Montag 22. Januar 2007

Das Tal der Tränen

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"Angefangen hat das Ganze mit einer Reihe eher milder Beschimpfungen in einer Fernsehsendung mit fallenden Zuschauerzahlen" schreibt Carolyn Churchill in The Herald, der schottischen Tageszeitung aus Glasgow. Und dennoch: aus dieser unbedeutenden Affäre wurde dank Globalisierung und Internet eine diplomatischer Zwischenfall zwischen einer früheren Kolonie und der ehemaligen Kolonialmacht. Ein paar Wochen vor dem 60ten Unabhängigkeitstag Indiens fordert die Regierung der "größten Demokratie der Welt" ganz offiziell eine Erklärung, um nicht zu sagen eine Entschuldigung für das, was sich bei "Celebrity Big Brother", einer Fernsehsendung, Mittelding zwischen der "Star academy" und "Le maillon faible" ("Das schwächste Glied"), zugetragen hat.

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Die indische Presse ereifert sich und unterstützt die sehr aufgeheizte öffentliche Stimmung, in der man vor der Botschaft demonstriert und britische Fahnen verbrennt. So klagt die bedeutende Times of India die "Päpste von Channel 4" an, dass sie "während im Internet ein leidenschaftlicher Kampf für die bedrängte Shilpa geführt wird, behauptet, ihr Leiden sei nichts weiter, als des Ruhmes Preis".

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Gordon Brown auf Reisen in Indien und Tony Blair vor dem Parlament müssen Stellungnahmen abgeben: Die Hindustan Times berichtet, dass der indische Staatssekretär im Außenministerium, Herr Anand Sharma, anläßlich der Bekanntgabe des Programms für das hundertste Jubiläum der Bewegung Mahatma Ghandis, Maßnahmen angekündigt habe, sobald er über die Einzelheiten der Affäre unterrichtet sei. "Nicht umsonst", hat er hinzugefügt, "ist Indien das erste Land, dass sich für das Ende der Apartheid in Südafrika eingesetzt hat".

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Was also ist passiert? Die Sendung Celebrity Big Brother versammelt neun Ruhmeskandidaten (sic!) in einer Wohnung, wo sie eingeschlossen und 24 Stunden am Tag gefilmt werden. Das Spiel besteht darin, die anderen durch die Zuschauer abwählen zu lassen, also ist die Unterhaltung zwischen den Teilnehmern nicht gerade freundlich. Shilpa Shetty ist 31 Jahre alt. Sie gehört zu den Teilnehmern und sie ist (relativ wenig) bekannt als Starlett in Bollywood, wo sie in etwa 40 Filmen aufgetreten ist. Die Mitbewohner, besonders die Mitbewohnerinnen, nehmen sie ziemlich bald aufs Korn, wegen ihrer Manieren, ihres Akzents, ihrer Küche und anderer Eigenheiten. Die hübsche indische Schauspielerin, die aus einer bürgerlichen Familie in Bombay stammt, weint, und ihre Tränen bewegen die ganze Welt. Zunächst hat sie zwar gemeint, die Angriffe seien nicht rassistisch, später ändert sie aber ihre Meinung und klagt über den Rassismus, mit dem man ihr, mehr noch als ihrem Konkurrenten Jermaine Jackson, dem einzigen weiteren farbigen Teilnehmer, begegnet. Zahlreiche Persönlichkeiten kommen ihr zu Hilfe, darunter die indische Schriftstellerin Kiran Desai, Preisträgerin des berühmten Booker Prize (eine unserer Chroniken war ihr gewidmet): auch sie sei wiederholt Opfer rassistischer Diskriminierung gewesen.

Ergebnis: Weinen und Flehen rühren die Zuschauer, und am Ende hat die Hauptgegnerin von Shilpa 82% der Stimmen gegen sich. Jade Goody, eine frühere Gewinnerin in dieser Sendung, hatte sich, ebenfalls unter Tränen, in einem öffentlichen mea culpa sogar selbst bezichtigt ("ich bin ein rassistisches wildes Tier"). Am anderen Ende der Welt weint man vor Freude.

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Etwas weiter links auf der Weltkarte hat auch Kanada in dieser Woche geheult, aber nur vor Rührung und Freude. Eine Geschichte, die einen Roman abgeben könnte, und das trifft sich gut, denn einer der Protagonisten ist ein berühmter Romancier. Schlagzeile in der National Post in Toronto am letzten Donnerstag, und Stewart Payne beginnt seinen Artikel so: "Einer der Brüder wurde Maurer, der andere ein Schriftsteller von internationalem Rang. Über Jahrzehnte wußte keiner von ihnen von der Existenz des anderen". So etwas nennt man ein Familiengeheimnis, und die Welt besteht beinahe im Wesentlichen aus solchen. Trotzdem ist diese Geschichte beispielhaft in ihrer wilden Romantik und weil eben einer der beiden Brüder Ian McEwan ist, der britische Schriftsteller und Booker Preisträger (1998), der Familiengeheimnisse, Lügen und den Griff der Vergangenheit nach der Gegenwart zum wiederkehrenden Stoff seiner Bücher gemacht hat, besonders in einem seiner letzten: "Abbitte" (Diogenes Verlag Zürich 2002,englisch "Atonment", Übersetzung Bernhard Robben).

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Hier hat also die Realität die Fiktion eingeholt: es ist die Geschichte von Rose, einer Engländerin aus der Londoner Vorstadt, die während des Krieges, als ihr Mann an der Front ist, eine Liaison mit einem Offizier eingeht. Ein Kind kommt zur Welt und Ernest, der Ehemann, kündigt seine Heimkehr an. Da gibt Rose im "Mercury Reading" eine Annonce auf: "Suche Zuhause für einen Monat alten Säugling. Wird garantiert rückhaltlos zur Adoption freigegeben". Das kinderlose Ehepaar Sharpe antwortet auf die Anzeige. Im Bahnhof von Reading (an der Themse) erfolgt die Übergabe. Aber Ernest muss wieder an die Front und stirbt bei der Landung in der Normandie. Exit Ernest, erscheint David McEwan, der Vater des ausgesetzten Kindes. Man heiratet, ein zweites Kind wird geboren: der spätere große Schriftsteller. Sechzig Jahre sollte es dauern bis, dank der Nachforschungen durch die Heilsarmee, die beiden Brüder, die nur ein paar Kilometer von einander getrennt leben, sich finden. Der Maurer hat dem Schriftsteller vorgeschlagen, die Geschichte aufzuschreiben. Der Schriftsteller hat abgelehnt, und jetzt schreibt sie der Maurer auf...

 

Ian McEwan,geboren 1948, wuchs als Sohn eines britischen Offiziers in Asien, Deutschland und Nordafrika auf, studierte in England (Universität East Anglia, Malcom Bradbury’s Kurs "Kreatives Schreiben") mit der Perspektive Schriftsteller. Unter mehrere Auszeichnungen auch der Shakespeare Preis der Hamburger Alfred Töpfer Stiftung 1999.

Felicitas von Lovenberg schrieb in der FAZ vom 31. August 2002 zu "Abbitte":
"Schon in seinem 1978 veröffentlichten "Zementgarten" hat McEwan die unheimliche Zone zwischen Kindheit und Erwachsensein beleuchtet." Sie zitiert aus dem Roman:""Von einem Erwachsenen gehaßt zu werden aber glich der feierlichen Aufnahme in eine neue Welt, war gleichsam eine Beförderung." 
2006 wurde McEwan vorgeworfen, er hätte Lucilla Andrews’ (1919-2006, bekannte Autorin vieler "Krankenhausromane") Autobiographie "No Time for Romance" (Keine Zeit für Romanzen) plagiiert, obwohl er seine Quelle im Buch anerkennt und Andrews kurz vor ihrem Tod die Anerkennung noch amüsiert zur Kenntnis nahm. McEwan verwahrt sich energisch gegen den Vorwurf. Unter den vielen Schriftstellerkollegen, die seine Ansicht unterstützten auch Thomas Pynchon (geb. 1938, amerikanischer Autor).

 

Montag 29. Januar 2007

Kuba si, Kuba no

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Falls Sie wegen der Nachfolge für Fidel Castro, "lider massimo", beunruhigt sein sollten: ein kleiner Umweg durch die kubanische und venezolanische Presse wird sie beruhigen. Alle Zweifel verflüchtigen sich über der Lektüre der letzten Ausgaben und Sie werden überzeugt sein, dass der nächste Regierende in La Havana - Hugo Chavez sein wird (vorausgesetzt, dass nicht Castro die Macht in Caracas übernimmt: bei einem solchen Mann ist alles möglich, trotz seiner Gesundheitsprobleme).

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Gehen wir zunächst nach Kuba, zur Tageszeitung Granma, dem offiziellen Organ des Zentralkomitees der kommunistischen Partei Cubas, wie man ehemals sagte (gar so lang ist es noch nicht her)... Granma(Großmutter) ist der Name des legendären Schiffs, das Mitte der fünfziger Jahre die Revolutionäre von Mexiko nach Cuba brachte. Also, auf der Titelseite der Ausgabe vom 25. Januar (aber auch auf fast allen anderen Titelseiten der Woche) sieht man Hugo Chavez, den gerade wiedergewählten Präsidenten von Venezuela, von vorn und im Profil und mit breitem Lächeln sowie ein Schriftstück, mit dem er offenbar sehr zufrieden ist. Dazu folgender Titel über die ganze Breite der Seite: Die Integration von Venezuela und Cuba wird stärker. Das spanische Wort "integracion" bedeutet auch Zusammenschluss.

Tatsächlich haben die Cubaner und die Venezolaner gerade eine Reihe bilateraler Verträge unterzeichnet. Zu Transport, Telekommunikation, Finanzen,Landwirtschaft, Industrie, Bergbau, Energie und Tourismus. Kurz, zu allen wesentlichen Lebensbereichen eines Landes. Mehr noch als über diese Anschluss-"Integration" hat sich Präsident Chavez über einen Brief von Fidel Castro gefreut, in dem ihm der Kranke, quasi aus der Agonie heraus, mit fester Hand, wie Chavez betont, versichert, "wir brauchen Dich, wir mögen Dich und ich hoffe, dass wir bald eines dieser Treffen haben werden, mit denen wir uns gegenseitig unterstützen!"

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Auf Seiten Venezuelas wird die "Integration" mit sehr viel gemischteren Gefühlen aufgenommen. In den Augen von El Universal, eine dem gegenwärtigen Machthaber wenig gewogene Tageszeitung, ist die Verlegung eines unterseeischen Telefonkabels von Caracas nach La Havana der erste Schritt zu einer Kubanisierung des Landes. Dringend müsse sich eine Widerstandsfront gegen die Kubanisierungspläne bilden. Diese Front hat sich in Washington, auf Initiative einer Gruppe junger, in den Vereinigten Staaten lebender Venezolaner schon formiert. Der Verein hat auch einen Namen: Solidarische Kraft... Sie bekennen, dass sie die Verbreitung des castristischen Modells in Lateinamerika via Hugo Chavez verhindern wollen und klagen die in Caracas arbeitende "Diktaturfabrik" an.

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Dagegen titelt El Nacional sehr viel regimefreundlicher und freut sich über die bevorstehende Abreise von 100 000 Venezolanern, die in Kuba die notwendige Infrastruktur schaffen sollen für die Entwicklung eines sozialen, volksnahen Tourismus. Die Venezolaner bringen ihre Logistik, die Kubaner ihre Fachkenntnis in Sachen Tourismus, der sich in den letzten Jahren auf ihrer Insel beträchtlich entwickelt hat. Bleibt die Frage: Was wird, wenn die beiden Länder sich vereinen, aus Guantanamo? Ein Naturschutzgebiet?

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Auf der Titelseite von La Presse, der Tageszeitung aus Quebec konnte man diese Woche, überrascht von vermeintlicher Offensichtlichkeit, lesen: "Es ist verboten, Frauen zu steinigen!". Wer würde nicht annehmen, dass so etwas in der "Belle Province" (Schöne Provinz) streng verboten ist. Wer hat also und warum geglaubt, an diese Offensichtlichkeit erinnern zu müssen?

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Die Geschichte kam in Hérouxville auf, einer kleinen Stadt (1300 Seelen)in der Mauricie (eine herrliche Region der Seen und Hügel im Westen der Region von Quebec). Es fing im Herbst an, mit der Debatte über das "accomodement raisonnable" (wörtlich: vernünftige Anpassung), in Kanada die Bezeichnung die das "miteinander Auskommen" definiert. Auf Anregung der Gemeinde hatte ein Stadtrat von Hérouxville eine Umfrage bei 196 seiner Mitbürger (/innen?) gestartet, mit folgenden Fragen, die unsere Kollegin Katia Gagnon in ihrem Artikel wiedergibt:" "Glauben Sie, dass Männer und Frauen den gleichen Wert haben?" Antwort: 193 Ja, ein Unentschieden, zwei Nein. "Würden Sie es hinnehmen, dass man ihnen den Weihnachtsbaum verbietet?" Einhellige Antwort: ein klares Nein. "Würden Sie hinnehmen dass der Alkoholkonsum gesetzlich verboten wird?" Ein klares Nein. "Glauben Sie, dass ein Krankenpfleger eine Frau pflegen kann?" 194 Ja. Und schliesslich die Hunderttausenddollarfrage: "Sehen Sie sich als Rassist?" Antwort: 196 mal Nein.

Gestärkt durch seine Umfrage hat der Stadtrat seinen Text zur Abstimmung und zur Annahme gebracht, der wie folgt die Normen festlegt: "Wir betrachten Männer und Frauen als gleichwertig. Daher kann eine Frau unter anderem: ein Auto fahren, frei abstimmen, Schecks unterzeichnen, tanzen, selbst eintscheiden. Wir halten für nicht zulässig, Frauen auf öffentlichen Plätzen zu steinigen oder zu verbrennen, sie mit Säure zu übergießen, sie zu beschneiden, usw., usw."

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Seither hat die Initiative im ganzen Land von sich reden gemacht. Menschenrechtler und Juristen sind beunruhigt... Das Rathaus erhält 300 Emails pro Stunde, Proteste und Zustimmung. Oh, ich habe eins ganz vergessen, eine Information, die von Mario Girard stammt und das Ganze erklärt: in Hérouxville leben, stellvertretend für die Immigration, eine Familie dominikanischen Ursprungs, ein Franzose, ein US-Amerikaner, eine Familie aus Neu-Schottland und dieser Spitzbube Samuel, 7 Jahre, mit ebenholzschwarzer Haut, adoptiert von einem Paar der Eingeborenen!

Montag 5. Februar 2007

Freie Marktwirtschaft

 

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"Freiheit ist besser als keine Freiheit" Also sowas! Dieser historische Satz kam in der letzen Woche in Davos aus dem Mund von Dmitri Medwedjew. Wer ist dieser Dmitri Medwedjew? fragten die Teilnehmer der jährlichen Großbegegnung von Industrie und Finanz mit der Politik. Dmitri Medwedjew - behalten Sie den Namen gut im Kopf - , Autor der verblüffenden Wahrheit, hat im Moment die etwas undurchsichtige Funktion eines "ersten stellvertretenden Premierministers" in Moskau, und ist der Dauphin von Wladimir Putin, der sich seinerseits so seine Freiheiten mit der Freiheit herausnimmt...

