Sonnabend 25. Dezember 2010

Sprechen wir von mir, mich interessiert sonst nichts...

#220

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Sprecht mir von mir /
Nichts sonst mich interessiert /
Sprecht mir von mir /
Nichts sonst mich berührt

Dieser Refrain aus Guy Béarts Chanson klingt mir im Ohr seit ich den Artikel auf der Titelseite der Devoir vom 14. Dezember 2010 gelesen habe: "Psychologie, eine digitale Welt nach Maß der Narzissmen."

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Die Zeitung teilt uns mit, dass die amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie in einer Welt, in der es dem Ich noch nie besser ging, besonders auch im Spiegelbild der sozialen Netze und anderer digitaler Welten, - dass also die Gesellschaft vorhat, den Narzismus aus der Liste der Persönlichkeitsstörungen zu streichen.

Die Devoir hat die umwerfende Neuigkeit der New York Times vom 30. November entnommen. Das heißt, die Narziss unter uns werden ertragen müssen, was sie am wenigsten mögen, nämlich "unbeachtet durchgehen" wie der amerikanische Psychiater und Blogger Charles Zanor mit aller Grausamkeit schreibt: "die narzistischen Persönlichkeiten werden eine aussterbende Spezies. Sie werden zwar nicht unmittelbar ausgelöscht, aber schlimmer als das, sie werden nicht mehr weiter beachtet."

Doch keine Panik, die Beklagenswerten haben zwei Jahre Zeit, sich mit der schrecklichen Perspektive zu versöhnen. Die Streichung von der Liste wird erst 2013 vollzogen.

Das Komitee, das über die Änderung zu befinden hatte, argumentiert, dass Narzismus "überholt" sei. Will sagen, nicht mehr zeitgemäß in unserer modernen, von virtuellen Spinnenfäden durchzogenen Welt, in der jede/r jede/n von einem Ende des Planeten zum anderen das Universum über seine Seelenzustände unterrichten kann. "Tagtäglich werden die Menschen aufgefordert, ihre Geschichte zu erzählen und tun das auch," meint der kanadische Webanthropologe Geoffroi Garon.

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"In den neuen Kommunikationsräumen stellen wir unsere Persönlichkeiten aus, konstruieren eine digitale Identität, gleichzeitig aber werden wir uns dieser Persönlichkeit bewusst und können tagaus tagein über sie nachdenken", schreibt er weiter. Der gewöhnliche Narziss verlangt im Allgemeinen nur, noch und noch geliebt zu werden, noch und noch sich anerkannt zu fühlen, wie Castafiore im Tim-und-Struppi-Album, die unaufhörlich die Juwelen-Arie aus der Faustoper von Gounod singt: "Ha, welch ein Glück mich zu seh’n,
Mich hier so prächtig und schön! Spiegel klar, ich dich frage: Bin ich’s denn? Schnell mir es sage! " Am Ende nichts böses außer für den armen Kapitän Haddock.

Schlimmer wirds, wenn zum Narziss das Perverse hinzukommt. Hilfe! Der perverse Narziss begnügt sich nicht damit, absolut geliebt zu sein, er will auch absolut herrschen und besitzen, ja quälen, entwürdigen, entwerten, erdrücken... Da können wir nur froh sein, wenn diese Fresslust sich bis zum Erbrechen den virtuellen Opfern widmet und die übrigen frei atmen lässt. Man hat jedoch so seine Zweifel...

 

 

Mittwoch 29. Dezember 2010

Trübe Zeiten an der schönen blauen Donau...

#221

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Der Neujahrstag 2011 wird ein komischer Tag. Wer die Sylvesternacht gefeiert hat, mag überall in der Welt mit einem Kater aufwachen, aber für die Bürger Europas wird das Erwachen diesmal schlimmer ausfallen, meint die österreichische Die Presse, und der Kurier titelt: "Schatten über Ungarn". Am 1. Januar 2011 übernimmt Ungarn für sechs Monate turnusgemäß die europäische Präsidentschaft. A priori ist Ungarn doch ein sehr schönes Land: die schöne blaue Donau fließt mitten hindurch und an ihren sanften Hängen wächst ein herrlich mundender Nektar, der ungarische Tokayer. Und weitgereiste Freunde oder gar Adoptivkinder dieses Landes behaupten gar, die Crèmetorten seien dort noch größer als in Österreich...

Allein, seit ein paar Monaten hallen Stiefelschritte in den Straßen Budapests und anderer Orte wider, seit die ultrarechte Partei Jobbik, obwohl nicht unmittelbar an der Macht beteiligt, Sonne und Regen (vorallem Regen) auf der politischen Bühne kommandiert. Mit nur einem Achtel der Parlamentssitze lassen sich diese Neofaschisten und treuen Nachfolger des Nazipartners Horthy mit offen antisemitischen und anti-Roma Parolen quasi einschmeichelnd bis ins Arbeitszimmer des Premierministers hinein vernehmen: nicht nur will der Konservateur Viktor Orban sie nicht gegen den Strich bürsten, er nimmt gar vorauseilend ihre Wünsche auf.

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Da bleibt kein Bereich ausgespart: die Pressefreiheit wird ab dem 1. Januar per Gesetz eingeschränkt, aber das Gesetz wurde bereits angewandt mit dem Versuch, ein offenbar nicht hinreichend wohlmeinende Portrait der zukünftigen Hohen Priesterin des neuen Medienkontrollorgans der Zensur zu unterwerfen. Eine "linke" Website war die "Übeltäterin". Das Verfassungsgericht wird umorganisiert, damit es vorallem durch der Regierung nahestehende Richter besetzt werden kann. Festtage zur Erinnerung an Ungarns Größe in Zeiten der Donaumonarchie häufen sich. Allen in anderen Ländern lebenden Mitgliedern magyarischer Gemeinden wird die ungarische Staatsbürgerschaft angeboten. Und die Kultur kennt quasi nur noch eins: Gesänge von Ungarns Ruhm und auf keinen Fall Annäherung und Brückenbau zu den Nachbarn. Für den Tag der Erinnerung an den Verlust von Siebenbürgen-Transsylvanien 1918 wurde ein rumänisches Konzert, das am Vorabend, dem 30ten November im Nationaltheater stattfinden sollte, abgesagt. Es stelle einen Angriff auf das ungarische Nationgefühl dar. Jobbik ließ vernehmen, der Theaterdirektor Robert Alföldi solle künftig seine Aufführungen "in einen Keller des 7ten Bezirks (das jüdische Viertel Budapests) verlegen, dort könne dieser homosexuelle Jude ja seine Avantgardekunst zeigen". Da wird einem regelrecht übel...

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Wie wird sich die von der Eurokrise geschüttelte europäische Union angesichts solcher Extremismen aus der Affäre ziehen? Wolgang Böhm, Leitartikler der Presse, eines Blattes, dass in Österreich zählt und zur Linken neigt, sieht hier eine Chance für Europa und für Ungarn. "Mehr internationale oder gar globale Prioritäten helfen dem kleinen Land über seine nationalistische Kirchtumspolitik hinweg. Und die europäischen Partner können ihren Blick nicht mehr von Ungarn abwenden, müssen sich dem, was dort vorgeht, stellen und dürfen das in aller Legitimität, ohne den Eindruck der Einmischung in innere Angelegenheiten zu erwecken. Die europäische Union hat eine belgische Präsidentschaft überstanden, als sich Belgien mitten in einer Regierungskrise befand. Sie wird auch die Präsidentschaft Ungarns überleben." Der Journalist erinnert an die Lage seinzeit in seinem Heimatland: Als Österreich am zersetzenden Rechtextremismus eines Jörg Haider litt, hat Europa ihm gedroht und es stigmatisiert, mit dem Effekt, dass es sich noch mehr auf sich selbst zurückzog. "Die konservative Regierung Viktor Orban und ihre autoritären Maßnahmen zeigen wie unfähig Europa ist, Widerspenstige in die demokratischen Reihen zurückzuführen. Da offenbart sich ein struktureller Mangel der europäischen Verfassung" meint der Leitartikler Georg Baltissen.

Also was tun? Ab dem 1. Januar 2011 jedenfalls auf etwaigen Geruch nach Schwefel achten...

 

Anmerkung des Übersetzers: Anlässlich der Wahlergebnisse im Frühjahr und des Einzuges der Jobbik ins Parlament sprach die Süddeutsche Zeitung mit György Konrad. In Köln sprach Sarah Brasak mit György Dalos.

Im "Echo der Zeit" vom 12. April, am Tag nach den Wahlen sind die beiden Autoren auch zu hören.

 

 

Mittwoch 5. Januar 2011

Werdet alt, habt keine Kinder und ihr lebt besser...

#222

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Die so ausgezeichtnete "The Economist" teilt uns zum Jahresende 2010 mit, dass das Leben mit 46 Jahren anfange. Endlich mal eine gute Nachricht! Mehrere Studien überall in der Welt zeigen, dass "das Leben nicht etwa ein langer Abstieg aus lichten Höhen ins Tal des Todes" ist, sondern eine unaufhaltsam aufsteigende Kurve, im Mittel vom 46ten Jahr an, auch wenn die Ukrainer zum Beispiel erst mit 62 ihren Tiefpunkt haben und die Schweizer schon mit 35. Der Journalist der "The Economist" wendet sich von allen üblichen Klischeevorstellungen ab: wenn Erwachsene mit 45 Jahren unvermeidlich ihren Tiefpunkt, ihre Depression haben, dann nicht wegen der Midlife-Krise, nicht wegen einer existentiellen Problematik in Sachen Liebe, Arbeit, Gesundheit, Alter usw.

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Der so klarsehende Journalist, von dem man nicht weiß, ob es ein Mann oder eine Frau ist (die Artikel in The Economist sind niemals signiert), ob Single oder nicht ( die Signatur gibt im Übrigen auch anderswo keine Auskunft über den Zivilstand), lanciert eine Hypothese, die unsereins nur unterschreiben kann: 46 Jahre ist das Alter, in dem Eltern mit Jugendlichen konfrontiert sind! Mit diesen fürchterlichen Ungeheuern, die den Kühlschrank leeren, herumschreien bei jeder Aufforderung aufzuräumen oder Aufgaben zu erledigen, stundenlang im Bett liegen und sich fragen, wie sie zu anderen Eltern kommen könnten, und die selbst eine Reise nach Venedig zur Hölle werden lassen können...

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Man hätte Lust, diese/n mutigen Aufklärer/in, die/der hier ein Tabu angeht, kennen zu lernen und zu fragen, was ihn/sie zu der revolutionären Reportage veranlasst hat: hat er/sie etwa Jugendliche zu Hause, oder kommt er/sie jeden Tag später nach Hause um dem dort herrschenden höllischen Ambiente zu entgehen? War er/sie bei Freunden zu einem Abendessen eingeladen, das sich in einen Alptraum verwandelte, weil der Sohn der Familie auftauchte? Jedenfalls kommt er/sie wiederholt auf dies Thema zurück, das in der Studie durch nichts belegt ist.

Die Volkswirtschaftler, die sich mit dem Bruttonationalglück beschäftigen, diesem neuen Indikator für den Reichtum eines Landes, den das kleine Bhutan im Himmalaya bekannt gemacht hat, nennen andere, weniger originelle Faktoren für den Antieg der Lebensfreude-Kurve von 50 an: Höhepunkt der Karriere, bessere Organisation im Alltag, ein Schein von Abgeklärtheit, angehäuftes Kapital, all dies vorallem für die Frauen in den Fünfzigern mit hohem Bildungsniveau. Zusammenfassend kann man sagen: Bildung macht glücklich, weil sie reich macht.

Doch würde man auch gerne erfahren, warum die Ukrainer mit 62 Jahren in abgrundtiefe Depression verfallen - vielleicht haben sie alle erst nach 45 Kinder - und die Schweizer mit 35 - vielleicht geben sie ihre Nachkommenschaft, wenn sie in die Pubertät kommt, in die Hände des Kollektivs... Antworten erwünscht!

 

 

Donnerstag 13. Januar 2011

Das Leben vor uns und hinter uns - die Geschichte eines Ostdeutschen, von Maxim Leo

#223

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Vor/hinter einer Betonmauer, geschützt durch ihre Grenze, betrachteten die Westdeutschen mehr als 40 Jahre lang die des Ostens mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung. Waren es doch die, denen alles misslungen war, Chancenlose, die sich nicht berappeln konnten, weil sie ohne Übergang aus dem Naziregime in den Stalinismus gefallen waren. Solch herablassende Haltung dauerte nach dem Mauerfall an, und es mag sein, dass Spuren auch heute noch da sind. Die Lekture von Maxim Leos Text sollte allen Sonntagshistorikern die Augen öffnen...

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Als die Mauer fiel, war Maxim Leo, heute bekannter Journalist in der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland, ein zwanzigjähriger Ostdeutscher, dem der Mauerfall als Befreiung vorkam. Zwanzig Jahre danach sieht er dies einschneidende Ereignis noch genau so, und der vierzigjährige, inzwischen Familienvater, zeigt keine Spur von Nostalgie. Was sich aber geändert hat, ist sein persönlicher Zugang zur geschichtlichen Vergangenheit vermittelt durch die Lebensläufe seiner Familie. Nicht viele können, so wie die Leos, ohne Schamgefühle von sich sagen, dass sie Ostdeutsche sind.

Ganz unpathetisch spinnt Maxim Leo den Faden bis zu den Urgroßvätern, die zwei Mal im Widerstand zu finden waren, gegen die Nazis und gegen einen Stalinismus, der die Arbeiterorganisationen zersetzte, denen sie angehörten.

Ein Großvater, Gerhard Leo, kämpfte im französischen Maquis, während der andere, ohne sich viel dabei zu denken, als Wehrmachtsangehöriger nach Frankreich kam. Ersterer sah in Ostdeutschland nach dem Ende der Barbarei eine moralische und politische Möglichkeit, Deutscher zu bleiben, nicht ohne kritische Wachsamkeit. Der andere machte im neuen Regime Karriere, zweifellos genau so selbstverständlich wie im vorherigen. Die Trennlinien traten bei Maxims Eltern zu Tage. Beide, der Künstler und die Historikerin, fassten mit klarem Blick und mutig die Auflösung des Staates ins Auge. Die Biographien der beiden, denen ich das Glück hatte, gelegentlich zu begegnen, sind wohl die bewegensten.

August 1999 - Zehn Jahre nach dem Mauerfall wollte ich die Familie Leo, Großeltern, Kinder und Enkel, kennenlernen. Die Großeltern, Gerhard und Nora, stammen beide aus deutsch-jüdischen Familien, deren Mitglieder im zweiten Weltkrieg in alle Winde zerstreut oder ermordet worden waren. 1954 hatten sie sich entschieden, in ihr Geburtsland zurückzukehren, zunächst nach Düsseldorf, dann also nach Ostdeutschland.

Als von Genocid und Krieg gezeichnete Widerstandskämpfer hofften sie bei ihrer Rückkehr auf ein neues Deutschland. Der Westen entsprach ihrer Hoffnung nicht, und sie zogen mit den Kindern und allem Drum und Dran in den Osten. Auch fanden sie, die Entnazifizierung sei in Westdeutschland nicht weit genug gegangen: zu viele hohe Beamte, Richter und Unternehmer aus der Nazizeit saßen wieder oder noch in ihren Sesseln.

Gerhard war in der neuen Umgebung ein erfolgreicher Journalist .

Als im November 1989 die Mauer fiel wenden sich die drei Töchter, Annette, Historikerin, Doris, Galeristin, und Hannah, Sozialarbeiterin, mehr oder weniger schnell dem Westen zu. Die Mauer, als sie noch existierte und auch ihr Fall, verlief quer durch ihr berufliches und privates Leben.

Als die nachfolgende Generation alt genug war um sich damit auseinanderzusetzen, war das Problem nicht mehr da. Maxim, das älteste der Enkelkinder, ist hüben wie drüben unterwegs und wird im wiedervereinten Berlin schnell eine der bekanntesten Signaturen der neuen Medienwelt.

August 2009 - Am Vorabend des zwanzigsten Jahrestags des Mauerfalls wollte ich die Familie Leo wiedersehen und ein Zwiegespräch mit ihnen allen fortführen, das nie wirklich aufgehört hatte - ich hatte Gerhard und Nora alle Jahre besucht. Da erfuhr ich von Annette, dass Gerhard im Sterben lag. Mit dem Ende des Sommers hat er uns im Alter von 87 Jahren verlassen. Zuletzt ist er den Einwanderern ohne Papiere zur Seite gestanden, beseelt wie stets vom Geist des Widerstands.

 

 

Montag 24. Januar 2011

Australische Dunkelmänner erneut aktiv...

#224

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Es ist nicht das erste Mal, dass die Australier uns in Erstaunen versetzen. Im Guten, wie im Bösen. Während Wasser einen Teil des Landes überschwemmt, wird die größte Stadt des Landes, Sidney, weitab von der Wasserkatastrophe von einer Polemik überflutet, die dem viktorianischen England alle Ehre hätte machen können. Ein einziges Foto einer anerkannten Artistin, Trägerin des hochgeschätzten Archibald Prize und übrigens Mutter zweier Kinder, sollte bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung ein paar hundert tausend Dollar zugunsten einer Kinderklinik in Sidney einbringen. Stattdessen entstanden Verluste in Höhe von 200 000 Dollar. Ein schöner Erfolg...

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Die Leitung der Klinik hatte mehrere australische Künstler, Maler, Fotografen, Bildhauer, um ein Kunstwerk gebeten. Der Erlös einer Ausstellung in der Klinik zwecks Spenden sollte dem Haus zugute kommen. Kaum jedoch hatte die Klinikstiftung die ersten Arbeiten in ihren Händen, da hatte einer der Organisatoren, der in mondänen Kreisen Sidneys sich bewegende und sehr medienbewusste Patrick Joyce, schon verstanden, dass gewisse Kunstwerke "nicht dem strengen Reglement der Klinik entsprechen" - allerdings konnten wir diese Regeln nirgends finden.

Die Ablehnung spitzte sich zu, als Del Kathryn Bartons Foto eintraf. Die Werke der Künstlerin hatten bereits zuvor weit über die pazifischen Meere hinaus Wellen geschlagen. Diese Arbeit entsprach entschieden nicht den Ansichten der Organisatoren. Die Ausstellung wurde kurzer Hand ohne Erklärung abgesagt. Australische Zeitungen und Webseiten schreiben nur dass die Klinik das Foto "ungeeignet" gefunden habe.

