Mittwoch 24. September 2008

Es passierte gleich nebenan...

#126

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Es passierte im Herzen Westeuropas und die Täter waren weder ein paar armseelige Hooligans aus dem Osten, noch militante Gruppen aus vergessenen Gegenden der ehemaligen DDR. Es passierte in Köln, der Kulturstadt am Rhein mit höflichen Umgangsformen, der katholischen Stadt, die jedes Jahr ihren Karneval feiert, in dem sich alles mischt und Herrschafts- wie Geschlechterverhältnisse auf den Kopf gestellt werden. Fast 2000 Menschen hatten vor, hier in aller Legalität eine anti-Islam Versammlung abzuhalten. Sie haben richtig gelesen: keine Demo gegen christlichen Fundamentalismus, sondern in einem Land, indem noch das Echo des Zweiten Weltkriegs und der Shoa nachhallt, ein Meeting gegen den Bau von Moscheen im Besonderen und für die Säuberung der heiligen deutschen Erde von Mohamedaner/inne/n im Allgemeinen. Bis zum letzten Augenblick vor ihrem Beginn hatte diese europäische Zusammenkunft der Hasserfüllten die Genehmigung der Behörden. Soweit die dunkle Seite des Ganzen...

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Aber dann kam ganz schnell Klarheit in die Angelegenheit: die ganze Stadt Köln, versichert uns die berliner Taz, CDU-Bürgermeister an der Spitze, Sozialdemokraten und Linke, selbst die Autonomen, alle waren sich einig, die obszöne Veranstaltung zu verhindern. Alle Kaufleute der Stadt machten mit, Hotels kassierten Reservierungen von Persönlichkeiten der extremen Rechten Europas, die die Vereinigung Pro Köln eingeladen hatte. Gastwirtschaften brachten in Spruchbändern zum Ausdruck, dass sie den "Nazis" kein Kölsch servieren würden; Taxifahrer und Busfahrer vertrieben Teilnehmer des "Kongresses" aus ihren Fahrzeugen, während Demonstranten die Bahnstrecken blockierten. Angesichts dieses einmütigen Aufstands der Bürger untersagte die Polizei schließlich das rassistische Forum. Also zogen sich die Eindringlinge in einen obskuren Saal in Brüssel zurück...

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Währenddessen nahm sich auf der anderen Seite der Alpen, in Italien, die Mafia die Ausländer vor. Sechs Afrikaner aus verschiedenen Ländern, Ghana, Togo und Liberia wurden dort, wo sie arbeiteten, in einer Textilwerkstatt in Neapel, von bis an die Zähne bewaffneten Mördern kaltblütig umgebracht. Eine Schießerei ohne Gleichen in neuerer Zeit. Die Untersuchungsbeamten erkannten unmittelbar die Handschrift der Camorra, der lokalen Mafia, aber die Meinungen der Leitartikler und Politiker gehen auseinander, je nach politischer Orientierung. So machten die Posaunen der Alleanza Nationale, der extrem rechten politischen Gruppierung, die zur Zeit unter Silvio Berlusconi mitregiert, aus den Opfern Schuldige mit dem Hinweis, das Einwanderer oft in Drogengeschäfte verwickelt seien. Die Mailänder Tageszeitung Il Giornale nimmt diesen "Gedanken" in einem Leitartikel von Maria Giovanna Maglie auf: "Die Linke bläst in die schwelende Glut der schwarzen Revolte". Ihr zufolge würden linke Intellektuelle und Politiker, indem sie Einwanderer als Opfer darstellten, in Italien, aber auch in Frankreich (insbesondere betätige sich Ségolène Royal als Brandstifterin) derartige Gewalttaten provozieren. Dagegen klagt die Unita, ehemals die Zeitung der kommunistischen Partei Italiens, die unfassbare Gewalt gegen Ausländer an und wundert sich nicht über bürgerkriegsartige Vorkommnisse nach den barbarischen Morden.

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Die Ausländergemeinde in Castelvolturno, Ort des Dramas, hat in der Tat sofort mit einer Pressekonferenz reagiert und ist auf die Straße gegangen, um ihre Wut kund zu tun. Dabei ist es gelegentlich zu Auswüchsen gekommen. Die Ereignisse bringen uns auf einen der letzten Kriminalromane von Donna Leon, "Blutige Steine", in dem die amerikano-italienische Krimiautorin ihren rührenden Commissario Brunetti auf die Suche nach Mördern schickt, die die "ragazzi" umbringen, jene Straßenverkäufer von allem möglichen Krimskrams für Touristen, die meistens aus Afrika kommen. Leon macht ganz und gar nicht in Miserabilismus, sondern zeigt mit Humor und Sensibilität, welche Klippen in unseren reichen Ländern unter einer Oberfläche von Selbstgerechtigkeit liegen.

 

 

Mittwoch 1. Oktober 2008

Die Krise kompensieren...

#127

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Psychiater sagen gern: wenn die Depression da ist, die individuelle oder weltweite, fängt man an zu trinken, zu rauchen, zu essen... Das nennt man dann ein Kompensationsphänomen. Muss man demnach in der Aufhebung des Rauchverbots in den Gaststätten im Kanton Genf einen kausalen Zusammenhang sehen? Während die westliche Welt sich über die fallenden Börsenkurse Sorgen macht, warnen die schweizerischen Titelseiten vor der drohenden Wiederkehr der Tabakseuche! Sind die Helveten in den vordersten Rängen im Theater der Finanzkrise mit ihren kleinen und großen Banken derart verängstigt, dass sie die Zigarette in öffentlichen Räumen wieder zulassen? Jenseits dieser, zugegebenermaßén etwas an den Haaren herbeigezogenen Frage ist die Rückkehr der Glimmstengel zunächst einmal die Folge einer juristischen Auseinandersetzung: das Bundesgericht entschied nicht zur Sache, sondern wirft der Genfer Regierung Missachtung der Verfahrensregeln vor. Es werden Monate, wenn nicht Jahre vergehen, bis eine neue Regellung gefunden ist und bis dahin kann der Streit von Tabakgegnern und Befürwortern aufs schönste weitergehen. Und die Börsenmakler, entsetzt oder abgesetzt, können sich in der Eckkneipe eine Zigarette anstecken.

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Etwas weiter südlich und auf der anderen Seite der Grenze zieht eine Zeitung mit ihrer Titelseite aus anderen Gründen die Alarmglocke: in Rouerge und Aubrac, wo Steinpilze, Pfifferlinge und Wiesenchampignons bisher ganz besonders gediehen, verschwinden die Pilze. Vielleicht, meint die Zeitung, läge es am Klimawandel. Einen stichhaltigen Beweis hat sie nebenbei nicht. Pilzkrise gegen Monetenkrise: die wiederum ist im Endeffekt doch die beunruhigendere. Es sei denn, die beiden Krisen hingen zusammen: der exponentielle Anstieg der Börsenkurse als Begleiterscheinung der globalen Erwärmung. Und wenn dann noch hinzu kommt, dass wir uns über unsere globalen Ängste und über den angekündigten Tod der Menschheit nicht einmal mehr mit einem guten Teller Totentrommpeten (Craterellus cornucoploides) hinwegtäuschen können...

 

 

Dienstag 7. Oktober 2008

Jeder kehrt vor der eigenen Tür...

#128

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Die Krise, sagt man uns, sei weltweit. Doch die Stimmen, die man uns zu hören gibt, kommen zumeist aus den Vereinigten Staaten und aus Westeuropa. Dabei zeigt schon ein flüchtiger und gewiss subjektiver Überblick über den Globus, wie unterschiedlich die Auswirkungen des Wallstreet-Niedergangs sind und wie überall, in gewisser Weise, eine Art nationalistische Versteifung zu beobachten ist.

Angefangen mit Kanada. Von dort erfährt man, wenn man Le Devoir liest, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht: nicht auf dem mehr oder weniger virtuellen Finanzplaneten, sondern in der realen Wirtschaft. Trotz eines sehr viel solideren Bankensystems als in den USA schätzt das Blatt, dass "die Verzerrung zwischen sogenannter Realwirtschaft einerseits und der Finanzkrise andererseits... nicht andauern kann."

Gehen wir nach Australien, wo der ehemalige liberale Finanzminister Peter Costello sich in seinem BLog in den Kolumnen des Sidney Morning Herald vor Genugtuung die Hände reibt. Dieser Politiker findet anerkennend. dass sein Land eine solide Finanzgesetzgebung hat und gesteht, dass er als Australier sich wünsche, dass es Washington schnell gelingt, den Niedergang mit dem Rettungsplan aufzuhalten, doch dass er sich als amerkanischer Steuerzahler sicherlich sehr darüber ärgern würde, dass man ihn für das zerbrochene Porzellan zur Kasse bittet. Im Übrigen hat die australische Labour-Regierung gerade neue Maßnahmen zur Stabilisierung der Finanzen ergriffen und gleichzeitig ein Programm zur Förderung ökologischen Bauens lanciert, als hingen Klimaerwärmung und überhitzte Börse zusammen.

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In Asien gibt die JoogAng Daily, eine der größten Pressegruppen Südkoreas zu, dass die koreanische Wirtschaft nicht vorgeben kann, dass sie nicht vom Dominoeffekt der Wallstreet betroffen wäre. Auch sie stürze dem Abgrund entgegen und das einzige Mittel, nicht unterzugehen, sei eine Art nationaler Allianz von großen Firmen und Regierung. Umsomehr, als im Land das flüssige Geld zu fehlen beginnt, und mehr und mehr Bürger immer öfter das Geld in ihren Geschäften klappern und knistern hören wollen. Dagegen behauptet der große Nachbar Indien, er sei von dem Erdbeben überhaupt nicht betroffen. So hat der Handels- und Industrieminister in aller Ruhe festgestellt, dass "die dunklen Wolken über der Weltwirtschaft die indische Wirtschaft nicht berühren, weil diese mit dem Hypothekenmarkt nichts zu tun hat". Er lädt die Investoren der Welt ein, sich in diese, auf so wunderbare Weise stabile, Gegend unseres Planeten zu begeben.

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Die russische Presse schwankt noch zwischen Zorn und Ironie. Da die Beziehungen mit den Vereinigten Staaten nicht gerade die besten aller Zeiten sind, hat sich die Doppelspitze des Landes, Putin/Medwedjew, als sie der jungen Moskauer Börse helfen musste, einigermaßen über die schlechte Regierung George W. Bush aufgeregt. Die regierungsnahe Izwestja mokiert sich über die Titanen, die mit der Titanic untergehen und meint, das Unglück der Einen sei das Glück der anderen und bescheere der russischen Gesellschaft eine patriotische und nostalgische Auferstehung. Weiter westlich teilt man die Vorwürfe. Die größte polnische Tageszeitung der politischen Mitte, Gazeta wyborcza, klagt über die "amerikanische Roulette", während die wohl eher linke italienische Repubblica von den Vereinigten Staaten fordert, dass sie die alleinige Verantwortung übernehmen. Der Leitartikler der Genfer Le Temps sieht in solcher Herausforderung Amerikas eine Chance für den alten Kontinent: er kann seinen Beobacherstatus aufgeben und den mächtigen Nordamerikanern die Führung abnehmen.

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Im Süden konstatiert die algerische wirtschaftliche Tageszeitung La Tribune eine Welle des Nationalismus. Der Gouverneur der algerischen Staatsbank will beruhigen, indem er auf die bedeutenden offiziellen Währungsreserven aus der Ölindustrie hinweist. Weil jedoch der Ölpreis voraussichtlich sinken wird, soll der algerische Markt verstaatlicht werden. Mit Interesse stellt man fest, dass sich, jenseits des Maghreb, die meisten afrikanischen Staaten vor dem weltweiten Elend sicher fühlen. Ein merkwürdiges Vorrecht der armen Länder, wo der Konsumkredit eine Seltenheit darstellt. Beunruhigt ist man nur in Randbereichen: die humanitäre Hilfe aus dem Norden beginnt unter der Krise zu leiden. Das kommt im afrikanischen Netz zum Ausdruck. Private und institutionelle Geber geben weniger oder gar nichts mehr. Zahlreiche Organisationen und allen voran Robert Glasser, der Generalsekretär von CARE International, machen sich Sorgen über diese Auswirkung der Krise.

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Im Mittleren Orient mit seinen bisher von der Krise verschont gebliebenen Öl-Kleinstaaten, wird man aufgefordert, den Amerikanern die nötige Achtung zu zollen und die letzten Zuckungen der Administration Bush zu verdammen. Gulfnews lässt ihren Leitartikler die Geduld der Amerikaner loben und betont die Risse im amerikanischen Traum. Die Zeitung tritt für die freie Marktwirtschaft ein, aber die Bilder der Obdachlosen und der Opfer des Zyklons Katrina dominieren dennoch die Milliarden-Dollarshow der New Yorker Golden boys.

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Wir schliessen unseren Rundgang durch die Welt mit Lateinamerika. Argentien litt unlängst sehr unter einer großen wirtschaftlichen Misere, die zum Teil in Nordamerika ihren Ursprung hatte. Heute geht es Argentinien sehr viel besser und Revanchegefühle sind an der Tagesordnung. Eine der Haupttageszeitungen des Landes, Pagina 12, weist auf den Rückgang der Hilfe für notleidende unterentwickelte Regionen hin und mokiert sich über den Rettungsplan: "ein Sozialismus zugunsten der Reichen und Liberalismus für die anderen". In Mexiko ist man zu nah dran, um sich sicher zu fühlen, La Jordana berichtet, dass die Regierung alles tue, um die bösen Wellen davon abzuhalten über die Grenzen zu schwappen. Am Ende ist die größte Niederlage Amerikas vielleicht die Lektion die ihr der Erzfeind Kuba mit seiner Wirtschaft erteilt. Hier der Kommentar von Granma, dem offiziellen Organ des Castro-Regimes: "Wie Brasiliens Präsident Lula sagt, ist diese Krise nichts als der Ausdruck des moralischen Versagens eines ganzen Systems. Die Amerikaner können uns nicht mehr an ihr Ideal kapitalistischer Glückseeligkeit glauben machen.

 

 

Mittwoch 22. Oktober 2008

Aus Nichtsnutzen macht man Helden...

