Dienstag 24. Juli 2007

Ikonen

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Also, das war die Woche von allerlei unterschiedlichen Anbetungen unter nahen und fernen Breiten. Angefangen mit Hamburg in einem Deutschland, dessen Tageszeitungen vom Süden bis zum Norden sich in Hingabe ergingen, als der Dalai Lama in der großen Hafenstadt im Norden den Boden betrat um 30 000 Anhängern zu begegnen. Aus den Leitartikeln erfährt man: dass der Dalai Lama sich äußerst glücklich schätze, hier zu Besuch sein zu können (Die Welt); dass er eine Botschaft der Hoffnung bringe, besonders für die Frauen, die in seiner Philosophie eine zentrale Stellung hätten (Fuldaer Zeitung); und dass er sehr populär sei, ebenso sehr wie, wenn nicht noch mehr als Papst Benedikt XVI. (obwohl der doch ein Deutscher...)

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Weiter geht’s mit Indien, wo eben gerade eine Frau (also jemand, der unserem obigen Helden am Herzen liegt), eine Frau aus Fleisch und Blut, zur allgemeinen Überraschung in diesem Land von den Dimensionen eines Kontinentes zur Präsidentin gewählt wurde. In indirekter Wahl, gewiss, und auch nur für eine repräsentative Funktion - und dennoch ist das eine Premiere. Pratibha Patil, 72 Jahre alt, wurde von einem Wahlgremium von Parlamentariern und Politikern trotz kontroverser Umstände (hat sie oder hat sie nicht ihren Bruder und ihren Gatten im Fall eines zweifelhaften Selbstmordes in unzulässiger Weise geschützt?) mit 66% der Stimmen gewählt. Die neue Präsidentin, "die den Sieg der seit langem vom indischen Volk getragenen Prinzipien symbolisiert", teilt die Titelseite des Telegraph, der eher links gerichteten großen Tageszeitung mit ... Harry Potter, der göttergleichen Traumfigur: Ein zweifaches: "Hurrah! Her and Harry’s" titelt das Blatt. Nicht wahr, fast eine Milliarde Leser, das beflügelt die Fantasie?

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Auch der anderen indischen Tageszeitung, der DNA ist das Zusammentreffen nicht entgangen, doch um des Schocks willen, wenn nicht der Zivilisationen, so wenigstens der Gefühle. Folglich stellt die Titelseite ein geöffnetes Buch dar: zwei Seiten, die symmetrisch wären, nur dass die eine ein Bild in schwarz-weiß aufweist, die andere eins in Farbe. Links die "tragische Stadt", rechts die "magische Stadt". Es geht um Bombay, um eine der Megalopolen dieser Welt, von der es in unseren Tagen heißt, dass die Immobilienpreise mit dem indischen Wirtschaftaufschwung außer Rand und Band geraten und Slumquartiere in denen hunderttausende von Menschen zusammengepfercht leben, mit Gold nicht aufzuwiegen sind. Stadtteile, in denen Fehlernährung herrscht, berichtet DNA, eine Erscheinung die man verschwunden glaubte, und die auf spektakuläre Weise zurückkehrt: seit Anfang des Jahres starben hunderte von Kleinkindern. Und auf der anderen Seite ein Junge, etwas wohlgenährter als der Durchschnitt, der unter den strahlenden Augen seiner Mama ein Buch verschlingt, eben das letzte Harry-Potter-Opus. Könnte man nicht vielleicht Harry, den Zauberer, um seine Hilfe bitten, das Problem der anderen Seite zu lösen?

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Auch der Diario de Yucatan hat die neue indische Präsidentin nicht übersehen. Aber sie ist ganz klein, erdrückt vom Potter-Wahn, der bis in die letzte Ecke des Landes reicht... Zur Illustration der weltweiten Neurose bringt die Zeitung das Foto eines neunmonatigen Säuglings, der zu allem Unglück auch noch in Arkansas geboren wurde und den seine Eltern mit einem Harry-Potter-Kostüm verunstaltet haben. Er scheint sich zu fragen, ob er nicht besser daran getan hätte, gar nicht erst auf diese wunderbare Welt zu kommen...

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Je mehr, desto besser! Die Gulf News haben passenderes gefunden als den Dalai Lama, Harry Potter oder die indische Präsidentin: den neuen höchsten Teufelsbau der Welt, eine Kathedrale der Modernität, deren Minaret bis zur schwindelnden Höhe von 512 Metern reicht und womöglich jede Art von Selbstmordgedanken beflügelt (jede technologische Neuerung trägt ihre zukünftige Katastrophe in sich, sagt Paul Virilio). Der riesige Phallus von Dubay beanspruche eine Bauzeit von 1267 Tagen, werde 2008 eingeweiht und übertreffe dann den Taipeh 101 von Taiwan, der nur 508 Meter hoch ist.

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Die Washington Post hat das ganze Blendwerk verachtet, um die in dieser Sommerzeit erlahmte Aufmerksamkeit ihrer Leser auf das Schicksal der Gorillas im ältesten afrikanischen Naturpark, dem Virunga Park im Osten des Kongo zu lenken. Die sympathischen Säuger und ihre (nicht weniger sympathischen) Hüter wurden zur Zielscheibe von Mördern, deren Beweggründe ziemlich im Dunkeln liegen, Wilderer vielleicht, eher noch Sadisten. Der Bericht verweist auf einen einige Jahre zurückliegenden Dokumentarfilm über eine Gorilla-Gruppe, die in Rwanda ausgelöscht wurde. Zwei australische Forscher hatten drei Jahre lang die Tiere beobachtet und minutiös ihre alltäglichen Taten und Gesten aufgezeichnet. Sie waren zu dem erhellenden Schluss gekommen: Gorillas schlagen sich nicht, sie schimpfen, gestikulieren, werfen böse Blicke, schlagen mit ihren Händen aufs Wasser (das ist die höchste Stufe ihrer Aggressivität!), aber es kommt nie zum Handgemenge. Die Forscher hatten hinzugefügt: Gorillas schlagen sich nicht, weil sie nicht wollen, dass ihnen etwas weh tut. Da soll noch einer sagen, wir Menschen hätten die höchste Form von Zivilisation erreicht!

 

 

Freitag 3. August 2007

Wir schreiten unter die Meere...

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Diese Geschichte hat das Szenario sowohl von Jules Verne’s 20 000 Meilen unter dem Meeresspiegel als auch von Hergé’s "Der wunderbare Stern". Während die ganze Welt den Blick auf die eingestürzte Missisippibrücke und die Toten dort richtet, schicken drei französischsprachige Tageszeitungen, in Kanada, in der Schweiz und in Frankreich, ihre Schreiber in den Hohen Norden. Dort sind die Russen nämlich, ohne irgendjemanden zu fragen, unter die Arktis getaucht, bis in 4 km Tiefe, sind aus dem U-Boot ausgestiegen und haben eine Flagge aufgepflanzt, die zum Ausdruck bringen soll: "dies Land gehört uns"! Laure Mandeville erinnert uns im Figaro, dass Fjodor Dostojewski selbstbewusst behauptet hat: "Überall, wo Russen ihren Fuß hinsetzen wird das Land russisch..." Demnach also auch, wenn es 4261 Meter unter dem Wasserspiegel liegt...

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Selbstverständlich geht es um weit mehr als eine Kleinigkeit. Die Genfer Le Temps ruft uns ins Gedächtnis, dass das Land, welches beweisen könnte, dass der Kontinent ein Ausläufer seiner eigenen Territorien ist, auch über alle natürlichen Ressourcen verfügen könnte, die in diesen Tiefen liegen, als da wären zwischen 20 und 50 % der Gas- und Kohlenwasserstoffreserven der Zukunft, und damit könnte dieses Land leicht die Welt beherrschen. Russische Wissenschaftler hofften beweisen zu können, dass

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die Meeresgründe, die unter dem Nordpol liegen, und als der Lomonossowgrat bekannt sind, ein geologischer Ausläufer Russlands sind, das deshalb zu Recht Ansprüche erheben könnte. Schon 2001 hatte Moskau einer UNO-Kommission entsprechende Forderungen vorgelegt. Die merkwürdige Bezeichnung "Lomonossowgrat" erfordert eine genauerer Erklärung: Michail Wassiljewitsch Lomonossow, geboren 1711 und gestorben 1765, war ein berühmter, in ganz Europa bekannter russischer Schriftsteller, Chemiker und Astronom und gilt als "Vater" der russischen Naturwissenschaften. Als die Oktoberrevolution die Wissenschaftler zu den neuen Helden unserer Zeit erhob, ging er ins sowjetische Pantheon ein und die berühmteste der Moskauer Universitäten erhielt seinen Namen. Ebenso alle möglichen Entdeckungen und eben auch dieser ominös-famose Unterwassergrat.

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Mehrere Länder streiten sich um das Gebiet. Ausser Russland erheben noch Norwegen, Dänemark und die Vereinigten Staaten Rechtsansprüche. Aber bis jetzt hat nur Kanada reagiert. Ironisch, meint Die Devoir de Montréal... "Wir sind nicht mehr im 15ten Jahrhundert. Man kann nicht mehr einfach irgendwo in der Welt seine Flagge aufpflanzen und sagen: "Wir beanspruchen dieses Land" hat der kanadische Aussenminister Peter MacKay von sich gegeben. Aber der Vizepräsident der Duma (das Unterhaus des Russischen Parlaments), Artur Tschilingarow, der Leiter der ganzen Operation, behauptet: "Die Arktik gehört uns, und wir müssen dort Präsenz zeigen. In diesen Tiefen den Grund zu berühren, das ist wie die ersten Schritte auf dem Mond..."

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Einen Tag später erfahren wir aus der Moskauer Tageszeitung Kommersant, dass die Fahne im Herzen der arktischen See vermutlich aus Metall besteht, damit sie der Erosision durch Wasser und Salz widersteht. Ein Foto verleiht der Nachricht Nachdruck. Aber vor Allem hat Moskau jetzt auf die Salve von Kritiken aus Nordamerika reagiert (die Vereinigten Staaten haben in der Tat - und ebenfalls in ironischem Tonfall - kundgetan, dass sie höchst unzufrieden sind) : der russische Aussenminister hat brav mittgeteilt , dass die Expedition keineswegs zum Ziel hatte, ein Gebiet abzustecken und damit einen neuen kalten Krieg zu provovozieren, sondern nur zeigen sollte, dass russische Technologie jetzt soweit ist, dass sie gegen die Verschutzung der Meere zum Einsatz kommen kann. Uff!

 

Freitag 17. August 2007

Mord in Hong Kong

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Die größte Tageszeitung von Hong Kong berichtet auf der Titelseite von einem stillen Tod, einem unbeachteten Sterben, nämlich dem eines zweihundertjährigen Baums im schönsten Park der Stadt, dem Kowloon-Park, ein Baum von jener Art, die als heilig gilt, seit Buddha unter dem Blätterdach seine Erleuchtung hatte. Die South China Morning Post bezeichnet diesen Banyan als eins der lebendigen Erbstücke der Halbinsel. Er blüht am schönsten von den etwa zwanzig Banyans in dem legendären Park. Aber vorallem die Luftwurzeln dieses Feigenbaums ohne Feigen sind spektakulär. Sie winden sich um einen anderen Baum, um eine Mauer oder irgendeinen anderen Halt...

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Ein Fachmann, Jim Chi-yung, klagt die lokalen Behörden an: das Übel habe seinen Grund im Pflaster rund um den Baum, das ihm die Atemluft und das Wasser nimmt. "Das ist eine Art Mord auf Zeit. Niemand hat protestiert, niemand hat ihm auch nur Beachtung geschenkt... in einem anderen Land würde ein solcher Baum als eine Kostbarkeit behandelt werden," sagt Herr Jim. "Leider nein", muss man ihm antworten, "das ist überhaupt nicht sicher". Solche Schandtaten werden überall begangen, ebenso unbeachtet und aus rein kommerziellen oder gänzlich nichtigen Gründen.