Der unter Umständen nächste starke Mann im Kreml entwickelte vor einem gebannten Kongresspublikum seine Vorstellung von Demokratie unter der nüchternen Überschrift "Wege der Entwicklung im gegenwärtigen Russland, Schwerpunkte, Wachstumsprobleme und -aussichten". Er weiß Worte zu finden, seine Zuhörer zu überzeugen: "Nach einem Jahrhundert der Revolution, des Bürgerkriegs, des Weltkriegs und der Wirtschaftskrise schaffen wir heute neue Einrichtungen nach ganz und gar demokratischen Prinzipien, die nichts zu wünschen übrig lassen". Man kann Dmitri Medwedjew nach dieser ersten Vorstellung in der großen weiten Welt eine glänzende Zukunft voraussagen: er beherrscht den Jargon erstklassig. Die Tageszeitung Iswestja, ein Flagschiff der Presse in sowjetischen Zeiten, die anschließend mit Sack und Pack an eine Bank ging, bringt die Rede ausführlich.

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Vielleicht hat dieser noch junge Mann einen der Symbolfilme der Perestroika gesehen: "Die Freiheit ist das Paradis" von Sergei Brodow. Auf russsich hört sich der Titel wie eine Drohung an: "swoboda eto rai". Der Film erzählt von den Wanderungen des 13jährigen Schurik auf ungangbaren Wegen: ein Junge, der aus einem Erziehungsheim entlaufen ist und seinen Vater in einem Gefängnis am anderen Ende des Landes sucht. Schurik entdeckt, dass die Freiheit draußen eine relative ist, aber das am Ende, trotz allem, Freiheit besser ist als Freiheitsentzug...

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Die deutschen Bergleute werden 2018 ganz frei sein. Die Luxemburger La Voix (Die Stimme) erklärt uns, dass die Regierungskoalition in Deutschland nun nach Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Portugal beschlossen hat, die Subventionen für den Bergbau (etwa 2,5 Milliarden Euro pro Jahr) zu stoppen. Es gibt ungefähr 30 000 Bergleute jenseits des Rheins, die noch Tag für Tag einfahren. Die Regierung hat also beschlossen sich dieser Menschen nach Gewinn- und Verlustrechnung abzustoßen, weil die Kohleförderung in Polen oder Südafrika viel rentabler ist.

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Kim Jong-nam, der Sohn des allseits geliebten Führers von Nordkorea, Kim Jong-il, ewige Sonne von Pyongyang, ist bereits ein freier Mann. Die South China Morning Post, Tageszeitung in Hongkong, meldet, dass der in Aussicht genommene Nachfolger des nordkoreanischen Diktators aus seinem Land geflohen sei(man fragt sich warum), um sich in Macao, dem Finanz- und Touristenparadies vor den Küsten Chinas, zugleich beliebte Spielhölle, niederzulassen. Seit drei Jahren kann man das Hätschelkind von 35 Jahren an den Spieltischen der Kasinos, in den besten Restaurants der Insel sehen. Er wohnt in einem fünf Sterne Hotel, während sich seine Familie in einem anderen Paradies versteckt. Die japanischen, chinesischen und koreanischen Kommentatoren stellen die entscheidende Frage: wird dieser geliebte Sohn, der auf die besten Schulen im Westen geschickt wurde bevor er im politischen Sicherheitsdienst seines Landes einen Posten bezog, wird er am 16. Februar zum 65. Geburtstag seines Vaters erscheinen? Das Problem: Freiheit ist besser als Freiheitsentzug.

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Freiheit war auch das Thema des 18ten internationalen Plaidoyer-Wettbewerbs im Memorial von Caen in Frankreich. Gedankenfreiheit in China (in China oder in Russland); Freiheit, leben zu können (für die Bedzang, ein Pygmäenvolk in Zentralafrika); Freiheit, über den eigenen Körper zu verfügen (für die Frauen in der ganzen Welt); oder auch einfach die Freiheit, zu kommen und zu gehen in Westeuropa, wo die sechsjährige, kleine Tumba aus Zaire mehr als zwei Monate zusammen mit ihrer Mutter in einem geschlossenen Zentrum am Stadtrand von Brüssel zubringen musste, bevor die beiden mit Gewalt nach Kinshasa abgeschoben wurden. Kann man Kinder einsperren? Diese Frage hat der belgische Rechtsanwalt Alexis Deswaef immer wieder dem bestürzten Publikum und der Jury gestellt. Freiheit ist ganz entschieden besser als der Freiheitsentzug.

 

Montag 12. Februar 2007

Das süße Leben

 

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Sie sind zu fünft in einem roten Cabriolet. Vier Frauen und ein Mann. Jung, gekleidet wie für eine Party und anscheinend reich. Die Frauen starren nach rechts, aber man sieht nicht, was ihre Aufmerksamkeit erregt. Eine hält sich die Nase mit einem Taschentuch zu, eine andere fotografiert mit ihrem Handy. Im Hintergrund ein paar Männer, ebenfalls jung, mit und ohne Handy am Ohr. Dahinter Trümmer, eingestürzte Mauern, ein umgefallener Schrank, Pflanzen. Das Bild wurde von dem amerikanischen Fotografen Spencer Platt am 15. August 2006 in Beyrouth, nach den israelischen Bombenangriffen, aufgenommen und wurde mit dem internationalen Preis für das beste Pressefoto ausgezeichnet. In der letzten Woche war es auf mehreren Titelseiten rund um die Welt zu sehen. Quasi lyrische Legenden streben nach Angemessenheit: "Die Schönen und der Krieg" titelt die Süddeutsche Zeitung und zitiert die Jury: "Komplexität und Widerspruch inmitten des Chaos", "Reichtum und Schönheit inmitten der Bombenkrater" der oesterreichische Kurier, "Jeunesse dorée in den Ruinen von Bagdad" der tschechische Dnes, und die brasilianische Gazeta Do Povo kommentiert mit einer Frage: "La Dolce Vita?"

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Das Bild ist schön. Zu schön. Es erregt Unbehagen. Nicht nur weil es den Voyeurismus von ein paar jungen, sensationshungrigen Leuten darstellt. Sondern weil es gestellt anmutet, fast wie eine allzu saubere Fotomontage. Von vorne bis in die Tiefen scheinen sich die Ebenen eher zu überlagern, anstatt aufeinander zu folgen. Und man fragt sich auch, warum der Fahrer aufmerksam auf die Straße sieht, obwohl er so langsam fährt. Warum gibt es überhaupt keinen Blickkontakt mit den Leuten zu Fuß? Kann in einer verwüsteten Umgebung so ein aufälliges Auto ohne Schaden überhaupt fahren? Ein Pressefoto ist nicht unbedingt eine Momentaufnahme der Realität. Ausschnitt, nachbearbeitete Farben und Kontraste können durchaus einen irrealen Eindruck vermitteln.

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Auch sie waren jung (ihre Zähne sind noch in Ordnung), ob reich, das weiß man nicht, aber sie scheinen sich geliebt zu haben und aller Wahrscheinlichkeit nach starben sie eines gewaltsamen Todes. Archeologen haben sie in der Nähe von Mantova in Italien, 40 km von Verona, gefunden. Sie wurden vor 5000 Jahren, vielleicht vor 6000 Jahren begraben, die Skelette liegen zärtlich sich umarmend da: "Ich werde Dich ewig lieben" titelt die Washington Times. Elena Menotti, die Forscherin, die die Liebenden in ihrer Umschlingung in einer spätneolytischen Nekropole entdeckte, ist hingerissen: "Über tausende von Jahren hinweg, spüren wir die Kraft ihrer Liebe. Denn mit Sicherheit ist es Liebe, was ihre Nächsten haben andeuten wollen". Das Verhältnis zum Tod hat sich über Jahrtausende hin offenbar wenig geändert...

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Das Verhältnis zum geliebten Menschen hat sich über die Zeitalter hinweg auch nicht sehr geändert. Von damals bis heute, bleibt Eifersucht eine konstante Größe. Die Frau, die sowohl das Opfer (im Gefühl) wie auch die Schuldige ist (was die Versuchung angeht, tätlich zu werden), fiel von hoch oben, sehr hoch, oben herunter, nämlich vom Himmel... Vielleicht gab eine letzte Reise zu den Sternen den Anlass zu einem Anfall von Wahnsinn für Lisa Marie Nowak. Wir finden sie in der letzten Woche auf den Titelseiten der seriösen wie der Sensationspresse jenseits des Atlantik. Lisa Nowak ist Astronautin, Mitglied der NASA-Elite, sie hat 1500 Flugstunden hinter sich und erlebte den Höhepunkt ihrer Karriere im Juli 2006 an Bord der Raumfähre Discovery. Beim Training hat sie sich in einen anderen Piloten verliebt, der auch mit der Discovery starten sollte, nur sechs Monate später. Sie hat eine andere Laufbahn eingeschlagen, eine sehr viel irdischere, von Texas nach Florida, eine Rivalin auszuschalten. Sie wollte die Militärpilotin Coleen Shipman nach ihrer Landung in Orlando erledigen.

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Interessant ist, das Titel und Fotos (die Niedergeschlagene Seite an Seite mit der strahlenden Siegerin) die das eigentlich uninteressante Vorkommnis begleiten, das Thema Fall bis zum letzten durchspielen: "Der brutale Abstieg einer Astronautin" (Los Angeles Times), "Die bizarre Reise der Astronautin endet vor Gericht" )Miami Herald International), und schließlich ein Wortspiel: "The dark side of the loon" (statt moon) - "Die dunkle Seite des Liebchens" (die New Yorker Daily News). Sein oder Nichtsein, das ist die Frage..

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Montag 19. Februar 2007

Zum Leben verdammt

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Wenn man die Titelseiten jenseits des Rheins, aber auch in Oesterreich und in der Schweiz sieht, sagt man sich, diese Frau wurde zur Legende ebenso wie die Bewegung, der sie angehörte. Brigitte Mohnhaupt (heute fast sechzigjährig) kommt frei. Auf Bewährung natürlich, nach 24 Jahren Haft, nachdem sie fünfmal und für neun verschiedene Morde zu Lebenslänglich verurteilt wurde. Damals war sie 33 Jahre alt, so alt wie Jesus, und das ist kein zufälliges Zusammentreffen angesichts der einfachen Ansichten von der Welt, die die Rote Armee Fraktion und andere terroristische Organisationen im Europa der sechziger Jahre und besonders in Deutschland verbreiteten. Das Gute und das Böse, schwarz-weiß, das gute Volk und die bösen Regierenden: ganz wie bei den russischen Nihilisten ein Jahrhundert früher.

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Aus der International Herald Tribune erfahren wir, dass Mohnhaupt aus Rheinberg (in Nordrhein-Westfalen) stammt, aus gutbürgerlichem Haus, und dass sie in München Geschichte und Englisch studierte. Sie gehörte zur zweiten Generation der deutschen Terroristen. Die Gründer, Andreas Baader und Ulrike Meinhof, hatten sich im Herbst 1977 im Hochsicherheitstrakt in Stuttgart-Stammheim "selbst ermordet". Das Jahr 1977 war das mörderischste für die Opfer der RAF, ein Chef der Dresdener Bank und der Präsident der Arbeitgeberorganisation wurden erschossen. Mit 22 Jahren war die laut Presse und Polizei "gefährlichste Frau Deutschlands" in den Untergrund gegangen. 11 Jahre später wurde sie festgenommen. Im Ganzen hat sie damit 35 Jahre hinter Gittern und hinter den eigenen inneren Mauern verbracht.

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Mohnhaupts vorzeitige Freilassung hat, vorallem im sehr konservativen Bayern, zu einer Polemik geführt, in der sogar von "einer Perversion der Justiz" die Rede war. Aber Andere, auch Funktionsträger in jener Zeit und selbst bedroht, erklären, daß es mit der Freilassung seine Richtigkeit habe: "Ein Rechstaat kann es sich leisten, auch einer lebenslänglich Verurteilten die Chance zur Freiheit zu geben", sagt der liberale ehemalige Innenminister Gerhard Baum. Brigitte Mohnhaupt, die also zum 27 März frei kommt, hat im Gegensatz zu zahlreichen reuigen Terroristen von damals keine Gewissensbisse geäußert und will mit den Medien nichts zu tun haben. Was für ein Bild wird sich diese unverbesserliche "Großmutter" von der Welt machen?

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Oft ist die dunkle Periode in Büchern und Filmem verarbeitet worden. Sie ist sicher nicht ohne Bezug zur noch dunkleren der Hitlerzeit und zum kalten Krieg zu sehen. Filmemacher haben versucht, Verbindungen herzustellen, Erklärungen zu geben: Fassbinder (mit zehn anderen Filmemacher/inne/n) hat mit "Deuschland im Herbst" ein Selbstporträt in zehn Kurzfilmen versucht; Schlöndorff hat in "Die drei Leben der Rita Vogt" die Flucht in den Osten, in ein andere Unfreiheit, einer jungen Frau geschildert, die ihre Vergangenheit als Terroristin nie mehr losließ; und Margarethe von Trotta erzählt in "Die bleiernen Jahre" die sich kreuzenden Lebensgeschichten zweier Schwestern, die eine Terroristin, die andere Journalistin. Neuerdings hatThomas Elsaesser in einem Essay versucht, die Bewegung weder entschuldigend noch als Anathema nachzuzeichnen.

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A propos Terrorismus: El Nacional de Caracas verblüfft mit der Schlagzeile: "Al Qaida bedroht die Ölanlagen Venezuelas!" Konteradmiral Luis Cabreran, Mitglied im Stab des Präsidenten, und beauftragt, dieser Bedrohung nachzugehen, zeigte sich sehr erstaunt über die Absicht, einem Land schaden zu wollen, das für seinen Kampf gegen den amerikanischen Imperialismus bekannt ist: "Die Nachricht muss unbedingt geprüft werden, es scheint vollkommen unlogisch, das die Al Qaida, die gegen nordamerikanische Hegemonie kämpft, sich gegen ein Land wendet, das genau wie sie, nur mit anderen Mitteln gegen diesen Imperalismus streitet." Vielleicht liegt es an diesem "nur mit anderen Mitteln". Oder es liegt an der Ölindustrie, dass es zu dieser Verwirrung kommt.

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Auf der anderen Seite des Atlantik entdecken als Terroristen verurteilte Gefangene die Liebe, berichtet Aujourdhui le Maroc. Salafisten waren nach den Attentaten vom 16 Mai 2003 zu schweren Strafen zwischen 10 und 20 Jahren verurteilt worden. Jetzt wollen sie im Gefängnis heiraten. Fünf unter ihnen drohen schon mit unbegrenztem Hungerstreik, wenn ihrer Forderung nicht stattgegeben wird. Menschenrechtler meinen, man solle sie (wie schon andere) gewähren lassen, die Maßnahme käme allen zu Gute, weil sie die soziale aber auch die politische Resozialisation fördere. Marokko gewährt Gefangenen ungefähr einmal alle 20 Tage ein Recht auf eheliche Intimität.

