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CARAVANE

Sylvie Braibant ist Journalistin und Chefredakteurin des französch sprachigen, von Belgien, Canada, Frankreich und Schweiz finanzierten öffentlichen Fernsehsenders TV5-Monde. Bekannt zur Zeit (2018) durch die von ihr initiierte Internetseite und wöchentliche Sendung "Terriennes", hatte sie seinerzeit die wöchentliche Sendung "Kiosk" mit den Pariser Korrespondent/inn/en internationaler Zeitungen ins Leben gerufen. In diesem Zusammenhang angeregt durch die Lektüre der Weltpresse schreibt sie seit 2006  Glossen in ihrem Blog "Caravane" bei TV5-Monde. Die ersten ca 150 Beiträge (2006- 2011) waren in Übersetzung auf unseren Webseiten lequichote.info und lemohican.info  zu finden.Demnächst hoffentlich auch hier wieder.

Eine Art weiblicher Tintin...?

Sylvie Braibant, 13. Mai 2006

Die Autorin über sich:

Als ich am 29 November 1956 auf die Welt kam, wurde gerade der Suezkanal nationalisiert, die französisch-ägyptische Krise erreichte ihren Höhepunkt. Mein Vater wurde in Ägypten geboren, meine Mutter in Warschau. Also kam mir die Idee, Journalistin für internationale Politik zu werden, spätestens bei der Geburt. Mein Ideal: eine Art weiblicher Tintin auf kleinen Füßen.

Unterwegs zu meinem Ziel ein Jurastudium (Licence), desgleichen Publizistik (CFJ), Geschichte (DEA, Niederschrift zu den revolutionären Frauen in Rußland im 19ten Jahrhundert). Zehn Jahre bin ich bei TF1 geblieben. Dann kamen Wege querfeldein, ein Buch (Elisabeth Dmitrieff, eine Biographie), das Szenario eines Filmprojekts zur Pariser Kommune und am Ende die Rückkehr zum Fernsehen. In die Redaktion von TV5. Regelmäßige Beiträge auch in Le Monde Diplomatique.

Als ich mit der Idee zu Kiosque umging, kam mir eine Reise nach Algerien wieder in den Sinn. Und Jahre später noch einmal zu Beginn dieser Webglossen für Nomaden der internationalen Presse (wie hier unter dem 14.Mai 2006 nachzulesen).

 

Übersetzers Postscriptum (im Folgenden Ü-ps):

George Remi (1907-1983), genannt Hergé, kam aus einem Milieu der militanten katholischen Rechten Walloniens. Boyscout (erste Zeichnungen für die Pfadfinderzeitschrift), Militärdienst, ab 1928 Comics für die Jugend (Redakteur beim "Vingtième Siècle), 1932 Heirat mit Germaine Kiekens 1934 (Trennung 1960, Heirat mit Fanny Vlamynck 1977) Begegnung mit Tschang Tschon-Jen, der ihn zu "Der blaue Lotus" inspiriert. Hergés produktivste Zeit fällt in die Jahre der deutschen Besatzung Belgiens 1940-44. Seine Comics waren zwar im Konzept "unpolitisch", aber in "Der geheimnisvolle Stern" 1942 werden Antiamerikanismen und Antisemitismen ganz ungeniert aufgenommen, während belgische Juden verfolgt und in Auschwitz ermordet wurden. In seinem Selbstverständnis war Hergé immer nur "ein einfacher Arbeiter", der seinen Lebensunterhalt verdienen mußte. Ab 1946 mit dem Jugendmagazin "Tintin".

Der Historiker Alain Colignon 2001 im Gespräch mit Manuel Abramovicz:

"Wen wunderts, daß die extreme Rechte versucht hat, den "Mythos Tintin" für ihre Zwecke auszubeuten? Wer ist dafür verantwortlich? In der Tat hat Hergé seine rechtsextremen politischen Freundschaften aus der Zeit vor und während des zweiten Weltkriegs nie verurteilt. Sein Engagement für das prodeutsche Blatt "Le Soir" (Der Abend, Auflage zeitweilig 300000 d.Übs.) wurde nie in Zweifel gezogen. Ganz einfach weil er aus seiner Sicht mit den Nazi-Besatzern nichts zu tun hatte."

1929 erschien "Tintin au pays des Soviets" (Auflage 5000, Neuauflage aus guten und aus schlechten politischen Gründen Jahrzehnte später). Die Figuren des weltweit arbeitenden Reporters Tim (Tintin im französischen Original) und seines Hundes (Struppi in der deutschen Fassung) waren geschaffen.

Die obige Illustration zum Fernsehen wurde in der Übersetzung eingeführt - Autor leider nicht notiert.

Reisen am Arbeitsplatz

 Sonntag 14. Mai 2006 à 08:10

Als mir die Idee zu Kiosque einfiel, habe ich mich an eine Reise nach Algerien erinnert. Das war vor nunmehr fast 25 Jahren eine Fahrt nach El Qued, mitten in der Wüste, unweit der tunesischen Grenze. El Qued ist eine weisse Stadt, die Architektur ist eine der rundlichen Kuppeln, die Formen gehen über in die des Sandes, der Dünen. Die Frauen gehen hier weiß verschleiert vom Kopf bis zu den Füßen, fast immer das gleiche Profil, man sieht nur ein Auge. Ein Ort gleichsam am Ende der Welt. Ich war mit einem Freund unterwegs, ich hatte gerade die erste Anstellung als Journalistin hinter mir. Jemand, der etwa so alt war wie wir, lud uns zu einem Thee ein und der Aufforderung folgend, gesellte ich mich zu seinen Schwestern im Patio.

Eine dieser Schwestern, Amal, war so alt wie ich und arbeitete als Telephonistin bei der Post. Im Haus und in der Familie trug sie keinen Schleier und ihr sehr schönes Gesicht warf unzählige Fältchen, wenn sie lachte. Sie hing an ihrer Arbeit, und mit der Heirat hatte sie keine Eile, sie wollte möglichst lange ihrer Tätigkeit nachgehen. Ganz besonders gefiel ihr die internationale Vermittlung - man telephonierte damals noch ausschließlich übers Amt. Sie machte die Verbindungen der Leute von El Qued mit Bürgern aus der ganzen Welt: hallo Toronto, hallo Paris, hallo New York, hallo Moskau, hallo Kairo! So würde sie um die ganze Welt reisen, ohne sich zu bewegen, meinte sie. Sie war nie über die nächste Oase hinausgekommen.

In meiner Familie ist man von einem Exil ins andere gegangen, von einem Kontinent zum nächsten. Ich bin viel gereist, beruflich und zum Vergnügen. Amal hatte zum Ausdruck gebracht, was mich unterwegs bewegte, so treffend wie nur möglich. Kiosque oder auch dieser blog sind ein Echo auf Amal’s Freude an imaginären Spaziergängen und Begegnungen, heute würde man sagen im Virtuellen, über unseren ganzen kleinen Planeten, über die eine und unteilbare Erde.

 

Im Nordosten Algeriens und weit nach Tunesien hinein ein Sandmeer, ein Erg. Am nordwestlichen Rand, in der Region Souf die "Oase der 1000 Kuppeln", El Oued. Arabisch Oued oder Berberisch Souf deutet auf Wasser unter dem Sand, ein verborgener Fluß. Trichteroasen, ewig vom Sand bedrohte Mulden in denen Dattelpalmen gedeihen. El Oued, ca 140 000 Einwohner, UNESCO Weltkulturerbe.

 

Auftrieb

16.Mai 2006

<img13|left>Jahr für Jahr zum Wonnemonat Mai zieht ganz Rußland um. Das ist auch der Tageszeitung Iswestija nicht entgangen. Der Umzug ist dem Blatt - derer eins, die ihre Geschichte haben - den Aufmacher wert. Und wohin ziehen all die Russen, die gepäckbeladen in allen Bahnhöfen landauf, landab die Züge stürmen? Zur Datscha.

Aber im Unterschied zu den Westlern geht es hier nicht ums Luftschöpfen, ums Ausruhen am Zweitwohnsitz. Es geht um Arbeit. Der Boden muß beackert werden, Früchte und Gemüse sollen gedeihen, vorallem jedoch die Kartoffeln. Eine Bereicherung des winterlichen Menus bei den einen, bei anderen steht das Überleben auf dem Spiel. Die Datscha (von datj, geben: zugeteiltes Land) ist nicht nur wirtschaftlich mehr als ein Schrebergarten und sie datiert aus sowjetischen Zeiten.

In der Not brachte sie Linderung des Mangels. Jede Fabrik, jedes Unternehmen verfügte über Datschen zur Verteilung an Arbeiter und Angestellte. So entstanden Gruppierungen nach Berufen und Industriezweigen. Und weil die Gewohnheit nun einmal da ist, geben die Russen ihre Selbstversorgung nicht einfach auf, auch wenn es alles zu kaufen gibt. Vom Ersten Mai, dem Tag der Arbeit bis zum neunten, dem Tag des Sieges über die Deutschen macht Rußland Ferien. Nicht wie an irgendsoeinem verlängerten Wochenende, eher schon wie anderswo zum Almauftrieb.

Wie titelt doch so schön die ehrwürdige Literaturnaja Gazeta: Noch so ein Überbleibsel aus der UdSSR... Rußland zählt heute von allen Ländern die meisten Ferientage, gleichauf mit Japan. Das sollte man sich merken für den Fall, daß einer mit dem Vorurteil daherkommt, die Franzosen würden nicht arbeiten oder nicht genug arbeiten..

 

Ü-ps:

Die "Datscha" war einmal eine aristokratische Einrichtung. Zar Peter I. vergab Land in der Umgebung von Peterburg und Petershof. Sein Adel sollte konkurrieren im Bau prestigeträchtiger Landhäuser in gepflegten Parkanlagen. Bald gefiel sich die aristokratische Gesellschaft in Zusammenkünften "auf der Datscha". Ebenso im 19. Jahrhundert die aufstrebende Bürgerlichkeit. Revolution, Abschaffung des Privateigentums, Neue Ökonomische Politik usw. änderten die institutionellen Voraussetzungen. Es entstand, weitverbreitet, die heutige Einrichtung eines kleinen, quasi privaten Grundstücks, zwar nach wie vor als elitäres Privileg, aber auch als Element einer Überlebensstrategie, das der russischen Volkswirtschaft bis heute eine im Vergleich zu westeuropäischen Ländern wohl deutlich höhere "Elastizität" verleiht. Seit 1999 ist der  Durchschnittslohn wieder gestiegen (auf 60 Dollar im Monat) und die Rentenzahlungen haben sich fast verdreifacht, doch 2003 leben noch immer 60 Prozent der Menschen von "Selbstversorgung". Etwa die Hälfte aller Haushalte verfügt über ein Stück Land, Garten, Acker, Datscha.

In Deutschland kannte man Armen- und Schrebergärten, Laubenkolonien etc. seit der Mitte des 19ten Jahrhunderts. In Folge der Erfahrungen in den Notzeiten des 1. Weltkrieges regelte die Republik Pacht- und Nutzungsrechte. Die Freizeitgärtner von heute lassen die Bedeutung der Kleingärten in Notzeiten höchstens ahnen. - Übrigens zählte auch Frankreich am Ende des zweiten Weltkriegs 250 000 "Arbeitergärten" (Jardins ouvriers).

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Herber Wein

21. Mai 2006

Die britische Tageszeitung The Independent sieht rot an diesem Tag. Rot über die ganze Titelseite. Im Balken drei Wörter, Großbuchstaben, weiß: NO NEWS TODAY (Heute keine Nachrichten). In der Fußleiste, in winzigen Buchstaben, kaum lesbar, der Hinweis: "Ausgenommen, daß 6500 Afrikaner sterben, obwohl die Krankheit erstens heilbar und zweitens vermeidbar". Die Zeitung trägt zu Recht ihren Namen, die Zornesröte auf der Titelseite steht ihr - nicht zum erstenmal - gut an. Laute Wutausbrüche gegen Hungersnot, globale Verschmutzung, drohende Überfettung der westlichen Bevölkerungen. Die verstellte, verschwiegene Nachricht, die nicht mehr zu verkaufen ist, weil sie niederschmettert. The Independent nimmt die Herausforderung an: die Tageseinnahmen kommen ohne Abstriche dem Kampf gegen AIDS zugute.