#130

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Während ein Teil der Welt dem Niedergang entgegengeht, tauchen unter den Schlagzeilen, die der Finanzmisere gewidmet sind, plötzlich zwei Gesichter auf, zwei wenig empfehlenswerte Persönlichkeiten, von denen man lieber nichts gehört hätte. Umsomehr, als die Ereignisse aus ihnen mythische Figuren werden liessen. Der eine ein gefallener Stern, der andere ein aufsteigender...

Schauen wir erst einmal in die Vereinigten Staaten, auf O.J Simpson, einen der berühmtesten Footballer aller Zeiten. In seiner Affaire stellt sich die Frage: was wird aus der Unschuldsvermutung in einem Rechtsstaat? Was wird aus der Wahrheit in einem Gerichtsverfahren? Man erinnert sich an 1994, an Bilder von einem OJ, in seinem dicken Schlitten auf der Flucht durch ganz Kalifornien, nach der Entdeckung der Leiche seiner ermordeten Frau Nicole. Seine Flucht wurde per Fersehkameras in einem Hubschrauber life in die ganze Welt übertragen, so wie die Tour de France... Der Star wurde schließlich verhaftet, vor Gericht gebracht und am Ende vom Mord an seiner Frau freigesprochen. Fünfzehn Jahre danach wird er aufs neue festgenommen, diesmal wegen gewaltsamen Diebstahls von Trophäen, die ihm einst gehörten und von denen Händler sich gute Geschäfte versprachen... Dafür wurde er jetzt verurteilt und kann sich nun auf eine lebenslängliche Gefängnisstrafe gefasst machen.

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Das Problem ist weniger der neuerliche Prozess, auch wenn der sicherlich Fragen aufkommen lässt, als vielmehr die einstimmige Reaktion in der ganzen Welt: "13 Jahre danach endlich verurteilt!" "Der Moment, in dem OJ endlich schuldig gesprochen wird" titelt die englische Sunday Times; "OJ endlich schuldig" heißt es in den Gulf News aus dem mittleren Orient; "Nach 13 Jahren der allseits begrüßte Schuldspruch", meint die sehr konservative New York Post. Das zeigt deutlich, dass es sich um einen nachgeholten Schuldspruch, um nicht zu sagen um Rache, handelt, was von einer rückhaltlos parteiischen Presse zustimmend aufgenommen wird... Der Footballer schmachtet im Gefängnis, während seine Reliquien im Licht der neuerlichen Publicity gewinnversprechend zur Versteigerung kommen...

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In Europa erhält ein gefallener Stern neuen Glanz, den man lieber nicht wieder hätte erstrahlen lassen. Am vorletzten Wochenende fuhr Jörg Haider, Wiener Promotor der wiedererwachten extremen Rechten mit 150 Sachen durch ein Dorf. Nach polizeilichen Angaben war er betrunken, verlor die Kontrolle über seinen Boliden und brachte sich ums Leben, knapp zwei Wochen nach seiner Rückkehr ins Spiel um die Macht, ganz oben nach den Wahlergebnissen in Österreich. Abgesehen vom Äußeren eines modernen Walzertänzers war an dem Mann nichts Elegantes, weder in seinen, von einem kaum verhehlten Neonazismus durchdrungenen, Ideen, noch in seiner politischen, von Korruptionsaffairen gezeichnetenTätigkeit. Dennoch ist sich die Presse im ganzen alten Kontinent einig: sein Tod erhebt ihn ins Pantheon moderner Politiker. "Die Presse", eher links gerichtet, malt dergestalt, zweifellos unbewusst, das aufpolierte neue Image des Politikers, wenn sie auf ihrer Titelseite ein pointillistisches Portrait von ihm bringt, das aus zig Fotos des dahingeschiedenen besteht und dazu titelt: "Die vielen Gesichter des Jörg Haider". "Der Tod bingt ihn dem Mythos näher" schreibt die Kleine Zeitung, während der Kurier "eine Neubewertung seines Erbes" ankündigt. Der äußerst seriöse Corriere della sera gibt dem Chor der Weinenden den Ton an: er bringt ein letztes Foto von dem, "der im Herzen der Nacht verstummte".

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Und dann noch diese Nachricht, die über die große Tageszeitung The Age aus Australien kommt: "das Lächeln der Mörder von Bali". Man erfährt, dass die drei Bombenleger von 2002 in einer Diskothek, die 202 Menschen umbrachten, darunter 88 australische Touristen, ihren letzten Auftritt in der Öffentlichkeit hatten, bevor sie in den nächsten Tagen hingerichtet werden. In einem Wald von Journalisten, Kameras und Mikrofonen führten sie sich wie Rockstars auf, lächelten in all ihrer jugendlichen Unbekümmertheit die kleine Versammlung und besonders die Fotografen an, bar aller Gewissensbisse. Kein Zweifel, die werden schon bald ins Pantheon der Terroristen eingehen, als mythische Figuren einer blindwütigen Gegenwart.

 

 

Mittwoch 22. Oktober 2008

Alles inklusive...

#131

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Als ich zum erstenmal nach Moskau fuhr, 1990, war das noch zu Zeiten der Sowjetunion. Das Land besaß bürokratische Strukturen aller Art, die das wirtschaftliche, soziale, universitäre oder Alltagsleben organisierten. Hinter pompösen Bezeichnungen versteckten sich oft winzige Büros mit ein oder zwei Mitarbeitern. So war es auch mit dem Institut für Lebenshygiene und Bekämpfung sexuell übertragbarer Krankheiten - mit der sich ausbreitenden Liberalisierung in der Perestroika
hatte Russland gerade Aids entdeckt, hierzulande Spid genannt: die enorme Aufgabe war zwei Menschen anvertraut: Vera, einer Ärztin über 60 und Igor, einem jungen Soziologen, der gerade mal 30 Jahre alt war. Die beiden bildeten ein wunderbares Paar, voller Komplizenschaft, Humor und Intelligenz, und vor allen Dingen taten sie genau das Gegenteil von dem, was sie gegen alle Widerstände und mit sehr geringen Mitteln propagierten - Nüchternheit, Askese und Abstinenz: sie waren für jeden Excess zu haben: Alkohol, Zigarette, durchwachte Nächte, das ganze Programm.

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Als ich die Tribuna der letzten Woche las, musste ich an sie denken. Die Wochenzeitschrift schlug Alarm wegen der Autofahrer, vorallem in den Städten, wegen der exponentiell steigenden Zahl verletzter, oft sogar getöteter Fußgänger, vorallem auch Kinder. Der Artikel beschreibt die Verkehrsadern der neuen russischen Megalopolen als gefährliche, oft nicht zu durchquerende Ströme und berichtet, dass man einem einzigen Mann die Aufgabe anvertraut habe, diese neue Mortalitätsursache, die das Land mit der wirtschaftlichen Liberalisierung und der Explosion des Autohandels entdeckt hat, einzudämmen. Einer Studie zufolge beachten russische Autofahrer kaum die Straßenverkehrsordnung, fahren unbekümmert in Gegenrichtung durch Einbahnstraßen, und gebärden sich oft sehr aggressiv (obwohl: letzteres scheint überall so zu sein). Russland halte sogar den Weltrekord mit 12 Unfällen auf 10 000 Autos und 35 000 Toten pro Jahr. Der mit dem Fall befasste, stellvertretende Staatsanwalt kündigt eine ausgedehnte Planung von Überwegen, neuen Regeln, verstärkten Kontrollen an und man kann nur hoffen, dass er nicht bei einer Geschwindigkeitsübertretung oder als Falschfahrer erwischt wird...

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Auch in Belgien schwebt der Tod über den Blättern. Le Soir aus Brüssel behauptet, dass wir fürchten oder ahnen, dass das Handy Krebs hervorruft. Das internationale Krebsforschungszentrum hat in dreizehn Ländern unter der Bezeichnung Interphone eine Studie durchgeführt und die Zeitung hat sich die ersten - niederschmetternden - Ergebnisse besorgt: für alle, die seit mehr als zehn Jahren ein Handy benutzen ist das Krebsrisiko "signifikant höher". Aus den Untersuchungen von langjährigen Handybenutzern in Nordeuropa, Großbritannien, Deutschland und Frankreich geht hervor, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Gehirntumor zu entwickeln, sich in Skandinavien, trotz strenger Normen um 60 % und in Deutschland um 120 % erhöht.

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Ein "regelmäßiger" Handybenutzer, so wie in Interphone definiert, ist ein äußerst bescheidener: ein Mal in der Woche über sechs Monate. Finden Sie in ihrer Umgebung einen Handybenutzer, der nicht mehr als einmal in der Woche zu seinem Telefon greift. Haben Sie ihn? Dann bravo! Immer mehr Bürger schließen sich zusammen gegen die Telefongesellschaften, nicht nur der Kosten halber, sondern auch um strengere Auflagen, zum Beispiel für die Einrichtung von Mobilfunkantennen, zu erreichen. Als die belgische Zeitung ihre Titelseite dem Thema widmete, fand am gleichen Tag in Namur eine Demonstration für strengere Strahlungsnormen statt. Interphone führt seine Forschungen weiter und hofft im nächsten Jahr eine fundiertere Meinung abgeben zu können.

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In Irland riskiert weder der Vielredner noch der Fußgänger sein Leben, sondern der Arbeiter (und wenn der dann noch zu Fuß zur Arbeit geht, das Handy am Ohr, hat der Arme ganz schlechte Karten). Der irische Examiner berichtet, dass auf einer internationalen Konferenz in Dublin festgestellt wurde, dass 25 % der Suizide in Europa, in allen Altersgruppen, auf Mobbing und Brutalität in öffentlichen und privaten Betrieben zurückzuführen sind. Das Phänomen nimmt ständig zu, manchmal ungewollt, öfters jedoch systematisch im Rahmen der Arbeitsorganisation angewandt, wenn man Jacinta Kitt folgen will, der Autorin eines lang erwarteten Buchs zu diesem Thema, das Anfang des nächsten Jahres erscheinen wird. In dieser Sache wie auch in anderen Angelegenheiten bedauert die irische Zeitung, dass keine Harmonisierung europäischer Gesetzgebung existiert. Ist das nicht die Höhe in einem Land, dass noch vor kurzem Europa ablehnte?

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Wenn man Ihnen in Quebec die Rechnung bringt, müssen sie das Trinkgeld drauflegen, es sei denn, sie verlangen "Chaises tout inclus" (wörtlich etwa "inklusive Sitzgelegenheiten" d.Ü.). Man sollte den Leuten heutzutage immer nach der Methode "alles inklusive" ankündigen: ihr wollt ultra-mobil telefonieren - da habt ihr eure Geräte inklusive Krebsgespenster; ihr wollt immer schnellere Autos - da habt ihr sie, inklusive Verkehrstote, ihr wollt Arbeit - die gibts wenn ihr sie inklusive Mobbing annehmt...

 

 

Dienstag 28. Oktober 2008

Die Vereinigten Staaten aus russischer Sicht: Elefanten, Esel, Frauen...

#132

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Also: überall sieht man dem Tag der Entscheidung entgegen, dem D-day in den Vereinigten Staaten, dem ден-Д in Russland. Trotz der Inlandnachrichten, von der Finanz- zur georgischen Krise, die meist die Titelseiten füllen, hat sich die russische Presse doch auch nach Amerika aufgemacht und widmet mehr oder weniger anekdotische Reportagen dem sich ankündigenden planetaren Event. Die Iswestija erklären zum Beispiel die Herkunft der Embleme aus dem Tierreich bei den Demokraten wie bei den Republikanern: der Elefant auf der einen, der Esel auf der anderen Seite. Die Tageszeitung bringt nicht nur lustige Geschichten von einfallsreichen Karikaturisten, sie benutzt das tierische Alfabet zu ironischen Wortspielen, spart nicht mit Spott, weder bei Obama noch bei McCain. Vielleicht eine kleine Wiederaufnahme des kalten Krieges ...

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Eine andere Tageszeitung, die Vremia (die Zeit), gibt sich ernsthafter und befasst sich mit zwei großen Themen: mit dem Gewicht der Neuwähler bei den kommenden Wahlen und mit dem der Frauen nach Maßgabe von Sarah Palin... Das Blatt erklärt seinen Lesern, dass Wahlenthaltung eine Konstante amerikanischer Kampagnen ist, dass man aber diesmal einen Anstieg bei den Einschreibungen für die Wahlen beobachtet, was ein Plus für Obama bedeuten könnte. Oder auch nicht... Dann kommt die Zeitung auf dies "nichtidentifizierte Objekt" zu sprechen, auf die Listenzweite des republikanischen Kandidaten. Im Land, das so viele Kämpferinnen hervorbrachte, auch eine Alexandra Kollontai, Erfinderin der sukzessiven Monogamie, fragt man sich: ist das eine Feministin oder nicht? Als Antwort heißt es, sie verliere immer mehr die Unterstützung der amerikanischen Frauen, was nicht unbedingt die Frage beantwortet.

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Schließlich hat noch die Wochenzeitschrift Tribuna die Reden der Kandidaten unter die Lupe genommen, sie will auf ihrer Titelseite den "exponentiellen Anstieg der Wählerzahlen für Barak Obama" verstehen. Die sprachlichen Entgleisungen von Frau Palin schaden ihrem Lager: wenn sie von einer ganz außergewöhnlichen Nation schwärmt, von einer einzigartigen, überlegenen oder heiligen, dann entspricht das in einer globalisierten Welt, die sich mitten in einer Krise befindet, offensichtlich nicht dem Verlangen nach Öffnung von vielen Amerikanern heutzutage. "Es ist vorbei mit der amerikanischen Außergewöhnlichkeit" sagt uns der Autor des Artikels, Alexei Puschkow, Medienpersönlichkeit und Moskauer Universitätslehrer.

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Also, wenn Allewelt sich auf den Tag der Entscheidung vorbereitet, dann auch wir bei TV5Monde, im Sender und im Internet. Wir werden in der amerikanischen Nacht (Nacht für uns kleine Europäer) ein "weltweites" Blog veranstalten, mit schreibenden Fingern an allen Ecken und Enden des Planeten... Wenn Sie mitmachen wollen, wir nehmen ihre Kandidatur gerne entgegen, schreiben sie einfach an kiosque@tv5.org .

