lastkähne langsam flußaufwärts ziehen. Flußaufwärts bis dahin, wo die Neckartalauen, einst voll Poesie, zur "Region Mittlerer Neckar" ausgenüchtert wurden. Wo zwischen Hohenasperg und Schillerhöhe in Marbach der Blick nicht mehr auf die Landschaft der Schwäbischen Klassik und Romantik fällt, wie sie die Großmutter auf ihren ersten Reisen durchs Schwabenland noch in Briefen nach Hause geschildert hat. ihr Zuhause war das Siegerland, wo über ihrem Schreibtisch die Porträts Schillers und Hölderlins hingen.

Heidelberg, und was der Name alles anklängen läßt, längst passé. Weinheim, Heppenheim, Bensheim. Die Apfel- und Birnbäume sind sicher schon verblüht in dieser vom Klima so begünstigten Lage, wo auch früher schon immer alles viel früher in Blüte stand. Bergstraße - das klingt noch wie Traumstraße zum Süden, Deutschlands, solange die Augen geschlossen bleiben. Bis sich der wiederaufgeschlagene Blick unter der Wölbung des Glasdachs fängt; der Zug fährt in die weit offene Halle des Frankfurter Hauptbahnhofs ein. Kopfbahnhof, Ende der Welt. Oder Anfang - je nach dem, von wo man kam. Aufgefächert die Schienen in die weite, weite Welt. Oder zusammenlaufend die Schienen sozusagen zur engeren Heimat hin.

Hinter Gießen mehren sich seitlich der Bahngleise die Einschnitte, an denen grau-braunes Schiefergestein schräg zutage tritt. Darüber Eichengebüsch. Mehr und mehr mischt sich Ginster ein. Wetzlar, Herborn, Dillenburg. Stationen noch vor der Wasserscheide. Die Orte in ihrem alten Kern grau bis schwarz, schiefergedeckt die Dächer, spitz die Türme der Kirchen aus Bruchsteinmauerwerk. Merkliche Zunahme von grauen Massen. Die Mittelgebirgsberge rücken dichter zusammen, die Hänge werden steiler, die Höhen sind dunkler bewaldet. Für den Autoverkehr neuerdings eine Brücke auf Riesenstelzen quer übers Tal. Für die Eisenbahn das alte schwarze Loch im Hang, der Geisbergtunnel, der ins Tal der eigenen Herkunft führt. Hüttental-Weidenau - umsteigen in die langsameren Züge des Nahverkehrs.

Weiterfahrt entlang einer dichteren Folge von Stationen, die sich wie immer zum vertrauten Landstrich verbinden. Aber von Mal zu Mal größer die Lücken in einem Wirklichkeitszusammenhang, dessen Reste sich aus der Erinnerung nur noch in kleine Worte fassen lassen: in das, was noch noch ist oder nicht einmal mehr noch.

Noch ein paar von den schiefergedeckten Fachwerkhäusern mit schiefergeschuppter Wetterseite, wie sie für diese Gegend typisch wären. Noch das Schild "Hochofenbau", wo kein Hochofen mehr gebaut wird. Von Siegen, der Stadt, wo es einmal alles gab, was in Betzdorf fehlte, sind noch die restaurierten Wahrzeichen da: die Nikolaikirche und hoch über der Bahn das obere Schloß, heute Museum des Siegerlands, Platz für die "eiserne Tradition" des Gebiets.

Die "eherne Geschichte", vom Hörensagen wiedergegeben im Weiterfahren auf diesem Gleis, das den ersten fremden Zug, wie es heißt, in die Gegend brachte.

Geschichte. Herkunft und ursprüngliche Bedeutung (nach Kluges etymologischem Wörterbuch): althochdeutsch gisciht ,Ereignis, Zufall, Hergang einer Begebenheit, Schickung`; mittelhochdeutsch geschiht auch ,Angelegenheit, Sache, Art und Weise, Schicht`. Abstraktum zu geschehen (das verwandt ist mit vergehen). Ein spezifisch deutsches Wort wie auch das dazugehörige Faktitiv schicken.

