Freitag 9. April 2010

Weist du, du hast schöne Augen...

#190

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... aber soo traurige. Zweifellos weil du mit kaum 30 Jahren, in der Blüte der Jahre, aber zermürbt von harter Arbeit, gestorben bist. Obwohl du eine gesellschaftlich privilegierte Stellung inne hattest, meinen jedenfalls die, die dich gefunden haben. Sie stützen sich auf die Halskette aus Waalzähnen, die du im Tod trugst, die Kette einer Frau, die natürlich zur Elite zählte. Sie haben dich "Aunty" (Tantchen) genannt...

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Schon vor 70 Jahren haben sie Dein Skelett gefunden. Zunächst haben sie geglaubt, Du seist ein Mann, als ob der erste Hominide, der Neuseelands Erde berührte, nur ein Mann hätte sein können.

Das war vor 600 Jahren, eigentlich vor recht kurzer Zeit, und du kamst wahrscheinlich aus dem östlichen Polynesien. Erst als eine Forscherin, eine Anthropologin, sich über deine Knochen- und Gewebeüberbleibsel beugte, bekamst du schließlich ein Gesicht, ein Geschlecht.

Die Autochthonen, die vom alten Volk von Rangitane (eine der Inseln im Neuseeländischen Archipel), verehrten Dich seit langer Zeit. Die alten Damen hatten lange vor Susan Hayes kapiert, dass Aunty eine Dame der besseren Gesellschaft war. Sie waren es, die den "Alten Nr.1" in der Bezeichnung der Wissenschaftler durch das liebevolle "Tantchen" ersetzten.

Jetzt haben sie entschieden, dich der Würde deiner Schönheit und deines hohen Alters entsprechend zu bestatten, am nämlichen Ort, wo dein Grab seinerzeit gegraben wurde...

 

 

Dienstag 20. April 2010

Sternenregen

#191

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Schweizerische und schottische Astronomen haben etwas beruhigendes entdeckt. Auch manche Sterne wollen sich nicht in die gleiche Richtung bewegen, wie die große Masse! Doch die Mitteilung der Europäischen Südsternwarte bleibt ein wenig mysteriös und die Erklärungen der Temps helfen uns auch nicht weiter... "Heute wurde die Entdeckung von neun neuen Planetendurchgängen bekanntgegeben. In Verbindung mit früheren Beobachtungen von Exoplaneten (Planeten in anderen Sonnensystemen d.Ü.) kamen die Astronomen zu dem für sie überraschenden Resultat, dass sechs Exoplaneten (aus einem größeren Sample von 27) den entgegengesetzen Umlaufsinn ihrer "Sonne" aufweisen, also genau das Gegenteil unseres Sonnensystems darstellen. Diese Neuentdeckungen zwingen die Astronomen ganz unerwartet, die bisherigen Planetenbildungsmodelle ernstlich in Frage zu stellen. Sie führen auch zu der Annahme, das Systeme mit heißen Exoplaneten vom Typ Jupiter wahrscheinlich keine Planeten wie unsere Erde aufweisen."

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Also gewöhnlich marschieren die Planeten einer nach dem anderen um ihren Stern, im gleichen Sinn, wie dieser sich dreht, ganz wie am Hof Ludwig des 14ten. Und da beschließen kleine Naseweise, von ihren Entdeckern als Zurückgebliebene bezeichnet und irgendwie aus Eis und Fels geboren, sich andersherum zu bewegen und das sehr langsam, nur um die anderen zu ärgern. Die Rebellion bleibt recht bescheiden, denn sie hängen wie angeklebt an ihrem bewunderten und geliebten Stern. Man kann nur darauf warten, dass sie sich in einer großen kosmischen Explosion ablösen. Denn wenn sie das nicht tun, ist eine der Hypothesen die die Wissenschaftler in aller Ruhe vortragen, ziemlich erschreckend: "Eine spektakuäre Folge (der umgekehrten Bewegungsrichtung) wäre, dass sie Planeten wie die Erde auslöschen."

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Im November 2007 - darauf habe ich schon einmal hingewiesen - haben die Kanadier angekündigt, dass der magnetische Nordpol langsam aber sicher auf die andere Seite des geographischen Pols wandert, was unsere Welt ganz durcheinander bringe und zu Katastrophen führe.

Im Übrigen braucht man nur den Irish Examiner zu lesen um sich zu sagen, dass nicht nur die Sternenwelt Kopf steht.

Bei einer Hundemodeschau in New York haben Menschen Jake vorgestellt, einen Yorkshireterrier ( für seine Bewunderer wohl auch Schmetterlingshund) im Militarylook!

Fehlte nur die Maschinenpistole am Schultergurt. Der Outfit brachte die Damen der Hautevolée, die ihren treuen Begleiter zu kleiden gekommen waren, ganz aus dem Häuschen.

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Auch in Brüssel sieht man Sterne und 36 Kerzen am hellichten Tag, egal ob Flame oder Wallone oder ... Belgier (Belgier ist, wer keiner der beiden Kategorien angehört). Seit zwei Tagen regt sich die Presse bei unseren Nachbarn mit immer aggressiveren Schlagzeilen mehr und mehr auf: "Gewaltwelle in Brüssel", "Muss man in Brüssel Angst haben?", "Schwarzer Montag", "Die neuen Maffien", und sogar "Juwelier vorm Schwurgericht, weil er geschossen hat?" auf der Titelseite von De Morgen. Wobei der plakative Titel auslässt, dass der, auf den der bestohlene Kaufmann geschossen hat, starb als er ihm den Rücken zukehrte und weglief. Es geht um die maffiösen Banden aus Estland und anderen Ostländern, die in die europäische Hauptstadt einfallen und dort prompt ihr Unwesen treiben.

In einer Wochen gab es zwei Einbrüche: viel für die Geschädigten, aber zu wenig, um überall in Europa schwelende, fremdenfeindliche Stimmungen anzufachen.

Erinnern wir unsere brandstiftenden Kolleginnen und Kollegen und Politiker daran, dass eine offen antisemitische und anti-Roma Partei ins ungarische Parlament eingezogen ist. Wie wärs, wenn wir, wie die heißen Jupiters, andersherum marschieren würden?

 

 

Donnerstag 22. April 2010

Baikal-Amur-Rio de la Plata, Direktverbindung ohne Zwischenstop

#192

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Es ist fünf Jahre her: man hatte mir "Siberienne" (deutscher Titel: "Die Dolmetscherin" d.Ü.) geschenkt, einen Roman des Kubaners Jesus Diaz. Eine entzückende Geschichte vom Anfang der 70er Jahre, ein kubanischer Journalist, 25 Jahre alt, schwarz und jungfräulich, terrorisiert von Flugangst, wird zum großen Bruder, der Sowjetunion, geschickt, zwecks Reportage vom Bau der Eisenbahnlinie, die den Baikalsee mit dem Amurstrom verbindet. Aber wie alle Liebesgeschichten (Wortspiel: im französischen amour, sprich Amur,- die Liebe d.Ü.), nimmt auch diese ein böses Ende. Ein sehr böses.

Es ist fast zwanzig Jahre her: ich reiste zum ersten Mal nach Russland, im letzten Jahr der Sowjetunion. Ich wohnte bei Anna B. einer passionierten, fröhlichen Ozeanografin, Mitglied einer Ökologengruppe im embryonalen Stadium, die sich abmühte, ihre Stimme zu Gehör zu bringen. Eine ihrer diesbezüglichen Methoden bestand darin, kleine Gruppen ausländischer Journalisten mit den verheerenden Wirkungen der Verschmutzung des Baikalsees zu konfrontieren. Als tapfere Soldatin vollbrachte Anna mehrere Male im Jahr diese Reise in die Verzweiflung.

Im gleichen Jahr 1991 reiste ich im Rahmen einer "historisch-literarischen" Recherche mit dem Transsibierienexpress bis nach Krasnojarsk, der Stadt der roten Täler, letzte Station vor Irkutsk und dem Baikalsee. Der Jenissei, den die schöne Angara mit dem Baikalsee verbindet, verschlug mir mit seiner Breite und Kraft die Sprache. Man erzählte, dass sich im Sommer mutige Leute in die Fluten werfen und Kilometerweit von der Strömung tragen lassen. um dann erfrischt wieder auszusteigen.

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Beim Lesen in einer der letzten Ausgaben der Novaja Gazeta, der Zeitung einer anderen Anna, der herrlichen Politkowskaja, musste ich an Anna denken, an die Sibérienne, an den Jenissei. Auf der Titelseite war ein schäumendes, brodelndes Wasser zu sehen und zu lesen stand der Titel "Baikal, ein Foto zur Erinnerung" mit dem Untertitel "Bald wird hier alles tot sein". Folgte ein langer und schöner Artikel des Korrespondenten in Krasnojarsk, Alexei Tarassov: noch einmal ein kleines alarmierendes Hagelkorn im Ozean der Gleichgültigkeit. Der Journalist beschreibt die Magie dieses gigantischen Süßwasserreservoirs (ein Fünftel der Reserven des Planeten, wobei ein Sechstel unserer Bevölkerung unter Wassermangel leidet) und die Verschmutzung in großem Ausmaß durch die Zellulosefabriken, die das Wasser abpumpen und verdreckt wieder einleiten. Seine Anklage richtet sich unmittelbar an Premierminister Putin, der dem Papiermasse-Produktionskonsortium BZBK per Dekret erlaubte, die Abwässer in den See zu leiten. "Russland hat nicht nur seine heiligen Ikonen. Auch der Baikalsee ist heilig. Und der Premierminister hat ihn entweiht. Man braucht sich nicht zu wundern, wenn die Anwohner, gefragt, wer der Hauptfeind Sibiriens sei, mehrheitlich Wladimir Putin als solchen bezeichnen."

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Am anderen Ende der Welt erstreckt sich der Rio de la Plata zwischen Uruguay und Argentinien. 2006 hat sich eine brandneue Papiermassefabrik mit dem hübschen Namen Botnia am Uruguayischen Ufer des "silbernen Stroms" etabliert und verbreitet ihre stinkenden Fluten bis ans ferne argentinische Ufer. Die Regierung in Buenos Aires hat vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag Klage erhoben und seit drei Jahren besetzen Demonstranten Tag und Nacht die Hauptbrücke, die die beiden Länder miteinander verbindet und blockieren damit eine der großen Verkehrsadern Lateinamerikas.

Gestern hat das Gericht vor den vollzählig anwesenden Diplomaten beider Länder sein Urteil verkündet. Zwei antrengende Lesesstunden einer Entscheidung, weder Fisch noch Fleisch, eine Mehrheit von elf Stimmen gegen drei. Stunden, die vom öffentlichen Fernsehen Argentiniens direktübertragen wurden (mitten in der Nacht, Zeitverschiebung verpflichtet): Die Firma hat den Naturschutzstatus des Stroms verletzt, darf aber weiter ihre jährliche Million Tonnen Zellulose verarbeiten, also weiter verschmutzen. Aber sie muss ihre Nachbarn besser über die Verschmutzung informieren und Uruguay verpflichtet sich, weitere, ähnliche Projekte einzufrieren. Das Gericht kommt zu dem Schluß: "Gestank ist kein Delikt und die Schließung von Botnia wäre eine unverhältnismäßige Reparationsleistung".

Die Regierungsvertreter sind zufrieden, Hand in Hand, wieder abgereist, während die Umweltdemonstranten auf der Brücke vor Wut in die Luft gehen. Die argentische Tageszeitung Pagina 12 resumiert das ganze mit der lapidaren Schlagzeile: "Uruguay hat das Abkommen verletzt. Die Fabrik läuft weiter."
Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen...

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Montag 3. Mai 2010

Guten Morgen Lenin...

#193

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Eine dieser Häufungen von Neuigkeiten, bei denen man sich fragt, ob sie sich dem reinen Zufall verdanken, oder ob eine höhere Macht im Spiel ist: vier Ereignisse in Spanien und in Russland, über die in Madrid, in Moskau und anderswo geredet wurde. Am 22. April feierte (oder beweinte) man die Geburt Lenins, beweinte (oder feierte) man den Tod von Juan Antonio Samaranch, verdrängte man die Erinnerung an die Francodiktatur, öffnete man die Archive der Stalinzeit...