 

 

Sonnabend 15. November 2008

Ölfleck

#133

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In dieser Woche marschieren die Bürger/innen Europas. Sie marschieren in der Schweiz, in Deutschland, in Italien, in Österreich und in einer Woche auch in Frankreich... Sie sind unzufrieden, Europas Bürger/innen, vorallem diejenigen, die sich von der Krise bedroht, von ihren Arbeitgebern an der Nase herumgeführt, von ihren Vorgesetzen herabgesetzt fühlen. Sind diese Demonstrationen etwa die Vorläufer einer um sich greifenden Bewegung? Schauen wir sie uns im Einzelnen an.

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Es begann am Sonntag mit den portugiesischen Lehrern. Mehr als 120 000 füllten die Straßen von Lissabon und protestierten gegen das neue Arbeitsbewertungssystem, das die Erziehungsministerin Maria de Lurdes Rodriguez zwecks Belohnung der Besten eingeführt hat. Die in Schwarz gekleideten, verärgerten Professoren verlangen, dass man sie achtet und wollen in Würde arbeiten können... Sie kündigen ein Aktionsjahr an, um die Ministerin zur Umkehr zu bewegen und die verteidigt sich, in dem sie erklärt, sie sei nach nunmehr zweijährigen Verhandlungen in über hundert Treffen bei diesem, ihrem Zuckerstück-und-Peitsche-Spiel gelandet... "Totaler Bruch!" signalisiert Publico...

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Gestern ging es in der Schweiz weiter. Im Kanton Wallis defilierten mehr als 10 000 wallisische Beamte in Lausanne und protestierten gegen die neuen Tarife, die nach ihrer Meinung eine Einkommenseinbuße bedeuten würden. Der Protest, zu dem sich Lehrer/innen, Bibliothekar/e/innen, Laborant/inn/en oder auch Hilfskrankenpfleger/innen zusammengefunden haben, scheint sehr weit verbreitet. Die Beamten haben sich darüber hinaus für einen Streik in den Verwaltungen entschieden. Gemessen am Klischee einer, von Finanzmagnaten bevölkerten, prosperierenden Eidgenossenschaft, die allerdings heute von der Finanzkrise geschüttelt wird, ist wenig bekannt, dass die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung hierzulande im 19ten und 20sten Jahrhundert eine der aktivsten war ... 24 Heures, die Lausanner Tageszeitung kann am Horizont keine Windstille erkennen.

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Derweil kleben in Italien die Passagiere der angeschlagenen Alitalia, ohne Vorankündigung am Boden wegen eines wilden Streiks (und Demonstrationen in den römischen Flughäfen) der Piloten und des Bordpersonals, das eigentlich an diesem Tag arbeiten sollte. Sie verweigern entschieden die Arbeitsverträge, die ihnen die neuen Herren des Lufttransporteurs am Rande des Nervenzusammenbruchs antragen. Wütend verabschiedet Premierminister Sylvio Berlusconi ein Dekret, das die Streikenden zur Arbeit zwingt und erhebt Anklage wegen Störung des öffentlichen Dienstes. Erst zwei Wochen zuvor hatten mehr als eine Million Studenten und Universitätsangehörige die Straßen der Hauptstadt bevölkert... Das "Chaos" titelt der Corriere della Serra...

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In Deutschland ist die seit einigen Jahren etwas abgeflaute Antiatombewegung das ganze Wochenende über mächtig wieder aufgewacht. Beinahe 16 tausend Demonstranten versuchten, den Eisenbahnkonvoi mit 123 Tonnen deutscher hochradioaktiver Nuklearabfälle aus dem Bauch jener beängstigenden, gleich neben einem der schönsten Meeresstrände Europas gelegenen, französischen Wiederaufbereitungsanlage in La Hague, zu stoppen. Die Bundesregierung hatte fast ebenso viele Polizisten bereitgestellt, wie es Demonstranten gab. Der Zug kam schließlich an, trotz all der "besonnenen jungen Menschen" wie die Tageszeitung schreibt...

 

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Schließlich, aber das ist sicher nur vorläufig das Ende, wurde Österreich von einer nie dagewesenen Welle der Entlassungen im para-öffentlichen Sektor gebeutelt, bei der Telekom, der Post und den Austrian Airlines. Die Telefongesellschaft kündigt eine Stellenkürzung um 2500 (von 11400) an , während die Post einen Abbau von 9000 (von 24 000) Stellen vorsieht, und der heimischen Fluggesellschaft das gleiche Schicksal wie der Allitalia droht, nachdem sie bereits 2000 Entlassungen angekündigt hat. Die Angaben zu den Gründen für diesen Niedergang sind, je nach Quelle, nicht die gleichen. Während gewerkschaftlicherseits die Teilprivatisierung und die Finanzkrise verantwortlich gemacht werden, beschuldigt man auf Seiten der Arbeitgeber den Verwaltungsstaat und fordert eine noch radikalere Kapitalaufstockung. Ein Streik ist in Vorbereitung und der Kurier sieht für die "Rebellischen Unternehmen der öffentlichen Hand" harte Zeiten kommen!" Bis auf weiteres...

 

 

Donnerstag 20. November 2008

Merkwürdiger Ort für eine Begegnung...

#134

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Die russsische Tageszeitung Kommersant titelte diese Woche: "kein Knast für ein Interview". Mysteriös genug, dass man sich fragt, was sich dahinter, eventuell auch hinter den Knastgittern verbirgt. Jenseits der Gitter, vielmehr diesseits und jenseits stehen also zwei Männer in einer virtuellen Begegnung durch Briefe, die im Lauf der Zeit jedoch zu einer äußerst intensiven Unterhaltung gerät. Das brachte dem Gefangenen eine Isolationshaft von 12 Tagen ein, eine Maßnahme die - eine ebenso außergewöhnliche wie beruhigende Tatsache - vom lokalen Gericht für illegal befunden wurde. Der Knast liegt sehr weit weg, in Sibirien. Der Briefpartner lebt im Glanz der Hauptstadt und ist ein in der ganzen Welt berühmter Autor. Ersterer heißt Michail Chodorowsky und muss in seiner Abgeschiedenheit lauter Erniedrigungen und zusätzliche Entbehrungen, größere und kleinere ertragen. Ein Oligarch unter Oligarchen, der 2005 von der russischen Justiz wegen staatsgefährdender Tätigkeit zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Ein Exempel wurde statuiert an einem, der nicht mehr und nicht weniger verbrochen hatte, als andere, die es in Russland mit mehr oder weniger legalen Mitteln zu den größten Vermögen brachten.

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Der andere nennt sich mit dem Pseudonym Boris Akunin, eine durchsichtige Namensgebung, wenn da B. Akunin steht, ein Hinweis auf den berühmtesten der russischen Anarchisten des 19ten Jahrhunderts. Ein doppeldeutiger Namen für diesen emeritierten Japanologen, denn Akunin bedeutet japanisch "Bandit". Boris Akunin ist Autor von Kriminalromanen, die in alle Weltsprachen übersetzt werden, ein Erneuerer im Rahmen postsovietischer Literatur, mehrfach verfilmt von den bekanntesten russischen Regisseuren. Seine beiden Helden, ein stotternde Staatsrat und eine emanzipierte orthodoxe Nonne, begeistern die Leser. Im Alltag trägt er einen georgischen Namen, Grigori Schalwowitsch Tschchartischwili, seine Mutter war Russin. Ein derartiges Pseudonym verpflichtet Grigori geradezu, den exemplarischen russischen Bürger zu geben, daher auch dieser außergewöhnliche Briefwechsel mit dem bekanntesten Gefangenen des Landes.

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All das ist in der Zeitschrift Esquire erschienen, aber man findet die Angaben auch auf der Website eines der internationalen Verteidiger Chodorowskys. Wenigstens Eins bringen die Briefe zum Ausdruck, nämlich dass das Denken in diesem, mit eiserner Faust regierten, Land sehr lebendig ist. Der Ton ändert sich im Lauf der Korrespondenz: Von dem Prozess und der Verurteilung des Geschäftsmanns gelangt man zu intimeren Fragen, die um Familie, den Tod, das Gefangensein kreisen und zu einer Behauptung, die Jean Paul Sartre nicht verleugnet hätte: "Hier ist, was ich denke: ein Mensch trägt, was ihm das wichtigste ist, in seiner Seele. Fünf Jahre Gefangenschaft unter sich unaufhörlich ändernden Bedingungen und vielen Zwängen. Und doch können Sie vieles mitnehmen. Es ist traurig, soviele Bücher und Notizen zurückzulassen. Aber ich habe alles hier in meinem Kopf. Der Rest sind Kleinigkeiten. In diesem Sinn macht das Gefängnis aus Ihnen einen freien Mann."

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Anderswo wunderte man sich schon über die Müdigkeit des Mannes, als er noch der Reichste in seinem Land war. Der Prozess kam, als er bereits vor einer Art Verzicht stand, er, dessen Kindertraum es gewesen war, "Direktor" zu werden, Direktor von irgendwas , aber auf jeden Fall Direktor. Der Briefwechsel verweist auf einen anderen berühmten Gefangenen, den revolutionären russischen Denker Nikolai Tschernischewsky, der Russland zu verlassen sich weigerte, als seine Freunde ihn über seine bevorstehenden Verhaftung informierten. Er schien des Lebens müde, im öffentlichen wie im privaten. Und in der Gefangenschaft schrieb er sein Hauptwerk. Ähnlich wie er, scheint der neue Verbannte mit sich selbst im Reinen zu sein, möchte in eine andere Sphäre wechseln und denkt über die Ereignisse in der Welt nach. Hier ist seine Antwort auf die Fragen von Viedomosti nach der Wahl Obamas zum Präsidenten: "Zweifellos sehe ich mich im liberalen Teil der Gesellschaft und sehe, dass uns eine Linkswende erwartet. Die Antwort auf die Weltkrise wird unvermeidlich eine weltweite Perestroika sein. Wir haben moralisch und professionell allen Grund festzustellen, das die 30 Jahre der Herrschaft liberaler Ideen dem Ende zugehen.

 

 

Mittwoch 26. November 2008

Verehrung einer amerikanischen Ikone in der Wüste

#135

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Schock der Zivilisationen? Weit gefehlt! Der Christian Science Monitor, eine der ältesten und angesehensten Bostoner Tageszeitungen, erzählt uns ein Märchen aus der Wüste unter der Überschrift "Stählerne Kamele: im saudiarabischen Sand röhren die Harley Davidson". Caryle Murphy, der Korrespondent des Blattes, berichtet in oft lyrischen Tönen von seiner Durchquerung der Wüste in Begleitung von anderen Motorradfahrern einer neuen Art. Er ist begeistert. Sehr sauber, kurze Haare, soweit man sehen kann keine Tätowierung: die jungen Ärzte, Ingenieure oder Unternehmer haben ihre traditionelle Gandurah mit Jeans und T-shirt der berühmten Motorradmarke vertauscht und das ist auch die einzige Konzession, die sie ihrer neuen Leidenschaft machen. "Die Nacht bricht an und als Adel Mallawi seinen schwarz-ledernen Helm aufsetzt, umgibt ihn im Halbmondschein ein Strahlenkranz."

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Das Abenteuer begann vor vier Jahren, als einer von ihnen in Irland angesichts solchen Wunschobjekts in Verzückung geriet, es nach Ryad brachte und sich für Saudiarabien zum Vertragshändler des ältesten und kostbarsten motorisierten Zweirads erklärte (schon 105 Jahre...) Der elitäre neue Klub zählt mehr als 300 enthusiastische Anhänger und trifft sich einmal im Jahr zu einer Reise von 1200 km, quer durch die Wüste zur Jahresversammlung der Harleybesitzer des Mittleren Ostens (HOG).

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Die Gewandtheit, mit der sie ihre Leidenschaft für diese Ikone des manchmal so verhassten Abendlandes mit den Traditionen eines strengen Islams in Einklang bringen, faszinierte den Journalisten. Während im absolutistischen, islamischen Königreich die amerikanischen (und europäischen) Motoradfahrer, die Hells Angels, als gewalttätig, dreckig, und die Gesetze verletzend gelten, werden die Kollegen hier problemlos angenommen. Von Provokation kann keine Rede sein. Während ihrer Raily halten sie regelmäßig zum beten an und vergessen nie, ihre Teppiche mitzunehmen, und ihre Familien geben zu, dass dies Steckenpferd einem Männlichkeitswahn entspricht. Begegnungen mit der religiösen Polizei laufen stets mit der größten Höflichkeit ab. Auf Beleidigungen von Autofahrern die die quasi satanischen Eindringliche im heiligen Land in Wut versetzt, reagieren sie mit Humor: "Und ihr, schämt ihr euch nicht, in einem Ford zu fahren?". Und wenn sie Ausländer oder im Ausland lebende Saudis zu ihren Fahrten einladen, ergehen sie sich in Lobeshymnen auf die Landeskultur...

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Allerdings gibt es einen neuralgischen Punkt: im Land der vollkommenen Trennung der Geschlechter sind diese Träume von der großen Freiheit, vom Wind in den Haaren, selbstverständlich nur für Männer. Frauen haben kein Recht, Fahrzeuge zu fahren, weder vier- noch zweirädrige. Es ist vorgekommen, dass der ein oder andere der jungen Männer, in einem Anflug von Optimismus, seine Frau oder seine Schwester auf dem Rücksitz mitnahm. Die Religionspolizei reagierte prompt. Wenn man unbedingt eine junge Saudierinn auf einem solchen Boliden bewundern möchte, ist das dennoch möglich: im Libanon...

 

 

Mittwoch 3. Dezember 2008

Überwachen und strafen...

#136

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Während die französischen Parlamentarier sich anschicken, über Möglichkeiten zu diskutieren, Minderjährige schon mit 12 Jahren ins Gefängnis zu stecken, hat der oberste Gerichtshof Argentiniens gerade den Weg geöffnet, Kinder, die zu Straftätern wurden, wegzusperren. Die Tageszeitung Pagina 12 bringt die Nachricht auf der Titelseite und sieht in der Entscheidung einen fundamentalen Rückschritt gegenüber den Prinzipien des Interamerikanischen Gerichtshofs und der Internationalen Konvention der Kinderrechte. Nach Artikel 37 dieses Textes "kann kein Kind willkürlich oder ungesetzlich seiner Freiheit beraubt werden. Ein Kind kann nur im Einklang mit den Gesetzen verhaftet, festgehalten oder eingesperrt werden, und dies nur als letzte Maßnahme und so kurz wie möglich; jedes seiner Freiheit beraubte Kind ist menschlich und mit dem seiner Menschenwürde geschuldeten Respekt zu behandeln. Den seinem Alter entsprechenden Bedürfnissen ist Rechnung zu tragen." Das argentinische Gesetz, das Kinder einzusperren erlaubt, datiert aus Zeiten der Diktatur des Generals Videla. 700 junge Argentinier unter 16 Jahren seien ihm zufolge Grundlage in Haft.