Was ist auf dem Foto zu sehen? im Vordergrund ein Knabe mit nacktem Oberkörper, herabhängenden Armen. Die Hände berühren sich fast, das Gesicht und die Brust sind von Blasen übersäht. Den Hintergrund bildet ein riesiger Rosenstrauß. Nebenbei gesagt ist das Kind der sechsjährige Sohn der Künstlerin. Die Direktorin der Australischen Gesellschaft für die Visuellen Künste, Tamara Winikoff, kommentiert in aller Nüchternheit das regressive Verhalten der Aussteller: "unser Eifer für den Kinderschutz bringt uns noch dahin, Kinder gar nicht mehr wahrzunehmen".

Im Juni 2008 war die Polizei bei Bill Henson erschienen und hatte seine Kinderporträts wegen angeblicher Obzönität beschlagnahmt.

Man weiß nie, ob es nicht noch schlimmer kommen kann. Umgehend hatte ein anderer Verein angeboten, die Werke zu übernehmen. Nämlich der "Midnight Basketball", der Werkstätten und Wettbewerbe für gefährdete Jugendliche organisiert. Titel der geplanten Ausstellung: "Außerhalb der Ruhezone"...

Hier ein anderes Werk von Del Kathryn Barton, das ich persönlich reizend finde...

 

 

Donnerstag 27. Januar 2011

So nah und doch so weit weg von allem, was die Welt erschüttert

#225

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Ein Foto auf der Titelseite der Royal Gazette der Bermudas passt so gar nicht zum Tumult der Welt, zu Attentat in Moskau und arabischer Revolution.

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Eine beinahe obszöne Ruhe geht von ihm aus und was ist dargestellt? Zwei Spaziergänger in Rückenansicht gehen über eine glatte graue Fläche. Man stellt sie sich jung vor, sie mögen gemütlich voranschreiten und sich an einem Sonntag Morgen über Banalitäten unterhalten. Aber man weiß es nicht: könnte man durch die Rückseite des Fotos hindurchsehen, würden sie vielleicht wütend dreinschauen oder gelangweilt. Die Legende erklärt nicht mehr als: "Winterspaziergang am Strand. Ein Paar in warmer Kleidung wandert an der Hufeisenbucht an einem sonnigen aber kalten Sonntagnachmittag". Oh glückliches Bermudadreieck, mythische Konfettischnipsel in der Karibik, wo ein sonntäglicher Spleen die Titelseite füllt, wo 19 ° und feiner Regen Winter bedeutet.

Weitab von solcher Ruhe, in Quebec und in der Schweiz, widmen sich zwei ausgezeichnete französischsprachige Tageszeitungen sozusagen in Großaufnahme einer aktuellen französischen Polemik.

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Da stellt man nicht etwa die zögernde Reaktion von Paris auf die tunesische Revolte in Frage oder den Gedanken, Erfolgsprämien an Schulleiter zu verteilen, nein: im Brennpunkt steht Céline. Louis Ferdinand mit Vornamen, ein revolutionärer Autor vom feinsten und ein zum Erbrechen scharfer Antisemit. Der Schriftsteller starb am 1 Juli 1961 in Meudon, zum Ende blieben ihm nur seine Katzen und sein Hass. Der Kultusminister wollte einen Gedenktag veranstalten, aber Serge Klarsfeld, der Vorsitzende der Association des fils et filles des déportés juifs de France (Vereinigung der Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs) hatte gedroht: "Frédéric Mitterand (der Kultusminister d.Ü.) darf genau so wenig Blumen zum Gedenken an Céline verteilen wie Francois Mitterand gezwungen wurde, kein Gebinde auf dem Grab von Pétain niederzulegen." Der Minister lenkte ein, zum großen Ärger mehrerer Intellektueller, unter ihnen Bernard-Henri Levy und Alain Finkielkraut.

Die Korrespondenten der Devoir und der Le Temps haben sich kopfschüttelnd dieser "Zensur" angenommen. Christian Rioux aus Quebec bemerkt, dass "Gedenken und Feiern nicht das Gleiche. Niemand wollte den Mann feiern, wohl aber an den Tod eines schriftstellerischen Genies erinnern, dass in der Lehrerprüfung als ein Meilenstein zeitgenössischer Literatur gilt." Als könne die Beleuchtung von Werk und Autor nicht auch zum Nachdenken bewegen, dass "Irrsinn, Hass, Genie manchmal zusammengehen". Ein prima Thema für die Abiturprüfung.

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Der Genfer Yelmarc Roulet fragt, ob Celine immer noch ein Lehrgegenstand sein sollte. Er hat schweizer Professoren gefragt und die Antwort war einstimmig: "Das Studium eines Textes ist keine Katechismusstunde, sondern eine Übung in kritischem Lesen. (...) Die französische Haltung erinnert an die der Amerikaner, das Wort "Neger" aus den Romanen von Mark Twain zu verbannen. Daraus spricht eine beunruhigende Unfähigkeit, Geschichte zu verstehen und ein Schriftstück in einen Kontext zu versetzen."

Der Minister und Autor Mitterand muss sich dieser Tage im Blick auf seine tunesischen Freundschaften einerseits und die Céline-Ablehnung andererseits ziemlich allein gelassen fühlen. Er, der noch vor nicht langer Zeit die Zielscheibe von unsäglichen Angriffen war, die Werk und (imaginäres) Privatleben miteinander vermischten. Damals, als sein schöner Text "Mauvaise vie" (Schlechtes Leben) erschien. Diese Erinnerung zu meditieren möchte man ihm empfehlen...

 

 

Freitag 4. Februar 2011

Was wollen die Schweizerinnen?

#226

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Wenn man in dieser Woche Abstand von Ägypten gewinnen wollte, war das nicht einfach, und für mich noch weniger als für andere. Meine Familie väterlicherseits hat zwei Jahrhunderte an den Ufern des Nils gelebt, hat alle politischen Umwälzungen des Landes mitgemacht, hat sich in den Kämpfen für die Unabhängigkeit und in der Revolution eingesetzt, die auf den Sturz der Monarchie durch die Armee 1952 folgte. Kurzum, mir fällt es dieser Tage schwer, das unscharfe, aber fest verankerte Bild vom Tahrir-Platz, dem Symbol für ein neues Zentrum der Welt, zu verdrängen, obwohl dieser Platz kaum größer ist als der Place de la Concorde in Paris. Auf dem Tahrir versammle sich, so hört man, ganz Ägypten, was sicher weit von der Wirklichkeit entfernt ist.

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Ich fand schließlich meine Ausflucht in der Genfer Le Temps, die würdig eine andere Revolution feiert, eine in der Schweiz reichlich verspätete, nämlich die des Frauenwahlrechts, das dort 1971 den Oberen abgerungen wurde und nicht einmal für alle Kantone. Die Schweizer als die allerletzten in Europa...

1959, erinnert uns die Zeitung, hatten noch 70% der schweizer Wähler - also der Männer - das Frauenwahlrecht abgelehnt. Obwohl die Frauen ein Jahrhundert in der Nachfolge von Marie Goegg-Pouchoulin gekämpft hatten, jener Huguenottin, geschiedener Familienmutter und 1870 Gründerin des Journal des Femmes. Die Männer hatten Angst, dass ihre Mütter, Schwestern, Töchter den heimischen Herd, ihre Ehemänner und Kinder verlassen würden, hätten sie einmal das Wahlrecht.

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Direkte Einbindung:Und wo sind sie heute, die Schweizerinnen, nach vierzig Jahren Wahlrecht? Heute wachen zwei Frauen über die Geschicke des Landes, Doris Leuthard, bis Ende 2010 Präsidentin der Eidgenossenschaft und Micheline Calmy-Rey, ihre Nachfolgerin, nachdem sie an der Spitze des diplomatischen Corps des von der Europäischen Union umgebenen Inselchens gestanden war. Auf allen Gebieten drängen die Schweizerinnen die Männer, räumen mit Vorurteilen auf und versuchen ihr Land sozialer und ökologischer zu gestalten.

Die Voraussagen für die Abstimmung über das neue Volksbegehren beweisen das: am 13 Februar müssen die Schweizer entscheiden, ob sie ihre Waffen abgeben oder nicht. Die Eidgenossenschaft ist tatsächlich eines der Länder mit der höchsten Anzahl von ganz oder beinahe legal im Umlauf befindlichen Waffen. Fast jeder hat ein Gewehr zu Hause: die USA in Miniatur... In einer Woche also werden die Helveten aufgefordert, ihre Waffen in den Kasernen zu lassen und zu registrieren. Dank der Frauen hat das Begehren eine Chance und die Männer werden gezwungen, nicht mehr mit ihren Revolvern und anderen phallischen Ersatzobjekten zu spielen.

 

 

Sonntag 20. Februar 2011

Bei den Sumotori ist entschieden nicht alles schön...

#227

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In diesem Blog ging es schon einmal um eine schreckliche Geschichte von zwei jungen Sumoringern, jenen von Jacques Chirac so geschätzten japanischen Halbgöttern. Ältere, "bewährte" Sumotori hatten einen der beiden gar zu Tode "gezüchtigt". Das war im Frühjahr 2008 bekannt geworden und ganz Japan geriet in eine Krise von Verzweiflung und Selbstgeissellung. Man hätte gedacht, dass mit den getroffenen Maßnahmen und dem nationalen mea culpa die Ordnung und die Ehre wiederhergestellt seien. Aber nein! Zwar kam diesmal, jedenfalls bisher, glücklicherweise niemand zu Tode, vielmehr handelt es sich um einen Riesenskandal von Wetten zu Baseballspielen, die eine Minimafia von Sumotori organisiert hat. Die Affaire ist so schwerwiegend, dass die japanische Sumoföderation das große Frühjahrsturnier abgesagt hat, und es ist nicht einmal sicher, dass das womöglich noch größere Sommerturnier stattfinden wird. Eine Untersuchung wurde eingeleitet, betroffen sind 14 Personen, darunter 12 aktive Sumoringer, und abgehörte Telefongespräche und aufgezeichnete SMS versetzen die Funktionäre dieses Kultsports derart in Schrecken, dass sie auf allen Ebenen wie erstarrt den endgültigen Ergebnissen der polizeilichen Ermittlungen entgegensehen. Das Wichtigste scheint derzeit das Abwarten zu sein. Erst einmal alle Turniere stoppen, damit freie Bahn schaffen für Disziplinarmaßnahmen und wenn dann das Fallbeil gefallen ist, sehen wir weiter: entweder wir begehen alle hara-kiri oder wir überstehen den abgrundtiefen Fall.

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Ausgelöst wurde der Skandal von einem verbitterten zweitrangigen Sumotori der nur eins wollte: dem ganzen Sumoplaneten Schaden zufügen... Und der gleichzeitig zweifellos sein Einkommen um ein Geringes aufzurunden gedachte. Der junge Quertreiber heißt Enatsukasa und spielt in der vierten Liga. Und damit, schreibt der Journalist der Asahi Shimbun (Auflage täglich 2 Millionen!), der den Artikel verfasst hat, sei es dem Täter möglich gewesen Sumotori, die in weit höheren Kreisen verkehrten, für seine Geschäfte zu gewinnen. Tatsächlich trug er selbst nur wenige Ringkämpfe aus, diente vorallem weit ruhmreicheren Sumotori als Trainingspartner. In dieser Funktion konnte er überall in den individuellen Trainings- und Vorbereitungsräumen kommen und gehen und mit fast allen Halbgöttern des Rings Kontakte knüpfen, was nur ganz selten möglich ist. Vor Allem aber verdiente Enatsukasa in Yen den Gegenwert von 1200 Dollar für zwei Monate, während Ringer von hohem Niveau im gleichen Zeitraum 12000 einstreichen. Enatsukasa fristete so sein Leben seit 16 Jahren, neidvoll auf die Stars fixiert. Wer könnte ihm vorwerfen, dass er ein bisschen "Butter bei die Fische tun" wollte und wer, dass er dies morbide Kampfritual entweiht hat, in dem sich übermäßig dicke junge Menschen gegenüberstehen, den ein früher Tod gewiss ist? Nicht Strafe und Gefängnis hat der Junge verdient, einen Lorbeerkranz sollte man ihm winden!

 

 

Donnerstag 24. Februar 2011

Gravitationszentren: die Revolutionen in Lybien, in Tunesien und anderswo, aus russischer Sicht

#228

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Seit zwei Wochen kennt die Geographie in Frankreich aber auch, nach allem was ich lesen und sehen konnte, im übrigen Europa und in Nordamerika, oder, anders gesagt, bei allen Neokolonisatoren, zwei Räume: die Abendländer und die arabische Welt, ein unterschiedsloses Gebilde von Tanger bis Teheran über Istanbul und Djibouti... Die Kommentatoren begeistern sich zu Recht am Fall der Regierenden dieser "arabischen Welt" und werfen alle in den gleichen Topf, Khadafi und Mubarak, Algerien und Yemen, alle Diktatoren, alle Unzivilisierten. Worte für Nuancen, für die Abstufung der Diktatoren, Tyrannen, Potentaten, Dynastien und anderen Nepotismen, für die politische Geschichte der Länder, der ehemals tausendjährigen Staaten, oder auch der fünfzigjährigen Kunstgebilde, für zivilgesellschaftliche Gruppen, alte und neue, scheinen aus dem Vokabular ausgeschlossen, seit der Maßstab festliegt: Khadafi und die Lybier. Schluss mit allen Regimen und allen Eliten der "arabischen Welt".

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Also ändern wir unser Gravitationszentrum und lesen, was anderswo gesagt wird. O welche Überraschung: in der russischen Presse existiert keine arabische Welt. Die ausgezeichnete, unabhängige Moskauer Nesawisima Gaseta zum Beispiel, zeigt eine Titelseite mit der schlagenden Überschrift: Freies Afrika! Denn ja, man muss wohl daran erinnern, dass die meisten der Länder in Aufruhr zum afrikanischen Erdteil zählen, gegenwärtig mit den Ausnahmen Bharein und Yemen (dessen Territorium jedoch gleich beim Horn von Afrika beginnt). Die Zeitung bringt sogar eine gewagte Parallele: "ganz wie 1960, als ein Kolonialreich nach dem anderen zerfiel, stürzen die Massen fünfzig Jahre später die autoritären Regierungen." Das Blatt versucht herauszufinden, warum die Bewegungen in diesen Ländern gerade jetzt begonnen haben. Die Antwort von Professor Ragui Assaad der Universität von Minnesota (weiß der Teufel, warum ein von Moskau so weit entfernter Spezialist gefragt wurde, ob er wohl russisch spricht?) ist sehr interessant. Der Wissenschaftler verweist auf den demographischen Faktor dieser Länder, auf die Explosion der jungen Bevölkerung - in Algerien zum Beispiel sind 65 % der Bevölkerung jünger als 30 Jahre. "Im Fernen Osten und in Südostasien wurde, da wo ein offenes Wirtschaftsystem besteht, die Welle der auf den Arbeitsmarkt drängenden Jugend als ein Glücksfall betrachtet. In Afrika und im mittleren Orient haben die Staaten Wirtschaftsysteme entwickelt, die dem exponentiellen Zuwachs an menschlichen Ressourcen total entgegenstehen. Wenn Sie es mit einer Jugend zu tun haben, deren Erwartungen mit dem Bildungsgrad wachsen und die mit enttäuschten Hoffnungen nach Hause geschickt werden, ist es kein Wunder, dass Verbitterung und Frustration zunehmen und auch die Wut, und sie gefährlich werden. " Nach Ragui Assaad sollten demographische Verläufe, die sich anschicken, umzukehren, wie in Tunesien und vielleicht auch in Ägypten, auf eine Rückkehr zu stabilen Verhältnissen hindeuten.

Um ehrlich zu sein: in Frankreich hat der Demograph Emmanuel Todd ganz ähnlich argumentiert.

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Die alte Prawda, schwarz-weißes Überbleibsel der großen Sowjetunion, huldigt auch der geographischen Vorstellung: Eine afrikanische Angelegenheit. Beweis: "die Hubschrauber und die anderen Flugzeuge mit ihren Piloten im Sold von Khadafis Lybien kommen aus Nigeria, aus dem Tschad, aus Guinea, ja selbst aus Tunesien"

Die Moscow Times, die englischsprachige Zeitung, interessiert sich ihrerseits für die neue dmitrische Rhetorik, die der Putinschen Redeweise näher sei , als der bisherigen des russischen Präsidenten. "Schauen wir der Wahrheit ins Auge, hat Dmitri Medwedjew gesagt, sie (die dunklen Kräfte des Bösen und Fremden?) haben uns ein solches Schauspiel bereitet und jetzt versuchen sie noch stärker, uns mithineinzuziehen."

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Das Problem ist, dass der Herr des Kreml nicht erklärt hat, wen er in das "sie" einbezieht. Aber die Moscow Times meint, dass er wohl die meint, die sein Vorgänger Putin in Zeiten der orangenen Revolutionen in der Ukraine, in Georgien oder auch in Kirghistan schlecht redete. "Sie" waren damals die Regierenden und die Geheimdienste des Westens. Aber Ewgeni Primakoff, der ehemalige Ministerpräsident und Leiter des Auslands-KGB, arabisch sprechend und Spezialist für den mittleren Osten, widerspricht entschieden dieser Hypothese: "Ich war in den Vereinigten Staaten, als der Aufruhr in Ägypten ausbrach. Ich habe viele Diplomaten getroffen. Und ich bin absolut überzeugt dass die Vorkommnisse sie in tiefes Staunen versetzte und schockierte. "

Medwedjews Rede von der Bedrohung durch äußere Kräfte hat andere Gründe, meint auch Andrei Soldatow, ein renommierter Politiloge der russischen Hauptstadt: wie die arabischen Regierenden, beherrschen auch die russischen Autoritäten die Realtität im Land nur sehr beschränkt. "Und im übrigen kann sich der Präsident Medwedjew, ehedem Meister in der Kunst soziale Netze du manipulieren, deren Fähigkeit die Massen zu mobilisieren, nur zu gut vorstellen."

 

 

Donnerstag 3. März 2011

Diskriminierung Mann-Frau: nur zu, ihr Heuchler!