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Am 22. April 1870, also vor 140 Jahren, kam Wladimir Iljitsch Ulianow in Simbirsk zur Welt. Weitab von Moskau und noch weiter von der damaligen Hauptstadt Sankt Petersburg, an den Ufern der Wolga, dort wo dieser größte und längste Strom der Welt sich plötzlich zu einer Art Abflusskanal verengt, bevor sich seine Wassermassen ins Kaspische Meer ergießen. Ein Provinznest, die Wiege eines Kleinadligen, der einst den Planeten zum Beben bringen würde. Wer erinnert sich noch daran? Wer kennt heute noch Lenin? Man muss schon in den Überbleibseln der kommunistischen Presse in Russland und im Vorzeigeblatt Kubas (und vielleicht auch im nordkoreanischen, das leider noch nicht im Netz zur Verfügung steht) nachsehen, um das Bild des Revolutionärs auf der Titelseite zu finden. "Ein Land und die ganze Welt auf den Schultern Lenins", titelt die Pravda (Die Wahrheit), ein Schatten des einstigen Organs des Zentralkomitees der sowjetischen kommunistischen Partei, ein Blatt, das noch immer seine Leser hat. "Lasst uns aufs Neue Lenin kennen lernen", echot die Sowjetskaja Rossija (Das sowjetische Russland!).

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Aber erst in Havana findet man die rührendste Hommage des Vaters des Bolschewismus, in der Granma, dem offiziellen Organ der kubanischen kommunistischen Partei. Kaum zu widerstehen, sie hier nicht in Gänze zu übersetzen. "Anlässlich seines 140. Geburtstags gewinnt die historische Dimension seines Denkens und Handelns für einen x-beliebigen Studenten der Sozialwissenschaften von heute außerordentliche Bedeutung. Er war der Gründer einer neuen Zeit: er zog das zwanzigste Jahrhundert in eine ununterbrochene revolutionäre Bewegung, die dank Ausdauer und Heldenhaftigkeit im Umsturz des Zarismus und dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat gipfelte und überall in der Welt die revolutionären und emanzipatorischen Bewegungen beschleunigte. Über die grundlegenden Errungenschaften des Marxismus hinausgehend hat Lenin Sachen gefunden und etabliert wie die Theorie des Imperialismus, das letztendliche Ziel des Kapitalismus, eine Partei neuen Typs, die sozialistische Revolution und die Diktatur des Proletariats, die unlösliche Verbindung von nationaler und sozialer Befreiung, die Grundlagen friedlicher Koexistenz und die Wege des sozialistischen Aufbaus. Für jeden Revolutionär, ja für jeden ehrlichen Menschen auf Erden, bleiben Leben und Werk Wladimir Iljitsch Lenins Gegenstand andauernder Bewunderung. ". Uff! Wenn denn einer übrig geblieben ist, dann ist’s Kuba!

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Am selben Tag ehrte man in Spanien Juan Antonio Samaranch, den treuen Diener des olympischen Gedankens, der in seinem 90ten Lebensjahr gestorben ist. Tremoli der Stimmen oder vielmehr der Titel.

"Adieu dem großen Champion des modernen Olympia" grüßt ihn El Pais, ein Blatt das sonst wenig Neigung zeigt, alte Francoanhänger zu ehren.

"Dieser große Visionär und universeller Lenker", dieser " geniale Geopolitiker" war jedenfalls auch ein Würdenträger des Caudillo. Eine wenig schmackhafte Vergangenheit, deren Erwähnung er verabscheute.

Man musste an dem Tag schon die Webseite Rue 89 aufsuchen, wollte man eine nichtautorisierte Biographie dieser, je nach Gesichtswinkel, sympatischen oder abscheulichen Persönlichkeit lesen.

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Derweil beschimpften sich weidlich die Richter des obersten spanischen Gerichtshofs und der Richter Garzon: Jene bezichtigten diesen der Prevaricatio, d.i. der Amtsplichtverletzung, des Amtsmissbrauchs, während dieser jene geheime Hauptberater der Phalange (der francistischen extremen Rechten) nannte. Der berühmte Richter Garzon (nicht zuletzt berühmt wegen des Verfahrens gegen den General Pinochet) läuft Gefahr seines Postens in der Audiencia nacionale, der obersten Strafinstanz Spaniens, den er seit 22 Jahren innehat, enthoben zu werden. Just weil er es gewagt hat, Ausschreitungen des Francoregimes (114 000 Opfer) zu verfolgen und versucht hat, sie neuerlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen.

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Trotz Rückkehr zur Demokratie und Eintritt in die Europäische Union liegt über den vier Jahrzehnten des spanischen Faschismus ein bleiernes Gewicht. Richter Garzon hat Massengräber öffnen lassen, hat Archive ausgegraben, Zeugen vernommen, alles dies, um das kollektive Leid zu überwinden, vielleicht auch, um zwei bisher sich unvereinbar gegenüberstehende Länder in einem Land mit einander zu versöhnen. Die Gegner von Balthazar Garzon hören nicht auf ihn juristisch zu attackieren, damit er seine Nachforschungen einstellt, aber zehntausende seiner Anhänger gehen zu seiner Verteidigung auf die Straße.

Die Richter werden ihre Entscheidung nach bestem Wissen und Gewissen treffen. Und wie jeder weiß, ist die Justiz in ganz Europa unabhängig!

Währenddessen haben die Russen von heute, die der Versöhnung mit Europa und mit Polen, eine symbolische Handlung vollzogen. Dmitri Medwedjew hat tatsächlich verkündet, dass die Archive der Massaker von Katyn ins Internet gestellt wurden, das heißt, soweit sie nicht mehr der Geheimhaltung unterliegen. Immerhin ein Anfang. Nur sind sie gegenwärtig leider, vielleicht wegen zu großen Andrangs, für gewöhnliche Sterbliche unzugänglich.

 

 

Donnerstag 13. Mai 2010

Ade Garzon, guten Morgen Kagan!

#194

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Die Fortsetzung der Verdrießlichkeiten um den berühmten spanischen Richter. Konnte er bisher schon stolz sein, als Draufgänger zu gelten, ab jetzt könnte er sich gar als erster politischer Flüchtling aus Juan Carlos’ und Zapateros Spanien bezeichnen! Nach der Anordnung der Richter am obersten spanischen Gericht, ihm wegen Untreue im Amt, Einflussnahme und Machtmissbrauch den Prozess zu machen, hat der Richter um seine Beurlaubung beim Internationalen Strafgerichtshof gebeten, wo der argentinische Staatsanwalt, der die Wertungen der Spanier nicht zu teilen scheint, ihm alle Türen offen hält. Für diejenigen, die das vielleicht nicht wissen: Untreue im Amt - prevaricatio - ist ein besonders hässliches Vergehen, nämlich dass man aus Eigeninteresse seine Amtspflichten verletzt, anders gesagt, eine Form von Illoyalität die bis zum Verrat gehen kann.

Man klagt ihn dergestalt an, weil er Nachforschungen zu den im Bürgerkrieg von 1936 verschwundenen Personen und zur Repression im Francoremige anstellen wollte, obwohl ein 1977 (also zwei Jahre nach Francos Tod) verabschiedetes Amnestiegesetz wohl oder übel alle Ereignisse und Schrecken der faschistischen Vergangenheit ad acta verwiesen hat. Weitergehen, hier gibts nichts zu sehen, falls Sie noch Zweifel haben sollten. Richter Garzon, der General Pinochet verfolgt, und das lange nach dem Ende der Diktatur in Santiago, ist da anderer Meinung: wer ein Kapitel abschließen möchte, muss es gelesen haben.

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Um von vornherein allen Vorwürfen, es handle sich um einen politischen Prozess, entgegen zu treten, haben die Madrider Richter der gewichtigen Anklage des verhassten Kollegen ein paar Anhängsel beigegeben: Man wirft ihm vor, sich für einen Straferlass der spanischen Bank Santander (eine der größten der Welt) eingesetzt zu haben, nachdem er an von der Bank finanzierten Vorträgen zum Terrorismus teilgenommen hatte. Und schließlich wird ihm noch vorgeworfen, dass angeordnet habe, im Rahmen einer Voruntersuchung zur Korruption in der politischen Rechten Spaniens, vertreten durch die Volkspartei - Partido popular - Telefongespräche illegalerweise abzuhören. Eine Partei, die übrigens ganz besonders auf der Amestie für Verbrechen des Francoregimes besteht. Spanien, das zur Zeit mit der realen oder vemeintlichen Gefahr eines Staatsbankrotts ein nicht gerade klares Bild abgibt, täte gut daran, sich diesem, prinzipiell exemplarischen Versagen seiner Demokratie zu stellen.

(Bemerkenswert nebenbei vielleicht auch die "objektive" Zufälligkeit, dass die drei europäischen Länder, die wirtschaftlich und finanzwirtschaftlich die größten Schwierigkeiten haben, den Übergang vom Faschismus zur Demokratie ohne "Erinnerungsarbeit" vollzogen haben.)

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Auf der anderen Seite des Atlantik macht die Demokratie Fortschritte in den zarten aber festen Händen von Barak Obama. Der Präsident plaziert langsam aber sicher seine Leute im obersten Gerichtshof und beugt damit den im Zusammenhang seiner Gesundheitsreform und seines Einsatzes für den Umweltschutz kaum zu vermeidenden juristischen Auswüchsen vor.

Seine beiden Meisterstücke sind zwei Frauen, beide aus Chikago, was natürlich kein Zufall ist, und ausgezeichnete Juristinnen. Die erste, Elen Kagan, 50 Jahre alt, tritt an die Stelle von John Paul Stevens. Der beinahe neunzigjährige, weltoffene und moderne Doyen des Gerichshofs fand, es sei Zeit, sein Amt zu übergeben. Diane Wood, die zweite Juristin, harrt einstweilen in den Startlöchern des nächsten Wechsels. Dann wird es vier Frauen geben und eine demokratische Mehrheit von einer Stimme. Wird jemand sich selbst verleugnen um die Dinge zu beschleunigen?

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Wir sind bereit ihm einen herrlichen japanischen Blumenstrauß für seine Opferbereitschaft zu spendieren: diesen farbenfrohen Torbogen aus japanischen Glyzinien, der mit seinen 22 verschiedenfarbigen Arten von Glyzinien die Besucher des Kwachi Fujien, des sublimen Gartens im Herzen des traditionellen Japans, einen Augenblick lang empfängt .

Angeblich ist die außergewöhnliche Farbenpracht dem belebenden Kälteeinbruch im März zu verdanken.

Allein der Anblick dieses Blumenwunders lässt uns vor Rührung und eingebildeten Düften beinahe umkommen.

Der Magier des Parks, Takashi Higuchi, 63 Jahre alt, hat einen einzigen Traum: "dass jede und jeder sich nach diesem Gartenerlebnis glücklich fühle".

Die einfachsten Dinge sind doch die besten, nicht wahr?

 

 

Mittwoch 19. Mai 2010

Matschbirne

#195

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Etienne Koechlin geht nicht gerade freundlich mit Napoleon um. Dieser hervorragende, dem großen Publikum allerdings wenig bekannte, französische Forscher schmälert den Ruhm des Genies ohne auch nur einen Augenblick zu zögern: "Wenn Napoleon den Eindruck vermittelte, dass er mehrere Dinge zugleich tun konnte, dann nicht, weil er dessen fähig war. Er besaß einfach nur ein sehr gutes Gedächtnis. Er konnte übergangslos von einer Sache zur anderen wechseln." Auf seine Art ein toller Zauberer, der Korse!

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Denn Etienne Koechlin und sein Kollege Sylvain Charon zeigen in einer brillanten Studie, die in der ausgezeichneten Temps de Genève Schlagzeilen macht, dass das Menschengeschlecht als Individuum entschieden unfähig ist, mehr als zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Eine - vielleicht unbewußterweise - feministische Studie, denn Männer und Frauen sind gleichermaßen unfähig.