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Tausende von Kilometern entfernt von Hong Kong liegt, gleich einem Bild aus einem Kinderbuch, das Dorf Montbarrois im Loiret: eine Kirche, die an eine Glucke denken lässt, umgeben von neun Häusern - neun kleinen Küken. Weiter unten in der Niederung ein Bauernhof. Im Zentrum also ein kleiner Platz (den die Ältesten noch "Platz des Schweigens" nennen), mit einem Kriegerdenkmal (vorallem für die Toten des Krieges von 1870 aus der Schlacht bei Beaune-la-Rolande,oder für die des ersten Weltkriegs, denn von denen des zweiten spricht man hier weniger gern, immer noch weil in Beaune-la-Rolande das Lager war, in dem jüdische Frauen und Kinder vor dem Transport in die Todeslager von Franzosen eingesperrt wurden.) Gegenüber vom Denkmal, auf der anderen Seite des Platzes, dient eine leere Fläche heute als Parkplatz. Vor fünfundzwanzig Jahren prangte dort eine mehr als hundertjährige Kastanie. Eines Morgens rieben sich die Dorfbewohner von acht Häusern verwundert die Augen - da fehlte etwas, man verstand nicht recht, da war eine Leere. Und dann wurde klar: die Kastanie war herausgerissen, mitsamt den Wurzeln, und die riesige Wunde im Erdreich war sofort zuzementiert worden. Im neunten Haus und im Bauernhof floss der Champagner: nie wieder Schatten über dem Gemüsegarten, und freie Durchfahrt auch für den größten Mähdrescher...

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Manch gelegentlicher Dorfbewohner hat sich dann mit einer Birke getröstet. Seinerzeit winzig, fast heimlich in einen dieser Gärten verpflanzt, ist sie heute herrlich groß und hat ihren Ursprung nicht verleugnet: ihre Blätter kommen später als die der anderen Birken am Ort und sie fallen früher. Die Birke kommt nämlich aus Russland, aus einem dieser wunderschönen Wälder in der Umgebung Moskaus, an der Straße zum Flughafen. Sie ist höher als alle anderen Bäume des Dorfs und stärker scheint sie auch zu sein. Und jedenfalls wäre die hundertjährige Kastanie heute krank, wie alle Kastanien in Frankreich und Navarra...

 

 

Mittwoch 22. August 2007

Verschiedenes - Schmus...

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"Bomben verursachen ein Chaos in der Stadt." Wir sind nicht in Bagdad, auch nicht in London oder Madrid, sondern in Christchurch, der ruhigen Hauptstadt der Region Canterbury in Neuseeland. Christchurch ist die zweitgrößte Stadt des Landes und die Tageszeitung, die diese Überschrift bringt, ist kein Boulevardblatt, sondern das bedeutenste Organ der Stadt. Die bestürzende Meldung jedoch - vier Bomben explodieren gleichzeitig in einem Busbahnhof, einer Müllablage, einer Tankstelle und einem Einkaufszentrum, fast ein neuer 11. September, 11 Mars, 11. Juli - wurde von der Presse nirgendwo aufgenommen. Vielleicht weil es sich um den 17. August handelt..., zweifellos aber, weil der Artikel auf der Titelseite der Sonntagsausgabe mit dem Satz schließt: "Diese Explosivkörper sind nicht sehr gefährlich und niemand sollte sich beunruhigt fühlen."

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Der neuseeländische Leser gleitet also in wenigen Zeilen von der Angst, dass sein Land zur neuen Zielscheibe von El-Quaida-Nachahmern geworden sein könnte, in die zornige Stimmung, dass man ihn für dumm verkauft hat... Er hat nämlich inzwischen erfahren, dass ein Mann des Busreinigungspersonals schwer verletzt wurde, dass die Bomben aus Trockeneis (Kohlendioxid) hergestellt waren, dass drei Verdächtige vom europäischen Typus gesucht werden und ihre Fotos verbreitet werden konnten. Letzteres dank der Überwachungskameras, mit denen die Stadt reichlich ausgerüstet ist. Der mit der Untersuchung beauftragte Polizist hat nach den ersten Ergebnissen im Brustton der Überzeugung verkündet: "das Ganze ist nichts weiter als ein Studentenstreich"...

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Wir gehen zur anderen Seite des Erdballs (dort wo die Leute, von Neuseeland aus gesehen, den Kopf unten haben), nach Österreich. Dort stehen die Zeitungen in den "Startlöchern" für die Feier des 23. Augusts, ein Datum, das Zukunft haben könnte und in der kollektiven Erinnerung an die Stelle von Mozarts Geburtstag (27 Januar 1756) oder vom Schlußakt des Wiener Kongressen nach der Niederlage Napoleons (9. Juni 1815) treten könnte. Am 23. August 2007 jährt sich zum ersten Mal der Tag, an dem eine junge Frau von 18 Jahren, Natascha Kampusch, freikam. Nach 8-jähriger Gefangenschaft im Bungalow eines Kidnappers (der sich inzwischen umgebracht hat), unweit der elterlichen Wohnung. Eine tragische Geschichte, die seither den Betroffenen und denen, die mit ihnen beschäftigt waren, zu Reichtum verholfen hat: Nataschas Mutter hat gerade "Verzweifelte Jahre" veröffentlicht (wie es scheint eine therpeutische Aktion) und die österreichischen Medien haben eine Woche vorher schon mit der Erinnerung an die Fakten und dem Bericht über die Folgen begonnen und rivalisieren miteinander über die Titelseiten.

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"Geschäfte, Gerüchte, Geheimnisse" titelt eine Zeitung. Man erfährt, Foto zur Bekräftigung, dass die junge Heldin Bogenschießen gelernt hat, dass sie ihren Führerschein erworben hat, dass man sie im ORF, dem öffentlichen audiovisuellen Kanal, hören kann, und dass sie überall wiederholt: "Nein, ich bin kein Superstar!" Nur sollte sie jetzt als Angestellte der Medien wissen, dass Star oder nicht Star nicht allein ihrer Entscheidung anheimfällt.

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Wir bewegen uns wieder nach Osten, ins Reich der aufgehenden Sonne. Die Asahi Shimbun (ich erinnere daran, dass allein die morgendliche Ausgabe in 8 Millionen Exemplaren erscheint, und 3000 Journalisten bei der Zeitung arbeiten) hat ein neues Kaninchen aus dem Hut gezaubert: das finanzielle Fass ohne Boden, das die Residenz des Botschafters bei den Vereinten Nationen darstellt. Kenzo Oshima selbst, der scheidende japanische Botschafter, hat, bevor er sein Haus verließ, die Alarmglocke gezogen. Auf gepackten Koffern hat er dem Eigentümer, dem japanischen Staat, einen letzten Rat gegeben: "Seht zu, dass ihr das Ding los werdet!" Das historische Gebäude in der Nähe des Central Park in New York wurde 1999 gekauft und ist heute 3,5 Milliarden Yen (mehr als 30 Millionen Dollar) wert. Es kostet jährlich die Kleinigkeit von 150 000 Dollar für Erhaltung und Reparaturen.

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1900 von der Familie des Eisenbahnmilliardärs Vanderbilt errichtet, ist das Bauwerk mit seinen zwei Etagen und 2350 Quadratmetern für seine jetzige Funktion, Kenzo Oshima zufolge, überhaupt nicht geeignet: es gibt keinen Empfangssaal, keinen Parkplatz und es liegt mehr als 2 Kilometer vom Sitz der Vereinten Nationen entfernt... Zum Beweis der Unmöglichkeiten legt der Botschafter Zahlen vor: Japan gibt zehn Empfänge pro Jahr, Südkorea und Deutschland dagegen fünf Mal mehr! Nach neuesten Meldungen hat die Japanische Regierung ablehnend beschieden: das Gebäude entspräche durchaus dem Prestige einer Nation, die sich anschickt, ständiges Mitglied im Sicherheitsrat zu werden, und sei obendrein vom ersten Botschafter in New York, dem Vater der Prinzessin Masako erworben worden. Mit anderen Worten: mit der kaiserlichen Familie legt man sich nicht an...

 

Schmus - "Faits divers" lautet der französische Titel des vorliegenden Beitrags. Kurt Tucholsky (1890-1935) übersetzte 1926 den Ausdruck mit "Schmus". ("Wie sich der deutsche Stammtisch Paris vorstellt")

 

 

Dienstag 28. August 2007

Die Traumkinder

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In der New York Times von letztem Montag, dem 27. August, stand der Artikel zwar ganz unten, aber immerhin doch auf der Titelseite: "Die Kibbuzim verlieren an Sozialismus, aber sie gewinnen an Popularität." Dieser Titel hatte bei mir (wieder einmal) den Effekt von Prousts kleiner Madeleine (die, als er sie in seinen Tee tunkte, lauter Kindheitserinnerungen heraufbeschwor...). Auf dem Nachttisch meiner Eltern lag immer ein Buch, bis ich es dann las: "Die Traumkinder" von Bruno Bettelheim. Der amerikanische Psychoanalytiker österreichischer Herkunft, unter anderem "Spezialist" für das Kindesalter, beschreibt darin quasi apologetisch die kollektive Erziehung der im Kibbuz geborenen israelischen Kinder: sie wuchsen in einem eigenen Haus auf, bestimmt von Gleichheitsgedanken und gesunder Erziehung, zwischen Natur und physischer Anstrengung... Anzunehmen also, dass dies auch der Traum meiner Familie war, der (zum Glück ?) ein Traum blieb.

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Der Artikel der New York Times beschreibt den moralischen und ökonomischen Bankrott der Kibbuzim in der Welle der allgemeinen "Entkommunisierung" in den 80er Jahren, anschließend die Absage und Aufgabe durch die jungen Generationen bis zum unerwarteten Wiederaufblühen in den letzten zwei Jahren. Die Journalistin fasst etwas zu simpel die "asketische" Ideologie der Pioniere zusammen: "sie entwässerten die Sümpfe und teilten ihre Kleider miteinander und manchmal auch ihre Frauen" (anscheinend doch ein Widerspruch zum Begriff von Askese...). Im Jahr 2000 waren, der Zeitung zufolge, die 257 noch tätigen Landwirtschaftsbetriebe insolvent, die meisten Jungen waren weggezogen und die Gründer auf dem Altenteil hatten nicht einmal mehr das nötigste zum Leben. In diesem Jahr zählt man zich Kibbuzanwärter und die Wartelisten werden immer länger. Neulinge, aber auch alte Kibbuzniks, die zu ihrer Wiege zurückkehren wollen, nachdem sie die urbanen Freuden gekostet haben.

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Die Begeisterung hat sowohl globale wie lokale Gründe: im Herzen der Natur leben, in gesunder Umgebung, weit weg vom wilden Konkurrenzdenken in den sozialen Beziehungen, und geschützt vor den Selbstmordattentaten in den Städten. Aber diese neue Generation, von denen manche/r im Kibbuz aufgewachsen ist, ist weggelaufen vor allzu strengen Regeln im Gemeinschaftsleben. Jetzt ist sie dabei, die Regeln zu erneuern in "einem subtilen Gleichgewicht von kollektiver Verantwortlichkeit und individueller Freiheit". Die neuen Gegebenheiten bedeuten Privatisierung der Dienstleistungen (vor Allem Essenszubereitung und Wäsche), bedeuten Management der Kibbuzproduktion durch bezahlte Wirtschafter, nicht mehr durch die Mitgliederversammlung, bedeuten Privateigentum, Kindererziehung in der Familie und in der Schule. Kurzum, wie Gavri Bargil, der Leiter der "Bewegung Kibbuznik" so schön euphemistisch sagt: "es herrscht nicht mehr die vollkommene Gleichheit, sondern die grundsätzliche Gleichheit."

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Das strenge Leben im Kibbuz war mehrfach Thema in der Literatur, ganz besonders auch in dem ausgezeichneten Kriminalroman "Mord im Kibbuz" von Batya Gur, in dem besschrieben wird wie die schwere Vergangenheit der Mitglieder der Gemeinschaft und das Festhalten um jeden Preis an den strengen Regeln zu dumpfer, krimineller Gewalt führen. Und dieses Jahr rechnet der israelische Filmemacher Dror Shaul in dem wunderbaren Film "Sweet mud" rigoros mit seiner Kindheit in einem Kibbuz ab, dessen strenge Prinzipien zur Folge hatten, dass eine sensible Frau (die Mutter des Regisseurs)psychisch krank wurde und sich das Leben nahm.