                  

Der Zug, der die Windungen des Siegtals nicht mitmacht, passiert Tunnel um Tunnel westwärts. Dazwischen die Sicht offen zu den Orten hin, die sich auf Bahnhofsschildern noch mit vertrauten Namen nennen. Zum Beispiel Eiserfeld. Da ist die Großmutter aufgewachsen, Enkelin eines der Siegerländer Gewerken, auf deren Feldern Eisen geschürft worden war. Damals, als das Erz noch verhüttet wurde mit der Holzkohle, die man aus den umliegenden Haubergen gewann. Der Eichenbuschwald, früher von den Bauern in regelmäßigen Zeitabständen geschlagen, ist längst hochgewachsen, durch Fichtenwald ersetzt oder von Bebauung verdrängt worden. Niemand, keine Gerberei braucht heute die Lohe mehr. Auch die Holzkohle war schon Ende des vorigen Jahrhunderts überflüssig geworden, nachdem mit der Eisenbahn Steinkohle von der Ruhr ins Siegtal kam.

            

Nächste Station Niederschelden. Die Charlottenhütte gleich neben der Bahn. Hier stand der erste Hochofen, der mit der importierten Ruhrkohle beschickt worden war. Das war der Anfang vom Ende Siegerländer Hüttenreisen. Vom Ende einer Wirtschaftsweise, die aus dem ursprünglichen Landschaftszusammenhang von Erz, Wasser und Wald hervorgegangen war. Weit entfernte Verhältnisse. Mit der Macht der Kapitalkonzentration um die Jahrhundertwende trieb der technische Fortschritt zum Niedergang eines veralteten Bergbau- und Hüttenreviers. Eisenerz aus den Gruben, die Alfred Krupp im Siegerland aufgekauft hatte, wurde in die Hütten an Rhein und Ruhr transportiert. Das war günstiger als das Heranschaffen der Steinkohle, wenn man sich in die Lage von Krupp versetzte. Was die Lage des bis dahin konservativ verharrenden Siegerlands gründlich veränderte. So wurde durch beschleunigte Eisenförderung und Eisenbeförderung mit der Eisenbahn die eiserne Tradition des Siegerlands abgeschafft.

           

Hinter Niederschelden überquert der Zug die Grenzlinie quer durchs Siegerland, das entsprechend der alten Aufteilung nach den napoleonischen Kriegen zwischen der preußischen Rheinprovinz und der Provinz Westfalen auch heute noch zwei Ländern zufällt.

Über den Geranien in der Waschbetonwabe auf dem Bahnsteig von Brachbach bunt die Plakate für die bevorstehende Landtagswahl: "Rheinland-Pfalz braucht den Fortschritt. Aber menschlichen Fortschritt."

Fortschritt. Herkunft und Bedeutung (nach Kluges etymologischem Wörterbuch): Lehnübersetzung von französisch progrès, in der heutigen übertragenen Bedeutung von ,Weiterentwicklung` um 1750 eingeführt; ab etwa 1830 (wiederum wie das französische progrès) als politisches Schlagwort gebräuchlich. Ältere Nebenformen Fortschreitung und Vorschritt.

Oben auf dem Berg kommt die Burg in Sicht, die das Siegtal des Mittelalters beherrschte. Nicht weit von der Festung ausgebreitet im Tal die Lokomotivfabrik, die seit rund hundert Jahren die Mobilmachung des Siegerlands fördert. 1914 "Aufbruch aus der Heimat an die Westfront" mit den Dampfmaschinen des Unternehmens. 1941 wurde hier die 10.000 Lokomotive fertiggestellt; sie wurde "unverzüglich in den Kriegsdienst" geschickt. "Räder müssen rollen für den Sieg". "Siegen heißt avancieren", war die preußische Parole gewesen. Dazwischen das, was man nicht mehr nur Voranschreiten, sondern Fortschritt nennt: von Etappe zu Etappe durch eine Heimat, deren Begriff auf die Front bezogen blieb.

Der Zug überquert die Siegschleife vor und hinter den Kirchen von Kirchen, folgt dann einer Biegung des Flusses südwärts. Das Tal wird eng. Bahn, Fluß und Chaussee - oder was einmal so hieß - verlaufen parallel dicht nebeneinander.