Das Ganze ist eine Angelegenheit der Hirnlappen. Anhand von Spinresonanzbildern konnten sie folgendes feststellen: wenn wir mit einer, sei es auch nur einfachen, Tätigkeit, wie "einen Brief lesen", befasst sind, werden unsere beiden Frontallappen in schöner Harmonie gleichzeitig angeregt. Wenn wir einen Brief lesen und dabei gleichzeitig ein Hackfleischbrötchen zubereiten wollen, sind, abgesehen von der Schweinerei, die wir dabei riskieren, unsere beiden Hirnlappen in Hab-acht-Stellung, und jeder verfolgt für sich sein Ziel, lesen auf der einen Seite und Brötchen belegen auf der anderen. Schief geht die Sache, wenn Sie, außer Brötchen zubereiten und Brief lesen, auch noch Radio hören wollen. Dann besteht, wenn sie keinen dritten Hirnlappen besitzen (und apriori besitzt den niemand) die Gefahr eines "Nervenzusammenbruchs". Mit anderen Worten, Sie meinen zu lesen, was sie hören, und Sie sprechen mit ihrem Hackfleischbrötchen.

Es ist deprimierend. Kommt es doch tatsächlich vor, dass wir eine ganze Reihe von Dingen in Rekordzeit erledigen müssen, zumal, wenn wir so einiges auf später verschoben hatten. Auch hier kann ich bestenfalls die Benchley-Technik empfehlen, die der Autor in einer seiner wunderhübschen Chroniken vorgestellt hat: "Wie mit all dem fertig werden, was zu tun ist."

"Viele Leute fragen mich, wie ich so viel zustande bringe und zugleich den Eindruck vermittle, dass ich mich nur vergnüge. Hunderttausende im ganzen Land fragen sich, wie ich Malerei, Erfindungen, Schreiben, Philanthropie voranbringe, während ich meine Zeit mit Müßigang verbringe, Kostüm und Maskenbälle im Stil Ludwig des vierzehnten besuche oder "Alles Gute für Kalifornien" an 3000 Schüler in Los Angeles verbreite.

Das Geheimnis meiner unglaublichen Energie und Fähigkeit, mehreres auf einmal anzupacken, ist sehr einfach. Ich stütze mich auf ausgezeichnete Kenntnis psychologischer Prinzipien, die ich derart verfeinert habe, dass sie beinahe zu raffiniert geworden sind. Der Grundsatz ist der folgende: jeder x-beliebige Mensch kann eine beliebige Menge Arbeit bewältigen, vorausgesetzt, es handelt sich nicht um Arbeit, die er gerade jetzt erledigen sollte.

Sehen wir uns an, wie das in der Praxis funktioniert: Sagen wir, ich habe fünf Dinge bis zum Ende der Woche zu erledigen. 1. Den Stoß nicht beantworteter Briefe wegzuschaffen, von denen manche auf den Oktober 1928 zurückgehen; 2. Bücherborde einzurichten und die Bücher einzuordnen; 3. mir die Haare schneiden zu lassen; 4. einen Stoß wissenschaftlicher Zeitschriften auszuwerten und Ausschnitte zu machen (ich sammle nämlich alle Hinweise auf tropische Fische, die ich finden kann, im Gedanken, mir eines Tages einen solchen zu kaufen; und 5. einen Artikel schreiben.

Also diese fünf Aufgaben habe ich am Montag morgen vor Augen und es ist überhaupt nicht erstaunlich, dass ich mich sofort nach dem Frühstück gleich wieder ins Bett verkriechen möchte, um Gesundheit und Kraft für die mir bevorstehende, beinahe übermenschliche, Kraftanstrengung zu schöpfen. Mens sana in corpore sano, lautet die Devise!

Im Bett liegend, am Montag morgen, um Kraft und Gesundheit zu tanken, skizziere ich einen Zeitplan. " Was muss ich zuerst tun?". Also gut, diese Briefe, die wirklich zu beantworten wären und den Stoß Zeitschriften den ich auswerten sollte. Hier kommt jetzt meine Geheimstrategie zum tragen. Anstatt diese beiden Aufgaben vorne auf die Liste zu setzten, stelle ich sie hintenan. Ich sage mir: " Du musst zunächst den Artikel für die Zeitung schreiben." Manchmal gehe ich sogar so weit, dass ich mit Bleistift eine Liste mache und "Nr.1 Artikel für die Zeitung" rot unterstreiche. (Das rot Unterstreichen ist nicht ganz einfach, weil fast nie einer roter Stift auf dem Nachttisch liegt, es sei denn, ich habe am Sonntag abend einen mit ins Bett genommen.)

Dann setzte ich mich an meinen Schreibtisch, vor die Schreibmaschine, und spitze fünf Bleistifte an. (Die gespitzten Stifte dienen dazu, Löcher in die Schreibunterlage zu bohren und dazu muss der Stift tatsächlich schön spitz sein.) Danach sag ich zu mir "Los jetzt, Alter, an die Arbeit für diesen Artikel!" Da fällt mein Blick auf den Stoß Zeitschriften, den ich zuvor geschickterweise seitlich auf einen Tisch plaziert habe. Ich schreibe meinen Namen und meine Adresse oben auf das Blatt Papier in der Maschine und lehne mich zurück. Die Zeitschriften liegen da in Reichweite. Ich drehe mich um und schaue, ob mich niemand beobachtet, und hop, nehme ich die oberste Zeitschrift in die Hand. Sieh an, was ist denn das? Ein Artikel von Dr. William Beebe, illustriert mit tollen Fotos! Ich schiebe meinen Sessel weit weg vom Schreibtisch und widme mich unverzüglich dem Auswerten und Ausschneiden. (...)

Noch vor dem Nachmittag bin ich mit der Hälfte des Stoßes durch und habe jetzt einen Haufen schön sauberer Ausschnitte (darunter einen mit einem Schlangenfisch, den Sie sehen sollten. Sie würden vor Lachen sterben). Jetzt mache ich mich wieder an meinen Zeitungsartikel. Ich komme bis zur Überschrift, bin überaus zufrieden mit mir, bis ich plötzlich feststelle, dass ich ein Wort falsch geschrieben habe. Ich muss das Blatt aus der Maschine ziehen (- zu Benchleys Zeiten gab es noch keine Komputer - ) und ein frisches einspannen. Während ich das tue, fällt mein Blick unversehens auf den Korb mit Briefen. Wenn es eine Sache gibt, die ich ungern tue, dannn ist das Briefe schreiben. Aber während der Artikel vor mir auf mich wartet, ergreift mich plötzlich eine Briefschreibwut und ich ziehe störrisch den ersten unbeantworteten Brief aus dem Korb. Auch sage ich mir, Du kommst besser in Fahrt mit dem Artikel, wenn Du erst einmal an ein paar Briefen übst
. (...) Dann tauche ich ab in die Briefumgebung und erledige den ganzen Packen. Ich habe leichte Schuldgefühle, was den Artikel angeht, aber der Haufen frisch mit Marken versehener Umschläge und die Zeitungsausschnitte zu den tropischen Fischen erleichtern mein Gewissen doch erheblich. Morgen werde ich den Artikel bestimmt schreiben.

Am anderen Morgen bin ich wieder dabei, mit einem neuen Blatt in der Maschine, Namen und Adresse sorgfältig getippt, und das schon vor elf Uhr! "Ein menschlicher Dynamo" ist die Bezeichnung, die ich mir gebe. Ich will über Schlangenbeschwörer schreiben und bin schon mehr als zufrieden mit dem Titel: "Diese Schlangenbeschwörer". Aber, wer zum Thema Schlangenbeschwörer schreiben will, muss etwas über deren Geschichte wissen. Und wo sonst findet man etwas darüber, wenn nicht in einem Buch? Vielleicht gibt es ein Buch über Schlangenbeschwörer gar in dem Bücherstoß, der da in der Ecke liegt. Also verlasse ich mit absolut reinem Gewissen für ein paar Minuten den Schreibtisch und gehe die Buchtitel durch. Natürlich ist es nicht leicht, in einem Bücherstoß, der seit Wochen in der Ecke liegt, etwas zu finden, umsomehr gilt das für ein Buch über Schlangenbeschwörer. Man muss die Bücher unbedingt erst einmal in ein Regal stellen, damit man die Titel mit einem Blick sehen kann. Und gibt es da nicht ein Regal, gleich neben dem Bücherstoß! Dass klingt ja beinahe wie ein göttlicher Befehl: "Wenn Sie diesen Artikel zu einem guten Ende bringen wollen, richten Sie jetzt dieses Regal ein und ordnen Sie die Bücher!" Nichts anderes ist so klar und logisch.

Aber zur Einrichtung des Regals verlangen die Gesetze der Physik Nägel, einen Hammer und Hacken. Die gibt es im Haus nicht, also muss ich meinen Hut aufsetzen, ausgehen und einkaufen. Als ich meinen Hut aufsetze, stelle ich zu meinem Leidwesen fest, dass ich einen Haarschnitt brauche. (...) Als ich nach ein paar Stunden wieder da bin, bin ich gerädert, dufte nach Flieder, bringe Nägel, Hacken, die Abendzeitungen, ein paar Biskuits und Erdnussbutter mit.

(...) In Null-Komma-Nix ist das Regal montiert, die Bücher stehen da in Reih und Glied. Es gibt zwar keins über Schlangenbeschwörer, dafür aber ein sehr interessantes mit Stichen von Hogarth, das der näheren Betrachtung wert ist. Sie sehen, in zwei Tagen habe ich schon vier der fünf Dinge, die ich mir vorgenommen, erledigt, einfach nur in dem Glauben, dass ich unbedingt die fünfte Aufgabe zu einem guten Ende bringen müsste. Problematisch ist jetzt nur, dass mir bald etwas anderes zu tun fehlen wird und ich gezwungen sein werde, ab nächsten Montag mich mit meinem Artikel zu beschäftigen." (In eigener Übersetzung der Autorin (und wiederum des Übersetzers), Ihrer Nachsicht empfohlen. )

 

 

Sonntag 30. Mai 2010

Gorilla, illa illa, iii -hihi...

#196

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Ich sah die Titelseite des Kurier vom Sonntag, den 24 Mai, und freute mich sehr. Die Sonntagsausgabe der Tageszeitung schlug mir ein "Rendezvous mit den Gorillas" vor. Und um meine Neugier noch mehr anzustacheln, lud mich der Untertitel zum Kennenlernen der Gorillaberge ein, der märchenhaft schönen Gegend, dort wo Uganda, Ruanda und Kongo aneinander grenzen. Ich mag diese Primaten, seit ich vor ein paar Jahren erfuhr, dass uns unser naher Verwandter (98% gemeinsamer Gene) deutlich überlegen ist. Gorillas sind viel zivilisierter als wir und erreichen sogar das Ziel jeder Zivilisation: ein friedliches Zusammenleben.

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Ein Dokumentarfilm hat mir die rührende Anmut in den schweren, schwarz-silbernen, behaarten Körpern vermittelt. Zwei Australier, Naturforscher, Ethnologen der wilden Tierwelt und speziell der Menschenaffen, hatten den Film gedreht. Drei Jahre lang hatten die beiden jungen Männer ein paar Meter von einer Gruppe aschfarbener Gorillas entfernt gelebt. Ein männlicher und fünf weibliche Gorillas und ein paar Junge, und die Forscher taten nichts weiter, als sie zu beobachten und Tag für Tag Notizen zu machen. Ihre hartnäckige und geduldige Arbeit brachte sie zu bedenkenswerten Schlussfolgerungen.

1. - Gorillas sind nie frustriert noch neidisch auf ihre Nachbarn. Den größten Teil ihrer Zeit sitzen sie ganz bequem und kauen Gräser. Ab und zu machen sie ein kleines Nickerchen, hin und wieder gibt es ein paar Streicheleinheiten, dann wieder ist einfach nur nachdenkliches Betrachten an der Tagesordnung, kurzum, ihre Zeitablauf könnte kaum liebenswürdiger sein. Gelegentlich und mit Abstand wirft der Familienvater einen Blick auf seine Nachkommenschaft und vergewissert sich, dass alles in Ordnung ist.