 

Montag 26. Februar 2007

Jedem sein Kino

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Fast 15 Jahre nach seinem berühmten "Es war einmal die Bronx" steht der amerikanische Schauspieler wieder einmal hinter der Kamera. Diesmal für einen Film, der in Moskau nur Schlagzeilen machen kann. Der russische Titel steht der Originalfassung diametral gegenüber: englisch "The good shepherd" (der gute Hirte)wird zu "Die schlimmme Versuchung" in der Sprache Tolstois oder besser Berijas, denn es handelt sich um eine Geheimdienstgeschichte, genauer um die Geburt der CIA (1947)und die ersten Jahre des kalten Krieges. Zwei große russische Tageszeitungen, deren Titelseiten gewöhnlich von politischen Themen bestimmt sind, widmen diesem Film mehrere Seiten. Ein Film aus Hollywood, ein Blick auf quasi vorgeschichtliche Jahre, jedenfalls was die Lebensgeschichte des Regisseurs angeht. Die Zeitungen berichten von einem Interview mit ihm, das sehr überrascht. Wir erfahren da, dass Fantasien von der zweigeteilten Stadt (Berlin), von einer Mauer hinter der sich das sowjetische Imperium abzeichnete, seit langem jenen faszinieren, den man gewöhnlich mit Mafiageschichten in Verbindung bringt. In seinem eigenen Film spielt er die Rolle eines CIA-Generals und kommentiert: "ein Geheimagent muss verdammt schwer zu findende Eigenschaften haben; er muss dasein ohne dazusein, und das zugleich in Gestalt von zwei oder mehr Personen. Aber trotz Allem gibt es Berührungspunkte zwischen der Mafia und den Geheimdiensten: wenn Sie dazugehören, sind Sie Mitglied in einem Männerklub."

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Für seinen Film hat Robert de Niro sich mit früheren Spionen beider Seiten getroffen: in Moskau hat er Stunden mit ehemaligen Mitgliedern des KGB verbracht und gesteht seine Begeisterung: "ich bin faszinierenden Menschen begegnet, keinem Mythos, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, die aufgrund der Situation in der sie sich befanden, zu Kämpfern wurden. Das Unglaublichste aber ist, dass die Ehemaligen beider Lager heute Zuschauer in einem Chaos sind, das sie sich nie hätten vorstellen können.

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Der Londoner Daily Telegraph beschäftigt sich mit einem anderen Film: ein etwas unscharfes Videoband aus einer der über das ganze Land verstreuten Überwachungskameras. Man erkennt eine Silhouette, von hinten, ein wenig links, schwarz, ganz in eine Burka gehüllt. Das Blatt schreibt dazu: die Burkabombe, als sei es in Anlehnung zur menschlichen Bombe. Die Maskerade wurde anlässlich einer Anhörung zur Untersuchung jener zweiten Attentatswelle in London am 21 Juli 2005 entschleiert, die glücklicherweise nicht stattgefunden hat: am folgenden Tag war ein 1,85 Meter großer Mann festgenommen worden, der von oben bis unten, einschließlich der Hände und der Arme, in das traditionell-moslemische Kleid gehüllt war. Zu seiner Verteidigung äußerte er, er habe "einfach wie eine Frau aussehen, sich wie eine Frau kleiden wollen und nichts weiter". Und dann sei, berichtet die Zeitung, Omar Yassin plötzlich vor denen, die ihn verhörten, in Tränen ausgebrochen: "was wird bloß meine Freundin dazu sagen, es wird ihr das Herz brechen". Darauf einer der Polizeibeamten : "die Opfer der Attentate vom 7 Juli haben in der Tat gebrochene Herzen".

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Auch der letzte Film, der diese Woche Schlagzeilen machte, ist ein wenig verwirrend, obwohl von erstaunlicher Präzision. Da sieht man einen Mann, eine Frau, beide jung, schön, lächelnd, das Leben noch vor sich, in einem schönen Kabriolet bei strahlender Sonne, sogar dem Objektiv, das sie verewigt, zugewandt. Doch wenige Sekunden später, im gleichen Amateurfilm, sind die beiden auf immer auseinander gerissen, der Mann auf dem Sitz zusammengebrochen, die Frau nach einem nicht vorhandenen Schutz suchend. Es handelt sich natürlich um das Attentat auf John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas (Texas). Gefilmt von einem Passanten, dessen Nachkommen den Streifen in Kopie dem Sixth Floor Museum in Dallas überlassen haben. Aber nicht nur die Bewunderer des toten Präsidenten "freuen" sich. Es scheint, dass alle CIA und FBI Agenten das Video immer wieder ansehen. Sie versuchen Schusswinkel zu bestimmen und suchen nach Spuren der Mafia oder des KGB, dieser Inkarnation des kalten Krieges. Für das Szenario des nächsten Films von Robert de Niro?

 

Mittwoch 7. März 2007

Glück auf Sand

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Die Leute in den Emiraten sind glückliche Menschen. Die Tageszeitung Gulfnews hat bei den Bewohnern der Vereinigten arabischen Emirate eine ziemlich vollständige Umfrage gemacht, aus der hervorgeht, dass Glück zwar etwas Relatives ist, dass der Begriff aber doch auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden kann: er sei nämlich in erster Linie materiell definiert: Lebenshaltungskosten, Arbeit, soziales Leben. Erst danach kommen Gesundheit und Stabilität. Die Meinungen divergieren, wenn die "kulturellen" Lebensweisen ins Spiel kommen. Die Westler die ihre Zelte in diesem Schlaraffenland aufgeschlagen haben, beklagen sich über den Mangel an Höflichkeit seitens ihrer "Gastgeber". Die, andererseits, klagen über zuviel kulturelle Vermischung seit die Fremden aus Europa, Amerika und Asien einströmen.
Am wenigsten glücklich sind in den Emiraten die asiatischen Arbeiter. Sollte das daran liegen, dass sie auch den niedrigsten Ausbildungsstand haben?

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Geselligkeit ist ein Element des Glücks. Um sie zu fördern ist man in der Ukraine, aber auch in Russland auf eine originelle Idee verfallen: Vereine aller Leute mit dem gleichen Familiennamen. Die Moskowskaja Prawda hat sich den Verein der Schewtschenkos vorgenommen - ein in Kiew verbreiteter Name. Man trifft sich in Cafees, bei dem Einen oder dem Anderen, und natürlich im Internet. Bei unseren slawischen Nachbarn findet man auch sonst alle möglichen Vereine: Leute mit gleichem Vornamen, aus gleichnamigen Straßen, Stadtvierteln, Dörfern. Warum die frenetische Begeisterung für Namen als vereinendes Element? Einer der Initiatoren der Vereinslawine erklärt, man kämpfe gegen eine von Romanschriftstellern vorhergesagte Zukunft, in der wir nur noch als Nummern herumlaufen. Wir, die Moskowskis, die Schymkows oder Kasimirows leisten Widerstand! Umsomehr, je mehr wir uns nahe kommen: Anna Samochina und Sergei Samochin haben sich im Verein der Samochini getroffen. Sechs Monate später waren sie verheiratet...

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Eine Geschichte die aus einem Gaston Lagaffe Komik stammen könnte. Gaston Lagaffe - der Soir de Bruxelles bezeichnet ihn sehr schön als "Poet des Nutzlosen". Ein Held, den sich André Franquin ausgedacht hat, und der nicht erwachsen werden will, feiert sein fünfzigjähriges Jubiläum im Land der Komiks. Der Autor ist gerührt und erklärt: "Ich mag keine Erwachsenen. Ein Erwachsener ist ein missratenes Kind. Jeder sollte - nein muss - gelegentlich handeln wie ein Kind, etwas Nutzloses tun, nur um Spaß zu haben, etwas poetisches, oder nur eine schöne Geste, allein zu seiner Freude." Ein wunderbares Programm.

 

 

Mittwoch 14. März 2007

Gesunder Geist, heiliger Geist.

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Selten macht ein Buch Schlagzeilen. Noch ungewöhnlicher ist, dass auf Titelseiten Worte fallen wie Transzendenz, Dichotomie, Ideologie oder Mythos. Die Tageszeitung Le Devoir in Quebec bricht regelmäßig mit Klischeevorstellungen. So auch diesmal. Sie reagiert auf das Erscheinen einer polemischen Abrechnung mit der Kultur ("Krisenstimmung in der Kultur Quebecs?" Verlag Boréal): die Intellektuellen im schönen Landesteil würden an Depressionen leiden. Eine Feststellung, die in die Wahlkampagne (dort, leider nicht hier in Frankreich) am Vorabend der Wahlen (dort, nicht hier) hineinplatze. Sei an sich schon die Feststellung von einem Werteverlust zugunsten von Hedonismus, Narzissmus, Konformismus und Erlebniskult deprimierend genug, die Mehrheit der befragten Intellektuellen geriete geradezu in Panik: "Unsere Gesellschaft steht vor einem Riesenproblem, eine niedagewesene Situation, unkontrollierbare Veränderungen, jahrtausende alte symbolische Gleichgewichte sind gestört."

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In der Aufstellung der Gründe und Folgen einer solchen Störung findet man in schönem Durcheinander(manchmal sowohl die Sache als auch ihr Gegenteil): Globalisierung, kulturelle und ethnische Verschiedenheit, Überalterung und Stagnation der Bevölkerung, nach Meinung des Verfassers Gérard Bouchard "ein in der Weltgeschichte nie dagewesenes Phänomen". Und natürlich, hinter dem allen die Medien, in denen Meinung triumphiert und die Verschiedenheit gefeiert wird. Kurzum, auf dem Alten Kontinent oder in der Neuen Welt ist die Lage verfahren... Es sei denn, Alles ist, wie manche denken, nur vorübergehend, ein Übergang zu neuen "großen Gedanken, zu aufrüttelnden, schwungvollen Ideen der Jugend: Ökologie, mitbürgerliches Engagement oder auch die virtuellen Welten, der Cyberspace, Mythen ohne Verbindung untereinander, Bruchstücke. Aber ist Verbindung überhaupt nötig?" Angesichts solcher Fragen auf der Titelseite debattieren die Wähler in Quebec, die eifrigen Leser ihrer meistgefragten Tageszeitung ganz bestimt auf einem Niveau hundert Ellen über dem der Franzosen...

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In Japan stehen die Christen vor einer existentiellen Frage: Asahi Shimbum bestätigt, dass die Region Nagasaki mit einer kleinen Sammlung von etwa zwanzig, zum Teil fünf bis sechs hundert Jahre alten Kirchen für das Weltkulturerbe der UNESCO kandidiert. Doch dieser Versuch, die Bauwerke zu retten, die wenig bekannte katholische Vergangenheit Japans aufleben zu lassen, bringt die winzige überlebende (um nicht zu sagen, im Verborgenen lebende) katholische Minderheit im Reich der aufgehenden Sonne in Verlegenheit. Manche Priester sind hin- und hergerissen zwischen der Aussicht auf willkommene Geldströme zur Erhaltung ihrer Schätze und dem Schrecken möglicher Ströme ungezogener Touristen, die ihre Kippen in den Weihwasserbecken ausdrücken, während der Messe Blitzlichtphotos machen oder Graffitti auf die heiligen Wände sprühen. Die Geschichte der Christen in Japan und ihrer Kultstätten wurde bekannt durch einen Roman von Shusaki Endo: "Stille", der die fürchterliche Unterdrückung vom 17ten bis zum 19ten Jahrhundert schildert. Als gebrannte Kinder infolge dieser dunklen Zeiten, leben die Christen lieber glücklich im Verborgenen.

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Das Wiederaufleben der Vergangenheit macht auch den Regierenden in Tokyo regelmäßig zu schaffen. Die Herald Tribune erinnert an das Leiden der "Frauen für schöne Stunden", die den Soldaten Nippons im zweiten Weltkrieg angeboten wurden. Der neue japanische Ministerpräsident leugnet wieder einmal öffentlich diese Vorgänge, auch wenn er nicht so weit geht wie alte Offiziere, die ihre Opfer als Prostituierte bezeichnen und so noch mehr stigmatisieren. Jetzt hat dieser neuerliche Negationismus jedoch drei Großmütter, die sich nicht kannten und die nicht einmal die gleich Sprache sprechen, dazu bewegt, die lange Reise nach Australien zu unternehmen, um dort vor dem japanischen Konsulat zu protestieren. Die drei, Wu Hsiu-mei aus Taiwan, heute 90 Jahre alt, eine Südkoreanerin, 78 Jahre alt, und Jan Ruff O’Herne, eine Australo-Holländerin, 84 jährig, teilen ein Schicksal als sexuelle Sklavinen der japanischen Armee. Die Geschichte ist ausführlich dokumentiert, die Umstände sind anerkannt. Die erneute Zurückweisung wurde am 8ten März, am internationalen Tag der Frauen veröffentlicht. Die drei Frauen haben an diesem Tag bestimmt nicht gefeiert.

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Die originellsten beiden Schlagzeilen zu dem

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unvermeidlichen 8. März erschienen in Indien und in Argentinien. Die Hindustan Times sucht neue Trennungslinien (oder Grenzen der Eroberung) zwischen den Geschlechtern : also, diese Trennungslinien verlaufen, der populärsten Tageszeitung Neu-Delhis zufolge, mitten durch die indische Armee. In sie sind zahlreiche Frauen eingetreten, aber sie bleiben vom Kampf "Mann gegen Mann" ausgeschlossen. A propos Körpereinsatz: Pagina 12 feiert die Argentinierinnen in einer großen Umfrage zu ihrer Sexualität (im Trend, wenn auch in dieser Art dort erstmalig...). Es kommt heraus, das die Hälfte ihre erste Beziehung zwischen 15 und 19 Jahren haben und die andere Hälfte zwischen 20 und 29 Jahren; das acht von zehn Verhütungsmittel verwenden; und dass sie im Mittel jede beinahe zwei Kinder zur Welt bringen. Dies "beinahe" sagt alles ...

 

Mittwoch 21. März 2007

Alle Wege führen nach Rom

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Manchmal hält das Leben kleine Enttäuschungen für uns bereit. Für unsere Sendung Kiosque stand in der letzten Woche der Besuch des russsischen Präsidenten Wladimir Putin in Italien und beim Vatikan auf dem Programm. Ein Besuch beim Premierminister Romano Prodi und beim Papst Benedikt XVI. Ich war ganz stolz, dass ich eine russische Titelseite, nämlich die der Wochenzeitung Tribuna, gefunden hatte, die das Ereignis unter einer Überschrift brachte, die mir ganz ausgezeichnet schien: "Das dritte Rom, eingeladen beim ersten". Meine Kolleginnen und Kollegen bei TV5 betrachteten den Titelbalken mit dem stumpfen Blick freundlich - unbeteiligter Grasfresser. Weder das erste, noch das zweite noch gar das dritte Rom ließ auch nur eine Spur des Erinnerns an Geschichte in ihnen aufkommen. Dabei hat das römische Dreieck Europa geformt.

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Das erste Rom ist sozusagen das wahre, das Rom des Reiches, das von den Aposteln Peter und Paul, den Säulen der Kirche gebaut wurde. Das zweite ist Konstantinopel, früher Byzanz, die Hauptstadt Kaiser Konstantins und nach der Teilung in ost- und weströmisches Reich zur Führung der orthodoxen Christenheit aufgerufen. Das dritte ist Moskau zu Zeiten Iwans des Schrecklichen, nach seiner Heirat, 1472, mit Sophie, der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Konstantin XI. Damals übernahm Moskau die Rolle des Bollwerks der Orthodoxie und widersetzte sich entschieden allen päpstlichen Herrschaftsansprüchen. Das römische Rom, das byzantinische, das russische - drei Allianzen von Thron und Altar, von politischer und religieuser Tyrannei; eine Einheit und ein Gang der Geschichte von langer Dauer. Jahrhunderte später stellt ein Papst zum ersten Mal eine Reise nach Russland in Aussicht und die Türkei klopft vergebens an die Pforte Europas...