Leuchtet da, wo das Tal am engsten ist, vom Hang gegenüber ein rotes Haus aus grünem Gebüsch und weißblühenden Bäumen? Silbrig schimmernde Pappel, dahinter Ziegeldach, spitzer Giebel, blaue Klappläden. Aus weit geöffneten Fenstern winken weiße Tücher. Herr Vater, Frau Mutter..... Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht.

Glück. Herkunft und ursprüngliche Bedeutung (nach Kluges etymologischem Wörterbuch): mittelhochdeutsch g(e)lücke ,Glück, Zufall`. Ein spezifisch deutsches Wort, das durch Entlehnung als lukka ins Nordische und als luck ins Englische drang. Glück ist möglicherweise aus ,Art, wie etwas schließt, endigt, ausläuft` zu ,was gut ausläuft, sich gut trifft` geworden. Auf die Entwicklung mag mittelhochdeutsch gelinc ,gelingen` eingewirkt haben. Zweifelhaft ist der Zusammenhang mit locken.

Rotes Haus mit Ziegeldach inmitten von schiefergrauen - ich komme darauf, ich komme dahin zurück. Nur soviel noch auf einen Blick, einen Blick nach gegenüber: es hört sich so an, als sähe es noch so aus wie eh und je um dieses Haus. Aber ein paar Sätze über den Garten hinaus und alles wäre anders.

Das Tal weitet sich wieder mit dem Zufluß der Heller in die Sieg. Betzdorf, Eisenbahnknotenpunkt am Zugang zu Siegerland und Westerwald, wo sich die Linien Köln-Siegen und Köln-Gießen treffen. Kreuzung der Bahnen aus der weiten, weiten Welt. Hier hielten einmal die Schnellzüge von Luzern nach Norddeich und von Wien nach Ostende. Die Eisenbahn galt hier als Inbegriff des Fortschritts, denn den Linien durch die Täler von Heller und Sieg verdankt die Stadt, wie die Chronisten schreiben, "die rasante Aufwärtsentwicklung von der unbedeutenden Ortschaft mit nur wenigen hundert Einwohnern bis zur dynamischen Industriestadt von heute - zugleich Geschäfts-, Behörden- und Schulzentrum für ein weites Hinterland".

Betzdorf also - aussteigen, der Zug endet hier. Weit weg von dieser Kleinstadt an der Sieg erscheint auf einmal der Garten auf halbem Weg flußaufwärts zum nächsten Ort, an dem der Zug eben erst vorübergefahren ist. Weit weg, gäbe es daneben nicht immer noch die Schule und neuerdings eine Busverbindung dahin für die Schüler, die in viel größerer Zahl als vor fünfundzwanzig Jahren aus dem Bahnhof drängen.

"Die weitere Aufwärtsentwicklung von Betzdorf mußte von erweitertem Bildungsangebot für die heranwachsende Jugend begleitet werden", vermerkt die Chronik vom Hinterland vor dem Hinterland.

So stehen auf dem Struthof heute drei Generationen einer Schule: zuunterst am Hang das graue, schiefergedeckte Gebäude mit schiefergeschupptem Westgiebel, Anfang dieses Jahrhunderts für das damals gegründete Progymnasium gebaut. Hier unterrichtete der Vater der Großmutter. Aber nicht in der Sprache, in der er gelegentlich noch Gedichte über seine Heimat schrieb. Seine Heimat lag für ihn schon in einiger Entfernung, seit er - vom wirtschaftlichen Niedergang der mittelständischen Siegerländer Eisenindustrie gezwungen - mit seiner Familie die zwanzig Kilometer flußabwärts nach Betzdorf an der Sieg gezogen war.

Als Ende der zwanziger Jahre etwas weiter hangaufwärts das gelb verputzte, aber auch noch schiefergedeckte Gebäude entstand, unterrichtete schon der Großvater aus Schwaben hier. Als Naturwissenschaftler sorgte er dafür, daß der Neubau wie andere moderne Schulen der Republik eine Sternwarte bekam. Aber in der Kuppel ist dann kein Fernrohr mehr aufgestellt worden. Im Garten nebenan hatte sich der Großvater eine schwäbische Enklave eingerichtet, die zum äußeren Ort der inneren Emigration wurde, nachdem ihn die Nazis im Mai 1933 aus dem Schuldienst geworfen hatten.

