Montag 25. Mai 2009

Senioren grüßen...

#154

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Neulich erfuhr ich einen Schock, als mir eine französische Zeitschrift für das reifere Alter zugesandt wurde. Bestenfalls ein Irrtum, schlimmstenfalls Reklame, dachte ich. Dann wurde mir bewusst, dass ich in den Augen meiner Kolleginnen und Kollegen inzwischen zu den "Senioren" zähle, zu den Mitarbeiter/inne/n über fünfzig. Also habe ich mir Artikel, die sich mit derartigem "Sonnenuntergang" befassen, angesehen, wo mancheiner sich fragt, wann du wohl deine Stelle freigeben wirst, während andere dich ermuntern, möglichst noch mehr als fünfzehn Jahre weiter zu arbeiten. Um ehrlich zu sein, ich habe mich immer als eine unwillige Faulenzerin gesehen und ich träume vom Rentenalter seit ich zwanzig war... Dennoch hasse ich es, wenn man mir das Etikett Seniorin anhängt, wo ich mich oft doch wie eine Jugendliche benehme. Wenn ich dies alles erzähle, dann nur, weil in Kanada und in Australien zwei große Tageszeitungen , Le Devoir und der Sydney Morning Herald, mit ihren Titelseiten quasi die eine zum Echo der anderen wurde.

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In Australien lies der Sydney Morning Herald, die wahrscheinlich angesehenste Zeitung des Landes, Richard Bishop zu Wort kommen, der seit seinem 14ten Lebensjahr Arbeiter ist. Heute ist er 57 Jahre alt, ein gutes, faltiges Gesicht, und nach 43 Jahren schwieriger, ermüdender, nicht immer lustiger Arbeit dachte er, jetzt könne er endlich aufregendem Nichtstuns entgegensehen, einer "ganz außerordentlichen Tätigkeit", wie der seelige Manuel Vasquez Montalban gesagt hat. Doch die australische Regierung durchkreuzt seine Pläne und vesetzt ihn in eine unhaltbare Situation: "zu jung, um zu gehen und zu alt, um zu arbeiten" fasst Adele Horin, die Verfasserin des Artikels zusammen. Wie in den Vereinigten Staaten, in Deutschland, in Island oder Dänemark, wird in Sydney das Rentenalter auf 67 Jahre erhöht. Die, die heute zwischen 55 und 57 Jahre alt sind, dürfen daher bis 65,5 Jahre arbeiten, die, die 52 und jünger sind, können erst mit 67 gehen. Doch die meisten Arbeitnehmer wie auch Richard haben keine Lust, länger als bis 60 zu arbeiten und die meisten Arbeitgeber wollen die "Senioren" nicht behalten.

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Le Devoir aus Quebec meint, die Quadratur des Zirkels gefunden zu haben. Die Zeitung findet Unternehmen, die auf Beschäftigte mit Erfahrung setzen und sich bemühen, ihnen passende, in Richtung Rente gleitende, Arbeitszeiten zu bieten, sowie eine gemütliche und respektvolle Arbeitsatmosphäre. Zum Beispiel der Schlosser bei Rona, einer kanadischen Kette für den vollkommenen Heimwerker. Der Leiter der Abteilung "Personal und Kultur" (sic!) zeigt sich voller Genugtuung und frei von Komplexen:"Selbst wenn die älteren Beschäftigten zusätzliche Kosten für Versicherung und Gesundheit verursachen, der Gewinn aus ihrer Arbeit übersteigt bei weitem diese Kosten." Le Devoir gab die Reportage in Auftrag, als die Universität Ottawa ein Kolloquium zur Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz veranstaltete. Die Wissenschaftler waren sich einig, dass Alter, vor Behinderung, Geschlecht und ethnischer Herkunft, an erster Stelle diskrimiert.

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Die Alternative zu all den Umtrieben von wegen Rentenalter und sozialen Folgen wurde vielleicht vor mehr als 30 Jahren, erst in den Vereinigten Staaten, dann in Deutschland und in Frankreich, in Szene gesetzt, nämlich durch die Grauen Panther - Bezeichnung zu Ehren der Schwarzen Panther. Je älter man wird, desto selbstsicherer wird man, desto weniger geneigt, sich Regeln zu beugen, desto aufsässiger, fantasievoller und zu Vergnügen aufgelegt. Ganz wie in "Arsen und Spitzenhäubchen" oder in der Lustigen Witwe!

 

 

Montag 1. Juni 2009

Vergewaltigung zur Ansicht

#155

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"Wenn Sie im realen Leben dasselbe tun, setzen Sie sich der Strafverfolgung aus. Dies Spiel ist eine dramatische Inszenierung, eine Fiktion. Versuchen Sie sich niemals in einer Nachahmung." Der Hinweis steht in der Gebrauchsanweisung für den gewieften kleinen Benutzer eines Videospiels, das in Japan Furore machte, bevor es vom Markt genommen wurde: RapeLay, oder, übersetzt in angenehmerer Formulierung "Vergewaltigungssimulation". Der Hinweis sagt nicht: Tun Sie das nicht im realen Leben, denn das ist böse und untragbar, zumal für die Opfer - nein, die Gebrauchsanweisung sagt nur, Sie riskieren dafür bestraft zu werden. Drei Jahre haben die japanischen Behörden gebraucht, bis sie reagierten und das auch nur auf Druck von Organisationen für Frauenhilfe und -rechtsschutz ... in Amerika, genauer gesagt in New York. Diese lamentable Geschichte stand auf den Titelseiten am Ende der diesjährigen Frühlingszeit und der Kirschblüte...

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Die dramatische Inszenierung, um die aufgeblasene Ausdrucksweise der Erfinder des scharmanten Vergnügens aufzunehmen - es handelt sich um eine Informatikfirma aus Yokohama - ist einigermaßen simpel und eher die von Pornofilmen als die von Gesellschaftspielen: ein Mann, der von einer jungen Frau wegen Belästigung verklagt wird, rächt sich, in dem er erst sie, dann ihre Mutter und ihre Schwester vergewaltigt (man fragt sich, warum die Erfinder so zögerlich waren und ihn nicht gleich die ganze weibliche Verwandtschaft vergewaltigen ließen, wo er schon einmal dabei war). Der Spieler spielt fröhlich mit den Figuren, dem einsamen Rächer und seinen unglücklichen Opfern, die sich ihm gegenüber also schuldig gemacht hätten, und das spielerische liegt in der Wahl der "Bestrafungen" und des Ausmaßes an Sadismen.

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Und nun, nach den drei Verkaufsjahren, auch bei Amazon.com, mit exponentiell gestiegenen Verkaufsziffern und hunderttausenden von abgesetzten Exemplaren, geht der Streit im Land der aufgehenden Sonne nicht um das Spiel selbst, sondern um das Verbot: was ist mit der Kunst- und Meinungsfreiheit und entspricht das Verbot dem Gesetz? Masahiro Uzaki, eine Kapazität der Universität Tokio in Sachen Verfassungsrecht fragt sich: "Wenn man zu klären versucht, ob dies Spiel das Gesetz verletzt, ist das Ergebnis schwerlich positiv. Man kann nur ethisch entscheiden, ob es gesellschaftlich zulässig ist oder nicht. Es ist nicht Sache des Gesetzes, der Industrie Beschränkungen aufzuerlegen, sondern die Industrie muss sich moralische Grenzen setzen und das auch, um sich ihre Meinungsfreiheit zu bewahren.

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Dabei gibt es in Japan durchaus eine Art Kontrollkommission für Videospiele, eine oberste Instanz, die mehr als tausend Produkte jedes Jahr begutachtet. Ein Mitglied, das tunlichst anonym bleibt, zweifellos um sich nicht feministischem Zorn auszusetzen, gesteht immerhin, dass sie eine delikate Aufgabe haben: "Auch wenn die von den Erfindern erdachten Intrigen noch so abscheulich sind, können wir nicht einfach nein sagen, weil es eben die Kunst- und Meinungsfreiheit gibt. Schließlich handeln viele Romane, Comics oder Filme von extremer Wut und Gewalt."

Trotz aller überzeugten Beschützer der Kunst- und Meinungsfreiheit plagt einen der Zweifel: Japan ist Marktführer für Videospiele. Schützen sie vielleicht doch eher dies himmlische Manna, Nippons Tartuffes, Prüfsteine und Perlen absoluter Freiheit? Man mag sich nicht vorstellen, es gäbe da irgendeine Verbindung zu eine soldatesken Tradition, der im zweiten Weltkrieg mit Chinesinnen und Koreanerinnen zur Genüge gepflogen wurde, und die man schamhaft bezeichnete als: Erholung mit Frauen...

 

 

Sonnabend 13. Juni 2009

Ticket mit begrenzter Gültigkeit

#156

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Es kommt vor, dass ich von Neuseeland träume... Denn Kopf voller Klischees, stelle ich mir ein mildes Klima vor, grüne Hügel bis zum Horizont, Schafherden mit vollen Bäuchen friedlich dahinziehend und das Ganze im sanften Licht glücklichen Daseins. Gewöhnlich bestärkt mich die Zeitungslektüre auch in diesen Eindruck. Selten dramatische Schlagzeilen, manchmal Exzesse der Lokalpolitik (oh ja, ganz nach bester angelsächsischer Gepflogenheit), meistens Inselnachrichten.

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Das Foto der dunkelhaarigen Schönheit mit in die Ferne gerichtetem Blick auf der Titelseite des New Zealand Herald, der größten Tageszeitung des Archipels, die einem die linke Mitte unterstützenden Konsortium gehört, schien mir in die gleiche Richtung zu weisen, so sehr schien es sagen zu wollen: keine Aufregung, nur keine Aufregung.

Die Überschrift über dem Foto schien, nüchtern wie sie ist, auch nicht auf die Tragödie hinzuweisen:"Eine schwangere Frau wurde verurteilt, das Land zu verlassen". Man beginnt zu lesen, und je weiter man liest desto stärker wird der Unmut über so viel Unmenschlichkeit! Wie, diese Modelldemokratie, aufgebaut von den Einwanderer-Pionieren im Schweiß ihres Angesichts, gebärdet sich fremdenfeindlich? Die Skiauteris, eine niedliche Kleinfamilie, Monsieur, Madame und der kleine Leonardo sind im Januar mit einem Turistenvisum für drei Monate aus Litauen eingereist. Sie kamen zu Besuch beim Bruder von Herrn Skiauteris, der seit mehreren Jahren in Auckland lebt. Madame war in der siebten Woche schwanger und alles schien in Ordnung in einer fast vollkommenen Welt, als die Ärzte Anfang März bei einer Routinekontrolle der Schwangeren nahelegten, komplikationshalber das Bett zu hüten. Von da an drehte die bürokratische Maschinerie durch: am 2. April erhält das Paar die Aufforderung, das Land zu verlassen, obwohl die Reise für Mutter und Kind ein großes Risiko darstellt. Dazu die Begründung, messerscharf: "Die Einwanderungsbehörde verlängert das Visum nicht, weil die Gesundheit von Frau Skiauteris zu wünschen übrig lässt und eine Verlängerung ihres Aufenthaltes dem Staat zu hohe Kosten abverlangen könnte."

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Den Ärzten der Pränatalklinik von North Shore blieb zunächst die Spucke weg, dann reagierten sie mit Entschiedenheit: "der Rücktransport auf dem Luftweg gefährdet das Leben unserer Patientin sowie das des Kindes." Im Übrigen protestierte der Vater, was die finanziellen Verhältnisse angeht: die Familie hat eine Pflichtversicherung, wie jeder der in das Land einreist, und die bis zu 250 000 neuseeländische Pfund für die Kosten der 36 monatigen Schwangerschaft und etwaiger Komplikationen aufkommen würde. Darüber hinaus erklärt sich die örtliche Verwandtschaft bereit und belegt durch Einkommensnachweise das sie in der Lage ist, alle zusätzlichen Kosten zu übernehmen. Die Einwanderungsbehörde erwidert nur: "ihre Aufenthaltsgenehmigung ist abgelaufen, sie müssen ausreisen". - Weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.

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Der Artikel von Lincoln Tan, Reporter für derartige Einwanderungsfragen, lehrt uns überdies, dass solche Verfahrensweise nichts außergewöhnliches hat: vor kurzem hatte sich eine südkoreanische Studentin während ihres Studienaufenthaltes an der Universität in Auckland eine Schwangerschaft "zugezogen" und wurde ausgewiesen, sobald bekannt wurde, dass sie schwanger war. Der Einwanderungsminister Jonathan Colleman rechtfertigte sich: "Unser Land hat nicht die Mittel, Turisten gesundheitlich zu versorgen". Neuseeland ein unterentwickeltes Land? Das war uns bisher entgangen...

 

 

Mittwoch 17. Juni 2009

Unsere Freunde, die Tiere

#157

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Man kämpft, da wo man kann. Zum Wochenanfang kamen zwei exzellente Tageszeitungen, die eine in Österreich, die andere in Kanada mit besonderen Titelseiten heraus: In Wien machte Die Presse mit den neuen Vätern auf; Le Devoir in Quebec brachte eine Recherche zu verrückten Haustieren. Die beiden, scheinbar (eben nur scheinbar)verschiedenen Themen haben einen gemeinsamen Nenner: Rückzug ersterer und exponentielle Zunahme der Fälle von letzteren stehen in Proporz zur Entwicklung der Krise ...

In Europa machten sich zwei der angesehensten Reporter auf die Suche nach einer aussterbenden Art: die Superpapas. Der Superpapa ist einer, der die kleinen Menschen absolut genauso aufzieht wie die Supermama, auch was die weniger edlen Tätigkeiten angeht, wie verschissene Popos waschen oder Klappse austeilen. Der Superpapa rekrutiert sich vornehmlich aus den Reihen der Bobos ("in" und (von den Eltern her) betucht d.Ü.), einer Kategorie modischer junger Stadtbewohner mit Engagement für Ökologie und humanitäre Aktion, die sich auf der nördlichen Halbkugel entwickelt. In den 70er und 80er Jahren wurde der neue Vater ein moderner Held: ein Tabubrecher, der sich fröhlich und gutgelaunt feminisierte (das heißt, seiner männlichen Werte begab), Windeln wechselte, Liedchen singend Babynahrung wärmte und dabei jedenfalls beruflich und warum nicht auch sexuell reüssierte. Nichts schien seine Ausbreitung aufzuhalten. Bis die Krise kam.

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Die Rouletabilles (Detektiv-Reporter-Figur der Romane von Gaston Leroux (1868-1927) d.Ü.) der Vaterschaft trafen eine Menge Männer, die am Wochenende im Wiener Siebensternpark, einer der meistbesuchten Grünanlagen der Stadt, Ball oder Schläger traktieren. Mit viel Begeisterung aber vorallem auch mit ihrer Nachkommenschaft. Das Bild ist schön, aber es täuscht. Interviews brachten in der Mehrzahl die tragische Wahrheit ans Tageslicht: für den Rest der Woche arbeiten diese Männchen unter materiellen Zwängen was das Zeug hält und haben für ihre Kinder keine Zeit mehr... Ach ja? Und eure Frauen? Oder etwa nicht? Doch, die auch, aber die verdienen weniger und sind daher weniger bei der Sache an ihren Arbeitsplätzen. In Österreich liegen die mittleren Einkommen der Frauen 30% unter denen der Männer (übrigens nicht nur in Österreich... ). Im Prinzip können beide Geschlechter gleich Elternurlaub mit reduziertem Einkommen beanspruchen, aber in der Realität sind es immer die Frauen, weil die finanzielle Einbuße geringer ist. Der Artikel kommt daher zu folgender Theorie: es kann keine neuen Väter geben, wenn es nicht auch neue Mütter gibt, das heißt, Frauen, die sozial und in jeder gesellschaftlichen Hinsicht den Männern gleichgestellt sind.

