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Dienstag 19. September 2006

Crash

 

Während die letzte päpstliche Bulle eine Welle von Gewalt in der ganzen Welt auslöste - wie der Flügelschlag des Schmetterlings in Buenos Aires den Wolkenbruch in Reykjavik bewirken kann -, erstarrt ganz Kanada angesichts eines niegesehenen Gewaltausbruchs in diesem friedlichen Land. Ein von Waffen faszinierter Schüler in Laval in Quebec, der seine morbide Leidenschaft den Lesern seines Blogs ausführlich anvertraute, veranstaltet ein Massaker in seiner Schule, ähnlich dem von Colombine in den USA: ein Toter, mehrere schwer, wenn nicht lebensbedrohlich, Verletzte. Das traumatische Vorkommnis bewegt die englisch- ebenso wie die französischsprachige Presse auf den Titelseiten: eine Art innere Einkehr, um das Warum des Wie zu begreifen.

Kanadische Schriftsteller, Filmemacher, Künstler ergründenschon seit langer Zeit die Tiefen der alltäglichen Gewalt, die mit der Modernisierung, der industriellen und technologischen Revolution, mit dem Massenkonsum in den westlichen Gesellschaften einhergeht. Im Kino ging Cronenberg mit seiner Adaptation des Romans "Crash" von James Graham Ballard bis an die Grenzen des Genres. Der Brite Ballard hatte eine kanadische Vergangenheit, war dort bei der Luftwaffe. Die Fantasie eines traumatischen Verkehrsunfalls wird zur entblößenden Metapher für den Zusammenbruch unserer Wirtschafts- und kulturellen Systeme.

Zeitungen suchen wie gewöhnlich die Verantwortlichkeiten: Drogen, Videospiele, Rockstars, Virtuelle Universen im Internet oder, nicht selten, alles dies zusammen... Jeder hat seinen Sachverständigen, Psychiater oder Psychologe, der das Unverständliche verständlich macht, Worte für das Unerklärliche findet. Abgesehen von, wie es scheint, der unendlichen Einsamkeit eines Jugendlichen, der in aller Legalität Waffen besitzen konnte: ein Punkt, der ohne Zweifel ausführlichere Nachforschungen verdienen würde.

Man weiss dagegen überhaupt nicht, was die Auslöser der beiden spektakulären Unfälle waren, die in Japan und Australien die Titelseiten füllten, ja sogar in anderen Teilen der Welt (zum Beispiel in der Türkei). Zwei fatale Crashs, deren Blechberge Fotografen und Journalisten anziehen und damit auch uns Leser, vielleicht weil wir hoffen, so den Teufel, der uns reitet, auszutreiben, nämlich den Gedanken an den Tod im Blech.

 

James Graham Ballard, geb. 1930 in Shanghai (wo der Vater als Chemiker arbeitete; die Familie war während des Krieges in einem japanischen Lager interniert), Medizinstudium in Cambridge, 1953-1954 Royal Air Force in Saskatchevan, 1955 Heirat mit Helen Mary Mathews, Arbeit als Redakteur, Künstler (Popart), Schriftsteller. Erfolg 1962 mit "The Drowned World" (Karneval der Alligatoren). 1964 Tod seiner Frau. Ballard allein mit drei Kindern. Im dystopischen Roman Crash (1973) ist der sexuelle Genuss von Autozusammenstößen vielfach schockierendes Thema.

Ballard 2005 in einem Interview der ZEIT:

"All meine Bücher handeln ja davon, dass unsere humane Gesittung wie die Kruste über der ausgespienen Lava eines Vulkans ist. Sie sieht fest aus, aber wenn man den Fuß daraufsetzt, spürt man das Feuer. Die Geschehnisse in Louisiana erinnern uns daran, dass die Freiheit der Reichen immer noch auf der Unterdrückung der Armen beruht. Weil diese Tatsache aber verdrängt wird, sind wir schlecht vorbereitet, den Preis für das Funktionieren unserer Gesellschaft zu zahlen."

David Cronenberg, geb. 1943 in Toronto, Mutter Pianistin, Vater freier Journalist, frühe naturwissenschaftliche Interessen, 1963 Literaturstudium, Abschluss 1967 nach einem Jahr Europa. 1966 erste "Underground" Filme, Gründung der Toronto Film Co-op. Nach vielen Filmen 1996 die in Cannes preisgekrönte Crashverfilmung.

Dienstag 26. September 2006

Bericht falls Interesse.

Pünktlich wie jeden Morgen gibt die Agence France Press auch heute, Dienstag den 26ten September 2006, ihre Übersicht heraus, die Vorschau auf die Tagesereignisse und auf entsprechende Berichte und Analysen. Heute genau um 8 Uhr 26.

Europäische Themen sind etwa die Beratungen zum Beitritt von Bulgarien und Rumänien oder die Verstärkung der Polizei in den französischen Vorstädten. Zwischendrin die Meldung dass der Europäische Gerichtshof ein Urteil in SachenGeorge Blake fällen wird: "Der sowjetische Spion, der seit 1966 in Moskau lebt, klagt gegen ein Verfahren der britischen Regierung, das zum Ziel hat, ihm die Autorenrechte für sein Buch über sein Leben in den Geheimdiensten zu entziehen". Der Nachricht folgt der Hinweis: "BERICHT FALLS INTERESSE".

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Ein paar Stunden später schliesslich, ergeht eine Depesche zur Entscheidung des Gerichtshofs zu Gunsten des Klägers: wenigstens ein bescheidenes Interesse also, für einen mitreißenden Fall, der alles in einem die Geschichte des Jahrhunderts, die des Kalten Krieges, die Meinungsfreiheit, die Frage, was ist ein Verbrechen und die der Autorenrechte thematisiert.