Als Mitte der sechziger Jahre das neueste und größte Gebäude aus Glas, Stahl und Beton, ganz ohne Schiefer, zuoberst am Hang aufgestellt worden war, gab darin noch der Vater Deutschunterricht. Er kam aus Nordwestfalen ganz ohne persönliche Beziehung ins Siegerland, wurde im Krieg an die Ostfront geschickt und blieb dieser Umgebung hier, die er durchwanderte, wenn er nicht seinem Beruf nachging, im Grund zeitlebens fremd.

Drei Generationen einer Schule, deren Gebäude sich immer weiter entfernt haben von der baulichen Tradition des Landstrichs. Drei Generationen von Lehrern, deren persönliche Geschicke in ihrer Abhängigkeit von der allgemeinen Geschichte mehr oder weniger Abstand zu dieser Gegend aufweisen.

Geschick ist das Abstraktum zu schicken, schicken das Faktitiv zu geschehen, dessen Abstraktum Geschichte ist. Was geschieht, ist geschehen, lange bevor die nächste Generation anfangen kann, von ihrer Kindheitsgegend zu reden, von Heimat in diesem Zusammenhang ganz zu schweigen. Geschichte indessen auch als etwas, das berichtet, mitgeteilt wird. Aber Geschichte spricht in so vielen Sprachen. Darum muß an dieser Stelle von der Sprache gesprochen werden, in der hier vom Siegerland die Rede ist.

Sprache, die keinem vertrauten Umgang mit der einheimischen Mundart entspricht, sondern dem Aufwachsen in der Enklave dort hinter der hohen Haselhecke fast am Ende der Sackgasse zum Wald.

Vom Gartentor den langen, steilen Weg zwischen blühenden Bäumen hinunter zum Haus, in die Tiefe des Gartens, wo hinter dicht belaubten Baumkronen die Außenwelt einschließlich der Schule vollkommen verschwunden ist.

Rot verputztes Haus, Ziegeldach, spitzer Giebel, blaue Klappläden. Haus, vom schwäbischen Großvater auf den Grund der Siegerländer Großmutter gebaut ins tiefe, tiefe Tal der Sieg, da, wo es am engsten ist. Haus abseits der Geschichte dieser Gegend. Haus mitten in der Geschichte von einer Gegend, die als subjektive Geschichte einer Kindheitsgegend hier an dieser Stelle beginnt.

"Alles Ding währt seine Zeit", steht auf der ausgebleichten Sonnenuhr über dem kümmerlichen Weinstock am südlichen Giebel des Hauses, in dem ich um diese Jahreszeit, Mitte Mai 1937, auf die Welt kam. Dies "Ich" als Bruchteil endloser Zusammenhänge, das sich am Anfang einer eigenen Beziehung zu der Gegend hier sieht. Ich als das kleine Mädchen, die zweite Person, die das Kind in der Gegenüberstellung mit der heutigen ist. Ich bin ich, aber du bleibst du. Obwohl das du in der herbeizitierten Beziehung eigentlich schon zu vertraulich klingt.

Das letzte Stück Weg am Seidelbastbusch vorbei mit knirschenden Schritten über den Kies und die vier Stufen zur Haustür hoch. Schwere, eichene Tür mit eisernem Gitter vor dem kleine Guckfenster, dahinter der Postbote gegen Mittag die Neckarzeitung steckte. Die Tür bleibt zu. Aber ich weiß, du sitzt dadrin in dem viel zu hohen Haus auf dem viel zu großen Stuhl. Du hast eine Mundharmonika bekommen und ein altmodisches Lied darauf zu spielen versucht.

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.
Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus.
Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,
So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

Aus dem Ort der ersten Verbundenheit mit der Umgebung, dem unnahbaren Ort der vorsprachlichen, namenlosen Zeit, ist der Ort der ersten Trennung zwischen einem Ich und seiner Außenwelt geworden. Die heimliche Nähe, das Zuhause, zugleich die erste Ferne.