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Auf der anderen Seite des Atlantik sind die Tiere dabei, den Menschen gleichgestellt zu werden, was auf dem alten Kontinent längst passiert ist... Mit einem Umsatz von einer Milliarde Euro und einem Hund oder einer Katze in fast jedem zweiten Haushalt nimmt der tierhändlerische und tierärztliche Markt in Kanada explosionsartig zu (40% Zunahme in fünf Jahren) und noch ist kein Ende der Zunahme abzusehen. Aber von Frankreich mit seinen 20 Millionen häuslicher Begleiter oder den USA mit einem Umsatz von 50 Milliarden Dollar, laut der seriösen Business Week, ist man immer noch weit entfernt. Soziologen führen das Phänomen auf zwei Faktoren zurück: die Bevölkerungen in den nördlichen Ländern werden älter und depressive Kranheitszustände werden häufiger aufgrund der wirtschaftlichen und gesellschaftliche Krise. Aber wenn es den Besitzenden schlecht geht, geht es den treuen Begleitern noch schlechter: Verhaltensforscher beobachten, so scheint es, eine starke Häufung von Verhaltensstörungen bei unseren vierbeinigen Freunden, hauptsächlich infolge von Scheidung von ihren Herrschaften...

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Le Devoir schließt die lange Recherche (nicht weniger als vier ausführliche Kästen) mit der Aussage einer erfahrenen Geschäftsfrau, Besitzerin eines Luxushotels für Tiere (60 EUR pro Nacht mit Fernsehen und Überwachungswebcam). Linda Zago mit ihrer gesammelten Weisheit nennt vier Typen von Tierhaltern: den Humanisten der das nec plus ultra für seinen Augapfel sucht; den Konservativen, der sein Eigentum verwaltet, aber ohne weiteres Aufsehen; den Durchgedrehten, der für seinen Ersatzgegenstand bereit ist alles zu geben; den unbeteiligten, der seinen Kindern das Vergnügen machen möchte, jedoch denkt "ein Hund bleibt ein Hund" - mens sana in corpore sano...

 

 

Mittwoch 8. Juli 2009

Das riecht nach Schwefel...

#158

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Schon wenn man nur das Foto sieht, kann einem übel werden: eine Frau und im Vordergrund ein Riesenhaufen von Müllsäcken der sie teilweise verdeckt, das erinnert uns an jene schrecklichen Tage als die Müllfahrer streikten und die Städte in Frankreich unter Bergen von Hausmüll und Abfällen zu verschwinden drohten. Die meisten ausländischen Korrepondenten, besonders die nordamerikanischen amüsierte unser kleines, immer wieder von sozialen Bewegungen gebeuteltes Hexagon, und mit schadenfroher Miene hielten sie sich die Nase zu...

Na ja, jetzt haben die Ratten den Atlantik überquert und breiten sich in den Straßen von Toronto aus, in der Hauptstadt der kanadischen Wirtschaft, der Lunge des Landes. 24 000 Müllarbeiter der Stadt sind seit zwei Tagen in einem Ausstand, der sich, wie es aussieht, in diesem Modellstaat des wirtschaftlichen Liberalismus zu einem historischen Kräftemessen steigern kann. Arbeiter und Angestellte sind bereit, sich ohne zeitliche Begrenzung mit Arbeitgebern und Bevölkerung um ihre Arbeitsbedingungen zu streiten: um das Recht auf einen sicheren Arbeitsplatz, um Berücksichtigung des Dienstalters, aber vor allem um die Fortdauer ihres Rechts auf 18 freie Tage aus Krankheitsgründen...

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Eine Reihe von städtischen Diensten sind bis auf weiteres eingestellt: die Bibliotheken, die Unterhaltsarbeiten in den Parks, die Kindergärten, die Müllabfuhr und die Fährdienste - der Wasserstraßentransport, ein altes Erbstück aus Zeiten der Eroberer, eine Art Rückgrat der immensen Wasserflächen. Schon nach zwei Tagen werden erste Anzeichen der Streikbewegung sichtbar: das Gras ist gewachsen; in den Straßen sieht man weniger lesende Menschen; die Flüsse fließen ruhig dahin. Dagegen herrscht Chaos in den Einfamilienhäusern wie in den Appartmentwohnungen. Familienmütter und -Väter bewegen sich am Rand des Nervenzusammenbruchs. Aber vorallem ändert sich zusehens das Straßenbild mit Barrikaden aus Abfällen in der ganzen Megapolis...

Die Spannung steigt. Streikposten wurden von Bürgern, die ihre Müllsäcke zur Müllsammelstelle bringen wollten und nicht eingelassen wurden, mit Gewalt bedroht. Bürger die ihre Müllsäcke in der Straße abluden wurden am Ende mit 380 kandischen Dollars zur Kasse gebeten. Manche sollen sich fast zu Handgreiflichkeiten haben hinreißen lassen.

In diesem Streik häufen sich nicht nur die Abfälle, sondern auch die Unzufriedenheiten: die städtischen Angestellten mussten mit ansehen, wie gewisse Beamte mit ihren Gehältern und Zusatzleistungen auf immer größerem Fuß leben konnten, während sie selbst nicht nur leer ausgingen, sondern ihre Tariflöhne sogar verringert wurden.

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Margret Wente erwähnt im Globe and Mail noch einen weiteren perversen Umstand, diesmal die Umwelt betreffend: mit der Mülltrennung, mit den vielen Mülleimern hat man uns richtiggehend zu unbezahlten Müllverwertungsunternehmen gemacht. Die Müllabfuhr arbeitet nicht mehr für uns, sondern wir für die Mülldienste. Wir riskieren, dass wir an den Pranger gestellt, oder demnächst gar öffentlich ausgepeitscht werden, falls wir aus Versehen eine Erbse im Plastikmüll entsorgt haben... Wir alle haben diese Art von Müllbehälterdiktatur auf die eine oder andere Weise erlebt. In Europa scheint sie mir besonders in Deutschland verbreitet. Dort werden die Stadte jetzt durch große Behälter in abscheulichen Farben verunziert... Doch das Übel gewinnt überall an Boden.

 

 

Mittwoch 8. Juli 2009

Russland grüßt: von Josef zu Michael

#159

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Um Ihnen allen die maßlose weltweite Trauer um Michael Jackson ein wenig leid werden zu lassen gehen wir nach Russland, genauer nach Woronjesch, in eine an Gewässern reiche, hübsche Landschaft im Südwesten des Landes. Aus der Njesawisimaja Gaseta erfahren wir, dass seit einigen Tagen merkwürdige Plakate die Stadt schmücken: darauf ist sehr groß das Portrait des Führers aller Zeiten und aller Völker, unseres geliebten Josef Stalins, zu sehen und daneben steht der Spruch: "Wir haben gesiegt". Der Korrespondent einer der letzten unabhängigen Tageszeitungen hat sich vergeblich um Aufklärung bemüht: niemand weiß, wer diesen Reklamefeldzug gestartet hat. Die lokale kommunistische Partei drückt sich um eine Antwort; die Behörden der Stadt wollen nicht in die Affäre hineingezogen werden und fragen: " warum interessieren sie sich mehr für diese Reklame als für andere, in der Stadt überall sichtbare wie zum Beispiel die für die neuen Uniformen der Miliz?" Andere bemerken nur, dass es im ganzen Land ja noch tausende von Stalinabbildern zu sehen gäbe, Statuen die nach wie vor fest auf ihren Sockeln stehen.

Die Moskauer Tageszeitung vermutet, dass die Plakataktion mit dem nahenden 130ten Geburtstag des großen Mannes am 21 Dezember zu tun hat. Der Geburtstag bringt uns zum Todestag: die Trauerfeiern für das Väterchen der Völker waren mindestens so eindrucksvoll wie die für den König der Popmusik und der Kummer ebenso weltweit. Berichte aus Kairo, Tel Aviv oder Paris über schmerzgebeugte Männer und Frauen, als am 5. März 1953 um 6 Uhr morgens die Nachricht eintraf, über Menschen, die im Büro in Tränen ausbrachen oder auch auf der Straße oder im Treppenhaus, sind mir aus meiner Familie in Erinnerung. Fernsehen hatten nur wenige und das Internet schlummerte noch im Nirwana. Dennoch folgten hunderte von Millionen in der ganzen Welt dem Trauerzug von Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin (der stählerne).

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Fürs Kino wurde das Ereignis in einem ergötzlichen israelischen Film des kaum zwanzigjährigen Regisseurs Nadav Levithan, "Stalins Schüler" verewigt. Da sieht man drei alte Genossen, historische Kibbutzim, die den Persönlichkeitskult post mortem auf die Spitze treiben, in dem sie aus sich Klone des Verewigten zu machen versuchen. Zweifelsohne haben wir bald in der ganzen Welt tausende von Michael Jacksons zu gegenwärtigen.

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Der Reporter hat versucht wenn schon nicht den Urheber des wiederaufflammenden Kultes, dann doch wenigstens herauszufinden, wer das Feuer anfacht. Er stieß auf Sergej Rudakow, den ersten Sektretär der lokalen kommunistischen Partei: "die sowjetische Vergangenheit gewinnt im ganzen Land Beachtung. Erst vor kurzem wurden auf dem Roten Platz 2000 Junge Pioniere gefeiert. Wir müssen Vertrauen in unsere Führer zurückgewinnen." Für das Akademiemitglied (in glorreichen sowjetischen Zeiten besonders geschätzter Titel), den Soziologen Wladimir Boykow handelt es sich um eine Konsequenz der weltweiten Krise, die unsere Epoche erschüttert: "die, die sich da immer zahlreicher Lenin und Stalin zuwenden, suchen vor allem die heutzutage verlorene Größe der Sowjetunion und die Zeiten des Wohlstands nach dem Krieg. Nichts hindert uns, ihnen vorzuhalten, wie schrecklich die von ihren Helden geführte Diktatur war."

Drei Jahre nach Stalins Tod veröffentlichte Nikita Kruschtschow seinen Bericht über den Stalinismus und dreißig Jahre später war der Kommunismus am Ende... Was wird in drei Jahren vom Jacksonismus übrig sein? Gewiss nichts als neuerliche Millionen verkaufter CDs...

 

 

Freitag 17. Juli 2009

Spione, die’s sein wollten, aber nicht wussten, ob sie’s waren.

#160

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Kennen Sie Kazachstan? Das ist ein eintöniges Steppenland, von dem man gewöhnlich kaum laut zu sprechen wagt, so autoritär ist sein Präsident, Nursultan Nasarbeijew. In Kasachstan sprudelt das Erdöl wie anderswo der Regen fällt. Also will man sich, wie jeder Neureiche, seine Einflusszone schaffen, gegen Öl, versteht sich. In letzter Zeit waren Deutschland und Österreich privilegierte Jagdgründe der Russen, die ja auch Öl produzieren.

Da kommt der Wiener Botschafter von Kasachstan, ein gewisser Rachat Muchtaruly Alijew (man versteht gar nichts mehr, denn normalerweise herrschen die Alijews in Aserbaidschan, einem weiteren Ölland...) und versucht den Generalsekretär der FPÖ (rechtsextreme Partei), Harald Vilimsky, zu beinflussen. Und darüberhinaus noch zwei weitere Abgeordnete der gleichen politischen Couleur... Alle drei werden jetzt der Spionage verdächtigt und angeklagt, geheime Informationen zur Energiepolitik Österreichs weitergegeben zu haben... Viel Lärm in der Wiener Presse, auch wenn die gelieferten Informationen zweifellos überall zu haben waren.

Die Betroffenen wehren sich lautstark und versichern, dass man sie manipuliert habe. Dazu ist zu sagen, dass die Sache für Männer, die so sehr auf Patriotismus setzen und behaupten ihr Land stünde für sie höher als alles andere, sehr peinlich wäre. Schauen wir mal, wie’s weitergeht...

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Zur selben Zeit publiziert die tschechische Tageszeitung DNES auf der Titelseite ein schönes Foto von Ernest Hemingway, breit lächelnd unter einen großen mexikanischen Hut und titelt dazu: "War unser berühmter Hemingway ein sowjetischer Spion?" Wenn ich den Artikel richtig verstehe, war der liebe große Schriftsteller nicht wirklich ein KGB-Agent, obwohl er sich so sehr gewünscht hätte, einer zu sein. Wie es scheint, war er einfach zu unfähig. Sein erstes Treffen hatte er 1941 in London: angenehm und freundschaftlich, aber ohne eigentliches Ergebnis. Der zukünftige Literaturnobelpreisträger ließ wissen, "er wünsche dringend zum Einsatz zu kommen". Man nahm das höflich zur Kenntnis, gab ihm sogar denDecknamen Argo und veranstaltete ein Jahrzehnt lang regelmäßige Treffen, sei es in Havanna, sei es in London, mit unvermindertem Enthusiasmus aber ohne dass ihm je eine praktische Aufgabe zuteil wurde. "Allzu dilletantisch" urteilten seine Rekrutierer und gaben Anfang der 50er Jahre auf. Das alles steht in einem dicken Buch "Spies - The rise and fall of KGB in America" (Aufstieg und Niedergang des KGB in Amerika), das mehrere Verfasser hat, von denen einer ein ehemaliger KGB-Angehöriger ist, der zum Historiker wurde und sich in die Archive vertieft hat.

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Seinerzeit meldeten die Sowjetbürger im Ausland alle ihre Begegnungen den Behörden: es genügte, dass man mit jemandem von der Botschaft einen Kaffee trank, und schon war man registriert und als potentieller Kontakt eingetragen... Vierzig Jahre später mutierst Du dann zum geständigen Spion...

Falls also Hemingways Begeisterung für den Kommunismus 1941 einsetzte, so endete im gleichen Jahr die Tätigkeit des Agenten "Scott", dessen Identität nach jahrzehntelangen Spekulationen in England soeben aufgeklärt wurde: Arthur Wynn, das ist er nämlich, war ein pflichtbewusster hoher Funktionär ihrer Majestät. Gleichzeitig war er ein eifriger Lieferant von Informationen für den KGB, vorallem auch der Namen von eventuellen zukünftigen britischen Kandidaten für den Beruf des Spions.

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Wynn gehörte zum Oxford-Kreis, obwohl er ein Cambridge-Absolvent war. In Cambridge hatte er 1935 seine Frau Peggy getroffen, eine englische Kommunistin, nachdem eine erste Heirat mit einer deutschen Kommunistin (der Junge zeigte immerhin eine gewisse Neigung) in die Brüche gegangen war. Der Oxford-Kreis ist um einiges weniger vornehm in Sachen Spionage, als der von Cambridge: dort gab es Mac Lean, Philby, Blunt oder Burgess, lauter Gentelmen der Oberschicht, die London sehr viel Ärger machten und immens viel Gutes für Moskau vollbrachten, in welcher Stadt dann auch mancher von ihnen sein langes Leben anerkannt und ehrenvoll zu Ende bringen konnte.

Die Oxforder hatten weniger "Glück": in ihrer kleinen Gruppe zählt man drei Selbstmorde und einen ungeklärten plötzlichen Tod. Dies wohl auch, weil die Gegenspionage sie schon bald enttarnte. Wynn entkam dem fatalen Ende und lebte bis 2001. Vielleicht verdankt er sein Überleben dem KGB: die sowjetischen Dienste entließen ihn 1941, weil sie ihn als viel zu unvorsichtig betrachteten und auch als allzu begeistert...

Ganz entschieden: Nobody is perfect!

 

 

Mittwoch 29. Juli 2009

"Eine große Katastrophe..."

#161

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Die/der Reisende, die/der dieser Tage in der deutschen Hauptstadt ankommt, trifft auf düstere Mienen. Wenn sie/er obendrein noch in den deutschen Tageszeitungen blättert, hat sie/er wahrscheinlich nur noch den Wunsch, sofort wieder abzureisen: auf der ganzen Linie nichts als Chaos, Unglück, Crash, Dritte Welt, Krieg, Krise, Infarkt, Zusammenbruch, nie dagewesene Situation, Albtraum... Bei näherem Hinsehen tut sich tatsächlich ein Abgrund auf: die S-Bahn fährt nicht mehr oder, genauer gesagt, die S-Bahn fährt streckenweise nicht mehr! Die S-Bahn ist für Berlin, was die "petite Madeleine" für Proust war: sie bedeutet die Stadt, sie gibt ihr die Struktur, sie ist ihre Definition, sie ist ihre ständige Begleiterin.

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Die S-Bahn ist das Schienennetz der Eisenbahn in der deutschen Hauptstadt, manchmal unterirdisch, meistens jedoch in freier Luft und nicht nur gelegentlich auf einer Art riesigem Gürtel zwanzig Meter über dem Boden. Gleichzeitig ist sie dieser rot-gelbe Zug, niedlich wie ein Spielzeug, ausgestattet mit erfinderisch kolorierten Sitzbänken: das Design erinnert an Grafitti, eine jenseits des Rheins besonders populäre Kunst. Man glaubt offenbar den Künstler-Vandalen auf diese Weise begegnen zu können.