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Im ersten Wien in Österreich war man in dieser Woche den europäischen Kollegen um einiges voraus. Die Regierung beschloss das Wahlberechtigungsalter für die Bundeswahlen auf 16 Jahre zu senken. "Ist man mit 16 reif für die Politik?" Die Kleine Zeitung fragte 22 Jugendliche, 14 Mädchen und 8 Knaben, was sie von der Reform hielten. Die Hälfte zeigt sich zufrieden, wollten wählen, wenn man ihnen etwas mehr Politik beibringen würde, warum nicht auch in der Schule. Die andere Hälfte wird nicht zu den Urnen gehen und meint, mit 16 sei man viel zu jung, um sich für Geschichte zu interessieren und die politische Parteienlandschaft zu verstehen... Ist denn die Saga von den drei Rom nicht spannender als alle Krimis?

 

Mittwoch 28. März 2007

Von Schnauzbärten und anderen Pelzen

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Während wir in Frankreich fasziniert auf die Bocksprünge unserer Wahlkampagne starren, schickt sich auch die Türkei an, die Wahl des Präsidenten der Republik zu erleben. Zwar handelt es sich um eine indirekte Wahl (es votiert das Parlament)und nicht um allgemeine Wahlen, aber die Atmosphäre ist dennoch hoch elektrisiert. Premier Minister Erdogan kandidiert selbst (vorläufig noch inoffiziell)und könnte sehr wohl die Wahl gewinnen. Dabei trägt Frau Erdogan den Schleier und würde so auch in den Gängen des Präsidentenpalais auftreten. Ein undenkbarer Anblick für das halbe Land, das sich republikanisch und laizistisch à la Attatürk geriert.

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Ist es Zufall? Unter diesen Umständen starten bekannte und berühmte Frauen, Intellektuelle, Unternehmerinnen, Künstlerinnen und Journalistinnen eine Werbekampagne "Schlag ins Gesicht" oder vielmehr "Haare ins Gesicht": sie zeigen sich im Großformat auf den Wänden, auf den Titelseiten (wie hier in den Turkish Daily News) oder in den audiovisuellen Medien - mit Schnurrbärten und mit der Unterschrift "Muss man ein Mann sein, um ins Parlament zu kommen?" Die in KA-DER (Verein zur Frauenbildung und Förderung der Frauenkandidaturen) vereinten Frauen reagieren damit auf zwei Feststellungen: die Türkei ist das 163te von 167 Ländern was den weiblichen Anteil im Parlament angeht, und sie hat weniger Parlamentarierinnen als 1934! Das pelzige männliche Attribut (das sich in der europäischen Vorstellung gern mit der Türkei verbindet)hat in der Bevölkerung einen wahren Schock ausgelöst. Aber hinter dem Frauenschnurrbart steckt ein Mann: es war die Idee des Kunstdirektors einer großen Werbeagentur.

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Auch Knut hat Schnurrhaare. Weiße. In wenigen Tagen ist er zum berühmtesten Eisbären der Erde geworden und ökologische Fundamentalisten und Tierschützer liefern sich homerische Debatten. Erstere meinten, den von seiner Mutter verlassenen kleinen Bären hätte man töten sollen. Kommt nicht in Frage, meinten letztere und sie haben gewonnen. Knut wurde von den Wärtern im Berliner Zoo gehätschelt und hat überlebt. Seinen ersten Ausflug machte er in Begleitung des deutschen Umweltministers, Sigmar Gabriel, und Romano Prodi, der italienische Regierungschef, hat für kurze Zeit die Festlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag Europas geschwänzt, um Knut einen Höflichkeitsbesuch abzustatten. Der bestritt auch die Titelseite des Guardian... Die "Euthanasiejünger" argumentierten, Knut zu retten stünde im Widerspruch zu den Gesetzen des Wildtierlebens, die naturgemäß auch wild sind. Inzwischen hat sich Knut als Stoffbär millionenfach vervielfältigt und ihm wurde ein Lied gewidmet.

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Die beiden Pandabären im Hongkonger Zoo, die auf der Titelseite der dortigen China Morning Post zu sehen sind, haben erst einmal keine Namen. Aber sie lieben sich, er, der starke, ein wenig schüchterne Mann, und sie, das lebendige, umtriebige Weibchen, die gerade zu recht zum baldigen 10tenJahrestag der Rückgabe von Hongkong an China ankamen. Sie fressen Bambus, albern herum und warten darauf, dass ihnen von den Gewinnern eines landesweiten, von der Stadtverwaltung organisierten Wettbewerbs Namen verliehen werden. Man kann ihnen nur viel Glück wünschen, aber vorallem auch, dass sie leichter Nachkommen in die Welt setzen, als das Paar in Chian Mai im Norden von Thailand, dem der Tierarzt jeden Morgen zur Anregung ihres Sexuallebens fünfzehn Minuten "Porno-"Videos von Paarungsakten anderer Pandas zeigt. Wir leben in modernen Zeiten...

Mittwoch 4. April 2007

Dampf

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Von nun an gibt es auf der Welt noch mehr Trennungslinien: Nord/Süd, Ost/West, sprachliche und solche zwischen denen, die "haben" und denen, die "nicht haben". Nicht Öl, Edelmetalle, Diamanten sind das neue Gold, das die Augen der Mächtigen glänzen lässt, sondern jener ungreifbare aber explosive, dampfförmige Stoff, das Gas. Der kommende Montag ist Ostermontag für die Christen, Katholiken und Protestanten, während die Orthodoxen gerade ihren Weihrauch- und Auferstehungsgeschwängerten Ostersonntag hinter sich haben und die Muslime weder feiern noch gefeiert haben. An diesem Tag treffen sich die neuen Supermächte mit den reichen Gasreserven in Doha, der Hauptstadt von Katar. Die russische "Gazeta" wäre gern jetzt schon dort und fragt sich, wer wohl in der neuen Familie das Oberhaupt und wer das Fußvolk sein wird. Wer wird Regeln aufstellen, damit dieser neue Energiekrieg ein Ende nimmt? Ein weites Feld, auf dem Russland natürlich gern eine nicht unbedeutende ideologische Rolle spielen möchte. Wenn man die einladenden Gesichter der Gastgeber auf dem Bild, mit dem das Blatt die Problematik illustriert, betrachtet, dürfte eigentlich nichts schief gehen...

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Auch anderen Ende des Kontinents war in der Asahi Shimbum in dieser Woche eine Schlachtordnung zu bewundern. In einer dieser Zeremonien, die das Geheimnis des Landes der aufgehenden Sonne sind, haben die Leiter des größten japanischen Automobilkonstrukteurs die Gesamtheit ihrer Angestellten zu Toyota beordert, damit sie die Neuankömmlinge in ihrem wundervollen Universum begrüßen. Die 1200 Beschäftigten sangen die Hymne des Unternehmens und schworen 2007 mehr zu produzieren als General Motors und damit die weltweite Nummer Eins der Automobilhersteller zu werden. Beim Gedanken an einen etwaigen Misserfolg und mit der Vorstellung, dass im nächsten Jahr zur selben Stunde all die aufmerksamen, braven Arbeiter/innen gemeinsam, ebenso heiter wie sie singen, Harakiri machen, können einem die Haare zu Berge stehen...

 

Mittwoch 11. April 2007

In der Hölle des Bermudadreiecks

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Ein Zone ozeanischer Winde zwischen Florida und Porto Rico, die man nach ihrem Grenzarchipel so nett das Bermudadreieck nennt: Bisher wurde die Welt regelmäßig alarmiert, weil Schiffe oder Flugzeuge dort spurlos verschwanden. Ab sofort muss die Menschheit außerdem noch wissen, dass dies britische Konfetti, autonomes Territorium von 360 Koralleninselchen, das 65 773 Einwohner zählt(zum Vergleich: das 15. Arondissement von Paris zählt 225 362 Seelen), eine für zeitlos bedeutende Presse besitzt. The Royal Gazette befasst sich mit den wesentlichen Dingen. An jenem Tag, dem 9. April, als im Irak 15 amerikanische Soldaten starben, als die aus ihrem "Gefängnis" im Iran heimgekehrten Briten auf den Bildschirmen posierten, als die gasexportierenden Länder sich in Katar trafen, als in Afghanistan Geiseln getötet wurden, macht das maßgebliche Blatt in Hamilton, der Hauptstadt der Inselwelt, mit einer die Leser erschütternden Affaire auf. Die Einwohner von Marsh Folly, einem Viertel der Gemeinde Pembroke, glauben nicht mehr an die Politiker: "Zuviele Schwüre, die gebrochen wurden".

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Die Regierung hatte ihnen versprochen, die unschöne Umgebung ihres Viertels in eine Parklandschaft zu verwandeln, um die sie das ganze Land, ja sogar das Ausland beneiden würde. Zwanzig Jahre später sind auf der Müllkippe am Horizont eine offene Müllverbrennungsanlage und Gewächshäuser entstanden. Aber von Bäumen oder Seen noch immer keine Spur. Glenn Jones und Tamell Simons (einer reichte nicht für diese Nachforschungen...) haben also die enttäuschten Einwohner in Marsh Folly erneut befragt. Nicht weniger als fünf Seiten für die wütenden Kommentare der Einwohner, die unter dem üblen Gestank der Müllverbrennungsanlage leiden, nichts als Abfall und Topfplanzen sehen, vorallem aber noch immer die bukolische Seenlandschaft vor dem inneren Auge haben. Es ist zum wahnsinnig werden! Die Bermudas sind ein Eldorado für Luxusturisten, die Preise für einsame Villen erreichen Rekordhöhe... Jeder hat so seine Probleme.

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Im heutigen Russland kann man an jeder Straßenecke auf wilde Müllkippen stoßen. Aber nie entsteht daraus ein Aufmacher. Aus dem Alkoholkonsum, vorallem aus dem von Wodka aber sehr wohl. Die Iswestja veröffentlichen den Alarmruf von Genadi Onischtschenko, Chefarzt und Regierungsbeauftragter für allgemeine Gesundheit. Seine erste Studie auf diesem Gebiet kommt zu erschreckenden Ergebnissen: Im Vergleich zu 2001, als sie pro Person 15 Liter reinen Alkohols in sich hineingossen, schlürfen die Russen (Frauen, Kinder und Greise inbegriffen) inzwischen beteuden mehr, nämlich 34 Liter Wodka im Jahr...

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Und während die Menschen saufen, muss das Vieh dran glauben... in Kanada. Die Tierärzte dieses schönen Landes haben soeben einen dringenden Appell an ihre Behörde gerichtet: Räumt mit den Missständen bei den Herstellern von Tiernahrung auf, sonst steht uns eine Katastrophe bevor! Schon am 16. März hatte eine Firma in Ontario 60 Millionen Dosen aus Mexiko, den Vereinigten Staaten und Kanada zurückbeordert. Sie enthielten eine für Katzen und Hunde - und übrigens auch für Menschen - tödliche Substanz. Zur Stunde teilen sich 17 kanadische Unternehmen diesen ebenso einträglichen wie deregulierten Markt.

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Le Soleil in Quebec alarmierte in dieser Woche seine Leser
mit einer anderen weltweiten Katastrophe, die nun auch ihr Land bedroht: das Bienensterben und der Verlust an Bienenstöcken, der in absehbarer Zeit eine Bedrohung für alle Kulturen darstellt. In den benachbarten 
Vereinigten Staaten, wo eine Million Stöcke verloren gingen, hat man das Unheil CDD, Colony Collapse Disorder, getauft. In Frankreich sind in bestimmten Gegenden 90% der Bienen verendet. Die Bienenzüchter glauben, dass genetisch modifizierte Pflanzen, vorallem Mais und Kartoffeln der Grund für CDD sind. Und ohne Bienen keine Bestäubung und ohne Bestäubung weniger Früchte...

Wir leben in herrlichen Zeiten.

 

Donnerstag 19. April 2007

Was des Einen Unglück...

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Was des Einen Unglück ist des Anderen Glück: Die Moskauer Wremja (Die Zeit) gab diese Woche ein gutes Beispiel für jene selten dementierte Feststellung: während die gesamte Presse des In- und Auslandes die gewaltsam beendeten Demonstrationen in der russischen Hauptstadt auf den Titelseiten brachte, war der Aufmacher dieser Tageszeitung die Affaire Wolfowitz. Das Blatt zog gewaltig über den Präsidenten der Weltbank und im gleichen Atemzug über den der Vereinigten Staaten her. Paul Wolfowitz wird beschuldigt, das Gehalt seiner Geliebten, Shaha Ali Riza exponentiell in die Höhe getrieben zu haben, als er sie im State Department unterbrachte.

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Das Weiße Haus habe, schreibt die Zeitung, als es seinen "Liebling", der auch der härteste Hardliner in der Irakkrise war, derart stützte das Ansehen der Weltbank, die das nun gerade überhaupt nicht brauchen konnte, förmlich in die Luft gejagt . Die Affaire wurde von der amerikanischen Presse bereits Ende März ans Licht gebracht. Auf der russsischen Bühne erscheint sie also am 16. April im passenden Moment.

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Am Vorabend waren die Hauptstadt und St. Peterburg Schauplatz der Demonstrationen gegen Wladimir Putin. Sicherlich winzige Veranstaltungen, wie die Süddeutsche Zeitung unterstreicht. Unter dem Titel "Prügel und Protest" berichtet sie von nicht mehr als 350 Personen, die sich um den ehemaligen Schachweltmeister Gari Kasparow schaarten. Bilder, die um die Welt gingen, zeugen von unverhältnismässig harter Unterdrückung. Die westliche Presse hat sich ausgiebig mit den Ereignissen beschäftigt und die antidemokratische Schieflage im heutigen Russland angeprangert.

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Desgleichen die meisten russischen Blätter, aber mit der Tendenz, das Ganze ins Lächerliche zu ziehen: «Streitereien um eine Farce » oder « Für wen soviel Lärm? » fragen ironisch Kommersant und Iswestija. Jedenfalls von Seiten Kasparows ein gelungener Auftritt: der Initiator des "Anderen Russland" hat den Herrn des Kreml in den Medien "schachmatt" gesetzt.

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Ein Mal ist Kein Mal: das Wall Street Journal bringt seine Leser in eher unerwarteter Weise zum Nachdenken über den Zusammenstoß der Zivilisationen: es stellt den religiösen Fundamentalisten die atheistischen gegenüber. Andrew Higgins war in Caen, in der Normandie, wo der von nun an berühmteste Atheist der Welt lehrt, der Philosoph Michel Onfray. Der amerikanische Journalist zeichnet ein ironisches Portrait dieses neuen Gurus: er sieht in ihmden Vertreter eines merkwürdigen, zunehmend bedeutenden europäischen Phänomens: die « eifernden Ungläubigen » oder auch die « Missionare der Sekularisation».

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Abgesehen von unserem nationalen, anscheinend stets schwarz gekleideten, « Missionar », hat der Korrespondent des WJS den ganzen alten Kontinent bereist und von Berlin bis Rom über London diese neuen Apostel und ihre Schüler besucht. Dabei ist er auch auf den im Ruhestand lebenden ehemaligen Direktor einer der größten französischen Banken gestoßen, der jede Woche nach Caen reist, um "gläubig" Michel Onfray zu hören. Dieser hat - enhüllt das amerikanische Blatt - nach einer Debatte über Genetik mit stürmischen Folgen dem französischen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy mehrere Bücher geschenkt, darunter auch Friedrich Nietzsches "Antichrist".