Es scheint so, als wärst du hier Mittelpunkt eines Umkreises gewesen, der sich in konzentrischen Ringen um dich auszubreiten begann, immer weiter und weiter, bis sich die Kreise in der Weite verloren und der Mittelpunkt auf die Seite geriet, von wo sich die frühere Umgebung als Gegenüber, als "Gegend" ausnahm. Auf die Seite des Subjekts der Blicke und Gedanken, mit denen so eine Gegend noch einmal von vorn anfängt in einzelnen Wörtern, Namen, wie auf die Gegenstände aufgeschrieben und dir durch den Druck ihrer Wirklichkeit in den Mund gelegt. Und die Wörter scheinen sich nach der Melodie eines gegenständlichen Zusammenhangs zu singbaren Sätzen zu verbinden. Der Mai ist gekommen,die Bäume schlagen aus. Doch in jeder Beziehung zu Wörtern und Dingen von Anfang an einbezogen die Verhältnisse zwischen Menschen. Warum gerade dieses Lied und nicht zum Beispiel "0 du schöner Westerwald", was in dieser Landschaft und in jener Zeit näher gelegen hätte? Aber wie fern lag das diesem Garten, der mir am Neckar und auf der Alb jählings ins Gedächtnis fällt. Waldmeister weiß und grün unter dem dichten Haselgebüsch. Der Mai ist gekommen. Gelb leuchtet der Löwenzahn aus dem grünen, grünen Gras. Aurorafalter flattern aus zartlila Schaumkraut auf. Du liegst tief unten auf dem Grund der ungemähten Wiese zwischen blühenden Bäumen und siehst aus dem Kranz zitternder Gräser das Blaue vom Himmel über dem Blütenweiß und wie die Wolken dort wandern hoch über die Haselhecke hinweg und den Talrand hinaus. Wolken haufenweise auftauchend und verschwindend über den Rand aus Bergen, die den Garten umringen. Im Osten vor der spät aufgehenden Sonne schwarz über den hellen Baumkronen lastend der Berg mit dem Namen Pracht. Der Molzberg gegen Sonnenuntergang. Der Giebelwald abschließend vor der Nacht. Nur gegen Mittag das Tal ein wenig offener für längere Blicke den Fluß hinab.

Überhaupt der Fluß und was alles am Fluß und im Fluß war, beim Spiel außerhalb der fest angeordneten Tageszeiten. Schlittern über milchig verglastes Grün, starr im geriffelten Eis. Waten durch schattenkalten Uferschlamm. Schwimmen gegen die Strömung, mit dem Gefälle sich treiben lassen im Wasser. Und bis tief in den Schlaf das unaufhörliche Geräusch der Sieg, die sich unterhalb des Gartens über das Wehr ergießt, weiter dem sagenhaften Rhein zufließt, mit ihm das ferne, große Meer erreicht. Wörterdurchschwommene Träume zur Mündung hin.

Der Ort der ersten Schritte in die Welt ist zum Ursprungsort fortwährend sich fortsetzender Entfernung geworden. Herr Vater, Frau Mutter . . . Wer weiß, woin der Ferne mein Glück mir noch blüht. Lange klirrten die Fensterscheiben, wenn die Züge am Hang jenseits des Flusses vorüberfuhren.

Es läßt sich leicht von Glück reden - vielleicht - solange das Haus noch irgendwo zwischen Himmel und Erde in der Mitte einer Art Ideallandschaft steht, die das Meer und die Sterne miteinbezieht, die Steine und Pflanzen aus der Nähe und von weit hergeholt, aber mit so mancher sozialen Dimension außerhalb des Gartens kaum in Berührung kommen läßt. Inselhorizonte, weit in den Kosmos ausgedehnt.

            

Doch der "heimliche Grund" bleibt nicht im Abseits der Geschichte, als man das Wort Welt wieder mit dem Wort Krieg in Verbindung bringt. Maikäfer flieg. Dein Vater ist im Krieg, ein weit entfernter Ort. Dein Großvater bestellt seinen Garten. Plötzlich ist der Krieg dicht neben dem Garten. Du siehst, wie hinter der kahlen Pappel der Kirchturm von Betzdorf brennend zusammenstürzt. Dann ist der Krieg auf einmal im Garten.