 

 

Mittwoch 5. September 2007

Gestrige Welten

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Es ist, als hätten sie sich beiderseits des Ozeans miteinander abgesprochen. Zwei Tageszeitungen, die eine in der Schweiz, die andere in einer kleinen Stadt in Alabama, in den Vereinigten Staaten, beschlossen in diesen Spätsommertagen, sich mit untergehenden Welten zu beschäftigen, mit Arbeitern im Blaumann, mit rauchenden Schornsteinen oder mit Eisen- und Stahlkonstruktionen. Die Genfer Le Temps begleitete eine Gruppe polnischer Arbeiter auf dem Weg nach Brüssel. Die Aktion gilt der Rettung der Werften in Gdansk, dem Ort, von dem jene unerschütterliche Bewegung ausging, die zum Fall der kommunistischen "Volksdemokratien" führte. Dabei sei das Dock B1 so geräuschvoll wie eh und je, stellt Yves Petignat , der Sonderkorrepondent der Zeitung fest, und man könnte glauben, es stünde Alles zum Besten.

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Aber dem ist nicht so: "von fast 18000 Arbeitern in den achtziger Jahren ist die Zahl auf weniger als 3000 heute gefallen". Genauer auf 2700, die nur auf der Hälfte der Werftflächen in ihrer größten Ausdehnung in Zeiten der mythischen Solidarnoschtsch arbeiten. Die heute weniger militante Gewerkschaft schlägt sich nicht mehr mit einem ausgedienten Regime herum, sondern mit der Europäischen Verwaltung, die die Schließung weiterer Docks der Werft verlangt. Im Fall der Weigerung will die sehr liberale europäische Wettbewerbskommissarin, die Niederländerin Neeli Kroes die Subventionen für die polnische Schiffsindustrie zurückverlangen. Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass Frau Kroes denkt, dass die von Brüssel zur Verfügung gestellten Mittel nicht zur Umstrukturierng des verlustträchtigen Industriezweigs geführt haben, sondern zur Verzerrung des europäischen Wettbewerbs.

Im Einklang mit seinen Arbeitern verkündet der Präsident der legendären Werften ganz im Gegenteil, dass eine Privatisierung kurz bevor stünde, eine vielversprechende Zukunft, mit Aufträgen für zwei Jahre im Voraus und Optionen bis 2010. Nur wegen der europäischen Forderungen würden die Inverstoren noch zögern. Wird die kleine Arbeiterdelegation die europäischen Regeln ändern können?

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Es ist ein schönes Foto: die Ruinen der Textilfabrik, mit denen The Anniston Star eine Artikelserie zum Niedergang der Gewerkschaften in Alabama einleitet. Alabama liegt im Südwesten der Vereinigten Staaten, zwischen Missisipi und dem Golf von Mexiko. Anniston wurde 1873 gegründet, gilt als urbanistische Modellstadt, weil sie sich harmonisch um ihre Industrien gliedert, und ist eine Kleinstadt (24 000 Einwohner) in diesem sezessionistischen Bundesstaat an den Hängen der Blauen Berge, da wo die Apalaches anfangen. Eine Stadt, die stolz ist auf eine ihrer ältesten Zeitungen, die sich immer noch im Familienbesitz befindet und den Spitznamen "The Red Star" (Roter Stern) trägt, weil sie während der schwarzen Bürgerrechtsbewegung für die integrierte Schule eintrat. Auch wurde sie zweimal von ihren Kollegen vom Time Magazin zur besten Tageszeitung der Vereinigten Staaten gekürt.

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Bei der mitreißenden Lektüre der Lokalreportagen von Mary Jo Shafer meint man Einblick in das ganze Land zu gewinnen. Alabama, der einzige Südstaat, der im gewerkschaftlicher Organisationsgrad mit den Nordstaaten konkurrieren konnte, verändert sich grundlegend: für die ehemaligen Landarbeiter, die die Aussicht auf ein besseres Leben in die Stadt lockte, war die Gewerkschaft eine Durchgangsstation für die indiviuelle Emanzipation. Genau wie andernorts haben die Gewerkschaften mit dem Niedergang ehemals florierender Eisen-, Stahl- und Textilindustrien an Einfluss verloren. Die Tendenz wurde noch verstärkt durch das "right-to-work statute", dass in mehreren Bundesstaaten, darunter in Alabama in Kraft ist. "Die Arbeiter von heute denken nicht mehr an die Zukunft. Sie denken weniger an eventuelle zukünftige Chancen oder an die Bewahrung ihrer Rechte, als an ihr tagtägliches Einkommen" klagt Nathaniel Davis, einer der befragten Gewerkschaftler.

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Dabei könnte er eigentlich ganz zufrieden sein: er steht der mächtigen Sektion der Postler von Anniston vor, eine der wenigen, die, wie nur auch die anderen im öffentlichen Bereich, große Zuwachsraten vorweisen kann. Das sollte die Regierenden zum Nachdenken veranlassen, überall in der Welt, wo massiv Beamtenstellen abgebaut werden. Colin Davis, Historiker der Geschichte der Arbeit findet: "Historiker hüten sich, Prognosen abzugeben. Ich würde mir niemals erlauben, Verschwinden oder Wiederkehr der Gewerkschaften vorherzusagen. Neue Industrieen wie die Automobilbranche kommen auf, und Alles ist möglich."

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Man wird sich mit einer beispielhaft glücklichen Wiederkehr in Israel trösten, von der Eli Ashkenazi in der Haaretz berichtet. Es handelt sich um eine ganz besondere Schule, eine Art Universtität fürs Leben, deren Wahlspruch "Multikulturalismus" ist, und die den Blinden und Lahmen der ganzen Welt offen stehen möchte. Zum Beispiel jenen beiden 17 jährigen Flüchtlingen aus Guinea, jenen drei anderen aus Darfour oder ein paar jungen Arabern, denen ein "Rückkehrgesetz" hier zu studieren erlaubt, nur ohne ihre Familien. 1933 gegründet, hat die Kaddorie Landwirtschaftsschule eine ganze Reihe von Führern der Arbeiterpartei hervorgebracht (unter ihnen Yitzhak Rabin). Früher bildete sie 20 Studenten pro Jahr aus, heute sind es nicht weniger als 1580. Der Direktor Hillel Heilman strahlt vor Optimismus. Wenigstens einer!

 

 

Dienstag 11. September 2007

Rote Gamaschen und schwarze Socken

#77

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In diesem Sommer haben mich die Parkettflöhe heimgesucht. Der Parkettfloh ist ein derartiges Desaster, dass einem der gewöhnliche Floh beinahe sympathisch wird. Der Parkettfloh ist dunkelbraun, im Gegensatz zum liebenswürdigen kleinen schwarzen Floh. Wenn Sie morgens aufwachen und dreissig Sekunden später ihre Füße ansehen und sie braun sind, obwohl sie sich nicht erinnern können, Socken angezogen zu haben: Kein Zweifel, Sie sind befallen! Dann kommt die Allergie und Sie tanzen ein paar Tage lang ihren Veitstanz. Sie begeben sich ihrer guten Vorsätze in Sachen Umwelt und ergeben sich einer Logik gnadenloser Extermination: bewaffnet mit Sprüh- und Rauchbomben und anderen Dampferzeugern, ohne Mitleid und manchmal sogar mit Glücksgefühlen. Bei mir hat der Parkettfloh eine Welle des Mitleids mit allen Opfern von tierischen oder planzlichen Springfluten ausgelöst.

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Da sind erstens die Japaner, die von Blutegeln aus den Bergen heimgesucht werden. Der gegenwärtige Feind, berichtet Asahi Shimbun, heißt Yamabiru und ist etwa 1,5 Zentimeter lang, kann sich jedoch bei seinen morgendlichen Turnübungen bis auf 7 Zentimeter ausdehnen. Die Yamabirus haben fast die ganze Insel erobert und verursachen einen Schaden ohne Ende für Landwirtschaft und Turismus. Die Bauern bearbeiten ihre befallenen Reisfelder nicht mehr, und die Turistenzentren sind verwaist. Die Mönche aus dem Adogawa-Tal waren Vorposten und erste Zeugen der neuen Pest: Vor zehn Jahren fing es an, sagt einer von ihnen, der achtzigjährige Joki Kuzuno: "Manchmal waren meine Gamaschen rot vor Blut, wenn ich von einem Spaziergang nach Hause kam."

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Die Behörden machten alsbald die Schuldigen dingfest: dahinter steckt ein einziger Marionettenspieler, der Mensch: die wildlebenden Tiere, wie das Damwild oder die Wildschweine, sind die Träger der Larven und waren gezwungen, sich ihre Nahrung immer näher an den Wohngebieten zu suchen; die Wälder und die Pufferzonen zwischen zivilisierter Welt und Wildnis wurden schlecht gepflegt; das Klima wird wärmer. Die Bewohner Nippons sind sich uneins, was die Heilmittel angeht, die richten nämlich zum Teil, wie etwa die Pestizide, mehr Schaden an als das Übel gegen das sie eingesetzt werden. Jedenfalls aber redet zurzeit das ganze Land von einer Lösung des landesweiten Problems.

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Auch die Behörden in Quebec sind geteilter Meinung, was den Kampf gegen ihre lokale Plage angeht: das Flohgras, bekannt auch unter dem hübschen Namen Ambrosia trifida. Der Le Devoir ist die jahreszeitliche Polemik zwischen den ökologiebewußten und den Verfechtern harter Maßnahmen nicht entgangen. Einer von zehn Einwohnern in Quebec leidet an Allergie in Folge von Flohgras, an asthmatischen Anfällen, manchmal mit Todesfolge. Zig Vereinigungen betätigen sich im Internet an Diskussionsforen oder stehen beratend und pflegend den Opfern bei.

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Die gelbe Pflanze - gelblich sagen verachtungsvoll ihre Feinde - blüht im Juli bevor sie gegen Ende des Sommers ihre dämonischen Pollen freigibt. Sie ist widerstandsfähig und gedeiht in den unmöglichsten Ecken der modernen Welt, in den Ritzen der Bürgersteige, in einem Felsspalt oder auf Bahndämmen. Vereinigungen von Betroffenen klagen ihre Politiker an, dass sie sich der Ausdehnung und der Kosten dieser regelmäßig wiederkehrenden Katastrophe nicht bewußt seien, wobei es doch genügen würde, die Pflanze vor der Blüte auszureißen, oder konkurrierende Gewächse auszusäen, wie Rispengras, Klee oder Hirse (die man gegebenenfalls auch noch ernten und zum Waffelbacken verwenden könnte...).

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Endlich ist auch die Chikungunya wieder da , aber diesmal weit entfernt von den Tropen wo ihr Träger, die Aedes albopictus, ihre Verbreitung hat. Tageszeitungen im italienischen Nordosten, wie der Corriere de la Serra, schlugen zuerst Alarm. Nicht weniger als 160 Fälle (zum Glück weder ein tödlicher, noch ein besonders schwerer) wurden in der Umgebung der schönen Stadt Ravenna registriert. Ein Reisender aus Indien, der nach Mailand kam, sei Schuld an dieser Weltpremiere außerhalb der bekannten Seuchengebiete. Die Metapher vom globalen Dorf, erstmals 1962 von dem Kanadier Marshall McLuhan gebraucht, ist hier, an der Front feindlicher Armeen des Mikrokosmos ganz einfach unerbittliche Realität.

 

 

Dienstag 18. September 2007

Neunzigjährige aller Länder, schreibt euer Blog!

#78

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Ihre treuesten Leser nennen sie zärtlich "kleine Großmutter". Am Tag ihres fünfundneunzigsten Geburtstags, am 23. Dezember 2006, hat die Spanierin Maria Amelia Lopez ihr Blog begonnen. Es war ein Geschenk ihres fünfundreißigjährigen Enkels Daniel. In sechs Monaten wurde sie eine Virtuosin des Internets, zählt 350 000 Besucher und machte die Runde in den Schlagzeilen der Weltpresse, von Spanien bis in die Vereinigten Staaten, über Lateinamerika, Japan oder Russland. Maria Amelia wurde der Stolz ihres Vaterlandes, El Pais nannte sie die "weltumspannende Neunzigjährige".