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In der Stadt, in der die Geschichte oder eine Geschichte auf Schritt und Tritt präsent ist, spielt die S-Bahn eine überragende Rolle: 1924 in Betrieb genommen, ist sie der Reihe nach das Symbol für Hitlers Triumph, für den kalten Krieg, für den Mauerfall. Reisende aus Ost und West trafen sich realiter und virtuell am Bahnhof Friedrichstraße, der Grenzstation: Endstation für die aus dem Osten, ohne Halt, mit Höchstgeschwindigkeit durchfahren von den Westlern.

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Zum Teil ist die jetzige, weitreichende Einstellung des Betriebs auf schlechte Wartung des Materials zurückzuführen. Insbesondere die Radreifen geben Anlass zur Sorge: am ersten Mai entgleiste ein Zug und trotz Anordnung der Überwachungsbehörde wurden Kontrollen und Materialersatz vernachlässigt. Von daher die Einstellung des Betriebs zu drei Vierteln und für unbestimmte Zeit, von daher der Kummer der Berliner. "Gegen Ende des Krieges, 1945, bedurfte es Tonnen von Bomben um die S-Bahn still zu legen. In Friedenszeiten reichen menschliche Nachlässigkeit und Unfähigkeit..." schreibt einer der bekanntesten Editorialisten des Landes, während der Direktor des Technikmuseums, Alfred Gottwaldt, ein Ereignis ohne Präzedenzfall beklagt. Time Magazine fragt gar: ist das unerschütterliche Vertrauen in deutsche Gründlichkeit etwa dem Untergang geweiht?

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Ich muss gestehen, dass die beunruhigte Reisende, die ich angesichts der verkündeten Einschränkungen war, sich nicht hat abschrecken lassen, sie hat die "nichtfahrende S-Bahn" in einer Woche gut zehn Mal benutzt. Die deutsche Gründlichkeit scheint doch noch Zukunft zu haben. Und Berlin auch.

 

 

Dienstag 11. August 2009

Ein russischer Obama?

#162

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Die Tageszeitung Njesawissimaja Gaseta (wörtlich: unabhängige Zeitung) scheint sich in diesem Sommer querfeldein zu bewegen. Nach den Schülern Stalins hat sie sich jetzt Joakim Krim vorgenommen, den seine Nachbarn, wie in Russland üblich, "Vassili Ivanovitch" nennen, der aus Guinea Bissao stammt und jetzt für die Kommunalwahlen in Wolgograd kandidiert (Wahlen im Oktober 2009), in eben der Stadt die früher den geläufigeren, gleichermaßen mythischen wie abschreckenden Namen Stalingrad trug. Der junge Mann, der einst in den fernen Südwesten Russlands zog, um hier ein Diplom in Pädagogik zu erwerben, regiert heute über einen florierenden Handel mit Wassermelonen. Eine Art russisches Gegenstück zum amerikanischen Traum. Und in seiner Umgebung, in der er zu einem Medienstar geworden ist, hört der Vergleich mit dem ewigen Freund-Feind Amerika damit nicht auf: Joakim Krim, genannt Wassili Ivanovitch ist zum Symbol für die "Afrorussen" geworden und zum zukünftigen Obama des Landes.

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Die Vergangenheit der Afrorussen reicht weit zurück: der teure Alexander Puschkin stammte von einem Sklaven ab, den man im Norden Kameruns gefangen genommen hatte und der den süßen Namen Abraham Hannibal trug. Dieser Urgroßvater avancierte zum Favoriten Peters des Großen. Als der Zar starb, fiel er in Ungnade, wurde ohne Aussicht auf eine Rückkehr nach Sibirien verbannt, floh und heiratete am Ende eine schwedische Adelige... Der Historiker Dieudonné Gnammankou (Benin) hat die Geschichte sehr schön in einer Biografie wiedergegeben: L’aïeul noir de Pouchkine (Der schwarze Vorfahre von Puschkin), erschienen im Verlag Présence Africaine. Ich frage mich, ob der Forscher nicht an der Moskauer Patrice Lumumba Universität studiert hat, die eigentlich Russlands Universität der Völkerfreundschaft hieß und im Februar 1960 gegründet wurde, als die Entkolonisierung in vollem Gang war. Zum Teil kommen die Afrorussen daher: die Institution wollte die Jugend der ehemals Kolonisierten einladen und damit dem fortdauernden Einfluss der alten europäischen Kolonialmächte entgegenwirken. Wenn diese Studenten wieder nach Hause kamen, wirkten sie oft zum Besten ihrer Länder aber manchmal auch standen sie hinter der schlimmsten ideologischen Ausrichtung.

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Manche hatten Nachkommen in Russland: sie verliebten sich, heirateten und bald tollten niedliche Kinder ungewohnter Hautfarbe in der Steppe. Heute versucht die Universität ihren alten Glanz und ihr früheres Ansehen zurückzugewinnen. Doch die kleinen Afrorussen haben es nicht leicht, sind oft Zielscheibe für den Rassismus einer Bevölkerung, die seit eh und je die "Ausländer" stigmatisiert, als "Schwarzgesichter" - Juden, Kaukasier, oder Neger - "Negr" ist immer noch die Bezeichnung für Schwarzafrikaner.

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Joakim Krim, genannt Wassili Ivanovich, lächelt zwar von einem Ohr zum anderen, muss aber in seiner neuen Berühmtheit der Gegenkampagne standhalten. Die Partei Wladimir Putins (dem er voll und ganz anhängt) hat ihn im Wahlkreis Sriednich Achtubach auf ihre Liste gesetzt, und dort ist er Zielscheibe der Kommunisten. Die "schwarze Gefahr" bringt die Vertreter der alten Ordnung und die Protestwähler in Unruhe. "Dieser Schwarze wird die Sympathien der Armen auf sich ziehen, die werden versucht sein, ihn zu wählen, schon um die gegenwärtigen Machthaber zu provozieren" stellt ein Vertreter der Lokalpartei nüchtern fest. Und Wladimir Kritski, ein selbsternannter Forscher in Sachen Anthroplogie der Afrorussen bestätigt das.

Trotzdem: Bei einem "Chat" der Wolgograder Sektion von Einiges Russland mit ihren jungen Wahlkämpfern Anfang August stach Joakim sämtliche Lokalmatadoren aus. Die jungen Surfer wollten nur mit ihm chatten und das Internet läuft jetzt heiß. Die Popularität des Kandidaten erstreckt sich bis an die Grenzen des Riesenlandes und darüber hinaus. Via Internet gewinnt er die Welt im Triumph: noch ein Punkt, der ihn mit Barack verbindet...

 

 

Mittwoch 2. September 2009

Geschichte aus der Sicht des anderen

#163

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Vor dem Anblick des bergigen Horizonts schrieb Blaise Pascal, Theologe im 17. Jahrhundert: "Was diesseits der Pyrenäen wahr, ist jenseits irrig..." Ein universeller Gedanke zu einer Relativität der Geschichte, die Europa derzeit, anlässlich der siebzigsten Wiederkehr des Datums mit dem der Zweite Weltkrieg begann, in neuer Abwandlung durchlebt. Im wesentlichen waren es Polen und Russen die über die Presse ihre Polemik austrugen, wobei sie seit dem Ende des Sowjetreichs, wenn man von der russischen Enklave Kaliningrad absieht, fast keine gemeinsame Grenze mehr haben.

1939 waren die beiden Länder noch über hunderte von Kilometern unmittelbare Nachbarn und die Jahrhunderte alte Feindschaft in ihren Beziehungen hatte mit der russischen Revolution eine neue Dimension gewonnen. An der Südwestflanke Polens rasselte Hitlerdeutschland mit den Waffen. Ein Jahr zuvor hatten England, Frankreich, Italien und Deutschland das Münchener Abkommen geschlossen und damit de facto die Annexion des Sudetenlandes durch Hitler anerkannt.

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Das dritte Reich trat in Verhandlungen mit Stalin ein, um sich für seine weiteren Eroberungspläne das sowjetische Stillhalten zu sichern. Die geschwächte Sowjetunion war nicht weniger einem Krieg abgeneigt als die Westmächte. Am 23. August 1939 unterzeichneten die beiden Staaten einen Nichtangriffspakt, legten aber gleichzeitig die Aufteilung ihrer Einflusssphären fest: Polen und Finnland wurden aufgeteilt. Durch dieses Abkommen gestärkt, marschierte die Wehrmacht am 1. September in Polen ein. Die Geschichte des Textes, der nach den Unterzeichnern auch Molotow-Ribbentrop-Pakt heißt, die Ursachen und Folgen des Schriftstücks, bringen heute Polen und Russland gegeneinander auf, genauer gesagt eine Fraktion der politischen Klasse Polens, mit dem gegenwärtigen Staatspräsidenten Lech Kaczynski an der Spitze, gegen Moskau. Wenn man der lautstarken, sehr katholischen und konservativen Minderheit Glauben schenken will, wurde der Zweite Weltkrieg durch den Nichtangriffspakt ausgelöst, also durch die Russen, die damit die Hauptverantwortlichen für die Katastrophe werden und - warum nicht - auch für den Genozid, womit die Deutschen ihrer überwältigenden Verantwortung für die Schrecken dieses Konfliktes enthoben wären.

Wladimir Putin ist zum Gegenangriff übergegangen und hat sich in der Gazeta Wyborcza an die Polen gewandt. Die große, bedeutende Warschauer Tageszeitung, die von ehemaligen Solidarnoscz-Leuten geleitet wird, hat dem russischen Premierminister sogar ihre Titelseite zur Verfügung gestellt. In einem langen Beitrag macht er aus der moralischen Verwerflichkeit des Abkommens kein Hehl, stellt es aber in den historischen Zusammenhang mit den Zugeständnissen auch der Westmächte an das Dritte Reich. Gleichzeitig haben sowjetische Geheimdienste kompromittierende Aufzeichnungen von polnischen Politikern der damaligen Zeit veröffentlicht, aus denen eine sehr ärgerliche Hinneigung zu Deuschland hervorgeht...

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Bei den Feierlichkeiten zum 1. September wollte Wladimir Putin offenbar mit rhetorischem Aufwand dem Streit ein Ende setzen: "Es bringt nichts, aus verschimmelten Brötchen die Rosinen herauszupuhlen". Eine eher nationalistische russische Presse applaudiert ihm. Sein polnischer Amtsbruder Donald Tusk drückte sich eleganter aus: "Vom ersten Augenblick an zeigte sich in unserem Gespräch unter vier Augen, das wir einen Schritt weiter gekommen sind in einer gemeinsamen Sicht auf unsere Vergangenheit im Hinblick auf bessere Bedingungen für den Aufbau unserer Zukunft."

 

"...legten aber gleichzeitig die Aufteilung ihrer Einflusssphären fest". Ich würde allerdings auch denken, dass die deutsche Regierung ohnehin auf Krieg im Osten aus war, dass nachdem die Verhandlungen mit den Westmächten immer wieder scheiterten, einer sowjetischen Regierung, die zur hinreichenden Aufrüstung der Streitkräfte Zeit zu gewinnen trachtete, ein Pakt mit Deutschland letztendlich als der Ausweg erschien, der dem Land eine strategishe Pufferzone sicherte, die gleichzeitig dem deutschen Eroberungswillen Grenzen setzte (ein Ausweg der auch die Rüstungslieferungen aus den Skodawerken weiterhin garantierte). Wenn Maxim Litwinow (1876-1951), Molotows Amtsvorgänger, sein Bestes tat, um mit dem Westmächten zu einer Koalition zu kommen und wohl kaum für ein Stillhalteabkommen mit Nazideuschland sein konnte, hat er doch bitter erfahren müssen, das im Westen Kräfte von der Vorstellung ausgingen, Faschisten und Kommunisten könnten sich militärisch aneinander aufreiben und so erst einmal die "Weltrevolution" aus der Welt schaffen.

 

 

Donnerstag 17. September 2009

20 Minuten, die die Welt veränderten (und heute Kanada zu verändern drohen)

#164

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Der 13.September 1759 - zweihundertfünfzig jahre nach diesem Schicksalstag rüsten die Kämpfer um die Abraham- Ebene erneut zum Streit und das an allen Fronten: historisch, politisch, und warum nicht auch militärisch. An jenem Septembertag mitten im siebenjährigen Krieg, in dem sich im wesentlichen England und Frankreich gegenüber standen, sprengten die britischen Truppen unter Führung von ihrer allergnädigsten Majestät General James Wolfe unterhalb der Stadt Quebec in zwanzig Minuten die Schlachtordnung der französischen Armee mit einem Blitzangriff. Oder vielmehr, mit einem "Nichtangriff". Wolfe stellte dem Gegner, dem Marquis Louis-Joseph de Montcalm, eine Falle als er seine Truppen in Schlachtordnung brachte und dann abwartete. Als Montcalm um zehn Uhr morgens zum Angriff blasen ließ, ist die Schlacht bereits entschieden, zumal die einen den anderen auch zahlenmäßig unterlegen sind. Die Britten haben französisch Kanada im Sack: die angelsächsische Weltherrschaft kann beginnen !

Grandiose Feierlichkeiten zur Erinnerung an dies Ereignis geben Anlass zu lebhaften Diskussionen, die sich in der kanadischen Presse, in der frankophonen wie in der englischsprachigen widerspiegeln. Als erste steigen Historiker in die Kontroverse ein. In Frankreich, in Kanada, in Großbritannien scheiden sich die Geister an zwei Auslegungen: welche Bedeutung hat die Schlacht, welche Bedeutung hat der ganze Krieg? Ging Kanada wirklich mit den Kämpfen in der Abraham-Ebene aus dem französischen ins britische Imperium über? Und war der siebenjährige Krieg nicht gar der erste Weltkrieg?

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Auf die erste Frage antworten manche, dass die Würfel bereits gefallen waren, dass die Franzosen strategisch schon verloren hatten, das Ludwig der fünfzehnte schon entschlossen war, die fernen Ländereien aufzugeben - wie Voltaire sagte: "Glücklich kann Frankreich auch ohne Québec sein". Andere wehren sich gegen diese Vorstellung, ja überhaupt gegen den Gedanken an eine Art Pseudo-Aufgabe - niemals hätte Frankreich, selbst nicht im tiefsten Unterbewußtsein, derartig schlechte Absichten gehegt.

Auf die zweiten Frage hat der Forscher Jonathan R. Dull mit einem sehr detaillierten Buch über den siebenjährigen Krieg eine sehr gründlich ausgeführte Antwort: ja, es handele sich mit den Worten Winston Churchills um den "ersten tatsächlich weltweiten" Krieg. An zwei Schauplätzen, in Nordamerika und in Europa, standen sich zwischen 1754 und 1762 Frankreich, Großbritannien, Preußen, Österreich, Russland und Spanien gegenüber, um nur die Hauptbeteiligten zu zitieren.

Andere jedoch geben einer anderen Riesenmetzelei den Vorzug und setzen den Cursor für die erste weltweite Apokalypse ein Jahrhundert später, 1855, auf den Krimkrieg. Da ziehen Ottomanen, Engländer, Franzosen und Sarden mit ihren Armeen vereint gegen die Russen. Die industrielle Revolution bringt schwere Waffen ins Spiel und jetzt geht es (bereits) darum, den Orient an einer Vorherrschaft zu hindern...

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Auf aktuellerem und wackligerem Boden entfacht die Schlacht auf der Abraham-Ebene aufs neue alte Feuer: anlässlich der (sich wahrhaft grandios ankündigenden) Feierlichkeiten wird ein vierundzwanzigstündiger Lektüremarathon den Tatort beschwören. Da soll auch das Unabhängigkeitsmanifest der Befreiungsfront von Quebec, das in den sechziger Jahren zum bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit oder gar zum Terrorismus aufrief, zum Vortrag kommen. Manche Mitglieder der Quebecpartei sehen darin eine Provokation, wie auch in der Idee, die Schlacht nachzupielen. Während Jean Charest, der gegenwärtige Ministerpräsident von Quebec ganz einfach die Feierlichkeiten boykottiert und seine Regierung die Unterstützung von 22 000 kanadischen Dollar für das Ereignis zurücknimmt: die illusorische Zurückweisung einer Gewaltbereitschaft, die sehr reell ist.