Im Frühjahr 1990 taucht in London ein Mann wieder auf, der seit 24 Jahren hinter dem Eiserenen Vorhang verschwunden war. Sein Name und sein Portrait erscheinen auf dem Deckel eines wie für die Bestsellerlisten geschaffenen Buches mit dem Titel "Keine andere Wahl". Es handelt sich um George Blake, um einen der berühmtesten Doppelagenten in der Geschichte der Gegenspionage. Vom gleichen Kaliber wie die Philby, Mac Lean oder Blunt, obgleich jünger als seine berühmten Vorgänger. Wie jene ein Überläufer aus Überzeugung, aus britischen Diensten in die des KGB. Wie sie hat er dem Intelligence Service erheblichen Schaden zugefügt. Und ebenfalls wie sie, hat er stets behauptet,
dass niemand unmittelbar unter seiner Entscheidung zu leiden gehabt hätte.

Die Engländer haben ihn 1961 verhaftet, er wurde zu 42 Jahren Gefängnis verurteilt. Pazifisten, die ebenfalls einsassen, jedoch für kürzere Zeiten, fanden das Urteil zu hart und verhelfem ihm im Oktober 1966 zur Flucht. Er erreicht Moskau und wohnt ihm gleichen Block wie Kim Philby und Donald Mac Lean. Mit der Perestroika wird seine Welt paradoxerweise gleichzeitig enger und weiter: geographisch wird der sowjetische Einfluss eingeschränkt, aber virtuell, mit den verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten, öffnet sich die Welt. Er reist weniger und schreibt dafür seine Memoiren mit Hilfe eines britischen Journalisten. Das Buch erscheint zuerst im Vereinigten Königreich.

Doch dort werden die Dinge kompliziert: sein Londoner Verleger, die berühmte Firma Jonathan Cape, hat ihm eine Anzahlung von 60 000 Euro auf die vertraglich vereinbarte Summe von 150 000 gezahlt. Die (konservative)englische Regierung beschliesst daraufhin, die restlichen, noch nicht gezahlten, 90 000 Euro zu konfiszieren: als Entschädigung für den Schaden, den George Blake dem Vereinigten Königreich zugefügt habe...

Nach neun vergeblichen Jahren im Umgang mit britischen Gerichten wendet sich der mittlerweile russische Staatsbürger an den Europäischen Gerichtshof, klagt wegen Einschränkung der Meinungsfreiheit und ungebührlicher Hinauszögerung des Verfahrens...

Die britischen Richter ihrerseits versuchen geltend zu machen, dass es ungebührlich sei, wenn ein Buchautor von "seinen Verbrechen" profitiere. Es gab einen Fall auch in Frankreich, als die Autobiographie der "Schlange", Charles Sobhraj erschien. Der Serienmörder junger Mädchen erzählt darin seine düsteren "Erfolgserlebnisse". Aus der Sache wurde ein Musterverfahren. Das Urteil besagt, dass es ganz undenkbar sei, jemandem zu erlauben, auf diese Weise von derartigen Verbrechen zu profitieren.

Aber lassen sich solche Bluttaten mit einem ideologischen "Verbrechen" vergleichen, über das je nach Ort und Zeit sehr verschieden geurteilt wird? ... Der Europäische Gerichtshof hat in seinem Urteil zu diesem grundsätzlichen Punkt nicht Stellung bezogen, wohl aber zu den sich hinziehenden Verfahren: die englische Justiz wird zur Zahlung von 7000 Euro Entschädigung an George Blake verpflichtet. Wir warten auf die Kommentare in der britischen und der russischen Presse....

Eine Lehre aus der Sache ist jedoch bereits gezogen: George Blake hat gerade entschieden, die Fortsetzung seiner Memoiren auf russisch zu veröffentlichen, unter dem Titel: "Transparente Mauern" (Prozratchye Steny)...

 

Die klagende Partei hat sich also zu Recht auf Art. 6 der Europäischen Menschenrechtskonvention berufen:

"Recht auf ein faires Verfahren.(1) Jede Person hat ein Recht darauf, dass über Streitigkeiten in bezug auf ihre zivilrechtlichen Ansprüche und Verpflichtungen oder über eine gegen sie erhobene strafrechtliche Anklage von einem unabhängigen und unparteiischen, auf Gesetz beruhenden Gericht in einem fairen Verfahren, öffentlich und innerhalb angemessener Frist verhandelt wird..."

Die britische Justiz wird auf Grund von Art. 41 verurteilt:

"Gerechte Entschädigung. Stellt der Gerichtshof fest, dass diese Konvention oder die Protokolle dazu verletzt worden sind, und gestattet das innerstaatliche Recht der Hohen Vertragspartei nur eine unvollkommene Wiedergutmachung für die Folgen dieser Verletzung, so spricht der Gerichtshof der verletzten Partei eine gerechte Entschädigung zu, wenn dies notwendig ist."

In Sachen "Autorenrechte" müsste ein Gericht sich mit der Natur der Rechtsverstösse auseinandersetzen. Im vorliegenden Fall handelt es sich offenkundig um Taten, die in Kriegszusammenhängen zu werten sind. Der Europäische Gerichtshof könnte hier meines Erachtens auch deshalb nicht richten, weil die Konvention den Kriegsfall (leider?) nicht einbezieht in die Menschenrechtsbestimmungen.

 

Dienstag 3. Oktober 2006

Bilder im Web

 

Ein Blick auf die Illustration lässt ein mäßiges Gemälde erkennen, Vorlage etwa für eine Postkarte, wie sie zu den Feiertagen für wohltätige Zwecke angeboten werden. Es mag den ein oder anderen Liebhaber geben, der dergleichen als Schmuck auf das Kaminsims stellt. Der Schund ging für 170 000 Euro über den Tisch. Lostwithiel ist eine der schönsten Ortschaften in Cornwall (Vereinigtes Königreich). Idyllische Umgebung, eine Versteigerung, ein Bild im "Anstreicher-"Stil, der Preis das zehnfache der Ausgangssumme. Zwei Referenzblätter des Alten Kontinents, El Pais in Madrid und The Independent (der sein silbernes Jubiläum feiert) in London, widmen dem zweifelhaften Ereignis ihre Seiten. Grund: Der Maler dieser "Kirche von Preux au Bois", ein gewisser Adolf Hitler...