2. Gorillas leben in vollkommener Harmonie mit der Natur. Sie sind Vegetarier. Ihre Hinterlassenschaften sind ausschließlich biologisch abbaubar und sie übergeben ihre zeitweilige Bleibe genau in dem Zustand, in dem sie sie vorgefunden.

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3. Gorillas sind polygam, aber sie behandeln alle ihre Frauen absolut gleich, verweigern sich keiner Hausarbeit und legen auch außer der Reihe des öfteren die Kinder trocken.

4. Gorillas schlagen sich nie. Ja, wundern Sie sich nur, diese großen Kerle da heben nie die Hand, weder bei ihren Gemahlinnen noch bei ihresgleichen, den stolzen Backenbartträgern, noch bei den Kleinen! Aber, aber, wie soll das den gehen und wieso überhaupt? Die beiden Forscher sind sich einig: der Gorilla schlägt nicht, weil er Schmerz nicht mag... Daran hätten wir denken sollen. Wie gesagt, der Gipfel der Zivilisation.

Trotzdem: die großen Affen wissen sich Achtung zu verschaffen. Denken Sie nicht, das seien einfach nur freundliche Weichnudeln, um nicht zu sagen Matschbirnen. Allein ihre Ausmaße und ihre Erscheinung schrecken so manchen davon ab, sich mit ihnen anzulegen, aber vorallem verfügen sie über ein ganzes Register von Signalen, um sich verständlich zu machen. Die beiden Korea wären augenblicklich gut beraten, wenn sie sich inspirieren ließen.

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Zu erst kommt das Runzeln der Augenbrauen: im Allgemeinen kommt das Runzeln von Papa Gorillas Augenbrauen einer schweren Abschreckungswaffe gleich, wenn sich zwei Gorillakinder um ein Hölzchen streiten. Nur wenn die beiden wirkliche Nichtsnutze sind, folgt die nächste Phase: mit beiden Händen heftige Schläge ins Wasser (im Allgemeinen leben Gorillas in greifbarer Nähe zu Wasser...). Wenn dann unsere beiden Dummköpfe noch immer nicht aufhören wollen, sind sie wirklich sehr schlecht erzogen. Dann bringt Meister Gorilla das ganz große Ding zum Einsatz: Stehend trommelt er mit den Fäusten auf den Brustkorb und stößt dabei klangvolle Laute aus. Dem konnte bisher noch niemand widerstehen. Auch nicht Timm in Tibet. Würden Sie sich nicht auch davonschleichen, wenn jemand aufsteht, mit beiden Fäusten auf den Brustkorb trommelt und tiefe, laute Töne von sich gibt?

Warum also sind Gorillas eine derart bedrohte Art, dass die UNESCO das Jahr 2009 zum Gorillajahr erklärt hat? Weil der Gorilla sich in einer Welt des gesunden Vertandes und der Vernunft aufgehoben fühlt und nicht daran gedacht hat, dass es auf der Erde auch Menschen gibt, das größte Raubtier auf unserem Planeten, der doch manchmal so schön ist.

Mit New York und seinen Geheimnissen,
und auch mit den Geheimnissen von Paris...

 

 

Sonntag 6. Juni 2010

Unsere kleinen Häuschen auf dem Rasen

#197

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Wisconsin liegt am äussersten Rand. Wer weiter geht, fällt in den Michigansee und wenn er zufällig schwimmt und nicht untergeht, kommt er nach Kanada. Dorothea Hahn, die Washingtoner Korrespondentin der Tageszeitung ist als Krisenbeobachterin an diese amerikanische Grenze gereist. Sie hat sich in einem Viertel von Milwaukee, der größten Stadt des Staates, umgesehen. Nicht zufällig: Milwaukee verdankt seine Entwicklung in hohem Maß deutschen Immigranten, Menschen die der Hunger in der Mitte des 19. Jahrhunderts in die Ferne trieb. Und heute treiben Menschen im fernen Deutschland die Stadt an den Rand des Abgrunds: der größte Gläubiger der durch Kredite ruinierten und wegen nicht bezahlter Zinsen auf die Straße gesetzten Hauseigentümer ist eine deutsche Bank in Frankfurt! Diese deutsch-amerikanische Fernbeziehung mit ihren konkreten Implikationen für die Büger von Milwaukee wirft ein selten klares Licht auf die verwickelten Zusammenhänge der Krise.

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"Die 23. Straße ist für Investoren besonders interessant. Kleine Holzhäuschen vom Ende des 19 Jahrhunderts, jedes in anderer Farbe auf dem grünen Rasen, erinnern an das deutsche Milwaukee. Die kleine rote Backsteinkirche, die zur Emmausgemeinde gehört, könnte unmittelbar aus Preußen stammen. Auch die stillgelegten Brauereien in der Nachbarschaft, würde man ebenso irgendwo in Deutschland finden. (...)
In dieser Straße lebt James Exum mit seiner alten Mutter. Er hat gesehen, wie seine Nachbarn, einer nach dem anderen, Kredite aufgenommen haben. Für ein neues Auto. Um die Kosten einer Hochzeit zu bestreiten. Auch ihm wollten die Makler einen Kredit schmackhaft machen. "Sie brauchen keinen Einkommensnachweis," hiess es, "Ihr Haus genügt uns als Garantie. Stellen Sie sich vor, was Sie sich alles kaufen können!" James’ Mutter lehnte ab. Seither haben dann die Nachbarn ihre Häuser verloren und nun sind die Exums beinahe allein im Viertel. Ganz und gar kein Grund zur Freude: ihr Haus hat an Wert verloren und die Bank, die jetzt die leeren Nachbarhäuser besitzt, lässt diese verkommen." Früher oder später verfallen sie dem Abriss, und so auch, nach und nach, die ganze Stadt.

Es zeigt sich hier besonders deutlich die schlecht Seite der Mondialisierung: kleine Leute, vielfach Afro-Amerikaner, in einer mittelgroßen amerikanischen Stadt, glaubten dort ihr Paradis gefunden zu haben und geraten unter die Räder, weil ein unerreichbares Bankinstitut, tausende Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Atlantik, das so will.

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Zweifellos hätte dieses Schulbeispiel ein paar seemännische Fadenlängen entfernt am anderen Ufer des Sees, beim Kongress der kanadischen Föderation der Sozialwissenschaften, ein Thema sein können. Le Devoir berichtet vom Kongress auf der Titelseite (Oh welche Tageszeitung, die inmitten einer internationalen Krise um eine vor der Küste Gazas scheiternde Flottille, einen Gutteil ihrer Schlagzeilen einem Kongress der Sozialwissenschaften widmen kann!) Wie jedes Jahr versammeln sich Intellektuelle aller Fachgebiete aus dem ganzen Land und analysieren unsere mehr oder weniger scheiternde Gesellschaft. Dieses Jahr kam das viertägige Konklave zu dem Schluss: unsere Gesellschaft leidet an einem verbreiteten Denken des "ich habe ein Recht auf alles". Ein vielbeachteter Hauptredner der Versammlung war der Philosoph Mark Kingwell. Ihm zufolge untergräbt eine Auswucherung individueller Rechte langsam aber sicher unser System. In unserem Zeitalter "ist das postmoderne Individuum durch seinen Konsum definiert, hat starke Begierden und erotisiert das Kapital. Vergnüge Dich, womit auch immer!"

"Genieße was auch immer Du genießen möchtest" war wohl auch der Slogan, mit dem wuchernde Kreditmakler die Bewohner der 23. Straße in Milwaukee verführen konnten.

 

Anmerkung des Übersetzers:

Mehr zu Mark Kingwell (geb. 1963) zum Beispiel im Interview mit Brian Berger "Who walk in Brooklyn"

Der Originaltext der TAZ, der hier einfachheitshalber rückübersetzt wurde ist hier im Netz zu finden.

 

 

Donnerstag 17. Juni 2010

Bip bip bip ...

:#204

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Sind sie nicht niedlich anzusehen, diese Babuschki? - Kurz nachdem er gewählt worden war, hat der neue russische Präsident Medwedjew eine technologische Revolution angekündigt: die Nation Juri Gagarins, des ersten Mannes im All, das ganze Volk im größten Land der Welt, würde Zugang zum Internet haben. Jedermann, von Sibirien bis zur Krim, von Murmansk bis Wolgograd, würde ins numerische und Webzeitalter eintreten. Über schnelle Zugänge würde man, mir nichts dir nichts, Videofilme angucken, Texte lesen und Ton hören können. Das "Medwedjew-Zeitalter der Modernisierung" heißt es. Und davon schreibt auch noch, nach allem was man schon gesehen hat, die Tageszeitung Moskowskaja Prawda.

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Die Schwierigkeit liegt nicht allein in der Weite des Territoriums, in seinen Homerischen Entfernungen, seinen Ecken am Rand der Welt, abseits von aller Modernität: auch die Preise der Telekommunikationsfirmen im ehemals kommunistischen Mutterland werden immer mehr zum Hindernis. Also greift der Präsident, angesichts der hinhaltenden Attitude dieser Gesellschaften, jetzt zum Zwang. "Sie werden ja sehen" hat er ihnen bedeutet und ein paar Dekrete unterzeichnet. Im Sommer 2009 hatte er einen ersten Ukas erlassen, demzufolge bis ins letzte Dorf allen russischen Bürgern ein freier, kostenloser Internetzugang zugesichert wird und damit ein ebensolcher zu numerischen audiovisuellen Medien.

Im vergangenen Februar war dann die Reihe am Informationsminister mit dem Versuch, den Willen des Präsidenten umzusetzen und die staatliche Firma Swiasinwest dazu zu bewegen, das "Sozialweb" zu entwickeln, das Internet für die größtmögliche Nutzerzahl. Aber mit einer Vorgabe: zuerst müssen die Webseiten von Regierung und Verwaltung zugänglich sein. Im wesentlichen also Texte, für die man keinen schnellen Zugang braucht. Das ist alles sehr schön, aber vollkommen nutzlos: das langsame Internet hat in Wirklichkeit nämlich schon das ganze Land.

Russland steht sogar an der Spitze der Internetsurfer. Dort zählt man zur Zeit mehr Internetbenutzer als in Frankreich oder Italien. Wer verstreut in so einem weiten Land lebt, hat die Vorteile der Internetverbindung längst begriffen, und die Regionen haben nicht auf den Staat gewartet, sagt uns die Webseite von France-Russie-Chine-vox.

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Russland nimmt weltweit den neunten Platz ein, gleich hinter Brasilien und England. Das Jahr 2006 war sogar das Jahr mit einer der höchsten Steigerungsraten der Welt (+20%), zusammen mit China (+21%) und Indien (+33%). Es wird vorausgesagt, dass Russland in weniger als zwei Jahren die europäischen Anführer der Liste einholen wird, nämlich Deutschland (42 Millionen) und England (30 Millionen).

Schon weisen die Wolgaregion, der Süden (Kaukasus) und die Zentralregion mehr Internauten auf als die Moskauer und Sankt Petersburger Regionen zusammen (30% Internetnutzer). Der Beweis, dass die Entfernung von der Hauptstadt kein Handikap mehr ist. Und die fernöstliche Region (Wladiwostock) ist die drittstärkste in Sachen Internetnutzung (25%).

Ist das "Sozialweb" also vorallem fürs Schaufenster gedacht?

 

 

Donnerstag 15. Juli 2010

Widerwärtig: mit 85 Jahren nicht weniger überheblich

#207

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Mit fester, wenn auch etwas weniger militärischer Stimme, als zu Zeiten seines Ruhmes, bittet Jorge Rafael Videla ums Wort. Der Major im Ruhestand war seinerzeit der Anführer der mörderischen Militärjunta im Argentinien der 80er Jahre. Seit Beginn seines neuerlichen Prozesses in Sachen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zappelt er vor Ungeduld, diesen kleinen, von ihm nicht anerkannten Richtern das Maul zu stopfen. "Sie können mich nicht richten, im Zweifel ist das Sache von Leuten meines Rangs. Was verstehen Sie schon von jenem Krieg, damals, gegen terroristische Unterwanderung. Gegen diese vom Ausland manipulierten marxistischen Terroristen, die unsere Demokratie vereinnahmen wollten?" Und er schämt sich nicht, hinzuzufügen: "die Verschwundenen sind weder tot noch lebendig, sie sind im Paradis..."