#229

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Die Nachricht erschien trotz allem auf der Titelseite der République du centre, meinem beinahe Lieblingsblatt, seit ich in Montargis wohne... Europa fordert Frankreich dringend auf das Prinzip der Gleichberechtigung zu respektieren und Autofahrerinnen die gleichen Versicherungsbeiträge abzuverlangen, wie Autofahrern. Die Haftpflichtversicherung der Frauen am Steuer war wohl die letzte Domäne (und zweifelsohne auch die erste) in der das zweite Geschlecht im Vorteil war. Nachgiebig, ruhig, klug, von Testeron-bedingten Geschwindigkeitsräuschen und wüsten Beschimpfungsgesten frei, verursachen die französischen Frauen wesentlich weniger zerknautschtes Blech als die Männer. Das sagt die Statistik, das ist keine moralische, politische oder sexistische Feststellung, trotz aller Vorurteile und dummen Witze, die vom Gegenteil ausgehen

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Dergestalt profitieren die Frauen, zumal die jüngeren von einem Bonus, und ihre Versicherungsbeiträge liegen um ungefähr ein Viertel niedriger, als die der Männer. Und da kommt jetzt der Europäishce Rat, ruft die französischen Versicherungsgesellschaften zur Ordnung und bedroht sie mit Sanktionen. Diese tugendhaften Bürokraten erkennen hier im Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter eine unerträgliche, sexistische Diskriminierung. Werden sie auch die französischen Unternehmer wegen der Ungleichheit der Löhne und Gehälter sanktionieren? Muss man diese Damen und Herren daran erinnern, dass Frauen bei gleicher Arbeit im Mittel 25% weniger verdienen? Ganz zu schweigen von der Hausarbeit, die, dem neuesten Familienbericht des INSEE (Nationales Institut für Statistik und Wirtschaftsforschung) zufolge, auch weiterhin den Kern männlicher Herrschaft darstellt.

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Christoph Regina ist kein Europafunktionär, sondern wohl Historiker. Er macht eine neue Front im Geschlechterkampf auf - natürlich sind die Männer die Diskriminierten. Er prangert die Gewalt von Frauen gegen Männer an. Und zwar nicht mit politischen, anthropologischen oder soziolischen Erklärungen der Motive und Gründe, - es sei an den glänzenden Text von Christine Fauré über die russischen Terroristinnen des 19ten Jahrhunderts erinnert, "Terre, terreur, liberté" (Land, Terror, Freiheit) - sondern um sie mit der Gewalt von Männern gegen Frauen zu vergleichen.

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Der Autor hütet sich wohl, Zahlen zu nennen (jährlich 75000 vergewaltigte Frauen in Frankreich , 410 000 Opfer von Gewalt in der Ehe, davon 166 mit Todesfolge: das bedeutet, alle zwei Tage eine getötete Frau...). Er greift ein paar berühmte historische oder mythische Fälle auf und meint, dass weibliche Misshandlung von Männern leider ein Tabu darstelle. Auch scheint er zu vergessen, dass zahlreiche Frauen aus Scham ihre Angreifer verschweigen. Hoffen wir, dass niemand auf so etwas hereinfällt und dass ein "Backlash" wie in Susan Faludi 1993 bereits angekündigt, ein kalter Krieg der Männer gegen die Frauen als Reaktion auf den Feminismus, ein Strohfeuer bleibt.

 

 

Sonnabend 19. März 2011

Tchernobyl, Fukushima - beide Male das schreckliche Wort Liquidatoren

#230

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In den Stunden nach der Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 in der Ukraine traten sie auf den Plan. Sie erschienen auf den Titelseiten in der ganzen Welt, diese Soldaten, die gegen jenen unsichtbaren Feind, die Radioaktivität zu kämpfen hatten. Ausgerüstet mit unsicheren Gasmasken und Schutzkleidung, die nicht besonders widerstandsfähig schien... Gesichter, die man nicht sehen konnte, unscheinbare Helden, die über die zerstörten Mauern des Kraftwerks eilten, während die Kernschmelze fortdauerte. Man gab ihnen diese schreckliche Bezeichnung: Liquidatoren, als seien sie allein durch ihre große Zahl in der Lage, die radioaktive Giftschlange zu bezwingen: 500 000, von denen 20 Jahre später, 2006, 20 000 an den Folgen ihre Einsatzes inzwischen gestorben sind. Manche an selten auftretenden Pathologien, die meisten an Krebs.

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Die Fotographien in den Zeitungen waren schwarz-weiß. Ich war fast 30 Jahre alt und erinnere mich an die unscharfen Bilder, als hätte ich sie jeden Tag aufs neue angeschaut.

Heute sind die Bilder farbig, die Schutzkleidung solider, die Masken zweifellos wirksamer. Doch wie Zwillinge sich ähneln, ähneln die Gestalten im März 2011 denen vom April 1986 in der damals noch bestehenden Sowjetunion - es war die Feuertaufe des Reformators Michail Gorbatschow. Es heißt, die Kernkraftwerke seien sicherer geworden ... Nicht so sicher. Japan beweist das. Da sind sie wieder, die Liquidatoren und die Fotografien auf den Titelseiten. Fast als seien sie per Kopieren - Einfügen übernommen worden, eilen die Figuren über die Ruinen einer Teufelsmaschinerie mit vier Reaktoren, von den drei sich nicht abkühlen wollen. In Tschernobyl hat einer gereicht um Radioaktivität über ganz Europa zu verbreiten, wenn auch am Ende weniger, als man hätte befürchten können, dank jener kleinen Gestalten und ihrer Bemühungen, die außer Kontrolle geratenen Atome zu begießen und einzumauern.

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Da sind sie wieder, nur die Nationalität hat sich geändert. Kamikazetruppen. (Die japanische Bezeichnung der Selbstmordflieger des zweiten Weltkriegs ist "Spezialtruppe" (shimpu tokkotai), die entsprechenden Schriftzeichen ließen sich (unzeitgemäß) auch als Bezeichnung für historische Taifune, Kamikaze, "Gotteswind" deuten, die zwei Mongoleneinfälle verhinderten... d.Ü.)

Die alte, aber höchst lebendige russische Iswestja zeigt sie in Großaufnahme "Japaner in der Strahlung" titelt die Tageszeitung. Mit dem bemerkenswerten Untertitel: "Die russische Erfahrung hat uns eins gelehrt: gefährlicher als die Radioaktivät sind die Ängste".

"Das letzte Aufgebot" - so heißt uns der österreichische Kurier sie grüßen - die, die sterben werden. - Die Toten grüßen dich!

Während uns die International Herald Tribune die Rücken von Feuerwehrleuten in langer Schlangein in der Stadt Kesenuma zeigt, unweit der strahlenden Kraftwerke - eine Rettungsmannschaft auf dem Weg in Leid und Schmerz und Tod, vielleicht schon bald, ein Gedanke, der unwillkürlich aufkommt in Anbetracht der nuklearen Katastrophe...

 

 

Freitag 25. März 2011

Revolution der Pariser Commune und die des Mondes...

#231

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Kennen Sie die Zeitung Presse Nouvelle Magazine? Oder wenn ich Sie frage: Presse Nouvelle Hebdo, sagt ihnen das etwas? Oder auch Neie presse? Nein, noch immer nicht? Dabei handelt es sich doch um eine meiner kleinen Proustschen madeleines... Denn mein Großvater, will mir scheinen, las diese Zeitung, jener Großvater, den ich nicht gekannt und der MoIse hieß... Später fiel der Titel häufig in Gesprächen, wenn ich meine Ohren spitzte und verstehen wollte, worüber meine Mutter und meine Großmutter sich in Jiddisch unterhielten. Die Neie presse war die Tageszeitung der kommunistischen Juden. Nachdem dann das Jiddisch (beinahe) ausgerottet war als man die, die es sprachen, ermordet hatte, trat eine französische Ausgabe an die Stelle des Originals, und als die Kommunisten unter den Juden immer seltener wurden, erschien die Zeitung nur noch einmal in der Woche. Heute sorgt ein wunderbar unbeirrtes Team dafür, dass das Blatt einmal im Monat mit dem Namen Presse Nouvelle erscheint und sein Archiv jedermann zugänglich ist.

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In diesem März, in diesem Frühling, der sich vorzeitig über Maghreb und Mashreq ausbreitet, bringt die Zeitung eine Titelseite wie sie nirgends sonst zu finden ist. Über einem begeisterten Beitrag von Roland Wlos zu den Volksbewegungen in Tunesien, Ägypten und Bahrein, lässt das Blatt eine andere Revolution uns grüßen, die schönste von allen womöglich, weil sie die Zeit nicht fand, sich in Machtkämpfen zu erschöpfen. Die Pariser Commune. Es ist ihr 140ter Geburtstag in diesem März 2011. Das Gemeinsame der Aufständischen von damals und heute: die Jugend der Anführer und das Faktum, das ein Teil der Armee sich auf ihre Seite geschlagen hat. 73 Tage hat sie durchgehalten, die Commune, fast zweieinhalb Monate. Ein Traum, gewiss. Aber auch Maßnahmen wie diese: die 40-Stundenwoche, die Reglementierung der Nachtarbeit, offizielle Anerkennung nicht ehelicher Partnerschaften, aktives und passives Frauenwahlrecht, gesetzliche Grundlage für Kooperativen, Thesen zur Kunst usw., usw. Eine enorme Arbeitsleistung in diesen wenigen Wochen. Und am Ende ein Massaker, neben dem die blutige Repression à la Gaddafi in Lybien, à la al-Assad in Syrien mit hunderten von Toten geradezu amateurhaft anmuten. Der gute Adolphe Thiers organisierte von Versailles aus die Übermacht gegen die Communards und Bombenlegerinnen: vom 21 bis 29 Mai veranstaltete die Versailles-treue Armee ein Blutbad unter den Parisern. 25 000 bis 30 000 wurden erschossen, hingerichtet, eilig in Massengräbern verscharrt oder in den von Baron Haussmann entworfenen Teichen der Parkanlagen versenkt.

Die Schriftstellerin André Léo, die junge Russin Elisabeth Dmitrieff oder auch die Wäscherin Nathalie Lemel hatten die Frauen bewegt, sich zu organisieren, zu engagieren, zu kämpfen. Die Commune war eine bunte Gesellschaft, beinahe gleichberechtigt und nicht selten fröhlich. Da liegen zweifellos die hauptsächlichen Unterschiede zu den gegenwärtigen Bewegungen.

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In Russland lief Lenin Schlittschuh auf der Neva am 74ten Tag der Revolution und drehte freudig seine Kreise beim Gedanken, dass die Bolchewiki es jetzt schon einen Tag länger geschafft als die Communards . - NIemand scheint sich angelegentlich des 140ten Jubiläums daran zu erinnern. Doch hatte die stets einfallsreiche Moskowskaja Prawda nichtsdestotrotz einen internationalen Festtag zu feiern, den Tag des Planetensystems (wusste jemand, das es den gibt, zwei Wochen nach dem Tag der Frauen?) Die Zeitung widmet ihre Aufmerksamkeit bei dieser Gelegenheit den Schwingungen von Erde und Mond und versucht mehr oder weniger ernsthaft die Katastrophen zu ergründen, die uns heimsuchen . Der Mond, so will es scheinen, stellt die Bedrohung dar. Alle 18 Jahre nähert er sich uns um 4000 km. Erschreckend, aber, erklärt uns der Astronom Anatoly Chlistow, so gut wie nichts im kosmischen Maßstab. Also gut. Wir wussten ja, dass der Vollmond unseren Schlaf stört, dass er unser Haar kräftiger wachsen lässt, wenn wir es gerade dann kurzschneiden, auch dass er die Flut zur Springflut werden lässt. Aber sich vorzustellen, dass er Tsunamis auslöst, Küsten verwüstet und Züge entgleisen lässt, wie manche behaupten....

 

 

Mittwoch 30. März 2011

Die Kernkraftdebatte, umgeht sie Frankreich wie damals die radioaktive Wolke von Tschernobyl?

#232

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Die allerersten fanden sich in Frankreich, Abgeordnete und Regierungsmitglieder, die eine Unverschämtheit darin sahen,

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die Kernkraftdiskussion zu schüren, als die Tsunamiwelle an Japans Küsten noch kaum verebbt war. Dann war Deutschland an der Reihe, wo ökologische Themen seit Jahrzehnten die Politik mitbestimmen und niemand sich darüber aufregt, dass die Kernkraft sofort wieder in Frage gestellt wird, wenn in einem Kraftwerk eine Kernschmelze einsetzt, auch wenn das Kraftwerk sich am anderen Ende der Welt befindet.

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In Frankreich konnte sich die extreme Rechte bei den Kantonalwahlen mit 15% der Stimmen wieder einmal als nicht zu übersehende politische Kraft etablieren. Der Hintergrund eines Erdbebens und einer Bedrohung durch Radioaktivität blieb und bleibt sehr vage in einem Land, das sich nach dem Ölschock der 70er Jahre, unter der Präsidentschaft von Valéry Giscard d’Estaing, für die Kernkraft entschieden hat und stolz ist auf seine 19 Kraftwerke mit insgesamt 58 Reaktoren.

In Deutschland hat die zweifache Landtagswahl die Grünen ins Zentrum des politischen Schachbretts befördert. "Im Schatten der Atomkatastrophe Siegeszug der Grünen" - die Tageszeitung im Nachbarland Österreich irrt sich gewiss nicht. Und in de Volkskrant beim Nachbarn Holland reibt sich der unsympathischste Geizhals der Simpsons die Hände an der Seite einer lächelnden, sich für die "Brückentechnologie" einsetzenden Kanzlerin Merkel.

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Ein deutscher Radiosender hat berichtet, dass gleich nachdem das Beben über das Reich der aufgehenden Sonne hinweggefegt war und die Geigerzähler verrückt zu spielen begannen, die Bürger zu den alternativen Energieversorgungsunternehmen strömten. Die Düsseldorfer Wirtschaftswoche, eine der ältesten deutschen Wochenzeitungen, schreibt, dass Naturstrom jetzt 1200 Neukunden pro Tag verzeichne, während vor der japanischen Katastrophe nur 130 pro Tag registriert wurden...

Aber die Kernkraftdiskussion lebt mit dem Tsunami nicht nur in Deutschland, in Italien oder in Spanien wieder auf. In Polen bekräftigte Premierminister Tusk seine Absicht, die Gewinnung von Shalegas aus Schieferschichten zu fördern. Und in der Schweiz titelt die renommierte Temps, dass die Energieressourcen samt Für und Wider der Kernkraft im Zentrum der bereits begonnenen Kampagne für die Wahlen im Oktober stehen.

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Warum bewegt sich die Debatte über diesen Gegenstand, über die Zukunftsentscheidungen, um unser Hexagon herum, dringt kaum ein, so wie damals, nach Aussage unserer wohlmeinenden Regierenden, die radioaktive Wolke von Tschernobyl im April 1986 brav die Grenzen unserer douce France mied?

Franzosen können sich nicht auf die gleiche Mentatlitätsgeschichte beziehen wie ihre Stiefgeschwister jenseits des Rheins, wo der Naturkult sich im 19ten Jahrhundert mit der Freiluftbewegung (die manchmal in einen mehr als zweifelhaften Körperkult ausartete, den die Nazis bekanntlich bis zum Völkermord steigerten und pervertierten) etablierte, und die Ökologie auch wissenschaftlich ihre Protagonisten hatte, etwa den Biologen Ernst Haeckel, den Erfinder des Begriffs.

Hat das Agrarland Frankreich vielleicht lieber eine schwache Körperlichkeit, ein Savoir-vivre der guten Weine, der Käse und anderer Köstlichkeiten kultiviert? Aber folgt daraus nicht auch, wie mir scheinen will, ein Nachdenken über die Natur, auch wenn man ihr dabei nicht immer ganz gerecht werden sollte?

 

 

Sonntag 17. April 2011

April 1961 - Gagarin und Eichmann, Gegenbilder

#233

Eine seltsame Rückblende geht mir durch den Kopf: zwei Kindheitserinnerungen,

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beinahe meine ersten, wie mir scheint. Die eine fröhlich, licht, anregend, die andere tragisch, dunkel, umtreibend. Bilder zu beiden Ereignissen kommen mir beim Nachdenken wieder ins Gedächtnis, 50 Jahre später, wenn man heute das eine Ereignis feiert, das andere diskreter wieder vermerkt. Dabei hatten wir damals kein Fernsehen, nur ein Transistorradio.

Das Ganze begann mit einem Eifersuchtsanfall gegen meinen älteren Bruder. Ich bin 4 Jahre alt, er neun und man hat ihm einen batteriebetriebenen kleinen Sputnik geschenkt. Keine vulgäre Rakete, nein, einen richtigen Sputnik, das Vorbild desjenigen mit dem in wenigen Stunden der große Juri Gagarin, der Sowjetmensch in höchster Vollendung, ins All fliegen wird. Fast ein Viertel der Familien Frankreichs jubelt ihm an jenem 12 April 1962 zu (im November 1962 erreicht die kommunistische Partei mit fast 22 Prozent der Wählerstimmen ihren Höhepunkt).

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Der Neue Mensch, eine Mischung aus welterobernder Technologie, Glücksgefühlen und Kollektivismus, erhofft und ersehnt von den russischen Revolutionär/inn/en des 19ten Jahrhunderts, von der künstlerischen Avantgarde des 20sten - endlich ist er da. Hört, hört, ihr Bürger der ganzen Welt! Der Astronaut landet auf unserem süßen Planeten und ruft: "Ich bin ein Sowjetbürger und ich komme aus dem Weltall!"

Der kleine Sputnik ist derweil ein derart verführerischer Gegenstand, das ich vom schieren Habenwollen Krämpfe kriege, zumal wenn er sein bip bip von sich gibt. Noch lange bleibt mir dieser ständig sich wiederholende Ton im Ohr, kaum hörbar aus dem All, umso aufdringlicher aus dem Spielzeug. Umsomehr, als ich ihn mit einem strahlend schönen jungen Mann verbinden kann: vom Regal der väterlichen Bibiliothek herunter lacht er mich an aus seinem millionenfach reproduzierten Foto mit Widmung. Doch ich werde mir bewusst, dass ich ein Mädchen bin und zudem zu klein um ins virtuelle Weltraumnirvana einzugehen. Bip Bip, Bip Bip...