Der Käufer, ebenso anonym wie der Verkäufer, wäre, nach Aussage des estnischen Beauftragten dieses "Geschäftsmannes aus Osteuropa", nicht der Kunst halber so weit gegangen, sondern aus geschäftlichen Gründen: "Ich verfüge über ein Budget um alles zu erwerben, was die Signatur Hitlers trägt" erklärt der Mann dem Korrepondenten des Independent, ohne mit der Wimper zu zucken und schließt allen Ernstes mit dem Satz: "Ich nehme an, dass der Auftrag rein unter Anlagegesichtspunkten erteilt wurde, denn, offen gestanden, ein Bild von Hitler an der Wohnzimmerwand ist nicht gerade angenehm."

Natürlich fragt es sich, ob das Geschäft tatsächlich ein lohnendes ist, ob das Kunstwerk echt ist, nicht wie die "Tagebücher" des Nazidiktators und Massenmörders, die vor zehn Jahren ebenfalls versteigert wurden und sich als Fälschung erwiesen. Dieser Aspekt hat offensichtlich den Journalisten von El Pais beschäftigt. Nach Aussage der Experten, die das Madrider Blatt bemühte, kann es sich durchaus um eine Fälschung handeln. Das Bild wurde von einer belgischen Bürgerin in einem Koffer unweit der Grenze zu Frankreich entdeckt - da, wo Soldat Adolf Hitler zwischen zwei Angriffen und zwei Skizzen seine mäßigen Produkte hervorbrachte. Schon vor einiger Zeit wurden Arbeiten mit eben dieser Signatur an einen russischen Käufer zu ähnlich hohen Preisen verkauft.

Offenbar wollte niemand die reichlich geschmacklose Veranstaltung stören. Nur Aaron Barschak, selbsternannter "Komödienterrorist" (er hat dem mit SS-Uniformen spielenden Prinzen William mit einer lasziven rosa Osamafigur die Geburtstagsparty vermasselt). "Eine Million Pfund, das ist ein Mussolini!" schrien er und sein Kumpan in den Saal. Dann geleitete die "Sicherheit" die beiden brutal vor die Tür. "Wie kann man nur mit einem Kriegsverbrecher Geschäfte machen?" fragt seine Frau.

In einer ungleich friedlicheren Auseinandersetzung begegnen sich Kunsthistoriker diesseits und jenseits des Atlantik. Ein Jahrhunderte alter Streit ohne Ende, der auch bestimmten Leuten schon viel Geld eingebracht hat: "warum nur lächelt sie?". Sie, das ist natürlich Mona Lisa, genannt die Gioconda, in Wirklichkeit Lisa Gherardini, Witwe des sehr reichen florentinischen Seidenhändlers Francesco del Giocondo und Mutter von fünf Kindern. "Die Gattin, die Mutter": in diese beiden Teile gliederte sich der Entwurf einer Abhandlung über die Königinnen von Frankreich des seeligen Edgar Faure, seines Zeichens Staatsmann in mehreren Republiken.

Die Gattin, die Mutter ist im übrigen auch die These von kanadischen Kunstexperten, die Leonardo da Vincis berühmtes Porträt dreidimensional und mit allen bisherigen mehrfach überlegenen Maschinen abgetastet haben. Nur versteht man beim Lesen ihrer Ergebnisse nicht ganz, warum sie solche Maschinen brauchten: "Aufgrund des Scans können wir sagen, dass der feine Gaze-Schleier über den Kleidern der Mona Lisa das Charakteristikum einer Gebärenden oder demnächst Gebärenden war." Den Schleier sieht man mit bloßem Auge... Ein anderer Gelehrter, diesmal in Amsterdam in den Niederlanden hat die Joconde in seinen Rechner geladen und behauptet sie sei "zu 83% glücklich, zu 9% abgestoßen, zu 6% erschrocken und zu 2% wütend". Typische Physiognomie einer jungen Familienmutter...

Man mag sich fragen, wie zukünftige Archäologen und Kunsthistoriker Kunstwerke dieses anfänglichen 21ten Jahrhunderts erklären werden. Im Besonderen solche, die den Körper, die Haut als Grund für ihre Kreationen, Tätowierungen, Piercings und andere bleibende Verzierungen wählen? Wird man in ihnen Zeichen der Macht, religiöse Rituale, oder Markierungen ausgestossener Stämme erkennen..?

Über dem Schreiben dieser Notiz kommt mir eine unvergessliche Definition von G.K. Chesterton (englischer Autor um die Wende vom 19ten zum 20ten Jahrhundert, u.a. von "Einer mit Namen Donnertag" ) in den Sinn: "Journalismus besteht darin, den Lesern den Tod von jemandem zu verkünden, von dem sie nicht einmal wussten, dass er existierte."

 

Auch deutsche Medien haben sich die Kurzmeldung zur Versteigerung von 21 Aquarellen von dem späteren Mann des Grauens für insgesamt 170 000 Euro nicht entgehen lassen. Näheres zu Aaron Barschak findet sich wohl nur in englischsprachigen Medien.

Dienstag 10. Oktober 2006

Das Schlimmste wurde vermieden...

 

"Es gab in Berlin, in der Willy Brandt Strasse, eine Frau mit Vornamen Angela. Die hatte die Gabe der Allgegenwart. Sie konnte nach Belieben sich vervielfachen und sich zur gleichen Zeit mit Körper und Geist an so vielen Orten einfinden, wie man sich nur wünschen konnte. Da sie verheiratet war, und eine solch seltene Gabe den Gatten unweigerlich beunruhigt hätte, hat sie sich wohl gehütet, ihn in Kenntnis zu setzen und machte in ihrer Wohnung von ihr nur Gebrauch, wenn sie allein war. Zum Beispiel bei der Morgentoilette. Da verdoppelte sie sich oder verdreifachte sich, um bequem ihr Gesicht, ihre Körperhaltung und ihr Aussehen prüfen zu können. Nach beendeter Prüfung sammelte sie sich eilig wieder ein, das heisst, sie schmolz wieder zu ein und derselben Person zusammen."