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Ihre Chroniken berichten von der Welt wie sie sie hoch über dem Meer, von ihrem Balkon in Muxia (an der Costa da Morte) aus, wahrnimmt - nicht immer eine schöne Welt, zumal wenn der liberianische, unter der Flagge der Bahamas fahrende, Tanker Prestige die Küsten dieser Gegend mit Öl verseucht. Oder sie schreibt auf dem Bauernhof in Galizien, auf dem sie die meiste Zeit des Jahres verbringt. Sie erzählt der Reihe nach von ihrem täglichen Leben (Oh, die Geburt ihres Urenkels!); berichtet von kleinen Tricks, die ihr das Altwerden erleichtern (und natürlich vom Internet als dem besten Gegengift gegen Altersängste); Oder sie tut ihre Meinung zu den großen Weltkrisen kund (die iranische Nuklearkrise) oder zu Krisen ihres Landes (der baskische Nationalismus); sie regt sich über die Irrwege der Mode auf ("Oh, ein Minirock über schönen Beinen - das gefällt mir. Aber Sie müssen wirklich schöne Beine haben!") und entrüstet sich über die Arbeitsbedingungen der ausländischen Bauarbeiter auf, usw., usw..

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Die Rossiskaja Njedjelja schreibt respektvoll über die "Signora Lopez", dass sie aus einer Familie von Republikanern stammt, die sich gegen Franko engagierten. Sie erzählt in einem ihrer Blogeinträge, wie ein frankistischer Soldat die Familie wahrscheinlich vor der erbarmungslosen Repression nach Frankos Sieg gerettet hat. Wir erfahren aus der International Herald Tribune, dass einer ihrer Madrider Fans seinen Onkel in der Beschreibung Maria Amelias zu erkennen glaubte. Und sie wurden die allerbesten Freunde von der Welt...

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Ihr Auftritt im Web, im virtuellen Raum, hat die Blogerin in weite Fernen geführt, in ganz reelle: im Mai ist sie nach Brasilien gereist, hat zum ersten mal in ihrem Leben Europa verlassen. Regelmäßig sagt sie auch ihre Meinung zur spanischen Politik und verhehlt nicht ihre kleine Schwäche für den gegenwärtigen Premierminister, der ihr dann auch die charmantesten kleinen Antworten zukommen lässt. Ein wahrer Jungbrunnen für die, die behauptet, "die älteste Blogerin der Welt" zu sein. Wir warten jetzt nur noch auf die jüngste...

 

 

Dienstag 25. September 2007

Eine fast vollkommene Welt

#79

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Anfang letzter Woche erschien plötzlich das goldige Gesicht von Pumpkin auf den Titelseiten der ganzen ozeanischen Presse, in allen Medien, nur um am Vorabend des Wochenendes wieder zu verschwinden: große schwarze Augen, erstaunt und traurig, pechschwarze Haare, ein vollkommenes Oval, das orientalische Double der blonden britischen Maddie. Zwei Lichtstrahlen von einem Kontinent zum anderen aus exakt entgegengesetzten Gründen: Maddie ging verloren, Pumpkin wurde gefunden. Maddie ist die Verkleinerungsform von Madeleine, Pumpkin (Kürbis) ist der Rufname, den die "Entdecker" ihr gaben. Die beiden Geschichten - der geographischen Antipoden (auch wenn zur Jahrhundertwende eine Art virtuelle Begegnung stattfinden konnte) sind aus demselben faszinierenden und gefühlvollen Stoff gemacht: die Unschuld in den besseren und gebildeten Familien westlicher Länder, ein Hauch des Todes.

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Pumpkin heißt in Wirklichkeit Qian Xun Xue. Sie ist drei Jahre alt, Neuseeländerin, ihre Eltern chinesischer Herkunft sind vorbildlich integriert, der Vater ist Herausgeber von Zeitungen für die chinesische Gemeinde, aber auch von Büchern, darunter von ihm selbst verfassten. Die Mutter verließ ihr heimatliches Hunan, um sich vor fünf Jahren im ozeanischen Eldorado niederzulassen, mit der Absicht, dort ihr Studium fortzusetzen. Am Sonntag den 16. September wurde Pumpkin auf dem Bahnhof von Melbourne (Australien) entdeckt. Reisende fanden sie, in Tränen aufgelöst, unter einer Rolltreppe. Den recherchierenden Polizisten und Journalisten gelang es dank der Überwachungskameras und der Suche nach Zeugen über die Presse rasch, den Weg von Pumpkin und die Geschichte einer zerbrochenen Familie zu rekonstruieren: das kleine Mädchen war allein mit ihrem Vater aus Auckland gekommen und wurde von Mr. Xue, der wenig später nach Los Angeles weiterreiste, einfach zurückgelassen. An An, ihre Mutter, war vorher schon verschwunden. Zwei Tage später fand man ihre Leiche im Auto der Familie. Der Vater steht unter Mordverdacht, nach ihm wird international gefahndet; die Großeltern mütterlicherseits in China wurden benachrichtigt; eine Halbschwester tritt in Erscheinung und berichtet, dass der gleiche Vater auch sie im fremden Neuseeland, wo sie gerade angekommen waren, verlassen hat, allerdings im Alter von 17 Jahren und schon vor 10 Jahren.

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Im Lauf der Woche wird das Bild des Vaters von einer australischen zu einer neuseeländischen oder gar kanadischen Tageszeitung zur anderen immer klarer, während das der Mutter undeutlich bleibt. Der Vater stellt sich als ehemaliger Kung Fu Champion dar, war als solcher an einem chinesischen Dokumentarfilm zu den Beziehungen zwischen privatem und öffentlichem Dasein eines Meistersportlers beteiligt. Auf dem Weg ins Exil mit seiner ersten Tochter im Gefolge hatte er in Los Angeles eine Meisterfriseuse verführt und dann seinen Weg fortgesetzt. Diese Friseuse zieht mittlerweile alle Aufmerksamkeit auf sich. Das Blog von An An (früher hätte man ein Tagebuch gefunden) erzählt die melancholische Geschichte einer jungen Einwandererin voller Hoffnungen, die einen reichen und wohl integrierten Mann heiratet um voran zu kommen. Im Verlauf der Einträge wird die Enttäuschung immer größer, hinzu kommt die Angst vor einem gewalttätigen und egozentrisch-eifersüchtigen Mann. Das schöne Haus in Mont Roskill, die bürgerlichen Bequemlichkeiten, der Ruf einer angesehenen Familie und vor Allem auch der Charme von Qian Xue/Pumpkin bedeuten schließlich nichts mehr angesichts des wachsenden Unwohlseins. Auch die feinste Presse bringt eine Sensationsmeldung nach der anderen - später wird Pumpkin die böse Geschichte lesen, die Entgleisung einer fast vollkommenen Welt, so wie bei Maddie?

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In beiden Geschichten haben die Blogs eine zentrale Rolle, die der Eltern, die der Freunde, die der "Zeugen". Letztere haben den Charakter von Tagebuchaufzeichnungen, die man in der Hoffnung, dass sie gelesen werden, herumliegen lässt oder gleich im Hinblick auf eine Veröffentlichung schreibt. Aber bekanntlich ist Blog nicht gleich Blog. So hatten die Verfasser des berühmten Bondy-Blogs während der Vorstadtrevolten im Herbst 2005 in Frankreich ganz andere Absichten. Das waren schweizer Journalisten von L’Hebdo, die aus Bondy von den Ereignissen berichten wollten und das Blog gab den Jugendlichen und den Vereinen eine Stimme. Jetzt sind die Initiatoren einen Schritt weiter gegangen und haben eine erste "Blog-Schule" aufgemacht. Eine richtige Schule, mit einem richtigen Klassenraum, in einer richtigen Straße, wo jeden zweiten Samstag wirkliche Lehrer hinkommen und Mitbürgerjournalisten ausbilden für eine zukünftige neue Welt, eine fast vollkommene...

 

 

Dienstag 2. Oktober 2007

Wo der Bau stimmt, stimmt alles?

#80

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Die Moskauer Tageszeitung Iswestja (Neuigkeiten) brachte in dieser Woche eine Reportage zu den Neureichen (die Russen haben den französischen Ausdruck Nuvorisch (nouveaux riches - die neuen Reichen) übernommen), die sich die "Taunchauss" (Townhouses), die (Garten-)Stadthäuser nach englischen Muster, mit Gärtchen, Balkon und drei Stockwerken aus den Händen reißen. Eigenheime ganz wie sie im Westen für die arbeitende Bevölkerung gebaut wurden und ganz sicher nicht für die Vermögenden. Die Zeitung berichtet, wie diese neuen "Dörfer" im Inneren der Hauptstadt zu unerwarteten Machtzentren geworden sind, wo eine luxurierende Klasse ohne mit der Wimper zu zucken eine halbe Million Dollar für Behausungen hinlegt, die woanders am unteren Ende der Skala liegen (die Immobilienpreise in Moskau haben längst diejenigen von Paris, Berlin oder New York eingeholt...)

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Der Bau, das Haus, seine innere Geographie haben in der russischen Geschichte oft eine wesentliche Rolle gespielt: in sowjetischen Zeiten fand sich die Dissidenz in den Küchen zusammen und wieviele Revolutionspläne wurden nicht im 19ten Jahrhundert in der Kommunalnaja geschmiedet, in jenen Wohngemeinschaften, in denen sich die Studenten aus dem verarmten Adel trafen. Das Wall Street Journal zitiert ein weiteres Beispiel. Sein Korrespondet Andrew Osborn recherchierte in Solowjewka am Ufer eines herrlichen Sees, an der Grenze zu Finnland, unweit von St. Petersburg.

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Solowjewka (benannt nach dem christlichen Philosophen Wladimir Solowjew (1853-1900))ist ein kleines grünes, wasserreiches Paradis: die vom Glück gesegneten Petersburger haben in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dort ihre Datschen gebaut, in ihrer Freizeit Kartoffeln und Gurken angebaut, und hatten vorallem direkten Zugang zu den sandigen Stränden des Komsomolskoje-Sees. Hier gab es keine sozialen Klassen mehr, alle sahen gleich aus, im Badeanzug oder mit der Angelrute in der Hand. Die Datscha, das kleine Holzhaus auf einem Stückchen Land, ähnlich den Schrebergärten, ist eine mehr als hundert Jahre alte Tradition. Zuerst von den Zaren gefördert, wurde sie von den sowjetischen Machthabern erst recht unter das Volk gebracht damit der gute Werktätige sich ausruhen und selbst anbauen konnte, was nicht immer auf dem Markt zu haben war.

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Es begab sich also im Jahr 1996, dass ein Feuer die Nachbardatscha von Irina Abramenkos Landhäuschen dahinraffte. Sie sah ihren praktisch nackten Nachbarn, wie er seine heranwachsende Tochter beruhigte. Der Mann kam aus der Sauna, gerade rechtzeitig, um noch sein im Haus gebliebenes Kind retten zu können. Irina erfasst mit schnellem Blick die Situation, organisiert Hilfe, nimmt die Unglücklichen bei sich auf und kleidet den Mann, dessen Haus in Schutt und Asche liegt. Ein schweigsamer Herr, Irina kennt in erster Linie seine Frau und von ihr hat sie gehört, dass er seit einiger Zeit ohne feste Anstellung sei und dass das auch der Grund für das Unglück gewesen sei, denn er verbringe seine Zeit mit Basteleien, offensichtlich nicht immer sehr geschickt. Wladimir Putin, denn um den handelt es sich, langweilt sich, seit er seinen Posten im St. Petersburger Rathaus verloren hat. Das kleine Haus wird nach der Zerstörung durch das Feuer genau wie vorher wieder auferstehen.