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Während ich mich in Bewunderung des schönen Juri, der im Kampf um den Weltraum einen ersten Sieg über die Amerikaner errungen hat, verzehre, zollen meine Eltern ihm und seinem Erfolg uneingeschränkt fröhlichen Beifall. Doch des Abends verschließen sich ihre Gesichter und sie sprechen halblaut über eine andere Neuigkeit: Adolf Eichmann, einer der Organisatoren der "Endlösung" der Nazis, des Genozids der Juden, erscheint vor einem israelischen Sondergericht. Das war am Vorabend des Weltraumfluges und das Echo vom Prozess durchläuft die Welt, wenn auch ohne allzuviel Nachhall, denn die Welt hat keine große Lust, sich den Gespenstern der Vergangenheit zu stellen.

Natürlich verstehe ich garnichts, weiß garnichts von dieser Geschichte, auch nicht, wie sehr sie meine Famillie mütterlicherseits betrifft. Alles bleibt dunkel, meine Familie spricht darüber im Flüsterton, unscharfe Bilder entstehen, als sei in unserer Wohnung das Licht ausgeschaltet worden.

Jahre später jedoch überkommt mich im Rückblick auf jenen Prozess die überwältigende Klarheit. !974 bin ich 17 Jahre alt und falle in einem Antiquariat zufällig auf "Eichmann in Jerusalem, ein Bericht von der Banalität des Bösen", die Chronik, die Hannah Arendt während des ganzen Prozesses für den New Yorker schrieb.

Zwei Tage lang zieh ich mich zurück bis ich das Buch von vorn bis hinten durch habe. Am Ende schlag ich es zu, starr vor Staunen über die Aufschlüsse die es mir gegeben: für mein Weltverständnis überhaupt, für die Einsicht in die komplexen Verhältnisse im vorderen Orient, und endlich auch für meine eigenen biographischen Fixpunkte.

Das Buch hat als Vorlage gedient für den Film "Ein Spezialist" von Eyal Sivan und Rony Brauman, diesem außergewöhnlichen Dokument, das auf fast neunmonatigen filmischen Aufzeichnungen der Verhandlungen des Eichmannprozesses aufbaut. Dreihundertfünfzig Stunden Videofilm, die bis dahin unbearbeitet in den Kellern der Hebräischen Universität Jerusalem lagerten.

An Hannah Arendt und den "Schreibtischtäter" war ich dann wieder erinnert, als ich für TV5Monde über den Prozess Maurice Papon zu berichten hatte. Hannah Arendt, ihre Werke und die Texte über sie, ihr Leben und ihre Arbeit haben unter meinen Büchern ihren besonderen Platz.

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Den schönen Juri habe ich auch nie ganz vergessen. Als ich 1990 zum erstenmal in Russland war und den Leninsky Prospekt entlang zum Intitut für Universalgeschichte ging, stoperte ich wiederum über ihn da oben auf seinem Pfeiler, auf du und du mit dem Himmel. Da hat er den Blick frei auf die Prachtallee über die er seinerzeit als der große Held paradierte, als er von der Menge umjubelt am 14. April 1961 auf die Erde zurückgekehrt war.

Noch einmal 15 Jahre später sah ich ihn flüchtig wieder in einem herrlichen russischen Film von Alexej Utschitel, "Kosmos als Vorahnung": ein junger Mensch vom Land und nicht übermäßig klug, behauptet dass er eines Tages Juri Gagarin treffen werde, und seine (miesen) Freunde machen sich über ihn lustig. Und natürlich passiert es, dass er ihn schließlich sieht, das heißt, er sieht seine Stiefel und seine Hosenbeine und hört seine Stimme, auch wenn niemand das je erfahren sollte.

So bleibt mir mein Bip bip, bip bip, bip bip...

 

 

Freitag 22. April 2011

Gespenster aus Kenia

#234

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Sie sind zu fünft, eine Frau, vier Männer, gleich vor Downingstreet number 10: Jane Muthoni Mara, Ndiku Mutua, Paulo Nzili, Gitu Wa Kahengeri unt Wambugu Wa Nyingi, und sie erschüttern die Grundfesten Britanniens, das Habeas Corpus der alten konstitutionellen Monarchie. Wenn er noch leben würde, könnte Barak Obamas Großvater ebenfalls hier sein. Fünfzig Jahre sind vergangen, seit man sie, wie viele andere gefoltert hat, als von 1949 bis 1956 die Mau Mau in Kenia sich gegen die englische Kolonialherrschaft erhoben. Die Revolte wurde barbarisch unterdrückt und jetzt klagen die noch Lebenden gegen die Regierung des Vereinigten Königreichs.

Hussein Onyango Obama wurde in den ersten Tagen der Rebellion verhaftet. Man brachte in ein Hochsicherheitslager, wo er jeden Morgen geschlagen wurde, wo man wiederholt seine Hoden mit eisernem Folterwerkzeug gequetscht hat, seine Nägel und seine Schenkel mit Nadeln bearbeitete.

Ndiku Mutwiwa Mutua war 24 Jahre alt, als ihn 1957 Offiziere ihrer huldvollen Majestät kastrierten. Wäre da nicht diese Handvoll später Kläger, die Einzelheiten der grausamen Qualen wären vielleicht nicht ans Licht gekommen. Alle diesbezüglichen Dokumente hatten die Briten 1963 kurz vor der Unabhängigkeitserklärung heimlich mitgenommen.

Aber siehe da, nachdem nun diese Veteranen aus dem Nichts aufgetaucht sind und insistierten, hat das Londoner Außenministerium die Akten wiedergefunden. Jetzt steht die Frage im Raum: weshalb haben die Männer, die diese Verbrechen begingen, schriftlich und buchhalterisch darüber berichtet? War es etwa ihr Stolz? Waren sie derart gewissenlos und/oder dumm? Man hat sich getäuscht, wenn man bisher vielleicht dachte, im britischen Kolonialreich sei es zivilisierter zugegangen als im französischen, wo in Algerien Elektroschock, Vergewaltigung und andere "Drecksarbeiten" (Massenerschießungen) gegen militante Nationalisten zum Einsatz kamen.

Weitere Entdeckungen kündigen sich an: "Die Dokumente wurden versteckt, weil man die Schuldigen schützen und uns von jeder Schuld freisprechen wollte" sagte David Anderson, Oxford-Professor für Geschichte Afrikas in einem Interview der Times am Vorabend der Prozesseröffnung Anfang April. "Es geht nicht nur um Kenia. Werden also noch weitere Leichen in den Kellern des Außenministeriums auftauchen? Gibt es Geheimdokumente aus Zypern, aus Nigeria oder Rhodesien? Es ist höchste Zeit, dass diese Tatsachen ans Licht kommen, so unangenehm sie auch sein mögen..."

Heute leben nur noch 1400 Mau Mau Kämpfer. 12 000 wurden im Unabhängigkeitskrieg getötet, mehr als 70 000 kamen in Gefängnisse, die kein Vertreter der Vereinten Nationen je zu sehen bekommt... In ihrem Namen verlangen Jane Muthoni Mara, Ndiku Mutua, Paulo Nzili, Gitu Wa Kahengeri und Wambugu Wa Nyingi, angereist aus Nairobi am 4. April 2011, eine feierliche Reueerklärung und einen Hilfsfond für die Opfer. Entschädigung für das unmöglich zu entschädigende.

Das Außenministerium deutet bereits an, dass es jegliche Verantwortlichkeit verneinen würde.

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Freitag 29. April 2011

Abenddämmerung für Eduard Limonow?

#235

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Die Tageszeitung Njesawissima Gaseta, postsowjetisch und wie der Name schon sagt, unabhängig, hat eine gute Nachricht für uns: Eduard Limonow, Kultautor der 1980er Jahre, seinerzeit der Moskauer Anarchist der aus Russland ausgewiesen in die Vereinigten Staaten übersiedelte, um nach der Perestroika zurückzukommen und in der rassistischen extremen Rechten zu versinken, habe nun wohl ausgespielt. Sein Werdegang erinnert an Pariser Kommunarden, die wie einst Henri Rochefort zu den Helden der Revolution von 1871 zählten und um die Jahrhundertwende an der Spitze der Dreyfusgegner standen.

Ich gestehe, dass mir "Fuck off Amerika" gefallen hat, dass sowohl sein "Tagebuch eines Pechvogels" wie auch das "Selbstbildnis des Banditen als junger Mann" meinen Beifall fanden. Limonows autobiographische Erzählungen brachen mit dem sowjetischen Klassizismus und hatten gar etwas vom Schwung eines Céline, gewiss wie bei diesem vom Haß beflügelt.

Mit seiner Rückkehr nach Russland stieg Limonows Weltverachtung und der Dichter wurde zum Tribun, zum Gründer einer nationalbolschewistischen Partei in allerbester faschistischer, antisemitischer und rassistischer Tradition. Das Programm der starken Männer des Vereins war es, das heilige Russland zu säubern und auf den rechten Weg revolutionärer Reinheit zurückzuführen. Mit lautstarken Protesten, mit erhobenem Arm marschierenden Schwarzhemden, mit gewaltsamen Ausschreitungen, wennicht gar mit Morden. Uff!

Der Provokateur spuckte auf die Globalisieurng und ihm zufolge seien die Juden die glühenden Anhänger derselben. Er kehrte zum orthodoxen Glauben zurück und gab am Ende gar vor, sich dem radikalen Islam zu nähern, eine Art fundamentalistischer Reinheit zu verkörpern: Rückkehr zu den Quellen... Nocheinmal Uff!

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Aber die wohlwollende Geduld des Regimes mit Eduard Limonow und seinen Fanatikern scheint inzwischen verpufft. Umsonst hat die Partei ihren Namen geändert und sich in der Alles und Nichts bezeichnenden Formel "Das andere Russland" versteckt: fortan werden ihre Aktivisten gerichtlich verfolgt sowohl was die Zerstörung öffentlichen Eigentums angeht, wie im letzten Dezember auf dem Manege-Platz im Zentrum Moskaus, als auch wegen Verletzungen der Verfassung und Steuerhinterziehung.

Ist das jetzt die Folge einer Präsidentschaft, die sich in Gestalt des Mannes Dmitri Medwedjew stärker dem Recht zuwendet? Man hätte jedenfalls gern, dass ein gleiches Streben nach Gerechtigkeit auch im Fall Khodorkowski herrschte.

 

 

Freitag 6. Mai 2011

Eine Merkwürdigkeit zwischen Kolonie und Ex-Kolonisator

#236

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Die Tageszeitung The Mercury, die älteste der Provinz KwaZulu-Natal (Durban) in Südafrika, berichtet über eine scheinbar belanglose Begebenheit. Ein (junger) Mann hat seine (bezaubernde) Ehefrau töten lassen. Die beiden sind indo-pakistanischer Abstammung, die eine in Südafrika geboren, der andere in England. Auf den ersten Blick ein bedauerlicher Fall von Gewalt in der Ehe. Aber wenn man aufmerksam weiterliest, erfährt man auch, dass da Empfindlichkeiten einer alten Kolonie und ihres Exkolonisators auftauchen und wie Traditionen des ehemaligen Britischen Empires in Familien, in denen sie herumgeistern. für Frauen und Männer Verwirrung stiften.

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Shrien Devani hatte in Anni Hindocha "eine bezaubernde und charmante junge Frau getroffen, die er gern hatte" wie er einem Zeugen anvertraute, der anonym bleibt und geschützt wird, weil auch er Represalien der Hindu-Gemeinde fürchtet, der er angehört und deren Puritanismus bis zum Ehrenmord gehen kann. Shrin vertraute dem Freund weiter an "dass er, trotz aller guten Eigenschaften des Mädchens, nicht in sie verliebt gewesen sei, dass er aber die Verbindug nicht hätte lösen können, ohne dass seine Familie ihn ausgeschlossen und enterbt hätte". Also hat er sie umgebracht. Logisch! Umso mehr, als Shrien seiner Familie nicht gestehen konnte, dass er homosexuell ist. Der Affront wäre dann noch größer gewesen und ohne Zweifel wäre er es gewesen, der vermutlich getötet worden wäre. Qed.

Doch diesen intimen und gemeindeinternen Quidquilien überlagert sich heute noch etwas anderes. Shrien hat seine junge Frau in Südafrika ermordet, am 13 November 2010 in Kapstadt, wofür er einen Killer bezahlt hat. Er selbst hielt sich währenddessen meilenweit entfernt, im ruhigen Süden Londons auf. Die Südafrikanische Justiz verlangt seine Auslieferung, damit der Prozess auch für die Familie des Opfers in angemessener Form stattfinden kann. Ein ganz gewöhnliches Auslieferungsverlangen, denn es liegen vielfache und offenkundliche Beweise für die Schuld des Angeklagten vor. Eine Auslieferung zwischen zwei souverainen Staaten, die durch gemeinsame Interessen im Commonwealth verbunden sind. Dennoch ist es nicht sicher, dass das Gericht von Belmarch (in London) der Auslieferung zustimmen wird.

Die Anwältin von Shrien Devani führt nämlich tatsächlich an, dass die südafrikanischen Gefängnisse nicht den europäischen Normen entsprechen, dass die Haftbedingungen dort besonders schrecklich sind, und sein Mandant innerhalb weniger Minuten vergewaltigt werde, besonders wenn die Mithäftlinge von seiner Homosexualität erführen! Die Anwältin hat per Vido zwei Experten, Sasha Gear und Amanda Dissel befragt, zwei ehemalige Berichterstatter des Johannesburger Zentrums für Gewaltverbrechen und Versöhnung: "das Vergewaltigungsrisiko ist besonders hoch im Kapstädter Gefängnis, in das Devani aller Wahrscheinlichkeit nach käme, denn die dortigen Bandenchefs nähmen sich als "Frauen" alle Neuankömmlinge, besonders die, von denen sie wissen, dass sie homosexuell sind und, wie der junge Devani, frisch, gut erzogen, gestört (die gebräuchliche Bezeichnung für seine sexuelle Neigung!) und gut aussehend." Kann man wirklich sicher sein, dass in den Gefängnissen des Alten Erdteils derartiges ausgeschlossen is? Amnesty International berichtet Jahr für Jahr von sehr trüben Realitäten.

Bei alledem hatten die Richter in Südafrika in ihrem Auslieferungsgesuch sehr wohl klar gestellt, dass Shrien Dewani so sicher wie möglich untergebraucht werde, zumindest bis zum Urteilsspruch und auch danach. Vorläufig ist Shrien frei, wird von seiner Familie unterstützt, die nicht recht weiß, was sie zu den Anschuldigungen gegen ihn sagen soll. Den Eltern von Anni, die in London zugegen waren, bleibt nichts anders übrig als abzuwarten.

 

 

Mittwoch 1. Juni 2011

Chile, die endlose Tragödie jenes anderen 11. Septenber.

#238

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Es war der 11. September 1973, 28 Jahre vor dem anti-amerikanischen 11.9.. Ich war 16 Jahre alt und ich denke, es war das erste Mal, dass ich meine Eltern weinen sah. Es waren nicht Bilder, die sie derart berührten, wir hatten kein Fernsehen, es war Ton im Radio, das Knattern von Maschinengewehren, Bombenexplosionen, Schreie - das Ende eines Demokratieversuchs der chilenischen politischen Linken, der Tod des Staatspräsidenten Salvador Allende. Jener 11.9. von den Brandstiftern der CIA kräftig unterstützt, forderte auch seine mehr als 3000 Tote, entweder sofort oder während der anschließenden Diktatur des Generals Pinochet, der 17 Jahre lang das Land beherrschte.

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Und weitere Menschen starben an den Folgen, weiter weg, aber in direktem Zusammenhang mit jenen Ereignissen, Menschen aus dem Kreis der Überlebenden und der Kinder der Ermordeten und Gefolterten. Es ist, als würden sich in Lateinamerika mit der Exhumierung von Allendes Leiche plötzlich die Schleusen öffnen. Zeugen hatten seinerzeit behauptet und auch die Autopsie hatte ergeben, dass Allende sich das Leben genommen habe, um Folterung, summarischer Verurteilung und der so gut wie sicheren Hinrichtung zu entgehen. Isabel Allende, eine seiner Töchter, 66 Jahre alt, sozialistische Abgeordnete (nicht zu verwechseln mit der anderen Isabel, der Schriftstellerin und Nichte Allendes) wird sich bis an ihr Lebensende an die letzte Umarmung ihres Vater, ein paar Minuten vor dem Sturmangriff, erinnern. In seiner letzten Radioansprache hatte er gesagt: "Vor eine historische Entscheidung gestellt, werde ich meine Loyalität euch, meinem Volk gegenüber , mit meinem Leben bezahlen."

Die Freunde Salvador Allendes aber auch seine Unterstützer wie Fidel Castro, der so ausdauernde Lider Maximo, haben stets der Selbstmordthese widersprochen. Sie wollten unbedingt glauben, er sei ermordet worden, als sei der Tod durch die Hand des Feindes ehrenhafter. Dabei gibt es nichts ungewisseres... So wird die Leiche also ein zweites Mal aus der Erde gehoben. Das erste Mal war 1990, nach dem Ende der Diktatur, als man den Helden in ein Mausoleum in der Hauptstadt überführen wollte. 1973 hatten die Generäle ihn in eine anonyme Grabkammer geschoben, ohne Grabstein, hunderte von Kilometern von Satiago entfernt. 2008 hatte ein Gerichtsmediziner bestätigt, dass die Flugbahn der Geschosse und die Lage der Einschussstellen nicht mit einem Selbstmord in Einklang zu bringen wären.

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Was auch immer die neuerliche Untersuchung ergeben wird, sie stellt für die Überlebenden wiederum eine Belastung dar. Seit jenem 11. September 1973 kommt die Familie Allende aus dem Unglück nicht heraus. Die zweite Tochter des ermordeten Präsidenten nahm sich das Leben im kubanischen Exil, hinterließ zwei Kinder ; 1981 stürzte sich Laura, eine der Schwestern Allendes, ebenfalls in Havanna, aus dem Fenster und starb, und 2010 hat sich Gonzalo, Isabels einziger Sohn im Alter von 45 Jahren das Leben genommen.

Wird sich diese Kette der Verzweiflung fortsetzen? Die Familie setzt ihre ganze Hoffnung auf Marcia, die Tochter von Isabel, Enkeltochter von Salvador, die mit 38 Jahren beschlossen hat, sich der Familiengeschichte zu widmen, auch vielleicht, um die Dämonen endlich auszutreiben.