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Wir schließen mit einer Enttäuschung. Aus der israelischen Tageszeitung Haaretz erfahren wir in dieser Woche, das Forscher der Universität Tel-Aviv zu einem traurigen Schluss gekommen sind: Lucy, die Entdeckung in Ostafrika, Ende des XXten Jahrhunderts, die vor drei Millionen Jahren im Alter von 30 Jahren starb, sei nicht unser aller Urmutter, sondern nur eine mehr oder weniger entfernte Kusine unserer allerersten, bereits deutlich als solche erkennbaren Vorfahren. Die Wisenschaftler kamen zu diesem Schluss aufgrund anatomischer Schädeluntersuchungen an ihr und anderen Hominiden und Affen. Wie schade!

 

Donnerstag 26. April 2007

Die modernen Zeiten

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Le Glaneur (Der Ährenleser) ist ein schöner Name für eine Tageszeitung. Aber in diesem, mehr als 170 Jahre alten, jamaikanischen Blatt stehen hässliche Dinge. So hat der "public defender" von Kingston, der Generalstaatsanwalt, eine Art Garant für Gesetz, Moral und öffentliche Ordnung, einen wenig entwickelten Wortschatz, wenn es um Homosexualität geht. "Bleibt doch in eurem Versteck" hat er sinngemäß und in aller Öffentlichkeit der vor Schreck erstarrenden Schwulengemeinde (Frauen und Männer) zugerufen. "Zeigt nicht eure sexuellen Präferenzen vor Leuten, denen dabei schlecht wird" hat er befohlen. Mr. Earl Witter sagt, dass er nur Gutes im Sinn habe und nur seiner Gegnerschaft gegen jede Art von Gewalttätigkeit Ausdruck verleihen wolle: "Solche Neigungen vor Leuten zu zeigen, die sie widerlich finden, kann nur zu Gewalttätigkeit führen und den öffentlichen Frieden stören". Das hatte gerade noch gefehlt. Der "öffentliche Verteidiger" denkt, dass sein Land für eine ostentative Schwulenkultur nicht bereit sei und dass die zurückliegenden, lauten Auftritte derselben, zum Beispiel beim Karneval, bei einem Teil der Bevölkerung nur gewaltätige Reaktionen hervorrufen könne. Vorallem wenn eine so hochgestellte Persönlichkeit sie dazu aufstachelt.

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Zweitausend Kilometer entfernt übers Meer geriet Mexiko gleichzeitig ins Kochen weil in der Hauptstadt die Schwangerschaftsunterbrechung legalisiert wurde. Die relativ dezentrale Verfassung des Landes lässt wie in den benachbarten Vereinigten Staaten lokal Gesetze zu, die manchmal mit dem nationalen Recht im Widerspruch stehen. Die Partei von Präsident Calderon, die Partei der Nationalen Aktion, katholisch und rechtsgerichtet, hat die Mehrheit im Land, aber nicht in Mexiko-City. Sie hat gegen die Liberalisierung gestimmt und man konnte sogar Frau Calderon lautstark gegen die Initiative protestieren hören und sehen.

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Tagelang war Mexiko, und nicht nur die Hauptstadt, Schauplatz von Umzügen für und gegen Abtreibung. Die Auseinandersetzung schlug Wellen in den USA, ein Riss geht durch die spanischsprechende Bevölkerung, auch im Norden, in Kanada und im Süden nach Brasilien hin, wo, wie in den meisten lateinamerikanischen Staaten, die Schwangerschaftsunterbrechung nur zulässig ist, wenn Lebensgefahr für eine Frau besteht.

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Auch die Presse der beiden amerikanischen Kontinente hat sich mit einer Vehemenz eingeschaltet, deren Echo bis zum Vatikan drang. Dort hat man ganz schön Öl ins Feuer gegossen, die päpstliche Autorität verglich die Abtreibung mit Terrorismus: "ein Terrorismus mit menschlichem Gesicht aber nicht weniger abscheulich" erklärte Monsignore Angelo Amato, der Sekretär der Glaubenskongregation.

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In Mexiko konnte man die jeweilige Zugehörigkeit der landesweiten und der regionalen Tageszeitungen zu einem der beiden Lager schon an den Fotos auf den Titelseiten erkennen, nach dem Motto Regen oder Sonne: "Sagt Ja zum Leben... der Frauen!" oder "Abtreibung: Nein!". An den Titeln liess sich auch eine soziale und regionale Spaltung ablesen: ein reicher und liberalerer Norden, ein armer Süden, katholischer und puritanischer.

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Die texanische Tageszeitung La Frontera (Die Grenze) war zweifellos die originellste mit dem Bild der Männergruppe mit den Schildern im Namen der Frauen: "Legale Abtreibung,um nicht zu sterben!" oder "Verteidigt das Leben und die Selbstbestimmung der Frauen!"

Die Volksvertreter von Mexiko-Stadt erstarrten zu Marmorsäulen angesichts dieser Kakophonie, die bis in ihr Halbrund drang: 46 der 66 Abgeordneten der gesetzgebenden Versammlung der Hauptstadt haben für den Text gestimmt, der die Schwangerschaftsunterbrechung straffrei werden lässt.

 

Donnerstag 3. Mai 2007

Der gute russische Soldat

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Sein Blick ist düster, das Gesicht gezeichnet, die Wangen hohl und die Augenbrauen buschig. Er lächelt nicht und scheint nur widerwillig vorangehen zu wollen, das schwere Gepäck auf den Schultern, den Helm in der Hand. Seine Gestalt machte in der ganzen estischen und russischen Presse die Runde. Tatsächlich bewegt er sich nicht, bleibt auf ewig in Bronze gegossen. Jetzt aber wurde er bewegt, der unbekannte russische Soldat, den man in Tallin unsterblich werden ließ und der seit dem Ende des zweiten Weltkriegs im Zentrum der estnischen Hauptstadt seinen Platz gefunden hatte. Die Ortsveränderung führte zu Krawallen, es gab einen Toten, Verwundete und eine nie dagewesene diplomatische Krise zwischen dem kleinen baltischen Staat und seinem riesenhaften russischen Nachbarn, Besatzungsmacht vor noch gar nicht langer Zeit.

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Die Ansicht von der Vergangenheit unterscheidet sich gründlich diesseits und jenseits der Grenze: das postsowjetische Russland hört nicht auf, sich mit dem zweiten Weltkrieg und den Millionen Toten, die er dem Land gekostet hat, zu beschäftigen. Das zeigen Gegenwartsliteratur und Kino. Estland, heute Mitglied der europäischen Union, sprachlich eng mit dem finnischen Nachbarn verwandt, hat über Jahrhunderte allerlei Okkupanten auf dem kleinen Territorium erlebt. Heute möchte es vorallem den sowjetischen endgültig aus der Erinnerung streichen und läuft Gefahr, dass man sich umso mehr an ehemalige Nationalisten erinnert fühlt, die mit den Nazis gemeinsame Sache machten.

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Dieses Jahr hat die Tallinner Stadtverwaltung mit Billigung der Regierung beschlossen, die Statue des unbekannten russischen Soldaten auf einen Soldatenfriedhof zu verpflanzen. Man hat unter dem alten Sockel Grabungen angestellt und ein Dutzend Särge mit den Gebeinen russischer Kämpfer ausgegraben, die dann auch auf den Soldatenfriedhof gebracht wurden. Die russischen Behörden sahen darin eine Beleidigung des Andenkens ihrer Toten. Junge, ultranationalistische russische Demonstranten kampieren seit einer Woche vor der estnischen Botschaft in Moskau und der Bürgermeister der russischen Hauptstadt, Juri Luschkow prangerte das "faschistische Gesicht" der estnischen Regierung an und verlangte den Abbruch aller Kontakte. Der deutsche Außenminister hat zwecks Vermittlung seine guten Dienste angeboten. Das ist der Gipfel! Die Tallinner Linnaleth berichtet ein wenig traurig, ein wenig ironisch von der Geschichte unter dem (russisch-)romanhaften Titel: "Der Bronzesoldat auf dem Friedhof".

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Die russische Tageszeitung Iswestja, heute via Mitbesitzer Gazprom eher regierungsnah, regt sich ironisch über das schlechte Benehmen eines so winzigen Nachbarn auf. Tatjana Witebskaja stellt die Frage so: "Wie kann man unseren kleinen Nachbarn mit dem schlechten Gedächtnis für das was geschehen ist bestrafen?" Und sie fährt fort: "Was für einen Dialog können wir mit Estland führen? Mit diesen Nachbarn, die die ganze Welt glauben machen wollen, dass ihnen moralisch nichts vorzuwerfen sei, diesen Vollmitgliedern der Europäischen Union, die die Geschichte umschreiben und ganz offen ihre faschisierenden Neigungen zur Schau tragen?" Zum Artikel erscheint ein Foto des Soldaten, von seinem Sockel herunter und dahinter gestellt, als ob einem traurigen Schicksal überlassen... Aber dann folgt eine andere Ansicht, die von Maxime Jussin, der dazu aufruft, "die Tatsachen ohne Hysterie und ohne Beschimpfung des "Gegners" zu prüfen, sich auf den Standpunkt des anderen zu stellen, um diese schwerste Krise zwischen den beiden Ländern seit dem Zerfall der UdSSR zu lösen."

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Noch ein Soldat machte in dieser Woche Schlagzeilen: Harry, der britische Prinz, wird in den Irak gehen, während die Mehrheit seiner - vielleicht einmal - Untertanen meinen, die Hauptaufgabe der langen Regierungszeit (10 Jahre) von Tony Blair würde immer der Irak bleiben, und gleichzeitig der Premierminister sich anschickt, seinen Posten weiterzugeben. Sir Richard Dannatt, Stabschef der Armee seiner Majestät hat nach bestem Wissen und Gewissen die Entscheidung getroffen: Prinz Harry wird wie jeder andere Soldat in den Irak gehen.

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Was wird er dort machen? ist die Frage, die die britannischen Tageszeitungen und besonders den Glasgower Herald beschäftigt: wird er in den Stützpunkten im "Hinterland" bleiben, oder wird er "an die Front" geschickt?. Der Prinz hat wissen lassen, dass er enttäuscht wäre, wenn man ihn nicht "an die Front" schicken würde. Der Prinz hat Recht. Etwas Übung ist nicht schlecht wenn nach 300 Jahren gemeinsamen Lebens eine Scheidung mörderische alte Querelen wieder entfachen könnte. Denn heute wählen die Schotten, das ist auch der ausgezeichneten österreichischen Die Presse nicht entgangen. Und mit dem Antrieb der Nationalisten schicken die Schotten sich an, England den Rücken zu kehren. Obwohl der vielleicht zukünftige Londoner Regierungschef Gordon Brown Schotte ist. In Ewigkeit wird auf Skye der Kilt gewebt und der Dudelsack geht rosigen Zeiten entgegen...

Donnerstag 10. Mai 2007

Verweigerung und Bußfertigkeit

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Zu Anfang dieser Woche konnte man sich in gewisser Weise wirklich freuen: Am Morgen nach der Wahl von Nicolas Sarkozy zum Präsidenten machte Frankreich überall Schlagzeilen. Fast überall... Die Bürger der Vereinigten Staaten nämlich hatten nur Augen für die Königin von England. Bewundernd, leicht gezwungen, schüchtern, wie ihr Präsident, als er sich bei der Begrüßungsansprache vertat und Elizabeth II. zwei Jahrhunderte zurückversetzte. Er wandte sich ihr zu, registrierte ihre Reaktion und sagte dann :"Sie hat mich angesehen, wie nur eine Mutter ihr Kind ansehen kann...". Bei der Gelegenheit erfahren wir auch, dass George Bush nie vorher einen Smoking getragen hat... kurzum, eine Nachricht von größter Bedeutung.

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Komischerweise führte auch in Deutschland die Feder der Journalisten nicht nach Frankreich. Oder vielmehr: die Schlagzeilen wurden im Laufe der Nacht über den Haufen geworfen. Wir haben früher schon mal festgestellt, dass dies Land nicht aufhört, sich an seiner Vergangenheit zu stoßen oder auch an seinen vielen Vergangenheiten: Nazismus, Kommunismus, Terrorismus... Diesmal erregt sich der Nachbar jenseits des Rheins über den Status eines ehemaligen Mitglieds der Roten Armee Fraktion, das 1983 für die Beteiligung an der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback (aber auch an der des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hans Martin Schleyer)zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde.

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Man muss schon sagen, die Gefangenengeschichte von Christian Klar in den letzten Wochen ist ziemlich einzigartig. Mehrere ehemalige Mitglieder der Roten Armee Fraktion sind seit 1988 von deutschen Präsidenten begnadigt worden. Aus Gründen "nationaler" Versöhnung und weil die Verurteilten sich bereit erklärten, mit der Polizei zusammenzuarbeiten oder sich bußfertig zeigten. Das ist nicht der Fall für Christian Klar. Zahlreiche Intellektuelle haben sich für ihn interessiert: der Journalist Günter Gauss hat ihn im November 2001 in seiner Zelle interviewt und im August 2005 hat Klaus Peymann, der Berliner Theaterdirektor, ihm eine Technikerstelle angeboten.

Damit er jedoch diese Stelle antreten kann, braucht er entweder bedeutende Hafterleichterungen oder die Begnadigung durch den Präsidenten. Was tut er? Im Januar 2007 richtet Christian Klar, der sich vom Terrorismus losgesagt hat, aber sich weigert, von Reue und Buße zu sprechen, eine Grußbotschaft an ein Treffen von Globalisierungsgegnern.

Als die Rede von einem Gnadengesuch aufkam, protestierte die Familie eines der Opfer laut, während der Sohn von Generalbundesanwalt Buback, der Klar in seiner Zelle aufgesucht hatte, sein Gesuch unterstützte (zumal neue Tatsachen, die der Spiegel aufgedeckt hat, Klar in Sachen Mord am Vater Buback zu entlasten scheinen).

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So kam es zwischen Freitag letzter Woche und Montag zur letzten Episode: Präsident Horst Köhler kündigt an, dass er, nachdem auch er mit dem ehemaligen Kämpfer der bleiernen Zeit gesprochen hat, ihm seine Gnade verweigern wird. Die deutsche Presse zeigte, von einer immer noch gegenwärtigen Vergangenheit gequält, Reaktionen für und wider diese Verweigerung. Zufälliges Zusammentreffen: in Frankreich wurde die Bewilligung für den Freigang von Nathalie Ménigon, ehemals Anführerin der Action directe, einer Art Variante der RAF, vom Gericht einstweilen verschoben. Der neue französische Präsident betonte noch am Wahlabend und in seiner ersten Ansprache: "Bußfertigkeit ist eine Form von Selbsthass". Gleichzeitig verurteilte er "den Wettstreit der Erinnerungskulte, der den Hass der jeweils Anderen nähre".

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Den Versuch, die Meander der Vergangenheit und die verheerenden Wellen die heute noch die Menschen einzeln und in Gemeinschaften berühren, zu erörtern, machte am Dienstag die Tageszeitung Le Devoir in Quebec. Sie berichtete vom 75ten Kongress der ACFAS (französisch-kanadische Vereinigung für den wissenschaftlichen Fortschritt), der in Trois Rivières stattfand. Dort waren Wissenschaftler aus Quebec, Afrika und Europa zusammengekommen, um die Frage "Kann Erinnerung mit einer einzigen Stimme sprechen?" zu beantworten. Die Kongressteilnehmer kamen zu der Feststellung: "Die zunehmende Vereinnahmung der Erinnerung von Staats wegen, in der Absicht zu einer sogenannten (von allen) "geteilten Erinnerung" zu kommen, trägt auch die Absicht in sich, zu einem Konsens zu kommen, der eine immer größere Zahl indivueller Geschichten im Dunklen lässt."