Dieser Anfang der "Sabinen" von Marcel Aymé (in der Zwischenkriegszeit berühmter französischer Autor) - in leichter Abwandlung - kam mir gleich in den Sinn, als ich die türkischen und deutschen Zeitungen vom Freitag, den 6. Oktober durchsah. Auf den Titelseiten der "Die Welt" (Berlin) und der "Passauer Neue Presse" (Bayern) lächelt die Kanzlerin Angela Merkel nicht. Sie sieht beinahe aus, als sei ihr eine Laus über die Leber gelaufen. Während sie auf den Bildern in "Zaman" (Istambul, "modern-islamistisch") oder in "Turkish Daily News (die sich als "Das Tor zu Europa der Türkei" versteht) fast triumphierend lächelt.

Wie bringt sie das fertig? Lachen in Ankara und eine Schnute ziehen in Berlin? Tatsächlich ging alles sehr schnell: Sie war in Deutschland vor ihrem Abflug in die Türkei (zu ihrem ersten offiziellen Besuch) unzufrieden, weil ihre grosse Koalition Rot-Schwarz ihr wegen der Gesundheitsreform Kummer bereitete. In Ankara angekommen, erlaubte ihre Stärke gegenüber Premierminister Erdogan ihr, zu verkünden, dass die Zypenfrage auf dem besten Weg zu einer Regellung sei. (Die Türkei erkennt die nach ihrem Geschmack zu europäische, vielleicht auch zu griechische, Republik Zypern nicht an.)

Genau genommen fehlte wenig und die deutsche politische Konstruktion wäre an diesem Tag geplatzt. Christdemokraten und Sozialdemokraten hatten, was die Reform des Gesundheitswesens und des sehr komplexen Krankenversicherungssystems angeht (mehr als 250 öffentliche und private Kassen, unterschiedlichste Beitragsregellungen), radikal entgegengesetzte Vorstellungen: Mehr Solidarität von reichen und armen Kassen bei den Linken, grössere Unabhängigkeit und eher jeder für sich bei den Rechten. Schliesslich wurde ein Kompromiss gefunden, weder hü noch hott, der weder die einen noch die anderen zufrieden stellt, ein kleinster gemeinsamer Nenner, der, nach Meinung der Gewerkschaften, "die Ärmsten benachteiligt" und der das reiche Bayern wütend macht.

Zum guten Schluss konnten alle aufatmen, in Deutschland wie in der Türkei: das Schlimmste wurde vermieden. Ohne Zweifel dank der Allgegenwart von Frau Merkel.

 

Marcel Aymé (1902-1968)wuchs im Jura auf, war später ein "Monmartrois", lehnte (mit herzlicher Dankbarkeit für Francois Mauriac, der sie ihm angetragen) die Akademiemitgliedschaft ab. Ebenso die Mitgliedschaft in der Légion d’honneur (in lakonischen Worten, aber später bedauernd, dass er seine negative Meinung von der Institution nicht zum Ausdruck gebracht hatte). Am Monmartre leb/t/en auch die Sabine/nen: "Es gab am Monmartre, in der rue de l’Abreuvoir eine junge Frau mit Vornamen Sabine. Die hatte die Gabe der Allgegenwart..."

Kurzfassung der Erzählung : Eine sehr schöne junge Frau hat, ohne es zu wissen, die Gabe des Sich-Vervielfachen-Könnens. Die Sabinen sind in der ganzen Welt und leben mit den reichsten Männern. Sabine macht von ihrer Gabe jedoch so schlechten Gebrauch, dass eine ihrer "Ausgaben" erdrosselt wird. Und folglich die gesamte "Vielfältigkeit" sterben muss.

Die Erzählung erschien im Januar 1943 in der notorisch antisemitischen Zeitschrift "Je suis partout" (Ich bin übertall) Robert Brasillachs. Die tödliche Allgegenwart ist wohl als Anspielung auf die Zeitschrift zu verstehen. Aymé schrieb und publizierte während der Besatzungszeit weiter. Er hielt Abstand zu Kollaborateuren und Widerstand. Der Sammelband, in den später "Die Sabinen" aufgenommen wurden (Betitelt nach einer anderen 1943 publizierten Novelle: "Der Mann, der durch die Wand ging" (vgl. Statue Aymé-Platz Monmartre), schließt mit einer damals unveröffentlichten Geschichte, in der 14 "Montmartrois(es)" sich ihren "Krieg" erzählen. Da kommt erratisch, ohne Vor und Nach der Satz vor: "Moi", dit un juif, "je suis juif" (ich, sagte ein Jude, ich bin Jude).

Dienstag 17. Oktober 2006

Das "zweite Geschlecht"

 

Es ist mittlerweile zur Gewohnheit geworden: Frauen füllen auf der ganzen Welt die Titelseiten, und nicht nur Frauen wie Angela, Ségolène oder Condoleeza. Die vergangene Woche hat das wieder einmal gezeigt.

Die indischen Tageszeiten, vorallem - aber nicht nur - die englischsprachigen haben ein freudiges Lächeln auf die Titelseiten gesetzt: das Lächeln von Kiran Desai, einer jungen Schriftstellerin (geb. 1971), die soeben einen der kostbarsten Preise der Welt, den Booker Prize gewonnen hat. Sie ist die jüngste Frau, die je mit dieser Auszeichnung bedacht wurde und die zweite Inderin nach Arundhati Roy (1997: "Der Gott der kleinen Dinge"). Ihr Buch "The Inheritance of Loss" (Die Erbschaft des Verlustes, deutscher Titel:"Erbin des verlorenen Landes") brachte den Telegraph (Kalkutta) auf ein Wortspiel: "The Inheritance of Lost Booker" (Die Erbschaft des verlorenen Booker). Kiran ist nämlich die Tochter von Anita Desai, einer anderen grossen indischen Schriftstellerin, die dreimal für den berühmten Preis vorgeschlagen und leider dreimal abgelehnt wurde.