 

 

Donnerstag 2. Juni 2011

Didar Fawzy Rossano, Revolutionärin, Internationalistin im 20ten und im 21ten Jahrhundert...

#237

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Im Herbst 1980, an Bord eines Schiffes vom italienischen Hafen Ancona durchs Mittelmeer nach Haifa, war Didar Fawzy Rossano zum ersten Mal unterwegs nach Israel. Trotz ihrer 70 Jahre war sie neugierig wie ein junges Mädchen auf das Land, das in ihrem Leben schon so lange eine Rolle spielte, im Guten wie im Schlechten. Die Insel Rhodos und die kleinen, herrlich mundenden Feigen lagen zurück, als die israelischen Zollbeamten sie (wie nacheinander alle Passagiere) zur Passkontrolle riefen. Der junge Beamte gab sich alle Mühe zu verstehen: "Sie leben in Genf, Sie haben die britische Staatsbürgerschaft, Sie sind in Kairo geboren, Ihre Sozialversicherung ist eine italienische und Ihr Führerschein ist ein algerischer. Und Sie nennen sich Diane oder Didar?" In ihrem unvergleichlichen Tonfall, mit dem rollendem R, haspelte sie Stationen ihres Lebens ab, und der Grenzschutzbeamte gab ihr, bewundernd und beinah zärtlich lächelnd, den Pass zurück. Didar konnte ihre Reise und ihre Arbeit fortsetzen und ihren Kampf. Auf dem Weg nach Haifa hatte sie zwar nicht nur aber auch die Annäherung von Israelis und Palästinensern im Kopf.

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Sie kam im August 1921 in Kairo zur Welt, umgeben von den Annehmlichkeiten einer wohlhabenden jüdischen Familie in der damals kosmolitischen, ebenso lauten wie lebendigen, ägyptischen Hauptstadt, Wenn sie erinnern wollte, dass derzeit von Antisemitismus keine Rede sein konnte, erzählte sie, wie ihre Schulkameraden, ob Moslems oder Christen, sich als Juden ausgaben. Früh wollte sie die Welt sehen: mit 12 Jahren brannte sie mit einem Vetter durch. Aber auf dem Weg in das erträumte Amerika wurden die beiden noch eh sie an Bord gehen konnten, wieder eingefangen. Als sie ihren 18ten Geburtstag feierte, brach der Zweite Weltkrieg aus. Anifaschistische, kommunistische oder nationalistische Strömungen breiteten sich in Ägypten aus, angestoßen von den britischen, französischen und jüdischen Gemeinden. Eine Figur trat für sie in den Vordergrund: Henri Curiel, ein entfernter Vetter aus einer der wohlhabensten Familien Kairos. Der hatte gerade sein Dandydasein gegen das eines unbeugsamen Kämpfers für den internationalen Kommunismus, für die Unterstützung der Unabhängigkeitsbewegungen in den Kolonien und für den Palästinensisch-israelischen Frieden eingetauscht. Didar folgte ihm, brachte mit ganzer konsequenz öffentlich und privat ihr Leben und die revolutionäre Arbeitskraft zum Einsatz.

Der erste Mann, von dem sie sich beeindrucken ließ, war ein liberaler Offizier, Teilnehmer an jenem Staatsstreich mit dem Nasser 1952 die morsche Monarchie wegfegte. Es war vielleicht nicht immer leicht für die Töchter der beiden, Névine und Maira, die sie innig liebte, so manches Mal aus der Ferne, deren Lebensweg sie ihre ganze Aufmerksamkeit schenken wollte ohne dass sie jemals versucht hätte, sie zu beeinflussen. Sie konnte harnäckig sein, dabei aber nicht starrköpfig.Einmal begegnete ich ihr in der Pariser Metro mit ihrer Enkelin Gwénaelle, die damals zehn Jahre alt war. Am Vorabend und davor den Abend hatten sie sich das Dschungelbuch und danach Schneewitchen und die sieben Zwerge angesehen. Aber weiter wollte Didar in dem Kompromiss mit dem amerikanischen Kapitalismus nicht gehen, bitte nicht auch noch die 101 Dalmatiner! Gwenael ließ sich aber nicht abbringen, lustig lächelnd, voller Siegesgewissheit. Ich erfuhr dann auch später, dass Didar dem verabscheuten Film nicht entkommen war.

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Bei allem Tun Henri Curiels war sie dabei: Ende der Vierziger Jahre in Ägypten bei der Gründung der kommunistischen Partei, in Frankreich bei der Unterstützung der Algerier von der Befreiungfront Algeriens von den 50er Jahren bis zur Unabhängigkeit (sie "trug Koffer" (Waffen und Geld d.Ü), wurde verhaftet, entkam 1961 in einer spektakulären Flucht aus dem Frauengefängnis der Prison de la Roquette) und darüber hinaus nahm sie Teil am Experiment eines algerischen Sozialismus, zeichnete sich in der Jugendarbeit aus. Im nahen Osten ging es darum, Kontakte zwischen den einen und den anderen herzustellen, in Südafrika lag die Unterstützung der Streiter gegen das Apartheidsregime an, usw... Dann wurde Henri Curiel am 4. Mai 1978 von einem Söldnerkommando ermordet. Ihre Tätigkeit verlangsamte sich, aber sie gab keineswegs auf. Verlagerte ihr Engagement auf die Ebene des Schreibens und Forschens, publizierte eine Doktorarbeit über den modernen Sudan und verfasste ihre Memoiren. Als alle Welt nach dem 11. September in Aufregung geriet, schrieb sie uns ihre Überlegungen zu den Auswirkungen. Und schließlich, in den vergangenen Wochen begeisterte sie sich bei den revolutionären Nachrichten aus dem geliebten Ägypten, wie auch aus Tunesien und anderswo.

Es ist jetzt zwei Jahre her, dass sie mit einigem Zögern meinte, heutzutage sei zweifellos das Ringen der Frauen für ihre Rechte und ihre Emanzipation das allerwichtigstei.

Sie hatte einen schnellen Gang und ging immer geradeaus. Die mit Schritt halten wollten mussten manchmal laufen. Ein Auto war stärker als sie , in Genf, an einem Nachmittag im Mai 2011. .

 

 

Montag 13. Juni 2011

Didi, die neue eiserne Lady Indiens

#239

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Ihre Wähler nennen sie vertraulich "Didi", deutsch "große Schwester". Eine kleine fünfundfünzigjährige Frau hat entschlossen die Geschicke in Westbengalen, einem der meist bevölkerten Teilstaaten Indiens in die Hand genommen. Mamata Banerjee hat am 13. Mai 2011nach 34 Jahren die einzige im zwanzigsten Jahrhundert demokratisch gewählte marxistische Regierung der Erde zu Fall gebracht.

Westbengalen, das noch nie von einer Frau regiert wurde, liegt "ganz oben rechts" auf dem Subkontinent, zählt ein starke moslemische Minderheit, aber die Hindous haben die Mehrheit, und die neue eiserne Lady des Landes gehört dieser Religion an. Die Hauptstadt nennt sich seit ein paar Jahren Kolkata, damit der britische Kolonisator, der sie Calcutta nannte und zweifellos auch die an dem alten Namen klebenden, deprimierenden Bilder der Armut endgültig in Vergessenheit geraten.

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Mamata Banerjee ist Single, anscheinend eine weitere Besonderheit in Indiens politischer Lanschaft, obwohl doch den Frauen seit der Unabhängigkeit viel Platz eingeräumt wird, siehe Indiens ehemalige Ministerpräsidentin Indira Ghandi. Banerjee kommt aus einem bescheidenen Mittelklassemilieu und hat Geschichte studiert. Keinerlei Auffälligkeiten, wenn nicht die einer ausgeprägten Hemmungslosigkeit von frühester Kindheit an. So sprang die junge, politisch bereits sehr engagierte Frau in den 70er Jahren auf die Kühlerhaube eines Autos und begann zu tanzen: der Fahrer war Jayaprakash Narayan, einer der bekanntesten Politiker Indiens, ein Freiheitskämpfer der zur harten sozialistischen Opposition gegen Indira Ghandi übergegangen war. Didi kultiviert derart insolentes Verhalten und hat daraus ihre schärfste Waffe im Wahlkampf um Westbengalen gemacht. Ihre Widersacher finden, sie sei zu populistisch; immerhin ist sie keineswegs ein Neuling auf der Regierungsebene, war sie doch bis zu ihrem Frühjahrswahlsieg Transportministerin in der Bundesregierung. Ihre Anhänger prophezeien ihr eine Karriere auf nationaler Ebene. Doch sie konnte auch von allgemeiner Enttäuschung in Bengalen profitieren, vom Scheitern der Wirtschaftspolitik der Marxisten und von deren wilder Verstaatlichung von Ackerflächen zur Industrieansiedlung.

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Heute tanzt Mamata Banerjee nicht mehr auf Kühlerhauben, aber landet nach wie vor überraschende Aktionen. Die, die da Ministerpräsidentin geworden ist, mit Unterstützung des Trinamool, einer ganz nach Muster der nationalen indischen Kongresspartei gebildeten Partei, die sie seit 15 Jahren leitet, hat zunächst einmal nicht weniger als 9 Ministerien an sich gezogen, und keine unbedeutenden: Inneres, Gesundheit, Familie, Landwirtschaft und Bodenreform, Information, Kultur, Öffentliche Verwaltung, Erziehung und Minoritäten! Man könnte sagen die Göttin mit den vielen Armen... Im übrigen ist sie allgegenwärtig und zwar beinahe synchron, wenn sie zum Beispiel inkognito von einem Krankenhaus zum anderen eilt, um Unregelmäßigkeiten aufzuspüren und am nächsten Tage die Klinikdirektoren einen nach dem anderen zu entlassen.

Die Hindustan Times in eigener Ausgabe für Kolkata, die bisher sehr loyal zur kommunistischen Partei Indiens stand, ließ sich (wenn auch mit leichter Ironie) von der Lady überzeugen und berichtet von einem Tag im Leben von Didi, "16 Stunden non stop , in denen sie sehr viel in den Mund nimmt, nur keine Nahrung". Das Ergebnis ist dies:

8Uhr: Der Tag der Ministerpräsidentin Mamata Banerjee beginnt. Nach kurzer Morgenwäsche läuft sie auf dem Rollteppich ihrer Residenz 30B Harish Road Chatterjee in Kalighat.

9 Uhr: Frühstück mit ihrem (anregenden) Lieblingstee und Puffreis. Das Telefon klingelt. Sie antwortet allen, beinah simultan. Sie spricht mit Subrata Bakshi, dem Eisenbahnminister und mit Mukul Roy, Direktor eben dieser Bahn, des Transportwesens, der Parteil usw.

10 Uhr: sie bereitet sich auf den Tag vor, gibt zugleich Anweisungen ihre kranke Mutter betreffend. Sie geht nach oben und wechselt ein paar Worte mit der Mutter.

11 Uhr: Ein kurzer Blick auf die Fernsehschirme, auf die Zeitungen, Bevor sie das Haus verlässt verweilt sie noch einen Moment bei ihrer Mutter.

11h20: Ihre Leibwächter stehen bereit, Journalisten beobachten den Hauseingang. Sie zwängt sich in ihr eigenes Auto, die kugelsichere Karosse, die den Premierministern zur Verfügung steht, hat sie abgelehnt.

11h30: Das Auto hält wie jedes andere bei jedem Stoppschild, an jeder roten Ampel. Sie hat die Polizei gebeten, keine besonderen Vorkehrungen zu treffen, wie etwa ihrem Konvoi freie Fahrt zu sichern.

12 Uhr: Der ministerielle Konvoi erreicht das Öffentliche allgemeine Krankenhaus von Bhagajatin: Ärzt/inn/e/n, Krankenpfleger/innen, Kranke und Angehörige sind starr vor Schreck. Sie steigt aus dem Wagen und sucht den Direktor, der leider abwesend ist. Egal, sie läuft durchs ganze Krankenhaus, spricht mit den Ärzten und dem übrigen Personal.

13 Uhr: Sie kommt beim Schriftstellerhaus an. Dort beginnt sofort eine Besprechung mit den Lehrern.

13h20: Sie leitet eine Besprechung mit Manish Gupta, dem Staatsminister für Planung und Entwicklung ein, anschließend eine solche mit Amit Mitra, dem Finanzminister des Staates.

14h45: Besprechung mit dem Minister Jyotipriyo Mullick, zuständig für Ernährung und Hungerhilfe. Dann kommt eine Sitzung zum (irrsinnigen) Verkehrsproblem von Kolkata. In Sitzungspausen nimmt sie ein paar Tassen The zu sich, Distelkörner und Puffreis.

15h30: Sie tritt ihrem Büro auf die Terasse: "Ich hab ein paar Ankündigungen zu machen, sagt sie. Eine nach der anderen verkündet sie die Regierungsentscheidungen: Erhöhung der Reis und Mehlzuteilungen an Bedürftige; Neuordnung der Parkplätze in Kolkata. Dann wendet sie sich lächelnd an die Journalisten: "Ich habe eine Besprechung zu Erziehungsproblemen um vier Uhr, erlauben sie mir, diese zum Ende zu bringen, dann stehe ich ihnen wieder zur Verfügung". Sagts und verschwindet in ihrem Büro.

16h20: Sie trifft den Bildungsminister Bratya Basu und bittet ihn, die Presse zu informieren.

17h30: Besprechung mit dem Justizminister Malay Ghatak in Sachen einer Freilassung der politischen Gefangenen, was ihr Wahlversprechen war.

18 Uhr: Sie trifft einen behinderten Schwimmer, dem sie Hilfe versprochen hat.

18h15: Erneut beim Justizminister.

19 Uhr: Sie spricht mit Journalisten, dann mit dem Anwalt Sovan Chatterjee und schließlich noch mit bestimmten Parteifunktionären.

19h30: Sie fährt direkt nach Hause, wo sie mehrere Besucher erwarten, unter anderem eine Gruppe Intellektueller.

21 Uhr: Telephongespräch mit Abgeordneten; zurück zu Mukul Roy von der Eisenbahn.

21h30: Sie begibt sich ins Nachbarhaus, spricht mit ihren Brüdern und erkundigt sich, wie es ihrer Mutter geht.

22h30: Sie legt ihr Programm für den morgigen Tag fest, bespricht sich mit engeren Parteifreunden.

0h12: 20 Minuten Laufen auf dem Rollteppich. Sie behauptet, das entspanne sie.

3 Uhr: Sie geht zu Bett.

Wir auch. Uff!

 

 

Dienstag, 2. August 2011 18:32

Belgien

 

Wissen Sie, dass es immer noch einen belgischen Nationalfeiertag gibt, obwohl das Land seit 400 Tagen keine Regierung mehr hat? Das ist wie in Frankreich, auch wenn manche(r) darüber klagt: Militärparaden und Ball fürs Volk unter großem Jubel seit genau 111 Jahren (Gesetz vom 27. Mai 1890) als die, die man bis vor kurzem noch als Belgier zu bezeichnen pflegte, ihre Balkone mit den drei Nationalfarben schmückten und hier und da sogar das Bildnis ihres geliebten Königs zur Schau stellten. Der 27 Juli steht für die Gründung des souveränen Belgiens und erinnert an den Eid der Verfassungstreue, den der erste König der Belgier, Leopold von Sachsen-Coburg am 21. Juli 1831 geschworen hat 
Diesmal jedoch, an diesem 21 Juli 2011 ist der König nicht gerade in der besten Laune. Bei seiner Rede am Vorabend hätte er beinah geheult, über sein Belgien das vor seinen Augen zerfällt. " An diesem Nationalfeiertag hätte ich mich gern zusammen mit Ihnen über die Vereidigung einer neuen arbeitsfähigen Regierung gefreut.Wir haben es leider nicht geschafft und ich bedaure das. Wie sehr viele Belgier bedrückt mich die seit Menschengedenken längste Phase einer Regierungsbildung." Doch abschließend zeigt der Souverain wieder Festigkeit: Meine Damen und Herren, liebe Mitbürger, ich habe die feste Hoffnung, dass diese allzu lange Periode politischer Instabilität bald zu Ende geht und die Königin, ich und unsere Familie wenden uns an Sie mit den allerbesten Wünschen für einen wirklichen Nationalfeiertag, der alle Mitbürger einander annähert.

Die belgischen Tageszeitungen, zumal die französischsprachigen nutzen die Gelegenheit, das Schiff, das unweigerlich zu kentern droht wieder aufzurichten.  " Die neuerlichen politischen Ereignisse haben eine  unangenehme Wendung genommen. Die " Entzweier" haben derartig Einfluss im politischen Leben und in den Medien gewonnen, dass es fast nicht mehr möglich ist, zu sagen, dass man dieses Land noch, ja immer noch, liebt" klagt Fancis Van de Woestyne in La Libre: Während Le Soir sich fragt, ob die Regengüsse während des großen nationalen Balls nicht ein schlimmes Omen seien.\r\nUmso mehr, als Marine le Pen, eine der wenigen, die dem zerfallenden Belgien ein schönes Fest gewünscht haben und die zugleich, Messerstich in den Rücken, die Wallonen mit den Franzosen zu vereinnen vorschlägt. Der flämische Morgen fasst nüchtern zusammen:das ein " erneuter politischer Rückschlag den Nationalfeiertag überschattet" trotz der verzweifelten Aufrufe Elio Di Rupos (den Sozialisten nahestehender Politiker, den der König gern endlich in der Lage sähe, eine Regierung zu bilden) an die übrigen politischen Gruppierungen.

Vielleicht wird Spirou Belgien retten. Mit einer speziellen Ausgabe, die die Geschichte dieses nicht endenwollenden Streites im Comic zusammenfasst, und in Sie im interaktiven Spiel einlädt, das Land vor dem Chaos zu retten. Gut Klick!

