Dienstag 8. Januar 2008

Caramba!

#95

JPEG - 53.7 kB

Also, die Geschichte wiederholt sich... Genau wie im Januar vorigen Jahres droht die heilige Tortilla wieder einen Sturm in der Bevölkerung Mexikos auszulösen. Lorenzo Meija Morales, der mächtige Präsident der Union der Mühlen und Tortillerias (Tortillafabriken) kündigt an, dass das Kilo des unserem Brot entsprechenden Nahrungsmittels bis zu 15 Pesos, also ungefähr einen Euro, kosten wird. Obwohl sich der Preis seit einem Jahr bereits um 25 % erhöht hat. Klar, dass diese Neuigkeit auf allen Titelseiten der mexikanischen Presse erscheint, denn über die Tortilla, die es schon zu Zeiten der Azteken gab, definieren die Mexikaner nicht nur ihre Identität, sie ist vorallem auch das Grundnahrungsmittel der 107 Millionen Bewohner des Landes.

JPEG - 81.4 kB

Zur Herstellung der Tortilla wird Mais gemahlen, mit Wasser versetzt, der Teig dann geformt und gebacken. Der erneute, sehr beträchtliche Preisanstieg ist auf die unsägliche Verteuerung des Öls zurückzuführen. Sonstwo ist der Anstieg auf über 100 Dollar pro Fass fast unbemerkt passiert, so sehr hat man sich an den Lauf der Dinge gewöhnt. So unwahrscheinlich das für ein Land mit täglich 70 Millionen Menschen, die Tortillas verzehren, klingen mag: 75% des Bedarfs an - übrigens durchaus genmanipuliertem - Mais werden aus den Vereinigten Staaten und Kanada importiert. Da schlägt der Rohölpreis unmittelbar durch.

JPEG - 84.7 kB

Dabei produzieren die mexikanischen Bauern weißen Mais von entschieden besserer Qualität als der übermächtige Nachbar liefert. Aber an den eingespielten Verhältnissen lässt sich so leicht nichts ändern. Das Freihandelsabkommen zwischen den drei nordamerikanischen Staaten ist nicht für jeden gleich vorteilhaft. Weit gefehlt. In den Vereinigten Staaten ist der Preis für Mais mit der wachsenden Nachfrage für die Äthanolproduktion gestiegen, für den Biokraftstoff (der wegen des unverhältnismäßigen Energieverbrauchs bei der Herstellung gar nicht so "bio" ist...). Gegenwärtig fürchtet mancher, dass es wieder zu einem ähnlichen Aufstand wie dem der Zapatisten von 1994 kommt.

JPEG - 72.1 kB

Eine ganz andere Angelegenheit: in einem Gespräch unter Freunden am Sylvesterabend ging es um Pakistan und den Mord an Frau Bhutto. Jemand erkundigte sich nach einer anderen Frau aus einer Dynastie (allerdings einer nur angeheirateten) des großen Nachbarn Indien. Es stellte sich heraus, dass Sonia Gandhi, den um die handelte es sich - die Überlebende einer ebenfalls langen Reihe von Morden und mit ihrer politischen Tätigkeit Garantin einer Kontinuität - den Jahreswechsel im Krankenhaus erleben musste, weil die verheerende Lufverschmutzung in Neu-Dheli ihr einen schweren Asthmaanfall eingetragen hatte. Einen Tag lang verdrängte in Indien diese Neuigkeit fast die Ereignisse in Pakistan.

JPEG - 74.8 kB

Doch das Nebeneinander der beiden Meldungen auf den Titelseiten, die Einlieferung in die Klinik von Sonia Ghandi und die Folgen des Todes von Benazir Bhutto: der 19jährige Sohn, der an die Spitze ihrer Partei gestellt wird erscheint wie ein Symbol für Politik in diesem Teil der Welt: für jene merkwürdige Praxis auf dem Subkontinent: in Indien (die Ghandis), in Pakistan (die Bhutto), in Sri Lanka (die Bandaranaike) und in Bangladesh (die Rahman oder Jia) regieren politische Dynastien, deren Mitglieder im Rythmus der Morde jeweils die Nachfolge antreten.

 

 

Dienstag 15. Januar 2008

Mehr Jahreszeiten...

#96

JPEG - 69.1 kB

In der letzten Woche zeigte sich die mexikanische Presse beunruhigt vom Preisanstieg für Mais in Nordamerika und den Auswirkungen auf die Preise für das landesübliche Grundnahrungsmittel, die Tortilla. Auch in Russland ist man beunruhigt. Aber aus anderen Gründen. Nach ihrer langen Winterpause (überraschenderweise schließen die Zeitungen 10 Tage lang, vom 28 Dezember bis zum orthodoxen Neujahrstag, dem 13. Januar) machen sich manche Moskauer Tageszeitungen wie die Iswestja Sorgen wegen der immer häufigeren schneelosen Winter, besonders im Süden des Landes, was für Flora und Fauna Folgen hat.

JPEG - 52.7 kB

Bisher war die Gegend von Stawropol im äußersten Südwesten der Russischen Föderation (die Russland die ehemaligen Staatschefs Andropov und Gorbatschow geschenkt hat) der Kornspeicher des ganzen Landes, produzierte Weizen und Gerste und profitierte von einem für den Cerealienanbau idealen Rythmus: Schnee und kalte, aber nicht zu kalte Temperaturen förderten den Winterschlaf der Erde und bewirkten optimale Ernten. Zum dritten Mal in Folge machen sich die Landwirte wegen außergewöhnlicher Klimabedingungen Sorge: schnelle Wechsel zwischen warmen, regnerischen Zeiten und solchen mit Temperaturstürzen bis zu -20 °, wie in Sibirien, wie man sie jedoch in diesen Breiten bisher nicht kannte. Dies Wechselwetter könnte verheerende Folgen für den Cerealienanbau haben und würde damit zu einem Preisanstieg auf dem Binnenmarkt führen und den Staat zur Preisregulierung zwingen. Während die Landwirte sich Sorgen machen, freuen sich die Zoologen: wenn der Schnee ausbleibt , haben die Wildtiere keine Mühe, ihren Hunger zu stillen. Wenn man kein Brot mehr hat, kann man Wildschwein essen!

JPEG - 352.1 kB

In Russland bleibt der Schnee aus, dafür liegt er in Japan reichlich, auch auf Hängen, die infolge der besonders milden Winter über mehrere Jahre schneefrei geblieben waren. Zum Vergnügen der Asahi Shimbun, die für die Skipisten von Yuzawa Besuchsrekorde meldet: 6200 Skiläufer an einem einzigen Tag. Vor lauter Menschen sah man den Schnee nicht mehr. Das Fazit aus all diesen Geschichten: die Erde ist rund...

 

 

Mittwoch 16. Januar 2008

Duell in der Sonne

#97

JPEG - 123.4 kB

Die Los Angeles Times berichtet über einen Streit, der sich im kalifornischen Berkeley abspielt und Amerika widerspiegelt, wie es seine eigene Geschichte darstellt: mit so mancher Auslassung, gelegentlich verächtlich, in einem schwierigen Kompromiss von Tradition, Wissenschaft und Modernität. Die Universität Berkeley, Symbol für Spitzenforschung, für Meinungsfreiheit, Vorreiter der Studentenbewegung von 1968, beherbergt in ihren Kellern eine der größten Sammlungen von Indianerskeletten aus ganz Nordamerika. Diese Überreste von mehr als 12 000 Menschen werden unter einem Schwimmbad aufbewahrt. In den Schränken und Schubladen der Räume liegen lauter Totenköpfe, oft woanders als das übrige Skelett. Soviele Köpfe, soviele Gründe für die "Native americans" - offiziell die politisch korrekte Sprechweise für die Nachkommen der Überlebenden der von den Kolonisatoren dezimierten Stämme - sich aufzuregen.

JPEG - 65 kB

Ein Bundesgesetz von 1990, der NAGPRA - Native American Graves Protection and Repatriation Act - , bestimmt, dass die vom Staat offiziell anerkannten Stämme ein Recht auf die Knochen ihrer Ahnen haben, um sie in Würde zu bestatten. Denn erst dann finden ihre Seelen die Totenruhe. Also wurden die Museen und Archeologie-Fachbereiche aufgefordert, die menschlichen Überreste in ihren Sammlungen zu ordnen und zu identifizieren. Berkeley weigert sich: erstens sei das zu schwierig und zweitens würden der Wissenschaft unschätzbare Quellen für die Evolution der Menschheit verloren gehen. Für die Indianer handelt es sich um nichts weniger als eine neuerliche Fortsetzung des Völkermords, der allein in Kalifornien, ab dem Beginn des Goldrauschs von 1849, innerhalb von kaum fünfzig Jahren ihre Zahl von 300000 auf 20 000 reduzierte. Von den hunderten von Stämmen haben die meisten keine Überlebenden mehr, denen Amerika seine vielgerühmte amerikanische Anerkennung zollen könnte.

JPEG - 49 kB

Schauplatz dieses neuerlichen, wenn auch friedliche Krieges ist das Museum Hearst, das die fraglichen Überreste aufbewahrt (Gründerin des Museums, das am Anfang des 19ten Jahrhunderts einen lebendigen Menschen ausstellte, war die Mutter des Pressemagnaten Hearst). Nach dortigen Demonstrationen der "Native Americans" und gescheiterten Vermittlungsversuchen findet der Machtkampf jetzt zwischen zwei Hochschullehrern statt, White und Fredericks, der eine ein Mann, die andere eine Frau, der eine Nachkomme der Kolonisatoren, die andere vom Stamm der Athabascan in Alaska. Wissenschaft, Respekt vor dem Gesetz und vor den indianischen Gebräuchen bestimmen den Rahmen. Beide arbeiten im Fachbereich Archeologie der Universität Berkeley: White ist eine Koriphäe. Seine Entdeckungen in Äthiopien haben die Evolutionsforschung bedeutend weitergebracht. Fredericks, Doktor in medizinischer Anthropologie, ist die Koordinatorin der mit der Übergabe der Skelette an die Stämme befassten Arbeitsgruppe der Universität. White behauptet: "Diese Sammlungen sind unersetzlich und wenn sie nicht in den Museen bleiben, sind sie für immer verloren." Fredericks antwortet: "Ich habe Verständnis für den wissenschaftlichen Standpunkt und achte ihn. Aber das hindert mich nicht, ehrlich zu sein und einzusehen, dass es ein Gesetz gibt, das zur Anwendung gebracht werden muss.

Bis jetzt haben allein die Tachi Yokut die Überreste von 1000 Ahnen erhalten, davon nur 80 aus dem Hearstmuseum. Einer ihrer Vertreter meinte: "wir brauchen die Wissenschaft nicht, wenn wir wissen wollen, ob unser Volk aus Asien kommt. Wenn die Wissenschaftler das wissen wollen, sollen sie uns fragen. Aus der Usrpungserzählung wissen wir, dass wir aus dem San-Joaqin-Tal kommen. Es spielt keine Rolle, ob das die wissenschaftliche Wahrheit ist, es ist unsere."

 

Duell in der Sonne: Titel eines Western (In the sun, u.a. mit Gregory Peck) 1946.

Phoebe Apperson Hearst (1842-1919) heiratete mit 19 Jahren als junge Grundschullehrerin den 20 Jahre älteren (Landwirtschafts-) Millionär und späteren Senator Hearst und war damit in der Lage, die Bildungsinstitutionen (Universität Berkeley 1861) und besonders die Frauenbildung in Kalifornien vielfach zu fördern. Ihr Interesse galt vorallem auch der (amerikanischen) Archeologie. 1901 konnte, von ihr finanziert, das Hearst-Völkerkundemuseum gegründet werden. Ihr Sohn, William Randolph Hearst (1863-1951), Publizist und Politiker baute ein bis heute mächtigstes Presseimperium auf. Seine Erfolgsgeschichte inspirierte Orson Wells zu "Citizen Kane".

Der NACPRA geht auf Initiativen vielerseits zurück. Die wohl bekannteste ist vielleicht diese: 1971 erfuhr Maria Pearson (1932-2003 ) , selbst eine Yankton Sioux Indianerin, von ihrem Mann, einem Eisenbahningenieur in Iowa, dass bei der Streckenführung über einen Friedhof, die Gräber von Weißen umgesetzt, die von Indianern jedoch einfach aufgelassen wurden. Sie intervenierte beim Gouverneur und vorallem dank ihrer Beharrlichkeit gab es 6 Jahre später in Iowa ein Gesetz, das Indianern und Weißen gleiche Behandlung nach dem Tod garantiert. Dies Gesetz war ein Vorläufer des NACPRA.

Thimothy White (1950- )ist Paleontologe. Nähere Angaben zu Larri Fredericks hier

 

 

Dienstag 22. Januar 2008

Totems und Tabus

#98

JPEG - 434 kB

Nachdem ich in der letzten Woche über die Streitigkeiten zwischen der University of California und den Native Americans geschrieben hatte, hat mir einer meiner Leser, Didier, geraten, mich doch einmal an der Ostküste des großen Nordamerikanischen Nachbarn umzusehen. Er hatte recht. Die ganze kanadische Presse, die englisch- wie die französischsprachige, ist voll des Ruhmes über den großartigen demographischen Wiederanstieg der amerindischen Bevölkerung nach Jahren des Niedergangs. Tatsächlich zählen die Autochtonen zum ersten Mal seit der Kolonisation mehr als eine Million Individuen: Es sind jetzt 1172790 und damit 3,8% der Bevölkerung. Abgesehen von einer hohen Fruchtbarkeitsrate sei der Anstieg auch zurückzuführen auf den sprunghaft gestiegenen Stolz der Mitglieder dieser "Ur-Nationen" und auf ihren Wunsch, ihre Zugehörigkeit zu bekennen.

JPEG - 391.8 kB

Wenn man aber über die Selbstzufriedenheit angesichts einer im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sechs mal höheren Wachstumsrate hinaussieht, zeigt die Statistik ein sehr gemischtes Bild. Die Indianer Kanadas sind heute Stadtbewohner (weniger als 40% leben noch in den Reservaten), sind jung (um die 50% jünger als 25 Jahre) und meistens ärmer als die anderen: ungesunde Wohnverhältnisse, Krankheitsanfälligkeit der Kinder und eine um fünf Jahre geringere Lebenserwartung als die Bevölkerung im Mittel.

JPEG - 359.6 kB

Ungeachtet so manchen spektakulär erfolgreichen Lebenslaufs, sind die Schlussfolgerungen der Zeitungen pessimistisch: der Exodus in Richtung Städte würde zu kultureller Verarmung führen, zum Verlust der Muttersprachen, zu einer unzureichend ausgebildeten Jugend ohne berufliche Perspektiven. Brigitte Breton schreibt in Le Soleil einen alarmierenden Leitartikel: "Wenn wir nichts unternehmen. wird die Gleichgültigkeit der Kanadier angesichts des Schicksals ihrer Mitbürger aus den Urnationen zu einer enormen Bürde. Das sozioökonomische Bild, das die Autochtonen abgeben, ist eine Schande für ein so reiches und entwickeltes Land wie Kanada."

JPEG - 111.3 kB

Der Kampf um die Rechte der Indianer beschränkt sich natürlich nicht auf den nordamerikanischen Halbkontinent. Auch weiter südlich sind die Lebensverhältnisse der indianischen Bevölkerungen eine Tragödie. Am Vorabend des Jahreswechsels machte sich der chilenische Schriftsteller Pedro Lemebel in La Nacion in einem ergreifenden Appellzum Sprachrohr für die Mapuche in seinem Land. Militante Mapuche, die wegen ihrer Forderung nach territorialer Einheit im Gefängnis sitzen, sind in einen Hungerstreik getreten, den die Presse mit ohrenbetäubendem Stillschweigen bedenkt. Einige sind schon sehr krank. Sie wehren sich heuer gegen ein Projekt, das an den Streit in Berkeley erinnert: in Temuco, auf "ihren olivgrünen Wiesen, inmitten ihrer blauen, gelben und rosa Berge", auf den Gräbern ihrer Vorfahren, soll ein Flughafen gebaut werden...