Letzten Februar hatte die New York Times den Roman begrüsst als "ausserordentlich in seiner Erörterung aller Fragen unserer Welt: Globalisation, Multikulturelles Leben, Ungleichheit, Fundamentalismus, Terrorismus. Ihm schiene (meinte der Kritiker Viktor Koen) die Erzählung sogar die beste seit dem 11. September". Die Autorin ihrerseits gesteht - als gewissermassen selbst ein Produkt der Globalisierung - "Ich habe einen indischen Pass, ich lebe in den Vereinigten Staaten, aber das Klima, das da zurzeit herrscht, macht, dass ich mich immer mehr als Inderin fühle." Einer der Juroren des Booker Preises kommentierte: "der Roman von Desai spiegelt die multikulturellen Resonanzen des neuen Jahrtausends, das ist ein Weltbürgerroman für 
eine globalisierte Welt."

Wird die nach der Kaiserin Sissi berühmteste Österreicherin eines Tages auch zu den gekrönten Häuptern zählen? Für ihre Schriften? In einem neuen Interview, das sie den "ernstzunehmenden" Zeitungen Die Presse und Der Standard gewährte, vertraut uns Natascha Kampusch an, dass sie "keine schnüffelnden Journalisten mehr sehen und Journalistin oder Romanciere werden will." Sie gestand auch, dass sie sich noch immer nicht frei fühle: "Frei bin ich noch immer nicht, ganz im Gegenteil: ich habe vielerlei Verantwortung (...) Nichts zu tun zu haben, ist mir eine schreckliche Vorstellung." Man mag in den Äusserungen kleine Widersprüche konstatieren, aber seien wir nicht kleinlich, nach acht Jahren Gefangenschaft ist wohlwollende Rücksichtnahme am Platz, auch gegenüber einer zukünftigen Preisträgerin des Wiener Booker Preises.

Die Sängerin Madonna erfährt in diesen Tagen mehr Behinderung als Belohnung. Ihr neuester Coup: in ihrem Privatjet - "gesagt - getan" - hat sie David Banda mitgenommen, ein Baby von 18 Monaten, das in Malawi geboren wurde und seine Mutter verloren hat. Der Star setzt sich über alle Formalitäten hinweg (wie Johnny Halliday mit der kleinen Jade aus Vietnam?), und behauptet einfach, das Kind adoptiert zu haben. Bei den Menschenrechtsorganisationen vor Ort ist die absolutistische Anmassung dieser "Prinzessin", "einer der reichsten Personen der westlichen Welt", natürlich nicht auf Wohlwollen gestossen. Der Independent, die britische Tageszeitung, fragt, ob da wieder ein Auswuchs der "Macht des Geldes" vorliegt, oder ein seltener Glücksfall für eins dieser Million Waisenkinder in dem Land, in dem die weltweit angebetete Ikone den Kampf gegen Aids finanziert. Ein Thema zum Nachdenken...

Wenn Madonna in Russland leben würde, stünden ihr ab Januar, weil sie schon zwei Kinder hat, 9000 Dollar zu, was für sie wohl nur ein paar weitere Kleingeldmünzen wären... Russland versucht mit allen Mitteln der fallenden Geburtenrate Herr zu werden. Daher dieser Bonus für Mütter eines zweiten Kindes. Aber aufgepasst: die 250 000 Rubel sind an Bedingungen gebunden: sie werden erst nach drei Jahren ausgezahlt (die Ämter wollen zweifellos sicher gehen, dass die Frauen nicht nach Zahlung der Summe ihr Baby ersticken, was nach drei Jahren gewiss grössere Schwierigkeiten macht, als nach drei Monaten) und die Summe ist ausschliesslich bestimmt für "Wohnung, Erziehung oder Altersversorgung (sic)". Russland hat heute 6 Millionen Einwohner weniger als 1993.

Für die junge Frau auf der Titelseite des Journal de Montréal am Mittwoch, den 11. Oktober wäre es zweifellos ziemlich schwer, Mutter zu sein. Mit ihren 18 Jahren wog sie ganze 54 Pfund, das sind kaum 25 Kilo. Sie träumte davon, auszusehen wie das berühmte Mannequin Kate Moss, das seine Schlankheit durch Drogenmissbrauch erreicht hat. Sie starb an ihrem Traum. Diese Meldung unter "Verschiedenes" gibt Wasser auf die Mühlen der spanischen Gesetzgeber, die, um die Magersucht unter modesüchtigen Jugendlichen einzudämmen, allzu magere Mannequins aus den Modenschauen verbannt haben. In England dagegen, defilieren nach wie vor die jungen Skelette, trotz Intervention der Kulturministerin, Frau Jowell.

 

Kiran Desai auf die Frage eines Journalisten anlässlich ihres ersten Romans("Hullabaloo in the Guava Orchard", 1998):
"Es fing wirklich an mit dem Funken einer Idee: Ich hatte in der Times of India eine Geschichte gelesen und von vielen Leuten von der Figur gehört: ein Mann, ein in Indien berühmter Einsiedler, der tatsächlich auf einen Baum gestiegen war und viele, viele Jahre in dem Baum lebte, bis er starb. Er starb, glaube ich, im letzten Jahr. Das bewegte mich. Was ging in jemandem vor, der so etwas extremes tat wie sein Leben in einem Baum zu verbringen? Damit fing es an..."

Anita Desai (geb. 1937 in Neu Delhi, Mutter Deutsche, Vater Inder) begann ihre Laufbahn als Schriftstellerin mit "Voices in the City" 1965. Unter ihren zahlreichen Publikationen das "Jugendbuch": "The Village By the Sea" 1982 (deutsch: Das Dorf am Meer, Hamburg, 1987, Übersetzung Dorothee Asendorf)

Dienstag 24. Oktober 2006

Einer schlägt, der andere nicht.