Eine Forderung nach Freilassung von 60 Kindern aus einem spezialisierten Zentrum war erhoben worden, als man entdeckte, dass ihre Haftbedingungen denen der schlimmsten Gefängnisse für Erwachsene nahe kamen. Die Fondacion del Sur, eine Linkspartei, hatte die Gerichte angerufen. Das Berufungsgericht hatte sich für eine Freilassung ausgesprochen. Die Richter waren sogar noch weiter gegangen und hatten den Artikel 1 des Strafrechts für ungültig erklärt, der Straftaten von Minderjährigen regelt und ihre Inhaftnahme aufgrund einer einfachen Entscheidung der Polizei zulässt. Das Gericht hatte die sofortige Umsetzung seiner Entscheidung verfügt und sie auf einen Zeitraum von 90 Tagen beschränkt.

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Dieses Urteil hat der Oberste Gerichtshof aufgehoben und das mit ziemlich verqueren Argumenten: einerseits müssten die steigenden Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung berücksichtigt werden, anderseits müsse man den in Schwierigkeiten geratenen Minderjährigen helfen... Wohl wissend, dass diese Sichtweise einigermaßen paradox erscheint, behaupten die Richter, man schütze die jungen Straftäter, wenn man sie der Öffentlichkeit entziehe, vor sich selbst, vor den Versuchungen der Gewaltätigkeit, sei es als Täter, sei es als Opfer.

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Vor ein paar Jahren hatte der Conseil d’Etat in Frankreich ähnlich argumentiert bei einem berühmt gebliebenen Erlass, dem sogenannten "Zwergenwurf": das oberste französische Verwaltungsgericht hatte den Gemeinden auferlegt, ein Spiel zu verbieten, das in den 80er Jahren auf den Jahrmärkten im Schwang war. Das Publikum spielte Ball mit einem Kleinwüchsigen, der damit "einverstanden" war und dafür bezahlt wurde. Im Namen der Menschenwürde wurde entschieden, auch einverstandene Kleinwüchsige vor sich selbst zu schüzen. Im Fall der argentinischen Kinder kommentierte der Abgeordnete Emilio Garcia Mendez, Anführer der Fondacion del Sur, voller Bitterkeit: "Das ist ein brutaler Rückschritt in Sachen Grundrechte der Kinder und eine flagrante Verletzung der Demokratie, dass hier ein Gesetz der Militärdiktatur bekräftigt wird!"

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In Italien provoziert der Vatikan eine Polemik mit seiner Intervention bei den Vereinten Nationen gegen die Straffreiheit von Homosexualität: der Gesandte des Heiligen Vaters bei der UNO hat tatsächlich der französischen Forderung nach weltweiter Entkriminalisierung dieser sexuellen Orientierung den Kampf angesagt. Sie sollte die Möglichkeit eröffnen, in Ländern einzugreifen, in denen Homosexuelle verfolgt werden. Die Republica macht mit der neuen Attacke des Papstes auf und dokumentiert ausführlich die Strafgesetze, die noch immer Bürger wegen ihrer sexuellen Präferenzen verfolgen: man erfährt, dass kein Kontinent von repressiven Gesetzgebungen ausgenommen ist. Die Strafen sind allerdings unterschiedlich, sie reichen vom Strafzettel über die Haft zur Todesstrafe.

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Auch der Vatikan versucht mit ausgeklügelten Argumenten zu überzeugen: Erzbischof Celestino Migliore, der ständige Beobachter des Vatikan bei der UNO, behauptet, man kämpfe für die Menschenrechte. Es gehe darum, sagt der Gottesmann, die Rechte der "normalen" Verbindungen zwischen entgegengesetzten Geschlechtern zu schützen, denn die würden am Ende zu Opfern von Ausgrenzung! Der Prälat fürchtet, dass die Entkriminalisierung zusammen mit der Aufnahme des Rechts auf Schwangerschaftunterbrechung in die Grundrechte, zum gesellschaftlichen Verfall, oder gar in eine moderne Barbarei führe. Benedikt XVI hatte sich, schon als er noch Kardinal war, gegen diese "widernatürlichen" Verbindungen ereifert, die, weil sie Mode geworden, die natürlichen verdrängen würden. Auf dem Weg zur Emanzipation zeichnen sich Hindernisse entschieden ab.

 

 

Mittwoch 10. Dezember 2008

Lebende Tote

#137

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Sehr reich und sehr arm, aber alle vom Schicksal geschlagen: in dieser Woche teilten ihrer drei die Titelseiten in Russland, in Österreich und in den Vereinigten Staaten... Einmal ist da eine reiche Erbin, die die fünfzigjährigen Zeitungsmacher diesseits und jenseits des Atlantik, von der New York Times bis zum Daily Telegraph, auf Trab brachte. Diese Journalisten hatten zu Beginn ihrer Karrieren bestimmt die mysteriöse von Bülow - Geschichte miterlebt, ein Feuilleton, das eine Neuerung in die Medienlandschaft brachte. Martha "Sunny" von Bülow war eine der reichsten Erbinnen Nordamerikas. Zunächst mit einem verarmten österreichischen Prinzen liiert, hatte sie in zweiter Ehe einen Dänischen Makler geehelicht, der bei seiner Geburt weder das aristokratisch-deutsche von, noch den berühmten Familiennamen "Bülow" besaß, aber beide schick fand und sich aneignete. An einem Dezembertag 1981 (in Frankreich war Francois Mitterand gerade an die Macht gekommen und in den Vereinigten Staaten Ronald Reagan) fand man die schöne und reiche Lady mit ihren 49 Jahren bei sich zuhause im tiefen Koma liegend, aus dem sie nicht mehr erwachen sollte. Ihr Mann wurde angeklagt, verurteilt, doch dann freigelassen. Es war das erste Mal, dass ein Prozess im Fernsehen erschien, die Medien entdeckten den Profit, der aus derartigen Dramen in Direkt-Übertragung zu ziehen war. Ebenfalls zum ersten Mal beauftragte ein Verdächtiger Sachverständige für Kommunikation, parallel zu seinen Rechtsanwälten, mit seiner Verteidigung. Es entstand auch ein Film von Barbet Schroeder, "Reversal of Fortune". Darin geradezu umwerfend: Glenn Glose und Jeremy Irons . Es gab einen Oscar für die Rolle des eiskalten Goldjungen.

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Dann verschwand die ganze Affäre in der Versenkung. Das Manna der Gerichtsverfahren floß jedoch weiter, OJ Simpson war die neue Ikone. Zufälligkeiten des Schicksals: der erste Mann starb nach 10 Jahren im Koma, der zweite kämpft gegen den Krebs. Nun ist das Dornröschen dahingegangen. Seit 30 Jahren lag sie im Zimmer einer New Yorker Klinik der Hautevolée. Jeden Tag gab es neue Blumen und auf der Kommode standen die Fotos der drei Kinder, der unberirrt sich streitenden Erben. Genau 27 Jahre, 11 Monate, 15 Tage bewegungslos und nicht bei Bewußtsein, einzig im unaufhaltsamen Altern des Gesicht spiegelte sich die Zeit...

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Gleichfalls in einer Klinik, diesmal in Moskau, kämpft verzweifelt ein anderer lebendig eingemauerter. Dies Gespenst figuriert auf der Titelseite der mutigen Tageszeitung Wremja (Die Zeit) unter der Überschrift: "Das teure Mitleid". Vassili Aleksanian war der rechte Arm von Michail Chodorkowski, dem in seinem Unglück allerberühmtesten der russischen Oligarchen, Gefangener in Sibirien, obwohl zweifellos der eher weniger Unehrliche unter seines Gleichen. Der Vizepräsident des Ölkonzerns Jukos begleitete seinen Chef im Abstieg und wurde nach ihm zu drei Jahren wegen Betrugs und Steuerhinterziehung verurteilt. Vassili Aleksanian ist brillianter Harvardabsolvent, war immens reich und kämpft seit seiner Verurteilung ums Überleben: Leberkrebs und Aids, es geht mit ihm zu Ende.

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Seine Rechtsanwältin hatte zunächst seine Verlegung aus der Gefängniszelle ins Krankenhaus erreicht. Jetzt wurde er gegen eine Kaution von 50 Millionen Rubel, etwa 1,4 Millionen Euro auf freien Fuß gesetzt. Nur ist das für ihn ohne jede Bedeutung, weil er sein Schmerzenslager ohnehin nicht verlassen kann und auch nicht in der Lage ist, die fragliche Summe aufzubringen. Einzig sichtbare Konsequenz: die Wachen vor seinem Zimmer werden abgezogen. Und das genau in dem Moment, in dem sich das Gesetz in Sachen Wirtschaftsvergehen ändert: in Zukunft werden die Täter im weißen Kragen nur noch in Ausnahmefällen mit Gefängnis bestraft.

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Vielleicht wollte Die Presse ihre österreichischen Leser beruhigen: die ausgezeichnete Tageszeitung fand jemand unglücklicheres als die neuen, von der Krise geschlagenen Arbeitslosen: Sie traf auf "Donna Taisja", eine Ärmste unter den Armen, eine 78 Jahre alte Moldavierin, Dauerkundin der Suppenküche in einem doch eigentlich quasi europäischen Land, in dem der Lebensstandard einer der niedrigsten der Welt ist. Die Reportage könnte aus einem Roman von Dickens oder Zola stammen. Die alte Dame lehnt weinend die Hilfe der Sozialstation ab: "lasst mich in Ruhe, ich will sterben!". Ein Waisenkind, das gerade mal ein Dach über dem Kopf hat, sollte ihr ein wenig Nahrung bringen... Auf die Idee, Schiffbrüchige der beiden Altersstufen zu einander zu bringen, war die Sozialstation gekommen: die Alten kriegen Brot und Gesellschaft, die Jungen Arbeit und soziale Anerkennung.

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Moldavien erholt sich nicht vom Zerfall der Sowjetherrschaft: viele arbeitsfähige Menschen sind ausgewandert und lassen in der von der Geschichte gezeichneten Region eine soziale Misere zurück. Die Hauptstadt Kischinau, früher Kichinow war zu Anfang des XXten Jahrhunderts Schauplatz mehrerer antisemitischer Pogrome. Einmal griffen die Moldavier auch die Prostituierten an. Alexander Kuprin, liberaler aristokratischer russischer Schriftsteller erzählt davon in einem berühmten Roman: "Der Graben" (1909). Die in Russland häufig wiederkehrende Verbindung von Frauenhaß und Judenhaß wurde von der amerikanischen Historikerin Laura Engelstein herausgearbeitet.

 

 

Mittwoch 17. Dezember 2008

Braune Marschierer

#138

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Ist das die ewige Wiederkehr? Die Ereignisse in Russland und in Deutschland in dieser Woche bezeugen leider, dass die Drachenbrut wieder da ist. Drei Tageszeitungen schlagen Alarm: Wremja in Moskau, Die Tageszeitung in Berlin und der Kurier in Wien. In Bayern wurde der Polizeichef von Passau Opfer eines Mordversuchs mit einem Messer. Der Mörder mit rasiertem Schädel schrie, als er weglief: "Grüße vom nationalen Widerstand, linkes Bullenschwein!" Alois Mannichl ist bekannt für sein Vorgehen gegen die extreme Rechte, eine seit dem Fall der Mauer an Virulenz gewinnende Strömung jenseits des Rheins. Im Osten des Landes hat sie Vertreter in zwei Länderparlamenten und sie rekrutiert zunehmend Anhänger im Westen, aber auch in Österreich, und sie ist stark im Internet vertreten.

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Nach dem schwerwiegenden Attentat, dreht sich die politische Debatte um ein Verbot der NPD, der nationaldemokratischen Partei Deutschlands, eines offen rassistischen Vereins, der sich antisemitisch gibt und den Völkermord leugnet. Seine Anhänger oder Mitstreiter waren in mörderische Brandanschläge auf Immigrantenwohnheime verwickelt, und sie sind besonders zahlreich in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit. In Österreich, dem Nachbarland Bayerns, von wo die Mörder vermutlich kamen, hat man noch mehr Grund zur Beunruhigung. Hier ist die Wiederkehr der extremen Rechten bereits ein festes politisches Faktum. Aber der Kurier geht noch weiter und fragt nach der Entwicklung in ganz Europa: weckt die galoppierende Krise das Gespenst?

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In Russland haben sich die fremdenfeinlichen Angriffe in den letzten Jahren vervielfacht. Meistens sind kaukasische und asiatische Bürger der EX-Sowjetunion die Opfer. Das Menschenrechtsbüro, eine verdienstvolle Moskauer NGO, bestätigt, dass in den letzten drei Jahren 300 Menschen umgebracht und 1300 weitere durch wutentbrannte Anhänger diverser Zweige des russischen Nationalismus verletzt wurden. Die jungen Skinheads kommen keineswegs aus von der Perestroika und der wirtschaftlichen Erneuerung vernachlässigten Ecken. Oft sind es Kinder aus Familien der Nomenklatura, denen es schon in Zeiten der Sowjetunion nicht schlecht ging. Die Wremja glaubte aus zweifachem aktuellen Anlass, ihre Titelseite dem Thema widmen zu sollen: da ist zum einen eine neue Mordtat an tadschikischen Obst- und Gemüsehändlern (Enthauptung inbegriffen) in der Moskauer Umgebung, zu der sich Ultranationalisten bekennen; zum andern standen sieben junge Leute vor Gericht, die des rassistischen Mordes in 20 Fällen beschuldigt wurden, und die gerade zu schweren Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Die Zeitung schließt daraus und zeigt sich in gewisser Weise erfreut, dass die Behörden endlich das Ausmaß der braunen Bedrohung zu begreifen scheinen.

Wremja zufolge, auch wenn die Sache noch etwas myteriös bleibt, wurde eine Spezialeinheit der Miliz geschaffen, die solche Strömungen, die sich auch dort über das Internet verbreiten, bekämpfen soll.