 

JPEG - 56.8 kB

Als Mapuche betrachten sich etwa 1 Million Einwohner von Chile und Argentinien (in Chile etwa 4% einer Bevölkerung, die zu 60 Prozent, meist nicht zugegeben, die ein oder anderen indianischen Vorfahren hat). Nachdem sie sich über Jahrhunderte im Süden des Kontinents erfolgreich gegen Kolonisatoren (Inkas, Spanier) wehren konnten, wurden die Indianer in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts von den chilenischen Regierungen brutal unterdrückt und vertrieben. Seither kämpfen viele verzweifelt um ihre Existenz. Heute lebt die große Mehrheit in Städten, vorallem in Santiago de Chile. Die Diskrimierung ist trotz nationaler und internationaler Proteste noch immer nicht zu Ende.
Bei den fünf Gefangenen zu Beginn des Hungerstreiks handelt es sich um führende Persönlichkeiten der Mapuche-Selbstverwaltung und Aktivisten der Mapuche Organisationen. Zwei von ihnen wurden 2001 aufgrund einer fragwürdigen (zu Pinochets Zeiten entstandenen) Gesetzgebung als Terroristen angeklagt und zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie und ihre Mitstreikenden sollen außerdem 840 000 Dollar Entschädigung an eine Holzfirma zahlen. Man legt ihnen ein Feuer zur Last, bei dem 2001 in der Nähe von Temuco 100 ha Nadelholzwald der Firma abbrannten.

 

 

Dienstag 29. Januar 2008

Ein Bisschen Zärtlichkeit in dieser rohen Welt

#99

JPEG - 238.4 kB

Diese Woche haben mich die Titelseiten auf meinem Schreibtisch zögern lassen. Sollte ich mir die ersten Schritte des zukünftigen Präsidenten aller Russinnen und Russen auf der internationalen Bühne zum Thema machen? Wie er im befreundeten Bulgarien Putin begleitet, um dort Gas zu verkaufen? Wie er sich der Zivilgesellschaft in der russischen Hauptstadt vorgestellt hat, vor lauter "Neuen Reichen". Wie eifrig die Iswestja darüber berichtet? Nichts als Tricks, um bei den bevorstehenden Wahlen jede Kandidatur eines Oppositionellen auszuschließen, wie zum Beispiel die eines früheren Premierministers des gegenwärtigen Präsidenten, der sich zu seinem Kritiker gewandelt hat und dem einzig die Njesawissima Gaseta, "Das unabhängige Blatt". das zu Recht seinen Namen trägt, seine Titelseite widmet.

JPEG - 250.8 kB

Oder sollte ich mich auf einem anderen Kontinent mit dem Porträt eines achtzigjährigen Universitätslehrers und Aktienspekulanten abgeben, das Le Devoir in Quebec ausmalt? Ein alter Mann, der in den ihm verbliebenen (oder dazugewonnenen) Stunden angesichts der Baisse oder der verrückt gewordenen Börsianer von Ängsten geschüttelt wird? Oder sollte ich nicht doch auf diese neue Art von Demonstration in Südkorea hinweisen: nackte Männer vor einer Kirche in Seoul, Gründer einer neuen "liberalen" Partei, die gegen illegale Arbeit und die Armut der heimlichen Arbeiter in ihrem schönen Land protestieren?

JPEG - 124.4 kB

Nein, keins von diesen Themen konnte mit einem Ereignis konkurrieren, das von Le Temps in Genf, von einer der besten französischsprachigen Tageszeitungen, gefeiert wird: 100 Jahre Toblerone! Der gezackte Schokoriegel Toblerone ist für die Schweiz, was Coca Cola für die Vereinigten Staaten, die Frankfurter Würstchen für Deutschland und der Cambert für Frankreich bedeuten: eine für die Identität grundlegende Institution. Ein Thema, mit dem nicht zu scherzen ist in Zeiten, in denen beinahe überall eine übersteigerte Suche nach feinen Unterschieden gepredigt und betrieben wird. Zwei Anekdoten verweisen auf die Bedeutung jener Erfindung: Die "Toblerone-Affaire" mit der eine schwedische Abgeordnete wegen Missbrauchs einer staatlichen Kreditkarte zum Rücktritt gezwungen wurde. Sie hatte zu ihrer Verteidigung behauptet, sie habe "schlimmstenfalls zwei Toblerone" gekauft; Zweitens sind da die Panzersperren, die die Schweiz in den dreißiger Jahren errichtet hat. Wegen ihrer pyramidalen Formen wurden sie "Toblerone" getauft (ausserdem gibt es am Genfer See noch immer einen Wanderweg mit diesem Namen...)

JPEG - 45.4 kB

Benjamin Luis, der Journalist von Le Temps, der das Glück hatte, über das köstliche Jubiläum schreiben zu dürfen, räumt mit einer der zähesten Legenden zum Schokoriegel auf: die Dreiecksform habe nichts mit dem Matterhorn zu tun und auch mit keinem anderen Berggipfel. Auch nichts mit der Zugehörigkeit des genialen Erfinders Theodor Tobler zu den Freimaurern. Die Inspiration kaum ihm bei einer seiner, einem Lebemann gut anstehenden Gepflogenheiten, bei einer Reise nach Paris: die Schlusspyramide der Tänzerinnen im Folies Bergères berührte ihn wie eine Offenbarung. Das Matterhorn wurde erst nach Erfindung der Reklame und des Marketing auf die Verpackung gedruckt... Wir erfahren aus dem Bericht auch noch, dass es dem Unternehmen gelungen ist, alle Klippen der Modernisierung und der Globalisierung zu umschiffen: das frühere Familienunternehmen ist heute die Blume am Revers eines vorsintflutlichen amerikanischen Riesen der Nahrungmittelindustrie (immerhin ein kleiner Sündenfall, was die Identität angeht...): 96 % der Produktion werden exportiert und im vergangenen Jahr ging der Verkauf noch einmal um 30% in die Höhe. 7 Milliarden Dreiecksriegel gingen in 38 Sprachen über den Ladentisch bestätigt Le Matin, die andere Tageszeitung, nämlich die aus Lausanne.

JPEG - 8.9 kB

Eine letzte Zahlenangabe ist geeignet, uns schweizerische Gelassenheit verständlich zu machen: im Mittel verschlingt jeder/jede Bürger/in 12 Kilo Schokolade im Jahr...

 

 

Dienstag 5. Februar 2008

Gefahrenschwelle

#100

JPEG - 147.1 kB

Wann kippt man um? Weiß man auch nur, wann man die rote Linie überschritten hat, die die Humanität von der Inhumanität trennt? Wie kann man vermeiden, dass man sich an unmenschliches Tun gewöhnt? Diese grundsätzlichen Fragen stellte jetzt die Moskauer Wochenzeitschrift Tribuna im Zusammenhang mit einer galoppierend zunehmenden Problematik: russische Skinheads gefallen sich mehr und mehr in rassistischen Angriffen gegen andere Bürger Russlands.
Das Blatt fragt sich: noch vor gar nicht langer Zeit hätten wir uns über bestimmte Vorkommnisse sehr aufgeregt: Heute werden sie von der Presse nicht mal erwähnt... Und die Behörden behaupten, das Ganze sei nur ein Mythos. Dabei ist allein die nüchterne Aufzählung der Fakten schon erschreckend.

Die Litanei mag etwa so beginnen:

- Letzten Dienstag Abend gehen Naisa und Makan, ein junges Paar, beide erst 20 Jahre alt, kirgisischer Herkunft und schon seit zwei Jahren russische Bürger, in Moskau nach Hause. Naisa arbeitet in einem Restaurant als Konditorin. Makan studiert um Koch zu werden. Naisa bricht unter den Schlägen gegen ihre Brust zusammen, Makan wird die Gurgel durchgeschnitten.

- 

JPEG - 75.4 kB

Letzten Monat hat eine Truppe von etwa 150 Skinheads in Sankt Petersburg in einer Einkaufstraße mit Händlern aus Zentralasien ein Pogrom veranstaltet: eingeschlagene Schaufenster, zerstörte Waren, zusammengeschlagene Händler, brennende Autos usw...

- Im Süden der Moskauer Region wurden zwei Bürger aus Aserbaidschan auf offener Straße durch Pistolenschüssen getötet.

- Eine Bewohnerin von Petrozavodsk, auch sie aus Aserbaidschan stammend, wurde von einer Bande von Skinheads angehalten. Der jungen Frau von 22 Jahren wurden die Beine gebrochen, bevor sie umgebracht wurde.

- Eine andere wurde vor ihrem Haus von vier Glatzköpfen angegriffen, die ihr Jauche überschütteten.

- In Kostroma wurde die Synagoge mit Nazisprüchen und Nazizeichen beschmiert.

- 

JPEG - 26.5 kB

In Voroneje war eine junge tunesische Medizinstudentin das Angriffsziel von 40 jungen Extremisten. Sie hat den Überfall nicht überlebt.

- Ein paar Tage zuvor wurde ein ebenfalls ausländischer Student in Voroneje durch einen Messerstich ins Herz sehr schwer verletzt.

- Auf einem Moskauer Markt hat eine weitere Bande ein Pogrom veranstaltet. Die Händler verteidigten sich. Ein paar Stunden später wurden Naisa und Makan aus Rache getötet.

Wer sind diese jungen Extremisten? Woher kommen sie? Ein befragter Politologe antwortet mit einer sozioökonomischen Erklärung. Doch Vorsicht, die russischen Skinheads kommen nicht aus Elendsfamilien und schlafen nicht auf der Straße.

JPEG - 106.3 kB

Ganz im Gegenteil, die meisten kommen aus einem ambitionierten Elternhaus, aus Kreisen, die in der Sowjetunion früher zu den herrschenden zählten oder aus Kreisen der Geschäftswelt. Aber infolge von Reformen oder Rückschlägen haben diese Eltern ihre Besitztümer und ihre soziale Stellung verloren. Ihre Abkömmlinge sind Heruntergekommene und von denen gibt es in Russland immer mehr, sehr entschlossene und gefährliche... Die politische Klasse steckt im Großen und Ganzen den Kopf in den Sand und will eine Bewegung, die sie eines schönen Tages hinwegfegen könnte, nicht sehen und daher auch nicht bekämpfen.

 

Alexander N. Tarasow hat 2005 den "Aufstieg der Skins in Russland" ausführlich dargestellt und kam zu dem Schluss: "Während staatliche Stellen Skins für ihre Zwecke einzusetzen geneigt sind, wird antifaschistische Arbeit nicht unterstützt. Die offizielle Bekämpfung von Naziskinheads in Rußland ist aufgesetzt und wirkungslos. Es ist davon ausszugehen, daß die Subkultur der Skinheads in Rußland unter den heutigen Bedingungen weiterhin anwachsen und sich verfestigen wird."

Die seit den 60er Jahren im Westen auftauchenden "Skinheads" verstanden sich, auch in ihrer Musik, als Antirassisten. Auch im heutigen Russland gibt es, wenn auch in verschwindender Minderheit im Vergleich mit den hier angesprochenen "Boneheads", andere Skinhead-(Jugend-)kulturen.

 

 

Dienstag 12. Februar 2008

Nahes und Fernes

#101

JPEG - 270 kB

Selten, dass Zeitungen auf der Titelseite von anderen als den eigenen Ländern schreiben oder sich für die internationalen Beziehungen interessieren. Damit es dazu kommt, braucht es schon einen elften September oder es muss sich um China handeln. Der riesige Nachbar gleicht einem ebenso anziehenden wie abstoßenden Magneten. Und siehe da, die Asahi Shimbun, die, obwohl ein äußerst serieuses Blatt, auch nicht von der Regel der herrschenden Mediennationalismen abweicht, interessiert sich für den Kossowo, für eine Landschaft, kleiner als die Schweiz, die vorläufig noch nicht einmal ein Staat ist. Fünf Kolummnen auf der Titelseite widmet die japanische Zeitung dem Besuch des albanischen Premierministers bei seinem japanischen Amtskollegen. Sali Berisha ist der eifrigste Unterstützer der Unabhängigkeit; wenn es ihm nach geht, gibt es die für das albanischsprachige Territorium noch vor Ende des Monats und er erhielt von Yasuho Fukuda eine Garantie für Frieden und Souveränität aller Balkangesamtheiten. Schon sehen wir die Bataillone Nippons bereit zum Einsatz für die Kossowaren... Man ist perplex: hatten nicht schon die Europäer mit ihrer stürmische Einmischung in dieser Frage die Tendenz, Öl aufs Feuer zu gießen? Wenn jetzt auch noch die Japaner sich einmischen...

JPEG - 320.3 kB

Gleichfalls in Asien, aber weiter westlich, regte sich die DNA (Daily News and Analysis) diese Woche über die Kältewelle in Bombay auf: 8,5°, die niedrigste, jemals im Februar aufgezeichnete Temperatur in dieser Megalopolis, 7° unter dem Mittelwert. Die Zeitung unterstreicht die Nachricht mit Fotografien einer Anzahl von Kopfbedeckungen mit denen der Kälte zu begegnen wäre. Wie das? Die lamentieren da, weil es 8,5° hat? Man möchte sie zu uns einladen, in unsere Breiten des doch gemäßigt genannten Klimas, wo das Thermometer noch vorige Woche auf 0° sank... In Wirklichkeit und mit größerem Ernst mach sich das Blatt Sorgen über die sehr starken Temperaturschwankungen von einem Tag zum anderen, über Amplituden von 20° über einen Zeitraum von 48 Stunden. Die Inder sind absolut nicht auf dies launische Wetter vorbereitet. Achtung Globale Erwärmung, sagt man dann, aber die kommt hier als Abkühlung an...

 

 

Dienstag 19. Februar 2008

Tabula rasa - räumen wir auf mit der Vergangenheit...

#102

JPEG - 180.6 kB

Die Dame ist merkwürdig gebaut: rundes Gesicht, allzu glatte Haut, Brüste fast unter dem Kinn, kaum eine Taille und dicke Schenkel. Sie ist nackt, trägt eine Halskette und ein Halsband, ihr Haar liegt in einem Netz und sie hält einen komischen, sehr durchsichtigen Schleier. Man muss ihr verzeihen, dass die Ästhetik nicht ganz der Mode entspricht: sie ist 500 Jahre alt und hat sich schließlich ganz gut gehalten.
Die "Venus" von Lukas Cranach dem Älteren, Maler,Graveur und Drucker der deutschen Renaissance, gibt zurzeit in London Anlass zu einer Polemik. Das berichtet El Pais, die spanische Tageszeitung. Die Behörden der britischen Hauptstadt haben die Plakate mit dem Bild in der U-Bahn verboten. Eine Ausstellung ist dem Künstler und seiner deutschen Abwandlung des italienischen Cinquecento-Stils gewidmet, und die Organisatoren hatten diese Darstellung für die Werbung ausgesucht. Die Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe fanden, dass sie Gefühle verletzen könne: " Millionen Menschen benutzen täglich die Metro, sagten sie zu ihrer Rechtfertigung, und für viele könnte die Nacktheit eine Beleidigung sein".

JPEG - 45.5 kB

Das Reglement der "tube" untersagt allzu explizit sexuelle Darstellungen von Männern, Frauen und Kindern. Schon vor sechs Jahren hatte diese politische Korrektheit ein Opfer gefordert: die Gräfin von Oxford, gemalt im 17. Jahrhundert von Peter Lely durfte nicht plakatiert werden, weil eine Brust der Dame (leicht, kaum sichtbar) dem Kleid entquoll: "ein Tuch ... den Busen, zu verhüllen, den ich nicht sehen darf" (Molière, Der Tartuffe oder der Heuchler...). Die Royal Academy of Arts hat eingelenkt und wissen lassen, dass sie einen Vorschlag zur Güte habe: eine halbe Venus, der man das Wesentliche ihrer Identität genommen hat...

JPEG - 254.6 kB

Auch die - beinahe - Antipoden hatten diese Woche ein Kulturerbe zu beklagen: das berühmte Namdaemun von Seoul, das "Große Südtor", auch "Tor des erhabenen Brauches" genannt, fiel dem Feuer zum Opfer. Der älteste Holzbau der koreanischen Hauptstadt (er datiert von 1398), die Nummer 1 ihrer und des Landes Kulturschätze, ist nur noch ein Haufen Schutt und Asche. Ein siebzigjähriger Mann hat das Feuer gelegt. Schon vor zwei Jahren hatte er versucht, einen der ältesten Paläste der Stadt, den Changgyonggung, anzuzünden. Man weiss nicht, warum er das macht: vielleicht hat er was gegen alles, was kaiserliche Macht symbolisiert. Zeugen haben berichtet, er habe seine Tat ohne Schwierigkeiten ausführen können: man hat ihn gesehen, wie er ganz ruhig das Gebäude verließ, sich eine Zigarette anzündete und sich ansah, wie die Flammen in den Himmel loderten. Ein anderer siebzigjähriger, der mit hunderten von Schaulustigen herbeigelaufen war und von der Joong Ang Daily befragt wurde, kommentierte das Ereignis so: "Ich fühle mich am Boden zerstört, ich habe nicht schlafen können und vor dem Fernseher gesessen, bis das Feuer gelöscht war. Das Tor hat den Koreakrieg überlebt. Ich kann nicht verstehen, dass man es dieses Mal nicht retten konnte".