Für andere Separatisten und für die Organisatoren wie auch für die vorgesehenen Lektoren steht dieser Text, so gewalttätig wie er ist, ganz wie die Schlacht der Ebenen von Abraham für die bewegte Geschichte dieses scheinbar so friedlichen Landes...

Zur Lektüre empfiehlt sich die spannende Serie von Christian Rioux für Le Devoir zum 13 September 1759

S. a. das Sujet zum Krimkrieg auf der Webseite AlephTV

Schließlich zum aktuellen Stand der Polemik um die Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Schlacht auf der Abraham-Ebene: die National Post.

 

 

Sonntag 20. September 2009

Schuhprobleme

#165

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Während ein paar kräftige, männliche Treter, eine Art Wander- oder gar Arbeitsschuhe , Schlagzeilen machen, macht die Londoner Times mit schwarz-roten Sandalen auf. Einerseits also der neue Held moderner Zeiten, Muntazer al-Zaidi, der nämlich, der dem amerikanischen Präsidenten seinen Schuh ins Gesicht geworfen und für diesen "Coup" verurteilt wurde, wurde aus dem Gefängnis entlassen, zur Freude aller seiner Fans weltweit und aller Zeitungen im Mittleren Orient.

Andererseits eine Londoner Tageszeitung, die zum nämlichen Datum ihre Titelseite einer ernsten Problematik der öffentlichen Gesundheit widmet: den hohen Absätzen!

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Seit 1868 trifft sich in England einmal jährlich der Gewerkschaftskongress, der TUC, Trade Unions Congress und klärt ab, welche Kämpfe anstehen, um welche neuen Rechte es gehen soll. Das Ereignis ist so bedeutsam, dass kein Premierminister es wagen würde, nicht zu erscheinen. Also schickte sich die erlauchte Versammlung am letzten Dienstag, dem 15. September an, Gordon Brown zu hören. Damit die Wartezeit nicht zu lang wurde, stiegen zwei Delegierte aufs Podium und lancierten einen bewegenden Appell: "Schluss mit hohen Absätzen"! Lorraine Jones von der Podologenvereinigung trug flache Pantoffel und geisselte erst einmal Industrie und Handel, die Frauen zwängen auf Stelzen zu gehen, Verkäuferinnen etwa oder Stewardessen. "Wenn solche Schuhe an anderen Füßen, zum Beispiel denen von Männern, sitzen würden, würde das niemand dulden."
"Das ist kein triviales Problem", schloss sie: "Zwei Millionen Arbeitstage gehen jedes Jahr wegen Bein- und Fußproblemen (Hornhautbildungen, Hühneraugen, Meniskuszerrungen, Bandscheibenschäden) verloren." Zwei Millionen Arbeitstage entsprechen in der Wirtschaft 300 Millionen Pfund Sterling oder 338 Millionen Euro, rechnen uns Suzy Jagger und Will Pavia, die Autoren des Beitrags in der Times vor.

Prompt hat die Fluggesellschaft Virgin Atlantic offiziell dementiert, dass sie ihre Stewardessen zwänge, Schuhe mit hohen Absätzen zu tragen: "Manche mögen ja die Passagiere in solchen Schulen empfangen aber die Mehrheit trägt auf dem Flug schon aus Sicherheitsgründen notwendiges und wesentlich bequemeres Schuhwerk". Soviel dazu.

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Dieser Streit, der sich feministisch gibt, gilt erst einmal einem schwarzen Schaf der Rednerinnen, der Tory-Abgeordneten Nadine Dorries. Mary Turner, die Präsidentin der GMB, einer der größten Gewerkschaften jenseits des Ärmelkanals, klagt die Abgeordnete an, das arbeitende weibliche Geschlecht zu verraten, wenn sie vor ihren männlichen Kollegen auf sehr, sehr hohen Absätzen einherstolziert. "Wenn Sie es nötig haben, vor ihresgleichen in unverschämt teuren Sandalen zu stolzieren, ist das ihre Sache. Unsereins will aber unverbogen auf beiden Füßen stehen!" Die Parlamentarierin verteidigt sich: "Ich bin so klein, ohne meine Absätze findet mich niemand mehr. Ich messe kaum einmetersechzig... ich würde den Tötungsinstinkt der dominanten Männchen, der Parlamentsmehrheit, nur noch fördern."

Die Diskussion ist eröffnet!

Wir können den Akteurinnen weiteren Diskussionsstoff liefern: ein Erlass des (französischen) Staatsrates verurteilt die Pariser Transportgesellschaft zu Schadenersatz für Passagiere mit Fußverletzungen ... durch Stöckelschuhe.

 

 

Freitag 25. September 2009

Nur zu, meine Herren Engländer...

#166

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Im Land des perfiden Albion macht man sich dieser Tage aus vollem Herzen über Frankreich lustig, schadenfroh und leichtfertig... Zunächst ging der Schuss gegen unseren ehemaligen Präsidenten Valery Giscard d’Estaing los und gegen sein neuestes Opus, in dem in verschleierter Form von einer zurückliegenden Idylle mit Prinzessin Diana die Rede ist. Die Britten haben laut gelacht, wie es scheint, und von der Fantasie eines "alten Lüstlings" gesprochen. Über das literarische Talent des Autors haben sie sich nicht weniger mockiert als über seine virilen Erfolgserlebnisse. "Und wenn es stimmt?" schlägt der Figaro zurück, wobei er sich auf ein paar rätselhafte Bemerkungen von jenseits des Grabes stützt...

Ganz abgesehen von dieser Anekdote kann ich meinen englischen Kolleginnen und Kollegen nur sagen, dass nur wenige ehemalige Staatschefs nicht über vergangene Zeiten lamentieren und mit Bitterkeit merken, wie sie in Vergessenheit geraten. Besonders in Frankreich, wo der Staatspräsident quasi Heiligkeit genießt. Ich muss sagen, dass mir Valery Giscard heute mit seinen Groschenromanen und seinen regelmäßig wiederkehrenden Auftritten in der politischen Arena, wenn er dabei sein politisches Mandat aufs Spiel setzt, wesentlich sympathischer ist, als in Zeiten seines beinah königlichen Ruhms...

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Die zweite Zielscheibe war Dominique de Villepin (wir bleiben bei der richtig falschen Aristokratie französischer Prägung). Die Financial Times zeigt die schlanke Gestalt auf der Titelseite. Das weltweite Referenzblatt lässt auch nicht den kleinsten Fitzel vom Shakespear-würdigen Feuilleton Clearstream aus... Die Redaktion publiziert ihre Serie unter dem Titel "Intrige, Streit, Brudermord und Rachegelüste in der französischen Elite". Ben Hall, einer der Leitartikler der Zeitung führt eine leicht gallige Feder: "Warum soviele Affairen? Frankreich findet an nichts mehr Gefallen als an Intrigen und die mangeln nicht im Fall Clearstream. Das Land hält den Atem an, die Medien berichten ohne Unterbrechung. Eine Abrechnung zwischen einem schmucken ehemaligen Premierminister und einem amtierenden Staatspräsidenten ist ein garantiert erfolgreiches Theater (...) Monsieur de Villepin ist überzeugt, dass Monsieur Sarkozy alles getan hat, um ihn am politischen Aufstieg zu hindern, auch unter Missachtung der Gesetze. Tatsächlich ist des ersteren Karriere zu Ende, während letzterer die Szene in Frankreich beherrscht. Aber Rache ist ein kaltes Gericht..." auch vor dem Richter...

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Schließlich fehlt in der europäischen Presse und besonders in der Londoner auch nicht das Echo auf die Zerstörung der Slumstadt für Immigranten, für Menschen auf dem Weg zu ihrem Traumland Großbritannien, die man das Jungel von Calais genannt hat. Das war was man wollte, nämlich den Medienrummel. Aber anstatt damit bei unseren Mitbürgern auf der anderen Kanalseite Gefallen zu finden beklagen die sich meistens über die Brutalität des Akts. Mit Sicherheit am deutlichsten The Independent: "Erst greift die Polizei an, dann kommen die Bulldozer. Im Handumdrehen ist das Lager am Stadtrand von Calais verschwunden. Auf beiden Seiten des Ärmelkanals denken die Politiker, dass damit wenigstens für ein Jahrzehnt der Kampf mit der illegalen Einwanderung erleichtert wird. Wennn das nur so einfach wäre!" Der Leitartikler erinnert an die beiden Umstände, die derartige Trauerspiele unwirksam machen: die Gewalt, die in den Herkunftsländern herrscht und die Illusion, dass sich angesichts der ökonomischen und politischen Misere die Zuwanderungsflüsse kontrollieren ließen. "Man kann wilde Lager zerstören und mit verzweifelten Menschen überfüllte Schiffe zurückschicken, aber das ist keine Politik sondern nur der Ausdruck einer moralischen Pleite."

Dazu ein letzter Blick aus Belgien mit dem Auge von Kroll für Le Soir:

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Donnerstag 1. Oktober 2009

Der Chor der Klagemänner

#167

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"Stirbt der Sozialismus?" Mich gruselte, als ich am Tag nach der Niederlage der Sozialdemokraten in Deutschland und am Tag bevor Gordon Brown der englischen Arbeiterpartei den Todeskuss verpasste, diesen Aufmacher der Herald Tribune entdeckte... Dann gruselte es mich noch stärker, als ich den ersten Satz des Artikels las: "Ein Gespenst geht um in Europa..." Also, die International Herald Tribune kennt ihre Klassiker, nimmt die gute alte Formulierung, mit der Genosse Marx das Kommunistische Manifest einleitete, und dreht sie um zum Abgesang. IHT zufolge ist das, was da in Europa umgehtt, nicht mehr das Gespenst des Kommunismus, sondern dessen Ende, eine Art Geist, der von einem Land zum anderen springt, von den sich verzettelnden französischen Sozialisten zur orientierungslosen deutschen SPD oder zur deprimierten Labourpartei. Und das genau dann, wenn der Kapitalismus Pleite geht, setzt Steven Erlanger, der Totengräber der europäischen Linken, noch eins drauf. Er stützt seine These sogar mit einem Zitat von Bernard Henri Levy, der anfangs des Monats verkündete, die französische sozialistische Parei sei tot. Die Referenz signalisiert wohl nicht nur den Tod des Sozialismus, auch das Denken scheint am Ende ...

Der Leitartikler mag seinen Spaß daran haben, die neuerlichen Katastrophen aufzuzählen: "Wo die linken Parteien die Macht haben, sind sie heftigen Angriffen ausgesetzt wie in Spanien oder in Großbritannien. Und dort wo sie nicht mehr an der Macht sind, in Frankreich, in Italien, und nun auch in Deutschland, sind sie müde und zerstritten ." Umsomehr, als die Rechte in diesem alten Europa den Linken die Ideen klaut, meint unser Analytiker zum Schluss...

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Die europäischen Tageszeitungen geben den Kassandren, die das Ende des abendländischen Sozialismus verkünden, Wasser auf ihre Mühlen. "Ein letztes Mal die Würfel!" schreibt der Guardian zu Gordon Brown, wo das Blatt aus Manchester doch seit eh und je auf Seiten der Arbeiterpartei steht. "Am Rande des Abgrunds!" sagt die Times, deutlich weniger versöhnlich.

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Jenseits des Rheins ruhen die Klagemänner auch nicht. Die sehr seriöse, aber auch konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, bedient sich einer ungewohnten Sprache, wenn sie über die Zukunft der Sozialdemokratie sinniert: "Was bleibt zurück von solchen Hahnenkämpfen, wenn gar eine der Hauptfiguren der SPD, Franz Müntefering, die Opposition, also seine eigene Partei als einen "Misthaufen" bezeichnet. Da fragt man sich doch, wer da oben auf dem Misthaufen krähen wird?"

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Die Tageszeitung titelt wenig schmeichelhaft "Der Halbstarke" und attackiert heftig die alten Genossen der Sozialdemokratie in ihrer Führungsriege mit Männern wie Frank-Walter Steinmeier und Gerhard Schröder, die die deutsche Linke in die Katastrophe geführt hätten.

Merkwürdig nur, dass niemand den Aufstieg bemerkt oder bemerken will, den neue Parteien weiter links nehmen, wie Die Linke und vorallem, wie beträchtlich die Wahlbeteiligung schwindet. Ein Gespenst geht um in Europa, nämlich das Gespenst der Wahlenthaltung...

 

 

Mittwoch 28. Oktober 2009

Von oben nach unten und umgekehrt...

#170

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Über zwei schlechten Nachrichten trennten sich letzte Woche die Berliner (aufs neue) und die Petersburger (so heftig, dass der Winterpalast wackelte) in zwei Lager.

In Berlin scheint eine weit über die Stadt hinaus verbreitete Einrichtung aufs schlimmste bedroht: die Schrebergärten. Seit dem 19ten Jahrhundert erstrecken sie sich entlang der Spree, an Waldrändern, an Bahndämmen oder auch an den Ufern der Seen in der Umgebung der Stadt. Gegen Ende des 19ten Jahrhunderts hatten Arbeiter begonnen, verwaistes Bauland zu besetzen um dort Kartoffeln zu pflanzen. In der berechtigten Hoffnung, dass damit auch die sozialen Spannungen in der Stadt abnehmen würden, wurde die Aktion von den Behörden toleriert. Zu Zeiten der Weimarer Republik beanspruchten die Schrebergärten zirka 6200 Hektar, doppelt so viel wie gegenwärtig.

Andere europäische Länder ließen sich von einem Modell, das produktive Freizeitgestaltung bedeudete, inspirieren.

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Aus dem Spiegel erfahren wir jetzt, dass der Berliner Senat (wenn man so will der Aufsichtsrat der Schrebergärten), um die Schulden der Stadt zu bezahlen, dabei ist, ein fünftel der Blumen und Gemüsegärten an Grundstücksmakler zu verkaufen. Ehrlicherweise muss man sagen, dass die idyllischen kleinen Landstücke kaum noch von Familien, die sie zum Überleben brauchen, beackert werden. Heute dienen sie eher der Erholung gestresster Mittelschichtstätter. Sie sind sozusagen die Landsitze gleich neben an. Abgesehen von, im Sommer manchmal sehr aggressiven, Mücken bieten die Häuschen und auch ihre Bewohner eine liebenswürdige Umgebung.

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Die Stadt verlangt von den Pächtern (es gibt keinen Besitz bei diesem Sozialprojekt) nur, dass ein Viertel der Fläche dem Gemüse- und Obstanbau gewidmet wird. Dabei wird allerdings nicht verlangt, dass man auch erntet... Peter Ehrenberg, Präsident eines Vereins von 500 000 solcher Sonntagsgärtner, fordert von den Behörden, dass sich bis 2020 nichts ändere. Er verweist auf die vielen guten Seiten dieser Gärten, auf ihre Umweltfreundlichkeit, auf die Bedeutung für die Vogelwelt und nicht zuletzt seien sie ein wohlfeile Einrichtung für körperliche Betätigung... Bis jetzt scheint erst ein einziges dieser kleinen Paradiese dem Untergang geweiht.

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Weiter nördlich, in Sankt Petersburg bringt ein Wolkenkratzer die Gemüter der Bewohner des einzigartigen, makellosen Beispiels zaristischer Architektur in Wallung, und mit ihnen fast das ganze Land... Ungefähr 3000 Personen demonstrierten letzte Woche in Peterburg gegen das Vorhaben von Gasprom (dem in seinem Gewicht in Russland kaum zu überschätzenden Medien- und Energiekomplex), im historischen Zentrum der Hauptstadt des alten, zaristischen Russland einen Wolkenkratzer zu errichten. Der Pfeilbau aus Glas soll 400 m hoch werden und würde die geometrischen Perspektiven, in gewisser Weise die Rechtwinklichkeit eines Juwels im Weltkulturerbe zerstören.

"Geschichte ist wichtiger als Geld" proklamieren die Gegner des Projekts. Die Unesco warnt ihrerseits, dass der Bau des 77 stöckigen Glasturms den Status von Petersburg als Weltkulturerbe in Frage stelle. Doch die Behörden sehen in dem "Ochta-Zentrum" einen wichtigen Schritt in der Stadtentwicklung.