Unterdessen erörtern die Iswestija vom selben Tag einen Krieg um den Wein, der in Russland und in Georgien (obendrein auch in Moldavien) die Gemüter zur Weißglut bringt. Ein fürchterlicher Streit, hinter dem sich ein anderer verbirgt, der Krieg um Energie, der Krieg der Ideologien. Ein gnadenloses Gemetzel zwischen zwei ehemals eng Verbündeten. Rußland verbietet die Einfuhr von georgischem Wein aus Gesundheitsgründen: der berühmte Rote und Weisse, ja selbst die Schaumweine seien voller Pestizide.

Russland mit seinen frostigen Temperaturen, seinen Hitzewellen, produziert so gut wie keinen Wein. Seit über einem Jahrhundert hat der georgische Nektar die Kehlen befeuchtet. Zar Nikolas II liebte ihn besonders und Joseph Stalin, Väterchen der Völker, kam, wie es heißt, nicht ohne seinen herben Kindsmarauli aus und auch nicht ohne den süßen Chwantschara. Weine aus verschiednen Regionen nicht allzu weit von Stalins Geburtsort Gori. Die Russen nehmen Saakaschwili das Liebäugeln mit der Nato übel. Suchen ihn zu bestrafen und bestrafen sich selbst. Umsomehr als die Georgier im Gegenzug gerade den Import von russischem Bier gesperrt haben.

Ü-ps:.

"36 000 Russen starben im vergangenen Jahr an Alkoholvergiftung. Die überwiegende Zahl dieser beklagenswerten Opfer fiel nicht etwa dem Genuss von Wein, sondern dem in Russland illegal gebrannten Wodka zum Opfer. Die gepanschten Weine, die es bis dato in Russland zu kaufen gab, waren wiederum in der Mehrzahl gefälschte, sprich falsch etikettierte Produkte. Georgische Herkunftsbezeichnungen sind international nicht geschützt." erdkunde.de

"Das saftiggrüne Kachetien in den Tälern des Alasani und Iori im Südosten ist die bedeutendste Anbauregion...In Kachetien wachsen 70% der Trauben für die Weinbereitung und Brennweine für Destillate. Man unterscheidet drei Anbaugebiete und über 25 Unterbereiche, das sind zum Beispiel Achmeta, Kwarelo-Kindsmarauli, Manawi, Napareuli und Zinandali. In dieser Region entsteht der charakteristische kachetische Wein, der durch Vergären in besonderen Tonkrügen (georgisch Kwewri), gefolgt von einer ausgedehnten drei- bis viermonatigen Maischelagerung, so wie seit jahrtausenden praktiziert, eine eigentümlich tanninherbe Art erlangt...

Nördlich von Imeretien liegt an den Ufern der Flüsse Rioni und Zcheniszkali die Region Ratscha-Letschchumi... Der Unterbereich Chwantschkara ist berühmt für seine lieblichen Ehwantschkara-Wein, u.a. aus den Traubensorten Alexandrouli und Mujurtuli." wikipedia

Böcke und Gärtner

27. Mai 2006

Seit einigen Wochen hat die deutsche Presse ihr gefundenes Fressen mit einem Skandal um die Geheimdienste. Clearstream jenseits des Rheins, anders gewürzt, weniger geräuschvoll. Zuletzt noch aus der Küche des Spiegel. Gelegentlich mag das Wochenblatt sich nicht entscheiden: Sensationsmache oder investigativer Journalismus? Die Schlagzeile hebt ab auf Artikel 5 der deutschen Verfassung, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Freiheit von Kunst und Wissenschaft. Aber es geht gar nicht um offene oder verdeckte Zensur. Die Affäre, die der Bericht eines ehemaligen Richters des Bundesgerichtshofs ans Licht gebracht hat, ist eher ein Fall von Unklarheit der Zuständigkeiten. Alles andere als nie dagewesen. Wenn man den Bock zum Gärtner macht....

Bis 2005 hat der Bundesnachrichtendienst Journalisten von anderen Journalisten aushorchen lassen. Von Schnüfflern, schreibt der Spiegel in seiner letzten Ausgabe. Eine etwas eigenartige Sorte von Geheimagenten. Eine besonders eifrige, betont die täglich in München erscheinende Süddeutsche Zeitung, die in Berlin ebenso wie in Bayern ihre Leser hat. Eine Untersuchungskommission steht in Aussicht. Die Leitung der Dienste (schon angeschlagen vom Vorwurf der Komplizenschaft mit der CIA in Sachen der Phantomflüge mit Terror-verdächtigen Gefangenen) ergehen sich in müden Entschuldigungen. Die deutsche Regierung verbietet feierlich den Spionen, die Journalisten auszuhorchen oder sie für Informationen zu bezahlen.

Aber was sollen die Dienste machen, wenn sie die, die für das Sammeln von Informationen zuständig sind, nicht mehr auspionieren können? Was machen die Journalisten, wenn sie für die, die ihnen oft Auskünfte geben können, kein Wechselgeld mehr haben? Ist die Entrüstung fürs erste überstanden, wird es nicht verboten sein, auf Gemeinsamkeiten der beiden Berufe hinzuweisen. In beiden spitzt man sich auf Neuigkeiten. Für die einen, um die Demokratie, für die anderen um den Staat zu festigen, den eventuellen Garanten eben dieser Demokratie.

Eine Professorin für Kurdisch in einer europäischen Universität beschrieb ihr kleines Dutzend Studenten so: "ich habe zwei "richtige" Studenten, die übrigen sind zur Hälfte Journalisten und zur Hälfte Geheimdienstangestellte." In anderen Zeitläufen schrieb Graham Green "Der stille Amerikaner". Ein reizvoller Roman vor dem Indochina-Hintergrund im kalten Krieg der fünfziger Jahre. Er beschreibt ein Milieu von illusionslosen Journalisten, von ehrenhaften Korrespondenten nicht nur für die Presse...

Ü-ps:

Graham Green (1904-1991) kam aus einer Lehrersfamilie mit sechs Kindern. Sein jüngerer Bruder Hugh wurde BBC-Generaldirektor. Graham studierte im Baliol College in Oxford, arbeitete als Journalist zunächst in Nottingham, dann bei der Times in London. 1927 heirateten er und Vivien Darell-Browning. Sie war Katholikin geworden und er konvertierte ebenfalls. Sie hatten zwei Kinder. Ab 1929 erschien "Man whithin" (Zwiespalt der Seele) und Green konnte fortan als freier Schriftsteller leben, erst recht nach dem Erfolg von "Stambul train" (Orientexpress) 1932. Das Reisen, die Abwesenheit aus England war ihm untentbehrlich. Kim Philby gewann ihn zur Mitarbeit im MI6. Im zweiten Weltkrieg war Green in Sierra Leone. Ab 1948 lebte er mit Catherine Walstone, später, ab 1966 in Antibes mit Yvonne Cloetta. Fünf Jahre vor seinem Tod zog er mit ihr nach Vevey am Genfer See, wo er auch begraben ist. "A quiet American" (Der stille Amerikaner) enstand 1953-55 und erwies sich im Hinblick auf spätere amerikanische Ambitionen in Vietnam als weitsichtig. Green zeigte Sympathie für Fidel Castro.

 

Unterkühlte Ansichten zur Fuchsjagd

3. Juni 2006

Manchmal muß man sich mit schwierigen, stacheligen und scharfkantigen Themen herumschlagen. Etwa mit denen die gerade von Frankreich bis Österreich über Deutschland, von den Vereinigten Staaten bis Malaysia oder auch im Vereinigten Königreich Schlagzeilen machen. Da muß man seine soliden Bezugspunkte haben. Einen solchen bietet seit fast einem Jahrhundert Robert Benchley. Robert oder Bob, wie ihn seine Freunde nannten, schrieb zwischen den Kriegen kurze, entwaffnend drollige Chroniken. Die erschienen in renommierten Zeitschriften, in Vanity Fair, im New Yorker. Unbedingt empfehlenswerte, wenn schon nicht obligatorische Lektüre für jedes Alter ab dem achtzehnten Monat. (Französisch im Verlag Le Dilettante: "Polarexpedition mit dem Fahrrad" oder "Die Psychologie des Pinguin". Leiter ist der Titel "Die Qualen des Wochenendes" vergriffen.)

Also werden wir uns in Gedanken, was die wesentlichen Affären dieser letzten Maitage 2006 angeht, etwa an "Da wurden alle meteorologischen Rekorde geschlagen" oder auch an "Das Sexualleben der Tritonen" halten. Selbst so serieuse Blätter wie der Parisien (französisch), die Süddeutsche Zeitung (deutsch) oder die Österreicher Kleine Zeitung und Neue Vorarlberger (eine besonders sympatische Schlagzeile: "Viel zu kühl im Ländle")machen sich Sorgen wegen der quasi winterlichen Kälte in diesem Frühling. Eine durchaus berechtigte Sorge, meint die ukrainische Sevodnia (Heute), und Kassandra verspricht uns gleich noch einen kühlen Sommer (weil das die Großmütter behaupten und die müssens ja wissen). So wird uns, wenigstens fürs erste, die Globale Erwärmung weniger beunruhigen, das heißt uns Europäer.

Was uns jedoch beunruhigt sind die Rekorde:"Die Agenturen quellen über mit neuen Rekorden an Hitze- und Kälteperioden.(...) Selbst die mittleren Temperaturen erreichen immer neue Höchstwerte." Wie kann man solche repetitive, langweilige Medienmache abstellen? Benchley schlägt eine etwas persönlichere Variante vor: "Um halb zwölf gestern abend übertraf die Temperatur im Wohnzimmer von Frau Albert J. Arnkle in Bellclapper, Long Island alle Rekorde: das Thermometer stieg auf 53 Grad, während die höchste bisher jemals erreichte Temperatur, am 4 Juli 1911, 52 Grad betrug. Es war ein bizarrer Zufall, daß beide Male Herr George Losh zu Gast war."

Aber es gibt schlimmeres als ein ungnädiges Klima, nämlich ein mangelhaftes Sexualleben. Red Eye, ein Produkt der ehrwürdigen Chicago Tribune, gibt sich alarmiert: "Wir haben keine Zeit mehr für den Geschlechtsverkehr. Unsere Tage sind einfach zu voll." Der Leser wird jedoch auf eine Doppelseite weiter unten verwiesen und findet dort Vorschläge zur Abhilfe, zum Beispiel durch rationale Planung! Unser Vorschlag wäre, den Blick nach Malaysien zu richten. Am gleichen Tag freut sich nämlich die in Kuala Lumpur erscheinende Malay Mail mit dieser Schlagzeile: "Wir sind ja vielleicht keine Kaninchen, aber die Malaysier finden ihr Glück im Bett." Daraus ist abzuleiten, daß die Malaysier im Rythmus einer zwanzig-Stunden-Woche leben. Oder sei’s, daß das merkwürdige voreheliche Verhalten der Malaysier, wie beim Triton, auf Verschwiegenheit beruht."

Aber noch haben sie nicht alles gelesen! Es gibt schlechterdings mehr. Dem Dayly Telegraph von diesem 31. Mai zufolge laufen wir Gefahr, und das Risiko ist möglicherweise groß, daß uns auf der anderen Seite des Kanals wieder Hundemeuten bei der Verfolgungsjagd zugemutet werden. Résumé der Vorgeschichte: seit einem ersten Erlaß 1997, erst recht aber mit dem "Hunting Act" von 2004 dürfen nur akkredidierte Jäger sich mit zwei Hunden umgeben. Aus Gründen der Menschlichkeit, vielmehr der Tierlichkeit. Es scheint jedoch, daß zahlreiche Hunde die Agonie des Hirschs verkürzen, sie also menschlicher, pardon, tierlicher machen. Also könnten die Hunde ein Come-back feiern. Angesichts der Drohungen seitens der Tierschutzliga sah sich der National Trust, die für Umweltschutz zuständige Behörde, zu einem Dementi gezwungen.