JPEG - 113.4 kB

Das Vorgehen der Feuerwehrmänner löste eine Polemik aus: Immerhin waren ihrer 99 innerhalb einer Viertelstunde nach dem Alarm zur Stelle. Aber die Kommunikation zwischen der Denkmalsverwaltung und der Feuerwehr funktionierte nicht. Eine halbe Stunde lang passierte garnichts, weil niemand koordinierte. Es wird behauptet, auf diese halbe Stunde wäre es angekommen. Gleich am folgenden Tag hat der Leiter der Denkmalsverwaltung seinen Rücktritt angeboten. Es wird drei Jahre dauern, bis das erhabene Zeremonientor wieder in den Himmel ragen kann...

JPEG - 410.6 kB

Ungefähr zur selben Zeit vergoss der Konservator der Züricher Georg-Bührle-Stiftung (der Stifter war ein ultrareicher schweizer Waffenhändler im vergangenen Jahrhundert) heiße Tränen. Ganz ruhig hatten drei Männer während der Öffnungszeiten für jedermann sichtbar, abgesehen von Masken, die ihre Gesichter verdeckten, vier der bedeutensten Meisterwerke von ganz Europa aus der Sammlung mitgenommen: einen Cézanne, einen Monet, einen Van Gogh und einen Degas. Die Diebe fühlten sich derart sicher, dass sie nicht einmal den Kofferraum ihres Autos schlossen, als sie abfuhren... Ein Kunstraub, der in der Geschichte der Kunstwerke wohl seines Gleichen sucht...

Dienstag, 19. Februar, 14h: - Nur, dass die ganze Aktion vielleicht nicht mehr war, als die Tat von ein paar Spaßvögeln: die helvetische Polizei hat den Monet und den Van Gogh wiedergefunden...

 

Schließlich darf die Venus nun doch in der Londoner U-Bahn plakatiert werden... Da die Ausstellung vor London im Städel-Museum in Frankfurt zu sehen war, hat sie auch in ihrem "Heimatland" für Aufsehen gesorgt...

Schleier sind für Kunst- und Literaturhistoriker ein großes Thema: Attribut der Weiblichkeit, Aufmerksamkeitsverstärker, Symbol von Gefahr und Unerreichbarkeit, "Das verschleierte Bild zu Sais" (Friedrich Schiller), Trompe-l’oeil usw. Im Katalog zur Cranach-Ausstellung wird versucht zu zeigen, dass der ominöse Schleier im Denken und den künstlerischen Gepflogenheiten der Renaissance dazu da ist, die Unmittelbarkeit des Sehens zu brechen: der Schleier zeugt von der Kunst des Malers, das Bild soll als Kunstwerk wahrgenommen werden und nicht als "Natur", als Erscheinung einer Venus (Mehr dazu).

Peter Lely (1618-1680)wurde als Pieter van der Faes in Soest geboren, wo sein niederländischer Vater Offizier in brandenburgischen Diensten war. Er kam im dreißigjährigen Krieg, gerade recht zur Long Revolution nach England, malte für Charles I. ebenso wie für Cromwell und Charles II. und gilt als bekanntester Portraitist seiner Zeit in England.

 

 

Montag 25. Februar 2008

Krieg und Frieden

#103

JPEG - 162.7 kB

Mindestens vier russische Tageszeitungen feierten in dieser Woche die Vergangenheit, die Macht, die Nation: nostalgische, epische Berichte, retouchierte und hagiographische Fotos, Ausrufungszeichen. (Die Pravda ist nicht gestorben und es gibt auch noch eine Zeitung die sich Sowjetrussland nennt...) Die Feier des 90ten Geburtstages der russischen Armee, eine Woche vor den Präsidentschaftswahlen, ist ein starkes Symbol. Besonders bemerkenswert, dass der Geburtstag alljährlich ein Feiertag ist und an die Geburt der Roten Armee, ein paar Monate nach der Oktoberrevolution, erinnert. Tatsächlich datieren die ersten Massenaushebungen in Moskau und Petrograd vom 23. Februar 1918. Es galt das neue Regime der Bolschewiki gegen Konterrevolutionäre zu verteidigen, die sich in der sogenannten Weißen Armee formiert hatten. Die Reaktion war also, dass die Freiwilligen zu einer Roten Armee aus Arbeitern und Bauern stießen, die von einem gewissen Leon Trotzki angeführt wurde.

JPEG - 212.6 kB

1922 trug die Rote Armee den Sieg über ihre inneren und äußeren Gegner davon, um dann 70 Jahre lang die Sowjetunion in ihren Höhen und Tiefen zu begleiten: sie beteiligte sich an der Repression der letzten Widersacher des Kommunismus, auch auf der Linken, wie im Fall der unglücklichen Matrosen von Kronstadt; sie war eifriger Helfer und zugleich Opfer der stalinistischen Säuberungen zwischen den Kriegen; sie besiegte im Winter 1942 die Invasionstruppen des Dritten Reichs, und führte die Gegenoffensive von Stalingrad bis Berlin zum Erfolg. Sie stellte als die Speerspitze des Warschauer Pakts das Bedrohungspotential im Kalten Krieg dar, hatte in Korea und Vietnam ihre Wirkung und besetzte ein Jahrzehnt lang Afghanistan, bis die Perestroika zum Rückzug blies.

JPEG - 26.8 kB

Mit dem Ende der Sowjetunion wurde sie von der roten zur russischen Armee und zerfiel: die Gerätschaften rosteten, die Besoldung war miserabel, und auf den Friedhöfen des Landes reihten sich die Gräber der Toten aus dem Tschetschenienkrieg. Mit dem Aufstieg Wladimir Putins wurden ihr wieder Glanz und Macht zuteil: bei ihr und bei dem Reichtum des Riesen Gazprom liegt der Schlüssel zum Verständnis der Popularität des Präsidenten. Dass sie heutzutage einem Mineralwasser als Reklame dient oder Avantgarde-Künstler inspiriert, ändert nichts daran, dass sich der Stolz der Russen auf sie stützt. An diesem Jahrestag gingen der alte und der zukünftige Präsitent gemeinsam zum Grab des unbekannten Soldaten und legten Blumen nieder. Eine Garantie für Kontinuität.

 

 

 

Dienstag 11. März 2008

Entschleierungen

#104

JPEG - 77.2 kB

Diese Woche lade ich Sie zu einem Spaziergang am Waldrand ein, an der Grenze von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Erscheinung und Verborgenem. Wir beginnen in der Schweiz, wo eine Gerichtsentscheidung in den Tageszeitungen des Landes Schlagzeilen machte: Das Bundesgericht, die höchste Rechtsprechungsinstanz der Eidgenossenschaft entschied, dass das Tragen des Schleiers kein Grund sein kann, jemandem die Einbürgerung zu verweigern. Zwei Gemeinderäte im Kanton Argau, in den Dörfern Birr und Buchs ganz im Norden, im deutschsprachigen Teil des Landes, hatten den Einbürgerungsantrag von zwei Einwohnerinnen abgelehnt, weil die Schleier tragenden Damen ihnen nicht hinreichend integriert schienen. Es gingen zwei Berufungsanträge ein: der erste von der Einwohnerin von Buchs, einer Familienmutter, die vor dreißig Jahren in die Schweiz gekommen war, der andere vom Ehemann der Einwohnerin von Birr. In seiner Entscheidung zu beiden Fällen konstatiert das Bundesgericht, dass "das einfache Tragen des Schleiers keine Missachtung unserer Verfassung bedeutet. Es bringt nicht per se eine Entwürdigung der Frauen zum Ausdruck (...)".

JPEG - 40.9 kB

Interessant ist aber auch was dann folgt, und wie im Endeffekt beide Fälle unterschiedlich behandelt wurden: die Frau, die selbst Berufung eingelegt hatte, wurde für hinreichend integriert befunden. Sie kann eingebürgert werden. Der anderen, die den Antrag über ihren Mann gestellt hatte, wurde die Befähigung zur Einbürgerung nach den geltenden sprachlichen und bürgerrechtlichen Kriterien nicht zuerkannt... Denis Masmejean, der Leitartikler der Temps, lobt das Urteil, fragt sich aber auch, welche Wirkung es auf die Volksbefragungsinitiative der UDC (extreme Rechte)haben wird, die in drei Monaten zur Abstimmung ansteht und vorsieht, dass man in der Einbürgerungsfrage zum örtlichen Referendum zurückkehrt, bei dem die Bevölkerung selbst auswählt, wem sie das Glück zubilligt, Schweizer zu werden...

JPEG - 290.3 kB

In Israel hat sich die Zeitung Haaretz mit einer zunächst höchst überflüssig erscheinenden Praxis beschäftigt, in der jedoch eine Art Umgehung von religiösen Tabus zu Tage tritt, wenn nicht gar ein Widerstand gegen solche Tabus. Frauen der ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinden schminken sich und besuchen sogar Schönheitssalons, die das Naturschöne aufbessern. Diese Salons verdanken ihre Enstehung einzig der Mundpropaganda und das obwohl "die Sinnesreize täuschen und alle Schönheit eitel" ist, und das Schminken gelegentlich mit dem Tätowieren in einen Topf geworfen wird. Man musste sich den Diskretionsansprüchen der neuen Klientel anpassen: zwei Eingänge, Einzelkabinen, aber auch Tarife, die einer, mangels eigener Einkünfte oft mittellosen Bevölkerung entsprechen. Manche begnügen sich mit Ratschlägen für zu Hause. Die Angelegenheit war Gegenstand einer Hochschularbeit: die Wissenschaftlerin Sina Salzburg kommt zu dem Schluss, dass das Aussehen für die ultra-orthodoxen Frauen sehr wichtig ist, auch in den radikalen, hassidischen, religiösen Sekten. Und das umso mehr, als die junge Frau in ihrer ersten flüchtigen Begegnung mit dem Mann, den ihr die Familie ausgewählt hat, nicht anderes zu bieten hat. Aber auch, weil die Körperpflege ein letztes inneres Refugium darstellt...

JPEG - 371 kB

Die Los Angeles Times sieht in den öffentlichen und privaten Lebensbedingungen für Frauen den Eckstein im Aufbau einer Nation, in ihrem Aufstieg in die internationale Gemeinschaft und zum Rechtsstaat. Die Journalistin Tracy Wilkinson ging mit folgender Frage zurück nach Pristina, der Hauptstadt des eben unabhängig gewordenen Kossowo : "Wird die Unabhängigkeit im embrionären Stadium und noch nicht universell anerkannt, die Lebensbedingungen der Frauen ändern und dem Menschenhandel, dessen Opfer sie sind, ein Ende bereiten? Oder wird im Gegenteil das organisierte Verbrechen, das mit Kreisen der Separatisten Geschäfte machte, seine Praktiken mit noch mehr Ellenbogenfreiheit fortsetzen?" Das Kossowo, gleich neben Albanien, war zur Drehscheibe der Maffia der Prostitution aus den osteuropäischen Ländern
geworden. In den albanischsprachigen Gemeinden herrschende gesellschaftliche Verhaltensweisen liessen es zu einer der Gegenden Europas werden, die besonders von Gewalt gegen Frauen in Ehe und Familie betroffen sind. Physische Gewalt, aber auch materielle, denn den Mädchen werden systematisch Einkommen und Erbschaften entzogen. Der Besuchs ging von einem Frauenhaus zum anderen, von einem Gericht zum anderen . Am Ende scheinen die Zukunftsaussichten gemischt: zwar reagiert die Polizei zunehmend häufiger, wenn sie von Frauen gerufen wird, aber die Männer werden fast nie gerichtlich belangt und die Prostitution scheint nach wie vor einer rosigen Zukunft entgegen zu gehen.

JPEG - 25.4 kB

Unser Spaziergang endet im Departement Saône et Loire, das in gewisser Weise etwas beschädigt und eingeklemmt im Zentrum Frankreichs liegt. Die Lokalzeitung La Montagne bringt auf der Titelseite eine winzige und doch bestürzende kleine Meldung: eine dreizehnjährige Jugendliche, kaum der Kindheit entwachsen, Waise und seit dem Tod ihrer Mutter untröstlich, hat dieser Mutter zum Jahrestag ihres Todes einen Brief geschrieben. Auf dem Umschlag standen Name und Vorname und die Adresse "rue du Paradis, au Ciel (Paradiesstraße im Himmel)". Zwei Tage später kam der Brief zurück mit dem Vermerk "wohnt nicht an der angegebenen Adresse", außerdem verlangte der Briefträger eine Gebühr, weil die Sendung keine Briefmarke aufwies. Die Patenschaftsfamilie des Mädchens war ergriffen von seiner Verzweiflung, die Post dagegen schrieb nur, dass ein unfrankierter Brief an einen unauffindbaren Empfänger immer gebührenpflichtig an den Absender zurückginge.

JPEG - 309.8 kB

Mit allen Vorbehalten hinsichtlich der Vergleichbarkeit, war ich an einen Dokumentarfilm über die Widerstandskämpfer der MOI in Toulouse im zweiten Weltkrieg erinnert (Ni travail, ni familie, nie patrie, journal d’une brigade FTP-MOI (Weder Arbeit noch Familie, noch Vaterland, Tagebuch einer FTP-MOI-Brigade)von Mosco Boucault). Einer der Überlebenden, polnischer Herkunft, der zur Zeit der Dreharbeiten des Films in großer Armut lebte, erzählte: man habe ihn verhaftet, deportiert und er hatte aus dem Todeszug nach Auschwitz fliehen können. Nach dem Krieg war er bei den französischen Behörden um eine Rente als Deportierter eingekommen. Sein Antrag wurde abgelehnt mit der Begründung: "der Antragsteller hat seinen Bestimmungsort nicht erreicht".

 

 

Dienstag 18. März 2008

Lasst uns einander lieben...

#105

JPEG - 360.4 kB

JPEG - 342 kB

Ein paar Stunden lang herrschte am Sonntag auf der Simon - Bolivar - Brücke , an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela eine Stimmung, die fast an Woodstock denken ließ, wo vor bald dreißig Jahren "peace and love" gefeiert wurde. "Frieden ohne Grenzen" hieß das Motto diesmal, unter das die Organisatoren ihr Mammutkonzert gestellt hatten. Hundert bis zweihundertausend Menschen kamen. Meistens Kolumbianer, meint die Presse in Bogota - einer ist immer friedlicher als die anderen. El Universal in Caracas hat gar nicht erst gezählt, denn wer liebt, der zählt nicht, Nationalitäten spielten keine Rolle, alles war reine Brüderlichkeit und Verständigung unter den Völkern.

 

JPEG - 30.5 kB

JPEG - 127.3 kB

Ein Konzert also, grenzenlos, an einer natürlichen Grenze: die Simon - Bolivar - Brücke verbindet Cucuta (Kolumbien) mit San Antonio del Tachira (Venezuela), spannt sich über den schmalen Tachira Fluss und wurde an diesem Tag ihrerseits von einem Menschenstrom überflutet. Ohrenbetäubende Appelle der Stars lateinamerikanischer Musik mit der Forderung an die FARC, Ingrid Betancourt freizulassen, an die Regierungen von Kolumbien, Equador und Venezuela, mit ihrem Säbelrasseln aufzuhören. "Wir leben alle im selben Land" wurde am Ende gar gebrüllt!

JPEG - 274.5 kB

Friedensbilder sind auf den Titelseiten der Zeitungen eher rar in diesen Zeiten. Aber diese Woche war auch die 19te Woche der Presse und der Medien in der Schule. Eine Gelegenheit für die kleinen Schüler/innen auf dem Frankophonie-Planeten, sich schriftlich mit der Gegenwartsgeschichte zu beschäftigen. Eine Ausnahme machte nur die Jugend in Hongkong, denn die durfte seit Tagen nicht zur Schule gehen: alle Vor- und Grundschulen wurden für wenigstens zwei Wochen geschlossen, nachdem eine dreijährige an der Vogelgrippe gestorben war (ihre siebenjährige Schwester überstand die Krankheit). Ein Opfer des H5N1 Virus (wenn es nicht der H3N2 gewesen ist, ein anderer Auslöser der gleichen Pest)oder auch der SRAS-Krankheit, die Bezeichnungen variieren von China über Thailand bis Miami.

JPEG - 318.2 kB

Natürlich gerieten die Bürger/innen der Megapolis einigermaßen in Panik, heutzutage sind die Vorsichtsmaßnahmen außerordentlich streng, die Behörden wollen keinerlei Risiko eingehen. Thomas Tsang Ho-fai, der Generalinspekteur der Gesundheitsdienste hat jedoch erklärt, das es gar keinen Grund für die Annahme gäbe, das Krankheitsrisiko sei diesmal größer als in den letzten zwei Jahren (144 Fälle 2006, 177 2007 und 166 dieses Jahr). Die Schließung der Schulen ist die spektakulärste aller angekündigten Maßnahmen. Spektakulär genug, um Tibet wenigstens etwas zu verdrängen...