 Dienstag, 2. August 2011 18:35

Im Moskauer Backofen - zweimal das Gleiche ist einmal zuviel

Wenn ich das russische Wort für Hitze lese, denke ich erst einmal nicht ans Wetter, sondern an ein stalinistische-patriotisches Gedicht von Konstantin Simonow, das wir in der Schule, im Russsichkurs auswendig lernten:\r\n" Wart\' auf mich!" Die Verse entstanden 1941, als sich Russland im Großen Vaterländischen Krieg befand und sie berührten mein zartes Artischokenherz.Жди меня. и я вернусь / Wart auf mich - ich komm zurück\r\nТолко очень жди / Warte nur sehr \r\nЖди, когда наводят грусть / Warte, wenn dich der Kummer überfällt,\r\nЖелтые дожди, / Der gelbe Regen niedergeht\r\nЖди, когда снега метут, / Warte wenn den Schnee sie fegen\r\nЖди, когда жара, /Warte wenn die Hitze kommt \r\nЖди, когда другиж не ждут, / Warte, wenn andere nicht warten \r\nПозабыв вчера. / Und vergessen was gestern war.\r\n Mir war, als erstarrte ich im Schnee, als sterbe ich vor Hitze.
In Moskau, mit seinem Kontinentalklima kann die Hitze womöglich unerträglich sein, erstickend. Immer häufiger, wie es scheint, sei es infolge des Klimawandels, seien es die Zufälligkeiten schwankender Temperaturen. Nach dem Schwitzbad im Sommer 2010 (14000 Tote mehr als  sonst, davon 7000 allein in der Moskauer Region) jetzt der Backofen 2011! Wieder steigt das Thermometer auf 35-40 °C, Feuersbrünste verwüsten wieder ganze Landstriche, der Qualm erreicht die südlichen Viertel der Stadt und die eifrigen Reporter der Moskowskaja Prawda (MKP) haben versucht, herauszufinden, ob die Behörden aus der Gesundheitskatastrophe von 2010 Lehren gezogen haben. Was, abgesehen von hier und da (und nicht immer da, wo sie am dringensten gebraucht würden) ein paar Kühlräumen, haben die zuständigen Stellen den geschwächten Bürger/inne/n zu bieten?. Ein Anruf bei der Notrufnummer ergab dies:
- Hallo, ich weiß nicht, wo ich mich vor der Hitze retten kann, können Sie mir raten?
 - Das fällt nicht in unsere Zuständigkeit. Gehen sie zum nächstgelegenen Sozialzentrum. Falls Sie allerdings vorhaben, sich umzubringen, können wir sie mit einem Psychologen verbinden, der dann versuchen wird, sie von unüberlegten Handlungen abzubringen.
- Aber die Hitze macht mich ganz verrückt. So kann ich nicht weiterleben. Ich werde mich im Löschteich um die Ecke ertränken, muss nur noch einen Strick und einen Ziegelstein finden.
- Aha, sagen Sie mir dann noch, wo der Löschteich ist? antwortet mir allen Ernstes die Frau am anderen Ende der Leitung.
- Der Teich bei der UBahnstation Akademitscheskaja. Da gibt es eine Rettungswache, die sind dann schnell zur Stelle. Und alle meine Papiere hab ich schon in einem Plastiksack verstaut, damit ihr mich schnell identifizieren könnt. \r\nAnchließend war dann eine Viertelstunde lang die Psychologin in der Leitung. Wir sind übereingekommen, dass ich nur bis zur Taille in den Löschteich tauche und mich dann 5 Minuten ausruhe. Dann hat sie mir noch empfohlen, eine gekühlte Flasche Minneralwasser ohne Kohlensäure zu kaufen. Legen Sie ein kaltes nasses Taschentuch auf den Kopf: Und essen sie viel Obst, vermeiden Sie fettes Essen. Ich habe dann auch noch versprochen kein kaltes Bier mehr zu trinken.

Die junge Psychologin vom Notruf hat offenbar ihr Gehalt nicht gestohlen!

Angesichts der neuerlichen Hitzekatastrophe hat die MKP den Vorschlag, dass Arbeiter zu Hause bleiben können, wenn die Temperaturen zu arg steigen. Aber ab wann? Ab 50°? Oder noch mehr? Oder eher weniger? Bis das geklärt ist, ertränken wir uns alle in den nächstgelegenen Löschteichen...

Freitag 8. Juli 2011

In Argentinien werden die Argentinierinnen schlechter behandelt als die Argentinier - tatsächlich?

#240

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Meine bevorzugte argentinische Tageszeitung, Pagina 12 ist deshalb die bevorzugte, weil sie jeden Tag ein schönes Bild auf die Titelseite setzt und mir das bei meinen mageren Spanischkenntnissen zu verstehen hilft, um was es im entsprechenden Artikel geht. Und jetzt hat sie mir wieder mal Freude bereitet mit einer Spalte zur Ungleicheit von Frauen und Männern im Land der Kühe und der Pampas. Schon im Titel wird Farbe bekannt: "Los, ihr Frauen, zurück zum Abwasch!" Zu diesem Schluss kommt die Journalistin Maria Carbajal nach Lektüre eines umfangreichen Berichts der "Lateinamerikanischen Arbeitsgruppe zur Gleichstellung der Geschlechter", dem Ergebnis einer gründlichen Untersuchung zur Stellung der Frauen in Führungspositionen der Unternehmen, der Gewerkschaften, der Parlamente, der Rechtsprechung usw., usw. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Abgesehen von der Frau Präsidentin, Cristina Fernandez de Kirchner, herrscht für Frauen die Wüste Gobi.Immerhin können die Argentinierinnen stolz sein, eine Frau ins höchste Staatsamt gewählt zu haben und auch, dass in den lokalen und regionalen Wahlen 30% der Kandidaten Frauen sein müssen. Damit kommt Argentinien auf den 12. Rang weltweit, was Frauen in politischen Institutionen angeht, weit vor den Vereinigten Staaten zum Beispiel.

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Aber auf allen anderen Gebieten herrscht das Elend. Eine ähnlich gründliche Durchleuchtung der Verhältnisse würde zweifellos in anderen Ländern Lateinamerikas, ja über alle Kontinente hinweg noch schlechter ausfallen. Die Forscher wollten den Zusammenhang von Macht und Geschlecht in Argentinien untersuchen. 13677 Beschäftigungsverhältnisse in allen möglichen Bereichen wurden genau betrachtet: in jeder der drei Gewalten, der exekutiven, der legislativen, der Rechtssprechung, aber auch in Unternehmen, in Gewerkschaften wurde die Beteiligung von Frauen an Entscheidungen registriert und anschließend nach Noten von 0 bis 10 beurteilt. Note 5 im Mittel bedeutet dabei strenge Parität in Führungspositionen. Am Ende kam für Argentinien 1,5 heraus, dabei sind die Frauen unter den Parlamentariern, wie wir gesehen haben, eher relativ stark vertreten. Das bedeutet also, das sie in den Unternehmensleitungen, unter den Gewerkschaftsfunktionären und in der höheren Gerichtsbarkeit praktisch garnicht vorhanden sind.

Studien in Schweden, Norwegen oder Finnland kamen zu ähnlichen Ergebnissen, obwohl diese Staaten immer als Beispiel für bewusste Bemühung um Geschlechtergleichheit gelten. Politologen und Soziologen haben sich gefragt, ob die Macht eigentlich noch immer bei den Politikern liege. Deutet nicht der wachsende Anteil von Frauen unter lokalen und Europaabgeordneten insgeheim auf etwa hin, was man nicht gern eingesteht? Ähnlich wie der höhere Anteil von Frauen in der Lehrerschaft auf einen Ansehensverfall des Berufs zurückzuführen war, könnte der Zuwachs von Frauen in den Parlamenten das Ende der gesetzgebenden Gewalt einläuten. Es ist ja nicht so, dass Frauen weniger kompetent wären als die Männer (oft sind sie wesentlich gewiefter als ihre männlichen Kollegen), wohl aber könnten die Männer zwecks Erhaltung ihrer Privilegien und ihres Ansehens ihre Interessen in Wirtschafts- und Gesellschaftinstitutionen verlegt haben, was - das muss man sagen - sehr gut zum gegenwärtig herrschenden liberalen und weltweit kalkulierenden Denken passt.

Das erstaunt Sie doch nicht?

 

 

Freitag 8. Juli 2011

Als die chinesische Revolution von Frankreich ausging

#241

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Meine Freundin Dong Chun ist eine außergewöhnliche Frau: seit mehreren Jahrzehnten Journalistin der Nouvelle d’Europe, der populären chinesischen Tageszeitung für die chinesische Diaspora in Europa, Baudelaire-Übersetzerin und auch noch Autorin mehrerer Untersuchungen in vergleichender Literatur und Dichtkunst. Bei Diskussionen über das heutige China findet die kleine Frau, die harte Zeiten in der Kulturrevolution überstanden hat, oft treffende Antworten, die ihren erlauchten Kollegen vom alten Kontinent die Sprache verschlagen. Vor zwei Wochen hat sie mich in meiner neuen Heimatstadt Montargis besucht. Sie ist vorbeigekommen, hat chinesische Ravioli und andere Köstlichkeiten abgelegt, hat ihren kleinen Rucksack wieder angeschnallt und ist mit einer Freundin aus Hongkong, auch mit Rucksack, entschlossen wieder losgezogen in Richtung Stadtzentrum und auf den Spuren derjenigen, die das Reich der Mitte einst glücklicheren Zeiten zugeführt. Als ich sie so dahinwandern sah, kamen mir Zweifel, ob je die Eroberung der Welt durch China aufzuhalten wäre.

In diesem Jahr des Hasen aus weißem Metall feiert China am 1. Juli den 90jährigen Geburtstag seiner kommunistischen Partei, einer der letzten, die wachsamen Auges auf die Welt von morgen schauen, während die Uhren aller anderen nach und nach, seit jenem November 1989 abgelaufen sind, als damals eine Mauer fiel und eine alte Welt verschwand.Gerade ist noch ein weiteres marxistisches Regime gefallen, auf demokratische Weise und ganz still, nämlich im indischen Westbengalen am der Grenze zu China.

Natürlich sind die Feierlichkeiten großartig, bietet sich doch die Gelegenheit der Welt zu zeigen, dass sich ein kollektivistisches System anderen erfolgreich sie Stirne bieten kann, eine gewinnbringenden Industrie besitzt und ein sozialistisches Projekt der ersten Weltmacht, dem Sozialverräter Amerika als zweite Weltmacht entgegenzuhalten vermag.Alle Welt weiß heute, dass die unglaubliche Verbindung von reinem Kommunismus und hartem Kapitalismus ein Viertel der Menschheit einer strahlenden Zukunft zuführt.

Aber wer kennt schon die wahren Ursprünge der kommunistischen Partei und der chinesischen Revolution, außer den Chinesen selbst, die sich jedes Jahr auf eine kleine Stadt im Süden von Paris stürzen, die auch das Venedig des Gatinais genannt wird, nur um den Spuren der Helden des neuen China nachzugehen? Dabei wird seit über 60 Jahren in China selbst und seit 90 Jahren in heimlichen Zirkeln der zukünftigen Aufständischen Montargis (so heißt die kleine Stadt) gerühmt und gefeiert und den Namen auszusprechen wirkt fast wie ein Talisman.Es hat bis 1982 gedauert, bis Deng Xiaoping an die Spitze des Reichs der Mitte trat, dass die Legende sich über die ganze Welt verbreiten konnte: die chinesische kommunistische Partei wurde von einer Handvoll Studenten und Arbeitern der Kautschukindustrie in Frankreich gegründet. Es ist den Launen eines chinesischen Philantropen zu verdanken dass sie nach Montargis kamen. Li Sheng kam gegen Ende des 19ten Jahrhunderts in der Familie eines Mandarins zur Welt, einer Famlie die den Kaisern viele hohe Staatsdiener geschenkt hat.

Li wurde zum Studium der Landwirtschaft auf eine der ältesten Landwirtschaftsschulen Frankreichs, das Lycée du Chesnoy in Montargis geschickt. Ihm gefiel die Stadt der drei Kanäle und zwei Flüsse und er erzählte seinem Freund Sun Yatsen von ihr, der eben Präsident der neuen chinesischen Republik geworden war (1912). Unverzüglich wurde eine Arbeiterstudentengruppe aufgestellt und hunderte von jungen Männern und Frauen nach Montargis geschickt um dort zu lernen und zu arbeiten (eine Art Vorform dessen was später unter dem Slogan "Intellektuelle aufs Land und in die Fabriken" veramstaltet wurde).

Unter den erwählten waren auch jene, deren Namen später als die der Weggefährten Mao Tsetungs auf dem Langen Marsch in die strahlende Zukunft widerhallten: Cai Hesen, Li Fuchun, Chen Yi für die Männer und Xian Jingyu für die Frauen. Und vorallem Zhu Enlai und Deng Xiaoping, die jenseits der großen Mauer bekanntesten,Die Jungen Leuten ergingen sich in heißen Diskussionen mit französischen marxistischen Gewerkschaftlern oder stritten sich um eine Liebe, die nicht geteilt wurde. Und einige gründeten in ihrem Elan die geheime chinesische kommunistische Partei.

So kam es, das Deng Xiaoping, als er Generalsekretär der chinesischen kommunistischen Partei und Leiter der Volksrepublik China wurde, der Welt erklärte, das alles von Montargis ausgegangen war und er lud anläßlich eines Besuchs von François Mitterand den Bürgermeister von Montargis (der damals ein Kommunist war), Max Nublat, mit ein, der dann sehr erstaunt als erster (vor den Bügermeistern von Lille und Lyon!) unter einer Banderole mit seinem Namen aus dem Flugzeug komplimentiert wurde um in einer luxuriösen Limousine zum Tienanmenplatz gefahren zu werden, wo Deng persönlich in erwartete und umarmte.

Seither und dank des China-Monargis-Vereins (der eine direkte und persönliche Verbindung "nach oben" hat, fast wie seine Schüler zum HERRN) können Besucher die Wasserlandschaften von Montargis über einen zweisprachig ausgezeichneten Wanderpfad erkunden und sich den Schauder eines Gangs durch die Geschichte über den Rücken laufen lassen - oder den einer feuchten Umgebung... Wie auch zig chinesische Journalisten, die in diesem Jahr 2011, dem des 90ten Geburtstages, herkamen um Filme zu drehen oder Fotos zu machen von der Stadt im Wasser von der der große Sprung nach vorn damals ausging. .

 

 

 

Mittwoch, 17. August 2011

Gute Nacht Kinder! oder die Bärentäuschung...

 

Nicht jeder hat das Glück, kommunistische Eltern gehabt zu haben. Ich aber wohl. Das bedeutete einen bestimmten Lebensstil, etwa das vom Vater abgenommene Versprechen stets seine Strafzettel zu bezahlen, die Verpflichtung mit den kleinen Sputniks des Bruders zu spielen, das Verbot von Barbiepuppen für mich oder die gleichsam biblische Zurückweisung des Fernsehens. Das hat dazu geführt, dass ich sehr früh schon umgehende oder gar heimliche Vorgehensweisen entwickelt habe: meine Freundinnen bitten, mich nach Herzenslust mit den kleinen blonden Frauen aus Plastik mit den enormen Brüsten zu beschäftigen und von meine Großeltern beteuern zu lassen, dass ich nie nie, wenn ich zufällig bei ihnen übernachtete auch nur einen Blick auf den magischen Schirm werfen würde. Welches Vergnügen! Ich sah Zoro (und war total verliebt in ihn) und "Gute Nacht, ihr Kleinen"

Der Erfinder letzterer Serie ist gerade gestorben. - Vor dem flimmernden Guckloch identifizierte ich mich mit Pimprenelle, die in ihrem rosa Morgenmantel da herumlief (denn, auch wenn das Bild nur schwarz-weiß war, der Morgenmantel konnte nur rosa sein) während ich von einem idealen Bruder träumte, der auf ewig einen blauen Schlafanzug anhatte (der meine wollte von mir, dass ich Blumen aufaß und dass ich kleine bleierne Radfahrer bewegte wie bei einem Rennen, das er dann kommentieren konnte...)

Und ich hoffte, dass der Sandmann über meinem Haus anhielte und der Bär herunterkäme und mich liebkose... pom, pom, pom, pom, pom, pom.

Im Rückblick glaube ich, dass der Sandmann ein Sklaventreiber war, der den großen Bären ins Feuer schickte und dass Claude Laydu, der teuflische Schöpfer der Serie, ein Zauberer war, der die Kinder glauben machen wollte, dass Bären sympathische, weil pflanzenfressende Tiere seien, dabei sind das unerbittliche Räuber, die mit bloßen Pfoten Kolosse umbringen um ihrer Nachkommenschaft die Mahlzeiten zu sichern.

Übrigens wurde doch Goldringlein von den drei Bären in Angst und Schrecken versetzt. Sie wusste genau, dass sie sehr schnell rennen musste, um den drei Pflanzenfressern zu entgehen, auch wenn Klein-Bärchen mit seinem Sirenenstimmchen sie zu seiner Freundin haben wollte.

Ein deutscher Stummfilm der 20er Jahre bringt übrigens eine sehr interessante Deutung des berühmten Grimmschen Märchens. Da sieht man ein sadistisches kleines Mädchen, die das Haus der drei Bären verwüstet. Die machen sich an ihre Verfolgung  und sie, pervers wie sie ist, führt sie geradenwegs vor die Flinten einer Jägertruppe. Eins nach dem anderen werden die drei Tiere umgebracht und die kleine Pest applaudiert. 

 

Mittwoch, 17. August 2011 16:04

Arabischer Frühling, israelischer Sommer - chilenischer Winter?

 

Auch in Chile gehen Autos in Flammen auf. Nicht zum wärmen, auch wenn in diesen Gegenden der südlichen Hemisphäre zur Zeit Winter ist, sondern weil gleichsam ein Echo rund um die Erde zu laufen scheint und nach Kairo, Tunis, Madrid, Athen, Tel Aviv oder London die junge Generation nun überall die alten Welten umzukrempeln versucht. Eine, wie es scheint ununterdrückbare Bewegung, mit der sich sehr wohl die Voraussagen und Analysen des Demographen bewahrheiten könnten.

Aber Chile ist ja so weit weg von Europa... Die Tageszeitungen des alten Erdteils verlieren kaum ein Wort dazu, aber auch die der Neuen Welt bleiben vage... Aus Angst, aus Gleichgültigkeit? Aber da haben doch am Dienstag den 9. August in Santiago 150 000 Studenten demonstriert und zu einem Kampf eine Art Orgelpunkt gesetzt, zu dem eine junge Frau, Camilla Vallejo, Mitglied der Jungkommunisten und Vorsitzende der Vereinigung chilenischer Studentenverbände, im Juni den Anstoß gegeben hatte. Wenn diese Demonstranten auch keine Schaufenster einschlagen oder Zelte im Stadtzentrum aufstellen, so wollen sie doch, dass mit den Resten einer schlechten Vergangenheit aufgeräumt werde und eine Hochschulbildung endlich erneuert wird, die bisher noch immer nach den ultraliberalen Regeln der Pinochet-Boys in den Zeiten der Diktatur der 70er und 80er Jahre gestaltet und verwaltet blieb. Die chilenischen Universitäten sind privatrechtliche Institutionen, sie funktionieren wie Unternehmen, und Stipendien gibt es kaum noch, seit die Militärs an einem 11. September 1973 Salvador Allende stürzten. Die meisten Eltern verschulden sich auf lange Zeit, manchmal bis zu 15 Jahren, um ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen.