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Heute weiß man nicht, ob die funkelnagelneue Datscha, fast ganz aus Stein, die an eben derselben Stelle steht, noch immer dem nackten Mann gehört, der zum allmächtigen Präsident der russischen Föderation aufgestiegen ist. Irina ist sich sicher, dass dem so ist, trotz aller Täuschungsmanöver und Tricks; auch andere Nachbarn, die wie David gegen Goliath nicht nur gegen den oberten Chef kämpfen, sondern gegen den ganzen Hofstaat, der sich die umliegenden Ländereien anzueignen sucht und der einen Staat im Staat darstellt. Da findet man jetzt Häuser, die nichts mehr zu tun haben mit den bescheidenen Datschen, Häuser mit Wandelgängen, Hubschrauberlandeplätzen und anderen Schrecklichkeiten von schlechtem Geschmack. Häuser von Oligarchen, mächtig wie die Direktoren von Gasprom oder von der russischen Nuklearindustrie, Vermögen aus dem Ölgeschäft oder der Brauereiindustrie, vereint in einem Klub, der sich delikaterweise "osero" (der See) nennt.

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Es hat nur ein paar Wochen gedauert und die Alteingesessenen sahen sich des Zugangs zum See beraubt, müssen kilometerlange Umwege machen, um nach Hause zu kommen, werden regelmäßig gemobbt, damit sie den Ort verlassen und ihren Besitz aufgeben. Verzweifelt suchen sie ihr Recht und ihre Würde vor den Gerichten. Ein wahrscheinlich von vornherein verlorener Kampf in Zeiten, in denen der Herr des Kreml am Vorabend der Parlaments- und Präsidentenwahlen seine Macht zu stärken sucht, und seine neuen Freunde von Solowjewka aus das Land unter sich aufteilen und zu allem bereit sind, um sich ihn zu halten.

 

 

Dienstag 9. Oktober 2007

Wenn man’s nicht weiß, geht man eben nicht...

#81

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Nichts geht mehr im Land der Helveten... Die Sache ist ernst genug, dass sich über die schweizer Presse hinaus, die deutsch- und die französischsprachige, sogar die International Herald Tribune und die Berliner Tageszeitung mit ihr befassen und zwar mit diesen Überschriften: "Der Wahlkampf in der Schweiz macht die Gespaltenheit hinsichtlich der Ausländer deutlich" die erste und "Schweizer Rassisten spielen Unschuldslamm" die zweite... Am vergangenen Samstag (den 5. Oktober) verwandelten sich die für gewöhnlich ruhigen Gassen der Berner Altstadt in eine Krawallszenerie. Zunächst stießen Demonstranten der UDC/SVP (Union démocratique du Centre / Schweizerische Volkspartei) mit Vertretern der extremen Linken zusammen, die gekommen waren um mit denen, die sie als Mitglieder einer fremdenfeindlichen Gruppierung ansehen, abzurechnen . Bis dann die Polizei versuchte, alle Welt zusammen zu bringen.

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Die allgemeinen Wahlen finden in zwei Wochen statt und die UDC/SVP macht die Ausländer mit besonders virulenten Plakaten zum Wahlkampfthema: da sieht man auf einem solchen eine Fahne mit drei weißen Schafen und einem vierten, schwarzen, das von einem der anderen mit einem Fußtritt aus dem Feld gekickt wird. Der zugehörige Slogan ist eindeutig: "für mehr Sicherheit!". Die Schweizer Präsidentin, Micheline Calmy-Rey findet das Plakat widerlich und inakzeptabel. Ebenso hält sie die (unter uns gesagt äußerst kontra-produktiven) gewaltätigen Demonstrationen gegen die Populisten für absolut unzulässig. Es gab 21 Verwundete und zahlreiche Sachschäden.

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Die Ausländerfrage erregt seit langem das kleine Land, das symbolisch für Gastfreundschaft und Toleranz steht, und in dem man mindestens drei Sprachen spricht. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ergingen sich hier die Revolutionäre der ganzen Welt in homerischen Debatten und die Straßen Genfs sahen nicht selten Demonstrationen der "Arbeiteraristokratie" insbesondere der Uhrmacher. Die Schweiz war tatsächlich eines der ersten europäischen Länder auf dem Weg zur Industrienation und die überall verfolgten Adepten des Sozialismus fanden hier Zuflucht. Unter ihnen sah man insbesondere Russen, von denen die einen Michael Bakunin auf anarchistischen Wegen folgten, während die anderen aus Nikolaus Utins Mund die Worte von Karl Marx vernahmen. In die Streiterein mischten sich die französischen Kommunarden ein. Gespalten in Anarchisten in der Nachfolge von Proudhon und marxistischen Sozialisten trugen sie zur allgemeinen Kakophonie bei. Der Abscheu der friedlichen Bürger des Bundes war ihnen gewiss (zu all diesen Themen mag man den Genfer Historiker Marc Vuilleumier lesen).

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Neuerdings geht ein wunderbarer Film, "Pane e cioccolata" (Brot und Schokolade) von Franco Busati, den Wegen eines italienischen Einwanderers im Land des Kuckuks nach und führt dessen Schwierigkeiten, die Schweizer Gepflogenheiten zu lernen vor. Der Kandidat fürs "Helvetentum" arbeitet in der Hotelbranche und wird von dem ausgezeichneten Gian Maria Volonte verkörpert. Um besser akzeptiert zu werden geht er gar so weit, seine Haare fast phosphoriszierend blond zu färben. Der Soziologe und Politiker Jean Ziegler hat dem schwierigen Verhältnis der Einheimischen zu den Ausländern Bücher gewidmet. Von einem Werk zum anderen (darunter "Eine über jeden Verdacht erhabene Schweiz") zeigt er mit dem Finger auf die Zentren für Ausländer in denen man sie "Willkommen heißt". Ich hatte Gelegenheit mehrere dieser Zentren im Rahmen der Arbeit an einer 26-Minuten-Fernsehdokumentation zu besuchen. Eins hat mich besonders beeindruckt: eingezwängt zwischen einer Bundesstraße und einer Chemiefabrik wirkte es dennoch äußerst schweizerisch, das heißt es war unheimlich sauber, außen wie innen.

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Einer meiner Architektenfreunde lebt in Thonon-les-Bains und arbeitet regelmäßig auf der anderen Seite des Genfer Sees und der Grenze. Einmal hatte er sich auf der Schweizer Seite verirrt und fragte höflich einen an der Straße stehenden Unbekannten nach dem Weg. Der Mann, ein Rentner, schaut ihn an und sagt: "wenn mans nicht weiß, geht man eben nicht...", dreht sich um und lässt unseren Freund einfach stehen. Zu den neuerlichen Ereignissen notiert der Leitartikler der Tribune de Genève: "lange Zeit hat uns das Postkartenbild, das die Welt sich von uns machte, zum Lachen gebracht. Wir hatten mehr als nur Uhren, Berge, Banken und Schokolade... Hightech, bitte, glauben sie mir und das internationale Genf, die UNO, gute Dienste. Wir werden uns bemühen müssen, zu erklären, dass die Schweizer in ihrer großen Mehrheit keine Rassisten sind. Das ist weniger zum Lachen." Und die Präsidentin Calmy-Rey fasst die Lage in einem Euphemismus zusammen: "Im Ausland stoße ich auf Unverständnis".

 

 

Dienstag 16. Oktober 2007

Splatsch!

#82

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Wenn man sich Tomaten an den Kopf schmeißt, tun die sicher weniger weh als Kartoffeln. Im Übrigen riskiert man in Argentinien zur Zeit weder eine Tomate noch eine Kartoffel, so teuer wie sie gegenwärtig sind - oder bis gestern waren. Die große Tageszeitung Pagina 12 aus Buenos Aires, die oft feine Titelseiten liefert, erklärt uns, warum die Tomate eine Kostbarkeit geworden ist und wie die Verbraucher ihr offen den gnadenlosen Krieg erklärt haben.
Alles hat am Ende des Winters angefangen, denn ja, da drüben geht gerade der Winter zu Ende, ein dieses Jahr besonders harter, mit starkem Frost. Infolgedessen haben die Kulturen dieser für die Salate und andere argentinische Spezialitäten unverzichtbaren Frucht gelitten.

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Habgierige Produzenten und Einzelhändler profitierten vom Klima und trieben die Preise exponentiell in die Höhe (in die Stratosphäre heißt es in der Zeitung), 250 % in einem Jahr, das sind 12 und 15 Pesos das Kilo (3,5 Euro bei Durchschnittslöhnen von 600 Euro)! Wenn man in der Vergangenheit nach einer derart starken Inflation sucht, muss man schon bis zu den schrecklichen Krisenjahren, bis 1989 zurückgehen. Wie in jenen Hungerjahren und angesichts untätiger Autoritäten, haben die Argentinier, diesmal angestiftet von den Verbraucherorganisationen, sich zusammengerottet und wollen die Tomate in vernünftige Gefilde zurückholen.

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Die fünf größten Verbraucherorganisationen, unter ihnen das Zentrum für Verbraucherbildung und die Union der Verbraucher, haben zum Boykott aufgerufen, gehen auf die Märkte und stehen vor den Supermärkten. Ihr Aufruf wurde sehr weitgehend befolgt, auch die Gastwirte machten mit. Nach ein paar Tagen begannen die Preise auf dem Zentralmarkt der Hauptstadt zu fallen und das Kilo Tomaten kostete nur noch 8 Pesos. Jetzt sollte die gleiche Parole auch für die Kartoffel ausgegeben werden, denn auch die bewegt sich in der "Stratosphäre".

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In wenigen Jahren sind die Argentinier die Könige der Bürgeraktionen geworden. Liegt der Grund dafür etwa in ihrer schmerzlichen Vergangenheit, an die sie sich immer wieder erinnern? In dieser Woche wurde der Polizeikaplan in den Zeiten der Diktatur zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt. Der Miami Herald erinnert uns, dass Christian von Wernich des siebenfachen Mordes und der Mittäterschaft in 42 Fällen von Entführung und Folter angeklagt war. Journalisten, die die Suche nach den Henkersknechten von gestern nicht aufgeben wollten, hatten ihn in einer chilenischen Pfarrei aufgespürt. Als das Urteil verkündet wurde und die Namen der Opfer fielen, schwebten die Mütter von der Placa del Majo zwischen Erleichterung und Trauer.

 

 

Dienstag 23. Oktober 2007

Resonanzen

#83

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Das Geheimnis eines derartigen Streites kennen wohl nur die Franzosen. Es geht um scheinbar unversöhnliche Gegensätze wie in der literarischen Auseinandersetzung zwischen "Les anciens et les modernes", zwischen den "Alten und den Modernen", so diesmal im Streit um die Lektüre eines Briefs und den Gegnern dieses Eingriffs in das Schulprogramm. Das Schreiben stammt von Guy Môquet, und ist das letzte dieses 17 jährigen Schülers und Kommunisten, der im Oktober 1941 sterben musste, ausgeliefert von der Vichyregierung und von den Deutschen erschossen. Jetzt weiß man alles über dies Ereignis. Ebenfalls fast alles über den Bruch zwischen Lehrenden, die den (verordneten d.Ü.)Rückgriff auf dies Stück Geschichte begrüßen und denen, die dagegen sind. In den Auseinandersetzungen der letzten Zeit kam noch ein anderer Name auf: Jean-Pierre Mulotte, auch ein siebzehnjähriger Schüler, auch er erschossen. Und vergessen.

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Doch auch dieser junge Mann hätte es verdient, dass man sich seiner erinnert. Er war der beste Freund meines Vaters im Lycée Jeanson de Sailly im sehr bürgerlichen 16ten Arondissement von Paris. Gemeinsam hatten sie die Besatzungszeit durchlebt, quasi unzertrennlich, sie führten gemeinsam eine Art Logbuch, der eine schrieb, der andere zeichnete, beide waren vom Surrealismus begeistert. Das Jahr 1944 brachte die Trennung. Sie waren 16 Jahre alt. Mein Vater schlug sich nach Marseille durch, um per Schiff nach Ägypten zu kommen und der Verschleppung zu entgehen. Jean-Pierre schloss sich den Kommunisten an und hielt sich an die damals ausgegebene Parole: "jedem seinen Boche". Auf der Austerlitz-Brücke schoss er auf einen deutschen Offizier und tötete ihn auf der Stelle. Auf der Stelle auch wurde er verhaftet und am nächsten Morgen auf eben dieser Brücke ohne weiteres Verfahren erschossen.