Der charmante Greis steht vor zivilen Gerichten wegen Mordes und Folter an 31 Menschen, deren Familien ihn hartnäckig nicht in Ruhe lassen wollen. Arrogant schaut er auf sie herunter, sagt dass er breits abgeurteilt sei, dass er nichts bereue und ist nach wie vor besessen von seinen antikommunistischen Kreuzzugszielen. Es war einfach meine Aufgabe, wiederholt er unaufhörlich, wenn er nicht gerade, wie von Verachtung und Langeweile gepackt, einzuschlafen droht. Die Totenstarre, die zur Schau getragene Überheblichkeit erinnern mich an jemand anderen. 1997 und 1998 habe ich für TV5 den Prozess gegen Maurice Papon verfolgt, dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit angelastet wurden, weil er eifrig Juden in die Deportation geschickt hatte. Ein exemplarischer Staatsdiener, der auch diese Überheblichkeit an sich hatte, die Angehörige von Opfern krank machen kann. Maurice Papon wurde zwar verurteilt, konnte dennoch im eigenen Hause sterben, umgeben von den Seinen und nicht im Gefängnis.

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Videla war wegen 30000 während der Diktatur Verschwundenen abgeurteilt worden, war jedoch auf Grund eines allgemeinen Amnestiegesetzes freigekommen. Zehn Jahre später wurde diese Begnadigung für nicht verfassungskonform erklärt. Und das ist keineswegs das Ende. Im August kommt eine neue Salve, wegen anderer Verbrechen, und noch später muss er sich wegen seiner Mitwirkung am Plan Condor verantworten, jener gemeinsamen Operation der Diktaturen in Argentinien, Chile, Paraguay, Brasilien, Bolivien und Uruguay gegen ihre politischen Gegner in den 70er Jahren. Damals wohlgemerkt mit Zustimmung und unter Mitarbeit der CIA und auch mit logistischer Unterstützung durch Frankreich: ehemalige Offiziere und Folterspezialisten aus dem Algerienkrieg (hoppla, da ist er wieder, der Papon!) wurden über den ganzen Kontinent verteilt zwecks Verbreitung von Methoden eines schmutzigen Krieges.

 

 

Donnerstag 15. Juli 2010

Zur Hölle mit der Schule und obendrein den Lehrern! Es lebe die Ferienzeit...

#208

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Sind unerlaubterweise Mücken in Ihr Fünf-Sterne-Hotelzimmer eingedrungen? Hat Ihre Reiseagentur sich nicht genügend um das Ambiente für Ihre Ferien auf den Bahamas gekümmert? Stört Sie das Geräusch mit dem die Ankerkette ihres Superkreuzfahrtschiffs gegen den Bug schlägt, oder hätten Sie lieber statt eines Fensters ein Bullauge gehabt? Waren Sie zwei Tage lang ohne warmes Wasser in einer 3-Sterne-Residenz? Konnten Sie in der Türkei das heimatliche Lieblingsfernsehprogramm nicht sehen? Müssen Sie zehn Minuten zu Fuß zum Strand gehen, während Ihnen der Prospekt die Füße gleich im Wasser versprach?

Kurzum, verderben Ihnen winzige Kleinigkeiten den Genuss für den Sie das ganze Jahr geschuftet haben? Begeben Sie sich unbedingt sofort nach Österreich. Dort sichern die Gerichte ärgerlichen Urlaubern, die jede kleine Unvorhergesehenheit ihrer heiligen Ferienreisen ablehnen, immer mehr Entschädigungsanspüche zu. In den oben zitierten, höchst skurrilen Fällen wurden 5 bis 10% Minderung der anfänglichen Preise erreicht. "Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Geldes nicht wert" sagte man früher...

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Solche kleinen Unannehmlichkeiten würde es nicht geben, wenn wir das ganze Jahr über Ferien hätten. Wie die Personen im wunderbaren Roman des seeligen Albert Cossery "Nichtstuer im fruchtbaren Tal" ("Les fainéants dans la valée fertile"). In jener Familie an den Ufern des Nil ist man Rentier seit Generationen, glücklich und stolz bis dies harmonische schöne Leben durch die Eskapaden des jüngsten Nachkommen durcheinander gebracht wird. Der hat sich nämlich in den Kopf gesetzt, in der Fabrik arbeiten zu wollen. Geht also jeden Morgen unter den entsetzten Blicken der Seinigen aus dem Haus und die suchen nach Mitteln, seine Pläne zu durchkreuzen. Sie brauchen sich nicht sonderlich anzustrengen: der Arbeitsanwärter schläft jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit ein...

Ein ausgezeichneter Lesestoff für die Ferien, für die ich Ihnen nur das Allerbeste wünsche, bevor auch ich mich jetzt aufmache ins Grüne!

 

 

Sonnabend 11. September 2010

Schulanfang

#209

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Nach tagelangem Hin und Her, mach ich weiter, mach ich nicht, wem nützts? warum immer so weiter? fang ich wieder an. Sagt man nicht: "Ist der erste Schritt einmal getan..." Ich mach mich in aller Ruhe wieder an die Arbeit, durchblättere faul die Zeitungen, überfliege die Titel: Rentenalter, unwürdige Lebensverhältnisse der Roma, Aufrufe zur Inquisition, zum Autodafé...

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Und richtig fallen mir zwei beinahe gleiche Titel ins Auge, in Luxemburg und in Deutschland, ein Sujet, das Vielen entgangen zu sein scheint: Laborexperimente an Tieren. Das Europäische Parlament ist unablässig tätig, unsere Abgeordneten sind fleißig bei der Arbeit, was uns sehr wohl freut: sie verabschieden ohne Unterlass eine Entschließung, ein Gesetz, Empfehlungen, zumindest mehrere Abstimmungen jeden Tag. Und eben an diesem 8. September 2010, haben sie schließlich, nach zwei Jahren stürmischer Debatten, einen Gesetzestext zur Begrenzung der Tierexperimente in Europa verabschiedet.

Die Tribune de Genève, die des längeren dazu schreibt - das Interesse an der Frage verbreitet sich rheinaufwärts...- meint: "der Text scheint vom Grundsatz der "drei R" auszugehen: reduce, refine, replace (Reduzieren, Spezifizieren, Ersetzen). Er schreibt vor, dass Tierexperimente nicht stattfinden dürfen, wenn alternative Methoden in Frage kommen. Falls nicht, sollten zweckmäßig gezüchtete Tiere bevorzugt verwendet werden. Der Text hebt auch hervor, dass "den Tieren zugefügte Leiden und Schmerzen auf ein Minimum zu reduzieren sind".

Es ist jedoch die Berliner grüne Tageszeitung, die sich am meisten mit der Problematik beschäftigt hat, quasi lyrische aber letztendlich sehr kritische Töne anschlägt: "Ghandi hätte gesagt: Du erkennst die Kraft und den Wert einer Nation daran, wie sie ihre Tiere behandelt. (.../...). Aber trotz aller Fortschritte fürchten die Experten, dass die Zahl der Labortiere auch weiter steigen wird. Derzeit finden mehr als 12,2 Millionen Tiere jährlich in den Laboratorien der EU Verwendung. Dank des neuen Gesetzes werden deren Lebensbedingungen jetzt regelmäßig geprüft, insbesondere durch unerwartete Inspektionen.

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Aus der Voix du Luxembourg erfährt man, dass vorallem die Nagetiere das Gros der Laborbataillone ausmachen. Aber auch Hunde werden gern benutzt, während die Affen in Zukunft aus dem Experimentierfeld verbannt werden. Die Parlamentarier geben den Mitgliedstaaten zwei Jahre Zeit, die neue Gesetzeslage (die noch immer nicht wenige Ausnahmen zulässt) umzusetzen. Vorallem im Osten des Kontinents scheint da noch einiges im Argen zu liegen...

Es wird weiter unvermindert heftig gestritten. Die Grünen setzen sich für die Entwicklung von Experimentieralternativen ein, zum Beispiel in Sachen menschlicher Stammzellen, während Christen kein Mikrogramm oder Atom menschlicher Substanz opfern wollen. Ganz abgesehen von den derzeitigen Platzhaltern auf dem Markt, die Angst haben, dass der Streit ganz und gar ausufert. Also: eine Frage mag noch so einmütig bejaht scheinen - jede/r ist doch gegen grausame Behandlung von Tieren, nicht wahr? - die üblichen Spaltungen und Gegensätze zeigen sich dennoch.

 

 

Sonnabend 18. September 2010

Sarah hat euch gefallen? Christine wird euch überwältigen!

#210

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Selbst Karl Rove, der engste Berater von George W. Bush, schüttelt den Kopf... Obwohl doch sein alter Chef geradezu faszinierend hemmunglos sein konnte: rülpsen, furzen, spucken, Hand am Hintern, nichts ließ er aus, wenn er damit am amerikanischen Firmament glänzen konnte. In Sarah Palin, der Frau aus Alaska hatte der ehemalige US-Präsident seinen weiblichen Klone gefunden, jemand der hemmungslos Kurs aufs Oval Office im Weißen Haus nahm. Aber jetzt sind George W. und Sarah out, praktisch tot: hier ist Christine! Christine O’Donell hat bei der Vorwahl der Republikaner zum Senat im Staat Delaware den Sieg davon getragen. Sie wird demnächst bei den verflixten Halbzeitwahlen im November kandidieren.

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Ihr Konterfei schmückt die Titelseiten der meisten amerikanischen Zeitungen und kommt soeben über den Atlantik auch in die unsrigen. Christine O’Donell, die vom wahren Volk der Rechten mit Abstand gekürt wurde, ist eine erschreckende Mischung von amerikanischem Traum und Alptraum. Sie sagt den Abgeordneten wie den Eliten ins Gesicht, dass sie jahrelang von weniger als 5800 Dollar im Jahr gelebt (kaum 4500 Euro) und für eine Vereinigung zur Verteidigung der Sexualmoral gekämpft hat. Sie mag Feuerwaffen, verabscheut Abtreibung und Abreiber, behauptet die Masturbation sei eine Art von Ehebruch und hasst mehr als alles den Präsidenten Obama und seinen Plan zur Haushaltssanierung. Und ihre Wahlversammlungen schließt sie mit einem Zuruf an ihre Gegner von der Linken wie von der respektablen Rechten: "Unterschätzt nicht unsere, die Macht des Volkes. Wir, das Volk, werden wieder in Washington regieren, das sage ich Euch!"

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Zögernd nur akzeptiert sie den Vergleich mit Sarah Palin, die ist ihr zu lauwarm: "Ich nehmne den Vergleich als ein Kompliment, aber vergesst nicht, das ich meine eigenen Ideen habe!" Nein, man vergisst nicht... Christine O’Donell kommt aus der Tea-Party-Bewegung, die allein zur Verbreitung von Abscheu gegen Obama gegründet und von eifrigen Republikanern vorangetrieben wurde, die sich jetzt in die Finger beißen. Christine hat ihre Absicht klar verkündet: sie wird nicht ruhen, bevor sie nicht ins Weiße Haus einzieht. Alle Achtung vor soviel Mut. Und Gute Nacht, meine Herren Zauberlehrlinge!

 

 

Mittwoch 22. September 2010

Lieber doch den Bürgermeister und keinen Krieg ?