Und leider haben wir zu diesem kapitalen Thema bei Robert Benchley keine passende Zeile gefunden.

P.S.

Robert Benchley (1889-1941) kam in einer gut situierten New-England Familie zur Welt. Er war neun Jahre alt, als sein älterer Bruder, soeben West-Point-Absolvent, im spanisch-amerkanischen Krieg das Leben verlor und die Mutter ausstieß: "Warum er und nicht Robert". Aus Benchley wurde ein Satyriker von Rang, 1919 geschäftsführender Herausgeber bei der 1914 entstandenen New Yorker Zeitschrift "Vanity Fair" (untergegangen mit der Weltwirtschaftskrise, 1980 neu belebt). Im Bund mit des Blattes Theaterkritikerin, Dorothy Parker-Rothschild (1893-1967) und mit dem aus dem Krieg heimgekehrten und von ihm engagierten Kritiker und Dramatiker Robert Sherwood (1896-1955), bildete sich ein literarisches Trio. Es entstand die Algonquin Round Table im gleichnamigen Hotel in der Upper West Side. Der "Vicious Circle" der schreibenden Lästerer. Auch Roberts Frau, Gertrude Darling, seine Schülerliebe, war dabei. Später wurde Benchley obendrein ein Filmstar, zum Beispiel in Leonards "Dancing Lady" 1933 oder in Hitchcocks "Foreign Correspondent" 1940. Robert war nicht der letzte literarisch namhafte Benchley. 
Nathaniel, der 1915 geborene Sohn, war Schriftsteller, Drehbuchautor, Freund und Biograph von Humphry Bogart. Enkel Peter (geb. 1940) war Redenschreiber für Lyndon Johnson, verfaßte das Jugendbuch "Jonathan visits the White House" 1964, schrieb mit "Jaws" (Schlünder) Literatur- und mit Steven Spielbergs Verfilmung ("Der weiße Hai") Filmgeschichte. Er ist nicht nur ein vielgelesener sondern auch ein vielgehörter und -gesehener Radio- und TV-Autor in Sachen Meer, Meeresforschung, Schutz der Fauna. Großvater Bob ließ übrigens seine Arbeiten von einem Freund aus der Studentenzeit in Harvard illustrieren, von Gluyas Williams. 1994 kam Alan Rudolphs "Mrs.Parker and the Vicious Circle" in die Kinos. (ks)

Der Einsturz der Baliverna

10.Juni 2006

In einer seiner Novellen (Il crollo della Baliverna) hat der italienische Romancier Dino Buzzati beschrieben, wie ein imposantes altes Gemäuer, die Baliverna, von einem Ausflügler, der darin herumkletterte, ganz unerwartet zum Einsturz gebracht wurde: der Kletterer griff nach einem Eisen im Mauerwerk, das sich löste. Er verlor den Halt und sprang zu Boden. Ohne Schaden. Ein anscheinend lose herumstehender Pfosten fiel um, er gab das Klettern auf und kehrte dem Bauwerk den Rücken. Da sah und hörte er, wie sein wartender Begleiter in einigem Abstand in Entsetzen ausbrach. Gleichzeitig ohrenbetäubender Lärm in seinem Rücken. Die Baliverna stürzte erst langsam, dann immer schneller in sich zusammen. Es soll vorkommen, daß auch die Presse auf lockere Eisen und unversehens umfallende Pfosten trifft. Wie der Leser im Folgenden vielleicht erfahren wird.

Wer in dieser Woche der globalen Fußball-Tollheit entkommen wollte, mußte nach Indien gehen. Nicht, daß dieses Land gar kein Interesse gezeigt hätte (allerdings hat man sich bis zur Eröffnung Zeit gelassen). Nur, im Vergleich zu den traditionellen und deutlich feineren Sportarten wie Rasenhockey (der Lieblingssport), Cricket, Carrom, Kabbadi, Kho Kho oder auch Yoga, ist der indische Fußball über den embryonalen Zustand nicht hinausgekommen.

Im übrigen ist die große Nation mit ihrer jahrtausende alten Kultur schon seit zehn Tagen wegen eines Skandals in hellem Aufruhr. Tag für Tag sorgt ein Schmierentheater, eine böse Mischung aus Politik, Drogen, Korruption und Ehebruch für Schlagzeilen in allen indischen Zeitungen. Gleich in welcher Sprache, ob Englisch oder Hindu, Urdu, Bengalisch, Tamilisch, usw., usw.

Im Visier der indischen Presse eine Familie, eine politische Partei und ein ganzes System kommunizierender Röhren. Der junge Rahul Mahajan, Ausbund einer Jeunesse dorée, ist des Drogenmißbrauchs angeklagt. Übrigens wäre er bei seiner vorerst letzten Reise ins künstliche Paradies um ein Haar auf der Strecke geblieben; sein Sekretär starb an einer Überdosis. Drei Wochen zuvor war der Vater, Pramod Mahajan einem Mord zum Opfer gefallen.

Dieses Familiendrama ließ sich nicht einfach unter Verschiedenes abhandeln. Pramod Mahajan kam aus bescheidenen Verhältnissen, war Journalist und wurde der Führer der mächtigen BJP (Bharatiya Janata, Volkspartei. Eben jener nationalistischen Gruppierung, rechter als rechts, die von 1998 bis 2004 an der Regierung war. Des Mordes verdächtigt wird sein Bruder, den er wohl ständig gequält hat. Die Frau des Bruders war seine Geliebte.

Der Sohn (den man auf den Posten des Vaters hat hieven wollen) wurde in einer sehr renommierten öffentlichen Klinik behandelt. Die Ärzte liessen sich bestechen und fälschten die Untersuchungsergebnisse. Die indische Version der Familia Borgia.

So wird die größte Demokratie der Welt durch einen Skandal derart aus den Fugen gebracht, daß die Erschütterungen durch Clearstream in einer der ältesten Demokratien der Welt kaum noch der Rede wert sind. Was den Ernst der Sache angeht, versteht sich...

P.S.

Dino Buzzati-Traverso (1906-1972) aus Mailand und San Pellegrino im Veneto, studierte Jura (sein Vater, den er mit 14 Jahren verlor, war Professor für internationales Recht). Nach einem kurzen Aufstieg zum Offiziersanwärter wurde er ab 1929 Mitarbeiter in der Redaktion des Mailänder Corriere della Sera. Eine Tätigkeit, die der Schriftsteller, Zeichner und Bühnenbildner sein ganzes, reiches Leben lang nicht aufgab. "Barnabó delle Montagne" (Die Männer vom Gravetal) erschien 1933 und der Roman "Il deserto dei Tartari" 1940 (Die Tartarenwüste, deutsch 1942!). Zwei Werke unter zahlreichen anderen, realistisch-phantastischen (Franz Kafka war ein Vorbild). 1939 war Buzzati Correspondent im eroberten Addis Abeba, später Berichterstatter auf italienischen Kriegsschiffen. Als die fünf Jahre jüngere Autorin und Journalistin Camilla Cederna (1911-1997)noch vor dem Krieg mit ihm zusammenleben wollte, lehnte er ab, weil sie den gleichen Beruf ausübe, wie er. Die letzten zwölf Jahre seines Lebens teilte er mit Almerina Buzzati-Antoniazzi. 1976 drehte Valerio Zurlini den gleichnamigen Film nach der "Tartarenwüste" - in Bam/Iran. Die Mondlandschaft der Umgebung illustriert den Zustand der Charaktere (in Szene gesetzt u.a. mit Jean Perrin, Philippe Noiret, Jean-Louis Trintignant, Max von Sydow).

Deutsche Übersetzung von "Il crollo de la Baliverna" in "Des Schicksals roter Faden".

Bären aller Länder, vereinigt euch!

18. Juni 2006

Elisabeth Dmitrieff, eine der maßgeblichen Frauen in der Pariser Kommune von 1871 war die Tochter eines russischen Aristokraten aus der Gegend von Pskow. Dieser Luka Kuschelew war gleich doppelt berühmt für seinen Mut. An der Front hatte er, seinen Männern voran, ein napoleonisches Regiment ganz durcheinander gebracht, als Gutsherr und Jäger stand er wie eine Statue vor jedem Bären, der ihm begegnete, was wiederum das Tatzentier total verwirrte.

Goldie und die Bärenfamilie ist eine bei allen Kindern der Welt seit Generationen bekannte und beliebte Erzählung. Die heimkehrende Familie muß erkennen, daß sie Opfer einer Hausbesetzung durch ein kleines Mädchens geworden ist(eine verfilmte Version, Chicago 1911, will sogar, daß das kleine Scheusal erst den ganzen Bärenvorrat an Süßigkeiten aufißt und dann die Jäger ruft, die Mama Bär, Papa Bär und das Bärenkind mir nichts dir nichts tot schießen).

Man sollte meinen, das charmante Säugetier hätte ein Dasein entweder nur noch als geschützte Art oder in der Vorstellungswelt der Kinder. Aber siehe da, es treibt sich herum in Europa und nicht allein da, und das bis in unsere Städte. Es soll sogar diplomatische Zwischenfälle verursachen. Jedenfalls braucht es nur zu nießen und eine Depeche erscheint in der Presse.

In Frankreich ist Balou verschwunden. Tatsächlich weiß man nichts genaues, aber sein Sender sendet nicht mehr und Frau Nelly Olin, die Umweltministerin, erklärt sorgenvoll: "Ich hoffe, es ist nichts Irreparables passiert". Es ist nämlich so, daß Balou mit seinem seidigen, dichten Pelz nicht nur sanfte Gefühle weckt. Er ist gegen seinen Willen und den der französischen Viehzüchter aus den verzauberten slowenischen Wäldern geholt worden und sollte, zusammen mit drei sehnsüchtig wartenden "Damen" die Bergwelt der Pyrenäen wieder bevölkern. Vielleicht sieht Balou ja die Fernsehnachrichten und hat begriffen, daß er sich schleunigst auf die spanische Seite der Berge davonmachen sollte, wenn er ein beschauliches Junggesellenleben zu führen gedenkt.

Bruno - Kodenamen JJ1 sorgt für Streit zwischen Österreich, Bayern und Italien. Das liegt bei ihm in der Familie, denn sein Bruder (JJ2)versetzte im Vorjahr bereits die Schweizer in Angst und Schrecken. Die Mutter kommt übrigens auch aus 
Slowenien (welch ein Paradies, dies neue Mitglied der Europäischen Union!). Sie wurde nach Italien ausgesiedelt. Die Nachkommenschaft wanderte erst durch Italien, dann nach Deutschland, wo man ihresgleichen seit 170 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Zur Zeit grast Bruno in Tirol und um sich zu versorgen, kommt er ganz wohlgesittet in die Dörfer. Man rät ihm nach Slowenien zu gehen, eine ausgedehnte Verfolgungsjagd eint Deutsche und Österreicher. Die Italiener haben gerade ihren Segen gegeben.

In Rumänien und in Finnland lebten Bären und Menschen bisher in Frieden miteinander. Aber gleich zweimal in dieser Woche sahen sich Menschen auf die nackten Fäuste diesen Tieren gegenüber angewiesen. Die junge Frau (im Norden Europas) und der junge Mann (im Süden) gaben dem Gegner eins auf die Nase und konnten beide die Runde für sich buchen (offenbar eine mindestens ebenso wirkungsvolle Technik wie die des seeligen Luka Kuschelew...)