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Andererseits ist der russische Kulturminister Alexandre Awdejew höchst persönlich ein Gegner des Vorhabens und verlangt von der Justiz die Prüfung auf eventuellen Verstoß gegen föderale Gesetze. Das erklärte er in einem Interview mit der Wirtschafts-Tageszeitung Kommersant.

Nach einer Umfrage des Allrussischen Meinungsforschungszentrums bei 12 000 Petersburger/inne/n waren diese Woche 18 % für den Bau des Wolkenkratzers und 77 % wollten die Ästhetik der Stadt gewahrt sehen.

Und was wäre, wenn die luftige Architektur des Gebäudes den Stadtperspektiven nichts von ihrer Schönheit nehmen würde. Und eine Stadt von ganz verschiedenen Zeiten zeugen würde?

 

Anmerkung des Übersetzers:

Aus Wikipedia lässt sich entnehmen, dass erste "Armengärten" 1806 quasi "von oben" auf Anregung des Landgrafen in Kappeln an der Schlei angelegt wurden, dass in der Mitte des Jahrhunderts ebenso in Berlin Laubenkolonien und Arbeitergärten, auch Eisenbahnergärten eingerichtet wurden. In Leipzig entwickelte der pensionierte Oberlehrer Heinrich Karl Gesell eine Elterninitiative "von unten", die 1869 in noch frischer Erinnerung an den Leipziger Orthopäden und "Erziehungsenthusiasten" als "Kleingartenanlage Dr. Schreber" Vereinsstatus erlangte. Dass Schreber mit seinen ziemlich populären Erziehungsschriften auch schlimme pädagogische Ansichten vertrat ("schwarze Pädagogik"), deren Gewicht in der Anamnese der psychischen Leiden der eigenen Kinder zum Vorschein kommt, ist hinlänglich bekannt - oder auch nicht.
Übrigens spricht der französische Text nicht von Schreber- sondern nur von Arbeitergärten (jardins ouvriers), die "neutrale" deutsche Bezeichnung wäre vielleicht "Kleinkärten"...

 

 

Sonntag 29. November 2009

Schafft mir den Penis weg, ich will ihn nicht sehen: die Stunde der perversen deutschen Opas

#174

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In dieser Woche Polemik auf allen Ebenen der deutschen Presse, Polemik um Bilder, Kult- oder gar Kunstbilder, falls es sich nicht doch um "Schinken" handelt... Über dem zwanzigsten Jahrestag des Berliner Mauerfalls hat man den sechzigsten Jahrestag der Bundesrepublik Deutschland fast vergessen. Im allgemeinen und wohl inszenierten Herumtrampeln auf dem dahingegangenen sozialistischen Deutschland bildete allerdings eine kleine Figur die Ausnahme: das Sandmännchen hat 50 Jahre auf dem Buckel und noch alle seine Zähne und gehört zu den wenigen auf Seiten des Ostens, die als Sieger aus dem Kalten Krieg hervorgingen. Das Sandmännchen erschien, zittrig und in Schwarz-Weiß, zum ersten Mal am 22. November 1959 auf den Bildschirmen der DDR. In wenigen Wochen hat es seinen kapitalistischen Konkurrenten zum abgestandenen Püppchen an die Wand gespielt.

Halb Zwerg, halb altes Männchen, ein umtriebiger Held: der Sandmann erscheint jeden Abend um 19 Uhr, just bevor die Eltern ihre Nachkommenschaft mit einem endgültigen "Jetzt aber Schluss, der Sandmann ist vorbei!" ins Bett befördern. In gewisser Weise ein Vorläufer vom französischen "Gute Nacht ihr Kleinen". Am Ende der ersten Episode fiel der Sandmann totmüde in den Schnee und schlief gleich ein. Daraufhin schrieben ihm damals viele Kinder und boten ihm ihr Bett an. Seit der zweiten Sendung kehrt der Sandmann daher jedesmal heim in sein gemütliches kleines Haus. Im Westen, auf der anderen Seite der Mauer, hatte er genau so seine Liebhaber/innen wie im Osten: das war der zweite kommunistische Sieg nach der erfolgreichen Raumfahrt von Sputnik 1.

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Die Sandmann-Serie wurde nie unterbrochen, weder an Feiertagen noch in den Ferien, nur wenn einer der Oberen des Regimes das Zeitliche segnete. Nach der deutschen "Wiedervereinigung" gab es Leute die tabula rasa machen und auch den Sandmann streichen wollten: sie hatten das Nachsehen: über den ehemaligen Eisernen Vorhang hinweg erhob sich ein wahrhafter Aufstand."Der massive Protest von Fernsehzuschauern jeden Alters brachte den Sandmann zu neuem Leben und jetzt durchquert er ganz Europa vom Baltikum bis zu den Alpen", freut sich Martina Wünsch, eine der "Mütter" der Figur... Natürlich hat der geschlechtslose kleine Mann sich in der Konsumgesellschaft (sehr gut) entwickelt: jetzt verfügt er zum Beispiel über einen geradezu überwältigenden Fuhrpark an Fahrzeugen zu Wasser, zu Land und in der Luft, ausgerüstet mit den phantastischsten, futuristischen Gadgets...

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Sagten wir futuristisch? Was denken Sie von diesem zukunftsgerichteten Pfeil, den eine der weniger gelesenen Tageszeitungen Deutschlands auf ihren sehr viel populäreren Konkurrenten gleich nebenan in einer Berliner Straße abschießt? Die TAZ, das deutsche, wenngleich radikalere, Äquivalent der Pariser Libération, immer noch im Besitz seiner Macher und Leser, hat den Kollegen von der Bildzeitung ein Denkmal vor die Nase gesetzt, diesem (wenngleich ein bisschen anrüchigen) Schmuckstück der Springergruppe, berühmt wegen seiner Meldungen "aus der Gosse" und politisch ziemlich rechts, aber hundert mal mehr gelesen als die TAZ (siehe auch Günter Wallraffs Buch, französisch verlegt bei Maspero mit dem Titel "Le Journaliste indésirable").

Der riesige Penis markiert die neueste Etappe eines gnadenlosen Kampfes, den die beiden Tageszeitungen seit sieben Jahren um die Person von Kai Diekmann, dem Leiter von Bild, führen. Die deutsche alternative Szene verabscheut diesen Mann und die TAZ hatte 2002 in einem Artikel versucht, ihn lächerlich zu machen, er habe seinen Penis durch eine Operation verlängern lassen, die allerdings, derselben Quelle zufolge, schief gegangen sei...

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Kai Diekmann hatte daraufhin geklagt und hatte vor Gericht erreicht, dass die ruchlose Meldung überall und bis in die Archive getilgt wurde. Doch jetzt, nach sieben Jahren hat eben jener Diekmann selbst in seinem Blog das Originalpapier der TAZ veröffentlicht. Das den Grünen nahestehende Blatt findet prompt, dass der Witz damit Gemeingut geworden ist und schmückt sein Gebäude mit der riesigsten Erektion, will heißen der von Kai Diekmann, umrahmt von Personen und Skandalen, mit denen Bild seine Geschäfte gemacht hat. Das Kunstwerk stammt aus der Hand von Peter Lenk und trägt den hübschen Titel "Friede sei mit euch". Wenn er aus dem Fenster schaut kann der Pressechef jetzt täglich stolz sein auf eine solche Vitalität, denn die Fassaden der feindlichen Brüder stehen einander gegenüber...

 

 

Mittwoch 9. Dezember 2009

Mein Leben lang hab ich davon geträumt, Stewardess zu sein...

#175

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... mein Leben lang habe ich geträumt, den Hintern in die Luft zu heben ("les fesses en l’air": ein lustiger Ausdruck für den Geschlechtsakt d.Ü) sang Jaques Dutronc. Und nun ist daran bald nicht mehr zu denken: aus dem Miami Herald erfahren wir, dass das amerikanische Innenministerium immer mehr Drohnen einzusetzen gedenkt, diese Flieger mit den langen Flügeln, die keine Piloten haben und weder Bord- noch Backbord-service ...

Die neuen Raubvögel sollen vorallem entlang der Grenzen fliegen und die Meere überwachen (I join the Navy to see the world! And what did you see??? I saw the sea...). Die Armee hat in eine ultrahoch entwickelte neue Generation solcher Maschinen investiert und rechtfertigt die ausgegebenen Unsummen damit, dass Schmugglern das Handwerk gelegt werden soll. Bekümmerte Geister meinen aber, dass es auch um Grenzgänger ohne Papiere, auf der Suche nach einem besseren Leben, gehe...

Glaubt man den Planern, so kann der neue, mit Radar, Kameras und Bewegungsdetektoren ausgestattete Apparat alles. Warum nicht auch seinen Zielpersonen eine Tasse Kaffee servieren? Sagen wir so eine Art Amme für Wegläufer sein? Das erste Stück der Serie wird in Florida im kommenden Januar starten. Unmittelbar danach folgt ein zweites über dem Golf von Mexiko, wo das Meer so blau und die Piraten so sympathisch scheinen.

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Die drei Mädchen, die da auf der Titelseite der Jerusalem Post vom selben Datum lächeln, können sich problemlos für die Flugbegleiterinnenlaufbahn bewerben, trotz ihrer Uniformen ohne falsche Fältchen... Die drei jungen Frauen sind die Töchter eines verstorbenen Chronisten der Zeitung, eines Menschen von beißendem Witz, dem seine Nachkommenschaft immerfort eine Anregung war. Echte Drillinge, die sich die Devise der drei Musketiere buchstäblich zu eigen machten: Alle für eine, eine für alle. Insbesondere, wenn man in der Schule bei der Anwesenheitskontrolle aufzustehen hatte, dann nämlich anstelle der(er), die gerade schwänzte(n)... Diese kleine Widerstandstat war Papas Stolz.

Aber nun ist der Papa tot und aus den Kleinen sind hochgewachsene junge Frauen geworden, die ihre rebellische Haltung abgelegt haben und in die israelische Armee eingetreten sind, nachdem sie zusammen die Militärschule, das Jerusalemer Gymnasium, ihr weiteres Studium auf der Militärakademie des Jordantales absolviert haben und sich immer auch zusammen die gleichen existentiellen Fragen gestellt haben: wir sind gläubig, dürfen wir Waffen tragen? Der Journalist, der sie interviewte, hatte etwas Mühe, einfache Antworten zu erhalten: zu jeder Frage war die Antwort ein Satz, der in drei Teile zerfiel, das Subjekt sprach Odelia, das Verb kam von Nomi und Donna äußerte den Schluss.

Die jungen Damen konnten leider nicht demselben Regiment zugewiesen werden. Aus ists mit der Zaubernummer, wenn zum Apell geblasen wird...

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Freitag 18. Dezember 2009

Meer, Sex und Sonne

...oder wie man sich in Russland über eventuelle Regellungen an der ägyptischen Riviera entrüstet.

#177

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Wer sich entrüstet weiß warum. Montag, der 14.Dezember 2009. Silvio Berlusconi kuriert seine Verwundungen, Europa erstarrt in der Kälte, die Moskovskaya Pravda, die Mospravda, wie sie liebevoll genannt wird (wörtlich auch "Moskauer Wahrheit"), widmet einen langen Artikel einem ganz wesentlichen Lebensaspekt der Russen im Ausland: den sexuellen Annehmlichkeiten in den Badeorten des Roten Meeres. Die Mospravda wurde in der Revolution (1918) geboren, in einer Zeit, in der extreme Verschämtheit und Pruderie einhergingen mit proklamierter sexueller Befreiung, bei den Revolutiären, wie bei den Konterrevolutionären. Die Zeitung überstand alle Umwälzungen der Perestroika und gehört heute einem Ensemble von Journalisten und freien Mitarbeitern. Ihre Titelseiten fallen immer aus der Reihe, der Stil manchmal auch. Was ihrer weiten Verbreitung mit 300 000 Exemplaren in der russischen Hauptstadt keinen Abbruch tut.

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Also: Marina Savielieva fährt großes Geschütz auf gegen Volk und Regierung Ägyptens, weil man dort an einem Gesetz strickt, dass den unverheirateten Paaren das süße Strandleben im feinen, weißen Sand verbieten soll: "An den Stränden der strengen Moral untersagen Ägyptens Machthaber außerehelichen Sex". Der Artikel basiert auf der tatsächlichen Nachricht einer russischen Presseagentur über die Forderung einer militanten, streng islamischen Vereinigung, nicht verheirateten Männern und Frauen das Doppelzimmer zu verbieten. Die Reservierung für Personen gleichen Geschlechtes wäre dagegen ohne weiteres möglich...

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Die Journalistin ist überzeugt, dass, wenn es tatsächlich zu so einem Verbot kommt, die Russen den Ägyptern den Vogel zeigen und denken würden, die seien ja verrückt geworden, sich selbst eine Kugel ins Bein zu schießen und ihre größte Einkommensquelle, den Turismus (11,1% des BSP)mit derartigen Einschränkungen zu belegen. Man muss dazusagen, dass die Russen besonders scharf sind auf die warmen Wasser und Felsen des Roten Meeres, die ihre Geldbörsen wesentlich weniger belasten als jedes andere Wasser- und Sonnenparadis... 2008 konnte Ägypten im Glanz seiner mehrtausenjährigen Geschichte 13 Millionen Besucher begrüßen, und die Russen standen mit 1,8 Millionen an erster Stelle.

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Jetzt gehen den aus der Kälte kommenden potentiellen Reisenden unausgesetzt Fragen durch den Kopf: wie wollen die denn feststellen, dass man nicht verheiratet ist? Müssen wir uns nächstens uniformiert kleiden, wenn wir nach Ägypten reisen wollen? Sind die Kurorte wie Hrghada oder Sharm-el-Sheikh nicht eigens für die Touristen entstanden? Moskauer Reiseagenturen lassen wissen, dass sie die Sache nicht sehr ernst nehmen... Die Ägypter wären nicht die ersten mit derartigen Verboten: auf dem Berg Athos, den ein Handvoll alter orthodoxer Mönche verwaltet, sind Frauen oder auch alle Säugetiere, Insekten, Vögel weiblichen Geschlechts nicht zugelassen; in Rom, im Vatikan darf man weder (laut) singen noch essen; in bestimmten Staaten Indiens darf man sich in der Öffentlichkeit nicht küssen oder auch nur vertraulich berühren, usw...

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Und in Russland dürfen Frauen in Hosen die Kirchen nicht betreten (für die, die sich der Regel unterwerfen, hält man übrigens einen Haufen Röcke vor). Das erlauben wir uns, unseren aktuell sich Entrüstenden ins Gedächtnis zu rufen...

Andererseits kann man auch die Verwüstungen, die der westliche Turismus in diesen Ländern des Südens mir ihrer anderen Kultur anrichtet, kaum unterschätzen: Hemmungslosigkeit, Arroganz und Unkenntnis des anderen können durchaus auch als Agression empfunden werden.

Im Juli 2005 verloren an der ägyptischen Riviera 90 Menschen ihr Leben in Selbstmordattentaten.

 

 

Freitag 8. Januar 2010

Das Recht der Herren und Meister, Blutsauger der Verdammten dieser Erde...

#178

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In dieser Nachweihnachtszeit betet die Tageszeitung Pagina12 eine Art Litanei herunter, eine besondere Art von Gebet in diesem, sehr katholischen Argentinien. Das Blatt ist bekannt für seine Stellungnahmen in sozialen Dingen und setzt sich diesmal für die Kleinbauern ein, die gewaltsam von Ländereien vertrieben werden, die sie oder ihre Familien über Jahrzehnte hin bewirtschaftet haben. Das geschieht auf Geheiß von Mulitmillionären der Agro- und Nahrungsmittelindustrie, die unter totaler Missachtung der Gesetze und des Schutzes der Artenvielfalt den Anbau von Soja ausdehnen wollen.

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Tatsächlich gibt es in Argentinien ein Gesetz, das diejenigen schützt, die seit mehreren Jahrzehnten das Land bewirtschaften auf dem sie leben. Aber die für die Einhaltung dieses Gesetzes zuständige Behörde wendet sich verschämt ab wo Ordnungskräfte im Verein mit Gouverneuren, lokalen Potentaten und deren Großgrundbesitzer-Freunden den Vorschriften zuwider handeln.