"Jetzt nahm hier die Bombengefahr immer mehr zu. . . Im Februar und März folgten mehrere böse Tagesangriffe, die etwa die Hälfte von Betzdorf zerstörten. Zwei davon trafen auch unseren ganz außerhalb gelegenen Ortsbereich schwer. Trotz dreier Bombentrichter und vieler brennender Brandbomben in unserem Gartengelände erlitt das Haus nur schlimme Einzelschäden. Alle Hausbewohner, die bei all diesen Angriffen immer in unserem Hausluftschutzkeller versammelt waren, kamen glücklicherweise völlig unversehrt mit dem Schrecken davon", schreibt der Großvater an Freunde in Schwaben.

Von Glück reden heißt jetzt etwas anderes, Näherliegendes. Schließlich ist der Garten mitten im Krieg, an der Front, die zwischen Molzberg und Pracht quer durchs Siegtal verläuft. Artilleriekampf über die Dächer, die Köpfe hinweg. Deutsche Soldaten besetzen das Haus, halten die Stellung im Garten, geben sie auf, brechen die Siegbrücken hinter sich ab, graben sich ein in den Wäldern. Der Mai ist gekommen, die Bäumeschlagen aus. Mai 1945 und mit dem Schrecken davon gekommen. Davon bleibt in deinem Verhältnis zu dieser Gegend viel zurück. Der Blick für das, was in so einer Landschaft überleben läßt. Du merkst dir, wozu Brennnesseln, Brombeerblätter und Eicheln notfalls gut sind. Du siehst die Deckung unter Felsvorsprüngen und im Fichtendickicht noch eine Weile, nachdem der Himmel nicht mehr dröhnt von akuter Luftgefahr. Du behälst den langgezogenen Sirenenton der Entwarnung im Ohr und siehst schließlich in den weißen Fahnen der Kapitulation einen Wink zum Ausfliegen wohl über die Berge,wohl durch das tiefe Tal. Frisch auf drum, frisch auf. .

Mai 1945 - da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zuHaus. Am Inselhorizont kommt endlich Land in Sicht.

Das Gartentor ist offen. Ich stehe vor dem Riesenklotz im Weg, dem Neubau der Schule, und weiß nicht, wie weiter. Aber du gehst über Bauer Stangiers Wiese, als gäbe es die noch, kriechst durch den Weidezaun, rennst in schnellen Sätzen bergauf und davon durch das gelbblühende Ginstergestrüpp, als könntest du dir die vielen Bungalows hier nicht vorstellen, überquerst den alten, schiefersplittrigen Eisenweg zum früheren Hauberg hin, läufst durchs unwegsam Eichengebüsch auf den Fichtenwald zu, willst über den dunklen, gezackten Rand des Tales auf die andere Seite sehen. Wie die Wolken dort wandern . . . So steht auch dir der Sinn in die weite, weite Welt. Aber davor steht der Wald schwarz und schweiget. Und hinter dem Wald wieder Wald, Westerwald, Bäume wie Gitterstäbe gleichmäßig aufgereiht.

Erst auf dem nächsten Bergrücken vom eisernen Turm tut sich Aussicht in die Ferne auf, die blau in blau abgestuft bei klarem Wetter bis hin zum Siebengebirge reicht. Fern angrenzende Nachbarschaft, sichtbar und mythisch ineins.

Alles mögliche geht dir durch den Kopf, in dem andere Gegenden viel mehr Platz einnehmen als die, in der du dich befindest.

Es gibt so manche Straße, da nimmer ich marschiert;
Es gibt so manchen Wein, den ich nimmer noch probiert.

Hinter den sieben Bergen lockt eine unabsehbare Zukünftigkeit. Etwas, das zu sich hinzieht, aber nur vage vorstellbar als das, was ganz anders ist als alles, was naheliegt. Oder auch die Projektion von etwas, das fehlt, in eine unbestimmte Geographie, die fern, aber erreichbar erscheint. Wie bist du doch so schön, o du weite,weite Welt.