 

 

Mittwoch 26. März 2008

Grundwellen

#106

JPEG - 266.5 kB

Schwarzweißfotos versetzen uns unmittelbar in die Vergangenheit, vielleicht gar ins Mythische. Der Betrachter wird konditioniert, im vorliegenden Fall der australische Betrachter. Die sympathischen, lachenden Gesichter oder auch die Reihen fröhlicher Marinesoldaten, die da vor ihrem Schiff verewigt wurden, lassen reflexartig ein Gefühl des Stolzes aufkommen. Jeder ein Guy Môquet unserer Antipoden. Eine nationale Kommunion. Alle Tageszeitungen des Landes brachten Bilder zum berühmtesten australischen Kriegsschiff, das nach 70 Jahren mysteriöser Funkstille letzte Woche auf dem Meeresgrund entdeckt wurde. Die Sidney, zweite ihres Namens, war die Perle der königlich-australischen Marine. Ein Wunder der damaligen Technik, das bis zu 650 Matrosen mitführte, 1934 vom Stapel lief und auf den Meeren patroullierte oder in den ersten Jahren des zweiten rWeltkriegs andere Schiffe eskortierte.

JPEG - 307.4 kB

Bis zu jenem 19 November 1941, als es auf der Heimfahrt von der Begleitung eines Truppentransporters eine üble Begegnung mit der Kormoran hatte, einem deutschen Kriegsschiff, das als holländisches Paqueboot getarnt war. Beide gingen in der Schlacht mit Mann und Maus unter, und der genaue Ort des Schiffbruchs konnte nie gefunden werden (die gesamte australische Mannschaft, 645 Mann, ertrank, vom anderen Schiff überlebten 317 Personen). Manchen Stimmen zufolge hätten die australischen Behörden die Suche nach dem Wrack absichtlich behindert, um zu verheimlichen, das sich das Schiff auf einer falschen Route befand. Diese Annahme kann jetzt von den Entdeckern der Sidney, beziehungsweise der beiden Schiffe, die da ein paar Kilometer voneinander entfernt auf dem Meeresgrund liegen, widerlegt werden. "Ein historischer Tag" erklärte der Premierminister kurz und bündig. Für die Tageszeitungen bleiben nach wie vor noch Fragen offen.

JPEG - 169.8 kB

Alles nach Backbord! Jetzt sind wir in der Schweiz, einem Land ohne Küsten, aber nicht ohne Seekrankheit... Die neuesten Wellen schlug die Außenministerin, Mme Micheline Calmy-Rey, auf Reisen im Iran zur Unterzeichnung eines bedeutenden Gasliefervertrags zwischen einer schweizerischen Energiefirma, der EGL, und der NIGEC (National Iranian Gas Export Company). Anlass zur Polemik im In- und Ausland, sowohl inhaltlich, was den Zweck angeht, als auch betreffs der Form. Im Ausland, besonders in den Vereinigten Staaten oder in Israel, wo die Diplomatie über den Zeitpunkt der Reise - just nach den von Fälschungen versiebten Parlamentswahlen in Teheran - sehr verärgert war. Verärgert jedoch danach auch über den Zweck der Reise: ein Abkommen über Lieferung von 5,5 Milliarden Tonnen Gas in 25 Jahren, ab 2011, und dies mitten in der Auseinandersetzung um das iranische Atomprogramm...

JPEG - 162.9 kB

In der Schweiz gingen aus Gründen der Form die Wogen der Leidenschaft hoch: zunächst, weil eine Ministerin sich der Geschäfte eines Privatunternehmens annahm. Vorallem aber, weil besagte Ministerin bei ihrer Begegnung mit Präsident Achmadinedschad einen Schleier trug, einen langen, schönen weißen Schleier, der ihr übrigens sehr gut steht. Zum Prinzip ihres Besuchs erinnerte die Chefin der helvetischen Diplomatie daran, dass das "Ministerium seit einem Jahr an der Diskussion um den Vertrag teilnimmt und häufig bilaterale Gespräche zwischen der Schweiz und dem Iran stattfinden". Im Übrigen findet sie, dass es "zu ihren Pflichten gehört, mit der Unterstützung eines Privatunternehmens den Wohlstand des Landes zu verteidigen". Sie besteht darauf, dass "die Iraner ihr Kommen nicht zur Bedingung gemacht hätten, aber mit einer Ablehnung der Einladung ein Risiko verbunden gewesen wäre". Die Amerikaner haben angekündigt, dass sie die Gültigkeit des Vertrags prüfen würden... Angriffe von Seiten der Feministinnen in beiden Ländern tut Micheline Calmy-Rey mit einer Handbewegung ab: "Mir wurde immer gesagt, dass man als Gast die Sitten des Landes respektieren sollte."

 

 

Mittwoch 2. April 2008

Leistung

#107

JPEG - 58.9 kB

Die Kamera schmiegt sich an die Körper. Die Frau liegt da, das Gesicht dem Mann zugewandt, halb vom Bettzeug verdeckt. Sie weint und klagt. Das Gesicht des Mannes ist ausdruckslos, er schaut mehr oder weniger gelangweilt drein. Dann richtet er sich auf, leicht gekrümmt, als klebe er fest. Er steht auf und geht. Die Frau zittert vor Enttäuschung. So beginnt Der schöne Antonio, ein Film von Mauro Bolognini 1960 nach einem Szenario von Pier Paolo Pasolini, adaptation eines Romans von Vitalo Brancati (1949). Ausdruck männlicher Impotenz im machistischen, noch immer vom Faschismus geprägten Sizilien. Eine in der Literatur wiederkehrende Thematik, besonders bei den russischen Autoren am Ende des 19ten Jahrhunderts, zum Beispiel in Leon Tolstois Kreuzersonate, aber auch in den amourösen Dreiecksbeziehungen, die sich der Revolutionär und Philosoph Nikolai Tschernitschewski vorstellte: eine Frau - zwei Männer, der eine fürs Bett, der andere fürs Geistige...

Vorstellungen, die heute, nach zehn Jahren Viagra ausgestorben sind. Die Glückspille räumt auf mit erektiler Dysfunktion, das ist die einzige politisch korrekte Vorstellung.

JPEG - 254.5 kB

Der Geburtstag wurde von der Presse weltweit, und nicht nur im Abendland gebührend gewürdigt, je nachdem wo man hinschaut, enthusiastisch oder enttäuscht... Die Schlagzeile und nicht weniger als vier Artikel im sehr serösen österreichischen Kurier. Unter der wortspielerischen Überschrift "Viagra: eine steile Karriere", bringt er eher begeistert die wunderbare Wirkung des blauen Rhombus zur Geltung. Tatsächlich steil, wenn man den Zahlen glaubt, die der Parisien angibt: 35 Millionen Männer in der ganzen Welt hätten die Pille in ihrem ersten Jahrzehnt, genommen, aus durchaus sehr unterschiedlichen Gründen und mit gemischtem Erfolg. Der marokanischen Wochenzeitung La vie économique (Das Wirtschaftsleben) zufolge betrifft der in diesem immer noch von sexuellen Tabus geprägten Land schwierig zu messender Erfolg vorallem die verheirateten Paare. Es scheint dass 20% aller Scheidungen weltweit auf Pannen der männlichen Libido zurückzuführen sind... Messergebnisse dieser Art sind stets erstaunlich auf einem Gebiet, wo das was zur Sprache kommt von Notlügem durchsetzt ist. Die Tribune de Genève will auch nicht zurückstehen: im Land des Antidepresseurs Schokolade und der Präzisionsuhren sparen die Ärzte nicht mit Lob, trotz der Molltöne eines Psychiaters: "Viagra kann zu unerwünschtem Verkehr führen und das Paar in Schwierigkeiten bringen." Ja sogar zum Betrug des Partners, wenn man gewissen nordamerikanischen Tageszeitungen glauben möchte, die sich mit Vergnügen auf berühmte Scheidungsfälle stürzen in denen den Herren nach Einnahme des Wundermittels Flügel wuchsen und sie zum großen Missvergnügen ihrer Gattinen zu Schmetterlingen wurden.

JPEG - 31.3 kB

Der Londoner Observer hat beschlossen, sich mit der Kehrseite der Medaille zu beschäftigen: mit gefühllosem Leistungskult in den Vereinigten Staaten, in Brasilien und selbst in China, aber auch mit der gelegentlich exponentiellen Zunahme der Geschlechtskrankheiten. Viagra, manchmal in Verbindung mit Kokain bedeutet Leistungsstolz, vorallem in der Sicht der Männer und wird für manche (vorallem junge) Männer eine Komfort- oder auch eine Freizeitdroge für Leute, die sie bestimmt nicht nötig haben. Folglich blüht das Geschäft mit Kopien und Nachahmungen: im vergangenen Januar haben die Zollbeamten am Flughafen Roissy 224000 Pillen beschlagnahmt, das sind 56 000 Packungen, Nachahmungen der Marken Viagra und Cialis, die in Ladungen aus Indien mit Bestimmung Brasilien gefunden wurden und einen Marktwert von 2,4 Millionen Euro darstellen.

JPEG - 2.4 kB

In Russland hat ein Geschäftsmann die massenhafte Herstellung von Impaza (eine Wortschöpfung aus imposant und impotent..) aufgenommen. Billiger als das Original - ein unmittelbarer geschäftlicher Erfolg. Es hat den Anschein, dass "das Sexualleben in Russland schwierig ist" sagt Igor Kon, ehemals Philosoph und Soziologe, bevor er zu einem der ersten Sexologen des Landes wurde. "Bei uns ist die Staatsmacht für Geburten und gegen Sex, während die Bevölkerung für Sex ist und gegen Geburten" ´fügt er hinzu. Wie weit haben wir uns entfernt von Zeiten, in denen die Feministin Alexandra Kollontai in "Die Liebe bei den Arbeitsbienen" sich für die "sukzessive Monogamie" aussprach.

 

 

Mittwoch 9. April 2008

Unser Agent im Internet

#108

JPEG - 377.8 kB

Die Gemeinschaft der Geheimdienste steht am Scheideweg. Das meldet USA Today anläßlich einer umfassenden Untersuchung der amerikanischen Dienste. Papas Spione im grauen Regenmantel, grau wie der Regen, ausgerüstet mit Gadgets aller Art für Angriff und Selbstversteidigung, sind bald nur noch auf den Regalen der Bibliotheken zu finden (Unbedingt Graham Greene’s phantastischen Roman Unser Mann in Havanna wieder lesen!). Schluss auch mit den aufregenden Spionageaufträgen am anderen Ende der Welt... Der Doppel- oder Trippelagent von heute und morgen verlässt seinen Bürosessel nicht mehr, starrt auf den Bildschirm, seine Geschicklichkeit konzentriert sich auf den Mausfinger bei den Osint-(Open-source intelligence)Recherchen die das Internet zu bieten hat. In Zukunft liegt für den, der zu suchen versteht, alles in Reichweite eines Mausklicks: die Strategie von Al Quaida, der Entwicklungsstand der Nuklearenergie im Iran, Truppenbewegungen in Tschetschenien, oder auch umgekehrt, die zur Täuschung des Gegners bestimmten Desinformationen, die jedoch geschickt analysiert zur wertvollen Informationensquelle werden.

JPEG - 47.7 kB

Das Problem sind innere Widerstände von zwei Seiten. Einerseits wehren sich diejenigen, die sich aus Abenteuerlust oder einer Art romantischer Vorstellung von den Diensten haben anwerben lassen, andererseits können sich die Institutionen eine Spionage ohne Geheimnisse nur schwer vorstellen. Sie denken, dass Informationen die jedermann vor Augen hat und wissen kann, vielleicht nicht wirklich wichtig sind. Das wäre dann doch zu einfach, sagen sie. Nicht ganz, erwidern die Vertreter der informationstechnischen Revolution. Das Netz bietet eine schwindelerregende Menge von Rohdaten, ein Magma von Wahrem und Falschem, dass es erst einmal zu ordnen und zu analysieren gilt. Überzeugen soll aus ihrer Sicht, dass die Vereinigten Staaten dank der Osint den Stand der Nuklearindustrie des Irans genau bestimmen und dadurch in ihrer Politik gegenüber diesem Land einlenken konnten. Die Reform hat jedoch auch ihren Preis: der ganze Komputerpark muss erneuert werden. Von den Fettleibigkeitsrisiken, die das dauernde Sitzen den heiligen Arbeitstag lang mit sich bringt, ganz abgesehen.

JPEG - 262.3 kB

Empfehlen kann man ihnen auch einfach Zeitung zu lesen, da sind die Informationen noch zugänglicher als im Internet. Der Spion von morgen, trägt seinen Laptop in ein gemütliches Café in Washington, statt sich in der Schlafstadt von Langley (Sitz der CIA) einzuigeln, und liest in aller Ruhe die Weltpresse per Wifi auf seinem Bildschirm, zum Beispiel die Iran Daily, die englischsprachige Tageszeitung, die in der ganzen Welt verbreitet, was die iranische Regierung mitteilen möchte. In der Ausgabe vom 8 April, dem Nuklearfest im Land der Perser, findet er die ganze Liste der großartigen Errungenschaften, zum Beispiel Zahl und Qualität der Zentrifugen im Dienst der Macht im mittleren Orient. Fortan wird das Berufsrisiko nur noch sein, dass man sich den heißen Kaffee auf die Hose gießt...

 

 

Mittwoch 16. April 2008

Plural weiblich

#109

JPEG - 331.2 kB

In Australien war für die Frauen diese Woche fruchtbar. Am Samstag beglückwünschte sich die Presse wegen der Nominierung von Kay Goldworthy zur Bischöfin, was eine Premiere ist. Und am Montag applaudierte das ganze Land Mme Quentin Bryce anlässlich ihrer Wahl zur zukünftigen Generalgouverneurin von Australien, in das höchste Amt dieses Staates, ebenfalls ein kühner Streich.

Eine 51jährige Frau, Mutter von Zwillingen, räumt die letzte patriarchalische Hürde der australischen anglikanischen Kirche beiseite. Übrigens nicht ganz ohne Widerspruch: auch wenn die Mehrheit der Diözesen seit etwa zwanzig Jahren den Frauen den Weg ins Pfarramt geöffnet haben, es bleiben ein paar Unverbesserliche wie das sehr reiche Bistum von Melbourne, die der neuen "Monseigneurin" die Anerkennung versagen. Die Dame im sehr hübschen dunklen Pastorenkostüm mit gut sitzendem weißem Kragen ist jedoch voller Freude: "Ich hoffe wirklich, dass das ein Signal für alle Frauen ist, die sich von Gott zum Pfarramt berufen fühlen, dass sie in ihrer Berufung nicht zögern und sich vorstellen können, eines Tages zu höchsten Würden zu gelangen, ohne Pauken und Trompeten."

JPEG - 233.3 kB

"Der Gang der Geschichte". Mit diesem Titel haben die meisten Tageszeitungen die andere Wahl begrüßt, die eines echten Gewächses der australischen Erde, aus dem tiefsten Busch, zum Generalgouverneur, also zur Vertreterin der Königin von England in diesem Staat, der noch immer Mitglied des Commonwealth, gleichgestellt im Rang dem Präsidenten einer Republik. Sie setzt damit einer 107jährigen männlichen Herrschaft in einem Mandat ein Ende, das weit mehr ist als nur ein Ehrenamt. Tatsächlich sind die Machtbefugnisse der zukünftigen Generalgouverneurin in vielen Bereichen sehr ausgedehnt, sowohl verfassungsmäßig (sie ernennt die Obersten Richter), als in der Legislative (sie beruft das Parlament ein und löst es auf) und in der Exekutive (sie hat den Vorsitz im Ministerrat). Die 65jährige ehemalige Rechtsanwältin , Mutter von fünf Kindern und Großmutter von fünf weiteren, die bekannt ist für ihre früheren Kämpfe für feministische Ziele jubelt: "Diese Tage machen den Frauen und Mädchen in diesem Land klar, in Zukunft könnt ihr tun und sein was ihr wollt! " Der australische Premierminister, Kevin Rudd von der Arbeiterpartei, der eigentliche Inhaber der politischen Macht, ganz wie im europäischen Mutterland, begrüßte den endgültigen Eintritt Australiens in die Moderne. Wann jeodch wird der Premierminister aus den Reihen der Aborigines kommen? Auch stellt man fest, dass die beiden Erwählten dieser Woche sich ähneln: schlanke Gestalten, gleicher Haarschnitt, gleiches selbstbewußtes Lächeln. Kurzum, ein positives Frauenbild.

JPEG - 798.2 kB

Sehr, sehr anders als diese klaren, eleganten Modelle, machte eine andere Frau in der ehemaligen Kronkolonie Schlagzeilen. Sue Telly, heute 51 Jahre alt (wer sagts: wie unsere Madame Bischöfin) figurierte in der Financial Times. Für das, was sie vor 13 Jahren war. Oder vielmehr für die Interpretation dessen, was sie damals war, aus der Sicht und durch den Pinsel eines der bekanntesten Künstlers der Gegenwart. Der Maler der Fleischeslust und der ungeschönten Nacktheit fühlt sich seiner Leinwand "Die Wohltat des Schlummers einer Wächterin" noch immer besonders verbunden.