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Aus Moskau kommt in dieser Woche ein um einiges weniger aufgeregtes Echo auf die Krise: "Vielleicht hilft sie uns, besser zu leben und aufzubauen" heißt es. Die Iswestja kündigt eine 180 Grad Kehrtwende in der Moskauer Stadtplanung an. Adieu den höchsten Wolkenkratzern Europas, willkommen Grünflächen! Rezession verpflichtet: die Abgeordneten haben das Budget für die Errichtung von Wolkenkratzern im Stadtzentrum von 7 auf 2 Milliarden Rubel reduziert (von 200 auf 55 Millionen Euro). Das an allererster Stelle betroffene Projekt ist der Riesenkrater unter offenem Himmel, unterhalb des Kreml, da wo das Hotel Rossia abgebrochen wurde. Anstelle des vorgesehenen pharaonischen Hotel- und Kaufhauskomplexes wird nun ein Parkentstehen: Bäume und Rasen, Luft zum Atmen - schreibt die Zeitung amüsiert. Aber die Autoren bemerken auch, dass, wenn jener Tempel des sowjetischen Turismus noch stünde, die Devisen heute nur so strömen würden. Oh Heimweh, wenn Du über uns kommst...

 

 

Montag 29. Dezember 2008

Trügerischer Schein...

#139

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Dies Bild will ich für das Jahr 2008 im Kopf behalten: ein "dickes Glück", und apriori ein optimistisches. Diese beiden runden Hinterteile, das eine groß, das andere klein, die sich im klarblauen Wasser tummeln, bezaubern mich. Es sieht so aus, als machten sie sich in große Tiefen auf und davon, in die absolute Freiheit. So der Schein, eine Allegorie für den Anfang des Jahrhunderts...

Die Wirklichkeit ist weniger glückverheißend. Die Süddeutsche Zeitung, das sehr seriöse und anerkannte bayrische Blatt, berichtet von einer ganz anderen Geschichte: im Berliner Zoo kam das 50te Flusspferdbaby seit 1945 auf die Welt. Gewiss, die Lebensbedingungen sind hier besser als anderswo, und der Zoo hat ein geradezu mythisches Renommé, vorallem was seine Flusspferde und Bären angeht: in Nachkriegszeiten opferten die Berliner ein Teil ihrer Lebensmittelkarten für Knautschke, den Hengst dieser Wasserpferde, der mit seiner zahlreichen Nachkommenschaft nationalen Ruhm erreichte. Und neuerdings erging sich das ganze Land in Zärtlichkeiten für das Bärenjunge Knut, das von seiner Mutter verlassen wurde, weil eine Bärin außerhalb ihrer natürlichen Umgebung ihre Brut ablehnt.

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Kathi, die schöne Flusspferdmutter ist schon zusehr an ihren goldenen Käfig gewöhnt: es scheint, dass sie ihr Baby gut ernährt: es ist gerade mal 4 Wochen alt und wiegt schon 50 Kilo. Die Zeitung ruft uns ins Gedächtnis: Flusspferde stehen auf der roten Liste bedrohter Arten und schon am Ende des 19 Jahrhunderts kämpfte Tiervater Alfred Brehm für ein Ende der Jagd auf die so besonders miteinander umgänglichen Tiere.

 

 

Donnerstag 8. Januar 2009

Nationalsport

#140

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Während das alte Jahr mit der Finanzkrise zu Ende geht, und das neue mit dem Kanonendonner im Gazastreifen begann, war ganz Holland mit einer entscheidenden Frage beschäftigt. Die Titelseiten auch der seriösesten Tageszeitungen handeln von nichts anderem: wird man dieses Jahr endlich, nach 12 Jahren der Frustration, auf den zugefrorenen Kanälen Schlittschuhlaufen können und vorallem, wird die Elfstedentocht stattfinden? Da sind ein wenig Geschichte und batavischer Nationalismus nicht zu umgehen. Holländer waren oft die ersten im Eislaufen: auch wenn die Archäologie Rippen- und Schenkelknochen unter den Stiefeln unserer Vorfahren vor 20 000 Jahren zu Tage brachte und damit eine Erfindung dokumentiert, mit der man sich auf dem Eis bewegen konnte: seit dem 16ten Jahrhundert hatten die Schlittschuhe der Niederländer Holzsohlen mit einer eisernen Schneide und erlaubten zunehmend schnelleres Gleiten... Zu Anfang des 18ten Jahrhunderts begannen Wettrennen und 1890 schlug Pim Mulier ein Rennen über fast 200 Kilometer zwischen elf Städten vor, die durch Kanäle miteinander verbunden sind. Die Elfstedentocht war geboren.

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Seit 1909, als sie zum ersten Mal stattfand, ging es - Klimawandel hin, Klimawandel her - fünfzehn Mal im Dezember, Januar oder Februar an den Start: 1912, 1917, 1929, 1933, 1940, 1941, 1942 (das heißt, trotz Krieg und Besatzung: Vergnügen muss sein), 1947, 1956, 1963, 1985, 1986 (hoppla! tatsächlich waren diese Winter sehr kalt) und 1997. 1963 war es mit minus 18 Grad so kalt, dass nur etwas mehr als 1% der Teilnehmer die mehr als 11 Stunden der Strecke durchstanden! Angesichts des Temperatursturzes sind die Aussichten für den Traditionslauf in den nächsten Tagen nicht schlecht. Aber was den Schlittschuhläufer/inne/n Vergnügen bereitet, macht die Schwimmer/innen traurig: normalerweise findet am Neurjahrstag ein populäres Winterbaden statt und dies Mal mussten viele angesichts der Eismassen auf das kühle Nass verzichten.

 

 

Sonnabend 21. Februar 2009

Wie ein Lauffeuer...

#141

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Es gibt Dinge, da schwört man sich, nie über sie zu sprechen, weil sie zu heiß sind, weil man als Kind erlebt hat, dass, wenn sie in der gedämpften Atmosphäre eines Wohnzimmers zur Sprache kamen, Türen zugeschlagen wurden, weil da die Geschichte ist, weil da meine Geschichte ist, weil man den Kopf in den Sand steckte... Und auf ein Mal klingelt das Handy, während du glücklich über einen Tag auf dem Land und im Wald im Zug sitzt und vor dich hin duselst: eine Freundin macht dich mit einem Schlag hellwach. Vorallem, wenn die, die da anruft, Mine Kirikkanat heißt, Türkin ist, Journalistin und als solche sich in ihrem Land wacker schlägt und dich jetzt nach deiner Meinung fragt...

Die Nachricht, die sie dir mitteilt ist, dass die Türkei, das traditionell tolerante und für Juden gastfreundliche Land, dabei ist, in den Antisemitismus abzugleiten und das auf höchstem Niveau: dies nämlich lassen Premier Erdogan’s Äußerungen in Davos über Gaza und gegen den israelischen Präsidenten befürchten... In der glatten, höflichen Umgebung des Davoser Forums, in der so überaus zivilisierten Schweizer Eidgenossenschaft, kommt es zu einem violenten verbalen Schlagabtausch der beiden Staatschefs.

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Shimon Perez, Friedenspreisträger und Verhandlungsführer der Osloverträge antwortet auf den Angriff des türkischen Premiers: "Und was würden Sie tun, wenn auf ihr Land jeden Tag Jerpost Raketen abgefeuert würden". Zum Beispiel aus Kurdistan, nicht wahr? Schließlich kennt man die harte Antwort der türkischen Regierung an diese unverbesserlichen Angreifer... Herr Erdogan erwidert daraufhin: "Du bist älter als ich und Du redest lautstark. Wenn Du derart laut wirst, heißt das doch, dass Du Dich schuldig fühlst. Ich werde nicht lauter, um Dir zu sagen, dass ihr es sehr gut versteht, Menschen zu töten. Ich weiß, wie ihr zuschlagt und Kinder am Strand tötet!" Dann steht er auf und verläßt, seine ganze Würde zur Schau tragend und nachdem er den alten Mann beleidigt hat, den Saal.

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Diese Geste billigen Heldentums verbreitet sich anschließend wie ein Lauffeuer. Im diesem verdammten Morgenland, dass nie Frieden kennen will, erheben sich die Massen, die Zeitungen begrüßen oder verdammen das Ereignis auf ihren Titelseiten, die Führer im Iran und die der Hamas grüßen ihr neues Idol, vergleichen ihn gar mit Sultan Mehmet II, genannt der Eroberer, oder mit Soliman dem Prächtigen und sie hätten fast das Ottomanische Reich wieder haben wollen... Soviel zum Schwarz-weiß-Denken, das in diesen Zeiten der extremen Vereinfachungen überhand nimmt. Aber lassen wir uns die Erleichterung durch andere Stimmen nicht nehmen, die sich in Istambul und Jerusalem hören lassen, während allerdings die Widersprüche einer Türkei, die verzweifelt zwischen dem Orient und dem Westen ihren Weg sucht, noch lange nicht gelöst sind.

 

 

Sonnabend 21. Februar 2009

Sterbeparagraphen...

#142

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Das gleiche Foto auf den Titelseiten in Italien und anderswo: eine strahlende Eluana, unsterblich mit 17 Jahren, am Vorabend ihres tiefen Dauerschlafs als sie 21 Jahre alt war. Das Lächeln täuscht. Dahinter verbirgt sich eine italienische Farce, düsterl und gewaltträchtig mit mehr oder weniger glaubwürdigen Darstellern, Silvio Berlusconi - Il Cavaliere, Pabst Benedikt XVI, die italienische politische Klasse, und als Hollywoodstar ein zweigeteiltes Land. Die lächelnde junge Frau, eine Art Mona Lisa von heute, und ihre Familie - sie stehen im Hintergrund mit ihrem Leid, das von den einen wie den anderen instrumentalisiert wird. Die Familie hat sowohl vor Gericht wie mit Apellen an die Öffentlichkeit unausgesetzt versucht, der therapeutischen Insistenz ein Ende zu setzen, mit der das Leben dieses Dornröschens, das seit einem Autounfall in ein hoffnungloses Koma versunken ist, künstlich verlängert wird. Der letzte Akt gereicht weder der italienischen Politik noch der Kirche zur Ehre.

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Im November vergangenen Jahres hatte das römische Berufungsgericht schließlich entschieden, dass die künstliche Lebensverlängerung der jungen Frau eingestellt werden kann. Sylvio Berlusconi, der Staatschef, glaubte sich über diese Entscheidung hinwegsetzen zu können und erließ zunächst ein Dekret und versuchte dann, als der italienische Staatspräsident seine Unterschrift verweigerte, in einem Dringlichkeitsverfahren per adhoc-Gesetz die Wiederaufnahme der Behandlung durchzusetzen. In diesem Versuch, der einem Machtmissbrauch gleichkommt, fand er volle Unterstützung in der Person Benedikts des sechzehnten. Michael Braun von der Berliner Tageszeitung spricht von Allianz von Karpfen und Hase. "Nichts verbindet diese beiden Männer. Auf der einen Seite der rückständige Theologe, auf der anderen ein Komiker von oft zweifelhaftem Witz. Nichts verbindet sie, außer einer unwiderstehlichen Neigung, sich über das Gesetz zu stellen". Aber siehe da, die Ärzte nahmen ihre Entscheidungsfreiheit in Anspruch und stellten, gestützt auf das Urteil des Berufungsgerichts, die Behandlung ein. Sie ließen Eluana sanft sterben just vor der Abstimmung über das verknöcherte Gesetz, das sie gegen alle Vernunft am Leben erhalten sollte. Die Kirche beklagt "einen brutalen Mord" und hält es für richtig darauf zu bestehen, dass "in der Krankheit Gott allein dem Leiden abhelfen kann". Der Ratspräsident lässt wissen, er sei "voller Bitterkeit, dass er ihr Leben nicht habe retten zu können."

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Im Corriere de la Sera bringt der Leitartikler Claudio Magris unter der Überschrift "Ein Leben, ein Land" die Sache auf den Punkt: wenn Sylvio Berlusconi mit seinem Parforceritt Erfolg gehabt hätte, wäre dass ein schlechter Streich für die Demokratie geworden, die Gewaltentrennung wäre damit aufgehoben worden. Der Journalist empört sich außerdem über die "heiligen Naturgesetze", denen zu gehorchen sei im Namen von Kräften , die reichlich Katastrophen bewirken, Tsunamis, Epidemien und andere "natürliche" Unbilden... Zustimmung und Ablehnung halten sich bei den Italiener/inne/n genau die Waage: ein zwiegespaltenes Land, dass, nocheinmal Claudio Magris zufolge, lernen müsse, was das Wort "Liebe" bedeute. Das hätte man uns nicht gesagt, als Eluana noch lächeln konnte...

 

 

Sonnabend 21. Februar 2009

2009, Odyssee im Weltraum ... und in den Meeren

#143

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Wer sich jetzt ärgern muss, das sind die Marsmenschen und die Meeresschluchtenbewohner. Stellen Sie sich das nur in etwa vor: die einen müssen auf die ungetrübte Aussicht auf die Erde oder auf eventuelle Eroberungsfeldzüge verzichten, während für die anderen das Unterwasserleben ab jetzt einem Hindernissrennen gleicht... In einer Woche gleich zwei alarmierende Unglücksfälle. Am 12. Februar stoßen zwei Satelliten, der eine amerikanisch, der andere russisch (was für ein Zufall!) zusammen, explodieren in hunderte von Einzelteilen, die sich mit tausenden anderen im Orbit vereinen und um unseren Planeten eine mehr oder weniger undurchsichtige Wolke bilden.

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Fünf Tage später enthüllt die britische Presse, dass zwei Atom-Uboote, das eine französisch, das andere englisch (was für ein Zufall!), beide mit Nuklearwaffen von 1248 mal (seien wir genau!) der Sprengkraft der Hiroshimabombe, 20 000 Meilen unter dem Meer (s. Jules Verne (KS)) zusammengestoßen sind. Hoppla! Aber keine Angst: die russischen, amerikanischen, französischen und englischen Behörden singen im Chor: alles in Ordnung, die Lage ist unter Kontrolle, weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen.