 

Donnerstag 17. Mai 2007

Herzensbotschaften

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"Wenn ich eine Frau zum ersten Mal treffe, erstarre ich in Schüchternheit und wenn ich sie dann näher kenne, erweise ich mich als grobschlächtig und brutal." Der Mann, der seine Fehler so rückhaltlos eingesteht, war einer der mächtigsten bolschewistischen Revolutionäre. Felix Dserschinski, der Chef der Tscheka, der ersten sowjetischen politischen Polizei, hatte also ein Privatleben, das gegebenenfalls sein öffentliches Handeln erklären könnte (eine Logik, die sich in Frankreich gegenwärtig großer Beliebtheit erfreut: eine Flut von Büchern sucht die Gründe für die Niederlage der einen, den Sieg des anderen bei der Präsidentenwahl in Geschichten aus der Privatsphäre). Die Wochenendausgabe der Iswestja weiß zu berichten, dass ein Verlag zu seinem 130. Geburtstag (er kam am 11. September 1877 in der Nähe von Wilna/Litauen jenseits der heutigen Grenze mit Weißrussland zur Welt) und zum 90.Geburtstag des "Wetscheka" (Allrussisches Außerordentliches Komitees zur Bekämpfung von Konterrevolution und Sabotage) den Briefwechsel mit seiner ersten (großen) Liebe, Margareta Fjodorowna Nikolajewa unter dem Titel "Ich liebe Dich" herausgebracht hat. Es war also der verliebte Felix Edmundowitsch, der sich seiner Flamme derart offenbart.

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Man glaubte, (fast) alles über den eisernen Felix, wie er genannt wurde, zu kennen: sein asketisches Leben, seine revolutionären Überzeugungen, seine Nähe zu Lenin und Rosa Luxemburg. Zumal seit der Öffnung der Archive der Oktoberrevolution, auch wenn zu seinem Herztod mit 49 Jahren nicht alle Zweifel ausgeräumt wurden. Manche sahen hier eine der ersten Säuberungsaktionen Stalins, der einen lästigen Zeugen hätte ausschalten wollen, aber es ist warscheinlicher, dass der Geheimdienstchef - denn das war er weiterhin, auch nach der Umbenennung des Dienstes in GPU (Politische Hauptverwaltung)- der Belastung durch die Fraktionskämpfe in der Kommunistischen Partei der Sowjetunion erlag. Man glaubte (fast) alles zu wissen. "Aber es fehlte die Hauptsache, erklärt der Historiker Alexander Michailowitsch Plechanow: die Liebesbriefe, die uns diese so komplizierte Persönlichkeit verstehen lassen: er hat drei Revolutionen und einen Bürgerkrieg überstanden."

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Der Briefwechsel, der von Margarita bis zu ihrem Tod wunderbar bewahrt wurde (sie starb 1957 mit 84 Jahren und lebte in Piatigorsk, wo sie Besucher durchs Museum des Dichters Lermontow führte), belegt eine kurze und intensive Beziehung. Nach ein paar Monaten des Zusammenseins im Jahr 1898 wurde Felix in den Norden relegiert und ihre Liebe überdauerte das Ende des Jahrhunderts nicht. Die körperliche Gebrechlichkeit von Felix warf schon damals ihre Schatten: "Man hat mir mitgeteilt, dass ich nur noch ein oder zwei Jahre leben werde. Geh und setze Deinen Weg für uns beide fort, und ich werde in aller Ruhe aus dieser Welt scheiden können".

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Auf einen Brief, in dem sie ihm noch ein Mal schreibt, wie sehr sie ihn vermisse, antwortet er mit einem letzten Gruß: "ich will Dir Deine Zukunft nicht zerstören, meine revolutionäre Tätigkeit erlaubt mir keine Sentimentalitäten, ich werde immer und ewig ein Vagabund und ein Fremder bleiben." Die Journalistin der Iswestja, die das Mitglied der Akademie, den Historiker Plechanow (der Entdecker und Herausgeber der neuen Archivfunde) befragt, findet, dass sei doch die ziemlich banale Formulierung eines Mannes, der eine Beziehung feige abbricht und sich dabei eine schönere Rolle zuweist. Elena Loria hat eine gute Intuition: tatsächlich hat der schöne Felix gerade Julia Goldman getroffen, eine Revolutionärin wie er und krank wie er. Die Beiden gehen eine Zeit lang (kaum drei Jahre) gemeinsame Wege, dann wird Julia in die Schweiz geschickt, wo sie in einem Sanatorium stirbt.

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Im Leben des asketischen Felix wird es noch eine Sabine geben, dann eine Sophie, die seine Frau werden wird (sie werden einen Sohn haben). Und auch noch andere, meint der Historiker und schließt: "Auch wenn seine Familie ganz solide aussieht, ein normales Familienleben, wie wir es heute verstehen, konnte er nicht führen." Schade, dass er auf das heute normale nicht näher eingeht... In Moskau war die Statue, des obersten Tschekisten eine der ersten, die 1991, nach dem Fall der Sowjetunion vom Sockel geholt wurde. Neuerdings hat der Bürgermeister der russischen Hauptstadt, Juri Luschkow, vorgeschlagen, sie wieder aufzustellen, denn für ihn stünde der Name dieses Bolschewiken in erster Linie "für den Kampf um die Wiederherstellung der Eisenbahnverbindungen und für den Kampf gegen vagabundierende Horden". Ist das nicht der Gipfel für einen der sich als "ewigen Vagabunden" sah?...

 

Donnerstag 24. Mai 2007

Fahrenheit 451

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Es sei eine Tragikomödie, sagt Kim, der unglückliche südkoreanische Held der abenteuerlichen Geschichte von der die Joong Ang Daily berichtet. Kim Myung-soo hat gerade 14 Tage in Seoul hinter Gittern verbracht, weil er im Internet Bücher verkauft hat. Keine pornographischen und schon gar keine Heftchen für Pädophile, wie man sie so leicht finden kann und ohne dass die Verkäufer immer verfolgt werden, sondern Bücher über den Kommunismus! Genauer, Bücher zur Geschichte Russlands und der Sowjetunion, die man im Übrigen in allen guten Buchhandlungen des Landes finden kann. Etwa die Geschichte der Russischen Revolution des südkoreanischen Professors Kim Hak-jun oder ein Werk von Leon Trotzki.

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Deswegen wurde Kim aufgrund von Artikel 7 des Gesetzes zur nationalen Sicherheit angeklagt, er habe den Erbfeind, das heißt Nordkorea, unterstützt. In Zeiten, wo zwei Züge, der eine von Süden, der andere von Norden über die Grenze fahren können und die beiden Feinde einander näher bringen, wird das Gesetz von zahlreichen Liberalen als wahrer Anachronismus beklagt, als ein Erbstück des Kalten Krieges. Aber jedes Jahr fallen ihm ein paar Bürger wie Kim zum Opfer. Im April wurde Lee Siwoo, Fotograf und Friedenskämpfer aufgrund des gleichen Gesetzestextes verhaftet, weil er militärische Einrichtungen fotografiert hatte. Er ist noch immer inhaftiert und Kim, dessen Bibliothek von nahezu 500 Büchern von der Polizei konfisziert wurde, wartet auf seinen bevorstehenden Prozess.

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Etwas weiter westlich und auf der anderen Seite des Meeres berichtet eine große japanische Tageszeitung, die Asahi Shimbun, vom bedauerlichen Ende eines ganz besonderen Buches: "der Who’s who von Japan" (der Nihon Shinshiroku auf japanisch im sonst englischen Text) hört auf zu existieren, nachdem er jahrzehntelang das Loblied der Notablen gesungen, und sie schließlich zu Zielpersonen von Betrügern machte..." Die 80ste Ausgabe dieser Bibel der Elite Nippons, die 1889 vom Kojunsha Social Club (gegründet von Professor Fukuzawa Yukichi, der auch der Gründer der berühmten Keio Univerität war)lanciert wurde,wird also die letzte sein, weil die Kandidaten für Einträge ausbleiben.

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Die erste Ausgabe zählte 23000 große Namen Japans, Industrielle, Reiche, Künstler und Intellektuelle; Drei Jahre später waren es 3000 mehr und so ging es weiter bis zum Jahr 2000 mit 140 000 Einträgen. Gesellschaftlicher Erfolg wurde im Land der Sonne wie anderswo auch am Heiligenschein der kleinen Notiz gemessen, die übrigens ziemlich teuer kam... Im April 2007 jedoch waren es nur noch hundert tausend, mehr als 40000 waren "desertiert" und immer mehr "Getreue" lehnten es ab, ihre persönlichen Daten (und besonders die ihrer Familie) preiszugeben. Zuviele Mitglieder dieses Gotha waren Opfer von Betrügern geworden, die mit den Einträgen ihr Süppchen kochten. Auch brachte das Jahr 2005 eine Verschärfung des Datenschutzgesetzes für die Privatsphäre.

Die Herausgeber bedauern, "feststellen zu müssen, dass sie mit ihrer Aufgabe am Ende seien." Auch weniger alte japanische "Who’s who" verlieren ihre Anwärter und seien dabei, zu verschwinden. Es kann aber auch sein, dass abgesehen von den Betrügereien die Internetrevolution ihre Spuren hinterlassen hat: ihren Liebhabern scheinen die Daten, die man im Web findet, auszureichen. Bleibt nur noch die Frage: wie erkennen sich die Reichen in Zukunft untereinander?

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Zum Schluß gehen wir nach Zentralasien. Die Tageszeitung Gulf News teilt mit, das eine Sprecherin des afghanischen Parlamentes (genauer des Unterhauses, das die Gesetze verabschiedet)von ihren Kollegen ihres Amtes enthoben wurde, weil sie die Kammer als "Zoo" bezeichnet hatte. Vor laufenden Kameras der privaten Fernsehanstalt Tolo TV sagte die Abgeordnete Malalai Joya, 29 Jahre, was ihr durch den Kopf ging: "Unser Parlament ist wie ein Stall voller Tiere. Man kann da eine Kuh beobachten, die Milch gibt, einen Esel, der etwas heranschafft und einen Hund, der zu brav ist um es zu apportieren."

Die Versammlung hat die vor Zorn kochende Parlamentarierin nach Artikel 70 der Parlamentsordnung bestraft und es waren im wesentlichen die ehemaligen Mudschahedin des Kommandanten Massoud, der am 9. September 2001 ermordet wurde, die gegen sie stimmten.

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Malalai Joya beschuldigt sie, diesen Artikel 70 nur geschaffen zu haben, um sie in ihrem Kampf für die Würde und die Rechte der Afhganinnen zu behindern. Wenn es zu ihrem Ausschluss käme, würde sie nicht aufhören, gegen diese "Verbrecher" zu kämpfen. Und betont ernst fügt sie hinzu: "Wenn mir etwas zustößt, wird alle Welt wissen, wer die Verantwortlichen sind..."

 

Donnerstag 31. Mai 2007

Der Rütlischwur

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In der Schweiz geschehen dieser Tage schreckliche Dinge. Die (sozialistische) Bundespräsidentin hat einen Apell an ihre Mitbürger gerichtet: "Es geht um unsere Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Zahlreich da oben zu erscheinen ist die beste Art und Weise, sich zu diesen Werten zu bekennen. Kommt zahlreich mit mir zum Rütli!"

Der Rütli ist eine Gegend, wie man sie sich nicht bukolischer und friedlicher vorstellen kann, eine sanft zum Vierwaldstätter See hin abfallende Wiese.

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Dort war der Schauplatz eines der Gründungsmythen des Bundes, wie der des Wilhelm Tell von Winkelried, dem Helden der Schlacht bei Sempach: die Vertreter der drei Täler (grosso modo die graubündener, die deutschen und die tessiner gemeinden) schworen, dass sie dem österreichischen Eroberer Widerstand leisten würden. Heute ist der 1. August der einzige gemeinsame Feiertag in allen schweizer Kantonen, der auf ein politisches Ereignis Bezug nimmt (allen gemeinsam sind sonst nur noch Himmelfahrt und der Neujahrstag). Und inzwischen ist er quasi alljährlich zum Gegenstand einer Polemik geworden.

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Man kann fast sicher sein, dass die schweizer Presse sich mit diesem neuen Feuilleton bis zum August beschäftigen wird. Schon jagen sich die Schlagzeilen in immer schnellerem Rythmus: "Micheline Calmy-Rey wehrt sich dagegen, dass ihr der Rütli am 1. August genommen wird." Berichtet uns Le Temps. "Den Rütli, nichts als den Rütli, den ganzen Rütli" will die Tribune de Genève. "Die Armee muss das Rütlifest retten" fordert Le Matin. Während die Sonntagszeitung sich damit begnügt, den Apell der Präsidentin zu verbreiten.

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Was ist dieses Jahr geschehen, dass die Ankündigung des Festes zum Streit gerät? Die Präsidentin wollte die diesjährige "Auflage" den Frauen widmen. Daraufhin haben schweizer Neonazis angekündigt, dass sie eine derartige Verunglimpfung der nationalen Legende verhindern würden in dem sie den Platz vorher besetzen würden (sie hatten bereits 2000 und 2500 für Unruhe gesorgt).

Und, schau an, die politische Klasse, die Linke an der Spitze, "bildet einen Schutzwall 
patriotischer Anhänglichkeit gegen die kleinmütigen Gründerkantone", schreibt Jacques Roth, der Editorialist der Tribune.

Die populistische Rechte macht sich lustig über das allgemeine Tohuwabohu im "Tauziehen um eine Wiese mit lauter Kuhfladen". Ein richtiges Volksschauspiel, bekräftigt der Chefredakteur der Tribune: "Die kleine Geschichte um dies Stück mythische Wiese symbolisiert herrlich den Patriotismus in seinen Facetten. Er wird stärker, wo man gegen etwas ist und gefährlich, wenn er in die Kotzbrühe der extremen Rechten eintunkt. Und vorallem hat er seine Grenzen da, wo es ihn zu finanzieren gilt."

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Weiter östlich ist ein anderer Streit in vollem Gang in der politischen Klasse. Im türkischen Parlament

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kam es in dieser Woche zum Handgemenge. Im Halbrund des Hauses traktierten sich die Abgeordneten mit Fäusten für oder gegen eine Wahl des Präsidenten der Republik in allgemeinen Wahlen. Die Kämpfer für das laizistische Staatswesen wollen diesen Zusatz zur Verfassung, und die Islamisten der herrschenden Partei, der AKP, wollen dagegen beim Status quo des parlamentarischen Votums bleiben, seit ihnen die Wahl von Abdullah Gül, der dem Premierminister Erdogan nahesteht, nicht gelang. Das Foto von den "Boxkämpfen" ziert die Titelseiten in der Türkei, aber auch in Österreich, mit für die Politiker wenig schmeichelhaften Überschriften
: "Erste Runde" oder "Türkischer Boxkampf um einen Präsidenten
". Am Ende jedoch ist das Chaos vorbei, alle sind ko und die Abgeordneten haben sich für die direkte Wahl ihres nächsten Präsidenten entschieden.

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Wie man so sagt, "läuft es einem heiß und kalt über den Rücken". Und genau diesbezüglich wird man entschieden nicht müde, vom Wetter zu sprechen, diesem Lieblingsthema seit es Menschen auf der Erde gibt(siehe "Der Temperaturrekord..."). Also, es ist zu kalt in Brasilien und in Westeuropa und gleichzeitig brät man in Moskau in der Sonne. Das bescheert uns Kapuzenmenschen auf der Titelseite des Daily Telegraph, "zu Eis erstarrt, völlig durchnässt, doch letztendlich sooo britisch".