JPEG - 55.1 kB

Bis jetzt war sie als Eigentum eines privaten Sammlers dem Publikum nicht zugänglich. Bei der Versteigerung am 13 Mai in New York wird sie wohl alle Rekorde schlagen, der Preis wird der höchste sein, der jemals für das Werk eines noch lebenden Künstlers gezahlt wurde. Lucian Freud, Enkel von Sigmund, war begeistert von dem Modell, dass ihm der Australier (noch einmal: es lebe das Commonwealth) Leigh Bowery empfohlen hatte. Eine Frau im Maßstab ihrer Maßlosigkeit. Und schön. Und bestimmt würde sie dem Großvater zu denken gegeben haben...

 

 

Dienstag 22. April 2008

Glamour

#110

JPEG - 417.2 kB

Im Russischen sagt man für "Boulevardpresse" "Glamour" - гламур - . Das heißt, man musste den Begriff für etwas, was es bis zu den politischen Umwälzungen des vergangenen Jahrhunderts nicht gab, weit herholen. Die Boulevardpresse der postsowjetischen Ära verdient ihren (schlechten) Ruf, beziehungsweise backt ihr Honigbrot eher mit Verbrechen, mit Außerirdischen und anderen Mystifikationen, als mit dem Liebesleben von Politikern oder Stars im Showbuisiness. Aber prompt hat jetzt ein Moskauer Wochenblatt mit den Tabus brechen wollen: der Moskowsky Korrespondent mit seinen oft populistischen, jedoch nicht allzu vulgären Schlagzeilen brachte vor vierzehn Tagen gleichzeitig die Nachricht von einer Scheidung, als auch von der Wiederverheiratung des demnächstigen Ex-präsidenten und baldigen Premierministers Wladimir Putin. Und nicht etwa im Conditionalis, als Möglichkeit. Die Nachricht ging um die Welt und stand sogar auf der Titelseite der sehr seriösen und konservativen kanadischen National Post.

JPEG - 135.4 kB

Was schrieb der Journalist Seguei Topol in seinem Artikel, im Einvernehmen mit seinem Chefredakteur? Man wisse aus sicherer Quelle, dass "mehrere Cateringunternehmen der Hauptstadt, auf eine geheime Angebotsanfrage hin, sich um die Organsation der Hochzeit von Wladimir Putin und der Duma-Abgeordneten der Präsidentenpartei Einiges Russland, Alina Kabajeva, streiten" (Die Abgeordnete, 25 Jahre alt, stammt aus Usbekistan und ist ehemalige Olympiasiegerin im Turnen). Der Zeitung zufolge sei "Präsident Putin, selbst ehemaliger Judochampion, dem Charm junger Sportlerinnen durchaus nicht abgeneigt". Das Sarkozysyndrom, meint der Autor zum Schluss. Am letzten Freitag beim Besuch seines Freundes Silvio Berlusconi, eines anderen liebenswürdigen Verführers für junge Frauen, musst Wladimir Putin der italienischen Presse Rede und Antwort stehen, und das Thema stieß auf größeres Interesse als die internationale Politik der russischen Föderation. Putin dementierte mit einem Lächeln und machte allen Spekulationen ein Ende indem er erklärte, er liebe alle russischen Frauen". Offensichtlich ist er nicht unzufrieden, dass er, genau wie seine Freunde Silvio und Nicolas, als Frauenheld erscheint.

JPEG - 186.7 kB

Abgesehen von Anekdoten, abgesehen von Bestätigungen und Dementis (siehe die berühmte SMS "wenn Du zurückkommst, mach ich alles wieder rückgängig"), ist der Vergleich mit Frankreich nicht ganz abwegig. Beide Präsidenten sagen, dass sie sich in Gegenwart von Frauen in der Politik wohlfühlen und das jeweilige Land von verstaubten Ansichten befreien wollen. Der französische Präsident hatte sich über eine oberste Berufungskammer lustig gemacht, die aus Männern in Grau, sich gleichend wie Erbsen, bestünde ("ich schaute in den Saal, ich sah 98% Männer (...) die sich alle ähneln, gleiche Herkunft, gleiche Ausbildung, alle aus der gleichen Form, die Tradition der Eliten Frankreichs, gewiss respektabel, aber nicht ausreichend vielfältig"). Der Russe ließ junge Frauen (in der Mehrzahl ehemalige Leistungssportlerinnen) auf die Listen der letzten Parlamentswahlen im Dezember 2007 setzen. Aber sind das noch politische Aktionen oder ästhetische Theaterspiele? Was den Moskowsky Korrespondent angeht: Er macht nächstens zu, nachdem er sich beim Kreml entschuldigt hat. Er beteuert aber, dass er allein aus finanziellen Gründen und auf gar keinen Fall aus politischen sein Erscheinen einstellt...

 

 

Dienstag 29. April 2008

Schattenspiele

#111

Fassen wir zusammen: rechts von mir ein Spion der modernen Art, der, wenn nicht für die ganze Menschheit, wenigstens für einen Teil derselben zu arbeiten glaubt. Zu meiner Linken ein fanatischer Apokalyptiker, mutmaßlicher Täter mörderischer Anschläge. Ersterer riskiert lebenslanges Gefängnis, letzterer schiebt weiter seinen Karren.

JPEG - 248.3 kB

Schauen wir uns im Licht der israelischen Presse den ersten Fall genauer an. Vom Aussenminister über den Mossad bis zum Premierminiter beteuert alles was in Israel Autorität hat lautstark seine Unschuld. Wie bitte? Ein weiterer amerikanischer Offizier, der für uns spioniert? Ben Ami Kadish? - nie gehört! Die Zeitungen, ihrerseits verkündeten lautstark ihr Erstaunen. Aber weshalb denn? Weshalb würde Israel denn seinen grossen westlichen Freund, der ihm so nahe steht, ausspionieren? Noch dazu in den 80ziger Jahren, als auch nicht der geringste Schatten auf die Beziehungen der beiden Länder fiel? Aber Tatsache ist: nach der Affäre Jonathan Pollard, die 1985 das wechselseitige Vertrauen zwischen Israel und den Vereinigten Staaten störte, haben wir jetzt den Fall Ben Ami Kadish. Er wurde am Dienstag den 22 April verhaftet und legte umgehend ein Geständnis ab: ja, er hat von 1979 bis 1985 den israelischen Geheimdienst unterrichtet, während er als Ingenieur in der amerikanischen Armee arbeitete.

JPEG - 30.8 kB

Wie bei Johnathan Pollard, der zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt wurde und noch immer im Gefängnis sitzt, scheint die Motivation für die Spionagetätigkeit nicht Geld gewesen zu sein, sondern ein ideologisches Motif, das der Sicherheit des Staates Israel. Wie in der guten alten Zeit des kalten Krieges bei manchen sowjetischen Agenten. 1979-1985 ist im übrigen genau die Periode der Perestroika und des Umschwungs in der UdSSR, die Zeit vor der Invasion des globalen Terrorismus. Der Leitartikler von Haaretz stellt sich jedoch auf den Standpunkt von heute und ermisst den Schaden, den diese neue Spionageaffäre anrichten könnte: "Eine merkwürdige Gegenseitigkeit charakterisiert nach wie vor die Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Staaten." Ein Pas-de-deux, ein steter Tanz zum Lied "ich liebe Dich - ich auch nicht".

JPEG - 312.2 kB

In Indien, dem Subkontinent, wie das grosse Land auch genannt wird, meldet der Telegraph, sind die Geheimdienste in einen Skandal um verschwundene Pässe verwickelt und anschliessend in die Vertuschung des Skandals. 500 leere Pässe, die aber schon in aller Form abgestempelt waren, sind im Konsulat von Dubai abhanden gekommen. Damit lassen sich reihenweise gültige falsche Papiere ausstellen, die durch nichts als falsche zu erkennen sind. Jetzt läuten in allen Konsulaten auf der Welt die Alarmglocken. Bei einer derart sensiblen Region wie der von Dubai kann man sich fragen, in welchen Händen diese kostbaren "Sesam-öffne-dich’s" wohl landen werden? Und mit Hilfe welcher Komplizenschaft wurden sie den indischen Konsularbehörden entwendet? Die indischen Geheimdienste haben vesucht, die Angelegenheit zu vertuschen, weil sie die Antworten teilweise kennen.

JPEG - 2.3 kB

Die Papiere konnten nur mit dem Einverständnis von hochstehenden Angehörigen des Konsulats verschwinden, weil man erst ab einem gewissen Rang Zugriff hat, vorallem wenn es sich um gebrauchsfertige Papiere handelt. Und im Übrigen scheint es, dass ein Teil der Pässe an einflussreiche Mitglieder der Familie Dawood, Blütenpflanze der islamistischen Maffia abgegeben wurde. Einer der Söhne dieser Familie, Ibrahim, ist der meistgesuchte Mann des Landes. Grund: Beteiligung an dem äusserst mörderischen Attentag von Bombay 1993 (253 Tote) und an weiteren Anschlägen. Dieser Pate, der al Qaida nahesteht, hat das traurige Privileg, auf der amerikanischen Liste der "Massenterroristen" zu figurieren und soll in Pakistan, dem großen Verbündeten Amerikas Zuflucht gefunden haben. Oh wie faszienierend bis du doch, Paradoxon...

 

 

Dienstag 6. Mai 2008

Traurige Tropen

#112

JPEG - 365.7 kB

Die Pelzkapuze lässt nur zwei schwarze Augen frei und die schauen traurig drein. Kinderaugen auf der Titelseite von La Presse, der sehr populären Tageszeitung in Quebec. Das Blatt hat sich die tristen Lebensbedingungen der indianischen Kinder der Provinz vorgenommen: für 12% von ihnen beschließt die DPJ (Direktion Jugendschutz) jedes Jahr, sie von ihren Familien zu trennen, ein drittel ist weniger als fünf Jahre alt. Die meisten werden weit weg von ihrem Zuhause bei "Weißen" untergebracht, weit weg auch von der elterlichen Kultur. Das Auseinandergerissenwerden ist eine Folge der sozialen und kulturellen Situation. Hinzu kommt eine Alkohol- und Drogenproblematik, die sich in den Urnationen besonders in Quebec ausbreitet.

JPEG - 9.6 kB

Louise Leduc, die Autorin der Enquête, hat solch heimgesuchte Gemeinschaften aufgesucht: ein stellvertretender Leiter teilte ihr mit, dass 90 von 600 Minderjährigen "außerhalb" leben. Die Kriterien für die Trennung von der Familie und die anderweitige Unterbringung sind streng: Armut und physischer oder psychischer Zustand der Eltern führen allzuleicht zur Trennung. Und die Kinder können nicht bei Verwandten untergebracht werden, weil das Reglement fordert, dass jede/r Minderjährige ein Zimmer für sich haben muss, was bei den übervölkerten Behausungen der Ureinwohnergruppen selten möglich ist. Ein Mitglied des Autochtonenrates regt sich darüber auf: "Ist es denn so schlimm, wenn ein kleines Mädchen von 4 Jahren im gleichen Zimmer mit einem anderen, siebenjährigen schläft? " Guylaine Gill, die Generaldirektorin der Gesundheitskomission und der Sozialdienste für die Urnationen von Quebec und Labrador ist ihrerseits auch außer sich: "Würde man senn zulassen, dass hunderte von kleinen Quebecern nach Ontario wandern, weil hier die Mittel fehlen? Genau das passiert bei uns und es zerreißt einem das Herz, wenn man diese Kinder sieht, die oft nur ihre Muttersprache sprechen und dann in eine Familie fallen, in der nur französisch oder englisch gesprochen wird". Das genau ist nämlich das Problem einer Politik - weniger der Prävention, als der Zwangsvollstreckung. Durch das Auseinanderreißen wird die Akkulturation verstärkt und damit fabiziert man unter Umständen die Entwurzelten, die im Alkohol und in der Drogue das Vergessen suchen - ein Teufelskreis...

JPEG - 354 kB

Der englischsprachige und darum nicht weniger kanadische Globe and Mail ließ eine andere Katze aus dem Sack: immer häufiger werden Frühgeburten und ihre Mütter in die benachbarten Vereinigten Staaten geschickt, weil in den Spezial-Geburtskliniken die Betten mangeln und es keine wirkliche Planung für eine gute medizinische Geburtenversorgung gibt. Die seriöse Zeitung verweist auf einen alarmierenden Niedergang: 1990 stand Kanada auf dem sechsten Platz geringster Kindersterblichkeit weltweit. 2005 ist es auf den 25sten zurückgefallen und steht in einer Reihe zum Beispiel mit Estland. Angesehene Pädiater appellieren an die Bundesregierung einmal, dass die Neugeborenenversorgung zu ihrer früheren Qualität zurück finden müsse, aber darüberhinaus wird das gesamte Gesundheits- und Sozialsystem aufs Korn genommen, wie seinerzeit sehr böse am Anfang von "Invasion der Barbaren" des wunderbaren Denys Arcand.

 

 

Sonnabend 17. Mai 2008

Pair/Impair - Passe/Manque

#113

JPEG - 268.2 kB

Es war ein Ereignis von beträchtlicher Bedeutung, dass jedoch in der westlichen Sphäre (beinahe) unbeachtet geblieben ist: die Begegnung, Ende letzter Woche von zwei Lenkern dieser Welt, eine vorsichtige Begegnung, die aber im Falle einer Einigkeit zu einem geopolitischen Ensemble von großem Gewicht führen könnte. Der chinesische Präsident Hu Jintao wurde feierlich vom japanischen Premierminister Yasuo Fukuda in Tokyo empfangen. Die letzte Reise eines Vertreters des Reiches der Mitte in das der aufgehenden Sonne liegt mehr als zehn Jahre zurück und fand fast heimlich statt... Die Nachricht machte sowohl in China wie in Japan Schlagzeilen, wurde aber beidseits des Meeres im Einzelnen unterschiedlich interpretiert... Für die Chinesen ist alles wunderbar und die anhängigen Konflikte werden mehr und mehr schlechten Zeiten von Gestern oder Vorgestern zugeschrieben. Die japanische Presse ist viel skeptischer: die strittigen Angelegenheiten wiegen schwer und trotz unbestreitbarer Fortschritte bleibt noch vieles ungesagt und weiterhin anhängig.

JPEG - 268.2 kB

Empfindliche Stellen liegen in nahezu allen Bereichen: die Verteilung der natürlichen Ressourcen im Osten des chinesischen Meeres; die Greueltaten in den chinesisch-japanischen Kämpfen im zweiten Weltkrieg (besonders die chinesischen Frauen, die zur Prostitution für die japanischen Soldaten gezwungen wurden oder die Massaker in Nanking); die Verseuchung von Millionen japanischer Verbraucher mit verdorbenen Ravioli aus Peking; und sogar das Schicksal tibetanischer Mönche... Jeder kam dem anderen einen Schritt entgegen: die Chinesen fordern keine Entschuldigung mehr für die Ausschreitungen in der Vergangenheit und die Japaner zügeln ihre Habgier in Sachen Gas aus dem Meer. Das gemeinsame Kommuniqué präzisiert, dass beide sich verpflichten "in einer gemeinsamen Vision des Orients eine neue Phase bilateraler Beziehungen (einzuleiten), unter der Bedingung, dass die Geschichte ohne Umschweife in Betracht kommt." Der Japaner wünschte den Chinesen alles Gute für die Olympischen Spiele. Das war drei Tage vor dem Erdbeben...

JPEG - 367.4 kB

In den Vereinigten Staaten interessierten sich zwei große Tageszeitungen in dieser Woche, anscheinend ohne sich abzusprechen, für die Sitten in Saudiarabien. Die New York Times für die männliche Seite, der Christian Science Monitor für die der Frauen. In einer sehr langen Reportage porträtiert erstere zwei junge Männer in ihrer Befangenheit im Regelwerk Mekkas was Liebe und Sexualität angeht... Einer ist klein und zierlich, der andere gibt sich dominant in seiner Männlichkeit; der eine zeigt sich romantisch und empfänglich für Frauenbelange, regt sich aber auf, wenn er eine von ihnen allein in einer Bar antrifft, auch wenn sie ein schwarzer Schleier bedeckt und von Kopf bis Fuß unsichtbar macht; der andere gebärdet sich als starker Mann, fördert jedoch die Treffen seiner Schwester mit ihrem zukünftigen Ehemann. Beide verwickeln sich in Widersprüche zwischen Ehrenkodex und Wünschen, zwischen einer vom Islam beherrschen Alltagssicht und westlichen Bildern die in Hülle und Fülle aus dem Satellitenfernsehen quellen...