"Das war die Universität der Straße" begeistert sich Pagina 12.  Aber die argentinische Tageszeitung zeigt sich über Maßnahmen zur Unterdrückung der Demonstration beunruhigt. Polizisten hätten sich unter die Demonstranten gemischt und hätten, um die Bewegung zu diskreditiern, Aktionen provoziert wie das Anzünden von Autos und andere Vandalismen.  

Es geht um nichts weniger als eine Verfassungsreform, bemerkt das mexikanische Blatt La Jornada. Die Jungen wollen, dass die Hochschulbildung als öffentliche Dienstleistung in der Verfassung der chilenischen Republik verankert wird. Diese datiert von 1980 und es ist kaum zu verstehen, dass selbst die ehemalige, sozialdemokratischen Präsidentin Michelle Bachelet, Pädiater und Mutter, nichts unternommen hat, um sie zu ändern.

Auch stellt man fest, wie sehr doch der Journalismus keine exakte Wissenschaft ist. Man nehme nur die Titelseiten zweier Blätter vom gleichen Tag: "Ein Demonstrationszug von 70 000 Personen gezeichnet von studentischem Aufruhr" titelt Tercera, während El Mercurio "mehr als 140 000" gezählt hat und dann auch den Vandalismus betont. "Lauf, Genosse, die alte Welt liegt hinter dir" riefen die jungen Pariser, die im Mai 1968 Pflastersteine warfen.

 

Dienstag, 27. September 2011

Hans im Glück vielleicht in China, Hans im Elend gewiss in Indien...

Zwei Männer beherrschten in dieser Woche um den 15. August 2011 die Titelseiten; die Gesichter zweier kleiner Menschen erschienen in den Zeitungen der beiden meist bevölkerten Länder der Erde. Was muss man tun, um so unter mehr als einer Milliarde Bewohner Indiens und unter anderthalb Milliarden in China hervorzustechen? Ganz wie seinerzeit Mahatma Gandhi ist Anna Hazare in New Delhi in einen Hungerstreik getreten und in Peking erschien, eigenhändig seine Koffer schleppend, Gary Locke, der neue Botschafter der Vereinigten Staaten in China. In Indien demonstrierten tausende zugunsten des kleinen vierundsiebzigjährigen Mannes der in der allgemeinen Bewunderung geradezu wie ein Zwilling des Vaters indischer Unabhängigkeit wirkt. In China staunten Millionen vor ihren Bildschirmen, wie der neue Botschafter, 61 Jahre alt, mit einem ganz und gar amerikanischen Namen aber mit einem so typisch Pekinger Gesicht, samt Frau und Kindern, aber ohne Bodygard und selbst die Koffer tragend, in seine neue Residenz einzog.

Im Grund genommen sind beide Missionare: Anna Hazare will gegen die endemische Korruption kämpfen, an der Wirtschaft und Poltik Indiens seit Jahrzehnten kranken. Sie erreichte einen Höhepunkt 2008 mit den amerikanisch-indischen Nukleargeschäften. Das zeigten tausende von Telegrammen von Diplomaten, die Wikileaks veröffentlichen konnte. Gary Locke hieß Luo Jiahui bevor sein Großvater und dann sein Vater sich zu amerikanischen Werten bekannten und amerikanische Staatsbüger wurden. Barack Obama hat ihn auserwählt, die Wogen in den Beziehungen zwischen Peking und Washington zu glätten, die die Wirtschaftskrise und wohl vorallem die Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der Vereinigten Staaten ausgelöst haben. China zählt zu den größten Gläubigern der USA.

Anna Hazare hat mit seinem öffentlichen und von Anhängern unterstützten, unbegrenzten Hungerstreik ein Gesetz gebrochen, das im Land verbietet, öffentlich länger als 72 Stunden zu fasten ( Zweifellos ein Gesetz das hinduisteschen Exzessen entgegentreten soll, in manchen Gegenden des Subkontinents geben Gläubige an, auf solche Weise sterben zu wollen). Der Kämpfer gegen die Korruption hat aber nicht alle Affairen im Auge, in die Abgeordnete ebenso wie die Armee oder die staatliche Armutsbekämpfung verwickelt sind. Merkwüdigerweise, doch vermutlich umso realistischer, versucht er eine Vorlage fü ein Anti-Korruptions-Gesetz, die derzeit im indischen Parlament geprüft wird, zu ändern: Sie sei nicht streng genug, weil sie den Premierminister und hohe Rechtsdiener im Falle eines Korruptionsverdachtes von der Strafverfolgung ausnimmt.

Die verschreckten Behörden nahmen den Mann, um ihn aufzuhalten, in Haft. Daraufhin sind hunderttausende Inder auf die Straße gegangen, ganz wie derzeit an allen Ecken der Welt indignierte Büger ihre neuen Helden unterstützen. Anna Hazare wurde freigelassen und darf zwei Wochen lang fasten. Bleibt die Frage, ob die Parlamentarier seinen Wünschen entgegenkommen werden. Wir werden sehen...

Derweil gibt Gary Locke, der neue amerikanische Botschafter in China mit breitem Lächeln ein Interview nach dem anderen in den chinesischen Medien. Um sicher zu gehen rufen die Journalisten die renommiertesten Politologen der Universitäten von Peking oder Shanghai auf den Plan. Der neue Botschafter, der die Nachfolge eines republikanischen Kandidaten fü die Wahlen 2012 antritt, ist sich der Risiken des Auftrags mit dem ihn Obama betreut hat, sehr wohl bewusst. China hält über 1500 Milliarden Dollar amerikanischer Staatsanleihen, 6,1% der Staatsschulden, in Zeiten, in den die Börsen auf der ganzen Welt Diabolo spielen und die Zahlungsfähigkeit Amerikas in Frage gestellt ist.

Doch Mr. Locke lächelt: "meine Frau und die Kinder sind schon ganz aufgeregt bei dem Gedanken, dass wir uns hier einrichten und dazu beitragen, das Band zwischen den Vereinigten Staaten und China zu verstärken und die Zusammenarbeit in den bilateralen und internationalen Schlüsselfragen zu intensivieren." Nicht mehr und nicht weniger hängt allein an ihm!

Im Interview mit China Daily kommentiert Shen Dingli, Professor am Shanghaier Institut fü Internationale Studien, nüchtern: "Der Job wird für Locke nicht leicht sein."

Gary Locke sieht in sich das brückenhafte: "Persönlich fühle ich mich in aller Bescheidenheit hoch geehrt, als chinesisches Einwandererkind der Repräsentant der Vereinigten Staaten zu sein, des Landes meiner Kindheit, zu dessen Werten meine Familie sich bekannt hat."

Eher optimistisch zitiert die Global Times Guo Longlong, einen anderen Wissenschaftler des gleichen Instituts: "Das "ethnische Gepäck" Locke's bietet Obama und seiner Administration eine einzigartige Möglichkeit tiefere Verbindungen mit China einzugehen. "
Auch hier werden wir sehen....
 

 

Dienstag, 27. September 2011

Doktor Sarah und Misses Palin: die (republikanische) Kandidatin für die Obama-Nachfolge jagt nicht nur Karibus in Alaska...?

 

Und wenn die Kandidatin der nächsten amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2012, die Ex-Vice-Präsidentschaftskandidatin von 2008, gar nicht die wäre, für die man sie hält? Aber hält man sie überhaupt für wen, die Gründerin der Tea Party, dieser ultra-reaktionären Bewegung (Feuerwaffen nach Belieben, zwecks mir nichts, dir nichts schwangerschaftsunterbrechende Ärzte, Steuereinzieher und Sozialarbeiter um die Ecke zu bringen), außer für eine hemmungslose Frau mit einem Dauerlächeln im Gesicht, die rückhaltlos ihre Person einsetzt (sie begann ihre Kampagne auf einer Harley Davidson) um ihr Ziel zu erreichen. Das scheint jedenfalls die nicht autorisierte Biographie zu bestätigen, die am 20 September in den USA erscheint und die der National Enquirer vorab zu Gesicht bekam und so die pikantesten Enthüllungen der Öffentlichkeit  präsentierte.###MORE###

Wie soll man nur den Titel The Rogue der Neuerscheinung des Journalisten und Romanciers Joe McGinnis übersetzen? Gauner ist ein Wort, das sich im Französischen noch schlechter als im Deutschen feminisieren lässt (escroc-escroque?), sagen wir also "Gaunerin"? Die Gaunerin wäre gar nicht die treusorgende, tiefgläubige Familienmutter (fünf Kinder, das letzte eine trisomisches). Der Journalist hat sich in der Nachbarschaft der Familie Palin eingenistet. Er hat fünf Monate lang im vergangenen Jahr das Nachbarhaus von Wasilla gemietet, und ist voller enthüllender Eindrücke wieder weggezogen, die jedoch, der New York Times zufolge, allzu arg auf Hörensagen beruhen. Beliebig herausgegriffen hier das was der Investigationsjournalist zum Besten gibt: sie hat Drogen genommen (Haschisch an der Universität und eine Linie Kokain mit Freunden bei einer Motorschlittenpartie. Sie hat ihren Ehemann betrogen (mit dessen Geschäftspartner, wirklich nicht gut...) und hatte eine Affäre (eine stürmisch, natürlich eine stürmische) mit einem Basketballer, einem schönen großen Schwarzen (was die  Vertreterin einer quasi-Rückkehr zur Apartheid nicht gerade lupenrein erscheinen lässt...).

Parallel zur Veröffenlichung dieses heißen Renners hatten die großen Tageszeitungen des Landes begonnen eine Comicserie zu übernehmen, die auf den Enthüllungen von McGinnis gründet und in Garry Trudeau's Donnerbury erschienen ist. Doch haben manche, wie die Chicago Tribune, dann beschlossen, die Serie nicht weiter abzudrucken, zum großen Ärger von McGinnis (in seinem Blog) und Trudeau (auf seiner Webseite), die sich fragen, ob sie sich freiwillig ohne es zu wissen etwa in Norkorea befinden würden... Die Comicserie zeigt einen Journalisten, der im Buch jeden Tag eine neue Seite Sarah Palins entdeckt; ein Angestellter von Foxnews, der sie eigentlich verteidigen sollte, aber durch seine Dummheit immer tiefer hineinreitet (alle Welt ist etwas dumm bei dieser Geschichte...) und jedesmal seine Erkenntnisse mit einem "Verflixt nochmal, so ist es!" beschließt. McGinnis, selbst ein Ehemaliger des Enquirers war bekannt geworden durch sein "So macht man Präsidenten", eine Beschreibung der aggressiven Marketingstrategien in Nixons Wahlkampagne 1968. Aber ist nicht Sarah Palin heute eine etwas zu leichte Beute?

Die Daily News, ein Skandalblatt, hat ihrer (sehr konservativen) Leserschaft folgende Frage gestellt: "Ändern die Enthüllungen des Buches ihre Meinung von Sarah Palin?". Die Leser hatten die Wahl zwischen drei Antworten: 1) Ich wusste wohl, dass sie übertreibt und jetzt habe ich die Bestätigung. 2) Das sind nur abscheuliche Gerüchte und jetzt werde ich noch stärker für sie eintreten. 3) Ist mir egal, was ist sie schon anderes als ein Nichts?

Und Sie?, was hätten Sie geantwortet? 98% der Leser der Daily News erklären sich bereit, ihr Idol mit Zähnen und Klauen zu verteidigen...   

 

Sonntag, 16. Oktober 2011 17:15

Jenseits von Gut und Böse: Berlusconi lächelt weiter

 

In Italien erinnern dieser Tage die Titelseiten der Blätter an jene der dreißiger Jahre in Europa. Da wimmelt es von Vorurteilen, Anathemata und Ablehnung, gegen alles, gegen die anderen, gegen die Märkte, gegen die Europäische Union, gegen die anderen Zeitungen und natürlich gegen die immer oder fast immer korrupten Kritiker. Den Auftakt machte die Secolo d'Italia vom 29. September 2011, die Zeitung, die das MSI begleitet, seit es sich zur neofaschistischen Bewegung erklärte, bis es sich neuerdings zur politischen Mitte hin bewegte und sich von seinem Beschützer von ehedem abwendete, von Sylvio Berlusconi, genannt der Cavaliere, oder auch der Bunga-bunga-König. Neben der Schlagzeile in nicht gerade feiner Manier ein erhobener Finger: "Verleumdete, Genötigte, unserer Souveränität enteignete: wir alle sollten uns empören!" Solche Augenfälligkeiten sind kein gutes Zeichen. Sie zeugen vorallem von Ohnmacht angesichts des lächelnden Helden, der seit nunmehr 15 Jahren wie ein Despot und mit dem Gefühl von "mir kann keiner" die Geschicke der Halbinsel lenkt. Am 29. September feierte Sylvio Berlusconi seinen 75. Geburtstag. Er verkörpert über alle Maßen deutlich jene Arroganz eines guten Teils unserer euopäischen Politiker, die kein Wort verlieren mögen zu Tiefschlägen, sexuellen Übergriffen, Betrügereien, die sie bestenfalls nachsichtig mitansehen und schlimmstenfalls selbst begehen oder mitbegehen. Wenn sie dann vor Gericht erscheinen müssen, ist ihnen das überraschend und aufrichtig egal. Sie sehen ganz einfach nicht, was ihnen vorgeworfen wird: sie nutzen doch einfach nur, was ihre Machpositionen ihnen bieten, Ausgleich für ihren Dienst am Staat, gar an der MenschheitSeit 2009 das italienische Verfassungsgericht das vom Regierungschef zu seinen Gunsten zur Abstimmung gebrachte Gesetz zur Straffreiheit des Amtsträgers für verfassungswidrig erklärte, wird Berlusconi ständig vorgeladen. So auch wieder am Montag den 3 und Dienstag den 4. Oktober, zunächst wegen Korruption und Betrug in der Affäre seines Medienimperiums Mediaset, dann in Sachen Rubygate, wegen Verführung Minderjähriger. Das Verfahren trägt den Namen jener Minderjährigen, die bei einer ausschweifenden Soirée auf seinem Besitz auf Sardinien missbraucht wurde. Der Cavaliere scheut sich nicht, vor Gericht nicht zu erscheinen und mit seinem ständigen Lächeln zu erklären, dass alles das eine Farce sei. Auch die Warnungen des Vatikans und des Papstes gleiten an ihm ab. "Exkommunikation" titelt selbst das Mitte-links-Blatt Il Riformista. Warum auch wäre das Risiko für ihn heute größer als gestern? Es gibt kaum noch eine Zeitung außer der Berluconi gehörenden Il Giornale, die sich über die Beschimpfungen  der Helden empört, sie wurden zu einer Art Nationalsport. Sehr junge Frauen gestehen ihre mit Sylvio eingegangenen Beziehungen. Die derzeit letzte, eine 20 jährige Montenegrinerin, erklärt sich selbst anlässlich des 75. Geburtstages zur offiziellen Verlobten; abgehörte Telefongespräche offenbaren, wie zahlreiche, sehr junge Prostituierte am Fußende des Präsidentenbettes Schlange stehen: Aber Silvio lächelt und denkt sicher, dass sein Volk ihn in seiner stürmischen Virilität nur umso lieber möge: was für ein Temperatment! Vielleicht war das eine Zeit lang so, aber es scheint, dass sich der Wind dreht und dass Sylvio Berlusconi, wie so manche blinde Politiker, die Veränderung nicht wahrhaben will. Es ist jetzt 2 Jahre her, dass der Economist ausrief: "Es ist Zeit für Italien, Berlusconi loszuwerden". Doch Alberto Toscano nimmt in seinem neuen Werk, "Diese Fehlermacher die uns regieren" (erschienen bei Fayard: "Ces gaffeurs qui nos gouvernent"), geradezu meisterhaft auseinander, wie Berlusconi alle seine Übergriffe zum eigenen Vorteil zu wenden weiß.

Jetzt nennen die Italiener ihn den Abstufer, seit Italien durch die Ratingagenturen heruntergestuft zu werden droht. Aber er ist immer noch da. Bis dann in Rom, wie anderswo, die Massen hasserfüllt auf die Straße gehen, nur um ihm und anderen zuzurufen: "Haut ab". Die Italiener sind auf dem Weg. 

  

 

Sonntag, 16. Oktober 2011 19:15

Klassenkampf: Spanische Herzogin tanzt barfuß, die Russen entdecken, dass ihre Kommunalki in Westeuropa Schule machen...

 

Es geschieht im post-francistischen und sozialistischen (gewiss etwas weich linken) Spanien von José Luis Zapatero, dessen Kabinet mit genau gleich vielen Frauen wie Männern besetzt ist. Eine Fünfundachtigjährige tanzt auf der Titelseite von El Pais, grauhaarig und zerzaust, doch als einzige bewegt sie sich da in einem wahrhaft teuflischen Sevilla-Flamenco. Die Herzogin von Alba kann sich eines Titels, eines Vermögens, großer Ländereien und des Ruhmes einer der glänzensten Aristokratenfamilien rühmen, und sie heiratet wieder, und zwar einen Beamten des Sozialamtes. Es scheint dass das Fest nicht sonderlich  gelungen war, traurig für die alte, unwürdige, empörte alte Dame, die an ihrem Lebensabend (doch auch zum Neubeginn) sich der Gesetze des guten Benehmens einfach so begibt. ###MORE###

Cayetana Fitz-James Stuart, eine spanische Grande, vermählt sich zum dritten Mal in ihrem Leben. Noch vor drei Jahren wähnte sie sich sterbend, sie war krank, allein und depressiv, trotz ihrer zahlreichen, nur allzu weit entfernten Nachkommenschaft: Aber von Zeit zu Zeit hat sie die Kraft, ins Kino zu gehen. Und dort, im dunklen Kinosaal, trifft sie Alfonso Diez, 60 Jahre alt, der sich ihr als ein alter Freund ihres verstorbenen zweiten Ehemannes Jesus Aguirre vorstellt. Der Mann, der kaum seine 1500 Euro im Monat verdient, erklärt ihr seine Zuneigung, spricht von schon lange empfundener Leidenschaft.