Großbritannien sieht sich einer der größten inneren Zerreißproben seiner Geschichte ausgesetzt: werden die wunderbaren Kopfbedeckungen der "Hoarse Guards" in Zukunft aus synthetischem Fell herstellt, statt aus dem Pelz der Schwarzbären Kanadas? Mit einer Titelseite gibt "The Independant" Tierschützern Rückhalt, die auf den Stufen von St. Pauls Cathedral liegen. Doch der Verteidigungsminister hat quasi unwiderlegbare Argumente: die synthetischen Mützen nutzen sich zu schnell ab und werden zu schwer, wenn es regnet...

Vielleicht löst ja die Natur das knifflige Problem schneller als man denkt: die schwarzen und die weißen Bären Kanadas und Alaskas könnten einfach verschwinden, der Klimawandel machts. Die sehr renommierte (in Berlin erscheinende)Zeitschrift Polar Biology gibt an, daß die Bären vor Nahrungsmangel angefangen haben, sich gegenseitig aufzufressen. Man hat sie sogar beobachtet, wie ein ganzer Trupp einem einsamen oder schwächeren Artgenossen aufgelauert hat, um ihn zu zerfleischen. Erinnert Sie das an garnichts?

P.S.

Die junge "Internationalistin" Elisabeth Dmitrieff (1851-1918?)und die "Union des femmes" brachten für ein paar Wochen 1871

Reformen auf den Weg, die auch heute noch erstaunlich aktuell sind: politische Organisatonsformen, insbesondere der arbeitenden Frauen, Arbeitszeitbegrenzung, gleicher Lohn für gleiche Arbeit etc.. Während der "Semaine sanglante" stand auch Dmitrieff bewaffnet auf den Barrikaden. Sie entkam den Häschern, lebte viele Jahre in Sibirien mit zwei Töchtern und ihrem dorthin verbannten Mann, zog dann (noch vor 1905) nach Moskau, getrennt von ihrem Mann, wo ihre Spur sich 1917 verliert.

Es scheint, daß die Geschichte von den drei Bären zuerst 1831 von Eleanor Mure in Hertfordshire/England für ihren Neffen nach heimatlicher Überlieferung niedergeschrieben wurde. Größere Verbreitung fand 7 Jahre später die Version des Dichters Robert Southey (1774-1843). Allerdings war die "Hausbesetzerin" eine alte Frau, und die drei Bären, ein kleiner, ein mittlerer und ein großer, waren keine Familie. Die alte Frau verjüngte sich schon bald zum Mädchen. Es dauerte jedoch eine ganze Weile bis aus "Silberhaar" über "Silberlocke" und "Goldhaar" schließlich um 1904 Goldlöckchen wurde.(Vgl. Iona and Peter Opie, The Classic Fairy Tales, NY 1973)

Der Stummfilm "The Three Bears" (Die drei Bären) entstand 1911 im Chicagoer Studio von Essanay ("S and A", Spoor und Anderson, Filmproduzenten im Edison Trust). In der Rolle des kleinen Mädchens Evebelle (Eva) Ross Prout (1894-1980).

Korpus delikti

26.Juni 2006

Während die Götter der Stadien in Deutschland ihre Muskeln zeigen, steht auch anderswo, mehr oder weniger überall, der menschliche Leib im Mittelpunkt der Handlung (oder Mißhandlung?). In Israel kann man Haaretz lesen und konstatieren, daß höchstentwickelte Spitzentechnologie in den Dienst der ältesten der althergebrachten Praktiken gestellt werden kann. Die Ultra-Orthodoxen führen seit 40 Jahren einen Kampf gegen die forensische Autopsie. Sie mißachte die Menschenwürde. Seit ein paar Jahren verwendet nun die Polizei in der Schweiz und in England Utraschall und Scanner, Techniken, die die Leiche unversehrt lassen. Also wurde ein prominenter Wissenschaftler für ein Jahr aus Jerusalem nach London und Bern beordert. Doch die Religiösen wollen seine Rückkehr nicht abwarten, sie wollen die neuen Techniken sofort einsetzen. Vielversprechend seien die ja, hält die Verwaltung gegen, doch den Nachweis von Gift würden sie wohl schwerlich erbringen können.

Mancheiner mochte denken, der Körper, für diesmal der kranke, sei, was die Rinderseuche angeht, in Vergessenheit geraten. Aber nein, das englische Ärzteblatt The Lancet läßt in seiner neuesten Ausgabe einen der besten Prionenspezialisten wieder zu Wort kommen. Die Ergebnisse einer Studie zur Inkubationszeit bei Kuru sind alles andere als beruhigend. Kuru hat ähnliche Wirkung wie Creutzfeldt-Jakob. Eine Stammesgesellschaft in Neuguinea praktizierte seinerzeit einen rituellen Kannibalismus (sie aßen das Gehirn der Toten). Erste Symptome der Krankheit traten unter Umständen erst 50 Jahre später in Erscheinung. Die Rinderseuche könnte bei Menschen ähnlich lange Inkubationszeiten haben.

Zum Glück werden diesbezügliche Ängste zur Zeit durch H5N1 überdeckt, mit anderen Worten durch die Vogelgrippe. Allerdings kaum noch, denn die Hongkonger Tageszeitung South China Morning Post meldet, daß offenbar alles mit allem zusammenhängt: SRAS und H5N1 seien eng verwandt, der Medizin sei es gelungen, die Verbindung vom einen zum anderen nachzuweisen. Jetzt warten wir nur noch auf den Nachweis unserer Verwandtschaft mit den Rindern...

Wiederum andere Körper, diesmal die aufgedunsenen: in Australien und in Irland regt man sich über die zerstörerische Wirkung von Medikamenten bei Kindern und von Alkohol bei Frauen auf. Der Dayly Telegraph in Sidney fragt sich, was aus den Kinderleibern werde soll, die die von der Werbung bestochenen Eltern mit allen möglichen Vitaminen und magischen Pillen vollgestopft haben. Und der Dubliner Sunday Independent stellt fest, daß die Midlife-Krise mehr und mehr Frauen veranlaßt, vom täglichen Glas Wein auf die tägliche Flasche, oder gar derer zwei, überzugehen.

Fragt sich einer umsomehr, welchen Wein trinken wir überhaupt... Der Rebensaft versetzt ganz Europa in Aufruhr. Das portugiesische Blatt Publico ist in Alarmzustand, weil die Europäische Kommission 12 Prozent der Stöcke im Alten Europa vernichten will. Sie sollen den Importen aus der Neuen Welt Platz machen. Die Berliner Tageszeitung beschwört "Die große Panscherei", die da auf uns zukommt:
unser Bordeaux versetzt mit kalifornischem und chilenischem Roten?

Ja der Wein. Auch Prinz Viktor Emmanuel von Savoyen hat ihn wohl nicht verschmäht, ebenso wenig wie andere Freuden des Lebens und des Leibes. Schon seit einer Woche figuriert der Erbe der italienischen Monarchie auf allen Titelseiten der transalpinen Presse in der Schweiz und in Italien. Alle weiden sich am Feuilleton der Streiche seiner vermeintlichen Majestät: "Sex, Lügen und Video" in Anlehnung an den Titel von Söderbergs preisgekröntem Film. Der Prinz beichtet, die Italiener und die königliche Familie scheinen bereit ihm zu vergeben. Zumal er in seiner kargen Zelle in Potenza, der Hauptstadt der Basilicata, da im tiefen Süden, am Absatz des Stiefels, aus seinem Hochbett gefallen ist.

"Ich fiel parterre,/
schuld ist Voltaire;/
die Nas im Bach oh, oh,/
schuld ist Rousseau"

P.S.

"Schuld ist Voltaire..." Populärer, dreistrophiger Nonsense-Reim, zu literarischer Berühmtheit gelangt durch Victor Hugo (1802-1885). In "Les Misérables" singt der Dieb Gavroche im revolutionären Pariser Studentenaufstand von 1832 verwundet noch die Strophen bis zum letzten Vers: ".. die Nas im Bach oh,oh, schuld ist..." (und sie verließen ihn...)

SARS: Severe Acute Respiratory Syndrom (Akutes, Schweres Atemwege-Syndrom), virale Erkrankung der Atemwege, übertragbar durch Tröpfcheninfektion. Beim ersten Ausbruch 2003 erkrankten laut WHO 8000 Menschen und 774 starben.

Das Streben nach Glück

3. Juli 2006

The Economist, Lieferung der ersten Juliwoche, widmet sich der Untersuchung einer vermeintlich sehr amerikanischen Tugend (oder ist’s ein Manko?): dem Streben nach Glück. Der Artikel erscheint unsigniert. Das ist die Regel bei der berühmten britischen, aber ein Stück weit auch universellen Wochenzeitschrift. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten werden in Erinnerung gerufen. Sie schrieben die Glückssuche der Nation ins Stammbuch. Diverse Studien werden zitiert: sie belegen, daß die Amerikaner, besonders in ihrem Alltag, noch immer diesem verrückten Drang nachgeben: Zwanghaft bei der Arbeit, autosüchtig, geographisch ungebunden und immer bereit, in irgendeine Kirche einzutreten. Das Ergebnis: zwei Drittel sind Optimisten, und 84 Prozent schätzen sich sehr oder im Großen und Ganzen glücklich. Vorteilhafte Zahlen, die auch für USA Today Schlagzeilen abgeben. Problematisch höchstens, wie unser Analytiker doch auch notiert, daß das Glücksempfinden der Amerikaner sich fast einzig und allein auf materiellen Besitz bezieht und sich auf Kosten der restlichen Welt ausbreitet.

Im Gegensatz dazu, um bei den ehemaligen und doch auch weiterhin bestimmenden Weltmächten zu bleiben, lagen die Schlüssel zur Glückseeligkeit in Rußland in der Liebe (der sehr irdischen) und in der Emanzipation des Subjekts, des kollektiven wie des individuellen. Drei Autoren (unter anderen) schrieben zwischen 1840 und 1910 entsprechende Anleitungen: Alexander Herzen mit "Wer ist schuld?" (1846), Nikolai Tschernischewsky mit "Was tun?" (1863), aber vorallem Anastasia Werbizkaja mit ihrem nichtendenwollenden "Die Schlüssel zum Glück" (1910). 1400 Seiten in sechs Bänden, zuerst erschienen in Fortsetzung in den Blättern jener Zeit. In einem ganz vorzüglichen Essay, "The Keys to Happiness" beschreibt die amerikanische Historikerin Laura Engelstein das chaotische Streben nach Glück im vorrevolutionären Rußland.

Einer, der heute sehr glücklich zu sein scheint, ist Joschka Fischer. Die deutschen Zeitungen der letzten Woche verkündeten seinen endgültigen Rückzug aus der Politik. Der einstige Minister der Grünen, zeit seines Mandats in der Regierung Schröder auf allen Kontinenten geschätzt, gesteht sein Glück mit einem volltönenden "Jetzt bin ich wirklich weg!" Er verläßt die grüne Bundestagsfraktion und wird Associate Professor in Princeton/USA, wo die Universität ehemalige Minister jeder Couleur mit Kußhand nimmt.

Hoffen wir, daß das unverschämte Glück eines alten Öko-Streiters durch den Tod von Bruno nicht allzu sehr geschmälert wird. Bruno, der transalpine, zwischen Italien, Österreich, der Schweiz und Deutschland streunende, slowenische Bär meinte in Bayern seinen Frieden gefunden zu haben. Am Mittwoch, den 28 Juni, haben Jäger ihn getötet.

P.S.

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4.Juli 1776 wird das Recht aller Menschen, eine Regierungsform abzuschaffen oder zu ändern, damit begründet, daß alle Menschen selbstverständlich gleich geschaffen seien und daß ihr Schöpfer sie ebenso selbstverständlich mit einigen unveräußerlichen Rechten versehen habe, darunter das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf das Streben nach Glück ("Glückseeligkeit" in der einen Tag später erschienenen deutschsprachigen Version). Verfasser war Thomas Jefferson (1743-1826). Von Adam Smith (1723-1790) stammt die Formel "Leben, Freiheit und das Streben nach Eigentum". Jefferson ersetzte Eigentum durch Glück. Es entstand das ungeheuer populäre Credo des American Dream, des amerikanischen Traums.