#211

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Während Jelena Hochhäuser baut, beschäftigt sich Juri mit seinen Bienen. Das nenne ich ein modernes Paar: Madame strotzt vor Energie, macht Geschäfte und wird eine der reichsten Frauen der Welt, und Monsieur, weniger quirlig, kümmert sich um die Alten und die Behinderten und fabriziert Innenausstattungen. Manchmal baut auch er kleine Hochhäuser, kleine Skulpturen am Flussufer, labt sich im Übermaß an Leckereien und schimpft regelmäßig auf die Homosexuellen. Jetzt auf einmal wackelt das Paar, es gibt Interessenkonflikte und Monsieur wird vielleicht seine hohen öffentlichen Ämter verlieren. Sie denken, Sie seien in Frankreich, weil ihnen da was schwant? Und Sie sagen sich: na endlich, die Unmoral zahlt sich am Ende eben doch nicht aus. An diesem Punkt müssen wir dementieren: es ist die Rede von Moskau, Russland und nicht von Paris, Frankreich.

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Tableau: Zu meiner Linken also Juri Luschkow, Moskaus Bürgermeister, der seiner Hauptstadt wie ein Neureicher begegnet, nämlich regelmäßig mit ostentatorischem Luxus. Das passt ausgezeichnet, denn Jelena Baturina, seine Frau, ist eine Immobilienspezialistin ohne gleichen. Experten sagen, dass sie allein 10 bis 15 Prozent aller Immobilienprojekte Moskaus an sich bringen konnte. Zu meiner Rechten erhebt sich der Kreml über Moskau, die gewichtige rote Festung, in der heute Dmitri Medwedjew lebt und gestern Wladimir Putin lebte. Gegenüber am Horizont die Wahlen 2011 (auf lokaler Ebene) und 2012 (die Präsidentenwahl). Unsere "teure Jelena" (Titel eines wenig schmeichelhaften Fernsehfilms des Senders NTV) meint offenbar, das gut funktionierende kleine Familienunternehmen sei zwischen die Fronten geraten, des Krieges nämlich, den sich der Präsident und sein Premierminister liefern. Aber nein, ich sag es noch einmal: wir befinden uns an den Ufern der Moskwa und nicht der Seine!

Herr Medwedjew, der Präsident, bediene sich demgemäß der alten Freundschaft, die den Bürgermeister mit dem ehemaligen Präsidenten aber auch zukünftigen Kandidaten (ich hoffe, Sie können mir noch folgen) verbindet, um das Ansehen seines immer noch sehr beliebten Rivalen, des gegenwärtigen Premierministers zu untergraben (der nämlich gerade quer durch ganz Russland gefahren ist und zwar eigenhändig am Steuer seines Autos, ja, ja, ...). Also tritt Wladimir Putin der üblen Nachrede entgegen und weigert sich, seinen alten Kumpanen (Luschkow ist 74 Jahre alt) zu empfangen.

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Derweil erhalten "Investigations-" Journalisten aus sicheren, regierungsnahen Quellen sauber zusammengestellte Akten (noch einmal: wir befinden uns in Russland und nicht in Frankreich!) und enthüllen jeden Tag neue Immobilienmachenschaften des Stadtregentenpaares. Und plötzlich reisen Juri und Jelena (die sich seit 20 Jahren lieben, also ungefähr seit er Bürgermeister ist) in Ferien in ein Touristenzentrum in den österreichischen Bergen, dass Madame gebaut hat und feiern den 74. Geburtstag von Monsieur. Böse Zungen behaupten, diese Reise sei nicht ganz freiwillig unternommen worden und es sei nicht auszuschließen, dass der populäre Bürgermeister vor seiner Rückkehr zurücktrete... Wenn ihn nicht gar der Präsident seines Postens enthebt. Und wenn er nicht plötzlich und passenderweise das Zeitliche segnet.

 

 

Donnerstag 14. Oktober 2010

Und trotzdem lächelt sie noch immer...

#212

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Wir nehmen den Faden wieder auf. Dies jedoch mit der Nachricht, dass der Faden zwischen Juri Ljuschkow und seinen ehemaligen Beschützern gerissen ist . Im verdeckten Krieg, den sich Premierminister, Ex-Präsident und aktueller Präsident, Kandidat für die eigene Nachfolge liefern, hat Medwedjew eine Schlacht gewonnen. Er hat den Moskauer Bürgermeister mir nichts, dir nichts seiner Ämter enthoben. In einer Art und Weise, die so gar nicht zu dem Look des perfekten Schwiegersohns oder Klassenprimus’ Dimitri Medwedjew zu passen scheint.

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Aber diejenigen, die die Karriere dieses noch jungen Mannes seit seiner Vorstellung beim Davoser Forum verfolgt haben, haben verstanden, dass er nicht einfach eine Marionette ist. Sowohl die Financial Times wie auch die Washington Post meinen: die Entlassung des Moskauer Bürgermeisters durch den Kreml soll der Welt und Russland zeigen, dass zur ungeteilten Macht Wladimir Putins eine Alternative besteht. Der arme Juri beschwert sich derweilen. Er wird wohl noch eine geraume Zeit lang sein luxuriöses Chalet in Österreich bewohnen (wenn nicht gar Kühe hüten) müssen, bis er seinen Verlust verschmerzen und zur Abgeklärtheit eines alten Weisen kommen kann...

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Wie diese wundervolle Japanerin von 114 Jahren, die als die älteste Dame im Reich der aufgehenden Sonne gilt. Sie wurde am 20 November 1896 geboren und hat nicht einmal viele Falten. Und wenn ich bedenke, was seit ihrer Geburt alles passiert ist, schwindelt mir: sie hat den russisch-japanischen Krieg von 1905 erlebt, den zweiten Krieg mit China 1937, sie hat gesehen, wie Kamikazeflieger amerikanische Ziele bombardierten, sie hat 1945 die Atombomben überlebt, sie war da, als die japanische Rote Armee ihre Terrorakte vollführte, und sie entkam der Sarin-Gas-Attaque der Aumsekte in der Tokyoer Metro... Und trotzdem lächelt sie noch immer...

 

 

Montag 18. Oktober 2010

Semantischer Rutsch mit hohem Risiko

#213

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An Bord herrscht Panik: Jetzt fällt auch die deutsche Kanzlerin um, an der man, seit sie am Ruder ist, das Maßvolle, ihre Klugheit und Würde zu schätzen wusste. Nach den Niederlanden, wo die extreme Rechte im politischen Diskurs den Ton angibt, nach Frankreich, wo die Regierung versucht hat, angesichts allgemeiner Unzufriedenheit die Roma zum Sündenbock zu stempeln, nach Schweden, dessen berühmtes Modell durch den plötzlichen Wahlerfolg der Populisten sehr gelitten hat, jetzt auch Deutschland, von dem man dachte, es sei für immer gegen Xenophobie geimpft. Das deutsche mulitkulturelle Modell sei vollständig gescheitert, dieses Statement hat Angela Merkel am Wochenende vor der christdemokratischen Jugend von sich gegeben. Keine Möglichkeitsform, kein Eventuell, kein Gedankenstrich, sondern eine trockene, apodiktische Behauptung in der Gegenwartsform und mit totalitärem Adverb: "Multikulti ist absolut gescheitert". Und um ganz sicher auch verstanden zu werden, hat sie hinzugefügt: "wir brauchen keinen Zustrom von außen."

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Viviane Reding, die Europäische Komissarin für Justiz und Schutz der individuellen Rechte hatte nach der massenhaften Ausweisung von Roma aus Frankreich scharf protestiert: "Da kommen uns trübe Erinnerungen an die Deportationen im zweiten Weltkrieg. Wenn das wieder losgeht, ist Europa am Ende. Ich sage nein und in meiner Zuständigkeit für die Einhaltung der Verträge widersetze ich mich diesem Vorgehen.!" Ihre Äußerung stieß auf allgemeine Missbilligung, weil sie es gewagt hatte, auf das Unvergleichbare Bezug zu nehmen. Bei einer Begegnung mit dem französischen Minister für europäische Angelegenheiten, Pierre Lellouche, hatte dieser sich aufgeregt: "Bei meinem Namen und bei meiner Herkunft ist ein solcher Bezug für mich schlicht unerträglich". Er erinnerte an seinen Vater, der Jude und Kämpfer für das freie Frankreich war. Man sagt, die Rolle des Journalisten sei es, zu fragen, nicht zu reagieren, wiederzugeben ohne eigene Meinung. Aber an jenem Septembertag hatte ich eine nicht weniger gefühlsbetonte Replik auf den Lippen: "Bei meinem Namen und bei meiner Herkunft, Herr Minister und mit allem Respekt, den ich Ihnen schulde, denke ich genau das Gegenteil: wenn der ganze Kontinent eine oder mehrere Bevölkerungen mit einem Bann belegt, allein mit Bezug auf ihre Abstammung, dann, ja dann, hat man das Recht an die schwärzeste Stunde euroäischer Geschichte zu erinnern". (Meine Familie mütterlicherseits wurde fast vollständig deportiert und ermordet, nur meine Mutter, zwei ihrer Brüder und die Großmutter konnten entkommen. Meine Mutter ist Trägerin des Ordens der Résistance.)

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Jenseits des Rheines, wo ein Bestseller "Deutschland schafft sich ab" Furore macht: die deutsche Nation zerfalle unter dem Anstrum moslemischer Immigranten, kann der semantische Erdrutsch in Angela Merkels Sprache niemanden unberührt lassen. Solange wie fremdenfeindliche Thesen von Neofaschisten vorgetragen werden, sind sie nichts weiter als Verse ihrer Vulgata, sie mögen wütend machen, aber sie ängstigen niemanden, jedenfalls nicht allzu sehr. Wenn aber eine Frau aus der Politik, die ihr eigenes Lager manchmal als zu links stehend beurteilt, solche Sätze aufnimmt, tritt anstelle des Ärgers die Angst. Auch wenn Berlin gleich am anderen Morgen bemüht ist, das Gesagte abzuschwächen und Maßnahmen zu Gunsten einer Einwanderung ankündigt. Was geschehen ist, ist geschehen: nichts Gutes.

 

 

Freitag 29. Oktober 2010

Gefährliche Beziehungen in Argentinien

#214

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Ist etwas faul in Argentinien? Ein zersetzendes Klima, das die politischen und gewerkschaftlichen Umgangsformen zu durchdringen droht in diesem Land, in dem noch immer das Gespenst seiner neueren Vergangenheit umgeht? Gewerkschaftler, Politiker und Aktivisten der extremen Linken sind in eine trübe Geschichte verwickelt, die die Schwierigkeiten ans Licht bringt, mit denen eine Gesellschaft zu kämpfen hat, wenn sie sich von einer faschistischen Vergangenheit emanzipiert.

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Vor gerade mal einer Woche wurde ein junges Mitglied der (trotzkistischen) Arbeiterpartei ermordet, als er mit seinen Kameraden in einem südlichen Viertel von Buenos Schienenwege blockieren wollte. Es ging ihnen darum, eine im Autrag der argentinischen Eisenbahnen handelnde Firma zu zwingen, mehrerer entlassene Kollegen wieder einzustellen. Gewerkschafter der Eisenbahnervereinigung in der Allgmeinen Arbeiterkonföderation versuchten, die Blockade zu verhindern (der alte Hass und die Intrigen zwischen Kommunisten und Trotzkisten zeigt sich hartnäckig...). Sie hielten sich jedoch hinter Masken versteckt und schickten Hooligans vor, Fußballfans mit rasierten Köpfen, wie sie nicht nur in Argentinien Terror machen, sondern zum Beispiel auch bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Es kam zu einer Schießerei. Der 23jährige Mariano Ferreyra war sofort tot, und die 61 jährige Veteranin im Arbeitskampf Elsa Rodriguez liegt immer noch im Koma.

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Als Mariano zu Boden ging, hat ein Zeuge mitgekriegt, wie jemand sagte: "das macht einen Linken weniger!" Mariano, berichten die argentinischen Zeitungen, war seit seinem 14. Lebensjahr politisch engagiert. Die Zeitungen beschreiben die Eisenbahnervereinigung als korrupt und bürokratisch und der peronistischen Regierung von Cristina Kirchner nahestehend. Diese widerum beschuldigt ihre politischen Rivalen der Rechten des Mordes und bezeichnet die Zeitungen als "Aasgeier".