JPEG - 223.6 kB

Der Christian Science Monitor interessiert sich dagegen für das erste Hotel ausschließlich für Frauen, das in Ryad eröffnet wurde. Mit der Frage im Hintergrund: ist das ein Fortschritt oder nicht? Das Etablissement selbst ist anheimelnd, parfümierte Kerzen auf den Gängen an jeder Ecke: Ausschließlich weibliches Personal, von den Technikerinnen bis zu den Zimmerfrauen. Bis jetzt konnten Frauen in Saudiarabien nicht allein reisen, nicht ohne männlichen Schutz. Von jetzt an mit Ausnahme in diesem neuen Palasthotel, allerdings müssen sie sich polizeilich melden. Die Kundinnen sind geteilter Meinung: für die einen handelt es sich um einen Fortschritt: Frauen können endlich ihren Geschäften nachgehen, ohne von Männern kontrolliert zu werden. Für die anderen verstärkt das neue Hotel noch die Trennung der Geschlechter in einem Land, in dem Frauen noch immer nicht Autofahren dürfen... Sie fürchten, dass solche Einrichtungen einer Änderung der Gesetze abträglich sind.

 

 

Mittwoch 21. Mai 2008

Sport oder Krieg?

#114

JPEG - 301.9 kB

Jacques Chirac, der vorige Präsident Frankreichs, bekannte sich zu seiner Leidenschaft für die japanischen Sumokämpfer. Zweifelsohne stimmen ihn die beiden bedauerlichen Geschichten, die Asahi Shimbun diese Woche brachte, tieftraurig. Es hat lange gedauert, bevor sie ans Licht kamen, länger als ein Jahr, weil die obersten Verantwortlichen für die Wettkämpfe der dicken Ringer sie verheimlichten, trotz aller Ritualisierung, trotz ausgeprägtem Regelwerk und umfassendem Ehrenkodex. Es geht um zwei Fälle von Gewalt gegen zwei junge Sumoschüler, von denen der eine an den Folgen seiner Verletzungen gestorben ist. Tokitaian, 17 Jahre alt, ist schon fast ein Jahr tot. Endlich hat die japanische Sumovereinigung (AJS) verlautbaren lassen, dass der 55 jährige Magaki, Leiter einer Sumoschule und Mitglied im Direktorium der AJS, einen seiner Schüler mit einem Bambusrohr derart geschlagen hat, dass dessen Beine von Hämatomen bedeckt waren, und innere Blutungen zum Tod führtem. "Er hat sich schlecht aufgeführt", mit diesem Satz rechtfertigte Magaki seine Bestrafungen während eines nationalen Sumoturniers. Die Kampfrichter haben die vielen blauen Flecken wohl bemerkt, aber keiner hat den Mund aufgemacht...

JPEG - 24.7 kB

Der zweite Sumokämpfer hat bei einer anderen wichtigen Wettkampfveranstaltung im Januar Schläge auf den Kopf erlitten. Ein Mitglied der Jury der "zweiten Liga" hat sie ihm mit einer großen Kelle beigebracht. Der junge Mann hatte eine 7 Centimeter lange Kopfwunde, er war derart terrorisiert, dass er seinem Trainer nichts gesagt hat. Toyozakura, der gewalttätige Kampfrichter, rechtfertigte sein Verhalten so: "der junge Wettkämpfer zeigte keine gute Haltung". Die japanische Tageszeitung berichtet, abgesehen von den Tatsachen, zweierlei: zum einen hätte die AJS die Vorkommnisse weiter verschwiegen, wenn nicht eines ihrer Mitglieder sie anonym bekannt gemacht hätte; zum anderen, dass solche Praktiken in der sehr besonderen Sumowelt gang und gäbe sind. Zahlreiche Schulvorsteher korrigieren die Fehler ihrer Schüler mit dem Rohrstock, aber normalerweise zeigen sie auf die Mawashi, die Sumogürtel, die bei den Wettkämpfen getragen werden. Aber nicht wenige benutzen den Stock in anderer Absicht, nämlich zu körperlichen Züchtigungen. Magaki erklärte den Journalisten: "ich bin keineswegs zu weit gegangen: die Schüler müssen notwendigerweise hart behandelt werden, wenn sie etwas falsch machen". Im Übrigen hat in beiden Fällen niemand von den Anwesenden reagiert. Jetzt werden die beiden Ausbilder wegen absichtlicher Köperverletzung und die anwesenden Schüler wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt.

JPEG - 301.9 kB

Wir bleiben in Asien. Auch in Indien stand Sport an diesem Wochenende auf den Titelseiten. Trotz oder eher wegen der mörderischen Bombenanschläge im Nordwesten des Subkontinents, in Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans, ein paar Tage zuvor. Im Stadion dieser Stadt fand das Halbfinalspiel im Kricket statt, in diesem indischen Nationalsport par exellence, einem Erbe der britischen Kolonisation. Die trauernden Spieler und Anhänger der Rajasthan Royals hatten beschlossen, alle Äußerlichkeiten auf ein Minimum zu beschränken, aber massenhaft teilzunehmen, um den Terroristen, - wie es scheint von Islamisten unterstützte Bengalen, die 60 Menschenleben auf dem Gewissen haben - zu zeigen, dass das Leben ihre Taten überwindet. Eine der großen Tageszeitungen Bombays titelte: "Beifall nach den Tränen. Kricket fegt Terror hinweg". Der eigens entsandte Korrespondent steigerte sich in einem lyrischen Artikel zu dem Satz: "Mit Beginn des Spiels war das einzige von uns noch gehörte Explosionsgeräusch, dasjenige der Schläge auf die Bälle." Die Mannschaft von Jaipur gewann gegen die Bangalore Royal Challengers aus dem Süden des Landes... Sie gewann gleichzeitig ein anderes Spiel, ein politisches, das des Lebens...

 

 

Dienstag 3. Juni 2008

Kunst, Knast, Knüller

#115

JPEG - 293.9 kB

Die Polemik ist ein Dauerbrenner: wo hört die Kunst auf und das Obzöne beginnt? Der neueste Schauplatz ist Australien, und die Zielscheibe ist diesmal der Fotograf Bill Henson, der in seiner Heimat, aber auch weit darüber hinaus, als der größte lebende Künstler Ozeaniens gilt. In der letzten Woche gab es aufsehenerregende Szenen und die Polizei hat ein Drittel der Ausstellungsobjekte in der sehr bekannten Galerie Roslyn Oxley in Sidney beschlagnahmt, verpackt und abtransportiert. Dem Künstler und der Galeristin wurde mitgeteilt, dass gegen sie Anklage erhoben wird, weil das Gesetz die Veröffentlichung von Texten und Bildern verbietet, die das Anstandsgefühl verletzen. Die Affaire machte in allen Tageszeitungen Sidneys Schlagzeilen: kein Wunder bei der Bekanntheit Bill Hensons, der im übrigen seit fast zwanzig Jahren die beanstandeten Werke überall in der Welt ausstellt, auch in so prestigeträchtigen Zusammenhängen wie auf der Biennale in Venedig 1995. Aber 1995 war eben das Thema Pädophilie noch nicht in alle möglichen Richtungen ausgefranzt und die politische Korrektheit sparte die schöpferischen Arbeit noch aus.

JPEG - 26.4 kB

Und eben darum geht es: Henson wird beschuldigt, in einer Reihe von Fotos Pädophilie zu verherrlichen. Es handelt sich um Porträtaufnahmen von pubertierenden Jugendlichen beiderlei Geschlechts, Silhouetten und Gesichter im Spiel von Licht und Schatten, wie stets bei diesem Maler-Fotografen, so wie eben die gegenwärtige Welt auf ihn wirkt: Echo der Obzönität unserer Zeit. Die Anklage kommt von einer Rechtsänwältin, Hetty Johnson, sie sich sehr im Kampf gegen Sexualverbrechen an Kindern engagiert. Sie verlangt, dass auch die Eltern, die Henson erlaubt haben, ihre Kinder als Modelle zu nehmen und die Bilder auszustellen, zur Rechenschaft gezogen werden. " Wie können die Eltern erlauben, dass ihre 12-13 jährigen Kinder nackt fotografiert und ihre Bilder überall hingeschickt und per Internet verbreitet werden. Was hier passiert ist eine unmittelbare Folge des Versagens der Künstlergemeinschaft, die seit Jahren keine klare Abgrenzung von Kunst und Oszönität fertig bringt."

JPEG - 46.4 kB

Zahlreiche Politiker des Landes stimmten der Rechtsanwältin zu, sogar Premierminister Kevin Rudd von der Arbeiterpartei , der sagte, dass er entsetzt sei. Die gesamte Kunstwelt stützte dagegen Henson und verurteilt, was an "einem schwarzen Tag für die Kultur Australiens" passierte. Auch mehrere der, inzwischen erwachsenen, ehemaligen Modelle äußerten sich entsprechend. Der Künstler zeigt sich niedergeschlagen, verharrt in einer Art Depression, auch wenn er seine Zustimmung gegeben hat, die umstrittenen Bilder in der Galerie abzuhängen.

JPEG - 70.7 kB

Trotz allem hat er dem Sidney Morning Herald, der die Zensoren und den "Triumph der Philister" anprangert, die Absicht seiner Arbeiten erklärt: " ich arbeite mit pubertierenden Kindern, weil sie noch Kinder sind und gleichzeitig schon in die Erwachsenenwelt eintreten. Das schafft eine Welt, die ins Schwimmen geraten ist, die Abwarten und Unsicherheit suggeriert... Man kann einen Verlust der Unschuld, der zum Fortschreiten, zur Bewegung zwingt, unmöglich auf einen einfachen Begriff bringen." Eine Vorstellung, die für einen der berühmtesten Maler des XXsten Jahrhunderts, Balthus, in seiner ganzen Laufbahn im Zentrum stand. Gerade wurde sein hundertster Geburtstag gefeiert und - wer weiß? - vielleicht wird das Ausstellen seiner Bilder schon bald verboten.

 

 

Dienstag 10. Juni 2008

Allzu langes Schweigen

#116

JPEG - 117.4 kB

Morgen hält das ganze Land den Atem an. Kanada bereitet sich auf ein bedeutendes Ereignis vor: fast vier Monate nach den Australiern werden die Autoritäten des Landes die Angehörigen der Urnationen ihres Bundesstaates feierlich um Vergebung bitten. Um Vergebung im Besonderen für das Unrecht an den, in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, zwangsweise eingeschulten Kindern. Moosonee, an den Ufern des Moose im Norden Ontarios, ist eine Stadt mit 3000 Bewohnern, die nur per Eisenbahn zu erreichen ist. Die letzte, noch terrestrisch mit dem restlichen Land verbundene Anlaufstelle vor den verstreuten, noch weiter nördlich gelegenen Ansiedlungen. Dort lebt Marguerite Wabano, 104 Jahre alt. Laut Globe and Mail nennt sie keiner anders als Granny Wabano. Ihr Foto mit vielen Falten im lächelnden Gesicht erscheint auf der Titelseite der großen kanadischen Tageszeitung. Denn morgen wird man Granny ehren wie eine Königin. Zusammen mit fünf anderen, noch Lebenden, wird sie im Parlament sitzen. Premierminister Stephan Harper wird sich dann im Namen der ganzen Nation entschuldigen.

JPEG - 85.5 kB

Granny ist eine der letzten, die von jenem Progamm zeugen können, dass dazu gedacht war, Ureinwohnerkinder zwangsweise, weit weg von ihren Familien, ihrer Sprache und Kultur, zu erziehen. 1908 erklärte der Minister für Indianische Angelegenheiten, Frank Olivier, dass mit dieser Einschulung "Indianerkinder aus der Versklavung herausgehoben, zu selbstbewußten Staatsangehörigen und, warum nicht, zu gutsituierten Mitbürgern gemacht würden".

JPEG - 21.6 kB

Ein paar Jahre später, 1920, wurde Anweisung gegeben, alle Ureinwohnerkinder im Alter von 7 bis 15 Jahren zusammen zu holen und in christliche Einrichtungen zu bringen. Heute steht nach einer lang dauernden Untersuchung fest, dass die Kinder nicht nur dem Verbrechen zwangsweiser Akkulturation zum Opfer fielen, sondern viele von ihnen von ihren Lehrern sexuell missbraucht wurden, ganz abgesehen von schlechter Behandlung und schlechten Lebensbedingungen. Das ganze Ausmaß des Schadens ist noch immer nicht abzusehen, ebenso wenig wie die genaue Zahl der Opfer.

JPEG - 142.9 kB

Die hervorragende, konservative National Post stellt daher folgende Frage, die ebenso auch in Südafrika, Chile oder Sierra Leone gestellt werden könnte: "Sind Wahrheit und Vergebung mit einander vereinbar?" Die vor kurzem eingerichtete Kommission wird fünf Jahre brauchen, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Ihr Vorsitzender, der Richter Harry Laforme - er ist der erste Angehörige der Ureinwohner, der in einem kanadischen Appellationsgericht sitzt - denkt jedenfalls, dass das Land nun endlich die Prüfung seiner dunklen Vergangenheit zu Ende bringen kann. Aber er weist auch auf das Paradoxe des Verfahrens hin: "die noch Lebenden wollen keine Vergebung. Sie wollen Gerechtigkeit und zwar vor den Gerichten."

JPEG - 35.4 kB

Doch morgen hält das ganze Land inne. Die Unternehmen sind aufgefordert, ihr Mitarbeiter für die Dauer der Zeremonie nach Hause gehen zu lassen. Die Schulen sollen sehen, dass kein Schüler der nationalen Bußaktion fern bleibt. Aber niemand wird Granny Wabano zu nahe kommen können. Mit der Weiheit ihrer hundert Jahre hat die alte Dame sich die Kameras verbeten.

 

 

Dienstag 17. Juni 2008

Tierisch, das alles...

#117

JPEG - 405.4 kB

Das Bild ist spektakulär, man versteht warum amerikanische und koreanische Tageszeitungen es auf die Titelseiten gesetzt haben. Zwischen den Wolkenkratzern von Seoul fließt ein unendlicher Lichterstrom über eine der großen Arterien der Hauptstadt (von Südkorea). Zehntausende marschieren, eine Kerze in der Hand, zu allem bereit, auch zur Gewalt. Ganz zu schweigen von all den anderen, die nicht auf die Straße gegangen sind, aber zu hunderttausenden eine Petition im Internet unterzeichnet haben. Eine Mischung aus Angst und Nationalismus, Antimondialisierung in neuer Gestalt, hat zu diesen monströsen Demonstrationen und zu den zahllosen Reaktionen im Internet geführt. Der neue Premierminister, Lee Myung-Bak, ein echter Konservativer, der die freundschaftlichen Beziehungen mit den Vereinigten Staaten wiederherstellen wollte, speziell mit einem Freihandelsvertrag, hat die Wiederaufnahme der Rindfleischimporte aus den USA angekündigt.

JPEG - 31.3 kB

Seit einem Verdachtsfall von Rinderwahnsinn, verursacht durch Rindfleisch "made in USA" vor fünf Jahren, waren die Rindfleischimporte unterbrochen. Jetzt hat ein Fernsehkanal diesen Flächenbrand ausgelöst. Genau zu dem Zeitpunkt, als die Regierung einen dem Anschein nach für beide Seiten vorteilhaften Handelsvertrag verkündete, bestätigte MBC, dass 94% der Koreaner leichter als die meisten Westler an der Creutzfeld-Jakob-Krankheit erkranken. Der Weltgesundheitsorganisation zufolge ist jedoch das Risiko in den Vereinigten Staaten heute inexistent und die koreanische Regierung verspricht den asiatischen Verbrauchern deutlich billigeres Fleisch.

JPEG - 335.1 kB

Eine feinsinnige Erklärung für das Eskalieren der Situation hat die Washington Post parat. Nachdem sie die koreanische Reaktion mit der amerikanischen nach der Entdeckung des als giftig bezeichneten Spielzeugs aus China, das im letzten Winter in den Vereinigten Staaten eine Panik auslöste, verglichen hat, meint sie, solche Massenreaktionen, verstärkt durch ein Dosis Protektionismus seien eine unmittelbar Folge gesellschaftlicher Entwicklung. Je größer das wirtschaftlichen Wachstum und je stärker die Demokratie in einem Land, umso anfälliger sei es für derartige Phänomene.

JPEG - 227.3 kB

Die große koreanischen Tageszeitung JoongAng Daily erkennt ihrerseits eine neue Art von Demonstranten aus allen Altersgruppen, aus allen sozialen Schichten, die zwar sehr entschlossen, aber letztendlich kaum politisiert seien. Was umso erstaunlicher ist, als die Panik noch immer ansteigt, obwohl die Regierung ihre Entscheidung aufgeschoben hat, und die Demonstrationen auch noch stattfinden, nachdem die Regieung wegen zu großer Meinungsverschiedenheiten zum Thema zurückgetreten ist!