Pagina 12 ist entschlossen, das Schweigen zu brechen, kaschiertes Unrecht offen zu legen und eine Folge von Namen und Geschichten liest sich wie eine Litanei. Hier eine Auswahl:

Im Departement Rivadavia, in der Provinz Salta will Gianfranco Macri, ein Bruder des Regierungschefs von Buenos Aires (das hilft) mehrere Familien vertreiben und beschuldigt sie, "sein" Land zu besetzen. Die Garica und die Cardozo versuchen sich vor Gericht gegen diesen arroganten Herrn zu wehren, der behauptet, er habe mit den 15 000 Hektar, die er gekauft, auch die weniger als hundert Hektar der Kleinbauern erworben.

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Anderswo sind es die autochtonen Wichi in der Provinz Formosa, die seit vier Jahren darauf warten, dass ihr Recht auf das Land, das sie seit Jahrhunderten bewohnen und bewirtschaften, auf Grund eines Gesetzes vom Frühjahr 2006 endlich anerkannt wird. Bis dahin leben sie in Slams an den Rändern ihrer ehemaligen Wirtschaftsflächen... Bisher habe keiner von ihnen sich vor Gericht durchsetzen können, erklärt mit düsterer Miene Benigno Lopez, Sprecher von Mocafor, ihrer Bürgerbewegung.

Ramon Bustamonte wohnt im Norden von Cordoba, im Weiler Maravilloso (Herrlich), den man, meint der 83 jährige alte Mann, in Burg der Hoffnungslosikeit umbenennen sollte. Vor über 10 Jahren haben ihn die Brüder Scaramua vom seinem angestammten Land vertrieben. Sie hätten mit List und Tücke die Unterschriften seiner Schwestern zum Verkauf ihrer Anteile erschwindelt.

Noch einmal woanders werden Jose Luis Godoy und seine Schwester Alcira wegen ihres Besitzes von 26 Hektar in der Nähe von Cordoba von einer Gesellschaft verklagt, die bereits über 150 000 Hektar verfügt. "2003 haben wir einen Prozess wegen Landdiebstahls verloren. Wir haben im Februar 2009 Berufung eingelegt. Jetzt sieht es so aus, als würden wir ins Gefängnis gehen..." sagt Jose Luis lakonisch. Er kann sich einfach nicht gegen den skrupellosen Industriellen Gomez Ling durchsezen, der plötzlich in der Gegend auftauchte und behauptete, er sei der Besitzer des ganzen Landes.

Usw., usw... Euch allen schöne Feiertage im Namen der Betrüger in Argentinien und anderwo...!

 

 

Freitag 8. Januar 2010

Kopfstand...

#179

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Die Neuseeländer haben verdammt viel Sinn für Humor und fürs Feiern und sind stolz darauf, wennn man den versammelten Titelseiten ihrer großen Tageszeitungen Glauben schenkt. Da erscheint Kyle Gear, sechs Jahre alt und womöglich mit allen seinen Zähnen in einer ziemlich spektakulären Neuauflage von "Halt durch, Jeannot" (Film-Sketch, Sophie Daumier, Guy Bedos, La Drague (die Verführung), 1972 d. Ü.). Also Kyle war einer der Konkurrenten in der Junior-Serie (sehr Junior) aller möglichen Rodeo-Vorstellungen in der schmucken Stadt Canterbury (Südinsel, berühmt wegen ihrer Kuhweiden). Für Kyle ging es darum, möglichst lang nicht von seinem Schaf zu fallen. Und der sechsjährige Reiter hielt durch in jeder Lage, oben drauf und vorallem drunter, ein Odysseus moderner Zeiten.

Wir erinnern uns, das Odysseus und seine Gefährten große Angst vor einem bösen Zyklopen hatten (tatsächlich war der gar nicht so böse, man sollte vielleicht die Odyssee umschreiben im Hinblick auf die hintergründige Abnormität des Helden) dem sie unter den Bäuchen einer Herde von Widdern entkamen. Als Belohnung stach Odysseus dem Unglücklichen noch sein einziges Auge aus. Der kleine Kyle gewann nur den Pokal seines Rodeos. Der Wettkampf stand nicht nur den Neuseeländern sondern auch den Australiern offen, von denen gewisse Landsleute sich am gleichen Tag dem Mord an indischen Studenten hingaben.

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In Melbourne nämlich wurde ein 21 jähriger, aus dem Punjab stammender Student, der gerade sein Studium beendet hatte, erstochen als er von seiner Nachtarbeit kam und sich gerade bei einem McDonalds zu essen anschickte.

Derartige rassistische Gewalttaten nehmen zur Zeit erschreckend zu im Land der Känguruhs.

Nachdem die Ureinwohner ziemlich dezimiert sind und mit öffentlicher Reue das Kapitel abgeschlossen wurde, sind jetzt die jungen Inder das Ziel der Neonazis.

Der Mitbewohner des Opfers, Sandeep Sandeep, erklärt, dass man ihn zu wiederholten Malen geschlagen und mit einem Messer bedroht habe.

Der Mord hat in der indischen Presse zu hysterischen Reaktionen geführt. Da empfiehlt man den jungen Menschen, die südlichen Breiten des Ozeans zu meiden.

Man kann gar nicht genug erklären, dass diese Neuseeländer auf dem Kopf stehen.

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(Auch wenn alles relativ ist, wie uns der dahingeschiedene Einstein - Albert mit seinem Vornamen - lehrt...)

 

 

Donnerstag 14. Januar 2010

Weg mit dem großen Lenin und der kleinen Mao, ich will sie nicht sehen...

#180

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Die Bewohner der entzückenden Stadt Richmond am Pazifik, in der Provinz British Columbia, haben einen großen Kummer. Die Stadt zählt zum Einzugsbereich von Vancouver, liegt quasi als Vorstadt in der weiteren Umgebung im Süden. Richmond ist eine zwar sehr ausgedehnte aber lebendige Stadt mit der reichen Geschichte einer Wohlhabenheit, die bis auf die Pioniere zurückgeht. Doch wie die große Nachbarstadt ist sie heute fast ebenso chinesisch wie kanadisch: von jenseits des Meeres kamen Einwanderer zu hunderttausenden. Und nicht die bevorstehenden olympischen Winterspiele bilden, öffentlich ebenso wie privat, den Gesprächsgegenstand, sondern eine Skulptur, besser gesagt ein monumentaler Kopf.

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Das Kunstwerk war zur Eröffnung der Biennale von Vancouver im letzten Juli ohne viel Aufsehen angekommen. In Richmond wurde sie jedoch erst am 15. Dezember aufgestellt. Und seither nimmt das Gekreische zu... Obwohl, wie Adam McDowell von der National Post so hübsch schreibt "die Skulptur mit der winzigen Figur, die versucht, sich mit ihrer langen Balancierstange oben auf einem riesigen Kopf zu halten, auf den ersten Blick den Eindruck von Ausgewogenheit und Eleganz hervorruft." Kummer macht aber, dass der dicke Kopf den von Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, darstellt und die Liliputanerin, die ihm auf dem Kopf herumtanzt, einen feminisierten Mao. Das Ensemble wurde von zwei chinesischen Künstlern, den Brüdern Gao realisiert und trägt den Titel "Miss Mao".

Die Protestierer schreien, dass sie keine "zwei Massenmörder" in ihrer Nähe ertragen können und sehen in der Installation eine Beleidigung der Millionen Opfer. "Ein öffenliches Ärgernis im Gewand eines Kunstwerks" kommentierte ein Bürger der Stadt, während die Leser der Richmond News in den Seiten ihres Blattes eine "Non-stop-Kampagne" führen, weil sie glauben, dass man sich international während der olympischen Spiele über das Denkmal entrüsten wird. Sie wissen zweiffelos nicht, dass die Brüder Gao alles andere sind als fanatische Maoisten: ihr Vater wurde in der Kulturrevolution getötet und im letzten Sommer haben sie bei einem Happening in Moskau eine ihn darstellende Puppe mit Stockhieben zerschlagen! Als Undergroundkünstler werden sie in Peking regelmäßig von der Zensur verfolgt.

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Kunst scheint in Kanada oft Gegenstand der Diskussion zu sein: 2005 war es eine auf den Kopf gestellten Kirche von Denis Oppenheim, die den Zorn der Vancouverer (?) erregte, besonders natürlich der frommen: das Kunstwerk musste nach Calgary umziehen.

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Doch jeder hat so seinen Schreck: im letzten Herbst empörten sich die Calgaryer ihrerseits über die Bilder von riesigen Babys des autralischen Künstlers Ron Mueck, die die städtischen Busse zierten.

In dem Fall ist nicht bekannt, welche Bevölkerungsteile schockiert waren. Die Mütter? Die Väter? Die Babys?

 

 

Donnerstag 21. Januar 2010

Trink oder stirb: Du hast die Wahl!

#181

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Am letzten Sonntag, dem 17 Januar 2010, äußerte sich mein begnadeter Kollege Wadim Glusker, Leiter des NTV-Büros in Paris, in der Sendung Kiosque von TV5Monde zum 90jährigen Jubiläum eines generellen Alkoholverbots in den Vereinigten Staaten. Er fragte sich, was die Konsequenzen eines solchen Gesetzes in Russland wären und meinte, eine solche Maßnahme wäre vollkommen unrealisierbar. Der Beweis: "wenn Michail Gorbatschow nicht 1985 eine Kampagne gegen den Alkoholismus im Land gestartet hätte, wäre er vielleicht heute noch an der Macht und die UdSSR würde noch existieren!" Tatsächlich haben wir da einen Kausalzusammenhang der von den Experten in Sachen Sowjetologie selten erwähnt wird, aber gar nicht so weit hergeholt ist wie es zunächst scheinen mag, denn das Trinken ist im Lauf der Jahrzehnte zum festen Bestandteil russischen Unwohlseins gediehen.

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Wie aber geschieht jetzt? Gehen Wladimir Putin und Dmitri Medwedjew das Risiko ein, die politische Bühne verlassen zu müssen? Die Frage stellt sich, denn die beiden haben neuerlich wieder eine Anti-Alkohol-Kampagne lanciert mit dem erklärten Ziel "bis 2020 den Alkoholmissbrauch einzuschränken und dem Alkoholismus wirksam vorzubeugen". Der Beschluss wurde im Dezember bereits gefasst, aber erst Mitte Januar an die Öffentlichkeit gebracht, "zweifelsohne, um die diversen Jahreswendefeiern nicht zu stören", sagt uns Andrei Soussarow von der Wremja. Doch die Perspektive scheint so unwirklich, dass man sich fragt, wie so etwas überhaupt gehen soll.

Am Vorabend der Russischen Revolution trank jeder Russe im Mittel 0,83 Liter Alkohol im Jahr. Seinerzeit war das wahrscheinlich eine der niedrigsten Mengen im europäischen Vergleich. Zu Anfang der neunziger Jahre, gleich nach dem Ausscheiden Gorbatschows und dem Ende seiner Alkoholkampagne war der Konsum auf 5,4 Liter angestiegen. 2008 lag man bei 10 Liter pro Bewohner des riesigen Landes, Kleinkinder wohl gemerkt ausgenommen (obwohl....). Der WHO zufolge bewirkt jeder getrunkene Liter eine Verringerung der Lebenserwartung um 11 Monate... Rechnen Sie nach: bald wird Russland zu den jugendlichsten und stärksten Ländern des Erdballs zählen, frei von jeglichen Sorgen um die Renten ...

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Die neue Politik läuft unter dem schönen Titel "Umorientierung der Bevölkerung hin zu einer nüchternen, gesunden Lebensweise". Vor einigen Jahren traf ich auf einer meiner Reisen in die Sowjetunion (kurz vor dem Ende des großen sozialistischen Vaterlandes) Irina und Sascha, die zusammen das "Institut für Lebenshygiene" bildeten. Ein bemerkenswertes Paar, sie doppelt so alt wie er, beide lustig, energisch, freundlich. Ihr Wirkungsbereich erstreckte sich vom Alkohol über Aids (russisch Spid) und Zigarette zu den harten Drogen. Sie zeigten angesichts der riesigen Aufgabe eine köstliche Selbstironie und stärkten sich mit kleinen Wodkaschlückchen und täglichen Zigarettenpaketen...

Das Institut ist heute sicher verschwunden und durch eine neue Organisation ersetzt. Die Herkulesarbeit ist nicht kleiner geworden. Es ist nicht der erste Anlauf der Russen: am Vorabend des Ersten Weltkriegs erließ Nikolaus II ein Alkoholverbot, das die Bolschewiki 1925 erneuerten. 1958 wurde der Akoholverkauf im öffentlichen Raum untersagt, in Bahnhöfen, Flughäfen, bei Festen, in der Umgebung von Schulen und Krankenhäusern usw... !972 erhöhte der Staat die Preise und setzte die Produktion herab. Bis dann Gorbatschow seine drastischen Maßnahmen ergriff und scheiterte... Viel Glück, Wladimir und Dmitri!

 

 

Sonnabend 30. Januar 2010

Leibliche Genüsse

#182

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Anscheinend häufen sich um die Mitte Januar die großen Depressionen auf der nördlichen Halbkugel: der Winter dauert an, die Sonne macht sich rar und die Bewohner dieser Erdhälfte hören auf, sich um unseren Planeten Sorgen zu machen und hoffen auf die Klimaerwärmung. Bestimmt hat das Syndrom auch Ferran Adrià erwischt: hat doch der katalonische Gastwirt und der Welt berühmtester Küchenchef soeben verkündet, dass er für zwei Jahre, 2012 und 2013, seine Kochtöpfe an den Nagel hängt. Für 2010 ist er bereits ausgebucht! Vier Jahre in Folge hat der Meister von El Bulli in Katalonien den Preis des weltbesten Restaurants vom renommierten Restaurant Magazine davongetragen. Eine hinreichend wichtige Nachricht für die Schlagzeile der Financial Times.

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Mindestens 200 Euro kosten den Feinschmecker die El Bulli Delikatessen bei Fernan Adrià. Aber es gibt auch geteilte Meinungen zu diesen Schöpfungen, die den Regeln der Chemie und der Kunst entsprechen und kaum den großmütterlichen Familienrezepten: Schäume seltener Gemüse und Zutatenkombinationen vom Meerigel bis zum Lammhirn... Der Koch und Alchimist hat also der Welt mitgeteilt, dass er müde sei, dass er sich zu langweilen beginne und sich zurückziehe um neugestärkt wiederzukommen mit umso überraschenderen, revolutionären Molekülmischungen. Den Fans läuft schon das Wasser im Mund zusammen, die Gegner lachen hönisch. Derweil mögen die 99,99% der Menschheit, die niemals diese leiblichen Vergnügen genießen, über die Regel 21 der Charta von Fernan Adrià meditieren: Enttextualisierung, Ironie, Spektakel und Darbietungskunst sind durchaus berechtigt, sofern sie nicht oberflächlich, sondern dem gastronomischen Denkprozess gemäß und eng mit ihm verbunden. Also, wie man ja weiß: wer meditiert diniert...

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SSSegel auf! hätte der köstliche Erast Fandorin gesagt, mit dem ihm eigenen leichten Stottern und seinem Härchen auf der Zunge. Ich habe verschiedentlich schon von Erast Fandorin, dem Helden meiner Krimilektüren, gesprochen. Dieser Diener des Staates und zeitweilige Detektiv, elegant, intelligent und Japanisch sprechend, machte zu Anfang des 20sten Jahrhunderts die Welt zwischen Moskau, St. Petersburg, Tokyo und London unsicher. Sein genialer Schöpfer, Boris Akunin (sprich B.Akunin, d.i. Grigori Schalwowitsch Tschcharischwili) hat ihn in letzter Zeit etwas links liegen lassen und dafür seinen Nachkommen (übrigens keineswegs weniger erfreuliche Erscheinungen) Aufmerksamkeit geschenkt. Aber jetzt kommt er auf Erast zurück, teilt uns die Ruskaja Mysl (Russische Geisteswelt) mit: auf der Titelseite, die Nachricht ist es wert. "Des Theaters ganze Welt" heißt der neue Krimi. Quälend lang wird uns die Zeit erscheinen bis die französische Übersetzung da sein wird...