 

 

Freitag 12. November 2010

Von Mauern umgeben

#215

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"Ich verkörpere bei weitem nicht den idealen Menschen, aber ich bin ein Mensch mit Ideen. " Mit diesen Worten schloss Michail Chodorkowski, der berühmteste ökonomisch-politische Straftäter Russlands, in der letzten Woche seinen erneuten Auftritt vor den Richtern. Das Gericht geriet zur Tribune und zwar, je nach Blickwinkel des Beobachters, für oder gegen den Angeklagten. Ich könnte die feste, obgleich leise Stimme hervorheben, das unpathetische Timbre, das gealterte Gesicht, die sparsame Gestik, alles was heute den ehemals von Glanz umgebenen, funkelnden Geschäftsführer der Erdölfirma Jukos ausmachte. Kein wirklicher Justizirrtum, denn er hat selbst zugegeben, sich wie viele seiner Ko-Oligarchen reichliche Freiheiten gegenüber den Gesetzen herausgenommen zu haben als das Recht zu Beginn der 90er Jahre auf wackligen Füßen stand. Kein Justizirrtum, wohl aber eine flagrante Ungerechtigkeit.

Hier also, anstelle eines Berichts aus dem Gerichtsaal, die Übersetzung seiner Ansprache, ein bemerkenswerter Text, den die vierzehntägig erscheinende Nowaja Gaseta in Gänze publiziert.

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"Hohes Gericht, verehrte Anwesende! Heute habe ich erneut Gelegenheit, zu Wort zu kommen. Ich erinnere mich an den Oktober 2003, an meinen letzten Tag in Freiheit. Ein paar Wochen nach meiner Verhaftung wurde mir mitgeteilt, welche Entscheidung Präsident Putin in meinem Fall getroffen hatte: ich solle 8 Jahre lang bei Brot und Wasser darben. Es fiel mir schwer, das zu glauben. Seither sind 7 Jahre vergangen. Sieben Jahre sind eine lange Zeit, zumal im Gefängnis. Zeit zum Nachdenken und Zurückschauen. Der Staatanwalt hatte sogar erklärt: "Ich fordere 14 Jahre..." und auch noch: "Gehen sie über das frühere Strafmaß hinaus!" So habe ich im Laufe der Jahre eine gewisse Skepsis entwickelt, was das Recht angeht. (...) Aber ich will mich nicht bei den juristischen Aspekten meines Falls aufhalten. Wer die Dinge verstehen wollte, hat sie längst verstanden (...) Ich möchte über Hoffnung sprechen. Hoffnung - als das wichtigste Element im Leben.

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Ich erinnere an das Ende der 80er Jahre. Ich war 25 Jahre alt. Unser Land lebte in der Hoffnung auf Freiheit und wir konnten uns für uns selbst und unsere Kinder eine glückliche Zukunft vorstellen. Aber so lief es nicht und daran war unsere Generation schuld, also auch ich. Ich erinnere mich ebenfalls an das Ende der 90er Jahre. Da war ich 35 Jahre alt. Wir hatten die schönste Erdölfirma Russlands aufgebaut. Und gleichzeitig bauten wir Sportanlagen, Kulturzentren, entwarfen Verkehrswege, richteten Geburtskliniken ein, entwickelten Ostsibirien anhand neuer Erölquellen und neuer Technologien. Derartige Fortschritte ließen uns auf ein neues, weniger krisenhaftes Leben hoffen.

Aber auch da sind wir gestrandet. Statt Stabilität kam Ausweglosigkeit. Die Gesellschaft stagnierte. Dennoch blieb die Hoffnung. Heute stehe ich hier in Chamownitschesko vor diesem Gericht und bin 50 Jahre alt. Als vor mehr als zwei Jahren ein neuer Präsident gewählt wurde, kam bei vielen Mitbürgern neue Hoffnung auf. Hoffnung, das Russland sich modernisiere, eine reiche Zivilgesellschaft entwickle. Dass es sich vom bürokratischen Durcheinander, von Korruption, Ungerechtigkeit und Unordnung emanzipiere. Sich all derer entledige, die dutzende von Menschen in Gefängnisse und zur Folter geschickt haben. (...) Dass ich alles beschämende vergessen könnte, denn ich schäme mich derer, die uns regieren.

Das Recht schützt uns nicht. Oder vielmehr: unsere Rechte werden von den Gerichten nicht geschützt. Denkende Menschen wissen, dass sie hier in Russland ihre Vorstellungen nicht verwirklichen können. Wer modernisiert die Wirtschaft? Die Staatsanwälte? die Polizei? die Sicherheitsdienste? Unsere besten Köpfe wissen, das sie wissenschaftlich nicht in Russland, sondern nur im Ausland vorwärts kommen.

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Was ist aus den anfänglichen Initiativen des Präsidenten auf dem industriellen Sektor geworden? Begraben? In Chodork werden sie offensichtlich wohl kaum durchs Nadelör gehen. Begraben, aber weshalb? Weil das Land für die Umsetzung mehr als einen Koroliew (Menschenrechtler) braucht, mehr als einen Sacharow, in Schach gehalten von einem Nachfolger Berijas mit seinen Soldatenmillionen. Das Land braucht tausende Koroliews, hunderttausende von Sacharows. die Reformen betreiben und beleben, damit sie nicht in den Regalen verstauben. Aber wo sind die Koroliews, die Sacharows? Sie sind weg? Wieder verschwunden in innerer Emigration? Versteckt im Labyrinth der Bürokratie, um den Planierraugen des Systems zu entgehen? Wir, Bürger Russlands, Patrioten unseres Landes müssen den Gang der Dinge ändern. Wie kann Moskau das Finanzzentrum Eurasiens werden, wenn unsere Staatsanwälte unmittelbar in Produktion und Kapitalwirtschaft privater Unternehmen eingreifen und dynamische Unternehmer zu 14 Jahren Haft verurteilen?

Ein Land, dass Bürokratie fördert und hunderttausende talentierter Untnehmer, Manager oder einfache Bürger ins Gefängnis steckt, ist ein krankes Land. Ein Staat, der seine besten Firmen, die durchaus Weltmeister werden könnten, zerschlägt, der seine Mitbürger missachtet, der ist ein kranker Staat. (...)

Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass wir diesen Gang der Dinge nur aufhalten können, wenn sich Millionen Augen, und zwar überall in der Welt, auf uns richten. Dann kann Russland vielleicht ein Hort von Recht und Freiheit werden, wo Gesetz Gesetz ist. Wo oppositionelle Parteien keine Unterdrückung erfahren. Wo die Sicherheitsdienste Bevölkerung und Recht schützen und nicht ein bürokratisches Volk und ebensolche Gesetze. Wo die Menschenrechte nicht von der Laune eines Zars abhängen, sei sie gut oder schlecht. Wo die Regierung sich vor dem Volk und den Gerichten, vor dem Gesetz und vor Gott verantworten muss. Wenn sie es so wollen, nennen sie es Gewissen: ich glaube so ist es. Ich verköpere gewiss nicht den idealen Menschen, aber ich bin ein Mensch mit Ideen. Ich und meinesgleichen haben ein hartes Leben in den Gefängnissen und wir wollen dort nicht sterben. Aber falls es so kommt, weiche ich dem nicht aus. Ich glaube an mein Leben, das meine ich bewiesen zu haben. Und an was glauben sie, meine Herren Gegner? An verordnete Wahrheiten? An das Geld? An die Straffreiheit "des Systems"? Ich weiß es nicht. Es geht mich nichts an, es betrifft Sie."

 

 

Mittwoch 17. November 2010

Verdammte dieser Erde...

#216

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Sie starben auf entgegengesetzten Seiten der Erde: im Osten von New Delhi, einer der Megapolen Indiens, und in Dijon, einer mittelgroßen Stadt Frankreichs. Die einen wurden vom einstürzenden Gebäude, in dem sie zu Hauf sich aufhielten, erschlagen. Die anderen verbrannten, als ihr Heim in Flammen aufgingen. 29 Wanderarbeiter in Indien, 7 in Frankreich. Eine Tragödie sowohl hier wie dort. Aber der Umgang mit den beiden Ereignissen war nicht der gleiche: Schlagzeilen auf allen Titelseiten in Indien, aber nur auf einer einzigen eines Regionalblattes in Frankreich. Kann man daraus schließen, dass die Inder sich mehr um ihre Wanderarbeiter sorgen, als die Franzosen? Während der Telegraph von Calcutta die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Migranten zum Fanal erhebt, begnügt sich die dijonner Bien public mit einem Bericht vom Fortgang der Untersuchung.

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Immer mehr Menschen Indiens verlassen ihre Dörfer, wandern von einem Staat der Föderation in einen anderen, aus den Nachbarländern in den Subkontinent, versuchen ihr Glück um mit ein paar gesparten Rupies das Überleben ihrer Familien zu sichern. Devadeep Purohit, Imarn Ahmed Siddiqui und Rith Basu beschreiben den Alltag dieser Mitbürger ganz unten, die vom Hunger in die großen Städte und in unterqualifizierte Arbeitsverhältnisse getrieben werden, zehnmal schlechter bezahlt als die Ortsansässigen. Die Autoren stießen vor den Ruinen des Gebäudes auf Bhim Halder, der in der Bundeshauptstadt als Chauffeur arbeitet. Sein 15 jähriger Vetter mit seinen Eltern und fünf Brüdern und Schwestern lebten hier in einer Behausung, die eher einem Kaninchenstall glich. "Die meisten von uns leben in diesen unmenschlichen Umständen", berichtete Bhim den Korrepondenten des Telegraph, "aber wir können nicht zurück in unsere Dörfer, solange wir das Hungerproblem haben". In Bengalen, wo Bhim zuhause ist, könnte er nicht mehr als 2000 Rupies (33 Euro) im Monat verdienen, während er in Delhi auf bis zu 10 000 (165 Euro) kommt. Dafür würde er auch in den Abwässertunneln leben. Indien registriert jedes Jahr bis zu 13 Millionen Menschen, die den als Elendsregion bekannten Staat verlassen, Calcutta, die übervölkerte Stadt aber auch das Land ringsum. Ihr Ziel : die angeblichen Eldorados Indiens.

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In Dijon wohnten die Opfer in einem Adoma-Heim. Adoma, das klingt warm: a doma - zu Hause - klingt besser als Sonacotra, Acronym für Staatliche Arbeiterwohnungsbaugesellschaft, unseeligen Andenkens an Zeiten des Algerienkrieges, an blutige Attentate in der Ära Giscard, an Ghettoeindrücke. Nichtsdestotrotz: ein Immigrantenheim bleibt ein Immigrantenheim, auch wenn das abgebrannte sich Residenz am Ouche-Brunnen nannte. Franck, der aus einem osteuropäischen Land kommt, hat gesehen, berichtet die Bien public, wie Samba, ein 70jähriger Bewohner mit Hilfe eines Bettuches aus dem Fenster klettern wollte. Aber das Tuch riss, oder er verlor den Halt, prallte 6 Etagen tiefer auf und starb. 190 Menschen, davon 80 Asylbewerber lebten in dem Gebäude. Die Untersuchungsbehörden haben keine Zweifel: der Brand, der von einem Abfallbehälter ausging, war gelegt worden. Es seien zwei Personen verhaftet worden. Wer, warum, wie? Zur Zeit weiß das niemand.

 

 

Mittwoch 24. November 2010

Neues in Ägypten: die Frauen

#217

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Wenn man der großen Kairoer Tageszeitung Al Ahram folgen will, sind die Parlamentswahlen am 28. November, ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen, konstitutiv für das Ägypten von morgen. Von hier aus gesehen scheinen diese Wahlen jedoch auf ein Parlament hinauszulaufen, das sich kaum vom jetzigen unterscheidet: die Partei von Präsident Mubarak, die Nationaldemokratische, dürfte mit Abstand den Sieg davontragen - "Es ist für niemanden ein Geheimnis, dass die jetzige Regierungspartei am kommenden Sonntag siegen wird", schreibt die Tageszeitung in einem sehr guten und vollständigen Dossier zum Thema.