Aber wenn das, was dem Sog entgegenkam, eine Art ursprünglicher Affinität zur Ferne genannt werden kann, so wäre dieser Ursprung eben zurückzuführen auf die Einflüsse, die ihn gespeist haben. Dieser unterschwellig zutiefst sozial bedingte Zusammenhang mit Menschen, aus dem das scheinbar höchst individuelle Verhältnis zu der menschenleeren Landschaft hervorgegangen ist, die deine Mutter gemalt hat, in der dein Vater Poesie gespiegelt sah.

Grenzen der Sprache als Grenzen der Wahrnehmung einer augenscheinlich grenzenlos offen daliegenden Welt. Glück auf, Glück auf - das war für dich der Anfang eines Liedes, das sich irgendwie mit dem Bild der Fördertürme verband, die heute aus dem Blick von der Höhe über Heller und Sieg verschwunden sind.

Zwiespältigkeit eines Verhältnisses zur Umgebung, für das weder das Wort ,einheimisch` noch das Wort ,fremd` zu gebrauchen ist; nicht nahe genug daran, um dazuzugehören, wo die Geschichte von unten gesehen nach der hiesigen Mundart zu Wort kommen könnte; nicht weit genug entfernt, um die Veränderung wohlvertrauter Orte teilnahmslos mitanzusehen.

Der neue Truppenübungsplatz auf der Höhe des Westerwalds in dem Gebiet, wo auf einer Kalkinsel inmitten von Basalt und Schiefergestein das gefleckte Knabenkraut wuchs, die "heimische Orchidee", die der Großvater dir auf den Ausflügen dorthin gezeigt hat. 0 Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!

              

Der Wald, durch den ich gehe, ist nicht mehr der Wald, den ich im Sinn gehabt habe, als ich mir die Annäherung an meine Kindheitsgegend vornahm, während man hier am Ort "Betzdorfs waldige Höhen bereits als mögliche Gewerbegebiete ins Auge faßte" und die alte "Pracht" zum Naherholungsgebiet aufgemöbelt hat.

Wo der Trimm-dich-Pfad der Vita-Lebensversicherung den Waldlehrpfad der Forstverwaltung kreuzt, steht auf einem Bruchsteinsockel ein weißer, gedrungener Obelisk aus eng verfugten Quarzbrocken. Daran auf metallener Tafel die Inschrift:

"Den in fremder Erde ruhenden Kriegsgefangenen zum Gedächtnis" ReK Betzdorf, Juni 1925

Herbstliches Rascheln mitten im Mai durchs lederfarbene Eichenlaub vom vorigen Jahr. Zwischen den Stämmen in Reih und Glied um das vaterländische(1) Denkmal siehst du die viereckigen Gräben im Waldboden, ihre bröckelnden Ränder, da und dort einen Stahlhelm, kopflos liegengelassen daneben; rostende Brandbombenhülsen im Moos. Front allgegenwärtig und sehr fremd eine Heimat, die im steinernen Gedächtnis noch immer mit einem zeitlich und räumlich fernen Krieg in Verbindung steht.

Stichwort Gedächtnis. Erklärung seiner heutigen Bedeutung (nach Knaurs Lexikon von 1976): 1. Die Fähigkeit, früher Wahrgenommenes wiederzuerkennen (in diesem Sinn haben auch die höheren Tiere Gedächtnis). 2. Die Fähigkeit, sich Informationen einzuprägen, über einen längeren Zeitraum zu speichern und willkürlich zu reproduzieren.

Vom ursprünglichen Bedeutungszusammenhang mit dem Wort denken ist kaum mehr die Rede. An die Stelle des denkenden Subjekts eines Gedächtnisses ist das Objekt von Informationen getreten, die sich einprägen und auswendig rekapitulieren lassen von Zeit zu Zeit in den fortgesetzten Zeitreihen von Geschichte, in die die Individuen eingespannt werden: 1914-1918-1939-1945 -

Auf grasüberwachsenen Zickzackwegen bergab ins Siegtal zurück bis zu der Stelle, von wo der Anstoß zur Auseinandersetzung mit dieser Gegend ausging. Am Eingang zum Schulhof das Schild: "Kein öffentlicher Weg! Begehen auf eigene Gefahr!" Wiederholt Ausrufungszeichen hinter Mahnung und Warnung.