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Von Jean-Pierre ist fast nichts erhalten, an ihn erinnert auch keine Inschrift. Nur zwei kleine Bildchen, ein Porträt meines Vaters und eine Landschaft, eine düstere Straße, eine Stromleitung an ihr entlang und in der Ferne eine kleine Kirche: ein einigermaßen heftiger Konstrast zwischen Althergebrachtem und der Moderne, nachdenklich ahnt man ein werdendes Talent. "Und es fließt des Sängers Blut, sein Lied fliegt über Wiesen und Wälder zu eisigen Höhen, seine Seele zittert im Nebel..." Diese Zeilen könnten für all die Guy Môquets geschrieben sein, für die bekannten und die vergessenen, sie stammen aus der Feder des Spaniers Garcia Lorca, der jenseits der Pyrenäen heuer auf den Titelseiten figuriert. In Spanien bewegt und spaltet die Pflicht der Erinnerung an den Bürgerkrieg die Menschen. Der junge Dichter, Ikone des Spanienkriegs , der von der faschistischen "Falange" 1936 erschossen wurde, bleibt ein Held der Nation. Die Universität Granada hat ein Foto wiedergefunden, das in seiner Studentenzeit entstand, sein Alter damals - 17 Jahre. Wirklich ein glückliches Zusammentreffen, dass dies Portrait gerade jetzt auftaucht, wo Papst Benedikt XVI. sich anschickt, 498 im Bürgerkrieg getötete spanische Priester seelig zu sprechen, die in ihrer Mehrzahl den Franco-Truppen nahestanden...

 

Johannes Wetzel schrieb in "Die Welt" vom 22.10.2007:
"Für Sarkozy muss Schluss sein mit den historischen "Schuldbekenntnissen" nicht zuletzt zu den Verbrechen von Vichy-Frankreich. Auf Guy Moquet darf er sich dabei nicht berufen: Gerade an seinem Tod tragen Pétains Behörden Mitschuld. Die Folgen des Missbrauchs, den Sarkozy-Anhänger bereits mit dem vermeintlich patriotischen Dokument trieben, sollten Warnung sein: Der Trainer der französischen Rugby-Nationalmannschaft, der bald Staatssekretär für Sport werden soll, ließ den Brief vor dem ersten Match gegen Argentinien verlesen. Den Spielern kamen die Tränen. Frankreich verlor."

In Francos Spanien war das Gedenken an die republikanischen Opfer tabu. Dagegen gedachte die Kirche stets frei ihrer annähernd 7000 von Anhängern der Republik im Bürgerkrieg getöteten Geistlichen, von denen 498 jetzt selig gesprochen sind. Wenn die Kirche ihre Märtyrer derart hervorhebt, unterstreicht sie damit die Rolle, die sie zu Gunsten der Diktatur gespielt hat. Oder?

 

 

Dienstag 30. Oktober 2007

Frauen

#86

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Die Statistik kann einem den Kopf verdrehen. Sie bestimmte die Titelseite des New Zeeland Herald, des tonangebenden Blattes von Auckland, der größten Stadt dieses Landes am Ende der Welt, wo die Einwohner, bezogen auf die Europäer, kopfunten herumlaufen (eine Million Einwohner, ein Drittel der neuseeländischen Bevölkerung). Die jungen Maori-Mädchen weisen die höchste Rate aller Art sexuellen Missbrauchs von allen neuseeländischen Bevölkerungsgruppen auf, ja von den Mädchen aller Ländern in denen die Weltgesundheitsorganisation Erhebungen gemacht hat. Die Frage, die ihnen gestellt wurde, war: "Erinnern Sie sich an Berührungen oder irgendeine andere sexuelle Handlung gegen ihren Willen, als sie noch keine 15 Jahre alt waren?" 35% der befragten Maorie-Frauen antworten mit ja, zu vergleichen mit 17% der jungen Europäerinnen. Das mittlere Alter der Missbrauchten liegt bei 9 Jahren, das der Täter bei 30 Jahren. Meistens sind die Onkel die Schuldigen derartiger Attentate auf die frühe und die aus ihr erwachsende Person.

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Die Untersuchung bringt eine verblüffend hohe Zahl von Opfern in Neuseeland an den Tag (25% im Mittel über das ganze Land), jedenfalls die höchste von allen Ländern, die die WHO untersucht hat. Am geringsten war die Zahl im ländlichen Bangladesh, dort waren es nur 1% - vielleicht weil das gesetzliche Heiratsalter für Mädchen dort 9 Jahre beträgt! Die Befunde lassen sich nicht leicht erklären. Die Neuseeländischen Behörden halten jenachdem die sozialen Lebensumstände der Maori, ihre Akkulturation, ihr Gemeinschaftsleben, besonders ihre Schlafhäuser für den Grund. Die Maori-Kultur wurde über Jahrhunderte vom Abendland geplündert. Die Stadt Rouen in Frankreich hat soeben für die Rückgabe eines tätowierten Maori-Kopfes an Neuseeland gestimmt. Sie beruft sich dabei auf das Gesetz zur "Bioethik" vom 29. Juli 1994, das den Besitz von menschlichen Körperteilen untersagt. Zwischen Folklore und sozialer Realität gibt es so etwas wie eine Mauer...

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Noch andere Frauen machten in dieser Woche Schlagzeilen: zwei Amerikanerinnen, posierend auf irgendwie anrührenden Fotografien, auf die die eine allerdings wohl gern verzichtet hätte. Die erste sitzt brav und aufrecht auf der Titelseite der Washington Times oder der Gulf News, neben einer schwarzen Gestalt, von der man nichts sieht, nicht einmal ein Auge. Bemerkenswert jedoch das "Anti-Aids-Bändchen" das die Burka schmückt. Laura Bush, die Gattin des amerikanischen Präsidenten, lächelt in ihrem enganliegenden, beigen Kostüm auf dem rosa Kanapee. Sie scheint sich über die Nachbarschaft zu freuen. Sie hält sich im Rahmen einer Aufklärungskampagne gegen Brustkrebs in dieser Gegend der Welt auf.

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Als Aufmacher von mehreren kanadischen Tageszeitungen hält die andere, Condoleeza Rice, in dieser Woche ihren Kopf hin. Man sieht, wie sie versucht, keine Miene zu verziehen, einer Frau mit blutigen Händen gegenüber, die sie beinahe anfasst. Es handelt sich um eine kalifornische Pazifistin, als die Außenministerin vor der Außenkommission des Senats als Zeugin auftrat, im Besonderen in der Sache eines kanadischen Gefangenen, der im Rahmen des Antiterrorkampfes gefoltert wurde. In diesem Foto ist die ganze Komplexität der USA gegenwärtig: zwei Frauen stehen sich gegenüber, die eine perfekt frisiert, Perlenkette und untadeliges Schneiderkostüm, die andere mit wirren, langen Locken, Pullover und Jeans. Nüchtern bemerken der Toronto Star und die National Post, dass das für Condie kein guter Tag war...

 

 

Dienstag 6. November 2007

Kopfarbeitern geht’s über die Hutschnur...

#87

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Die Affäre erregt einiges Aufsehen an der Westküste der Vereinigten Staaten. Nach den dramatischen Bränden der letzten Wochen schwehlt in Hollywood ein neues Feuer, das sowohl in kalifornischen Zeitungen, wie der Los Angeles Times, als auch in nationalen Blättern, wie der USA Today Schlagzeilen macht. Die Schriftstellergilde hat nach viermonatigen Verhandlungen zwischen Produzenten und Drehbuchautoren zum Streik aufgerufen. Die gesamte Film- und Fernsehindustrie zittert. Der letzte Arbeitskampf liegt fast zwanzig Jahre zurück und dauerte nicht weniger als 22 Wochen. Die Verluste lagen bei 500 Millionen Dollar. In den Vereinigten Staaten führt in diesem Sektor, wie auch in anderen kaum ein Weg an der gewerkschaftlichen Organisation vorbei. Praktisch ist sie unumgänglich für jede/n, die/der arbeiten möchte, und die Mitglieder müssen den Streikanordnungen gehorchen. Auch ist die Gewerkschaft sehr gut durchorganisiert. Während der Verhandlungen sammelte die Gilde vorsorglich Geld, um ihre Mitglieder bei einem eventuellen Streik finanziell unterstützen zu können.

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Am Arbeitkampf nehmen sowohl die Autoren von Varieté- und Talkshow-Sendungen als auch die Drehbuchschreiber von Serien und Filmen teil. Der Grund für den Ausstand liegt in den neuen Technologien, weil mit ihnen juristisches Neuland betreten wird. Es geht um die Autorenrechte, die die Streikenden für unzureichend halten, was die Verbreitung über das Internet oder auch über den Verkauf von DVD’s angeht. Die Produzenten haben sich natürlich auch organisiert, aber über kurz oder lang wird der Streik sich dennoch auswirken. Sie haben zwar einen Vorrat von Serien, Programmen und Drehbüchern angelegt, aber bestimmte, bereits begonnene Dreharbeiten werden in Mitleidenschaft gezogen sein. Ein Wirtschaftswissenschaftler in Los Angeles, Jack Kiser, meinte im Intervies der USA Today dass ein Streik wie der von 1988 Hollywood heute eine Milliarde Dollar kosten würde. Die Arbeiter der Feder - heute wohl eher des Komputers - scheinen wild entschlossen. Sie beteuern, dass ihre Forderungen nicht nur finanzielle sind, sondern dass sie anerkannt werden wollen als "die ursprünglich schöpferisch Tätigen, ohne die diese Industrie ihre Milliardenprofite nicht einfahren könnte..."

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In Israel sind die Lehrer der Sekundarschulen, die in diesem Land eine Schlüsselfunktion haben, inzwischen bei ihrem 25ten Streiktag angekommen. Der Ausstand könnte sich auf allen Gebieten im Land auswirken, wenn es nicht zu Verhandlungen kommt. Die Tageszeitung Haaretz berichtet, das die bedeutenste Berufsorganisation des Landes , die Histradut, damit droht, den Arbeitskampf zum unbegrenzten Generalstreik auszuweiten. Die Gewerkschaft beschuldigt die Regierung, nicht zum Dialog bereit zu sein und die Lage verschlechtern zu wollen. Auch hier ist die Krise nicht nur eine finanzielle.

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Die Lehrenden verlangen zwar eine konsequente Aufwertung ihrer Gehälter, aber sie fühlen sich auch "in ihrer Arbeit und in ihrer Haltung" in Frage gestellt. Das Erziehungsministerium will zwar eine 25 prozentige Gehaltserhöhung über fünf Jahre bewilligen, aber nur unter der Bedingung, dass die Lehrer/innen drei Wochenstunden Mehrarbeit auf sich nehmen. Eine Umsetzung der anderswo aktuellen Parole "mehr leisten um mehr zu verdienen"... Die Schulmeister/innen verlangen eine sofortige, viel bedeutendere Gehaltserhöhung, die Anrechnung der Vorbereitungsstunden für den Unterricht und kleinere Klassenfrequenzen. 80 Jahre nach der Oktoberrevolution kündigt sich der November in Frankreich wie auch anderswo, bei den Werktätigen der grauen Zellen, aber auch bei anderen Arbeitenden, als heißer Monat an.

 

 

Dienstag 13. November 2007

Cherchez la femme!

#88

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Eine der führenden Tageszeitung Südkoreas, die sehr serieuse und moderate JoongAng Ilbo brachte auf ihrer Titelseite diese Woche den Bericht über einen Streit um Symbole, von der Art, wie er in den Demokratien die Wogen hoch gehen läßt. Die koreanische Nationalbank gab nach fünfmonatiger Diskussion ihre Entscheidung zu den neuen 50 000 und 100 000 Won-Scheinen (etwa 38 bzw. 75 Euro) bekannt, die ab 2009 in Umlauf kommen. Die Koreaner wurden zwar gefragt, dank Internet konnten sie ein paar Symbolfiguren des Landes auswählen, aber die endgültige Entscheidung traf die Bank. Die 50 000 Won - Scheine schmückt das Bild von Kim Koo, die 100 000 Won-Scheine dasjenige von Shin Saimdang.