 

Die Szenerie ist verwirrend: auf dem einen Foto steht ein Haufen irgendwie beängstigter Männer um man sieht nicht was herum, auf dem anderen schlägt jemand unter den Augen hinstarrender Ärzte und KrankenpflegerInnen (man erkennt sie als solche an ihren weissen Kitteln) die Scheiben eines Autos ein. Es ist heutzutage ein Unglück, dass immer irgend jemand zur Stelle ist und eine Szene fotografiert oder filmt, die nicht hätte fixiert werden sollen. Doch für die Zeitungen kann das ein Glück sein: am Dienstag den 17. Oktober erlitt der türkische Premierminister in seinem Wagen einen Schwächeanfall - man erfährt dann später, als er aus dem Krankenhaus entlassen ist, dass der Grund nicht der Gedanke an die neuesten Bemerkungen der französischen Abgeordneten zum armenischen Völkermord war, sondern Überarbeitung und eine Hypoglykämie während des Ramadan. Ende gut, alles gut. Bleibt allerdings, dass es fast aus gewesen wäre mit Herrn Erdogan.

Sein Chef bricht im Wagen zusammen, und der Chauffeur gibt Gas, Richtung Krankenhaus. Angekommen, total in Panik, vergisst er, den Motor abzuschalten. Springt raus, schlägt die Türe zu. Der gepanzerte Mercedes ist ausgerüstet wie ein Fahrzeug von James Bond, mit allen möglichen Einrichtungen für maximale Sicherheit. Er verriegelt sich automatisch mit dem bewußtlosen Mann im Inneren. Der Chauffeur braucht zehn Minuten, um den Premierminister aus der Falle zu holen. Arbeiter einer nahen Baustelle lösen das Problem mit dem Vorschlaghammer. Nach letzten Meldungen hat ein Abgeordneter der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, die Regierungspartei), auch die "weisse" Partei (ak = weiss)genannt, deren Wahrzeichen eine elektrische Birne ist, den Vorschlaghammer, der seinem Führer das Leben gerettet hat, erwerben und in einen Glaskasten legen wollen...

Am anderen Ende der Welt, in Argentinien, auf einem anderen Foto, hat ein Mann die Pistole gezogen und schiesst, andere bearbeiten sich mit Knüppeln, Blumen liegen auf der Erde. Bürgerkrieg? Aufstand? Entfesselte Fans, die man da aufgeschnappt hat? - Einfach nur ein Trauerzug um die Leiche des ehemaligen Präsidenten Juan Perron (ein ewiges Kultobjekt), die in ein Mausoleum 52 km ausserhalb von Buenos Aires gebracht wird... Während tausende nostalgische Zeitgenossen das Ereignis begleiten, schlagen sich die entzweiten Peronisten gegensätzlicher Lager um die ersten am Sarg zu sein... "Möge er in Frieden ruhen!" titelte die Tageszeitung Pagina 12.

Nachdem ich vergeblich in den argentinischen Blättern nach den Unterschieden zwischen all diesen selbsternannten Peronisten gesucht hatte, erklärt mir eine argentinische Freundin liebenswürdigerweise das Offensichtliche: jenseits aller grundsätzlichen Rechthaberei gibt es extrem linke Peronisten, extrem rechte und extrem zentristische, die alle keine Gelegenheit auslassen, sich auseinanderzusetzen. Man ist unwillkürlich an die verschiedenen Maidemonstrationen in Frankreich erinnnert oder an jene zu Ehren der Pariser Kommune von 1871...

Nun, während wir in dieser Woche, angesichts des Blutvergiessens im Irak, alle den Blick zur Erde wandten, um nicht zu sagen in den Keller, hätten wir auch zum Himmel aufgeschaut, wenn wir genau hingehört hätten, was der amerikanische Präsident so alles sagt. Überall, ausser in Russland und in Italien, blieb in allgemeiner Gleichgültigkeit unbeachtet, dass George Bush in aller Ruhe verkündet, dass der Weltraum fortan den Vereinigten Staaten gehört: "Der russische Präsident hat soeben eine Direktive zur nationalen Politik in Sachen Oblast Weltraum unterzeichnet" kommentiert ironisch die Wremja (Die Zeit). Oblast (Gegend, Gebiet) ist in Russland eher weniger als eine Provinz...

"Der Weltraum ist von nun an amerikanisch" erheitert sich auch die Republica, nur sieht man nicht wirklich, was an diesem erneuten expansionistischen Vorstoss lustig wäre: "Die Vereinigten Staaten werden die notwendigen Massnahmen ergreifen, um ihre Weltrauminstrumente zu schützen und werden notfalls ihren Gegnern den Gebrauch von Weltrauminstrumenten, die den amerikanischen Interessen entgegenstehen, untersagen." Tatsächlich ist der Gedanke gar nicht so dumm: sie könnten Saddam Hussein in eine Rakete packen und "Krieg der Sterne" in neuer Folge, Originalversion, Erstaufführung herausbringen.

PS - Hier noch eine Meldung, die mich sehr freut: dieses Weblog (franz. "Caravane") ist eines der Finalisten des BOBS, Wettbewerb der Blogs (eine Initiative der Deutschen Welle) in der Kategorie "Corporate Blog". Also: Sie als Leser können Ihre Stimme abgeben, - aber vorallem auch Ihre Kommentare beitragen...

 

Das Emblem der AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi):

Montag 30. Oktober 2006

Matrioschkas...

 

Selbst jemandem mit einer Vogelphobie, wie mir, kann dies Bild im West Australian nicht entgehen: tief im Schnabel eines Pelikan (in diesem "Speiseschrank" für die Kleinen) hat sich eine Taube eingenistet. Allerdings schaut sie etwas merkwürdig aus, das Verschachtellungsspiel scheint ihr nicht ganz geheuer... Das Blatt stellt die einzig relevante Frage: Werden die beiden danach noch miteinander auskommen?