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Die beiden Ereignisse, zwei Premieren auf ihrem Gebiet, haben zu Titelseiten geführt, eine schöner als die andere, mit Fotos von unserer kleinen Erde, die fast wie Saturn aussieht, mit einem wunderschönen goldenen Ring. Nur handelt es sich hier nicht um Gas, Körner und Bröckchen, sondern um ineinander verkeilte Wrackteile im einen und um Stahlungeheuer im anderen Fall, die wie ein moderner Neptun aus den Fluten auftauchen. Auch hat man uns mit weisen Erklärungen gefüttert, mit ungewissem, je nach Zeitung und Breitengrad verschiedenem Zahlenmaterial überhäuft. Unmöglich zu erfahren, wieviele Müllteile da zum Beispiel um uns herum die fröhliche Sarabande aufführen: 17300 sagt die Washington Post, 12000 meint die kanadische National Post, 300 000 schwört die Londoner Times, während die Moskauer Iswestja es vorzieht, nur die russischen und sowjetischen Teile zu zählen, angeblich nicht mehr als 600 und genau inventarisiert, die da als "Fliegende Holländer" herumschwirren und bis in alle Ewigkeiten fliehen.

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Die schriftstellerische, lyrisch-humoristische Palme gebührt aber zwei englischen Journalisten, die zum einen für die Times, zum anderen für den Independent schreiben, also ein Schlag rechts, ein Schlag links... Da wären zunächst die Überlegungen von Anjana Ahuja in der Times zu lesen: "Wenn Sie ein genügend starkes Teleskop auf den Saturn richten, erleben sie ein grandioses Schauspiel. Wie eine Perle aus Marmor und silbernem Onyx ist das Gestirn von einem blassen Ring aus vereistem Wasser umgeben, das feine oder kräftige Lichtstrahlen aussendet und so die Vorstellung von Ringen entstehen lässt, wo es sich in Wirklichkeit um Müll handelt. Sie können auch sagen, Satelliten, wenn Sie wollen, die zum Teil edlen Zwecken dienen, als da sind die Wetterbeobachtung, das Satellitenfernsehen, das Handytelefonieren und vorallem die Spionage böser Nationen! (...). Angesichts solcher Vielzahl war der Zusammenstoß über Sibirien sicher. Da oben herrscht Anarchie. Es gibt da keine Verkehrsregellung (es müsste ein Maxiverkehrsgesetz für die Maxirouten geben), und es gibt auch keinen Kontrollturm, der ihnen sagen würde: "Hallo, ihr Satellit stürzt ab, legen Sie sich bitte flach auf den Boden" ". Soviel für den gestirnten Himmel über uns.

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Jetzt noch ein kleiner Tauchgang mit Chahal Milmo, Chefreporter des Independent, der sich nicht scheut, sich mit der königlich britischen Marine anzulegen, die Nation bis ins Mark zu treffen. "Also, mein lieber Admiral, was können Sie uns zum nuklearen Unterwassercrash sagen?" und weiter (bis ins Mark): "Ist Ihnen klar, was einer der schlimmsten Albträume aller Zeiten ist, der schon in der bloßen Vorstellung Angst auslöst? Nämlich das schlimmste Unglück mit Atomubooten seit der Koursk (das Uboot, das vor Murmansk mit der ganzen Mannschaft unterging) im Jahr 2000." Der Admiral, Sir Jonathan Band erklärte daraufhin: die Uboote gleiten heutzutage immer geräuschloser durch die Tiefsee um die Meeresbewohner nicht zu stören, und fügt hinzu, das sei auch der Grund für das absolut unwichtige kleine Unglück gewesen. Da hätten wir also jetzt unsere Vision von Schiffen, groß wie Wohnblocks, geführt von Kapitänen, die sicher sind, dass sie vor dem Verlassen des Hafens auch ihre Gleitschuhe angelegt haben, damit sie Wale und Seeigel nicht stören. Will uns der Chef der britischen Marine für dumm verkaufen? Man wagt nicht, sich das vorzustellen...

 

 

Sonnabend 7. März 2009

Von Gedichten, grauen Haaren und Autobahnen...

#144

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Wer hat gesagt, dass Gedichte aus der Mode kämen? Wer immer das denkt, sollte schnell die Golfpresse lesen: die Mehrheit der Zeitungen der Emirate feierten heute morgen die Wiedergeburt und Blüte der Dichtkunst in der unfruchtbaren Wüstenlandschaft von Dubai. Scheich Mohammad Bin Rashid Al Maktum, Vizepräsident und Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate und Gouverneur von Dubai, hat soeben das erste internationale Dichterfestival von Dubai eröffnet. Mehr als hundert Dichter aller Kontinente wettstreiten eine Woche lang in lyrischen Ergüssen. Sie wollen zeigen, dass es eine universale Sprache gibt, die zwischen noch so weit von einander entfernten Ländern und über kulturelle und organisatorische Unterschiede hinweg Brücken schlagen kann. Kurzum, der traditionelle Diwan trifft sich mit dem traditionellen Alexandriner. Geblendet vom Glanz des Gouverneurs, der Worte und Gespräche schätzt, eilen wir zur Internetseite des Festivals und schauen uns das Programm an: der Emir hat nicht gelogen: wir reisen zwischen den Zeilen von Griechenland nach Russland, von der Schweiz nach Deutschland, Frankreich, Italien oder Slowenien, vom Jemen nach Südafrika, über Nigeria oder Zimbabwe, vom Irak nach Indien oder nach Albanien, von China nach Venezuela oder Brasilien mit einem Umweg über Syrien oder den Libanon usw., usw.. Wir applaudieren bei Breyten Breytenbach, dem südafrikanischen Dichter, Streiter gegen die Apartheid, der heute im Senegal lebt und der Dubai zur "Oase des Geistes und der Herzen" erhebt. Bis uns leise Zweifel überkommen: sind wir etwa übelwollend? Man sucht vergeblich einen Amerikaner oder Israeli auf der Liste der Eingeladenen, die in der neuen Hauptstadt der Konflikt- und Krisenüberwindung sicher willkommen wären. Gewiss, man findet auch keine Spur von Schweden oder Birmanen... Dennoch die Fehlanzeigen sind irgenwie seltsam.

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Dies gesagt, sollte nicht Barack Obama gerade jetzt Gedichte lesen, um sich von den schrecklichen aktuellen Weltereignissen zu erholen, die ihm so große Sorgen machen? Die New York Times machte nämlich eine niederschmetternde Feststellung: nach nur 44 Tagen der Präsidentschaft ist sein Kopf dabei zu ergrauen! Zwar erinnert uns Helene Cooper, die uns diese schrecklich Neuigkeit bringt, dass Bill Clinton in zwei Jahren vom halb kastanienbraunen zum weishaarigen Kopf mutierte und das G. W. Bush, graumeliert zu Beginn seiner Amtszeit, total grau seinen Abschied nahm... Aber so schnell? In nur eineinhalb Monaten? Eine andere journalistische Referenzperson, Deborah Willis, Biografin des neuen amerikanischen Präsidenten, hatte schon im Januar das Phänomen beobachtet: "das hat zwischen dem Ende der Wahlkampagne und der Amtseinführung angefangen" meint sie total schockiert. Barack Obamas Friseur mischt sich ein. Er schreibt in allen Blogs, die behaupten, der Präsident würde sein Grau betonen um würdevoller zu wirken oder seinen Schopf schwarz färben, um jünger auszusehen: nein, nein, dreimal nein, der Präsident hat wundervoll natürliches Haar, dass sollte man bitte glauben (man ist an den Streit um Kanzler Gerhard Schröders geschwärztes Haar erinnert!). Das heißt nicht, das nicht so manchen die grauen Schläfen zur Verzweiflung bringen: Experten behaupten, dass dieser, dem Aussehen nach für Stress so unempfängliche Präsident doch nicht ganz so zen sei... Ich neige dazu, das Symptom eher als beruhigend zu empfinden: hier ist endlich mal ein Staatschef, der seine Sendung wirklich ernst zu nehmen scheint...

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Sollte er nicht, damit er mit seinen pharaonischen Aufgaben nicht so ganz allein dasteht, sich ein Beispiel an Argentinien nehmen, das gleich ihm versucht, die Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen: Cristina Kirchner hat gerade ihren Plan zur Ankurbelung des argentinischen Wirtschaftsmotors vorgelegt (der, erinnern wir uns, im vergangenen Jahrzehnt, erheblich ins Stottern kam). In allen Richtungen sollen eine Reihe öffentlicher Arbeiten in Angriff genommen werden: Autobahnen, neue Beläge des existierenden Straßennetzes, Schulen, Sozialwohnungen, der Staat will hunderte von Millionen Pesos investieren und damit mindestens 272 000 Arbeitsplätze schaffen. Das Prunkstück des Programms ist der Bau der Autobahn "Präsident Peron", achtzig Kilometer lang, die die Verbindung von der Hauptstadt zum nächstgelegenen Strand La Plata erheblich verbessern soll. Im Übrigen soll sich die Pampa mit geteerten Fahrwegen überziehen, denn die Regierung hat auf einmal erkannt, dass dadurch die Transporte sehr erleichtert werden... Argentinien hat gelernt, schwere Krisen zu überwinden. Man wird gespannt sein, auf welche Weise man die aktuelle in Vergessenheit bringt...

 

 

Mittwoch 18. März 2009

Stadtratten und die Rättin der Felder...

#145

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Die sehr seriöse Die Welt verkündet eine revolutionierend hoffnungsvolle Neuigkeit: Berliner Forscher haben eine Bio-Viagra-Pille entwickelt. Der Leiter dieses wunderbaren Projekts, Herr Schröder (Olaf, nicht Gerhard, das muss man wohl präzisieren...) ist stolz: das grüne Viagra aus einem Pflanzencocktail wirke sogar stärker als sein nun schon alter chemischer Vorgänger. Doch komme die Bio-Potenz nicht vor dem Frühjahr 2010 auf den Markt. Sie müssen sich also, meine Herren, noch gedulden bis sie dann die Sexbomber werden können, zuallererst wohl zu Ihrem eigenen Vergnügen. Die stimulierende Mischung ist tatsächlich ein Produkt der europäischen Osterweiterung, sozusagen eine unmittelbare Folge des Mauerfalls. Ihr Hauptbestandteil ist nämlich Tribulus terrestris, auf deutsch der Erd-Burzeldorn, der dornige Früchte hat, die sich wie Heftzwecken etwa in Füße bohren und so von Tieren verbreitet werden. Das robuste Jochblattgewächs kommt besonders reichlich in Südosteuropa vor und gilt seit langem als "Krafterzeuger".

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Herrn Schröders (Olafs, nicht Gerhards) Stärke liegt in der Verbindung mit Reis, mit Weizen- und Distelkeimen, aber auch mit Zuckerrohr und der uralten andinen Maca (Gemüsepflanze, gilt als Aphrodisiakum d.Ü.). Da müssen wir dann Herrn Schröder (diesmal den anderen) fragen, ob die Glückspille auch dann noch als Ökoprodukt gelten kann, wenn aus Peru, oder von den Antillen die nötigen Wirkstoffe per Flugzeug bei der damit verbundenen Schadstoffbelastung der Atmosphäre herbeigeschafft werden. Oder auch, wie hoch der nicht libidinöse Energieaufwand wäre, wenn man hier riesige Gewächshäuser bauen würde.

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Alles dies könnte die neue russische Landwirtschaftsministerin, Elena Skrynnik in höchstem Maß interessieren. Sie kam vor 47 Jahren in Tscheljabinsk, im Herzen des Ural, auf die Welt und die Vremja (Die Zeit) widmet ihr ihre Titelseite. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten, was ihr seitens der Zeitung den Titel "Zarin der Felder" einbringt: Niemals im alten Russland, in der Sowjetunion, im neuen Russland hätten die Landwirte sich träumen lassen, dass eines Tages eine Frau für sie zuständig sein könnte. Mit einer Ausnahme: Katarina die Große, die göttliche. Elena Skrynnik hat die doppelte Erfahrung als Ärztin und als Unternehmerin, dass könnte sie ermutigen, die Erd-Burzeldorn-Kultur in großem Stil anzukurbeln. Präsident Dmitri Medwedjew findet, dass die russischen Landwirte eine Art innere "Dritte Welt" darstellen, dass unbedingt ein starkes Signal kommen muss, um ihnen wieder Mut zu machen. Da wäre also die Kaiserin Elena...

 

 

Sonnabend 28. März 2009

Inquisition?

#146

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Ein Name, der in der letzten Zeit weniger häufig zu sehen und zu hören war, nämlich der von Tariq Ramadan, ist wieder da. Und zwar auf den Titelseiten von zwei prestigeträchtigen Blättern diesseits und jenseits des Atlantik, der schweizerischen Le Temps (Die Zeit) und der amerikanischen New York Times... Wenn der Denker, Philosoph und islamische Theologe jetzt die Szene wieder betritt, dann weil er mit der Verwaltung in Amerika prozessiert. 2004 war er eingeladen, an der Universität Notre Dame /Indiana zu lehren. Aber die Regierung Bush verweigerte ihm das Einreisevisum, zunächst wegen "Billigung oder Unterstützung" terroristischer Aktivitäten, und als dieser Grund für nicht stichhaltig befunden wurde, wegen einer Spende an die Association de secours palestinien (Vereinigung Hilfe für Palestina), eine Organisation die verdächtigt wird, mit der Hamas in Verbindung zu stehen. Seinerzeit wurde um die Visumsverweigerung weder hier noch drüben viel Aufhebens gemacht: die Welt stand noch unter dem Schock der Attentate des 11. September 2001, dem gegenüber schienen Episoden wie diese nebensächlich.

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Heute geht die Affaire in Berufung, George W. Bush gehört der Geschichte an, und mit Barack Obama stehen die Zeichen auf Dialog. Zweifellos ist es dieser Hitergrund, der John Schwartz den Anfang zu dem Artikel liefert, den er dem Gerichtsverfahren widmet: "Tariq Ramadan, ein angesehener schweizer Intellektueller...". Er lässt dannmehr und mehr "angesehene", immer zahlreichere Stimmen zu Wort kommen, die den Bann aufheben und den Dialog mit den gemäßigten Islamisten aufnehmen wollen. Le Temps unterstützt diese Forderung sozusagen spiegelbildlich, obwohl die Genfer Tageszeitung auch berichtet, dass die Fronde gegen den Islamgelehrten alles andere als Vergangenheit ist: "Feinde des Landes haben kein Recht hier zu reisen und zu arbeiten. Ein Sieg Ramadans wäre eine Bestätigung mehr, das Amerika unter Barack Obama in eine Gefälligkeitsmentalität zugunsten derer, die uns zerstören wollen, abgleitet", schreibt Jonathan Tobin, einer der Anführer der Neokonservativen.