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Warum also kündigt sie zugleich an, dass dieses Jahr entscheidend sei und die Wahl am Sonntag "dem Ägypten der kommenden Generation die Form geben wird"? Auch auf Seiten der Moslembrüder, die nach wie vor die hauptsächliche Opposition bilden, nichts eigentlich neues, nachdem die Linke überall in den arabischen Staaten zusammengebrochen ist und der Nasserismus in Vergessenheit geriet. Die säkulare Brüderschaft kann praktisch auf den Erfolg aller ihrer Kandidaten - 130 an der Zahl - setzen, die sich alle als unabhängige präsentieren, weil die Partei nicht zugelassen ist: sie wird einen der 508 freiwerdenden Sitze gewinnen mit ihrem Slogan "Unsere Lösung ist der Islam". Wie schon im bisherigen Parlament.

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Nationalisten des Wafd, Ex-Kommunisten der Tagammu oder auch die Grünen (ökologisches Grün, nicht das des Islam) teilen sich die Krümel. Nicht zu vergessen die Boycottwähler, unter ihnen Mohammed El Baradei, der ehemalige Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, ein vehementer Gegner der Mubaraks, Vater wie Sohn... All dies vor dem Hintergrund großer Spannungen, mörderischer Gewalttaten politischer oder religiöser Prägung.

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Also wo sind die Veränderungen? Die Ägyptischen Zeitungen verweisen auf den Umstand, dass zum ersten Mal 10% Frauen (50 Abgeordnete) in Parlament sitzen werden, dank einer Quotaregellung. Man hat ihnen Wahlkreise reserviert, in denen sich nur Frauen präsentieren. Gewiss, 10% ist nicht viel (die Quota werden bestimmt nicht überschritten), aber es ist immer noch mehr als die 2%, die seit Jahrzehnten als Abgeordnete fungieren. Ägypten erreicht damit das Niveau Marokkos, hinter Syrien, Jordanien, Tunesien und selbst dem Sudan mit 18% Frauen - Frankreich liegt auf gleicher Ebene mit dieser islamistischen Republik

Die Verfassungänderung bringt tatsächlich frischen Wind. Hunderte von Frauen haben sich zur Kandidatur entschieden und Millionen Frauen wählen zum ersten Mal in ihrem Leben, sei es für verbesserte Krankenhausbehandlung, seis für neue Verkehrsregeln, sei es für Veränderung der Lebensweise der Ägypterinnen, also auch der Ägypter. Wie etwa Amina Shafik, die unübersehbar leuchtende Persönlichkeit der ägyptischen Linken, Kämpferin für Frauenrechte, eine außergewöhnliche Journalistin, die ihren Optimismus bezüglich der Wahlen mit leichter Ironie würzt: "Wir müssen uns erst einmal überzeugen, dass es bei der Quotenregellung tatsächlich um die Frauen geht und nicht einfach nur um die Quotenregellung an sich..."

 

 

Freitag 3. Dezember 2010

Ist der Präsident ein Poet?

#218

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In Moskau wird es heiß. Die Wahltermine im Dezember 2011 für die Duma und im März 2012 für den Präsidenten, zwingen die etwaigen Kandidaten sich zu zeigen und sich die Köpfe zu zerbrechen, wie die Schlachten zu gewinnen seien, allen voran das Spitzenduell zwischen Putin und Medwedjew. Also hat der amtierende Präsident Dmitri Medwedjew (und nicht etwa Wladimir Putin, für die, die nicht so recht folgen konnten) schon einmal einen großen Coup gelandet. Schließendlich hat er den russischen Parlamentariern seine Rede gehalten. Nachdem er von einem Twitterbeitrag zum nächsten eine unerträgliche Spannung aufgebaut hatte, denn der Meister im Kreml ist voller Eifer für dies soziale Netzwerk. Russische Analytiker sehen in dieser Ansprache an die Volksvertreter nichts weniger als das Wahlprogramm des zukünftigen Kandidaten und seine Vision einer Modernisierung Russlands.

Doch die Opposition mockiert sich. Sie findet, dass die präsidentielle Äußerung einem feucht gewordenen Knallkörper gleiche. Weil der Präsident die Mütter und Kinder an den Anfang, wenn nicht gar ins Zentrum seiner Vorschläge gestellt hat? Das Parlament, das zu sowjetischen Zeiten mindestens 30% Frauen aufwies, zählt nurmehr ihrer 5%. Das eine erklärt vielleicht das andere. Vielleicht will der Präsident auch nur den Verfall seines Landes aufhalten, dessen Bevölkerung wegen sinkender Geburgenrate und sinkendem Sterbealter schwindet...

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Hier die 10 Programmpunkte Dmitri Medwedjews zur Aufrechterhaltung und Stärkung russischer Macht:

1 - 25% der Haushaltsmittel für Gesundheit sollen der Pädiatrie zukommen

2 - Das alte Geburtenregister (mit regional sehr verschiedener Handhabung) soll reformiert werden und der medizinischen Kontrolle der Kinder besser dienen. Unfruchtbarkeit soll behandelt werden, insbesondere soll die Invitrobefruchtung gefördert werden.

3 - Unterstützung für kinderreiche Familien. In bestimmten Gegenden, wie in Iwanowo (im Nordeosten von Moskau) vergibt die Provinzregierung beim dritten Kind Grundstücke zum Hausbau. Eine vorbildliche Maßnahme, die aufs ganze Land auszudehnen ist.

4 - Erziehung zu und Entwicklung einer gesunden Lebensweise. Verkauf von Alkohol an Minderjährige wird als Verbrechen geahndet. (Der Kult gesunder und hygienischer Lebensweise ist eine Neuauflage sowjetischer Errungenschaften. Damals gab es ein Hygieneinstitut, dessen beide Pfeiler, eine großzügige Fünfzigjährige und ein witziger Dreißigjähriger in den 90er Jahren nach Herzenlust rauchten und tranken...)

5 - Umwelt. Wir brauchen ein modernes, wirkungsvolles Steuerungssystem im Umweltbereich. ( Das wäre gesagt.)

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6 - Öffentliche Verwaltung. Wir müssen Tranparenz garantieren, Klarheit und Einfachheit im Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern. (Nicht gerade leichte Kost...)

7 - Elastizität im Strafrecht. Kleinere Vergehen und Verbrechen sollten nicht mit Gefängnis, sondern mit Dienst im allgemeinen Interesse geahndet werden. Auch sollten die Gerichte außer dem Wegschließen für minderjährige Delinquenten andere Vorgehensweisen zur Verfügung haben. (Richtig gesehen.)

8 - Kampf der Korruption. (Es gibt in Russland viel zu tun, wenn man den von Wikileaks neuerdings publizierten Mitteillungen amerikanischer Diplomaten in Moskau Glauben schenkt...) Jede Form von Korruption , aktiv, passiv, und auf allen Ebenen des Staates, wird mit einer Buße von bis zum 100fachen der Bestechungssumme geahndet.

9 - Die staatlichen Märkte. Wir brauchen entschieden ein neues, moderneres, überdachtes Gesetz zur moralischen Regulierung staatlicher Märkte. (Sicher nicht falsch.)

10 - Umorganisation der Verteidigung. Luftverteidigung und Raketenabwehr, Raketenwarnsystem, Luft- und Weltraumüberwachung werden unter einem strategischen Kommando vereinigt. (Man kann nur hoffen, dass dies Kommando unter allen Umständen Ruhe bewahrt...)

Aus all diesem mag man den Schluß ziehen, dass der russische Präsident ein Poet ist, der sich à la Prevert gern in Aufstellungen ergeht.

 

 

Sonnabend 11. Dezember 2010

Mens sana ...

#219

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Alle drei Jahre, sei es in China oder in Österreich, in den Vereinigten Staaten oder in Belgien, Finnland, Mexiko, ringt man die Hände in Verzweiflung beziehungsweise kräht wie die Hähne, je nach dem, wie man in der neuesten Pisastudie plaziert ist. Pisa ist hier nicht eine alte italienische Stadt mit einem ewig schiefen Turm, sondern die Abkürzung des Titels einer statistischen OECD-Studie (Programme for International Student Assessment). Egal ob über den grünen Klee gelobt oder kritisiert (wie es scheint zu Recht wegen ihrer produktivistischen Ausgangsbasis), jedesmal provoziert sie Selbstgeissellung oder Anfälle von Nationalstolz.

Es scheint, als käme keine österreichische Tageszeitung über den Schock hinweg, dass das Land zum Beispiel, was das Lesen angeht, vom 22ten auf den 39ten Platz zurückfiel. oder auch vom 18ten auf den 24ten in Mathematik. Gleichermaßen seufzen die französischsprachigen Belgier, weil sie immer noch unter "ferner liefen" rangieren... Dagegen geben die Finnen und die Koreaner die Bescheidenen, obwohl sie wiederum die Spitze der Spirale bilden von 34 Migliedstaaten der OECD und 41 Partnerwirtschaften, die sich der Studie angeschlossen haben.

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Die finnische Tageszeitung AAmulehti schreibt: "eine/r von 10 Jugendlichen in Finnland ist so schwach im Lesen, dass sie/er es später schwer haben wird, eine Arbeitsstelle zu finden. Obwohl Finnland überdurchschnittlich plaziert ist. " Überdurchschnittlich plaziert? Allerdings! Nämlich mit 536 Punkten und dem 3ten Platz in Mathematik, in den Naturwissenschaften, in der Textanalyse. Gleich hinter den jungen Koreanern (Südkoreanern) und den Chinesen in Shanghai, wo das Erfolgsrezept in der Forderung "die besten Lehrer gehören in die schwierigsten Schulen" zu liegen scheint.

Niemand kommt aber auf eine doch sehr wesentliche Schlussfolgerung aus dem Abklopfen von 15 jährigen Schülern zu sprechen, auf ein Ergebnis, das eindeutig und weltweit zurtrifft: "Im Verständnis von Texten sind die Mädchen in allen teilnehmenden Ländern den Jungen voraus". Die Autoren der Studie insistieren sogar in diesem Punkt: "Über weite Strecken des 20ten Jahrhunderts haben sich die Entscheidungsträger in Sachen Bildung besonders über mäßige Ergebnisse bei den Mädchen im Geschlechtervergleich Sorgen gemacht. Jetzt dagegen beunruhigt die mäßige Vorstellung der Jungen in Sachen Textverständnis. (.../...) Die Mädchen übertreffen die Jungen in allen Teilnehmerländern um mehr als ein halbes Kompetenznivequ d.h. um ein Jahr Schulbesuch.

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Und darüberhinaus haben die jungen Herren, da wo sie bisher glänzten, in Mathematik, nur noch einen winzigen Vorsprung vor den Mädchen.

Im übrigen bestätigen die Pisa-Verfasser, dass das Niveau nicht mehr vom Reichtum eines Landes abhängt. Zwei Länder mit gleichem Wirtschaftprofil können in der Klassifizierung zu Antipoden werden, während ein armes oder Entwicklungs- Land brilliante Ergebnisse zeigen kann.

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Denn Pisa untersucht nicht nur Anhäufung von Wissen, sondern "die Fähigkeiten der Jugend im Hinblick auf die Herausforderungen der realen Welt". Viele haben bemerkt, dass das Vereinigte Königreich oder Frankreich weit hinter zum Beispiel Estland liegen. Und schließlich können die Länder des fernen Ostens jetzt nicht nur auf ihre unerhörten zweistelligen Wachstumsraten stolz sein, sondern auch auf ihre Bildungserfolge. Japan, Singapur, Hongkong, Südkorea, China mit Shanghai teilen sich die vorderen Plätze in allen Fächern. Chester E. Finn, der in der Administration Ronald Reagan im Erziehungsministerium tätig war, warnt uns: "Ich habe gesehen, wie die Chinesen zu ihren Ergebnissen kommen. Was sie in Shanghai bis 2009 für ihre Schüler tun konnten, werden sie in 10 Großstädten 2019 erreicht haben und 2029 in 50 weiteren !" Wir werden sehen, was sein wird! Jedenfalls werden nicht die Formen von Sparpolitik die Tendenz umkehren, die in Europa zur Zeit die Mode sind.