Das Foto hat mich augenblicklich auf die andere Seite der Erde befördert, wo zwei seit geraumer Zeit wie die russischen Matrioschkas mit einander verschachtelte Persönlichkeiten in den letzten Tagen die Zeitungen ihrer Länder füllten: Wladimir Wladimirowitsch Putin, Präsident der Russischen Föderation und Gerhard Schröder, letzter deutscher Kanzler vor Angela Merkel. Ich überlasse es Ihnen, zu raten, wer die Taube sein könnte...

Gerhard Schröder hat also seine Erinnerungen veröffentlicht, und kaum ist das Buch "Entscheidungen, mein Leben in der Politik") erschienen, steht es bereits an der Spitze der Verkaufslisten jenseits des Rheins. Man muss dazusagen, dass die Presse aussergewöhnlich viel Werbung für die Neuerscheinung gemacht hat: ganze Seiten in Der Spiegel, Titelseiten in mehreren Tageszeitungen (bis hin zum tschechischen Dnes (Der Tag)), darunter die provokante der tageszeitung (ikonoklastisch wie immer): ein Bild des ehemaligen Regierungschefs, wie er geniesserisch an einer Zigarre (gewiss ein Geschenk seines Freundes Wladimir) zieht. Dazu die Überschrift "Mein Dampf", womit ziemlich unfreundlich und übertrieben auf ein anderes, finster-berühmtes Werk Bezug genommen wird.

In den meisten Fällen gehen die Journalisten auf das ein, was er über andere Grössen dieser Welt geschrieben hat: "in unseren privaten Gesprächen kam die Gottesfurcht von George Busch andauernd zum Vorschein". Im Gedanken an die Fabel vom Pelikan und der Taube beschäftigt uns jedoch vorallem das Lob für seinen Freund Wladimir Wladimirowitsch, dessen Bescheidenheit ihn regelrecht betroffen machte: "Dieser Mann, ein sensibler Gastgeber, mit seiner lebhaften Klugheit, seiner guten körperlichen Verfassung, bringt es fertig, Russland wieder als eine Weltmacht aufzubauen, die von gleich zu gleich mit den Vereinigten Staaten verhandelt." Die Blätter betonen natürlich alle auch, dass der Ruheständler im Aufsichtsrat des militärisch-industriellen und Medienkonzerns Gazprom sitzt. Da sind wieder die Matrioschkas, verschachtelt, so passend wie es nur geht. Denn genau zu diesem Gazprom hat der russische Präsident sich gerade wieder einmal geäussert. Nein, er hat nur sehr intensiv zum Thema nachgedacht.

Ist das Ironie, wie die Moskauer Nachrichten vom fünften Telemarathon Vladimir Putins (den das Blatt in seiner englischen Version als "Klassenbesten" apostrophiert) berichten? Das Prinzip der Sendung ist dies: drei Stunden lang befragen Fernsehzuschauer und Websurfer life in den öffentlichen Fernseh- und Radioprogrammen ihren Präsidenten (wobei die Vorauswahl etwas dunkel bleibt, denn nur 53 kommen zum Zug). Mittendrin stellt ein zaghafter Dorfbewohner aus dem Ural die erschreckende Frage: "2008 werden Sie gehen, was wird dann aus unserem Land?" Tatsächlich kann ein russischer Präsident, im Gegensatz zum lieben Frankreich, nur einmal in Folge wiedergewählt werden.

Die Antwort ging um die Welt, auf den Titelseiten der Financial Times, der Süddeutschen Zeitung oder der Herald Tribune: Wladimir Putin bleibt nach 2008 ein Mann von grossem, ja sehr grossem Einfluss, nur nicht an der Spitze des Staates, denn die russische Verfassung will er nicht ändern (eine der besten Biographien Putins schrieb Andrew Jack, ehemaliger Moskauer Korrespondent der Financial Times: "Inside Putin’s Russia"). Wo also, wo kann
er noch einflussreicher sein, als im Kreml? Gut informierte Kreise behaupten: an der Spitze von Gazprom. Der Präsident gesteht, das er sich sehr zu den Medien hingezogen fühlt. Er scheint die Presse zum Fressen gern zu haben.

Weit, weit weg von den höchsten Kreisen der Macht ist eine arme und teilweise verlassene Gegend plötzlich in den Medien wieder aufgetaucht, zuerst im eigenen Land, dann weltweit. Seit ein paar Monaten streiken die Lehrer im Staat Oaxaca, im Süden Mexikos, für höhere Gehälter und bessere Bildungschancen der Kinder, in grosser Zahl indianischer Herkunft, und vorallem für den Rücktritt des Gouverneurs Ulisses Ruiz von der Partei der Institutionellen Revolution (institutionell und Revolution - gibt das nicht zu denken?), eines korrupten Mannes mit verschwenderischem Lebensstil. Fünf Monate Streik, politischer Aufstand nach dem Muster des Kommandanten Marcos, Besatzungsregime und Unterdrückung, und am Ende ein Politischer Engpass, der mehrere Tote fordert, die Macht gespalten zwischen dem bisherigen Präsidenten und einem anderen, für den gewählt wurde, der aber angefochten ist, weil unterlegen, und noch einem abgeschlagenen, der sich mit seinem Schickal nicht abfinden will...

Noch weiter südlich gibt es, diesmal zum Glück, Lebewesen, niedliche Neugeborene auf unserem durcheinandergeratenen Planeten, die in Venezuela, Brasilien und selbst in Neuseeland - also nicht weit von unseren anfänglichen Flügeltieren entfernt - Schlagzeilen machen: Das eine braun, wie ein frischgebackenes Brötchen, das andere weiss und blond, wie ein zuckersüsser Baiser. Und diese beiden, die noch nicht ahnen, wo sie angekommen, sind Zwillinge - einmal in einer Million gibt es die wunderbare Mischung - : "das eine liebt Papa, das andere ist süchtig nach seiner Mutter", schreibt der New Zealand Herald etwas dümmlich. Das Zwillingsphänomen hat oft die Literaten fasziniert. Diesmal geriet es den Rassentheorien zum Hohn und brachte sie Lichtjahre weit auf Abstand.