 

 

Dienstag 24. Juni 2008

Die Wirren der Königin Cristina

#118

JPEG - 93.5 kB

Schon seit Wochen ist, abseits von einer weltweiten Medienöffentlichkeit, Argentinien dabei. zu explodieren. Alle schweigen, mit der bemerkenswerten Ausnahme von Le Devoir in Quebec. Dabei vergeht nicht ein Tag ohne alarmierende Schlagzeilen der inländischen Blätter. "Angst vor leeren Regalen" titelt zum Beispiel Pagina 12. Die großen Städte sehen sich am Rand einer Hungersnot, die Läden sind fast ausverkauft. Die Straßen sind blockiert und Cristina Kirchner, die kürzlich erst gewählte Staatspräsidentin könnte sich von dieser Krise womöglich nie wieder erholen und dem Peronismus würde das Sterbeglöckchen läuten.

JPEG - 79.5 kB

Zu Grunde liegt, ganz nach Maßgabe von dem, was anderswo in der Welt passiert, der rasante Anstieg der Lebensmittelpreise. Ich habe dem Tomatenkrieg, der in der Hauptstadt wütete, vor einiger Zeit schon ein paar Zeilen gewidmet. Aber seither hat alles was essbar ist, den Weg einer spektakulären, für die Ärmsten des Landes lebensbedrohlichen Teuerung genommen. Um dem Preisanstieg Einhalt zu gebieten, hat die Präsidentin eine Erhöhung der Ausfuhrzölle für Soja verfügt, für den Ausfuhrartikel, mit dem Argentinien weltweit eine führende Rolle spielt.

Gegenwärtig wird auf 54% der Getreideanbauflächen Argentiniens Soja angebaut. 200 000 Hektar, die vormals für Obst und Gemüse da waren, wurden zum Profit der Agro-Großindustrie gleichsam konfisziert. Und die ist es, die jetzt die Straßen blockiert, demonstriert und die Regierung unter Druck setzt. Es sind die neuen Milliardäre der Pampa, die Ausbeuter des neuen grünen Goldes, das sie in die ganze Welt exportieren, als Viehfutter für China und Europa. Man hat das, was da in Argentinien auf dem Land passiert. sogar schon als "Sojizacion" bezeichnet.

JPEG - 27.7 kB

Die wildesten Demonstranten sind also gegenwärtig die Neureichen der grünen Körner. Die Staatsmacht hat versucht, mit Gewalt zu reagieren, sie hat sogar die Anführer der Bewegung, die "campo" genannt und als sehr reaktionär angesehen wird, internieren lassen. Ohne Erfolg. Mehrere Minister sind bereits zurückgetreten. Angesichts dieser Lähmungserscheinungen, dieser Unfähigkeit zu handeln, haben die Armen die Macht in die Hand genommen und rufen zu Gegendemonstrationen auf. Keine Nahrungsmittel mehr in den Läden, aber auch kein Benzin mehr an den Tankstellen, Lastwagenfahrer mangels Transportgut arbeitslos, Bevölkerungsteile, die sich feindseelig gegenüberstehen - die Lage wird von Tag zu Tag komplizierter und könnte leicht zu einem allgemeinen Gewaltausbruch führen, nach Art der dramatischen chilenischen Ereignisse der 70er Jahre. Aus wär’s mit den Privilegien von Königin Cristina.

 

Das Geschäft mit (genmanipulierter) Soja ist zwar nur einer der zahlreichen Faktoren im politischen Hexencocktail von Bodenerosion und Entwaldung, von Biosprit- Milch-, Fleisch- und Fischwirtschaft, von Energie- und Wasserwirtschaft, von Methan-, Stickoxid- und Kohlendioxidausstoß, aber seit dem, 2001 infolge der BSE-Futtermittelkrise einsetzenden, "Sojaboom" und seit selbst China vom Sojaexport- zum -Importland wurde, kein unbedeutender mehr.

Der Fleischkonsum pro Kopf stieg in China über die letzten Jahrzehnte enorm. In Europa und in USA stieg er jedoch auch nicht unerheblich und ist dort im Vergleich zu China noch immer etwa doppelt so hoch.

 

 

Mittwoch 2. Juli 2008

Inseleien...

#119

JPEG - 11 kB

Dieser Tage sehen sowohl Russen wie Portorikaner rot. Beide kauen an ihrem Ärger, die einen gegen die Japaner, gegen die "Kontinentalamerikaner" die anderen. Es geht um Geschichte und Geographie, besser gesagt, um die Auslegung von beiden.

JPEG - 84 kB

Zunächst der Ferne Osten. Die Iswestja, die Tageszeitung mit dem legendären Namen, wobei dien Besitzer allerdings seit Sowjetzeiten wechselte (heute ist es eine Bank), schlägt am heutigen Mittwoch Alarm mit ihrer Titelseite und der Überschrift: die Landkarte lügt! Alexander Latyschew, Journalist des Moskauer Blattes, hat - vielleicht in Vorbereitung von Beiträgen zum baldigen G8-Gipfel in Hokkaido - die Webseite der japanischen Regierung besucht. Da blieb ihm einfach die Spucke weg. Die Karte Japans, die offizielle also, die die Haupttreffpunkte der Großen dieser Welt und ihrer Berater darstellen soll, umschließt in den Grenzen Japans die Kurilen. Ups! Nichts gehört und nichts gesehen. Die Inseln, die die Russen Südkurilen nennen und die bei den Bewohnern Nippons Khopporiodo, "nördliche Territorien", heißen und die der Kreml eifersüchtig bewacht, gehen bei Gelegenheit einer kleinen, grauen und kaum lesbaren Karte über ins Reich der aufgehenden Sonne.

JPEG - 20.8 kB

Seit über einem Jahrhundert werden diese kleinen, unwirtlichen Landstückchen von beiden Seiten umworben und der Konflikt drohte mehrere Male auszuarten. Die Lebensbedingungen auf diesem vulkanischen Archipel von mehr als 1200 km Länge, an der Grenze zum Pazifik, sind sehr hart. Einige 17000 Russen oder Bewohner ehemals des Sowjetimperiums überleben hier, hauptsächlich dank der Fischerei. Und das ist der Streitpunkt: 1200 km, das bedeutet eine lange Küste und damit eine sehr ausgedehnte nationale Fischereizone für den, der Anspruch auf diese Territorien erhebt.

Doch nur Staaten schlagen sich wirklich: an Ort und Stelle haben beide Seiten sich zu einer Art Entent cordiale zusammengefunden, so dass sogar manche Russen sich als Japaner verstehen und manche Japaner die Inseln definitif nicht mehr beanspruchen. Erstere wünschen sich nichts als den Lebensstandard, den ihnen Tokio bietet. Die anderen fürchten, dass Fischereimultis ihre lokale Wirtschaft zerstören.

Die Iswestja hat dennoch, angesichts dieses internationalen Versteckspiels (das in japanischen Geschichtsbüchern und auf japanischen Globen ohnehin längst beendet ist), Präsident Medwedew eingeschaltet. Was wird der beim G8-Gipfel machen? Soll er überhaupt teilnehmen? Die Asahi Shimbun glättet die Wogen, wenn sie bemerkt, dass Dmitri Medwedew sich sehr viel versöhnlicher zu geben scheint als sein Vorgänger. Die Zeitung geht gewissermaßen auf Distanz zur Streitsucht.

JPEG - 21.3 kB

Kehrtwende backbord: wir befinden uns in Porto Rico, im Herzen der Karibik. In diesem, mit den Vereinigten Staaten frei verbundenen Staat - man bezeichnet ihn gern als den 51 Bundesstaat und die USA als Vormundsmacht - brennt die Hütte wegen neuerdings entdeckten Altertümern. Selbst der Miami Herald findet, dass dringend etwas getan werden muss. Der Fund war zufällig: die amerikanische Armee hatte ihre Ingenieure geschickt, um einen Deich zu bauen, der die Insel vor den immer wiederkehrenden Überschwemmungskatastrophen an ihrer Südflanke schützen soll. Die Bagger brachten Begräbnisplätze, Knochen, Reste von Mauern, Gegenstände des täglichen Lebens in unerwartet gutem Zustand ans Licht.

JPEG - 36.6 kB

Die stammen von den indianischen Taino- und Vor-Tainozivilisationen, die vor mehr als 500 Jahren endgültig untergingen. Bei den Taino handelt es sich um Untergruppen der Arawak aus Südamerika, die lange vor den europäischen Kolonisatoren herüberkamen. Weil die Armee die Reliquien gefunden hat, beansprucht Washington Grabung und Auswertung. Aber die portorikanischen Archeologen denken ganz anders. Die lokale Presse hat sich in Anschuldigungen geradezu überschlagen: die Wissenschaftler vom Kontinent würden ihnen ihre Geschichte rauben. In der Tat wurden die Funde unter dem Vorwand, dass die lokalen Infrastrukturen zu einer Analyse nicht in der Lage seien, nach Georgia geschickt. Auf beiden Seiten fürchtet man jetzt, dass der Streit zur Einstellung der Grabungen und Forschungen führe, vorallem aber, dass man die Grabungsstelle den Dieben überlässt. Bis dato, meint einer, "haben wir bei Ebay noch nichts gefunden!"

Das wärs, diese Streitereien überlasse ich jetzt Ihnen, in der Hoffnung, dass sie bis September, bis zu meiner Rückkehr aus den Ferien eine Lösung gefunden haben. Bis dahin muss die Welt ganz ohne meine Aufmerksamkeit auskommen. Einen schönen Sommer allen Bewohnern der Nordhalbkugel!

 

 

Freitag 11. Juli 2008

Der Mittelmeertraum von Hannah Arendt

#120

JPEG - 101.7 kB

Man braucht kaum Vorstellungsvermögen, um sich rundum das Mittelmeer einen Landschaftspark auszudenken, etwa wie er dem Bankier und Visionär Albert Kahn im vergangenen Jahrhundert in Boulogne an der Seine vorschwebte, oder wie ihn die Wasserspiele von Granada ein Stück weit darstellen: man würde von einem Garten in den anderen wandern, von einer Kultur zur anderen, von einer Vegetation zur anderen, ohne Zäune, Grenzen, ohne Unterbrechung. Von den süßen Wasserflüssen Europas in Istambul zu den Weinbergen von Baalbek würden wir uns bewegen, die Orangen Jaffas würden wir kosten oder die Oliven in Gaza. Dann kämen die Inseln und Sümpfe des Nils, die lybische Wüste, die Obstgärten von Tunis, die Terrassen der Kabylei, die Kirchtürme von Barcelona, die Feigenbäume Siziliens. die Ruinen von Olympia. Diesen Wachtraum schrieb Hanna Arendt 1943 nieder, als sie den alten Kontinent verlassen hatte, weil er der Barbarei verfiel.

JPEG - 23.5 kB

"Die Wahrheit ist, dass Palestina nur dann den Juden eine nationale Heimstatt sein kann, wenn es, wie andere kleine Länder, wie andere kleine Nationen in einer Föderation aufgeht (...) Übrigens behaupten Spanien, Italien und Frankreich , nicht ohne ihre afrikanischen Kolonien auskommen zu können. Eine solche Föderation könnte das Kolonialproblem in gerechter Weise lösen. Man könnte dann die politische Struktur auf die europäischen Nationen ausdehnen. Die Araber sind seit langer Zeit mit den europäischen Völkern verbunden, sie haben unendlich viel zur Kultur des Abendlandes beigetragen und deshalb sollte sich niemand vor einem Zusammenschluss fürchten. " (Auszug aus: Gibt es eine Lösung für die jüdisch-arabische Frage?, Der Aufbau, Dezember 1943).

Frankreich, Italien, die Türkei, aber auch Deutschland oder die Niederlande: Hannah’s Mittelmehrgeographie kennt keine Grenzen. Aber den Regierenden, den Politikern fehlt das Vorstellungsvermögen und sie überziehen diesen armen Planeten mit kleinen Territorien, die sich abschließen und unmöglichen, lügenhaften Identitäten nachjagen (Mehr in Lequichote an anderer Stelle).

Wie man sieht, ist der Mittelmeerraum als ein geographisches und geopolitisches Ensemble keine neue Idee...

 

Das Zitat wurde rückübersetzt, die originale Formulierung steht noch aus.

 

 

Mittwoch 20. August 2008

Selektion

#121

JPEG - 281 kB

Äußerlich gesehen war es eine kleine Demonstration von nicht mehr als 5000 Leuten. Aber bei näherem Hinsehen sind 5000 Menschen in einem winzigen Land schon ziemlich beeindruckend, zumal wenn ihr Ärger groß ist... Wütend waren die Demonstranten, Männer, Frauen und Kinder, am 17. August vor der Residenz des Premierministers in Jerusalem. Ihre Wut richtete sich gegen die Entscheidung, die Einwanderung äthiopischer Juden zu stoppen. Das Echo des Auflaufs in der israelischen Presse hier, weit weg von Peking und Tbilisi, war groß. Am 6. August waren die letzten 65 Passagiere aus Addis-Abeba in Israel gelandet. Dann hatten die Behörden erklärt, das Heimkehrgesetz sei hinfällig für sie, weil angeblich alle Juden aus Äthiopien "heimgekehrt" seien. In dreißig Jahren waren das einige 120 000 Falasha, die sich im gelobten Land niederließen, oft unter sehr schwierigen Integrationsbedingungen (der Rumäne Radu Mihalleanu hat dazu den sehr schönen Film , "Geh hin, sieh und werde" gedreht).

JPEG - 233 kB

Anscheinend warten zur Zeit 8700 potentielle Heimkehrer/innen in Lagern im Norden Äthiopiens. Aber bei Nachfrage und Ablehung geht es um das ewige Identitätsproblem der Wurzeln und Ursprünge, das manchmal andere, viel näher liegende Fragen verdeckt. Die Einwanderungswilligen seien Falash Mura, das heißt Nachkommen von Juden, die, weil ihr Leben bedroht war, zum Christentum konvertiert sind. Ähnlich wie die europäischen Maranen, hätten sie die Riten ihrer alten Religion beibehalten. Da die Lebensbedingungen in Äthiopien sehr hart sind, sehen sie sich um so mehr als Israelis. Doch die Behörden erkennen sie als solche nicht an und meinen, sie verhinderten damit eine illegale Immigration aus wirtschaftlichen Gründen.

JPEG - 47.7 kB

Während Familien auseinander gerissen werden, leistet man sich über die Presse einen ausgedehnten theologischen Streit: für bestimmte Leute ist das Heimkehrgesetz gültig, andere müssen draußen bleiben. Muss man nicht zugeben, dass die Selektionskriterien schwer zu verstehen sind, wenn in ein und derselben Familie und Sippschaft eine Mutter und ihre Töchter einreisen dürfen, jedoch nicht der Vater und seine Söhne?

 

 

Montag 25. August 2008

Es dreht sich das Rad

#122

JPEG - 114.6 kB

Die Szene lässt einen sofort an die tragischen "Fahrradiebe", den wundervollen Film von Vittorio De Sica, denken, der 1949 in Cannes preisgekrönt wurde. Man sieht den unglücklichen Helden, wie er sein Fahrrad, sein proletarisches Arbeitswerkzeug, in einem Wald von zum Wiederverkauf bestimmten Fahrrädern sucht. Er ist verloren, läuft von Einem zum Anderen, glaubt seins zu erkennen, aber das war ein Trugbild, er nimmt frenetisch seinen Lauf wieder auf. In Kanada, in Toronto hat sich letzte Woche eine moderne Version der Schlüsselszene des Kultfilms abgespielt. Begierige Eigentümer (nahezu 15000 Personen) suchten stundenlang in einem Meer von 2865 Rädern ihr eigenes Zweirad und nur 469 fanden es. Die Polizei hat darauf hin entschieden, die Be-Sucher drei Wochen lang zuzulassen und hat über die Presse einen Apell an sie gerichtet.