Alexander Herzen (1812-1870), Kritiker der Leibeigenschaft und der Autokratie, widmete sich der Verbreitung (natur-) wissenschaftlicher Bildung, nahm Gefängnis und Verbannung auf sich, bis er 1847, nach dem Tod seines Vaters als wohlhabender Erbe, Rußland den Rücken kehrte und fortan aus dem Ausland (Paris,Genf,London,Nizza)als Herausgeber und Publizist das Regime aufs Korn nahm und die öffentliche Meinung mitbestimmte. Geprägt in der Jugend durch den Dezemberaufstand 1825 und in den ersten Auslandsjahren durch das Scheitern der europäischen Revolutionen.

Nikolai Tschernitschewsky (1828-1889) aus Saratow studierte in Petersburg, arbeitete ab 1855 für die angesehende literarisch-philosophische Zeitschrift Sowremenik (Der Zeitgenosse), brachte seine Enttäuschung über die neue Regierung Alexander II und die Reformen zum Ausdruck, wanderte ins Gefängnis, schrieb dort Was tun? und wurde nach Sibirien verbannt. Wie seine Generation sich an Herzen’s Schriften orientiert hatte, waren die Vorstellungen Tschernischewsky’s richtungsweisend für die oppositionelle Jugend in den sechziger und siebziger Jahren.

Die Frauen der Familie waren selbständige Persönlichkeiten. Großmutter Anastasia Motschalowa war eine bekannte Schauspielerin, die Mutter war bis zu ihrem Tod der schreibenden Tochter erste Kritikerin. Anastasia Werbizkaja (1861-1928)wuchs in Woronesch auf, ein Studium am Moskauer Konservatorium brach sie aus materiellen Gründen ab. Jahrelang war sie Musiklehrerin, verheiratet mit einem Geometer, Mutter von drei Söhnen. Dann Journalistin bis der ungeahnte Erfolg ihrer Schriftstellerei sie einholte. 1905 engagierte sie sich für die Revolution. Von ihren etwa 25 Büchern wurden bis zu einer halben Million Exemplare verkauft, die vier Bände der Originalausgabe von "Kliutschi stschastja" (Die Schlüssel des Glücks) zu je 40 000. Werbizkajas Szenario der Glücksschlüssel kam 1913 auf die Leinwand (Regie: Gardin, Protasanow). In der Hauptrolle Olga Preobraschenskaja (1881-1971), die später so berühmte Regisseurin (u.a."Der stille Don"): ein Riesenerfolg. Nach 1917 änderte sich das Publikum und Werbizkajas Beliebtheit sank. 1924 waren ihre Bücher nicht mehr genehm.

Amazonen

9.Juli 2006

Afghanistan: Schon fast vergessen, trotz der Attentate, trotz der Kampfhandlungen. Man sah die Situation auf dem Weg zur Normalität. Andere mörderische Konflikte drängten die afghanischen in den Hintergrund. Bis uns Le Temps (Die Zeit), die französischsprachige schweizer Tageszeitung, diese Woche erneut aufrüttelt. Das Blatt, eine Referenz für Kollegen und Publikum, bringt ein Portrait "des" Kommandanten Kaftar, afghanischer Warlord und - Frau. Eine Kriegsherrin in allen Konflikten: zuerst gegen die Sowjets, dann gegen die Taliban. Kaftar ist ein Name, den ihr "ihre" Männer, 200, im ärgsten Kampfgetümmel gegeben haben. Kaftar (persisch), deutsch Taube - ein merkwürdiger Kosename für eine Kriegerin, die, wie niemand sonst, die Kalaschnikow handhabt und es im Körperbau mit jedem Möbelpacker aufnehmen kann. Die Männer bringen übrigens, wenn sie von ihr reden, nur mit Mühe das "sie" über die Lippen. Heute läßt sich Bibi Ayisha (ihr tatsächlicher Name) von ihren Töchtern bemuttern (zwei ihrer Söhne sind im Krieg umgekommen), bleibt jedoch die Taube. Körperlich von Gelenkschmerzen geplagt, lebt sie mit mörderischen Erinnerungen, in denen Taliban und Russen um die Wette Schrecken verbreiten...

Dem Leser - der Leserin kommt unwillkürlich Phoolan Devi, die "Räuberkönigin" aus dem Norden Indiens in den Sinn. Sie wurde in einer Fischersfamilie geboren, in einer mißachteten Kaste, wurde mit 11 Jahren verheiratet, mit 18 vergewaltigt, wurde mit 20 Rächerin und Bandenchefin, ging mit 23 ins Gefängnis bevor sie mit 36 (obwohl Analphabetin) ins Parlament gewählt und mit 38 Jahren ermordet wurde.

Einmal auf dem Weg rückwärts in die Vergangenheit, kommen wir zu anderen, uns bekannten, Kriegerinnen, etwa zu Marie Skobzow, genannt Mutter Maria, russische Aristokratin, die ihre Feuertaufe bei den Weissen hatte, bevor sie sich mit der Waffe in der Hand auf die Seite der Revolutionäre schlug, nach dem Verlust ihrer Kinder ins Kloster ging und nach Dachau deportiert wurde, weil sie Juden gerettet hat. Oder natürlich Jeanne, der Bastard, der die französischen Armeen in einem selten furchtbaren Gemetzel gegen die Engländer führte.

Und auch, Mythologie zwischen Legende und Wirklichkeit, jene Amazonen, vielleicht slawische Frauen vom Schwarzen Meer, die sich die Brust abschneiden, um den Bogen besser führen zu können, oder auch die skandinavischen Walküren, jungfräuliche Dienerinen des Gottes Odin, Schlachtenlenkerinnen, die nach Gutdünken den Tod austeilen...

Wer kann da noch behaupten, daß Frauen in dieser Materie weniger begabt seien als Männer? Leider niemand...

P.S.

Tom Coghlan, der "Kaftar" im Frühjahr 2006 für die BBC interviewte, zitiert sie mit dem Satz:"Frau oder Mann, ich mache da keinen Unterschied, wenn sie oder er ein Kämpferherz hat". Photo der Warlady.

Bibi Ayisha - so hieß auch eine der Frauen des Propheten, die ihn um viele Jahre überlebte und für die Überlieferung von allergrößter Bedeutung war.

Phoolan Devi, Uttar Pradesh 1963 - Neu Dehli 2001.
Shekhar Kapur’s Film "Bandit Queen", 1994, mit Seema Biswas in der Titelrolle, wurde seinerzeit nach einigem Hin und Her auf Verlangen von Phoolan Devi per Gerichtsbeschluss in Indien abges

Alles ist relativ...

17. Juli 2006

Es war in dieser Woche, just davor und just danach... Just nach jenem Ausbruch planetarischer Gewalt, verkörpert in Zidane, der seinem italienischen Gegner den Kopf in den Magen rammt, und just vor der Brandung im Vorderen Orient.

Beide Male die stichelende Frage: Wer ist schuld? Der Provokateur oder der Provozierte der zuschlägt? Man möchte sagen, es hängt davon ab, nämlich von der Provokation, kurzum, alles ist relativ...

An diesem Dienstag, den 11 Juli, zwischen den beiden Kataklysmen, die ihr Echo in der gesamten Weltpresse finden, bringen es drei Tageszeitungen in Kanada, in den USA und in Israel tatsächlich fertig, ihre Schlagzeilen 1400 Briefen zu widmen, die Albert Einstein- geschrieben hat (man stelle sich nur seine Logorrhöe vor, hätte er im Zeitalter der Emails gelebt...). Die Jerusalemer hebräische Universität - dort liegen die Briefe im Archiv - hat sie nun endlich der Öffentlichkeit zugänglich machen können.

Sie waren an die Frauen des Physikers gerichtet, diese Briefe, - an die legitimen und an die anderen - oder auch an seine Kinder. Albert Einstein entpuppt sich hier als ein eher liebeshungriger Liebhaber, als ein eher zuvorkommender Ehemann und als ein relativ aufmerksamer Vater. Man wußte ja bereits, daß er sich in Gesellschaft von Frauen wohl fühlte, besonders in Gegenwart von Wissenschaftlerinnen wie er. Was ihm gelegentlich geholfen hat, seine wissenschaftlichen Arbeiten voranzubringen, wobei die Musen leicht ein wenig vergessen wurden.

A propos seine Entdeckungen, da lamentiert er: "es wird bald damit enden, daß ich der Relativität müde sein werde. Wenn man sich derart intensiv mit etwas beschäftigt, selbst mit diesen Dingen, stellt sich am Ende immer der Überdruss ein." (Brief an seine zweite Frau Elsa 1921 - genauer 
Wortlaut s.dort )

Gleichfalls in dieser Woche entdecke ich eine schweizerdeutsche Sartyrezeitschrift, den Nebelspalter- , das Äquivalent des französischen Charlie Hebdo. Die Zeitschrift hat 12 Zeichner gebeten, sich die Deutschen in der Sicht der Schweizer vorzustellen. Man muß wissen, daß die Debatte um die Immigration wie in Frankreich und anderswo in Europa so auch bei den Helveten hohe Wellen schlägt. Allerdings, die meisten Immigranten hier - das mag zu denken geben - bleiben nicht. Mit einer Ausnahme: die Deutschen, sei es aus Gründen der Arbeit, der Lebensqualität, vielleicht auch der Landschaft, lassen sich endgültig nieder. Zwölf Bilder also, zwölf Diapositive sozusagen, lassen die invasiven Nachbarn im weißen Kreuz der Bundesflagge erscheinen. Die Karrikaturen nehmen aufs Korn, was immer da lächerlich oder auch gefährlich scheint: eine deutsche Dogge, einen Flieger 
der Lufthansa, ein Schwein mit Pickelhaube usw., aber auch einen Edmund Stoiber, den glücklosen Kanzlerkandidaten, im Konterfei der Deutsch-Argentinierin Marlene Pohle. Hat er nicht in seinem Bayern, da wo Bruno, der Bär, kürzlich erschossen wurde, vorgeschlagen, Gotteslästerung mit drei Jahren Gefängnis zu bestrafen?

Kurzum, alles ist relativ und dieser Blog auch, zumal wenn’s, wie jetzt in unserer nördlichen Hemisphäre, auf die großen Ferien zugeht... Ich bitte die Reisenden der Karawansereien zu verzeihen, wenn ich in den kommenden Wochen noch gemütlicher daherkomme, noch mehr abseits der Straßen und womöglich mit längeren Ruhepausen.

P.S.

Marlene Pohle- ist zur Zeit auch "Commandante" der FECO- (Federation of Cartoonist’s Organisations, Sitz London, Motto: "Make humor, not war!")

Das deutsche Strafgesetzbuch, §166, stellt "Gotteslästerung" unter Geld- oder Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren, wenn "der öffentliche Friede gefährdet ist". Seit langem wird immer wieder, wie jetzt wieder in Bayern- , gänzlich aussichtslos versucht, den wenn-Zusatz zu streichen und damit die Trennung von Kirche und Staat in Deutschland (wie unvollkommen sie auch sein mag s. Präambel zum Grundgesetz) sehr weitgehend einzuschränken.

S.a. Zu Edmund Stoibers Bären-Politik-

Naturkatastrophen

24.Juli 2006

Kurzum, es ist heiß. Sehr heiß. Die Bestätigung liefert ein kurzer Blick in die europäische Presse (wenn die nicht gerade vom Libanon handelt, wo es in diesen Tagen nicht nur noch heißer zugeht...) oder in die lokale meiner Sommerfrische. Vor zwei Monaten war es sehr kalt und ein Eintrag in diesem Blog war Berichten von Temperaturrekorden gewidmet: Temperatur - der internationale Lieblingssport. Hier sei nur daran erinnert, daß Sommer ist.