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Während sich in der russischen Hauptstadt ein neuer Erwerbszweig auftut: Besprühen von aufgelösten und völlig durcheinander geratenen BürgerInnen... "Rette sich, wer kann!" schreit die Moskauer Prawda, während die Iswestia sich Sorgen machen:"Dieser heiße Mai kann nur den Orkan im Juni bedeuten." Ein patriotisches Gedicht des Zweiten Weltkriegs beginnt so: "Warte auf mich, ich komme wieder./ Warte auf mich, wenn die traurigen Tage vorüber./ Warte auch mich wenn die heiße Zeit ein Ende nimmt, ich komme wieder." Doch wie erkennen wir die Hitzewelle noch, wenn uns der Himmel auf den Kopf gefallen ist, und wie, ob es im Winter schneit..

 

Donnerstag 7. Juni 2007

Ausverkauf auf Raten

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April 2007 wird für die Kommunistische Partei Frankreichs sicherlich einer der unangenehmsten Monate ihrer Geschichte bleiben. Diese Partei - eine der letzten auf dieser Welt, die noch das Wort "kommunistisch" in ihrem Namen führt - hat nicht nur ihre Wähler und Anhänger verloren (sie hatte in den 60er Jahren mehr als 20% der Stimmen und bei der letzten Präsidentenwahl nur noch 2%), sie könnte auch ihren Besitz verlieren. Eine Aussicht, die der französischen Tageszeitung Le Figaro, die zur politischen Rechten neigt, nicht gerade missfällt.

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Noch besitzen die französischen "Genossen" nicht nur eine reiche Vergangenheit, sondern auch Immobilien und eine Reihe von Kunstwerken, die ihnen von Weggenossen aus der Kunst überlassen wurden, übrigens nicht von den geringsten: Picasso, Duchamp, Fernand Léger oder auch Edouard Pignon. Entgegen rührender Dementis der Funktionäre: dieser Kriegsschatz verschwindet langsam: Wohnungen, ein großes Haus, Immobilien wurden bereits abgestoßen um die Kassen aufzufüllen. Bilder, darunter die berühmte "Mona Lisa mit Schnurrbart" von Duchamp sind vermietet. Schätzungen wurden in Auftrag gegeben.

Allem zum Trotz behält die Partei aber noch zwei Juwelen: ihren Sitz am Colonel-Fabien-Platz im Pariser Norden, der vom brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer entworfen wurde, mit seinen drei Mal 5000 Quadratmetern, Büros, Fluren, Parkplätzen; und eine Wohnung, die sogenannte Leninwohnung, zwei Zimmer im Pariser Süden, in denen der Führer der Bolschewiki gewohnt haben soll... jedenfalls ein paar Tage lang. Schon seit mehreren Jahren vermietet das Zentralkomitee seine Gemäuer ohne Gewissensbisse und mit kapitalistischer Effektivität an Firmen der Haute Couture für Modeschauen. Das erste Haus, das den Reigen eröffnete, ist eine gewisse Firma Prada, bei der Madame Sarkosy sich einkleidet... Luxus nach Prada und der hingerichtete junge Widerstandskämpfer Guy Moquet: zwei Bindestriche zwischen dem neuen Präsidenten und der französischen kommunistischen Partei?

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Am anderen Ende der Welt, dort wo sich ein Land noch als kommunistisch gibt, macht sich eine der großen Tageszeitungen von Honkong Sorgen: die neue Generation verfüge nicht über die Führungsqualitäten um große Unternehmen im Wettbewerb einer globalisierten Welt zu leiten! Nach einer von der South China Morning Post in die Wege geleiteten Untersuchung sind die fraglichen Eigenschaften: Wissen, globale Vision, Innovation und Kreativität, Ausdauer und Entschlossenheit und... ein ausgedehnter Wortschatz in der eigenen, aber auch in der Sprache der anderen. Die führenden und andere Unternehmer, die gefragt wurden sind sehr streng mit ihren potentiellen Nachfolgern: Mangel an Unabhängigkeit, an Initiative, an Entschlossenheit, an Eifer, an Lebens- und Redekunst... Kurzum, früher war alles besser. Der Kapitalismus ist auch nicht mehr, was er mal war (und der Kommunismus auch nicht).

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Zum guten Schluss muss man sich, wenn man sein Antlitz nicht verhüllen will, in dieser Woche nach Brasilien oder nach Indien bewegen. Die ausgezeichnete Times of India berichtet aus Quellen des ehemaligen Kolonialherren: die englische Produktionsfirma Ricochet will mit Kandidaten für Schönheitsoperationen eine Realityshow drehen, wobei Gesicht und Körper neu entstehen sollen. Die Sendung wendet sich vorzugsweise an arme und missgestaltete Leute aus der Bevölkerung. Die Produzenten geben vor, mildtätig sein zu wollen. Wie auch die Niederländer, die in einem absurden, makabren Wettbewerb Organe vergeben wollten. Aber das war am Ende nur eine Witz... Ricochet beteuert zur Zeit noch, dass das Casting erfolgreich sei, und sie hätten auch schon einen Sender.

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Verbirgt sich José Serra, der Gouverneur von Sao Paulo deshalb hinter einer Maske mit etwas glasigen Augen? Gewiss nicht, sondern weil er gegen die Luftverschmutzung durch Dieselfahrzeuge in seiner Stadt und im ganzen Land protestieren will. Gleichzeitig will ein dänischer Künstler den Gipfel des Mont Blanc rosa anmalen und dort die der Umwelt gewidmete Rosa-Republik gründen. Alles eine Angelegenheit des Marketing. Die jungen Chinesen könnten sich ein Stück davon abschneiden...

 

Donnerstag 14. Juni 2007

Tim im Land der Borduren

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"Man sieht sie und - hop! - man sieht sie nicht mehr! Diesen Aufhänger der britischen Times können Sie auf der Titelseite nordamerikanischer, europäischer und ... albanischer Tageszeitungen finden. Die Sache ist ernst. Und noch immer nicht aufgeklärt. Am Sonntag, dem 10. Juni passierte das Unerwartete, und, um kein Blatt vor den Mund zu nehmen, im Leben von Präsident George W. Bush das, was niemand zu hoffen wagte: in Albanien, wo er seine Europarundreise beendete, in der kleinen Stadt Fushe Kruja, 30 Kilometer von der Hauptstadt Tirana entfernt, wurde das Staatsoberhaupt Amerikas von einer Ansammlung ausser Rand und Band geratenen Menschen begeistert gefeiert. Das hat ihn dazu bewegt, ein Bad in der Menge zu nehmen, Arme und Schultern zu berühren, Handschlag um Handschlag Hände zu schütteln: wieviele Heilungen St. George mit diesen Handauflegungen bewirkte, wird man nie wissen. Bekannt wurde dagegen ein anderes Zauberkunststück: die Armbanduhr des Präsidenten ist verschwunden. Am Anfang der Szene befand sie sich am ehrwürdigen Handgelenk und am Ende war sie nicht mehr da: Videos in den albanischen Medien, bis zum Überdruß wiederholt, bezeugen das.

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In Italien (wo demselben George W. am Abend zuvor ein kühler Empfang bereitet wurde) aber gewiss auch in Albanien werden Hypothesen aufgestellt, die zeigen sollen, dass es sich nicht um Raub handelt, damit das nach verbreiteter Auffassung ohnehin wenig rühmliche Ansehen des Landes nicht noch weiter geschädigt wird. Auch in den Vereinigten Staaten veröffentlicht das Weißé Haus ein Dementi nach dem anderen, damit man nicht das Gesicht verliert und vorallem, damit die Stimmung ungetrübt bleibt. Aber das Mysterium besteht weiter. Sie war da, sie ist nicht mehr da, und als der Präsident in seine Maschine Airforce One steigt und die Hand zum Abschiedsgruß hebt, schmückt eine neue Uhr sein Handgelenk, nämlich die einer anderen Marke. Das bescheinigen die aus aller Welt herbeigerufenen Uhrmacher einhellig! Der Corriere della Sera und die Stampa mockieren sich: "Da waren überall Hände, " schreibt ersterer, "die meisten wollten nur berühren oder ihm die Hand schütteln, aber andere hatten offensichtlich andere Pläne im Kopf. Der Zwischenfall hat etwas von einem Zauberkunststück: die albanische Menschenmenge und die Armbanduhr des Präsidenten." La Stampa (rechtes Zentrum) ist auch nicht großzügiger: "Ist Bushs Uhr nicht stehen geblieben, als er den Irak bombardierte? Jedenfalls stellt man absolut überrascht fest, dass keiner der 850 Sicherheitsinspektoren in Albanien etwas bemerkt hat..." Es sei denn, man denkt, es sei einer von denen gewesen ...

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Beim großen Nachbarn Kanada, genauer in Quebec, gehörten die Titelseiten der letzten Tage dem Ex-Vizegouverneur von Quebec, genauer gesagt ihr, der Ex-Vizegouverneurin, - obendrein eine Behinderte - a priori also äusserst politisch korrekt. Nur ist das schöne politische Bild seit ein paar Tagen zerstört und ihre Ex-Excellenz wird exzessiver Ausgaben beschuldigt. Bevor sie dieses Jahr die Geschäfte nach zehn Jahren abgegeben hat, mußte die ehrenwerte Lise Thibault (so lautet die für diesen Posten gesetzliche Anrede)Rechnung ablegen, und die Rechnung ging nicht auf: ungerechtfertigte Ausgaben in Höhe von 700 tausend kanadischen Dollar, davon 200 bis 300 tausend klarerweise zweifelhaft (das entspricht etwa 210 tausend Euro). Lise Thibault weist alle Anschuldigungen von sich: alle ihre Ersatzansprüche wurden kontrolliert und für rechtmäßig befunden, also von der Regierung genehmigt. Im übrigen hätten - lässt sie aus ihrem Inselrefugium im St.Lorenz-Strom, zu dem Journalisten keinen Zutritt haben, mitteilen - diese sogenannten überflüssigen Ausgaben ihr das Skifahren und das Golfspielen im Sitzen ermöglicht und damit habe sie ein positives Bild und Modell für Behinderte abgeben können.

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Hier empfiehlt sich eine kurze Erklärung: Lise Thibault ist der 27te Vizegouverneur von Quebec, aber auch die erste Frau in dieser Reihe und mit ihrem Posten Vertreterin der britischen Krone - die Königinnen und Könige von England sind bis heute Staatsoberhaupt von Kanada. In der Staatsordnung sichern die Premierminister die politische Macht und die Vizegouverneure nehmen administrative und protokolarische Aufgaben wahr. Die Webseite der hohen Funktion stellt fest: "er soll in seinem Tun und Handeln Angemessenheit und Zweckdienlichkeit walten lassen. Ausserdem hat er die Aufgabe, über Anliegen der Bewohner von Quebec und ihrer Regierung auf dem Laufenden zu sein. Seine gesellschaftliche Rolle soll durch eine Teilnahme und Gegenwart gestärkt sein, die ihm die entsprechende Information vermitteln und ihn zu bestmöglichem Verständnis der Anliegen geleiten. In dieser Hinsicht bleiben Persönlichkeit und Können die wichtigsten Eigenschaften für eine für jedermann ebenso sichtbare wie transparente Funktion." Die obersten Finanzprüfer von Quebec fanden die Ausgaben von Madame Thibault für kleine Familienfeste oder private Reisen wenig transparent. Was uns in Frankreich an eine andere Sache erinnert...

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Die Kosten der Hochzeit der vierten Tochter des Sultans von Brunei (er hat 11 Kinder), der Prinzessin Majeedah, die im Umweltministerium - jawohl! - arbeitet, sind vollständig transparent. In diesem Sultanat, dem Tüpfelchen auf dem i aller Superlative (in Sachen Reichtum), gleichen die Kassen des Sultans einem Brunnen ohne Grund. Er hat seinem Volk zur Feier des Ereignisses zwei Wochen Urlaub gegeben (was der deutschen Tageszeitung Die Welt nicht entgangen ist); 2000 Gäste wurden eingeladen; über und über mit Schmuck behangen, ein Juwel kostbarer als das andere, glichen die Jungvermählten glitzernden Weihnachtsbäumen. Geld ist in diesem winzigen Eldorado gewiss keine Schande, doch sagt man sich angesichts des Fotos von den beiden Turteltauben wieder einmal "Geld allein macht nicht glücklich". "Am wenigsten das derjenigen die keins haben", meinte der seelige Coluche...

 

Dienstag 19. Juni 2007

Für ein paar Dollar mehr...

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"Die Ureinwohner". So definiert das Lexikon das Wort "Aborigines" und gibt gleichzeitig an, dass auch die ersten Italiener, die direkt von den Latinern abstammten, so bezeichnet wurden. Heute wird die Bezeichnung fast ausschließlich für die vor der Kolonisation dort lebenden Ureinwohner Australiens und ihre Nachkommen verwendet und sie beschwört ein schweres Schicksal: Not, Ausbeutung und Krankheit. Zwei Meldungen dieser Woche bestätigen wieder einmal den zeitlichen Ablauf eines Aussterbens mit Vorankündigung, die erste auf der Titelseite des australischen Referenzblattes The Age, die andere unter "Verschiedenes" (!)in der französischen Libération.

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In der australische Presse zeigt der "Vater der Versöhnung", Patrick Dodson ein ernstes Gesicht. Er möchte einen Schrei des Ensetzens ausstoßen angesichts der exponentiell steigende Selbstmordrate in den Ureinwohnergemeinden des Landes und Kontinentes. Und obendrein sind die Jungen besonders betroffen, unter Umständen gar Kinder im Alter von 11 und 12 Jahren... Patrik Dodson hat in seiner Umgebung erlebt, dass sich drei Menschen erhängten, darunter ein "Sohn" (ein Neffe nach unserer Genealogie) von 11 Jahren an einem frühen Morgen im vergangenen Jahr. Das hat ihn dazu gebracht zu handeln. Eine Untersuchungskommission ist zu einem erschreckenden Ergebnis gekommen: von 1981 bis 2002 ist die Selbstmordrate unter den Männern der Ureinwohner um 800% gestiegen und die der Frauen um 28% pro Jahr! In einigen Gegenden ist sie besonders hoch.

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Die Behörden haben versucht, die Gründe für die vielen Suizide zu verstehen und nennen den Alkoholmissbrauch als Hauptgrund. Allein, dieser Überkonsum ist nur das Symptom einer tiefergehenden, sowohl endogenen wie exogenen Depression. Endogen vielleicht in einem Fall,in dem die Großmutter von 21 Enkelkindern auf innerfamiliäre Gewalt verweist, gar auf sexuellen Missbrauch von Kindern und auf eine Art zur Schau getragener Risiko-"Kultur". Als exogene Ursache kann man sich leicht die Gewalt der Kolonialherrschaft vorstellen und die "Ghettoisierung" dieser Bevölkerung über Jahrhunderte. Die Nachrichten, die uns Libération und Agence France Presse dieser Tage liefern, sind eine erneute Illustration.