Ich weiß nicht, ob so ein Schild schon da stand, als du kurz nach dem Krieg zum ersten Mal den Weg hier zur höheren Schule begingst. Du als Schülerin, diese weit entfernte Person, die sie von heute aus gesehen ist. Ich bin ich, du warst du, aber sie bleibt sie. Dritte Person, Objekt der Veranstaltungen an diesem Ort, der jedenfalls nicht heimlich ist in dem alten Sinn, der sich nur noch in der Gegenbildung des Wortes erhalten hat. Unheimlich, aber auch nicht öffentlich das eingezäunte Übungsgelände, abgewetzt von den dauernden Wiederholungen im Wechsel der Generationen.

Aus halb geöffneten Fenster fallen laute Worte in den Hof. Höhere Schule voll Lektionen über die weitere Welt und die größere Geschichte in längeren Sätzen über alle Berge der näheren Umgebung hinweg.

Stichwort Geschichte. Erklärung seiner heutigen Bedeutung (nach Knaurs Lexikon von 1976): (Lateinisch historia) Im weiteren Sinne eine durch die Aufeinanderfolge von verschiedenen Geschehnissen sichtbar werdende Entwicklung; so verstanden, haben auch die Natur, die Erde, Pflanzen und Tiere ihre Geschichte. Im engeren Sinne meint Geschichte die Entwicklung der Menschheit und ihrer Kulturleistungen (Verfassung, Recht, Wirtschaft, Religion, Technik usw.)

Als Geschichte für den Unterricht drinnen in der Schule noch nicht bis zum aktuellen Stand fortgeschrieben war, wurde draußen mit Verfassung, Recht, Wirtschaftsform und Förderung von Wissenschaft und Technologie schon die künftige Entwicklung des Landes vorbereitet. Etwas geschah, das immer häufiger mit dem Wort ,wieder` begann: Wiederaufbau, Wiederaufrüstung; Wiederkehr Deutschlands auf den Weltmarkt an die vorderste Front, wo aus früheren Gegnern Kunden geworden waren.

Zwischen Sätzen, die in gar keinem Verhältnis zur näheren Umgebung zu stehen schienen, und Sprüchen, die deren Anschluß an den gemeinsamen Markt und das westliche Bündnis zur neuerlichen Verteidigung einer Art "Großheimat" propagierten, wurde die Gegenwart dieser Gegend in einem Frieden zerrieben, der sich auf Krieg bezog wie Heimat auf Front. Von der gegenwärtigen Nähe blieb nicht viel mehr als ein provisorischer Zwischenraum für die Anwartschaft auf das Fortkommen in einer Zukunft, die ortlos, jedenfalls nicht wie von hier erschien.

Die Schelle schrillt zum Hofgang. Der Schulhof ist kleiner geworden als vor fünfundzwanzig Jahren. Eine neue, großzügig bemessene Sporthalle hat den Spielraum draußen eingeengt. Für den Neubau und die üblichen Parkplätze dazu wurden alte Linden und Kastanien gefällt, die früher in den Pausen des Stundenplans noch die hiesige Jahreszeit nahebrachten. Auch der Brunnen steht nicht mehr, vor dem immer die letzten Klassenfotos gemacht wurden, Jahr für Jahr nach der Reifeprüfung. Abitur - Abgang von der höheren Schule und das hieß meist auch Verlassen der Gegend hier. Mai 1955 - Bruchstelle zwischen der weiteren Entwicklung dieser Landschaft und dem ferneren individuellen Lebensweg.

Es scheint indes so, als ließe sich durch diese Brechung heute eine Kontinuität erkennen, die damals schon von weit weg ins Auge gefaßt worden war.

 


(1)Ganz so 'vaterländisch' war gerade dieses Denkmal, im Gegensatz zu anderen in Betzdorf um 1925 entstandenen, vielleicht nicht gedacht: Rudolf Seim (geb. 1899) konnte später berichten, daß eine Inschrift, die sich nicht ausschließlich auf deutsche Tote bezog, zunächst nicht bei allen 'Miterbauern' - einer kleinen Gruppe junger Kriegsteilnehmer - auf Verständnis stieß. Private Mitteilung 1987. Die Redaktion.