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B. Akunin hatte zunächst beschlossen, Erast (man könnte sagen, sein Double) in ein zentralasiatisches Khanat zu schicken, nämlich nach Buchara... Aber der Schriftsteller wartet bis heute auf die Zulassung zu den uzbekischen Archiven. Also hat er kurzerhand die Feder umgestellt und unser Mann stürzt sich, bis über beide Ohren verliebt in die Theaterwelt des Zarenreiches von 1911, auf dem Höhepunkt des silbernen Zeitalters der russischen Literatur. Zur Zeit ist weiter nichts bekannt. Die Fans hocken in den Startlöchern. Fernan mag sich ruhig zurückziehen, wenn Erast demnächst wiederkommt!

S.a. unser Interview mit Boris Akunin 2008

 

 

Freitag 12. Februar 2010

Diskriminierung auf allen Ebenen...

#183

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In dieser ersten Februarwoche 2010 waren Inder die Leidtragenden, bei sich zu Hause und im Ausland. Oder vielmehr bestimmte Gruppen von Indern, die hier wie dort schlecht behandelt wurden. Im Staat Andhra Pradesh, im Südosten des Subkontinent verwarf das Höchste Gericht die Einrichtung von Quota, die Menschen aus islamischen Unterschichten 4% der Arbeits- und Ausbildungsplätze einräumen sollten. Ein entsprechendes Gesetz war vom Parlament dieses Staates - Indien ist eine föderative Demokratie und jeder Staat hat eine autonome Regierung - verabschiedet worden. Die Islamanhänger Indiens werden, obwohl sie mit 250 Millionen Seelen die beeindruckende Minderheit von 20% der Bevölkerung ausmachen, überall in der größten Demokratie der Welt reichlich oft diskriminiert. Seit den mörderischen Attentaten junger Islamisten im November 2008 in Bombay drängen die Autoritäten auf den verschiedenen Ebenen zu mehr Gleichberechtigung für diesen nicht zu umgehenden Bevölkerungsteil. Von daher der Vorschlag zur Quotierung.

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Doch das Hohe Gericht will davon nichts wissen, einmal, sagen die Richter, weil eine solche Maßnahme die Diskrimierung in gewisser Weise noch vergrößere, weil sie die Mohammedaner als besondere Bevölkerungsgruppe einstufe; zum Anderen würde sie Gruppen, die noch stärker diskriminiert werden, zur Konversion veranlassen, damit auch sie Zugang zu den reservierten Arbeits- und Ausbildungsplätzen erreichen... Doch hat eine Politik der positiven Diskrimierung bereits einmal für 170 Millionen Menschen erfolgreich gewirkt. Seit 24,5% der Posten in Behörden, Schulen und Universitäten den Unberührbaren zustehen konnten Leute aus diesen, früher in die Hinterhöfe der Gesellschaft verbannten Schichten zu den höchsten Ämtern aufsteigen. Wird in der größten Demokratie der Welt für Hindus und für Nichthindus mit zweierlei Maß gemessen? Das marxistische Bengalen, im äußersten Osten des Subkontinents, hat gerade die Quoten für Islamanhänger auf 10% hochgesetzt. Der Decan Chronicle unterstreicht, dass ja binnen Kurzem Wahlen bevorstünden...

Gewiss finden die Inder anderswo auch nicht leicht gute Beispiele, vieler Orts wird mit zweierlei Maß und Gewicht gemessen und gewogen. Die große indische Zeitschrift Outlook hat ihr vorletztes Heft den ungeliebten indischen Studenten und Arbeitern in Australien gewidmet. Die Wochenzeitung aus New Delhi (neuerschienen, kritisch und sehr populär in Indien) spult eingangs eine ganze Litanei ordinärer Fremdenfeindlichkeit ab: 130 Inder wurden tätlich angegriffen; 2007-2008 kamen 1447 Straftaten gegen Inder zur Anzeige; 40 Inder kamen von 2004 und 2010 bei Angriffen ums Leben; von Juli bis Oktober 2009 wurden 33,2 % der Visaanträge von Indern abgelehnt, im gleichen Zeitraum 2008 waren es nur 6,5%.

Die Zeitung präsentiert also diese Bilanz und konstatiert "Es besteht in Australien, was man einen verdrängten Rassismus nennen könnte, eine Fremdenfeindlichkeit, die bei der geringsten Provokation oder unter Alkoholeinfluss oder auch nur wenn ein Inder zu Gesicht kommt, explodieren kann." Dann aber macht die Zeitung auf wenig banale Weise kurzen Prozess mit aller Opfer-Rührseeligkeit. Die bodenständigen Australier seien nicht allein für die mise Lage der indischen Einwanderer verantwortlich. Denn deren Unwillen zur Integration, ihre Naivität, ihr Mangel an Solidarität mit dem Gemeinwesen mache sie leicht zur Zielscheibe für gewalttätige, nicht unbedingt nur rassistische Banden.

Zur Erläuterung, warum Inder besonders Angriffen ausgesetzt sind, zitiert Pranay Sharma, der Sonderkorrespondent des Outlook im Land der Kängurus, einen landläufigen Witz: "Was haben ein Bankautomat und ein Inder Gemeinsames? Antwort: Von beiden bekommst Du auf Druck was Du willst."

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Dem Journalisten zufolge (dessen Enquete in australischen Tageszeitungen ausführlich zitiert wurde) würden die Inder auch, weil sie sich nicht wehrten, zur leichten Beute der Gewalt. "Anders als die Chinesen, die einem Landsmann in Not gleich zu Hilfe eilen. Der Inder dagegen , sagt man, eilt gleich zu den Medien. Auch ist die indische Gemeinde eine gespaltene. In Melbourne, wo 150 000 Inder leben, waren sie die Einzigen, die sich am 26 Januar, dem Nationalfeiertag Australiens, unter vier verschiedenen Flaggen am Umzug beteiligten."

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Ich bin an eine kleine Geschichte erinnert, die mir meine Mutter immer wieder erzählt: Sie kam mit ihren Eltern 1926 nach Paris und ging in eine Schule der Rotschild-Stiftung für jüdische Immigrantenkinder. Das Essen für die Mädchen war unsäglich schlecht und die Kinder lehnten sich auf. Es erschien der Herr Baron persönlich um dem Aufstand Einhalt zu gebieten. Aber er wurde ausgebuht. Rot anlaufend vor Zorn schrie er: "Jiddenbande, seid ihr nicht zufrieden hier, dann haut doch wieder ab in die Hinterhöfe eurer Stetl!"

Wer zuletzt kommt, zieht die Gangway ein!

 

 

Freitag 19. Februar 2010

Ansichten, Weltbilder, Träume

#184

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1. Sintflut

Der Mann scheint ärgerlich. Es mag zwar Sommer sein, und man kann bei zwanzig Grad spazieren gehen, während Leute auf der anderen Hemissphäre frieren. Aber mitten auf der Straße zu tauchen, scheint doch ziemlich unbequem.

Der Mann schaut uns fast drohend an, als sei es unsere Schuld, dass er in einer Hauptverkehrsader schwimmen bzw. dieselbe schwimmend überqueren muss.

Und doch: wer hat nicht davon geträumt, dass seine Stadt ein Venedig werde? Sind die Bilder von Paris in der großen Überschwemmung von 1910 nicht wunderschön und geradezu eine Einladung, in die durchsichtigen, silbernen Fluten zu gleiten ... Nur ist das Bild hier natürlich eine Montage.

Die Zeitung Pagina 12 will damit den Zorn der Einwohner von Buenos Aires zum Ausdruck bringen. Nach intensiven Regenfällen stehen ganze Viertel unter wasser.

Das veraltete Netz der Abwasserkanäle verkraftet die Fluten nicht...

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2. Lamento

Ein Finger hat die Stirn berührt, der eigene oder der eines anderen?
Und wem wendet sich der Blick zu? Was drückt er aus?
Angst, Unterwerfung, Frage, Liebe?
Ist es ein Mann, eine Frau?
Und was soll das Zeichen auf der Stirn?
Ein Kreuz, ein Pluszeichen, ein christliches Symbol, das Zeichen einer Sekte?

Eine genierende Geste, auch wenn man die Legende noch nicht gelesen hat: "Bedenke, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst".

Die Fastenzeit hat begonnen, sagt uns die Kleine Zeitung.

Und in diesem Jahr scheinen viele Österreicher/innen sie zu beherzigen.

3. Exodus

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Kein Weinlaub verbirgt ihre Scham. Nackt sind sie im Weinberg, unschuldig wie am ersten Tag der Schöpfung. Die Hände an den hochgestreckten Armen halten umgedrehte Flaschen.

Sie lachen nicht, sie schreien nicht, sie weinen nicht. Sie stehen einfach da, wie ein römischer Kaiser beim Gladiatorenkampf.

Und wen sieht man in der Bildmitte, einen unanständig bekleideten, fast abstoßend in seinen weißen KLeidern, mit seinem starren Lächeln? Auch er hebt die Hand, aber während die anderen der Choreographie folgen, scheint er mit ihr zu geizen, sie aufzuhalten...

Die Gegenüberstellung schockiert, und die Äusserung des neuen Direktors von Greenpeace, Kumi Naidoo, des ersten Afrikaners an der Spitze der Umweltorganisation, klingt provokant: "Ja, in der Frage des Klimawandels ist der Papst unserer Meinung..."

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4. Buch der Lieder

Die eine will nach links, der andere nach rechts.
Es scheint, als wollten sie sich voneinander trennen und können es nicht. Er schiebt sie am Hinterteil, sie versucht, sich mit einer abstoßenden Hand loszumachen. Sie leiden unter ihrem Dasein als siamesische Zwillinge.

Sie hat sich für ein Fest zurechtgemacht, "in Nantes auf der Brücke, da gibt man einen Bal". Nein, Schwester, du gehst mir nicht zum Tanz, sagt er, sich seiner männlichen Macht bewusst und weil er weiss, dass die Brücke brechen wird.

Und da will der Miami Herald International uns weis machen, dass dies Paar sich wunderbar versteht und gerade in Vancouver eine Goldmedaille gewonnen hat, zu den Klängen von "Der unmögliche Traum" (Jacques Brel d.Ü)

Ich glaub, ich träume!

 

 

Montag 1. März 2010

Nicht sehr passend...

#185

Aus fast allen Titelseiten der Tageszeitungen jenseits des Rheines schaute am Mittwoch den 24. Februar das Gesicht einer jungen Frau, offen aber traurig und in Israel gleichzeitig das eines jungen Mannes, eher düster und verschlossen, zunächst in Haaretz, dann in allen Medien des Landes.

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Den Deutschen ist die Dame bekannt, sie ist fast eine Ikone, die entgegengesetzte von der eines Benedikt des sechszehnten. Margot Käßmann ist die Ratsvorsitzende der mächtigen protestantischen Kirchen jenseits des Rheins, wo die Protestanten mit 25 Millionen die größte religiöse Gruppe darstellen. Man kann sie auch Frau Bischöfin nennen und ihre Bedeutung und Eigenständigkeit damit unterstreichen. Umso mehr, als sie mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hält. Sie entrüstet sich über das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan, hat die Begnadigung der im Gefängnis sitzenden Baader-Meinhoff-Gruppenmitglieder verlangt und setzte sich mit ihrer Scheidung vielerlei Anfeindungen aus. Eine Gläubige, Mutter von vier Kindern, geschieden und Pazifistin, ja beinahe Terroristin, das ist schon alles andere als banal. Wenn dann noch Monseigneur, vielmehr Monseigneuresse auf frischer Tat alkoholisiert am Steuer ertappt wird, dann ist das garantiert nicht sehr passend.

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Am 24. Februar, Samstag Abend, gegen 23 Uhr, überfährt ein Auto eine Kreuzung bei Rot. Der Fahrer ist eine Frau, sie ist offensichtlich betrunken. Die Blutproben ergeben 1,54 Promille und bei unseren Nachbarn wie auch in Frankreich liegt der zulässige Grenzwert bei 0,5 Milligramm pro Liter Blut... Auf ihrer Webseite schrieb sie vor drei Jahren, als sie bereits Landesbischöfin war: "Bei vielen Fahrern gibt es offensichtlich einen Mangel an Verantwortlichkeit, was Alkohol und Drogen angeht. Bei den vielen Kilometern, die ich jedes Jahr abfahre. sehe ich viele Unfälle, die auf Missachtung der geltenden Regeln zurückzuführen sind. " Erschwerend fällt ins Gewicht, dass Margot Käßmann, als sie angehalten wurde, in ihrem Dienstwagen saß. Sie zeigte sich zerknirscht und reuevoll. Sie bezeichnete ihr Verhalten als unannehmbar und wehrte sich in keiner Weise gegen den einstweiligen Entzug ihres Führerscheins. Daraufhin stellten sich die 14 Mitglieder des Rates der Kirche wie ein Mann hinter ihre im Oktober 2009 zur Vorsitzenden gewählte Monseigneuresse...

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Hat Mosab Hassan Youseff etwa auch getrunken oder gekifft, als er sich entschloss, das "eigene" Lager zu verraten? Mit Margot Käßmann teilt er, dass auch er Christ ist, sogar ein fast allzu hingebungsvoller... Der 32 jährige, heute kalifornischer Bürger, ist der Sohn eines der Gründer von Hamas im Westjordanland, Sheikh Hassan Youssef. In den letzten zehn Jahren war er der Maulwurf der israelischen Geheimdienste im Zentrum der palestinänsischen islamistischen Bewegung. Sein Führungsoffizier hatte ihm den Namen "der grüne Prinz" gegeben, grün wie die Farbe des Islam, Prinz, weil er der Sohn eines Prominenten ist. Kapitän Loai zufolge seien durch Mosab Hassan Youssefs Tätigkeit zahlreiche Selbstmordattentate verhindert und eine ganze Reihe von Gallionsfiguren des palästinensischen Kampfs verhaftet worden, nicht nur Hamaskämpfer. Zu seinen Jagdtrophäen zähle auch Marwan Barghouti, Fatah-Anführer, noch immer im Gefängnis und eine vielversprechende Persönlichkeit, weil sowohl in Gaza wie im Westjordanland ein anerkannter Mann... Auch ein gegen seinen Vater gerichtetes Attentat habe er vereiteln können...

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In seinem dieser Tage erschienenen Buch "Sohn der Hamas" zeigt der junge Mann keinerlei Reue. Im Interview mit Haaretz setzt er sogar noch eins drauf: "ich wäre jetzt gern in Gaza. Ich wäre dort in der Uniform der israelischen Spezialeinheiten und ich würde Gilad Shalit befreien. Hamas ist unfähig, mit den Israelis Frieden zu schließen. Und der Hamasführer ist verantwortlich für den Tod der Palestinenser, nicht die Israelis!" Diese Enthüllungen kommen wie gerufen nach den Machenschaften der tappsigen Mossadleute in Dubai über die sich die ganze Welt mockiert...

 

 

Montag 8. März 2010

Frauen, Sichtbares und Unsichtbares

#186

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Wenn der 8. März sich nähert, breiten sich in Oesterreich die Frauen spaltenlang und bildbeladen aus. Nackt oder verschleiert, verdreht oder gerade formieren sich ihre Körper auf den Titelseiten großer und kleiner Tageszeitungen zu einem leicht chaotischen Tanz. Fern vom traditionellen Dirndl, das mich in meiner Kindheit in den Familienferien in Oesterreich begeisterte.

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Nehmen wir den Kurier mit einem verwirrenden Mosaik aus nackten, verdrehten Leibern. "Wenn Kunst und Porno sich begegnen" titelt die Tageszeitung. Beim näheren Hinsehen findet man bekannte, schon mal gesehene Bilder wieder: die Korpulente Freuds oder die gesetzte Elizabeth II von Koons, Rubens üppige Grazien oder die verhärmten Gestalten von Schiele... Das Leopoldmuseum der österreichischen Hauptstadt stellt die Wiener Sezession aus, jene fruchtbare Jugenstilbewegung an der Wende des 19ten zum 20ten Jahrhundert. Jedoch mit dem besonderen Blickwinkel enthüllter und neu interpretierter weiblicher Sexualität in der Morgendämmerung heutiger Pornoproduktioin und mit Vorläufern und Nachzüglern der Strömung. Die Besucher seien schockiert, schreibt die Zeitung, aber die Schlange vor den Toren des allseits geschätzten Kunsttempels wird von Stunde zu Stunde länger...