JPEG - 319.7 kB

Die Affaire schlug hohe Wellen in dieser Metropole des englischsprachigen Kanada. In Toronto, der größten kanadischen Stadt, ist der/die Fahrradfahrer/in König/in! Selbst wenn, nach Aussage bestimmter Praktiker (unter ihnen ein Journalist der National Post) die Gefahren für Radfahrer an jeder Straßenecke lauern. Zusammenstöße, überhöhte Geschwindigkeit, Plattfüße oder zerrissene Kleidungsstücke. Diebstahl jedoch wurde nicht als Risiko angesehen. Um so mehr war die Bevölkerung vor den Kopf geschlagen, als Igor Kenk am 15 Juli verhaftet wurde: man hatte bei ihm, außer einer ziemlichen Menge Drogen, 2865 Fahrräder gefunden. Alle Modelle, Herren- Damen- und Kinderfahrräder, selbst ein Dreirad für Babys. Seither hat sich das ganze sommerliche Ontario in Spekulationen über die Beweggründe der Taten ergangen, einschließlich der sehr seriösen Blätter wie Globe and Mail oder National Post. Man muss zugeben, dass der Dieb wie eine Romanfigur anmutet: er kommt ursprünglich aus Slowenien, sieht aus wie Jesus, mit langem Haar und Bart und gibt je nach dem vor, Agent der Polizei oder Offizier des KGB gewesen und von daher als bedroht anzusehen sei. In Wirklichkeit hat er seit seiner Ankunft in Kanada vor etwa zehn Jahren alle möglichen Berufe bis hin zu einer Art Sozialarbeiter ausgeübt.

JPEG - 59.4 kB

Zur Rechtfertigung seiner Besessenheit, Fahrräder anzusammeln hat er mehrere Erklärungen abgegeben: es sei Teil der Therapie für seine "Schützlinge" gewesen, ihnen aufzutragen, sich ein Fahrrad zu "nehmen" um ihnen zu zeigen, dass sie in der Lage seien, "etwas zu tun". Er sieht sich als Kreuzzügler gegen Fahrraddiebstahl und behauptet die Plage auf seine Weise zu bekämpfen; er wollte einen gemeinnützigen Vorrat anlegen als Präventiv gegen die große Ölkrise! Die Untersuchungsbehörden vermuten sehr viel prosaischer, dass der Händler für Alles und Jedes seine Ware wegen des Metalls und nicht für den direkten Gebrauch verkaufen wollte, in diesen Zeiten, in denen Metalle sehr teuer sind. Im letzten Jahr war der Mann schon einmal in ähnlicher Angelegenheit mangels Beweisen frei gekommen, weil er meist nicht selbst handelte. Das ließ Constable Robert Tajti mit allem Ernst, den der Rechtstaat seinen Dienern auferlegt, sagen, falls er wieder frei käme, würden ihm alle Fahrräder zurückgegeben.

 

 

Dienstag 2. September 2008

Zaster im runden Leder...

#123

JPEG - 13.1 kB

Die Schlagzeilen hätten lauten können: Neapel von einem Müllhaufen zum anderen. Beim Lesen der italienischen Presse in dieser Woche konnte man ein déjà-vu-Erlebnis haben. Nur hat man in Wirklichkeit sowas noch nie gesehen, außer vielleicht in ganz alten Western. Über 1300 napolitanische Anhänger von Calcio Napoli, dem lokalen Fußballklub, stürmten am Sonntag morgen einen ganzen Zug im Zentralbahnhof von Neapel. Grölend und rülpsend herumlaufend, bewaffnet mit Knallkörpern, Messern, ja selbst mit Hämmern, berichtet Luigi Carbone in der Republica, hätten sie sämtliche Passagiere aussteigen lassen und den Zug nach der Hauptstadt, wo ihre Mannschaft gegen AS Rom spielte, in Beschlag genommen. In den Waggons haben die Tifosi alles kurz und klein geschlagen, die Abteile verwüstet und verdreckt, die Scheiben eingeschlagen, die Toiletten und die Sitze zerstört. Schaffner wurden belästigt und vier Bahnbedienstete sind verletzt. Trotz des Chaos setzte sich der quasi all seiner Eingeweide beraubte Zug in Bewegung. Und trotz wiederholter Zwischenfälle während der Reise, kam er mit mehr als drei Stunden Verspätung in Rom an.

JPEG - 13.1 kB

Am Ziel angekommen wurde die Horde Aufständischer neuen Genres von gegnerischen Anhängern erwartet und zwischen beiden standen ein paar Polizeibataillone, fest entschlossen, die Welten miteinander zu versöhnen. Von Attacke zu Gegenattacke glich der Bahnhof Roma Termini mehr und mehr einem Schlachtfeld. Nicht wenige Lädierte wurden abtransportiert und die Kosten schätzt man auf 500 000 Euro. Die napolitanischen Fans sind als die gewaltätigsten in ganz Italien bekannt, sie haben die Ehre der größten Zahl von Verurteilungen und die Presse fragt sich: soll man sie oder soll man sie nicht aus dem Stadion verbannen.

JPEG - 40.7 kB

Eine Frage die regelmäßig auch in Großbritannien gestellt wird mit Bezug auf die Anhänger von Manchester United oder Chelsea FC. Aber am Dienstag machte nicht diese Seite des Fußballs die Schlagzeile des Independent. Diesmal ging es um den VerKauf des Vereins von Manchester für Ölmillionen. Ein englischer Verein nach dem anderen fällt in ausländische Portmonnaies. Der Neuankömmling auf diesem Terrain heißt Sulaiman Al-Fahim, und er mutet an wie das Spiegelbild von Roman Abramowitsch, dem Goldjungen und russischen Oligarchen, der den vornehmsten der Londoner Klubs besitzt.

Er ist 31 Jahre alt, kam in Abu Dhabi auf die Welt, begann seine Laufbahn im Finanzwesen und schon als Junge kaufte und verkaufte er pharaonische Besitztümer im Namen seiner eigenen Gesellschaft, die sich auf Wolkenkratzer und Luxushotels in aller Welt spezialisiert hat.

JPEG - 88.7 kB

Vielleicht versuchte der junge Mann auf diese Weise seine Enttäuschung über eine misslungene Karriere als Fußballer zu überwinden - doch im Alter von neun Jahren war er am Schachbrett - auch so ein Revier der Russen - viel besser und brachte es zum fünfbesten Spieler der Welt. Heute ist er als einer der Herren der City anerkannt, sponsort die Mannschaft der Vereinigten Arabischen Emirate bei den Olympischen Spielen in Peking (wir müssen gestehen, dass uns ihre Erfolge entgangen sind) und zählt zu den "hundert mächtigsten Arabern der Welt". Was haben Russland und die Königreiche am Golf gemeinsam? Natürlich das Öl, das man wiederum in Italien nicht findet...

 

 

Mittwoch 10. September 2008

Das unverschämtes Lustgen

#124

JPEG - 235.2 kB

Den Aufmacher der größten portugiesischen Tageszeitung Público konnte ich nicht auslassen, den Spaß lasse ich mir nicht entgehen: da ist der Köder einmal nicht die Frau, sondern der Mann. Man kann sich nicht genug wundern, und am Ende liest man gar den Text, den das Foto illustriert, und man fragt sich, wieso man da nicht schon früher drauf gekommen ist: Ein Gen liefert den Grund für männliche Untreue. Die ubiquitäre Genetik in all ihren Schattierungen ist wirklich wunderbar. Ein schwedisches Forscherteam des Karolinska Institutet (Europas größte medizinische Universität...) versucht dem sprunghaften Verhalten eines Teils des männlichen Geschlechts auf die Spur zu kommen. Rund vier Jahre, nachdem ein nicht weniger wissenschaftliches englisches Team verkündete, das Gen weiblicher Flatterhaftigkeit sei gefunden. Man macht sich seine Gedanken zur Motivation sowohl der Schweden wie der Engländer: arbeiten sie vielleicht für Anwaltskanzleien, die auf Scheidungsrecht spezialisiert sind? Man könnte meinen, das Plädoyer zu hören: Herr Richter, mein Mandant konnte nicht anders, sein Gen hat ihn übermannt... Oder handelt es sich bei den Forschern um Freigeister, die gegen herkömmliche jüdisch-christliche Moralvorsellungen kämpfen? Leider macht der Artikel keine Angaben zu den Personen.

JPEG - 22.5 kB

Dagegen lässt er sich ausführlich über die experimentellen Daten aus: bevor man sich den Menschen widmete, wurden ausführliche Untersuchugnen an Feldmäusen durchgeführt, (die meine Katzen ganz besonders schätzen). Der kleine Racker, der sich vom Stroh und von den Ähren auf den Feldern nährt, ist exemplarisch treu. Er bleibt lebenslang (das heißt nicht mehr als 16 Monate, die schließlich noch auszuhalten sind) bei seiner Partnerin. Sein Vetter, der Präriemäuserich dagegen, der von grünen Gräsern lebt, hüpft mit Vergnügen und ganz spontan von einer Mäusedame zur anderen. Dieser lustige Vogel ist eine Plage in Nordamerika (endlich hat Bill Clinton für Monika Lewinsky und ähnliche Betätigungsfelder seine Entschuldigung), Europa dagegen, wird von dem entsetzlichen Moralapostel bevölkert.

JPEG - 11 kB

Das dergestalt bei den Nagern isolierte Gen wurde nun auch bei Menschen gesucht. Tausend schwedische Paare leisteten ihren Beitrag: abgesehen von der Genetik hat man sie auch befragt, wie es bei ihnen zugeht (man weiß ja, mit welchem Wahrheitsbewußtsein solche Fragebögen ausgefüllt werden!). 60% der einen genetischen Variante würden sich gerne anderswo umsehen, lassen es jedoch, wenn sie mit ihrer Partnerin glücklich sind, das betonen sie ausdrücklich, nicht zur Tat kommen. Diese Schlussfolgerung würde nun wirklich eine Exklusivmeldung in Público und in der Washington Post verdienen...

JPEG - 148.9 kB

Auch die russische Iswestja hatte in dieser Woche ihre Schlagzeile: Indien und China seien dabei, haufenweise Landwirtschaftsflächen und selbst Flüsse zu kaufen. Das erfahren wir von Alexej Aronow und Pawel Arabow. Die beiden Länder-Kontinente mit ihren Milliarden zu ernährender Menschen wollten in der ganzen Welt jungfräuliches Land (es scheint, dass es das noch gibt) oder nicht voll genutztes Acker- und Weideland bewirtschaften. Sie hätten sich zunächst in Lateinamerika, Australien und Afrika umgesehen, aber schließlich ihr Auge auf Russland geworfen, für sie eine Art zu erobernder wilder Osten oder wilder Westen (je nach Blickrichtung). Siberien hat Millionen Hektar ungenutztes Land, umso vielversprechender, als Klimatologen vorhersagen, dass diese Ödländer in Bälde fruchtbar sein werden, dank des globalen Klimawandels... Das wäre ja mal eine positive Aussicht auf das kommende Chaos.

JPEG - 53.4 kB

Aber die Russen lehnen sich dagegen auf: ihre in letzter Zeit ein wenig abwegige nationalistische Ader bringt sie dazu, gegen den in Aussicht genommenen Verkauf der Ländereien zu rebellieren. Um so mehr, als ein Gesetz von 2002 die Abgabe von landwirtschaftlichen Nutzflächen an Ausländer untersagt: es erlaubt nur die langfristige Bewirtschaftung durch Nichtrussen. Doch hätten die ebenfalls anstehenden Norweger bereits 300 000 Hektar an der Westflanke des Lands bekommen. Der Direktor des russischen Instituts für landwirtschaftliche Konjunkturforschung schätzt, dass schon 1% des Landes, den fernen Osten nicht gerechnet, dem großen Vaterland nicht mehr gehört. Wie sang doch Léo Ferré: "Tout fout le camp..." (Alles geht den Bach runter...)

 

 

Dienstag 16. September 2008

Geschichten...

#125

JPEG - 89.2 kB

Koinzidenz: In Japan, in Argentinien, in Italien, in Spanien und in Deutschland präsentierte sich diese Woche die Vergangenheit auf den Titelseiten der größten Tageszeitungen. Mehr oder weniger zurückliegende, schwere Vergangenheiten, denen man sich einerseits stellen möchte und die man andererseits gerne nicht geschehen sähe. Beginnen wir unsere Reise durch die Welt der schlechten Gewissen in Japan. Die Asahi Shimbum, das Tokioer Referenzblatt, hat bis dato unbekannte Berichte über dunkle Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkriegs herangeschafft: Berichte über die Irrwege von Sanitäterinnen, deren Einheiten den Verwundeten an der Front Hilfe bringen sollten. Die Zeitung berichtet insbesondere über ein Feldlazarett auf den Philippinen mit einigen zwanzig ganz jungen Frauen und einem Arzt, die 650, zum Teil schwer-, verwundete Soldaten zu versorgen hatten. Niemand hatte sie gewarnt, als die Alliierten dort bombardierten. Sie irrten tagelang in den Bergen herum, viele starben in dem Chaos, bis sie zufällig vom Kriegsende und von der Niederlage ihres Landes erfuhren. Insgesamt wurden 26 000 quasi Jugendliche (keine war älter als 20 Jahre) an verschiedene Fronten geschickt, von China bis zu den Philippinen, von Thailand bis Birma... Jetzt wurden die verzweifelten Berichte ausgegraben, die einige damals geschrieben haben.

JPEG - 75.7 kB

In Argentinien stieß die linksgerichtete Tageszeitung Pagina 12 auf merkwürdigerweise in aller Ruhe lebende Rentner: Offiziere, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden, weil sie am Schreckensregime der Junta des Generals Videla am Ende der 70er Jahre beteiligt waren, erhalten seit sie amnestiert wurden, eine schöne Rente als "Helden" des Kriegs um die Malvinen. Dabei hatte der vorige Präsident Nestor Kirchner größte Wachsamkeit angemahnt, nachdem ihm zahlreiche ähnlich gelagerte Fälle zu Ohren gekommen waren. Dennoch konnten die Investigatoren der Zeitung fast zwanzig hochrangige Militärs entdecken, denen die lebenslange Manna zufällt.

JPEG - 83.9 kB

In Italien entwickelte sich eine Polemik um ein Doppelgespann der Alleanza Nazionale, der extrem rechten Partei an Silvio Berlusconis Seite: Gianni Alemanno, der Bürgermeister von Rom, der sich ständig mit dem Keltenkreuz, dem Symbol der jungen Faschisten zu Mussolinis Zeiten, schmückt, hatte im exzellenten Corriere della Sera betont, dass er "den Faschismus nicht als das absolute Böse betrachtet". Zwei Tage später setzte der Verteidigungsminister Ignazio La Russa noch eins drauf und ehrte die treuen Mitkämpfer des Duce und die, die mit den Nazis bis zum Ende mitgingen, gleich nachdem er den von den Kugeln der deutschen Truppen getöteten Soldaten seine Ehre erwiesen hatte. Man stelle sich nur die gerechte Empörung vor, wenn etwa Hervé Morin, der französische Verteidigungsminister, erst den Widerstandskämpfern der FTP (Franc-tireurs et partisans - Freischärler und Widerstandskämpfer d.Ü.) und anschließend der französische Nazidivision Charlemagne seine Reverenz erweisen würde. Wie es scheint, ist alles erlaubt , seit der Cavaliere wieder an der Macht ist.

JPEG - 73.4 kB

Dagegen stehen die Zeichen in Madrid nicht auf Verschleierung: Premierminister Zapatero begrüßte die neue Initiative des Richters Baltazar Garzon, der sich schon bei der Verfolgung von General Pinochet hervorgetan hatte. Jetzt hat er eine Voruntersuchung gefordert zu den zehntausenden von Vermissten des Bürgerkrieges und der dunklen Jahre des Francoregimes: Getötete, die man eilig in Massengräbern verscharrt hat. Die oft als eine der besten Tageszeitungen der Welt angesehene, sechs Monate nach Francos Tod gegründete El Pais erinnert daran, dass bisher ein Gesetz von 1977 die gerichtliche Verfolgung nicht zuließ. Hinzu kommt die Verjährung politischer Verbrechen, die vor 1976 begangen wurden. Viele Angehörige standen vor einer Mauer des Schweigens, wenn sie nach ihren Toten fragten und konnten die Überreste der Ihrigen nicht bergen. Jetzt wurde mit Ausgrabungen begonnen: ein erneuter Schritt nach dem im vergangenen Jahr erlassenen Gesetzes "Zum Geschichtsgedächtnis".

JPEG - 34 kB

"Es war einmal in Westdeutschland..." Diese Überschrift steht über drei schwarz-roten Fotos auf der sonntäglichen Titelseite der FAZ, der berühmten Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Diesmal bereitet sich das Land vor, sich in einem Film, von dem alle Welt jenseits des Rheins schon Wochen vor der Premiere redet, mit einem Kapitel seiner neueren Geschichte auseinanderzusetzen, mit der Entstehung und den ersten Taten der Rote Armee Fraktion (RAF). "Der Baader-Meinhof-Komplex" der Filmemacher Bernd Eichinger und Uli Edels gibt vor, die historischen Bedingungen der Entstehung der Gruppe und die Spuren, die sie im heutigen Deutschland hinterlassen hat, kompromisslos darzustellen. Auch die Frage nach der starken Beteiligung von Frauen scheint er anzugehen. In der nächsten Woche wird man sehen, was es mit dem Film auf sich hat. Zuerst in Berlin, in einem Monat dann überall.