Allerdings sind die Ansichten von der sommerlichen Wärme nicht die gleichen im Osten oder Norden, im Süden oder Westen des Alten Kontinents, daran ändert auch die Europäische Union nichts. In Österreich und in der französischen Schweiz (Kleine Zeitung und 24 Heures) ist man eher zufrieden - mal was anderes als alpiner Schnee... Anders in Prag (Dnes) oder in London (Dayly Telegraph), wo man seufzend unter dem tropischen Einbruch leidet.

Meistbietend macht sich geltend, wer Ihnen genauer sagt, wie Sie weniger leiden oder weniger blödsinnig schwitzen: Spezialisten, "Drs. rer. cal.", beraten, schreibt die katalonische Vanguardia, wie die in Zentralspanien üblichen 45 Grad Hitze auszuhalten sind, und der (stets ein wenig moralisierende) Independent fragt, ob Sie wissen, warum es so heiß ist (und falls noch immer nicht, wird Ihnen bildlich auf die Sprünge geholfen: ein Flugzeug, ein Auspuff, ein Schornstein).

Hier wie dort sind die Landwirte am ärgsten beunruhigt, vor allem hier: Der Éclaireur du Gâtinais und der Courrier du Loiret sagen voraus, daß Hitzewelle und Feldbrände die Ernte um 15% geringer ausfallen lassen (natürlich bezogen auf das allerbeste Jahr, in dem sämtliche Ernterekorde gebrochen wurden). Wetten, daß Europa zum Ausgleich eine Subvention gewähren wird. Allerdings zeigt ein Blick auf die Titelseite von Joong Ang Libo, daß zum Bedauern des südkoreanischen, gemäßigt konservativen Blattes die landwirtschaftliche Subventionspraxis überall verbreitet ist, mit Ausnahme von Neuseeland, wo der schlechten (aus der Sicht der Zeitung) Gewohnheit jetzt ein Ende gesetzt wurde.

Ein Glück, daß der schweizerische Matin sich über eine Not aufregen kann, die schwerer wiegt als Hitzewelle und Subvention der Landwirtschaft: die Welle der "Quads", diese Dinger, die nicht Motorrad und nicht Traktor, und die die bukolischen Wege in unseren Gefilden zu entzaubern drohen. Wer unterschriebe da nicht gern die Petition?

P.S.

Der oder die Loiret ist ein kleiner südlicher Nebenfluss der Loire. Das nach ihm benannte Departement Nr. 45 liegt im Pariser Becken, der Präfekt residiert in Orléans, die Verwaltung verteilt sich auf Unterpräfekturen in Gien, Montargis und Pithivier. Mitten im Departement dehnt sich über weite Strecken malerischer Staatsforst. Eine ehemals bedeutende Verkehrsader, der Kanal von Orleans, verbindet die Loire in der alten Königsstadt mit dem Loing in Montargis und über diesen mit der Seine. Die Landschaft beidseits des Loing ist das Gatinais, Montargis das "Venedig des Gatinais". Seit alten Zeiten gibt besonders ein Produkt das Aushängeschild der Gegend ab: ein im Spätsommer blühender Krokus, der Safran: "Backe, backe Kuchen,/ der Bäcker hat gerufen,/ Eier und Schmalz, /Butter und Salz,/ Milch und Mehl/ Safran macht den Kuchen gel."

Jenseits des Meeres

4.August 2006

Ein Meeresarm trennt Florida von Kuba, ein stürmischer, eine Grenze, an der sich hüben und drüben die Klischees, die vorgefaßten Meinungen, brechen... Fidel Castro ist krank; Der älteste Revolutionär der Welt oder der älteste Diktator - je nachdem, wo man von ihm spricht - erschüttert noch einmal den Planeten, jedenfalls den der Presse... Berichte auf beiden Seiten der Meerenge, Fotografien mit ganz verschiedenen Legenden. Der Miami Herald zeigt in großer Aufmachung ein Bild von Demonstranten und erklärt, daß die Menschen bei der Nachricht vom baldigen Tod in Freudenschreie ausbrechen. Die gleiche Aufnahme (anderer Ausschnitt) in Granma oder Trabajadores, zwei kubanischen Tageszeitungen: Solidaritätskundgebungen in der ganzen Welt für den unsterblichen Máximo Líder...

Noch ein anderes Bild muß sehr häufig veranschaulichen, was ein nahes Ende sein könnte: die gebeugte Gestalt Fidel Castros, beinah gebrochen, teilweise verdeckt von einer Fahne (schon auf Halbmast?), den Ellenbogen auf etwas gestützt, was ein Stuhl sein könnte, den Kopf auf der Hand: Rodins erschöpfter Denker oder ein Betender (was für den "alten Genossen" der Gipfel wäre...). Auch diese Aufnahme geht um die Welt, Symbol mangelnder Phantasie...

So kommen einem lauter literarische oder sprichwörtliche Sätze in den Sinn: "Jeder sieht den Süden vor seiner Haustür", oder "Jedem seine Wahrheit..." oder auch "Wahrheit auf dieser Seite der Pyrenäen, Irrtum auf der anderen". Die Frage nach dem Autor dieses letzten Diktums bringt uns zum Anfang zurück: die Ansichten sind geteilt: war Montaigne der erste? Oder war es Blaise Pascal? Oder hat gar letzterer für seine "Gedanken" den Vorgänger plagiiert? Montaigne hätte übrigens "Falschheit auf der anderen" geschrieben - Nüance! Andere neigen eher zu Richelieu oder Voltaire - sei dem, wie es wolle...

Erinnern wir uns an jene "Wahrheit" auf einer Reklame für polnische Wodka: "von den Polen erfundenes und von den Russen kommerzialisiertes Getränk"! Eins ist sicher: Wodka sagt man auf russisch für "Wässerchen"...

P.S.

Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592), Vater Pierre Jurist, Kaufmann, Amtsadel; Mutter Antoinette de Louppes de Villanueva wahrscheinlich aus sephardischer Familie. Sohn erbt das Richteramt, wird auch Bürgermeister von Bordeaux. Gibt, als der Vater 1570 gestorben war, alle Ämter auf und zieht sich auf Schloß Montaigne im Périgord zurück. Verfasser der berühmten "Essais" (Versuche) und des Tagebuchs einer Reise nach Italien über Deutschland und die Schweiz:
"Die Sprache, die ich liebe, ist einfach und natürlich: auf dem Papier nicht anders als aus dem Mund; eine Sprache voller Saft und Kraft, kurz und bündig, weniger geschniegelt und gebügelt als unverblümt und ungestüm;...fern aller Geziertheit, gewagt, ...nicht schulmeisterlich, nicht pfäffisch, nicht advokatisch, sondern soldatisch..."
War mit Marie de Gournay befreundet, übertrug ihr seinen literarischen Nachlass.

Blaise Pascal (1623-1663), Vater Jurist, Amtsadel in der Auvergne, später in Rouen und Paris, Mutter Antoinette Begon aus einer Kaufmannsfamilie. Blaise und seine Schwester Jacqueline leben seit 1647 in Paris, dort im Kreis um Port Royal, dem Zentrum der jansenistischen ((rationalistisch?-)orthodoxen katholischen) Theologie. Pascal konstruiert in mehreren Exemplaren eine Rechenmaschine, die "Pascaline", publiziert ab 1647 zu physikalischen (Vakuum und Luftdruck), dann zu mathematischen (Wahrscheinlichkeitsrechnung, Zahlenordnungen) Themen. Nach einem Erweckungserlebnis 1654 vorallem auch theologisch motivierte Schriften. Mit 18 fiktiven, satyrisch-polemischen "Briefen aus der Provinz" mischt er sich in den Streit der Jansenisten mit den Jesuiten ein. Notizen und Fragmente für eine großes Werk über Religion und Leben werden (erstmals) von Freunden nach seinem Tod als "Gedanken über die Religion und andere Themen" publiziert.

"Wodka sagt man auf russisch für ’Wässerchen’": nicht anders natürlich auf polnisch (wódka). Schnaps is Schnaps? Aus Getreide, aus Melasse, aus Kartoffeln, gefährlich selbstgebrannt, russisch Samogon, schwarz gebrannt oder offiziell versteuert, 20 prozentig mindestens seit dem 15ten Jahrhundert. Später, mit besseren Distillen, der heutige Standard von 40 Prozent. Seit Dmitri Mendelejeff (1834-1907) die Stopka: das Glas (oder den Becher) für die Einheitsmenge 100g, russisch sto gram...

Glockenverstimmung

21. August 2006

Der Eclaireur du Gatinais, aber auch die überregionalen französischen Tageszeitungen berichteten in der letzten Woche vom gerichtlichen Nachspiel einer Affaire, die seit Monaten den Kanton Beaune la Rolande in Unruhe versetzt. Der Verwaltungsbezirk hat seine Geschichte mit so manchen schmerzlich-dunklen Momenten: eine gnadenlose Feldschlacht im Krieg gegen die Preussen 1870, eine ebenso fürchterliche im Ersten Weltkrieg und - still und schrecklich - ein Durchgangslager 1941-1943. Jüdische Frauen und Kinder wurden dort festgehalten (unter barbarischen Bedingungen, und bei beschaulich-bequemer Passivität der Umgebung) bis die Vichy-Polizei sie in die Todeslager deportieren liess (nachzulesen etwa bei Eric Conan, Sans oublier les enfants (Nicht zu vergessen die Kinder), Paris, Le Livre de Poche, Mai 2006.)

Doch die schöne Gegend zwischen Wald und weitem Feld zählt auch erfreulichere Sehenswürdigkeiten: die Schlossruine von Nibelle ("Nis de la belle":"Nest der Schönen", sprich Geliebten von Henri IV, dem König des "jedem wöchentlich sein Huhn im Topf") oder die Kirche von Boiscommun (16tes Jahrhundert mit einem Anbau aus dem 18ten). Dies herrliche Bauwerk gegenüber vom Rathaus der Gemeinde (ca 1000 Einwohner, einschliesslich der Zweitwohnsitze), eher eindrucksvoll friedlich, hallt wider wie eh und je von Messen, Hochzeits- und Begräbniszeremonien, von Konzerten und vom Klang der Glocken, deren Geläut bei Westwind bis Montbarrois (300 Seelen, zwei Kilometer nordwestlich) tönt.

Diese Glocken sind der Stolz und das Missgeschick von Boiscommun: dank elektronischer Steuerung läuteten sie Tag und Nacht, bis Neubürger des Fleckens im Schatten der Kirche Wohnung nahmen und um nächtliche Ruhe einkamen. Zunächst direkt beim Bürgermeister und als der ablehnte, vor dem Verwaltungsgericht. Ein erster Entscheid erging zu Gunsten der Glocken, ein zweiter dann zu ihren Ungunsten. Der Bürgermeister legte Widerspruch ein, es gab eine Petition für die Glocken und einen offenen Brief der Gegenpartei (die immerhin 1179 Schläge in 24 Stunden zählen konnte...). Es gab Drohungen, Gerüchte, Streit bis in die Familien, Zwist in Freundeskreisen. Die vergiftende Vox Populi liess niemanden aus, auch nicht die Verfasserin dieser Zeilen. Einfühlsam freundliche aber letztendlich wenig begründete Aufforderung bewegte auch sie zur Unterschrift für die Glocken. Alles andere als stolz, kann sie im Nachhinein nur bitterlich bereuen, dass sie sich zur Mitläuferin der Meute gegen "diese Leute" gemacht hat.

Nun hat der Conseil d’Etat, der Staatsrat, in seiner unendlichen Weisheit zu Gunsten der Nachtruhe in Boiscommun entschieden: die Glocken muntern uns auf bei Tag und schweigen in der Nacht.