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Gegen ersteren gab es keine Vorbehalte - er gehörte sogar zu den vier führenden Kandidaten der Volksabstimmung der Koreaner. Kim Koo war ein Unabhängigkeitskämpfer zu Beginn des 20ten Jahrhunderts, als Korea ein japanische Kolonie war. Nationalisten sind, scheint’s, auf Geldscheinen immer willkommen... Aber bei Shin Saimdang sträubten sich die Haare, vor allem der Feministen. Dabei hatte die Zentralbank durchaus die Absicht, mit der Wahl einer Frau auf einem großen Geldschein ein Zeichen für die Gleichberechtigung zu setzen (schon 1962 gab es eine Frau mit Kind - Symbol der Mütterlichkeit - auf 100 Wonscheinen, die jedoch schon einen Monat nach Ausgabe wieder eingezogen und eingestampft wurden). Die Wirkung war die gegenteilige, sosehr ist Shin Saimdang umstritten.

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Sie war eine begabte Malerin und Kalligrafin im 16ten Jahrhundert, zu Zeiten der Joseondynastie (auch Choson- oder Choseondynastie), die ab 1392 mehr als sechs Jahrhundert den Thron innehatte. Die Feministen wenden ein, dass sie vorallem als Gemahlin und treusorgende Mutter in die Geschichte eingegangen ist. Gattin eines hohen Beamten und Mutter eines Professors, Schriftstellers und Konfuzianers, dessen Konterfei schon die gegenwärtigen 5000 Wonscheine ziert - das Bild dieser Konfuzianerin ist, der Koreanischen Frauenunion zufolge, als Vorbild in unseren Zeiten ein Anachronismus. Was zählt, ist nicht das Geschlecht, sondern die Qualitäten der Persänlichkeit auf dem Geldschein.

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Die Zeitung meint, dass anderswo Frauen auf nationalen Geldscheinen figurieren, ohne dass es zu solchen Auseinandersetzungen kam: zum Beispiel in Japan, wo das Bildnis von Higuchi Ichiyo, der ersten Schriftstellerin des Landes, auf den 5000 Yenscheinen erscheint, und in Deutschland, wo die Pianistin und Komponistin Clara Schumann die 100 Markscheine schmückte. Aber wie lange liegt das nun schon hinter uns, ist ganz und gar Vergangenheit, beinahe Altertum, seit wir den Euro haben, seit man, um niemanden zu verärgern, sich für Brücken, Torbögen, Eingänge, Fenster entschieden hat - für Dinge, die die Geschlechterfrage garantiert nicht tangieren.

 

 

Mittwoch 21. November 2007

Nationalismen

#89

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Schon bevor es überhaupt gebaut ist, fließt für ein Denkmal sehr viel Tinte. Das weiße Kreuz, Wahrzeichen eines Landes, wird aus Glas auf einem Sockel aus Dolomit schweben. Das Ensemble wird 28 Meter hoch gen Himmel ragen, so hoch wie ein achtstöckiges Gebäude... und es wird 90 Tonnen wiegen. Der Aufbau wird die wiedergewonnene Freiheit Estlands symbolisieren, die Freiheit der kleinen baltischen Republik, die fast fünfzig Jahre lang unter dem Joch der UdSSR gelebt hat. Nicht zum ersten Mal ist hier ein Denkmal Gegenstand einer Polemik. Man wird sich an die diplomatischen Spannungen erinnern, als der russische Bronzesoldat, das Denkmal für die sowjetischen Opfer des zweiten Weltkriegs, versetzt wurde.

Den Autoren des Entwurfs zufolge soll es ein luftiges Denkmal werden, frei von jedem Gedanken an Tod und Gräber. Tatsächlich aber lässt das nationale Kreuz vorallem an Nationalstolz denken und verdeckt den Freiheitsgedanken. Künstler und Politiker mögen sich auf gläserne Transparenz einigen, aber was durchscheint an diesem ganzen Denkmal, das zum 90ten Geburtstag der Republik Estland eingeweiht werden wird, ist der Nationalismus. Oh Freiheit, wieviel Unpassendes entsteht doch in deinem Namen!

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War er Flame oder Wallone, der kleine Junge, der, ein paar Tage alt, in die Babybox einer flandrischen Gemeinde gelegt wurde. Ganz Belgien war von dem Ereignis berührt, wenigstens einmal wieder waren französisch- wie niederländischsprachige Zeitungen auf gleicher Wellenlänge. Schon vor sieben Jahren war die Babybox unter großen Schwierigkeiten eingerichtet und seither nie in Anspruch genommen worden. Eine Frau in Not, und sicher in großer Not, kann ihren Säugling da hinein legen. Es wird telephonisch ein Alarmruf ausgelöst und für das Baby wird gesorgt bis seine Mutter wieder- oder eine Adoptivfamilie gefunden ist.

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Thomas De Kleine (das ist sein vorläufiger Name) ist wohlauf und in Belgien denken viele, dass man die Einrichtung ausbauen sollte wie in Italien oder Deutschland , wo schon 300 Säuglinge aufgenommen wurden. Können Sie sich vorstellen, was die Folge war? Ein Streit zwischen zwei Lagern in Belgien: diesmal nicht zwischen Wallonen und Flamen, sondern zwischen Befürwortern und Gegnern der Babybox: die einen sehen in ihr den Ausweg für bestimmte junge Frauen, die sich nicht zu helfen wissen, bevor sie sich und ihrem Säugling schlimmeres antun, die anderen nur die Aufforderung, Kinder auszusetzen.

 

 

Dienstag 27. November 2007

Wenn der Kompass spinnt...

#90

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Diese Woche brachte Le Devoir québécois eine alarmierende, zugleich verblüffende und erschreckende Nachricht. Wenn man den Artikel las, verstand man praktisch nichts. Proportional zum Unverständnis wuchs die Beunruhigung. Wir verlieren den Nordpol, schrieb die Zeitung aus Montreal und das könnte katastrophale Folgen haben, nämlich keine geringeren als den Weltuntergang. Oder am Ende vielleicht doch nicht, vielleicht wäre das alles ohne Bedeutung. Ich versuche zu beschreiben, was ich verstanden habe: die Erde hat also zwei Nordpole, den geographischen und den magnetischen (diesen letzteren sollte man, wie es scheint, Südpol nennen, auch wenn er im Norden liegt, von wegen der Magnetpole die er anzieht beziehungsweise abstößt...). Diesen magnetischen Nordpol zeigt die Magnetnadel des Kompass an, und er liegt einige tausend Kilometer entfernt vom wahren Nordpol, dem geographischen (obwohl: die Wahrheit ist hier durchaus eine relative)...

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Der Pol des Magnetfelds der Erde wurde 1831 entdeckt. Wie jeder Magnetpol zieht auch der der Erde die gegenteilige Polarität an und stößt seinesgleichen ab. Aber er wandert. Er hat sogar mehrere Male in der Erdgeschichte die Polarität gewechselt und dabei Stürme und Unwetter verursacht. Gegenwärtig entfernt er sich mit einer Geschwindigkeit von 50 bis 60 km pro Jahr von Kanada in Richtung Russland. In fünfzig Jahren wird er Sibirien erreichen. Die Russen, die dabei sind, sich den Meeresgrund im Hohen Norden anzueignen, möchten ihn vielleicht gar nicht haben. Die Magnetfeldschwankungen sollen für unsere kleine Erde erst bedrohlich werden, wenn das Feld den Nullpunkt erreicht (hier habe ich nicht ganz verstanden, wo dieser Nullpunkt liegt, vielleicht kann mich jemand aufklären). Dann würde es einen umgekehrten Big Bang geben, mit Katastrophen ohne Ende... Die letzte magnetische Inversion geschah vor 780 000 Jahren. Unser Vorfahre, der Homo erectus, streifte da schon über den Planeten. Das Magnetfeld hat ihn jedenfalls nicht ausgelöscht, als es sich umkehrte. Weiß man’s, vielleicht entstand damals die verwirrende Vielfalt der Verbindungen im armen kleinen Hirn unserer Vorfahren?

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Wer keineswegs seinen Norpol verliert, sind unsere Nachbarn, die Japaner. Die haben sich auf die Linie der Vereinigten Staaten begeben und kontrollieren ihre Grenzen, indem sie ab dem 20. November die guten alten Fingerabdrücke an den Kontrollpunkten wieder einführen. Wie es scheint, soll das dem Kampf gegen den Terrorismus dienen. Also, wenn Sie jetzt im Reich der aufgehenden Sonne ankommen, in einem der 27 Flughäfen des Landes oder der 128 Seehäfen, müssen sie ihre weiße Pfote vorzeigen, das heißt, ihren Zeigefinger auf eine Fingerabdruckmaschine legen, eine Art von Gerät, wie man sie nur noch im Museum zu finden glaubte. Wenn Sie sich weigern, werden sie aufgefordert, das Land umgehend zu verlassen. Die Asahi Shimbun informiert: am ersten Tag, an dem die neue Behandlung eingeführt wurde, hat kein einziger Reisender die Hände auf dem Rücken behalten...

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Kap nach Westen, wo im Vereinigten Königreich der Premierminister wohl allzu gern hätte, dass man ihn magnetisch wieder auf Kurs brächte... Sein persönlicher Magnet scheint in eine Phase der "Abstoßung" mit dem des britischen Volkes eingetreten zu sein. Oppositionelle Zeitungen, wie der Daily Telegraph, oder auch solche, die der Arbeiterpartei wohlgesonnen sind, wie The Independant haben ihre Leser die ganze Woche mit dem neuesten Skandal, dem sogenannten "Datagate", in Atem gehalten. Der Hauptakteur heißt Anistair Darling und dieser teure Finanzminister soll die Verantwortung für eine Entgleisung seiner Behörde übernehmen, die 25 Millionen Mitbürger, die Hälfte der Bewohner des Landes, in helle Entrüstung versetzt hat. Das kann ihm sehr teuer zu stehen kommen, kann ihm seinen Posten kosten. Zumal er schon durch den Skandal um die Northern Rock Bank belastet war, deren Kunden Schlange standen, um sich ihre Ersparnisse zurückzuholen.

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Diesmal geht es um eine Datei der Familienunterstützungsempfänger, eine Datei Daten von 7 Millionen Familien, einschließlich persönlicher Angaben finanzieller und medizinischer Natur. Diese Datei hat sich verflüchtigt. Eine Kontrollinstanz, das National Audit Office (NAO)hatte sie vom Fiskus angefordert und präzisiert, dass die in ihr enthaltenen vertraulichen Angaben nicht gebraucht würden. Antwort und Verfahrensweise der Behörde: es sei zu teuer, diese Angaben herauszunehmen. Ebenfalls aus Kostengründen wurden die Dateien in Form von zwei CDROM mit einem privaten Postservice ohne Einschreiben übermittelt! Ergebnis: sie kamen gar nicht erst an, man weiß nicht in welche Hände sie gefallen sind, und die Briten wurden aufgefordert, Bewegungen auf ihren Konten besonders aufmerksam zu verfolgen. Der teure Darling musste sich öffentlich entschuldigen...

 

Neuere Untersuchungen versuchen zu zeigen, ob, wann und wie die Wolkenbildung auf der Erde vom Fluss ionisierender Teilchen aus dem Weltraum (besonders von der Sonne: sogenannter "Sonnenwind") beeinflusst wird. Wie dieser Fluss sich auf die Atmo-(Tropo-)sphäre verteilt, hängt von Richtung und Stärke von Magnetfeldern ab, von dem der Sonne und dem der Erde. Wenn sich der magnetische "Dipol" der Erde zu niederen Breiten hin dreht oder gar umkehrt, ändert sich die Verteilung und eventuell dann auch die Wolkenbildung. Aus der Analyse fossiler Funde - magnetische Komponenten im ehemals flüssigen Gestein konservieren Richtung und Stärke, die das Erdfeld beim Erstarren aufwies - weiss man, dass das Magnetfeld in erdgeschichtlichen Zeiträumen mehrfach die Polarität wechselte und ’seine Stärke stark schwankte.