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Ich kenne Tariq Ramadan nicht sehr gut, ich weiß was ich von ihm gelesen habe und manchmal anregend fand. Ich erinnere mich auch, dass er nach den Attentaten vom 11. September (genauer im Dezember 2001) in Le Monde eine lebhafte Polemik gegen den wachsenden Antisemitimus in den französischen Vorstädten publizierte. Ich mag mit ihm nicht immer einig sein, aber ich habe mich immer auch gefragt, wie die maßlosen Verdächtigungen entstehen konnten, er spreche doppelzüngig, ja, sein Denken sei zwiegespalten. Ich habe mich gefragt, wie seine Ankläger das fertig brachten: haben sie ein spezielles Gerät, mit dem sie im Gehirn des Mannes lesen können? In anderen Zeiten verbrannte man katholische Kirchenväter wegen des Verdachts falschen Denkens. Inquisition nannte man, was vor nunmehr sieben Jahrhunderten in Europa umging..

John Schwartz erinnert auch daran, dass die Vereinigten Staaten in Zeiten des kalten Krieges Leuten wie Gabriel Garcia Marquez, Pablo Neruda oder Doris Lessing die Einreise verweigert haben. Lauter gefährlichen Terroristen, versteht sich...

 

 

Montag 6. April 2009

"Wahre Lügen"

#147

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In Deutschland, in Finnland, in Frankreich und selbst in Russland herrschte diese Woche die gleiche Beunruhigung in allen Blättern: lassen wir uns jetzt andauernd von unseren Freunden, unseren Arbeitgebern, unseren Regierenden und, was zweifellos das schlimmste wäre, von uns selbst überwachen? Die diffuse Angst nährt sich aus mehreren spektakulären Affären: in Finnland wurde die "Lex Nokia" ratifiziert, die den Unternehmen erlaubt, die elektronische Post ihrer Beschäftigten zu überwachen; in Deutschland hat der mächtige Leiter der Deutschen Bahn seinen Abschied nehmen müssen, weil er die Emails von Gewerkschaftlern hat ausspionieren lassen und während des Arbeitskonfliktes Aufforderungen zur Arbeitsniederlegung unterdrücken ließ; die russische Iswestja erhielten ein interessantes Angebot, das ihnen Zugang zu den privaten Daten der russischen Nomenklatura, der Oligarchen und der Topmodelle versprach; und Le Monde schickte einen Reporter in die Galaxie Facebook, da wo sie von Kopfjägern zur Rekrutierung verwendet wird...

Begeben wir uns zunächst nach Finnland. Im vergangenen Februar verlangte Nokia, der Mobiltelefonriese und einer der größten Arbeitgeber in nördlichen Landen, von der Polizei, sie solle die elektronische Post von Beschäftigten überwachen, die verdächtigt wurden, vertrauliche Informationen an die Konkurrenz weiter zu geben. Trotz vieler Bürgerrechts- und Datenschutzeinwände reichte die ökonomische und soziale Bedeutung des Unternehmens, das Parlament des Landes zu überzeugen, solche Forderungen in einem Gesetz, der sogenannten Lex Nokia, zu verankern. Jetzt können Angestellte, die zum Beispiel verdächtigt werden, die Netze des Unternehmens, in dem sie arbeiten, zu illegalen Zwecken zu verwenden oder Betriebsgeheimnisse zu verraten, beschattet werden. Die Staatspräsidentin hat das Gesetz ratifiziert, trotz aller Petitionen und Proteste der um ihre bürgerlichen Freiheiten besorgten Landsleute.

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Fast gleichzeitig wurde Hartmut Mehdorn, der oberste Chef der Deutschen Bahn, dieses allmächtigen deutschen Bahnunternehmens, mit der Hand in der Tasche, oder vielmehr mit dem Finger auf der Maus dabei erwischt, wie er übers Internet 173 000 seiner Beschäftigten, das sind drei Viertel der Angestellten, ausspionierte. Im Kampf gegen alle Arten von Korruptionsversuchen, behauptet er. Nur gibt es da ein kleines Problem: die Gewerkschaften haben aufgedeckt, dass ihre Mails umorientiert wurden, ja selbst einfach von der Bahndirektion gelöscht wurden, wenn sie die Auffoderung zum Streik enthielten. Hartmut Mehdorn hat für alles eine Antwort: in Deutschland ist es scheinbar verboten, über Email Anhänger für soziale Bewegungen zu werben... Aber selbst wenn er immer Recht hat, musste seine, in den eigenen Augen unabsetzbare, Persönlichkeit den Hut nehmen.

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Nichtsdestotroz scheint die Aufregung, die diese beiden Affären verursachten, etwas übertrieben. Denn will man der Moskauer Iswestja und der Pariser Le Monde Glauben schenken, zirkulieren unsere persönlichen Daten seit langem schon fröhlich im Internet und jeder einigermaßen geschickte Mensch kann sich ein überraschend genau erscheinendes Portrait herausangeln. Ein Portrait, das vielleicht doch nicht ganz so exakt ist, wie die beiden Zeitungen es sich vorstellen. Die Rechercheure der russischen Zeitung stoßen sich an jenem Angebot, das auf einer in den Vereinigten Staaten beherbergten Webseite gemacht wird und private Informationen über Bürger/innen der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) aus einer Datenbank mit mehr als 5 Milliarden Akten anbietet, obwohl laut Verfassung "Sammeln, Speichern, Gebrauch und Verbreitung von Informationen über das Privatleben einer Person ohne ihre Einwilligung nicht zulässig ist". Von daher an diesem 1. April die allgemeine Entrüstung und Alarmstimmung...

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Ist das nicht einigermaßen spitzfindig in einem Land, in dem der KGB Milliarden und Abermilliarden von Akten anlegte (und vielleicht noch immer anlegt ?), die wirklich alles enhüllen, sogar das, was nicht stimmt. Übrigens ganz wie auch das Internet: Community-Seiten wie Facebook oder Suchmotoren wie Google unterscheiden nicht zwischen Wahrheit und Fantasie, schlucken alles wie Kraut und Rüben und spucken es genau so wieder aus. Man weiß ja schließlich, dass, ähnlich wie bei sexologischen Umfragen, nichts fragwürdiger ist als Profile, die im Internet erscheinen: man erfindet sich auf der ganzen Linie, man erträumt sich, man leistet sich ein Double, an das man übrigens unverbrüchlich glauben mag. Der Dichter Aragon, der sich mit mehrfachen Identitäten auskannte, nannte so etwas die "wahre Lüge".

 

 

Sonnabend 11. April 2009

Kindheiten...

#148

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Ein paar Menschen und hinter ihnen ganz Kanada verharren dieser Tage in einem Wartezustand an der Grenze zum Unerträglichen : ein Säugling muss sterben, damit ein anderer leben kann. Jedoch: "noch ist der Zeitpunkt für Kaylee nicht gekommen...!", um mit einem der Väter zu sprechen. Die gesamte englischsprachige Presse nimmt das Thema auf, von den seriösesten Tageszeitungen wie der National Post bis hin zu den Skandalblättern wie der Toronto Sun. Wie man die Dinge auch dreht und wendet, es geht bei der Angelegenheit ebenso um Emotionalitäten wie um medizinische Forschung, Ethik oder Rechtsprechung. Zwei Familien treffen zufällig in ihrem Unglück im Kinderspital von Toronto aufeinander. Zwei Mütter, zwei Väter, zwei winzig kleine Mädchen, kaum ein paar Wochen alt, Kaylee Wallace und Lillian O’Connor, erstere in kürzester Frist todgeweiht wegen eine Missbildung des Gehirns. Die zweite, mit einer Herzinsuffizienz geboren, braucht so schnell wie möglich eine Transplantation. Allen Rechtswegen zuwider - Organspenden sind anonym und werden ausgelost (wenn auch bei der Auslosung etwas "nachgeholfen" wird) - haben die Eltern von Kaylee sofort vorgeschlagen, den Ärzten zu erlauben, die künstliche Beatmung ihres Säuglings einzustellen und das Herz Lillian zu übertragen. Dies vor Journalisten und laufenden Kameras: Jason Wallace, Crystal Vitelli, Kevin O’Connor und Melanie Bernard haben sich life mit ihren Ängsten und Zweifeln geäußert, während die Ärzte, von derartiger Öffentlichkeit überwältigt, schwiegen.

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Am Dienstag, den 7. April kommen also die Eltern von Kaylee in den Operationssaal, wo die Beatmung eingestellt und Minuten später die Transplantation stattfinden würde. Hier hätte das Feuilleton enden sollen, mit einem hoffnungsvollen Schluss für Lillian. Wir hätten uns im Bewusstsein unseres Voyeurismus schamhaft abgewandt. Das Gegenteil, geschieht, die Dramatik kommt wieder auf und die Akteure sind daran aktiv beteiligt: entgegen allen Voraussagen ist die Kleine nicht tot, und ihr Herz schlägt, trotz Koma, ganz regelmäßig. Herr Wallace erklärt den Medien sie sich auf Dauer vor der Klinik einrichten: "Kaylees Stunde ist noch nicht gekommen!" Was tatsächlich geschieht, ist ziemlich unglaublich: je länger der Säugling sich ans Leben klammert, desto mehr verändert sich sein Herz und wird für die Transplantation immer ungeeigneter. Die Ärzte haben ihr Schweigen gebrochen: "Wir sind sehr traurig, das wir keinen Ausweg aus der Lage finden konnten und dies für beide Familien. Unsere Sorge gilt jetzt den Eltern, ihren physischen und affektiven Leiden." Vielleicht haben diese vier Frauen und Männer ja versucht, ihr Leid zu lindern indem sie ihre Qualen der ganzen Welt offenbaren. Aber unversehens schnappte die Falle der Mediatisierung hinter ihnen zu.

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Der Ausgang der traurigen Geschichte ist zur Stunde nicht bekannt. Ähnlich wie vor zwei Jahren, als ein niederländischer Fernsehkanal eine Reality-Show ausstrahlte, in der eine kranke Frau vor laufender Kamera die Zuschauer um eine Niere bat. Das führte zu einer scharfen Polemik während und nach der Sendung. Nur handelte es sich in Wirklichkeit um eine gespielte Werbesendung für Organspenden...

 

 

Dienstag 21. April 2009

Ein unreifer Mauerplan

#149

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Argentinier scherzen gerne. Während die ganze Welt sich mit großem Pomp auf den zwanzigsten Jahrestag des Berliner Mauerfalls vorbereitet, bauen die Bewohner von San Isidoro, einem schicken Vorort von Buenos Aires, an einer neuen Mauer. Gewiss, die auf Betreiben des Bürgermeisters hochgezogene Betonkonstruktion ist weniger solid und weniger mörderisch als zum Beispiel die zwischen Palestinensern und Israelis oder zwischen den Süd- und den Nordkoreanern. Doch wegen ihrer symbolischen Bedeutung flossen mindestens so reichlich die Spucke- und Tintenströme. Presse und Politik verurteilten unisono das Vorhaben aus einer anderen Zeit.

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In der letzten Woche sahen die Bewohner der Uruguay-Straße, die sowohl virtuell wie realiter die Grenze zwischen den Städten San Isidoro und San Fernando darstellt, wie von Herrn Gustavo Posse, dem gewählten ersten Vertreter der San Isodorianer, bestellte Maurer in der Mitte der Chaussée fünf wenig schöne Pfeiler hochzogen, Vorboten einer unwahrscheinlichen Demarkationslinie: zu meiner Linken eine solide und anheimelnde Stadtgestaltung; zu meiner Rechten die Zone, bewohnt von Armen, die, so scheint es, nur einen Wunsch haben: in das Viertel der Reichen zu strömen... Der Beton ist kaum abgebunden, da hört man Rufe und Grafittikünstler machen sich ans Werk: die paar Quadratzentimeter werden mit Rachekunst bedeckt und skandalisierende Stimmen dringen bis in die höchsten Sphären. Cristina Kircher selbst veröffentlicht ein Kommuniqué: "Diese Mauer bedeutet eine Regression. Ich bin bestürzt, das ist ein Manöver um uns zu trennen, wo wir doch zusammenkommen sollten." Der Bürgermeister versteckt sich hinter der Würde seines Amtes: "Wir tun das, um den Diebstahl und den Strom von Delinquenten einzudämmen. Soll doch der Staat seinen Sicherheitsaufgaben besser nachkommen!" Und schickt die Polizei zum Schutz seines Bauwerks...

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Im Schatten der Betonplatten wollen die Reporter die Vox Populi hören und werden nicht enttäuscht: "Posse ist ein Kommunist" erklärt eine 80-jährige Bürgerin den erstaunten Journalisten und fügt hinzu: "aber ja, das ist hier wie bei den Russen..." Ein anderer betrachtet die beiden Straßenseiten und denkt über die schicke Seite nach: "Also wirklich, sie haben das gleiche Pflaster, die gleiche Beleuchtung und bei ihnen fällt das Gas aus, wie bei uns..." Eine dritte Stimme wendet sich an die Behörden: "brauche ich jetzt einen Pass, um meinen Enkel besuchen zu können?" Und die Kinder spielen wieder "unter dem Pflaster liegt der Strand!" und sammeln die kleinsten der Steine ein.

Nachtschlaf bringt Rat. Am anderen Morgen wird die Mauer der Scham nicht weiter gebaut, aber das ganze Land ist dennoch geschockt. Sicher wissen die Argentinier nicht, dass es in Europa, in Russland, in den Vereinigten Staaten und ohne Zweifel auch anderswo zahllose Wohnfestungen gibt. Und dass Mauern nicht gern fallen, weil sie meistens die Geschichte wiedergeben...

 

 

Mittwoch 29. April 2009

Wie man Pferde zur Strecke bringt...

#150

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Das panamerikanische Gipfeltreffen war gerade zu Ende, Barack Obama war ins weiße Haus zurückgekehrt, die Kritiker hatten sein Lächeln beim Händedruck mit dem venezolanischen Präsidenten übel vermerkt... Als die Sache publik wurde, konnte man sich nur fragen: ist das ein Angriff seitens der CIA oder ein schlechter Streich von Hugo Chavez? Die Sache, das ist jene Meldung unter "Verschiedenes", die am 21. April Florida erschütterte. Einundzwanzig Pferde der venezolanischen Polomanschaft waren innerhalb von wenigen Minuten tot umgefallen, als sie zu einem der international bedeutensten Turniere der Disziplin angetreten waren. Den anwesenden Pferde- und Poloexperten verschlug es die Sprache. Der Direktor der Polovereinigung der Vereinigten Staaten kommentierte nur nüchtern: "ich betreibe diesen Sport seit 50 Jahren, so eine Tragödie habe ich noch nie erlebt".