Vielleicht hätte eine Volksabstimmung im Dorf, die unvoreingenommene Abwägung der Argumente der einen und der anderen in der Diskussion, oder auch die "Selbsterfahrung" an Ort und Stelle (Übernachtungen einzeln oder vereint im Schatten des Kirchturms) die Dämonen von einst und die Haßgefühle im Zaum halten können...

Uns haben die netten Lamas, die die Titelseiten mit den Glocken teilten, viel besser gefallen, als die hässliche Geschichte (Es gibt im Loiret neuerdings einen Züchter: das Vieh soll ein sehr guter Rasenmäher sein, ökologisch und obendrein was fürs Gefühl). In "Die sieben Kristallkugeln" und in "Der Sonnentempel" unterhält Kapitän Haddock mit so einem Säuger eine komplexe Beziehung. Das Vieh ärgert sich und spuckt ihm zu wiederholten Malen ins Gesicht. Der kleine andine Fremdenführer erklärt: " Wenn Lama sich ärgern, immer machen so!"

P.S.

Hergé, Haddock: in einer "Rhetorik des Bildes" (groupe mu)das Beispiel einer bildlichen Trope (Pupillen in Flaschenform)

Spuckende Lamas? Nach Alfred Brehm (1829-1884, "Tierleben")bedienen sich die wilden Guanakos gegen ihren menschlichen Hauptfeind "mindestens eines allen Lamas eigentümlichen Verteidigungsmittels, lassen den Gegner dicht an sich herankommen, legen die Ohren zurück, nehmen einen sehr ärgerlichen Ausdruck an und speien ihm plötzlich ihren Speichel und die gerade im Maule befindlichen Kräuter ins Gesicht." Die neuere Verhaltensforschung lehrt, dass eigentlich nur Sexualkonkurrenten bespuckt werden, bei entsprechender Erregung sogar mit Mageninhalt.

Ein schöner Rücken ist ein breiter Rücken

6. September 2006

Zwei französischsprachige Tageszeitungen, die eine diesseits, die andere jenseits des Atlantik, haben sich in der vergangenen Woche je eine Plage dieser modernen Zeiten vorgenommen. Auf der Titelseite von Le devoir québécois ein Rücken, wie gemeißelt, sonnenbraun und naß, als ob soeben dem Meer entstiegen. Kommentar: "U-Bahn, Arbeit, Rückenschmerzen - Schluß mit der Alltagsroutine, mehr als 80% der Bevölkerung leidet früher oder später unter Rückenschmerzen!"

Der hartnäckige Kummer hat sich zum Leiden des neuen Jahrhunderts entwickelt, befällt Junge und Alte, Berühmtheiten und gewöhnliche Leute. Zum Beispiel führt die Zeitung Alan Greenspan an, den ehemaligen Verwalter der amerikanischen Geldreserven: der beginnt den Tag mit einem heißen Bad gegen seine Rückenschmerzen..., oder André Agassi, der seinen Schläger abgibt: nicht einfach ein Rücken, sondern: "Skoliose, Arthrose, Sesshaftigkeit, Rauchen, Stress, Depression usw". Einzig wirksames Gegenmittel: - Spazierengehen!

Der Reichtum der französischen Sprache an Ausdrücken die den "Rücken" anrufen, ist überzeugend: "einen breiten Rücken haben, mit dem Rücken zur Wand stehen, hinter jemandes Rücken etwas tun, eine Sache auf dem Rücken von jemandem austragen", nur um die wichtigsten zu nennen. Als Journalistin, die sich Stunde für Stunde mit den Nachrichten aus aller Welt herumschlägt, erwehre ich mich der wildgewordenen internationalen Neuigkeitenproduktion dauerhaft mit einem: "nicht auf meinem Rücken".

Diesseits des Atlantik, auf dem Alten Kontinent, beklagt Libre Belgique unsere "Ohnmacht gegen Spam". Zur Aufmachung eine Spamzeichnung mit einem kleinen Mann, der in der Reklame ertrinkt, die jetzt 70% unserer Email-Eingänge ausmacht. Die belgische Zeitung erklärt, dass das englische Wort "eine Art Pastete" bedeute und aus einem Sketch stamme, in dem die Monty Pythons unaufhörlich "spam, spam, spam, spam" sangen, um alle anderen am reden zu hindern.

Die meisten spams versprechen Ihnen bessere sexuelle Leistung, mehr Geld oder den Schmuck einer neuen Uhr. Überraschend nur, dass offenbar 0,05% der Surfer die Angebote aufgreifen und dass die Spammer bis zu 5000 $ im Monat verdienen können. Im Unterschied zu den Pathologien des Rückens gibt es gegenwärtig (beinahe) kein Mittel gegen diese Krankheit und jeder Versuch, sie einzudämmen, macht sie gleich noch schlimmer. Und die Profite auf dem Rücken der Leichtgläubigen und Alles-Mitmacher hören bestimmt so schnell nicht auf. Wir warten schon auf den nächsten Woody-Allen-Film: "SPAM - Alles was Sie schon immer wissen wollten und nicht zu fragen wagten". Das Katastrophenscenario eines Super-Zentral-Komputers, der von Viagra-Reklame überflutet wird.

P.S.

Die Aufzählung der französischen Wendungen, Tropen, "geflügelten Worte" enthält noch: "casser du sucre sur le dos de quelqu’un" (wörtlich: "Zucker auf jemandes Rücken brechen") d.i. jemanden in seiner Abwesenheit kritisieren. "Zuckern" (sucrer) steht im französischen Volksmund für mißhandeln und der Rücken muß nicht nur in Frankreich gern für die ganze Person herhalten. Im Deutschen hat man bekanntlich "Rückgrat" oder auch nicht, eine Wendung, die dem Übersetzer im französischen Kopfzerbrechen macht, im Unterschied zur "Wirbelsäule", die jeder hat, und die jeder Automat mit "colonne vertebrale" passend wiedergeben kann.

Wiederkehr alter Dämonen

11.September 2006

Mit Karelien verbindet sich erst einmal die Vorstellung von Seen und Wäldern, von Wasserflächen im Sommer, Eisflächen im Winter, von endlosen Schlittenfahrten auf dem Ladogasee. Man denkt an flaches Land, aus dem die orthodoxen Kirchtürme hervorragen, seit der größere Teil der vormals schwedischen und finnischen Provinz russisch geworden war. Man fühlt fast, wie sich nichts ereignet, nur Stille. Und doch, wenn man heute hinhört, hört man aus dieser Gegend am Rand von Europa, im Nordwesten Russlands, Weinen und Geschrei, Töne der Gewalt und eines fremdenfeindlichen Nationalismus. Nicht erst heute.

Anfang September degenerierte ein Wirtshausdrama, das sich zwischen "russischen" Trinkern und einem aserbeidschanischen Barmann abspielte (Zwei "Slawen" wurden getötet) zu einem Pogrom gegen Kaukasier. Geschäfte und Schulen wurden zerstört, Menschen wurden gejagt, und in den gewöhnlich friedlichen Strassen von Kondopoga im Norden der Hauptstadt kam es zu organisisierten Aufmärschen. Die Affäre machte die Runde in den Schlagzeilen der russischen Presse. Vorallem weil Ultranationalisten das Feuer anfachten. Sie zogen in Kampfanzügen durch die Stadt. Die meisten Tageszeitungen zeigten sich entrüstet über eine Stimmung wie zu Zeiten der Ghettoisierung von Bürgern durch das alte Reich.

In den letzten Monaten nehmen die rassistischen Vorkommnisse in Russland tendenziell zu. Längst schon sah man auf die "schwarzgesichtigen", die aus den zentralasiatischen Republiken kommen, mit der Verachtung der selbstzufriedenen Kolonialherren herab. Auch in der UdSSR, dem Hort der großen Völkerfreundschaft. Seit dem Ende der Sowjetunion kennen Russischstämmige in ihrem Abscheu erst recht keine Zurückhaltung, obwohl die Kaukasier in allen Gegenden zentrale Funktionen ausüben, insbesondere im Einzelhandel, im Reinigungs- und im Baugewerbe. Sie sind gewisser Weise Einwanderer aus dem Inland.

Aber zweifellos ist der Haß nicht ganz von ungefähr in Karelien zum Ausbruch gekommen. Diese Provinz mit ihren vielen Grenzkonflikten in der Vergangenheit pflegt einen poetisch-kulturellen und politischen Nationalismus (Hoffnung auf ein Groß-Finnland). Im Karelianismus, einer Ende des 19ten Jahrhunderts entstandenen Bewegung, finden sich die Bewunderer Kareliens, vorallem des Kalewala, jenes Epos, in das Volksdichtung und Volksgesänge der mündlichen Überlieferung eingegangen sind. Zu solcher Wiederbelebung der Tradition gesellt sich eine erstarkte orthodoxe Gläubigkeit: die nordwestlichen Provinzen Rußlands haben tatsächlich gerade die Einführung von Religionsunterricht, und zwar ausschließlich christlichem, in den Grundschulen beschlossen. Ob die Temperaturen, die im Winter unter minus vierzig Grad fallen, die Gehirntätigkeit erschweren?

Nicht, dass damit alles gesagt wäre. In einer mindestens so zivilisierten Gegend, nämlich im flandrischen Belgien erlebt der Neonazismus eine erneute Blüte. "Bloed-Bodem-Eer-Trouwn" (Blut-Boden-Ehre-Treue) ist die flämische Version des "frankophonen" "Blood and Honour" (sic), jenes Klubs nostalgischer junger Offiziere, die mit einer Serie von Attentaten das Land destabiliseren wollten. Die französischsprachige und wallonische Presse zeigte sich höchst verängstigt nach der Polizeiaktion in den Kasernen. Im Interview mit der Brüsseler Tageszeitung Le Soir qualifizierte ein belgischer Soziologe die glücklicherweise unterbundene Explosion der Gewalt als "revolutionäre Flucht nach vorn". Aber eine Erklärung für die zahlenmäßige Zunahme der Erben des großen Reichs findet sich nicht.

Zurück nach Osten, nach Japan, dem die Befreiung von den alten Dämonen auch nicht gerade leicht fällt. Erst zollt der Premierminister seinen Tribut bei der Ehrung von Kriegsverbrechern, deren Greueltaten die Geschichtsbücher des Zweiten Weltkriegs füllen; dann begeistert sich das Land über der Geburt eines männlichen Erben der kaiserlichen Krone. Der Sohn des heutigen Tenno wird nicht etwa zum ersten Mal Vater. Er hat bereits zwei Töchter. Die Traditionalisten können triumphieren: Vorbereitungen, die Frauen den Zugang zum Thron erlauben sollen, werden ad kalendas graecas - auf den Sankt-Nimmerleins-Tag - 
verschoben.

Oder vielleicht doch nur bis zu den "kalendas turcas": die Türken sind nämlich gerade dabei, sich der dringensten Problematik der Gesellschaft unseres Europakandidaten anzunehmen: der Gewalt gegen Frauen und des Mißbrauchs von Frauen in der Familie.

P.S.

Als Karelien im 13ten Jhdt zum Einflußgebiet der Nowgoroder gehörte, wurden die Einwohner orthodox christianisiert. Als die Schweden ab 1617 in den westlichen Teilen, die Russland abgab, protestantische Religionspolitik betrieben, zogen die orthodoxen Karelier dort weg. Peter I. nahm den Schweden die karelischen Gebiete ab und baute seine Hauptstadt in unmittelbarer Nähe der Karelier. Im Bürger- und Unabhängigkeitskrieg 1918 gewann das neue Finnland gegen die "Roten" karelisches Gebiet, das es 1947 wieder abgab. Heute spricht im (kleinen) finnischen Karelien niemand mehr karelisch (die dritte Sprache der finnischen Familie nach finnisch und estnisch), in der (großen) russischen Republik Karelien noch und wieder etwa 10 % der rund 800000 Einwohner.