Die Herzogin lebt auf und kündigt ihren sechs Kindern ihre Verlobung an, Die schreien auf: Mutter, diese Mesalliance kannst Du uns nicht antun! Aber vorallem hatten sie wohl Angst um das Erbe. Man hat ja gesehen, was in Frankreich zwischen Mutter und Tochter Betancourt los war. Doch Cayetana vollführte einen Geniestreich: sie hat ihr ganzes (ungeheur großes) Vermögen unter ihre Erb/inn/en verteilt und hat akzeptiert, dass der neugebackene Herzog nach ihrem Tod den Titel ablegt. Und auf einmal waren die kleinen Herzoginnen und Herzöge mit der Heirat einverstanden. Aber doch wohl etwas pickiert: nur zwei von ihren konnten sich zu Glückwünschen für Mama und Papa herablassen.

Im übrigen kamen weit mehr Journalisten nach Sevilla als eingeladene Gäste, Und die Mehrzahl der Anwesenden waren Routine-Partygänger, Hausangestellte oder Pflegepersonal der alten Dame. Der Jungverheirateten war das egal. Sie wünschte alle Höflichkeiten und Konventionen zum Teufel und kaum war die Zeremonie zu Ende, saßen die beiden im Flugzeug nach Thailand. Die listige alte Dame hatte eben doch ein wenig Taschengeld für sich behalten. Mal eben genug, um angenehm leben zu können!

Und dies geschieht gerade im postsowjetischen, ultraliberalen Russland von Wladimir Putin und Dmitri Medwedjew. Russsische Forscher haben herausgefunden, dass das notbedingte gemeinsame Wohnen, die siebzig Jahre lang verfluchte Kommunalka, in den Ländern Westeuropas eine ungeahnte Renaissance erlebt, besonders in Zürich, wohin die Forscher ihre Untersuchung geführt hat. Leicht erstaunt konnten sie feststellen, dass man in Russland seinzeit das erfunden hat, was hier Wohngemeinschaft heißt. Die geschätzte Moskowskaja Prawda berichtet darüber unter dem Titel "Die Kommunalka ohne Zwang". Irena Tatonowa erzählt mit Humor, wie die die florierenden Europäer/innen das Butterschneiden mit dem Draht neu erfinden, und wie sie sich wundern würden, wenn sie erführen, dass das charmante, heute viel gelobte, gute und preiswerte Leben in der Wohngemeischaft, dass nebenbei auch der Vereinsamung entgegenwirkt, einst in der Sowjetunion die Regel war.

Die Journalistin beschreibt, wie man sich in der Schweiz wunderbar zu siebt ein Badezimmer und eine Küche teilt. Sie verdächtigt allerdings die Eltern im Hintergrund, dass sie ihre erwachsenen Kinder endlich aus dem Haus haben wollen. Und sie bemerkt, dass den Forschern die kleinen Unterschiede zwischen studentischen oder  Rentnerwohngemeinschaften und den nur allzu sowjetischen Wohnverhältnissen in Frankreich, der Schweiz, in Deutschland und anderswo entgangen sind, wo ganze Familien und oft mehrere Generationen in einem Zimmer hausen.

Die Kommunalki haben in der UdSSR der 70er Jahre eine üppige Literatur und Filmographie hervorgerufen. Drollig und niederschmetternd wurde da das höllische Leben in diesen Wohnungen ausgemalt, wo jeder jeden ausspionierte, wo es keinerlei Intimität gab. Sie sind noch immer nicht ganz verschwunden, zumal in Petersburg, wo hunderte von Familien immer noch in den verfallenden Palästen der ehemaligen Hauptstadt aufeinanderhocken.

 

Donnerstag, 15. Dezember 2011 11:48

Katzav, DSK, Cain, Palin, Berlusconi, etc: das sieht ihnen wirklich nicht ähnlich!

Es scheint, das Dominique Strauss Kahn, seit er wieder Place des Voges zu Hause ist, um die Zeit totzuschlagen Schach spielt. Vielleicht will er keine Zeitungen mehr lesen, nicht mehr Radio hören und weder Fernsehen noch Internet surfen um nicht noch mehr trübe Enthüllungen  seiner sexuellen Vorlieben zu erleben. In ein paar Wochen wird  man vielleicht auch Sylvio Berlusconi übers schwarz-weiße Brett gebeugt sehen können, dabei sich zu fragen, wie der König die Dame flachlegen könnte. Am 7. Dezember geht Moshe Katzav in Israel ins Gefängnis, um eine siebenjährige Strafe abzusitzen. Kann er Schachspielen? Und was Herman Cain, den bisherigen Favoriten der Vorwahlen der Republikaner in den USA angeht, auch er wird sich wohl neue Strategien überlegen müssen und seine Freizeit damit zubringen, die Füße in Pantoffeln, Bauern zu versetzen

Das Jahr 2011 war entschieden fatal für diese Politiker, die sich so mächtig vorkamen, mächtig mit Wortgewalt im öffentlichen Leben und mächtig mit ihrem strotzenden Geschlechtsteil in den eher dunklen Ecken des Lebens. Vor ihrem Fall kamen die Gerüchte über ihr Verhältnis zu Frauen, dort wo man nicht starr indigniert reagierte, oft mit einem vielsagenden, beinahe anerkennenden Lächeln daher: welch starke Männlichkeit und wie libertär doch ihr Denken und ihre Praxis! Man vergaß zu gerne, dass Libertinage soziale Gleichheit der Geschlechter voraussetzt. Aber am häufigsten hörte man aus dem Mund der Freunde und Unterstützer dieser dominanten Männchen, dieser angeblich so virilen Männer: " wirklich, ich kenne ihn sehr gut,und das sieht gar nicht nach ihm aus (Vergewaltigung, Agressivität, Nötigung...). Glaubt ihr wirklich, er hat das nötig (man ergänze: er, dem sich die schönsten Frauen der Welt zu Füßen werfen...)

Herman Cain, vorläufig der letzte, der vom Altar seiner Freuden herunterpurzelt. Dies Lieblingskind der republikanischen Rechten der Amerikaner, der Obama der Konservativen, wäre also genau so schnell wieder verschwunden, wie er im Wettlauf für die Präsidentschaftswahlen 2012 aufgetaucht ist. Ganz für sich allein der amerikanischer Traum, der schwarze Geschäftsmann, der sich aus eigener Kraft hochgearbeitet hat und den Vereinigten Staaten verspricht, sie genau so zu führen, wie seine Unternehmen, mit Jubel-Trubel und mit Beharrlichkeit, Pizzas, Sternchen, Coca-Cola, Olé, Olé. So begeisterte er weit über die traditionelle konservative Wählerschaft hinaus. Oh, was für ein sympathischer Typ! Und dann, Ende Oktober, die Katastrophe. Willkommen bei den Freunden des bunga bunga. Der republikanische Politiko, eine Tageszeitung kleiner Auflage und a priori dem neuen Liebling der Medien wohlgesinnt, enthüllt, dass der Kandidat mehrere Verfahren wegen sexueller Nötigung im Schlepptau hat. In den 90 Jahren hätten Angestellte gegen ihn geklagt, als er die " National restaurant association" in Gang setzte, (ein Consortium, das immerhin mehr als 380 000 Gaststätten vertritt, ihnen hilft, sich zu entwickeln und jährlich über ein Budget von 20 Millionen Dollar verfügt). Der Politiker-Geschäftsmann wird beschuldigt, durch ungebührliches Verhalten, deplazierte Gesten (laut Sharon Bialek, die sich damals um eine Anstellung bewarb, bis zum  Finger im Slip) mehrere Frauen bei Veranstaltungen der Vereinigung
beleidigt zu haben. Ein paar grüne Scheine hätten damals den Besitzer gewechselt, dann seien die Affären vom Tisch gewesen.

Herman sagt, er erinnere sich vage an etwas, verweist im übrigen auf seinen Rechtsanwalt. Und was sagt sein Wahlkampfteam? " Herman Cain ist ein sensibler und zärtlicher Mann. Das alles sieht ihm absolut nicht ähnlich. Und wirklich, haben Sie nicht auch den Eindruck, diesen Film schon mal gesehen zu haben. Ein Konservativer den Liberale abschießen wollen, weil sie seine Politik nicht mögen ?"

Eure Reaktion, könnte man ihnen zurückgeben, wurde in anderen Filmen mit anderen Akteuren auch schon gesehen : " Moshe Katzav ein Vergewaltiger? Ein frommer Mann wie er, das sieht ihm gar nicht ähnlich! Sylvio Berlusconi, ein Liebhaber eben pubertierender junger Mädchen? Offen gestanden, mit all den schönen Frauen um ihn herum, das sieht ihm nicht ähnlich! Dominique Strauss Kahn, ein Agresseur? Glauben Sie wirklich, dass ein Mann wie er Frauen angreifen muss, um sie zu gewinnen? Das sieht ihm gar nicht ähnlich!"

Aber seien wir ehrlich, auch eine Frau nähme einen guten Platz unter den Preisträgern des Sittenverfalls ein. Sarah Palin hat gerade angekündigt, dass sie im Kampf um die Vorwahlen der Republikaner das Handtuch wirft, nachdem ein Buch erschien, das berichtet, wie die unerbittliche Verfechterin christlicher Moral mit einem Basketball-Star auf Abwege geraten ist. Nein wirklich, das sieht ihr gar nicht ähnlich!

Aber kann sie Schach spielen?
 

 

Donnerstag, 15. Dezember 2011 12:17

Antisemitismus, Rassismus, Neonazis im Osten - nichts neues?

 

In "13 unerwünschte Reportagen", diesen 1969 (in Frankreich 1975) erschienenen, sprachlichen "Fausthieben", erzählt der Investigationsjournalist Günter Wallraff, wie er sich in verschiedene Grenzgruppen der Gesellschaft eingeschmuggelt hat. so auch in eine Gruppe von Neonazis. Er berichtet ins besondere von gefährlichen Beziehungen, die die Polizei in Zuge der Überwachung mit militanten Mitgliedern unterhielt. Beziehungen, die ziemlich oft an Zustimmung, um nicht zu sagen an Mittäterschaft grenzten. Das ist jetzt über 40 Jahre her.

Und jetzt spielt sich, zu Anfang dieses 21sten Jahrunderts auf der anderen Rheinseite ein Remake von Wallraffs Bericht ab. Ein teuflisches Trio, zwei Männer und eine Frau, eine "Braune Armee Fraktion", der Presse zufolge die Neonaziversion der ultralinken und mörderischen RAF der 70er Jahre, macht seit Mitte November Schlagzeilen in deutschen Tageszeitungen. Uwe Mundios, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe haben 10 Jahre lang Terror unter Türken verbreitet. Sie haben mindestens 10 Menschen ermordet, 14 Banken ausgeraubt und auch das Kölner Attentat von 2004, das 22 Menschen verwundete, geht zweifellos auf ihr Konto. Und bei diesen "Döner-Morden" haben sie - soviel ist sicher - von Überwachern der deutschen Geheimdienste, von einer besonderen Komplizenschaft, profitiert. Warum wurde Uwe Böhnhardt zum Beispiel nicht seit 1997 überwacht, nachdem er zum ersten Mal auffällig geworden war. Er hatte an einer Autobahnbrücke eine Puppe mit einem Davidstern und zwei Bombenatrappen aufgehängt.

Zu Anfang der 2000er Jahre wollten die Behörden die NPD, die Neonazipartei, die sich vor Allem im Osten betätigte, verbieten. Da entdeckte man, dass von 300 Funktionären der Partei gute 40 für die Geheimdienste arbeiteten. Auch die Untersuchung zum nationalsozialistischen Untergrund, zur Gruppe von Beate und den beiden Uwe führt zu Polizisten, zu einem Andreas T, der bei mindestens 6 Verbrechen dabei war.

Der Dreierbund auf seinen Abwegen fand ein Ende am 4. November, nach einem letzten Bankraub. Die beiden Männer töteten sich, die Frau sprengte das Haus, in dem sie lebten, in die Luft. Und die Deutschen wachten mit einem Kater auf. Landesweit fand die von der Kanzlerin Angela Merkel zum Ausdruck gebrachte Scham ihr Echo in der Presse.

Just am Vorabend der enthüllenden Nachrichten wollte es ein merkwürdiger Zufall, dass die Tageszeitung vom 10. November berichten konnte, dem Antisemitismus ginge es gut, die neue Studie im Auftrag des Innenministeriums ergebe, dass alle Bevölkerungsschichten mit dabei seien. "Vorurteile, Beschimpfungen, schlechte Witze, Diffamierungen sind in Deutschland alltäglich". Sie hätten gar um 20% zugenommen seit der letzten Untersuchung 2009. Der 9te November, Datum der Veröffentlichung dieser traurigen Feststellungen, war auch der 73te Jahrestag des Pogroms von 1938, dem einstweiligen Höhepunkt der Verfolgung deutscher Juden im Nationalsozialismus.

Am 13. November 2011 trat in Griechenland Laos (orthodoxe Volksvereinigung), eine antisemitische, rassistische, nationalistische und homophobe Partei, in die Regierung ein, ohne dass irgendwer sich dazu äußert.

Es scheint, das alte Europa durchlebt gerade alles andere als eine Zeit der Emanzipation...

 

 Donnerstag, 12. Januar 2012 18:55

Und plötzlich ist da Michail Prochorow!

 

Im Januar 2007, also ein Jahr vor den russischen Präsidentschaftswahlen von 2008, fuhr Wadim Glusker, Korrespondent in Frankreich des Senders NTV nach Davos. Vorher hatte er geäußert: "dieses Jahr wird im Kreis der weltweiten Wirtschaftsmacht Dmitri Medwedjew erscheinen, seine Person verdient besondere Aufmerksamkeit, denn er wird unser nächster Präsident in Russland. " Der kleine dunkelhaarige Mann war da noch vollkommen unbekannt in Europa und in der Welt und ein wenig zweifelsohne selbst in Russland. ###MORE###

Wenn mir also Wadim jetzt, nach den Moskauer Demonstrationen vom 10 Dezember, sagte: "Michail Prochorow, merk dir den Namen, er wird bis zu den Präsidentschaftswahlen eine Rolle spielen", beeile ich mich, nachzusehen, wer das ist. Ich war auch nicht die einzige: sowohl die Londoner Financial Times wie die New York Times in den Vereinigten Staaten brachten den Namen des neuen Gesichts auf den Titelseiten am 13 Dezember.

Mit 46 Jahren verkörpert der schon sehr große Mann (2,04 m) auch eines der größten Vermögen der Welt (das 32ste) und das drittgrößte in Russland, wenn man dem Forbes Magazin, das sich den Reichen widmet, glauben will. Sein Reichtum liegt in Edelmetallbranche (Nickel, Gold usw.) und wird auf über 18 Milliarden Dollar geschätzt. Und wie ein anderer jener Oligarchen, die in nur wenigen postsowjetischen Jahren unermesslich reich wurden, ein gewisser Michail Chodorkowski vor ihm, hat er beschlossen in die Politik zu gehen. Nachdem er sich um den Sport verdient gemacht hat - er ist Besitzer des Basketballklubs New Jersey Nets - und jedenfalls kann er seinen Spielern, wenn er mit ihnen sprechen sollte, direkt in die Augen sehen, er ist so groß wie die.

Auch er hatte Schwierigkeiten mit der Justiz, vor vier Jahren wurde er beim Skifahren auf den Hängen von Courchevel, wo er längst auch zu Hause ist, unter dem Verdacht der Zuhälterei verhaftet (er hätte seine Gäste mit zuvorkommenden jungen Frauen angenehm umgeben). Auch unterstellt man ihm die Absicht, 2008 die Villa Leopoldia in Villefranche sur mer an der Côte d'Azur, die teuerste Bleibe der Welt (fast 500 Millionen Euro), gekauft haben zu wollen, dann aber Abstand genommen zu haben, ohne Zweifel weil es erste Anzeichen der Krise gab.

Aber was will dieser Milliardär, der vor acht Monaten mit seiner Partei "Gerechte Sache" (nicht zu verwechseln mit der sehr Putin-nahen Formation "Gerechtes Russland") in der Politik antrat und dargestellt wird als Dmitri Medwedjew nahestehend? Unmittelbar nach der Ankündigung seiner Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen am 4. März 2012 haben die Kommentatoren die Botschaft entschlüsselt: Prochorow sei ein russisches U-Boot, das Premierminister und ex/demnächstiger Präsident Wladimir Putin losschickt um die oppositionellen Proteste zu kanalisieren und die Unzufriedenen auf diesen Kandidaten zu vereinen um sie anschließend zu vereinnahmen. Die Manipulation ist immerhin ziemlich kompliziert und vielleicht auch ungewiss: es kommt ja vor, dass die Marionetten dem Puppenspieler aus der Hand geraten.

In seinem Blog hat er am 12 Dezember um 18h56 (Lokalzeit) nüchtern wissen lassen: "Das ist sicher die wichtigste Entscheidung meines Lebens. Ich stelle mich der Präsidentschaftwahl." Zwei Tage später fegt er die Anschuldigung der Kremlnähe vom Tisch: "Ich habe alle Kommentare der Medien und der sozialen Netzwerke angesehen und angehört. Man unterstellt mir wieder alle möglichen Vorhaben: ich wolle mich auf diese Weise an Putin, den Kreml und die Vereinigten Staaten heranmachen. Natürlich will ich in den Kreml, aber für die Demokratie. Natürlich will man uns benutzen, aber wir lassen uns nicht vereinnahmen, wir werden all unsere Kräfte daran setzen, unseren Standpunkt zu erklären und unsere Ziele zu verfolgen."

Zur Zeit bleiben die Ziele des Miliardärs etwas vage. Sein Programm beschränkt sich darauf, der russichen Jugend Zugang zu Reichtum und Konsumgütern zu versprechen, Russland in die Eurozone zu bringen(es sei denn, Europa adoptiert den Rubel und lässt sich von Russland integrieren - in Anbetracht der Größenverhältnisse), den Visumzwang für die Europäische Union abzuschaffen und seinen unglücklichen Vorgänger Michail Chodorkowski zu begnadigen. Man hat schon bessere demokratische Glaubensbekenntnisse gesehen...