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Seit Monaten erreichen die Preise für Kunstwerke der Aborigines Rekordhöhen: im letzten Monat erzielte eine Leinwand bei einer Versteigerung in Sidney die astronomische Summe von einer Million australische Dollar, das entspricht etwa 625 000 Euro. Die Kunstindustrie dieser Sparte bringt in guten wie in schlechten Jahren um die 500 Millionen Dollar ein. Den Künstlern kommt davon sehr wenig zugute. Kürzlich wurde in Italien ein Kunstwerk für 11000 Euro verkauft, 100 Euro gingen an den Künstler... Einer Meldung zufolge "hocken in einem Stacheldraht umzäumten Lagerraum unweit von Alice Springs in der Wüste die Künstler über ihren großen Leinwänden. Ein Weißer steht und überwacht die Arbeit (...) die Händler locken die Künstler mit alten Autos, mit Alkohol, selbst mit Viagra, und die finden sich weit entfernt von ihren Heimatgemeinden wieder." Ein schwerwiegender Bruch mit einer Kultur und Gesellschaft, in der das Miteinander-Reden eine zentrale Rolle spielt...

 

 

Mittwoch 27. Juni 2007

Im weissen Rössl

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Ich höre schon die Kommentare: wie kann man nur angesichts der unglücklichen australischen Ureinwohner einen Schrei der Empörung ausstoßen und dann sich für Pferde einsetzen! Ach ja. Vor Jahren wäre eine innige Freundschaft beinahe wegen eines ähnlichen Problems in die Brüche gegangen: Wir waren gerade auf der griechischen Insel Santorin gelandet, die Temperaturen lagen bei 45 Grad im Schatten, und wir hatten die Wahl, die eindrucksvolle Felswand vor uns zu Fuß oder auf Maultierrücken zu erklimmen... Reiter, die wir sind, entschieden wir uns für die bequemere Tour. Unterwegs wäre die kleine Fuchsstute vor uns unter der Last eines dicken amerikanischen Touristen fast zusammengebrochen, und neben uns wurde ein schreckliches Geräusch, wie von einem Motor immer stärker: der Maultiertreiber ging zu Fuß hinter den Tieren und schien einem Schlaganfall nahe. Angekommen und voller Schuldbewußtsein fielen wir in ein wildes Streigespräch: wer litt mehr, der Mann oder die Tiere? Ich bestand auf dem Menschen, dem erschöpften Arbeiter, der seine Familie ernähren muss, Isabelle, meine Mitreisende, stand auf Seiten der Tiere, der unschuldigen Geschöpfe, die wehrlos der Ausbeutung bis zum Übermaß ausgesetzt sind.

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Die denkwürdige Auseinandersetzung (die bis heute nicht entschieden ist) kam mir wieder in den Sinn als ich in der Moskowskaja Prawda vom Montag, dem 25. Juni den Artikel von Jelena Serowa las: "Pegasus in der Megapole". Sie berichtet vom Schicksal der Moskauer Pferde: zwei Drittel von ihnen würden in guten wie in schlechten Jahren gut behandelt. Aber die anderen! Sie arbeiten den Tag lang wie Strafgefangene, transportieren Touristen, bringen Kindern Spaß oder dienen zum Reitenlernen und bleiben den ganzen Tag ohne Fressen und Trinken, der Laune ihrer Besitzer ausgesetzt. Die Journalistin spricht ohne Zögern von Ungeheuern an Grausamkeit. Jetzt ist endgültig Schluss mit dem Stillschweigen, das in diesem Milieu herrschte, und diejenigen die sich gut um ihre treuen "Arbeiter" (die bis zu 1000 Rubel pro Fahrt einbringen, das sind etwa 30 Euro) kümmern, zeigen die schwarzen Schafe ihres Berufs jetzt an und sagen auch, dass die Pferde der Miliz manchmal nicht besser behandelt werden. Das ist nun wirklich die Höhe in einem Land - dem einzigen auf der Welt, soviel ich weiß - in dem Zar Nikolaus I. zu Anfang des 19. Jahrhunderts in seinem Sommerpalast Zarskoje Selo ein Heim für altersschwache oder verwundete Pferde einrichten ließ und einen Pferdefriedhof, der über 120 Grabstätten zählt.

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Gleichzeitig existiert eine beeindruckende Zahl von Gesetzen der Föderation und Regeln auf Stadtebene, die Mißhandlung von Tieren und insbesondere von Pferden verbieten. Eine Bürgerinitiative hat sich zum Ziel gesetzt, Zuwiderhandelde auf frischer Tat zu ertappen. Der Schriftsteller Alexander Gerassimow, einer der entschiedensten Pferdeverteidiger unserer Tage, stellt in seiner Anthologie russischer Dichtung fest, dass Pegasus in allen Epochen ein Lieblingsthema russischer Dichter war. Wladimir Majakowski schrieb sogar ein Gedicht mit der Überschrift "Vom guten Umgang mit den Pferden". Es beginnt so: "Wir alle haben etwas in uns von einem Pferd..." Die Verwirrung nimmt kein Ende, was unseren Streit auf Santorin angeht.

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In einem anderen kalten, nordischen Land, in Kanada, kam auch ein Pferd auf die Titelseite des Globe and Mail, einer der wichtigsten englischsprachigen Tageszeitungen des Landes. Doch war der Star eher die Reiterin: "Die Dame ist ein Champion" titelte die Zeitung. 148 Jahre hat es gedauert, bis eine Frau das "Queen’s plate" (wörtlich "Teller der Königin") gewann, das älteste Pferderennen Nordamerikas, das allen Widerständen zum Trotz immer ausgetragen wurde, selbst während der beiden Weltkriege. Emma-Jayne Wilson hatte sich mit 19 Jahren in ihrem Tagebuch geschworen, ein großer Jokey zu werden (noch ein Wort das nur männlich existiert?). Sechs Jahre später kam die in Ontario geborene mit dem reinrassigen Mile Fox zum Ziel, einem schönen Braunen, der uns nicht mitgeteilt hat, was er von seiner "Arbeit" als Athlet hält...

Wie steht es also, wer ist mehr zu bedauern, Mensch oder Pferd?

 

 

Dienstag 3. Juli 2007

Soweit alles ok

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Der Titel der Iswestja vom Montag, dem 2. Juli hat mich erinnert, so wie Marcel Proust die Madeleine zum Tee: "Ein normales Verhältnis unter großen Jungens: das ist es, was man vom Treffen der Regierungschefs von Russen und Amerikanern erwartet". Tatsächlich hat die Erwartung des Kreml nichts außergewöhnliches, wenn da nicht das Qualifikativ "normal" wäre. Dies Adjektiv war ungewöhnlich populär in Russland, Anfang der 90er Jahre, als das Land seine großen Veränderungen durchmachte. Damals wurde damit alles bezeichnet, was im Westen gut erschien, de facto alles, was außerhalb der Sowjetunion passierte: "in einem normalen Land überquert man die Straße auf dem Zebrastreifen"; "in einer normalen U-Bahn läßt man dem Nächsten nicht die Tür vor der Nase zufallen"; "in einer normalen Zeitung wird die Regierung kritisiert"; "in einem normalen Laden steht man für eine Flasche Wodka nicht eine Stunde lang an", usw. usw.

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Ist es die scheinbare Wiederkehr des kalten Krieges, die das Wort wieder in Mode bringt? Auf der gleichen Titelseite sieht man jedenfalls einen Hugo Chavez sehr zufrieden mit seiner Begegnung mit dem russischen Präsidenten. "Gemeinsam mit Ihrem Präsidenten werden wir Wache halten..." erklärt er stolz vor seiner Rückreise nach Caracas. Was sind also die "normalen" Beziehungen zwischen Wladimir Putin und George W. Bush? Wenn man den zahlreichen von der Iswestja (eine ganz normale Tageszeitung seit sie 1995 von einer Bank gekauft wurde) befragten Experten Glauben schenken will, handelt es sich gewiss nicht um gemeinsame Ansichten zum Weltgeschehen, sondern höchstens darum, dass man über alles miteinander reden kann, über alles, nur nicht über Dinge, die Ärger bedeuten...

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Aus Kuba kamen in dieser Woche Meldungen, die zugleich normal und unnormal sind. Es erscheint absolut normal - natürlich aus der Sicht der CIA - dass die amerikanischen Geheimdienste Fidel Castro, ihren Feind Nr. 1, beseitigen wollten und also versucht hätten, ihn 1960 umzubringen (mit Gift), wie aus kürzlich freigegebenen und der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Dokumenten hervorgeht. Und man erkennt, wie weit der Verfolgungswahn ging, der im Weißen Haus, der New York Times zufolge, seinerzeit herrschte. Unnormal dagegen ist die Reaktion des Lider Maximo auf diese Enthüllungen, denn der große Ungläubige vor dem Herrn "dankt dem lieben Gott, dass er ihn vor Bush und allen Präsidenten, die ihn ermorden wollten, behütet hat." Der reconvaleszente alte Revolutionär hat durch die Presse wissen lassen, dass er nicht etwa konvertiert sei, sondern nur sich über seinen Lieblingsfeind habe lustig machen wollen. Der nämlich hatte vor ein paar Wochen prophezeit: "Eines Tages wird der Liebe Gott Fidel Castro heimholen".

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Davon abgesehen scheint es, dass Sommer ist und also Ferienzeit, lange Ferien für mich, beinahe 6 Wochen (aber ich werde, was immer geschieht, mein Blog weiterführen, wenn es gerade mal nicht regnet, denn was die Sonne angeht, wird man dieses Jahr wohl den Winter abwarten müssen...). Und ausgerechnet da lese ich in der oesterreichischen Presse, dass die Experten (wie immer, aber wohl nicht dieselben wie für die internationalen Beziehungen) kurze Sommerferien vorschlagen! Weil der Stress im Herbst sonst groß sei, und weil eine lange Pause eine allgemeine Schwächung der intellektuellen Fähigkeiten der Menschen zur Folge hat... (ausser natürlich, wenn der Herbst vor dem Sommer kommt, wie es im Moment der Fall ist!) Die Wiener Psychologen und Spezialisten der Pädagogik schlagen also vor, die traditionellen neun Wochen im Sommer aufzuteilen und zum Teil in den Winter zu verlegen. Und während wir auf diese wichtige Reform warten, halten sie Aufgaben für die Ferien für unumgänglich. Gewiss, diese Maßgabe richtet sich vor Allem an das Schulsystem, aber warum sollte man sie nicht auf alle Mitbürger jeden Alters ausdehnen, von 0 bis 100 Jahre und darüberhinaus?

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Das hätte hervorragende Folgen für Venedig. In der Tat ist die Bedrohung der Stadt der Dogen durch zuviele Turisten im Sommer beinahe größer als die durch die Fluten oder die Tauben, diese fliegenden Ratten, und die Bewohner klagen, dass sie buchstäblich in den unaufhörlich strömenden Massen ertrinken. Doch die Gefahr besteht nicht nur in der Sommersaison: auch im ersten Trimester war der Zustrom um 10% höher und für das Jahr 2007 werden 20 Millionen Besucher in der Lagune erwartet. Die Behörden fragen sich sogar, ob nicht ein numerus clausus (wie beim Zugang zu den großen Universitäten) die Zahl der Turisten begrenzen sollte. "Der Turismus, diese Luft für die Lunge der Wirtschaft unserer Stadt wird langsam zum erstickenden Gas" hat ein Verantwortlicher der Stadtverwaltung kommentiert. Aber der Leitartikler von Il Gazettino fragt wie eine solche Begrenzung praktisch durchzuführen wäre: mit einer Eintrittskarte? Durch Abzählen und Schließung der Tore, wenn die Endziffer erreicht ist? Mit einer Prüfung in ökologischen Turismus für die Besucher? Und wo liegt das Gleichgewicht von Atmen und Ersticken? Ein ausgezeichneter Gegenstand für Ferienaufgaben. Abgabe im September...

Ich wünsche schöne Ferien!

 

Freitag 13. Juli 2007

Das passiert nur den anderen

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"Es ist etwas faul im im Königreich ... Japan." Dieser persiflierte Hamlet-Spruch drängt sich auf, wenn man die japanischen Tageszeitungen zu den neuesten Entwicklungen in einer Regierung liest, die in den letzten Wochen besonders schlecht funktionierte. Der Minister für die Verwaltungsreform wurde wegen Fehlfinanzierungen entlassen. Der Landwirtschaftsminister hatte im Mai Selbstmord begangen, wegen Unterschlagungen. Jetzt ist die Reihe seinen Hut zu nehmen am Verteidigungsminister. Fumio Kyuma war in Japan der erste Minister auf diesem Posten mit Amtsantritt der Regierung Shinzo Abe (Liberaldemokratische Partei, grosso modo rechtes Zentrum) zu Anfang des Jahres.

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Bis dato koordinierte in dem von den Gespenstern des Zweiten Weltkriegs heimgesuchten Land der aufgehenden Sonne ein "Amt für Verteidigung" die militärischen Überlegungen. Premierminister Shinzo Abe, der einer langen Geschlechterfolge japanischer Politiker angehört, von denen der ein oder andere an den Schrecken des letzten Krieges beteiligt war, fand es an der Zeit, auch institutionell einen Schlußstrich zu ziehen. Das Amt wurde zum Ministerium und er mockierte sich über die im Einsatz befindlichen Soldaten Nippons, sprach gar von "Bequemlichkeit chinesischer Frauen".

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Der erste Verteidigungsminister musste gehen, weil er gegen die Tabus des Zweiten Weltkriegs verstieß. Fumio Kyuma hatte schon bevor er sein Amt antrat von sich reden gemacht. Insbesondere hatte er die Entsendung amerikanischer Truppen in den Irak kritisert. Jetzt ist die gegen den Strom schwimmende Persönlichkeit rückfällig geworden und hat sich an dem japanischen Tabu aller Tabus, den Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima verbrannt. "Ich bin seither zu dem Schluss gekommen, dass es keine andere Möglichkeit gab, diesen Krieg zu beenden, trotz der unberechenbaren Zahl der Opfer." Teufel auch! Das ist stark für den Anfang eines Ministers. Es stehen für die herrschende Koalition entscheidende Wahlen zum Senat an (am Ende des Monats) und bevor die Opposition ihren Vorteil wahrnehmen würde, mußte gehandelt werden. Manche Japaner fanden, dass die Bemerkung Fumio Kyumas schlimmer war als die des Gesundheitsministers, der gesagt hatte "Frauen sind Gebärmaschinen". Wie sagte (angeblich) mal jemand und streckte uns die Zunge raus: "Alles ist relativ".

Eine Frau, also eine Gebärmaschine im Jargon japanischer Politik, wird Amtsnachfolgerin des scheidenden Ministers. Yuriko Koike ist kein Neuling. Sie war Sonderberaterin des Premierministers in Verteidigungsfragen. Als erstes hat sie jeden Kommentar zu den Aussprüchen ihres Vorgängers abgelehnt. Eine weise Entscheidung!

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Weiter westlich verändern die Helden des Zweiten Weltkries auch weiterhin in diplomatischen Scharmützeln ihren Standort. Nach dem jungen sowjetischen Bronzesoldaten, der aus dem Zentrum der estnischen Hauptstadt an die Peripherie versetzt wurde, ist die Reihe an den Überresten einer sehr jungen Frau, einer Sanitäterin, die an gleicher Stelle begraben wurde wie der schöne Krieger. Lenotschka Warschawskaja wurde aus Tallin abtransportiert nach ... Jerusalem. Die Moskauer Iswestja berichtet von dieser Geschichte und gibt einen Brief der jungen Frau an ihre Familie wieder. Da schreibt sie am Anfang: "ich bin klein, deshalb trifft mich keine Kugel."