Der Arzt Elias Lönnrot (1802-1884) publizierte 1835 und 1849 eine Sammlung mündlich überlieferter Sagen, die er in Karelien hörte und aufschrieb. Das Kalewala wurde bald zum finnischen Nationalepos (im mehr oder weniger autonomen russischen Gouvernement), Jean Sibelius (1856-1965) setzte Musik zu den Stoffen, Axeli Gallen-Kallela 1865-1931 illustrierte, der "Karelismus" inspirierte in Zeiten des Jugendstils und der Art Nouveau Künstler und Architekten.

Seit dem Fall der Sowjetunion gehört Karelien zu den(bescheiden) boomenden Regionen, die Menschen aus (kriegs-)verarmten Gegenden (Tschetschenien, Aserbeidschan) anziehen. Kondopoga (35000 Einwohner), nördlich von Petrosavodsk (Hauptstadt, 280000 Einwohner) am Onega-See gelegen, ist eine Industriestadt (Holzverarbeitung, Papierproduktion).

In einem ehemaligen (ab 1563?) Wappen Kareliens droht "der Westen" mit dem geraden, "der Osten" mit dem krummen Säbel ?...

Crash

19.September 2006

Während die letzte päpstliche Bulle eine Welle von Gewalt in der ganzen Welt auslöste - wie der Flügelschlag des Schmetterlings in Buenos Aires den Wolkenbruch in Reykjavik bewirken kann -, erstarrt ganz Kanada angesichts eines niegesehenen Gewaltausbruchs in diesem friedlichen Land. Ein von Waffen faszinierter Schüler in Laval in Quebec, der seine morbide Leidenschaft den Lesern seines Blogs ausführlich anvertraute, veranstaltet ein Massaker in seiner Schule, ähnlich dem von Colombine in den USA: ein Toter, mehrere schwer, wenn nicht lebensbedrohlich, Verletzte. Das traumatische Vorkommnis bewegt die englisch- ebenso wie die französischsprachige Presse auf den Titelseiten: eine Art innere Einkehr, um das Warum des Wie zu begreifen.

Kanadische Schriftsteller, Filmemacher, Künstler ergründen schon seit langer Zeit die Tiefen der alltäglichen Gewalt, die mit der Modernisierung, der industriellen und technologischen Revolution, mit dem Massenkonsum in den westlichen Gesellschaften einhergeht. Im Kino ging Cronenberg mit seiner Adaptation des Romans "Crash" von James Graham Ballard bis an die Grenzen des Genres. Der Brite Ballard hatte eine kanadische Vergangenheit, war dort bei der Luftwaffe. Die Fantasie eines traumatischen Verkehrsunfalls wird zur entblößenden Metapher für den Zusammenbruch unserer Wirtschafts- und kulturellen Systeme.

Zeitungen suchen wie gewöhnlich die Verantwortlichkeiten: Drogen, Videospiele, Rockstars, Virtuelle Universen im Internet oder, nicht selten, alles dies zusammen... Jeder hat seinen Sachverständigen, Psychiater oder Psychologe, der das Unverständliche verständlich macht, Worte für das Unerklärliche findet. Abgesehen von, wie es scheint, der unendlichen Einsamkeit eines Jugendlichen, der in aller Legalität Waffen besitzen konnte: ein Punkt, der ohne Zweifel ausführlichere Nachforschungen verdienen würde.

Man weiss dagegen überhaupt nicht, was die Auslöser der beiden spektakulären Unfälle waren, die in Japan und Australien die Titelseiten füllten, ja sogar in anderen Teilen der Welt (zum Beispiel in der Türkei). Zwei fatale Crashs, deren Blechberge Fotografen und Journalisten anziehen und damit auch uns Leser, vielleicht weil wir hoffen, so den Teufel, der uns reitet, auszutreiben, nämlich den Gedanken an den Tod im Blech.

P.S.

James Graham Ballard, geb. 1930 in Shanghai (wo der Vater als Chemiker arbeitete; die Familie war während des Krieges in einem japanischen Lager interniert), Medizinstudium in Cambridge, 1953-1954 Royal Air Force in Saskatchevan, 1955 Heirat mit Helen Mary Mathews, Arbeit als Redakteur, Künstler (Popart), Schriftsteller. Erfolg 1962 mit "The Drowned World" (Karneval der Alligatoren). 1964 Tod seiner Frau. Ballard allein mit drei Kindern. Im dystopischen Roman Crash (1973) ist der sexuelle Genuss von Autozusammenstößen vielfach schockierendes Thema.

Ballard 2005 in einem Interview der ZEIT:

"All meine Bücher handeln ja davon, dass unsere humane Gesittung wie die Kruste über der ausgespienen Lava eines Vulkans ist. Sie sieht fest aus, aber wenn man den Fuß daraufsetzt, spürt man das Feuer. Die Geschehnisse in Louisiana erinnern uns daran, dass die Freiheit der Reichen immer noch auf der Unterdrückung der Armen beruht. Weil diese Tatsache aber verdrängt wird, sind wir schlecht vorbereitet, den Preis für das Funktionieren unserer Gesellschaft zu zahlen."

David Cronenberg, geb. 1943 in Toronto, Mutter Pianistin, Vater freier Journalist, frühe naturwissenschaftliche Interessen, 1963 Literaturstudium, Abschluss 1967 nach einem Jahr Europa. 1966 erste "Underground" Filme, Gründung der Toronto Film Co-op. Nach vielen Filmen 1996 die in Cannes preisgekrönte Crashverfilmung.

Bericht falls Interesse

26. September 2006

Pünktlich wie jeden Morgen gibt die Agence France Press auch heute, Dienstag den 26ten September 2006, ihre Übersicht heraus, die Vorschau auf die Tagesereignisse und auf entsprechende Berichte und Analysen. Heute genau um 8 Uhr 26.

Europäische Themen sind etwa die Beratungen zum Beitritt von Bulgarien und Rumänien oder die Verstärkung der Polizei in den französischen Vorstädten. Zwischendrin die Meldung dass der Europäische Gerichtshof ein Urteil in Sachen George Blake fällen wird: "Der sowjetische Spion, der seit 1966 in Moskau lebt, klagt gegen ein Verfahren der britischen Regierung, das zum Ziel hat, ihm die Autorenrechte für sein Buch über sein Leben in den Geheimdiensten zu entziehen". Der Nachricht folgt der Hinweis: "BERICHT FALLS INTERESSE".

 

Ein paar Stunden später schliesslich, ergeht eine Depesche zur Entscheidung des Gerichtshofs zu Gunsten des Klägers: wenigstens ein bescheidenes Interesse also, für einen mitreißenden Fall, der alles in einem die Geschichte des Jahrhunderts, die des Kalten Krieges, die Meinungsfreiheit, die Frage, was ist ein Verbrechen und die der Autorenrechte thematisiert.

Im Frühjahr 1990 taucht in London ein Mann wieder auf, der seit 24 Jahren hinter dem Eiserenen Vorhang verschwunden war. Sein Name und sein Portrait erscheinen auf dem Deckel eines wie für die Bestsellerlisten geschaffenen Buches mit dem Titel "Keine andere Wahl". Es handelt sich um George Blake, um einen der berühmtesten Doppelagenten in der Geschichte der Gegenspionage. Vom gleichen Kaliber wie die Philby, Mac Lean oder Blunt, obgleich jünger als seine berühmten Vorgänger. Wie jene ein Überläufer aus Überzeugung, aus britischen Diensten in die des KGB. Wie sie hat er dem Intelligence Service erheblichen Schaden zugefügt. Und ebenfalls wie sie, hat er stets behauptet,
dass niemand unmittelbar unter seiner Entscheidung zu leiden gehabt hätte.

Die Engländer haben ihn 1961 verhaftet, er wurde zu 42 Jahren Gefängnis verurteilt. Pazifisten, die ebenfalls einsassen, jedoch für kürzere Zeiten, fanden das Urteil zu hart und verhelfem ihm im Oktober 1966 zur Flucht. Er erreicht Moskau und wohnt ihm gleichen Block wie Kim Philby und Donald Mac Lean. Mit der Perestroika wird seine Welt paradoxerweise gleichzeitig enger und weiter: geographisch wird der sowjetische Einfluss eingeschränkt, aber virtuell, mit den verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten, öffnet sich die Welt. Er reist weniger und schreibt dafür seine Memoiren mit Hilfe eines britischen Journalisten. Das Buch erscheint zuerst im Vereinigten Königreich.

Doch dort werden die Dinge kompliziert: sein Londoner Verleger, die berühmte Firma Jonathan Cape, hat ihm eine Anzahlung von 60 000 Euro auf die vertraglich vereinbarte Summe von 150 000 gezahlt. Die (konservative)englische Regierung beschliesst daraufhin, die restlichen, noch nicht gezahlten, 90 000 Euro zu konfiszieren: als Entschädigung für den Schaden, den George Blake dem Vereinigten Königreich zugefügt habe...

Nach neun vergeblichen Jahren im Umgang mit britischen Gerichten wendet sich der mittlerweile russische Staatsbürger an den Europäischen Gerichtshof, klagt wegen Einschränkung der Meinungsfreiheit und ungebührlicher Hinauszögerung des Verfahrens...

Die britischen Richter ihrerseits versuchen geltend zu machen, dass es ungebührlich sei, wenn ein Buchautor von "seinen Verbrechen" profitiere. Es gab einen Fall auch in Frankreich, als die Autobiographie der "Schlange", Charles Sobhraj erschien. Der Serienmörder junger Mädchen erzählt darin seine düsteren "Erfolgserlebnisse". Aus der Sache wurde ein Musterverfahren. Das Urteil besagt, dass es ganz undenkbar sei, jemandem zu erlauben, auf diese Weise von derartigen Verbrechen zu profitieren.

Aber lassen sich solche Bluttaten mit einem ideologischen "Verbrechen" vergleichen, über das je nach Ort und Zeit sehr verschieden geurteilt wird? ... Der Europäische Gerichtshof hat in seinem Urteil zu diesem grundsätzlichen Punkt nicht Stellung bezogen, wohl aber zu den sich hinziehenden Verfahren: die englische Justiz wird zur Zahlung von 7000 Euro Entschädigung an George Blake verpflichtet. Wir warten auf die Kommentare in der britischen und der russischen Presse....

Eine Lehre aus der Sache ist jedoch bereits gezogen: George Blake hat gerade entschieden, die Fortsetzung seiner Memoiren auf russisch zu veröffentlichen, unter dem Titel: "Transparente Mauern" (Prozratchye Steny)...

P.S.

Die klagende Partei hat sich also zu Recht auf Art. 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention berufen:

"Recht auf ein faires Verfahren.(1) Jede Person hat ein Recht darauf, dass über Streitigkeiten in bezug auf ihre zivilrechtlichen Ansprüche und Verpflichtungen oder über eine gegen sie erhobene strafrechtliche Anklage von einem unabhängigen und unparteiischen, auf Gesetz beruhenden Gericht in einem fairen Verfahren, öffentlich und innerhalb angemessener Frist verhandelt wird..."

Die britische Justiz wird auf Grund von Art. 41 verurteilt:

"Gerechte Entschädigung. Stellt der Gerichtshof fest, dass diese Konvention oder die Protokolle dazu verletzt worden sind, und gestattet das innerstaatliche Recht der Hohen Vertragspartei nur eine unvollkommene Wiedergutmachung für die Folgen dieser Verletzung, so spricht der Gerichtshof der verletzten Partei eine gerechte Entschädigung zu, wenn dies notwendig ist."

In Sachen "Autorenrechte" müsste ein Gericht sich mit der Natur der Rechtsverstösse auseinandersetzen. Im vorliegenden Fall handelt es sich offenkundig um Taten, die in Kriegszusammenhängen zu werten sind. Der Europäische Gerichtshof könnte hier meines Erachtens auch deshalb nicht richten, weil die Konvention den Kriegsfall (leider?) nicht einbezieht in die Menschenrechtsbestimmungen.

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