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In derselben Ausgabe der Zeitung entschleiert eine junge Wienerin ihre Vorliebe für die Verschleierung. "Ich habe mich im Schlaf entschieden, mich zu verschleiern. Ich wollte plötzlich ein Kopftuch tragen, um damit zu zeigen, dass ein wohl gebildeter Kopf keine Frage des Tragens oder Nichtragens einer Kopfbedeckung ist..." Die junge Frau aus einer Immigrantenfamilie wollte ausserdem die Reaktion der Anderen erfahren. Besser hätte ihr das kaum gelingen können: ihre Nachbarn sahen sie mit ernsterem Blick und die Kollegen mit eher neugierigen Augen. Ähnliches hatte eine französische Künstlerin versucht. Im Juni 2009 verschwand Bérangère Lefranc drei Wochen lang unter Burka und violetten Halbhandschuhen. "Ich wollte nicht mehr gesehen werden", schrieb sie nach der durchaus zweischneidigen Erfahrung. "Ich hatte in dieser Kleidung riesige Macht. Eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Niemand konnte den Blick von meiner Erscheinung abwenden. " Welche Frau hätte nicht einmal davon geträumt, zu sehen ohne gesehen zu werden? Ich habe so ein Wunschdenken in El Oued in Algerien erlebt, einer sehr sinnlichen Stadt mit ihren makelosen Kuppeln, wo die Frauen ganz in Weiß gekleidet einhergehen, und nur ein Auge so eben mal zu sehen ist. Junge und Alte, Hässliche, Schöne, Behinderte und Nichbehinderte, im Leichentuch der Uniform erscheinen alle gleich...

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Die Kleine Zeitung winkt mit jenem Symbol triumphierender Weiblichkeit der Frauen die "weder Mann noch Kind, noch irgendwelche Kompromisse" wollen. Im Alter zwischen 7 und 77 Jahren fordern da ihre Freiheit die, die der verzweifelten Suche nach dem bezaubernden Prinzen eine endgültige Absage erteilen.

Liebhaber nach Art von Alexandra Kollontai, Erfinderin der "sukzessiven Monogamie", Liebhaber so wie man ein Glas Wasser trinkt und die Tage sind der Arbeit gewidmet und der vergnüglichen Entfaltung unter Freundinnen. "Umgedrehte Männer" glaubte ein verquerer Soziologe feststellen zu können. Warum wären dann die Männer mit ihren Unsterblichkeitschimären nicht auch umgedrehte Frauen?

 

 

Donnerstag 11. März 2010

Frauen, Québecische Ansichten

#187

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Der 8te März verpflichtet. Die Zeitungen veranstalteten ein Feuerwerk von Titelseiten, die den Frauen in ihren Staaten, Ständen und Zuständen gewidmet waren. Gewiss die spektakulärste Seite präsentierte The Economist mit "Gendercide": zwei rote Söckchen auf schwarzem Grund, Symbol für die 100 Millionen Mädchenbabys, die in Ländern mit Einkindpolitik ins schwarze Loch der Geschlechterpräferenz fallen. Allerdings lässt die britische Wochenzeitung die Herkunft der Zahl einigermaßen im Ungewissen: Wo, wann, wie? Einzig die indische Wirtschaftswissenschaftlerin Amartya Sen wird zitiert, die diese Zahl 1990 in die Welt gesetzt hat, wobei man nicht erfährt ob sie für ein Jahr oder zehn oder gar hundert Jahre gelten soll.

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Weit ab von solch erschreckender Wirklichkeit befasste sich Le Devoir in Montreal in zwei aufeinander folgenden Ausgaben (ein Rekord, was das Thema Frauen angeht) mit dem Festtag und mit einer Polemik: festlich am Vorabend des 8ten März die Erinnerung an eine Legende der Rockmusik vom Beginn des 20ten Jahrhunderts; polemisch am Tag X ein Bericht zum neuesten Werk von Elisabeth Badinter "Le Conflit - la femme et la mère" (Der Konflikt Frau - Mutter, Paris, Flammarion) mit einer Salve von Kommentaren eben so sehr pro wie anti...

Lernen wir erst einmal diese überraschende Eva Tanguay kennen: geboren 1878 in Québec, in einer Familie mit vier Kindern, die nach dem Tod des Vaters in Armut geriet. Isabelle Paré, die Verfasserin der Doppelseite meint, dass das arme Kind sich schon sehr früh hätte auf der Bühne stehen müssen und zu einer der ersten großen Persönlichkeiten des Feminismus wurde, weil sie ein unabhängiges Leben führte (sie wurde dreimal geschieden) und mit Überzeugung sang: "I don’t care " (tout ca m’est bien égal) (um mit Edith Piaff zu sprechen d.Ü.), aber vorallem, weil sie berühmt war! Die Journalistin stützt sich auf das Buch der amerikanischen Historikerin Susam A. Glenn, "Theatrical roots of modern feminism" (Wurzeln des modernen Feminismus im Theater). Die Forscherin stellt fest, dass weibliche Stars auf der Bühne, in der Music Hall, in Komödie und Drama allein schon durch ihre öffentliche Erscheinung, ihre Charakterstärke entscheidend zum Kampf um das Frauenwahlrecht beigetragen hätten...

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Sie starb mit 69 Jahren, arm, ohne Kinder. Mehrere Verlobte, Liebhaber oder Ehemänner blieben auf der Strecke - kein Zweifel, die Unbezähmbare wäre ein Fall für Elisabeth Badinter, deren Buch Christian Rioux auf der Titelseite bespricht (im allgemeinen selten, jedoch nicht in Le Devoir, dass ein Buch es auf die Titelseiten schafft). Man meint das Werk schon fast ganz zu kennen, so sehr war es Gegenstand der Auseinandersetzung in Frankreich. Die Philosophin führt einen Schlag gegen Tendenzen eines reaktionären Feminismus, der bei gewissen Umweltfreund/inn/en herrsche: Natur, Mutterschaft, natürliche Brusternährung, würden übertrieben betont, zu Ungunsten sozialer Bedingtheit der Frauen, Arbeit, Karriere, Engagement usw.. Solche Feier des Natürlichen ist nicht neu, man findet sie über das ganze 20te Jahrhundert hin, die mächtige Sexualität der Frauen in Varianten je nach Ort, Regime und Ideologie...

Das Interessante an Rioux’s Artikel ist vielleicht nicht das, was der Journalist schreibt, sondern die nachfolgenden Reaktionen, ein Schwall von äußerst virulenten Meinungen, aus denen wir ein paar Perlen herausfischen. Nebenbei sei bemerkt, das die Stimmen, die sich als Mutterschaftsexperten geben und Madame Badinter alles andere als Wohlwollen entgegenbringen, vorallem die von Männern sind.

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Blütenlese der Stimmen anti: Stopp diesem Dinosaurierfeminismus (François), die Vorteile der Brusternährung sind durch Untersuchungen belegt. Sollen sich doch die Frauen, die nicht die Brust geben, ruhig schuldig fühlen (Jacques), Mme Badinters Feminismus zeugt von Maskulinisierung der Frauen (Jean-Pierre), Ja zur Brusternährung, Ja und nochmal ja (Sylvie).

Und die Äußerungen pro: Elisabeth Badinter ist eine Intellektuelle und Feministin, die heutzutage Unschätzbares leistet (France), Ich bin 63 Jahre alt und meine Tochter ist 34, sie ist gerade Mutter geworden, ihre Tochter ist 4 Monate alt. Sie ist den Umweltfreunden in die Falle gegangen mit ihrer Mutterschaft: Baumwollwindeln, sie kann nicht die Brust geben und quält sich mit Schuldkomplexen, 12 Stunden das Baby im Tragetuch, damit die Mutterbindung gestärkt wird. Ich frage mich, wer sich hier mehr bindet. Meine Tochter hat studiert, seit ihrer Niederkunft tut sie nichts außer sich MIT IHRER TOCHTER BESCHÄFTIGEN! WER hat ihr das Gehirn gewaschen? (Jeanne), Es lebe die Freiheit der Flasche! (Herzlos), usw., usw.

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Was uns angeht, wir empfehlen das schöne Buch einer französischen Psychoanalytikerin, abseits von Anathema und Diktat des Für und Wider der Brusternährung: L’érotique maternelle: Psychanalyse de l’allaitement(Mütterliche Erotik: Psychoanalyse der Brusternährung) von Hélène Parat (Paris, Dunod). Und schauen Sie sich unbedingt die Zeichnungen der argentinischen Karikaturistin Ana von Rebeur auf der Website von TV5Monde.com an....

 

 

Donnerstag 18. März 2010

Mata Hari zurück ... sagen die Polen

#188

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Die Gazeta Wyborcza, die ihre Leser einfachheitshalber nur "Gazeta" nennen, nimmt in dieser Woche eine reizende Spionageaffaire wieder auf und titelt: "Olga, eine weißrussische Mata Hari". Die Geschichte hat den zweifelhaften Reiz derer, die in Zeiten des kalten Krieges im Schwang waren, als Bundestagsabgeordnete und deutsche Kanzler dem Charme von Sekretair/inne/en erlagen, die als Stasi- und KGBagenten geführt wurden. Die (von Aktiven der Solidarnosc gegründete) Zeitung meint allerdings, dass Olga Solomienik höhere Ziele als ihre unmittelbaren Vorgängerinnen im Auge hatte, aber wiederum nicht ganz an ihrer aller Urahnin heranreiche, an Mata Hari, die Holländerin, die im ersten Weltkrieg nächtens als Tänzerin auftrat, tagsüber als deutsche Spionin und manchmal beides zugleich war.

Olga kommt wie gerufen in der Auseinandersetzung die seit Ewigkeiten die polnische Minderheit in Weißrussland mit den Autoritäten des Landes führt und obendrein die beiden polnischen Vereinigungen des Landes, die sich beide ZPB nennen, gegeneinander aufbringt. Alexander Lukatschenko seien die Polen, besonders in der alten Grenzstadt Grodno, die nach dem zweiten Weltkrieg in den Machtbereich der Sowjetunion fiel so sehr ein Dorn im Auge, dass er in die Organisation der Polen Weißrusslands, um sie zu spalten, sogar Maulwürfe eingeschleußt habe. Olga Solomienik sei einer dieser Maulwürfe gewesen.

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Erster Akt: die akkurate junge Frau wird 2000 Mitglied der ZPB, als die Organisation noch einig und in vollem Glanz dastand, übrigens dank ihres Präsidenten Kruczkowski, der heute auch als KGB-Genosse gilt und kein Pole mehr sein darf. Zweiter Akt: die polnische Minderheit in Grodno emanzipiert sich mit einem neuen Präsidenten, Andzelika Boris und es kommt zur Spaltung (man kommt sich vor wie in einem trotzkistischen Film). Sogleich erscheint die schöne Olga in Fortsetzung ihrer subversiven Tätigkeit in der abweichlerischen Vereinigung und trifft dort auf Rober R., einen Informatiker und weißrussischen Allroundspion. Die beiden turteln fortan gemeinsam im Guten und im Bösen, das heißt sie spionieren für die Weißrussen.

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Mata Hari dritter Akt: Robert wird verhaftet. Aber die Angelegenheit wird nicht weiter verfolgt weil die polnischen Dienste ihre guten Beziehungen zu den weißrussischen Kollegen nicht gefährden wollen, die vorallem in Sachen Überwachung des Menschen- und Warenhandels an der gemeinsamen Grenze zum Tragen kommen. Vierter Akt: die Abweichler werden von der weißrussischen Miliz angegriffen, weil die offizielle Organisation den Sitz der anderen für sich beansprucht. Daraufhin gräbt Warschau das Kriegsbeil aus und bringt die Spionageaffaire, die von Robert R. und seiner vermutlichen Kumpanin, der schönen Olga, an die Öffentlichkeit. Können Sie noch folgen?

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Die polnische Mata Hari entgeht ihrer Verhaftung durch Flucht. Die Zeitung habe sie jedoch aufgespürt und befragt. Sie antwortet mit einer eleganten Wendung: "Haben Sie den Film Mala Moskva gesehen? Das ist meine Geschichte... Ihr Geheimdienst hat den wahren Spion nicht gefunden und hat sich auf die Frau gestürzt..."

In dem polnischen Film geht es um eine Liebesgeschichte zwischen der Frau eines russischen Offiziers und einem Warschauer Piloten, die für die beiden tragisch endet. Wie die von Mata Hari, die im Morgengrauen des 15. Oktober 1917 im Festungsgraben von Vincennes standrechtlich erschossen wurde.

Ich hoffe, Sie haben die Geschichte mitgekriegt und Olga entkommt einem ähnlich schrecklichen Schicksal...

 

 

Mittwoch 24. März 2010

Die Rächer sind in der Stadt...

#189

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"Baradero City brennt! Zwei Jugendliche sterben bei einem Motoradunfall. Die Folgen: nächtliche Unruhen, Brändstiftung, Zerstörung." - Man denkt an Frankreich, an eine Neuauflage von Clichy sous Bois oder Villiers le Bel, aber der Ort des Geschehens liegt diesmal in Argentinien, nicht weit von Buenos Aires. In einer reizenden, wegen ihrer Grünanlagen und ihres Wasserreichtumg gern von Touristen besuchten, Stadt, 150 km nordwestlich der Metropole, die bisher keine Gewaltausbrüche kannte, fahren zwei sechzehnjährige Jugendliche auf dem Motorroller. Der Junge und das Mädchen kamen aus einem Nachtklub, waren bei einem Freund vorbeigefahren und hatten sich wieder auf den Weg gemacht. Bestimmt waren sie verliebt, berauscht von ihrer beider Nacht und sie trugen keine Helme. Lebenslust im argentinischen Morgengrauen.

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Man kann sich einen Zusammenstoß mit einer Polizeistreife nicht vorstellen, es sei denn, die hätte die beiden verfolgt, was mehrere Zeugen behaupten. Guiliana war auf der Stelle tot und Miguel starb auf dem Weg in die Klinik. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. Dass Nachbarn, Freunde und die Familien der beiden von einem nicht zufälligen Zusammenstoß überzeugt sind, bringt genau wie in Villiers le Bel im NOvember 2007 das Pulverfass zur Explosion. Das beteiligte städtische Fahrzeug wird angesteckt, dann zieht man zum Rathaus, wirft Steine und legt schließlich Feuer. Weiter gehts zur Polizeistation, zum Gerichtsgebäude, zum Standesamt, die auch in Brand gesteckt werden. Keine Polizei schreitet ein. Ein Ausbruch innerstädtischer Gewalt von zweitausend Personen, darunter auch Erwachsene, die Gerechtigkeit fordern. Die Beiden Polizisten, die in dem Patrouillenfahrzeug saßen, bleiben von der öffenlichen Rache verschont, werden eingesperrt, mehr zu ihrem Schutz, als zur Strafe.

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Der städtische Polizeichef wird angegriffen und von der Menge mit Steinen beworfen, er muss seine Beamten zu Hilfe holen. Die Menschen ziehen daraufhin zum Haus des Polizeidirektors, Pablo Scarfoni, der auch im fraglichen Auto gesessen habe. Die überfoderte Polizei schießt mit Gumnmigeschossen um die Menge zu vertreiben. Da zieht die empörte Nachbarschaft zu FM Tiempo, einem Hauptsender der Stadt und attackiert das Gebäude. Man drischt auf die Fernsehjounalisten ein, die ziehen sich zurück.

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Drei Tage später ist wieder Ruhe eingekehrt, der Wiederaufbau der Gebäude ist in die Wege geleitet. Aber die Leidtragenden der Gewalt auf offener Straße, Familien, Nachbarn und Freunde, versammeln sich, wie die leidtragenden Mütter und Großmütter der Plaza del Majo unter der Diktatur, jeden Tag mit der Forderung nach Gerechtigkeit. Die Angelegenheit kommt aus den Schlagzeilen nicht heraus und die Fernsehdiskussionen hören nicht auf, aber man versteht eigentlich nicht wirklich, was Kinder und Eltern, mehr als 2000 Menschen, zu einem solchen Gewaltausbruch getrieben hat...