Man denkt, dass der Erdmagnet durch Wirbel und Ströme im äusseren Bereich des heißen Erdkerns in Gang gehalten wird - bewegte Ladungen (ionisierte Materie) erzeugen Magnetfelder.

Übrigens schützt uns das Erdfeld vor allzu starkem "Sonnenwind", vor der ionisierenden (radioaktiven) Strahlung der Sonne (weil es geladene Teilchen ablenkt). Wenn es sich "abschalten" würde, wären die Folgen für die Atmosphäre und das Leben auf dem Planten wohl tatsächlich katastrophal - Wissenschaftler verweisen gern auf Mond und Mars die "früher" auch mal Magnetfelder hatten.

 

 

Dienstag 4. Dezember 2007

Nachts unterm Sternenhimmel!

#91

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In Belgien passieren dieser Tage komische Dinge, nicht nur in der Politik. Die Geschichte, die uns interessiert, spielt im französischsprachigen Raum. Seit einer Woche zeigen uns Zeitungs- wie Fernsehmeldungen nächtliche Bilder von in Decken gehüllten Frauen und Männern, die notdürftig auf der Straße kampieren. Es sind weder Obdachlose, noch Streikende, sondern Eltern von Schulkindern! Ein vor kurzem in Kraft getretenes Dekret liberalisiert die Zulassung zu den Schulen: die Eltern können jetzt die Schule für ihre Kinder wählen, und für die Einschreibung gilt: "wer zuerst kommt, der zuerst malt", und kein weiteres Auswahlkriterium. Die Maßnahme sollte die Verteilung auf die Schulen erleichtern und die soziale wie kulturelle Mischung fördern.

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Das Ergebnis ist leider fast das Gegenteil: die eifrigsten Eltern, also meistens die sozial und intellektuell besser ausgerüsteten, stürzen sich auf die "besten" Schulen. Sie waren es, die man da, halb lachend, halb wütend, auf den Bürgersteigen der großen Städte sitzen sah. Die Thermosflasche in der Hand warteten sie auf die Öffnung der Einschreibbüros, wie jugendliche Fans vor dem Konzert ihres Idols. In der Libre Belgique äußert sich ein Soziologe sehr streng zur neuen Regellung: "Es wird einen übertriebenen Wettlauf um die sogenannten "guten" Schulen zwischen den Familien geben. Damit stärkt man das Gefühl eines Dschungel kamfs und die Vorstellung, dass es gute Schulen gäbe und andererseits schlechte, denen es um jeden Preis zu entkommen gälte." Dutzende von Einsprüchen gegen das neue System sind jetzt schon anhängig.

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Die Eltern, die da nachts der Kälte und den Unbilden des Wetters trotzten, hatten reichlich Zeit, sich den Sternenhimmel anzusehen. So wie es Chinesen und Südafrikaner in dieser Woche taten. Erstere haben den Mond bewundert, um sich in ihrem Ruhm zu "sonnen". Premierminister Wen Jibao selbst enthüllte die hochauflösenden Mondfotos, die der Chinesische Satellit Chan’e 1 liefert. Der Welt sollte gezeigt werden, dass das Reich der Mitte es besser kann als das Reich der aufgehenden Sonne. Zwei Wochen zuvor hatte nähmlich ein japanischer Satellit einen Erdauf- und Untergang aufgenommen, wie er vom Mond aus zu sehen ist. Das Bild der Chinesen zeigt ein 460 km langes und 280 km breites Stück Mond in der Nähe des Südpols unseres Satellitens in verblüffender Schärfe. Der chinesische Nationalismus entspricht natürlich nicht dem Geschmack der Japaner, die nichts besseres zu tun haben, als sich über sie lustig zu machen: "Chinesen sind mit Parolen und Lobeshymnen zufrieden, Japaner wollen mehr!"

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In Südafrika schaute man auf Venus. Die europäische Sonde Venusexpress, die erste Reise der europäischen Raumfahrtagentur zu unserem Morgen- und Abendstern, erwies sich als sehr vielsagend. Aber auch als erschreckend. Das Porträt, das die Sonde liefert, zeigt alle Zeichen eines fürchterlichen Chaos. Ein lebendiges Gestirn, von Blitzschlägen und elektromagnetischen Entladungen geschüttelt. Wissenschaftler haben daraus geschlossen, dass Venus früher, in unfassbarer, weil so weit zurückliegender Vorzeit, einmal hätte von Wasser bedeckt sein können, von Ozeanen so weit das Auge reicht, um dann durch einen enormen Treibhauseffekt auszutrocknen. Jedwede Ähnlichkeit mit einem anderen Planeten ist natürlich rein zufällig...

 

 

Dienstag 18. Dezember 2007

Weihnachtliche Fehlkalkulationen

#93

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Die Präsidentin regt sich nicht ab. Gegen die Vereinigten Staaten, gegen das FBI und vielleicht sogar gegen den venezolanischen Präsidenten Chavez. Gerade wurde sie gewählt und sie will auf keinen Fall zulassen, dass ihr der Sieg durch einen Koffer voller Dollars, noch obendrein konfiszierten Dollars, verdorben wird. Die Präsidentin ist Cristina Kirchner, die frisch gebackene Chefin von Argentinien. Da steht sie nun, eingeholt von einem stinkenden Koffer mit 800 000 Dollar, der im August 2007 im Flughafen von Buenos Aires beschlagnahmt wurde. Die skandalhungrige argentinische Presse verfolgt von Tag zu Tag, ja fast von Stunde zu Stunde das Auf und Ab der Affaire.

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Am 14 August dieses Jahres landete also Guido Antonini Wilson, ein amerikanisch-venzolanischer Geschäftsmann an Bord einer Maschine der ENARSA, einer staatlichen argentinischen Flugesellschaft. Er reiste zusammen mit argentinischen und venezolanischen Beamten, die den für den nächsten Tag geplanten Besuch von Hugo Chavez, dem venezolanischen Staatschef vorzubereiten hatten. Beim Durchgang durch die Zollkontrolle fordert man ihn auf, einen kleinen schwarzen Koffer zu öffnen: drin lagen 800 000 Dollar in fein geordneten Scheinen. Das Geld war nicht deklariert, wird beschlagnahmt und der Geschäftsmann geht seiner Wege. Zwei Tage später eröffnet dann die argentinische Justiz ein Strafverfahren wegen Schmuggels. Doch der Vogel ist ausgeflogen.

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Für was oder vielmehr für wen war die unglaubliche Summe bestimmt? Die Antwort kam vom FBI. Im August also: die Wahlkampagne in Buenos Aires ist in vollem Gang, aber die Gattin des Präsidentin, die für seine Nachfolge kandidiert, erscheint bereits als Favoritin. Der venezolanische Präsident hält mit seiner kleinen Schwäche für Cristina nicht hinter dem Berg. Seither hat sie die Wahl gewonnen, wurde am 10. Dezember auch schon in ihr Amt eingeführt. Und dann, zwei Tage später, werden zwei Venezolaner unter dem Verdacht, für ihr Land zu spionieren, in Miami verhaftet und lassen sozusagen die Katze aus dem Sack: der Koffer im August, mit dem Geld, war bestimmt für Cristina, für ihre Wahlkampagne.

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Die Präsidentin dementiert mit aller Kraft. Der Botschafter der Vereinigten Staaten in Argentinien wird einbestellt und es kommt zu tumultartigen Auseinandersetzungen. Der Justizminister zieht aufs Schlachtfeld und verlangt die Auslieferung von Guido Antonini Wilson, dem dubiosen Geschäftsmann. Hugo Chavez stimmt ein in das Klagelied und schreit etwas von einer amerikanischen Verschwörung gegen sein Land und gegen "fortschrittliche Regierungen" in Lateinamerika. Und schon werden auf der Titelseite einer der größten Tageszeitungen von Buenos Aires neue Anschuldigungen gegen das Regime Kirchner erhoben: der berühmte Guido habe 2 Millionen Dollar Schweigegeld erhalten. Heute 2 Millionen ausgezahlt, gestern 800 000 nie erhalten: Frau Kirchner wird vielleicht eine gute Präsidentin, aber im Rechnen ist sie ganz entschieden eine Null!

 

 

Montag 31. Dezember 2007

Diesseits der Grenze Ticket ungültig.

#94

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Es war an einem der letzten Tage des Jahres 2007, eines nur mäßig sympathischen Jahres, könnte man sagen... Auf zwei Kontinenten in zwei kleinen Ländern, Israel und Schweiz, - jedes auf seine Weise umklammert - : zwei bedeutende Tageszeitungen brachten eine in vielen Punkten bedauerlich ähnliche Geschichte. Haaretz widmete seine Titelseite den in den Straßen von Tel Aviv immer häufiger zu sehenden Flüchtlingen aus Afrika, während Le Temps den langen Weg von Ibrahim Zili beschrieb, eines typischen Einwanderers aus Makedonien, der nach fünfzehn Jahren unter oft unwürdigen Umständen im Untergrund endlich auftauchen konnte.

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In Sachen Asyl oder illegale Einwanderung haben die beiden Länder sicherlich nicht die gleiche Vorgeschichte. Die Eidgenossenschaft, ein altes Staatswesen und seit langem Asyl für viele Einwanderer aus aller Herren Länder betreibt eine Art Sägezahnpolitik gegenüber ihren politischen oder ökononmischen Asylbewerbern. Unter dem Druck fremdenfeindlicher Populisten, die zur ersten Kraft im Land geworden sind, stehen die Zeichen gegenwärtig auf Abweisung. Man schätzt die Zahl der Illegalen (die meisten aus den Balkanländern), die im Hotel- und Gaststättengewerbe, sowie in der Bauindustrie und in der Gebäudereinigung Arbeit finden, auf 100 000.

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Das junge Land Israel hat sich zweifellos nicht vorstellen können, ein Eldorado für Afrikaner zu werden. Die beiden Zentren in denen die illegalen Einwanderer untergebracht werden, reichen nicht mehr aus. Ein drittes wurde gerade eröffnet. Es sollen etwa tausend sein, darunter Frauen und Jugendliche, die aus Eritrea, aus Darfur oder von der Elfenbeinküste über die israelisch-ägyptische Grenze ins Land gekommen sind und ohne Alles in den Straßen der Städte herumirren. Als "Slaven der Hoffnung", bezeichnet sie einer von ihnen selbst. Der Zustrom wächst beständig, obwohl der Staat Israel sich weigert, das Problem anzugehen, - es nicht einmal wahrhaben will, entrüstet sich Haaretz. Die Illegalen überleben mehr schlecht als recht dank privater Fürsorge.

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Fünfzehn Jahre lang hat auch Ibrahim Zili sich dank eines privaten Netzwerks über Wasser gehalten. In Makedonien konnte er als Muslim keine Stelle finden; in der Schweiz wanderte er von einer Arbeiterunterkunft zur anderen, von den Baustellen bis zum Luxusrestaurant. Obwohl stets illegal, hat er doch die Größen der schweizer Politik bedient, bis hin zum Nationalrat Christoph Blocher selbst, der Symbolfigur für die gegenwärtige abweisende Haltung der Schweiz. Er gesteht, dass er mit Angstgefühlen im Bauch diesem persönlichen Gegner serviert habe. Der hat ihm am Ende der Mahlzeit die Hand geschüttelt, nicht ahnend dass sie einem Aussätzigen des 21ten Jahrhunderts gehörte.

Ibrahim Zili wurde von Gesetzesänderungen quasi geschüttelt. Jedesmal wenn er das Bleiberecht beantragte, schlossen ihn neue Regellungen von der Zulassung aus. 2006 begann er, von einem Freund unterstützt, Referenzen zu sammeln, von denen, denen er den Champagner servierte. Seiner beruflichen Integration verdankt er vielfältige Unterstützung und die Behörde des Ministers Blocher erklärt sich bereit, den Artikel 13, Absatz f des Fremdengesetzes anzuwenden: sein Not findet endlich Beachtung. Gerade ist er mit seiner Familie in eine kleine aber normale Wohnung eingezogen, in die erste die er seine eigene nennen kann.