Erste Untersuchungen ergeben, dass die Pferde an einem Lungenödem und einer Hämoraghie zugrunde gingen, aber die Ursache dafür ist noch unbekannt. Natürlich kam auch sofort der Doping-Verdacht auf, es gibt da insbesondere eine Mischung aus stärkenden Vitaminen, das Biodyl, das in den Vereinigten Staaten verboten ist, jedoch nicht in anderen Ländern, und das in Argentinien hergestellt wird. Die Amerikaner haben also gleich mit dem Finger auf die Venezolaner gezeigt, die ihrerseits das Herstellerlabor in Buenos Aires aufs Korn nahmen. Fünf Pferde haben überlebt, nämlich die, die nicht gedopt wurden, weil sie Gefahr liefen, kontrolliert zu werden...

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Die Huftiere gehören einem der reichsten Männer in Caracas, dem Bankier Victor Vargas, dem mächtigen Direktor der Felaban, der Föderation lateinamerikanischer Banken, der dem gegenwärtigen Regime nicht eigentlich nahesteht. Aus dem Nuevo Herald erfahren wir, dass seine Tochter Louis Alfonso de Bourbon, Herzog von Anjou und Urenkel von Franco geheiratet hat (man weiß ja nie, vielleicht steckt also die ETA hinter dem Attentat?). Mir nichts, dir nichts hat Viktor Vargas zwei Millionen Dollar verloren (nicht nur die Börse verzeichnet gegenwärtig Verluste), die ihm die Versicherungen ohne Zweifel bald erstatten werden.

Wie der Zufall will, fällt das Ereignis mitten in die Auseinandersetzung der Pferdezüchter mit der Regierung Venezuelas. El Universal weist darauf hin. Der Minister für Landwirtschaft und Territorialverwaltung, Elías Jaua, gab gerade bekannt, dass zugunsten der Nahrungsmittelproduktion 4300 Hektar konfisziert wurden, zum großen Teil Ländereien und Weideland privater Pferdezuchtbetriebe. Die Züchter wollen Widerstand leisten und erklären, dass mit dieser Maßnahme einer der bedeutensten Wirschaftszweige Venezuelas in seiner Existenz bedroht sei! Nun fehlt allerdings noch eine Information: stammen die auf dem Altar des Polospiels geopferten Pferde aus eben den Zuchtbetrieben, die einer besseren Ernährung der Bevölkerung zum Opfer fallen?

 

 

Sonnabend 2. Mai 2009

Nachsatz zum tierischen Nachruf...

#151

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Mehrere Pferdeexperten haben sich die Mühe gemacht, mich einschlägig zu bilden und haben mir die schreckliche Hekatombe im venezolanischen Stall enträtselt: zunächst einmal gilt für das Biodyl, das inkrimierte Stärkungsmittel (eine Mischung aus ATP, Magnesium- und Kaliumaspartat, Natriumselenit, Vitamin B12), dass die amerikanische Gesundheitsbehörde es zwar nicht gutheißt, und es in den Vereinigten Staaten auch nicht hergestellt wird, jedoch nicht verboten ist. Das Mittel wird, scheint es, quasi überall verwendet, vornehmlich bei Turnierpferden, die lange Transportwege zwar verschiedenster Art, aber immer unbequem für die Tiere, ertragen müssen. Das Biodyl begrenzt die muskulären Auswirkungen allzu langer Immobilität. Der Tierarzt der venezolanischen Equipe hat also eine in Florida bekannte Apotheke beauftragt, ihm die Mixtur herzustellen, woraus er in keiner Weise eine Geheimnis gemacht hat. Nur die Dosierung war fatalerweise falsch: wie es scheint, war entschieden zuviel Natriumselenit enthalten, was blitzartig innere Blutungen hervorgerufen hat. Ein bedauerliches menschliches Versagen, heißt es, nur hat diese Apotheke bereits im letzten Jahr ein ähnliches Vorkommnis zu verzeichnen, nämlich mit Pferden aus New York (drei blieben auf der Strecke). (Wenn Sie wirklich alles genau wissen wollen, schauen Sie sich das Video der Los Angeles Times an.). Jetzt ist eine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet... Wer hat seine Hand im Spiel, Chavez oder die CIA?

 

 

Dienstag 12. Mai 2009

Grippen, Vergiftungen und anderes Unheil

#152

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An was erkennt man den Entwicklungsgrad eines Landes? Von heute an vielleicht an seiner Fähigkeit sich über eine Krise im Gesundheitsbereich aufzuregen. Unter diesem Gesichtspunkt mag interessieren, dass die indischen Tageszeitungen wenig Aufhebens vom fulminanten Vordringen der neuen Grippe machten, sich jedoch von der Trinkwasservergiftung in Bholakpur (im Staat Andhra Pradesch im Osten Zentralindiens) sehr bewegen ließen. Fünf Menschen, darunter drei Kinder, starben, nachdem sie Leitungswasser getrunken hatten, und über 250 Personen wurden mit schwerem Durchfall in die Krankenhäuser eingeliefert. Es heißt, die Vergiftung habe ihre Ursache in einem überalterten Leitungssystem der Wasserversorgung, poröse Rohre bei parallel und zu dicht nebeneinander, beziehungsweise übereinander, verlaufenden Trink- und Abwasserleitungen. Im Armenviertel der dichtbewohnten Stadt breitete sich die Wut ebenso schnell aus wie die medizinisch-politischen Ängste in den reichen Ländern nach mexikanischen Grippevirus-Alarm. Die Bewohner des Stadtteils waren sofort auf der Straße, erstürmten das Krankenhaus und beschuldigten die Behörden, sie hätten Sanierungsarbeiten verzögert und nicht sofort reagiert, als schwarzes, stinkendes Wasser aus den Leitungen kam. Tatsächlich hatten die drei Tage verstreichen lassen, bevor die notwendigen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergriffen wurden. Die Wasserverwaltung ging ihrerseits zum Angriff über und schob den illegalen Färbereien im Viertel die Schuld zu. Sie hätten verschmutzte Rohre zum Wassertransport benutzt und darin läge die Ursache.

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Kein Zweifel, der so weit entfernte, nordamerikanische A/H1N1 aus diesem Mai 2009 wird im kollektiven indischen Gedächtnis keine Rolle spielen. Im Übrigen ist Erinnerung immer selektiv: Le Devoir erinnert an die verheerenden Folgen der spanischen Grippe am Ende des ersten Weltkriegs (wie auch wir bei TV5Monde), an die Hekatombe der Kanadier, die ihr zum Opfer fielen: 50 000 Tote, davon 14000 aus Quebec. Auf ihrem Höhepunkt tötete die Pandemie einen Bewohner Montreals alle neun Minuten. "In Kanda forderte die Grippe beinahe ebenso viele Tote wie der Krieg, und doch hat der erste Weltkrieg sehr viel stärkere Spuren hinterlassen" resumiert Professor Magda Fahrni, Historikerin an der Universität von Quebec in Montreal. " Im englischsprachigen Kanada hat der Krieg das Land geeint und in gewisser Weise geht die Geburt der kanadischen Nation auf ihn zurück. In Quebec, andererseits, sind es natürlich die Gestellungsbefehle deren man sich erinnert. Die Grippepidemie verschwindet dagegen ein wenig in der Vergessenheit, trotz der Verwüstung, die sie in zahllosen Familien angerichtet hat."

Im Interview mit der Tageszeitung aus Quebec entschlüsselt die ausgezeichnete Historikerin Stadtgeschichte anhand der Epidemien, am Beispiel von Montreal: "mich interessiert nach wie vor, in welchem Maß die Grippe zum Katalysator sozialer und hygienischer Maßnahmen im öffentlichen wie im privaten Bereich wurde," erklärt sie. "Weil ich die Geschichte Montreals kenne, habe ich zu dieser Stadt eine Fallstudie unternommen. Wie alle großen Städte auf der Welt, wurde auch Montreal zum Teil durch Epidemien geformt. Die Indianer Amerikas wurden durch Mikroben dezimiert, die vom alten Kontinent importiert wurden. Im 19ten Jahrundert hat die Industrieinsel drei aufeinanderfolgende Angriffe erlebt: die Cholera (1832), der Typhus (1847) und die Pocken (1885)"

Zu jenen Zeiten, erinnert dann noch Stéphane Baillargeon, der Autor des Beitrags in Le Devoir, war Krankheit "demokratisch": arm und reich litten gleichermaßen. Das ist heute gewiss nicht mehr der Fall, seitdem in den Ländern des Nordens Medikamente und Intensivmedizin verfügbar geworden sind, die gegen die mörderischen Viruserkrankungen wappnen. Damit wären wir natürlich bei einem weiteren Gradmesser der Entwicklung...

 

 

Dienstag 12. Mai 2009

Muskelhypertrophie

#153

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Zwei Geschichten von diesem Wochenende, die eine in Spanien, die andere in Australien. Beide berichten auf jeweils ihre Weise aus einer Kraft- oder Machtwelt übermäßig schwellender Bizepse, aus einer Männerwelt. Aus Madrid berichtet El Pais, scheint’s die beste Tageszeitung der Welt, jedenfalls aber eine der reichsten an Gegenständen und Beiträgen, von den letzten Augenblicken eines Gerichtsverfahrens. Illustriert mit verwaschenen Bildern. Der Angeklagte ist ein Militär, ein merkwürdiger Soldat, sorgfältig kahlgeschorener Schädel, angeklagt des Mordes an einem 16-jährigen Jungendlichen, vor aller Augen in einem Wagon der Untergrundbahn von Madrid. Der Staatsanwalt forderte 17 Jahre Gefängnis. Aber El Pais, der die Strafe etwas zu gnädig vorkam, brachte eine wesentliche Neuigkeit zu Tage: verwackelte, auseinander gerissene Aufnahmen des Mordes aus den Überwachungskameras der spanischen Stadbahnen. Auf ihrer Webseite kann man sogar das vollständige Video sehen. Obwohl El Pais alles andere ist als ein Sensationsblatt. Ganz im Gegenteil: in ihren Spalten herrschen Nüchternheit und Strenge. Warum also diese Skandalfotos auf der Titelseite? Der Redaktion scheint offenbar Dringlichkeit geboten in diesem Land, in dem der Faschismus keine Remineszenz aus fernen Zeiten: in der verhandelten Affäre tritt eine extreme Rechte zu Tage, die sich sehr selbstsicher und ultra - gewalttätig gibt.

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Am 11. November 2007 sind rassistische und faschistische Demonstranten in der Metro auf dem Weg ins Herz der Hauptstadt. Ganz legal. Unter ihnen Josué, ein muskulöser Rekrut im emblematischen T-shirt der Nationalisten. Beim Betreten der U-Bahn spielt er mit einem Rasiermesser und einem Dolch. Gleichzeitig haben jugendliche Gegner beschlossen, gegen eine Gewaltdemonstration zu protestieren, für die sich die übrige Halbinsel nicht zu interessieren scheint. Unter ihnen Carlos, kaum der Kindheit entwachsen, in roten und scharzen Klamotten - in den den Anarchisten teuren Farben. Auch er nimmt die Metro. Er steigt in den gleichen wagen ein wie Josué und seine Kumpane, die schon ziemlich angetörnt sind. Carlps glaubt sich stark und zieht an Josués Jacke. Da stößt der ohne Vorwarnung seinen Dolch dem Carlos ins Herz, 7 cm tief in die linke Ventrikel und wirft ihn aus dem Wagon. Der ganze Vorgang hat nicht einmal 10 Sekunden gedauert. Es ist 12h 56’ 21" auf den Überwachunskassetten. Niemand bewegt sich. Das scheint auch das zu sein, was El Pais anprangert: eine lokale oder landesweite Indifferenz den Neofaschisten gegenüber, die, wenn sie nicht Jagd auf Immigranten machen, sich an anderen auslassen. Jetzt skandieren die Demonstrationszüge der Alternativen, die sich gegen die Allgegenwart von Kommandos der extremen Rechten wenden, ohne Unterlass den Namen von Carlos.

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Auch The Age, eine der ältesten Zeitungen (1854 in Melbourne gegründet) zieht für gewöhnlich ihre Leser nicht mit spektakulären Titelseiten an. Aber, siehe da, hier erscheint in Schlagzeilen ein Sujet, das eigentlich den Boulevardmagazinen vorbehalten ist: man sieht das Foto von einem eher kräftigen Schönling, dessen erfreuter Blick sich in einem Blumenteppich verliert. Titel: Menschen männlichen Geschlechts riskieren ihre Gesundheit, um jung zu bleiben. Der, der da so lässig und arrogant posiert, ist ein 77 jähriger Arzt, der Dr. John Levin, der vorgibt, wie 50 auszusehen, während der Eindruck eher der einer welken Schönheit ist, und der bekennt, dass er sich regelmäßig HGH injiziert, das menschliche Wachstumshormon, das normalerweise nur Kindern gegeben wird, die an Zwergwuchs leiden. Diese, in Australien - und übrigens überall auf der Welt - untersagte (jedoch im Internet erhältliche) Medikation, wird in zunehmendem Maß von Praktikern verschrieben, die bei Klienten auf der Suche nach dem Jungbrunnen keine Skrupel kennen. Im Land der Kängurus belaufen sich die Kosten angeblich auf 15 000 Dollar pro Patient und Jahr in der Klinik und auf bis zu 50 000 Dollar auf dem Schwarzmarkt. 70% der Kunden, die sich verführen lassen, sind Männer ab 35 auf der Suche nach olympischer Form und erhöhten sexuellen Fähigkeiten.

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Ein von dem Hormon abhängiger Bodybuilder, die Rede ist allerdings von der tierischen Variante aus Pferden oder Schweinen (der Kerl hat offenbar keine Angst vor dem alten Creutzfeldt-Jakob...), freut sich über eine mit Amphetaminen vergleichbare Wirkung, die ihm ermöglicht, seine sexuelle "Höchstleistung" auf bis zu ...dreimal pro Tag zu steigern.