 

 

"Die aller erste Puppe wurde 1895 vom Maler Maljutin gemacht, der ihr den unter den Bauern verbreiteten Mädchennamen Matrjona gab, die Verkleinerungsform - „Martioschka“. 1900 wurde sie in der Weltausstellung in Paris gezeigt und ist seit dieser Zeit berühmt geworden. Man erzählt, dass ein Prototyp dieser Puppe ein chinesisches Spielzeug war, das eine russische Gräfin aus China mitgebracht hatte. Das war eine bemalte Kugel, in der noch eine Kugel war." (Aus einer Website) Andernorts auch: "Die aus Lindenholz geschnitzten Puppen, die sich als Spielzeug wie als Souvenir großer Beliebtheit erfreuen, gehen auf die japanische Fukuruma (benannt nach Fukurokuju (Gott der Weisheit, des Glücks und des langen Lebens d.Ü.)) zurück, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Russland eingeführt wurden. Da sich zerlegbares Spielzeug in Russland bereits einiger Beliebtheit erfreute, fertigten 1890 dann Wasilij Swjösdotschkin und Sergej Maljutin die erste Matroschka, die im roten Sarafan ein typisch bäuerliches Weib darstellen sollte."

Sergej Maljutin (1859-1937) begann seine Malerei in der Gruppe der "Peredwischniki" ("Wanderer", erste moderne Freiluftmaler (ca 1870) in Russland). Die Museen zeigen Portraits, Landschaften, Illustrationen, bekannt auch sein Bildnis des Dichters Walerij Brjussow von 1913.

Im New Zealand Herald vom 27.10.:
"They are the one-in-a-million babies. Kaydon Richardson is black. His twin brother Layton is white. The boys were born in Middlesbrough, England, on July 23 - four weeks prematurely - with Layton weighing 2.83kg (6lb 4oz) and Laydon, who arrived 20 minutes later, 2.97kg (6lb 9oz)."

Montag 6. November 2006

Kastanien, die im Herbst blühen

 

Zwei Themen machen unfehlbar zu Beginn des Monats November Schlagzeilen, wenn auch weniger vielleicht als früher. Genauer gesagt in den christlichen Ländern, wobei die Globalisierung vor der Verbreitung der kulturellen abendländischen Absonderlichkeiten nicht haltmacht (s. Philippe Aries, katholischer Historiker, Der Mensch angesichts des Todes, 1977). Wir von der Presse nennen die regelmässig wiederkehrenden Reportagen und Bilder "Kastanien" (weil diese Bäume jedes Jahr blühen, auch wenn in Europa die Krankheit sie seit einigen Jahren zu hunderten dahinrafft).

Also, am 1. November das Fest der Verstorbenen in seinen transatlatischen Formen, Halloween auf der einen, Allerheiligen auf der anderen Seite. Allerheiligen vorallem im (frömmeren?) Osten Europas, in der Slowakei, in Österreich oder Kroatien, oft mit Bildern, die sich wiederholen, sei es, dass sie das Leben, oder auch den Tod abbilden: eine Silhouette (im allgemeinen eine weibliche), die sich über Blumen beugt oder vor der Ewigkeit verneigt. "Allerheiligen in der Kälte" bemerkt eine Wiener Zeitung...

Dabei erzählen die Friedhöfe ("Ort der Ruhe" der griechische, später lateinische, Ursprung des französischen Wortes "cimetière", zu deutsch Friedhof) mehr vom Leben, als vom Tod. In manchen Gegenden des Erdballs, kommt die ganze Familie zum Piknik, wie zum Beispiel in Teheran, oder man geniesst, wie auf Madagaskar den Anblick sinnlicher (oder gar erotischer) Standbilder. So sind auch die Chrisanthemen, diese Blumen mit ihren leuchtenden Farben,
weltweit Symbol des Gedenkens, in China hochgeschätzte Opferfabe der Verliebten.

Dagegen will Halloween viel fröhlicher sein. Lachen, Grimassen, Schminke und Verkleidung, und natürlich die hohlen Kürbisse und dass nicht nur in den Vereinigten Staaten (wo man Ihnen beibringt, was ein richtiger "Halloweener" ist :"Lernen Sie die besten Tricks für das grösste Vergnügen" titelt eine Tageszeitung in Florida), sondern auch in Kolumbien, in der Schweiz und ... in Thailand!

Doch in Bangkok hat die fröhliche Bande von Skeletten und anderen Geistern das Fest zu anderen Zwecken umfunktioniert : Sie protestiert gegen die Schliessung ihres Wäscheunternehmens das nach China verlegt werden soll (man delokalisiert also nicht nur in Europa...), und der Premierminister soll schlichten. Falls das klappt, wäre mit dem Fest einmal ein positiver Aspekt der Globalisierung verbunden...

Bei den Schweizern und den Kolumbianer stehen die Kinder und die Tiere im Vordergrund! Die Helveten machen sich über den frenetischen Trubel lustig, der zur Besessenheit wird, sodass selbst Tiere ihm nicht entkommen: Bambi verkleidet als Superman. Den Lateinamerikanern tun die Kleinen leid, die mit soviel Ernst das Lachen suchen (oder stecken die Eltern dahinter?)

In meinem ersten Jahr in der Pariser Journalistenschule (CFJ) hat man uns, kaum waren wir da, eine Stilübung auferlegt: Allerheiligen. Ich habe den Text, den ich damals schrieb, wiedergefunden und - "Kastanien" verpflichten - kann leider nicht umhin, ihn Ihnen vorzulegen. Hier der Anfang: "Der Weg zum Familiengrab schlängelt sich zwischen den Gräbern des Pariser Friedhofs Montparnasse hindurch. Auf halbem Weg zwischen den schwerlastigen Aubauten zieht ein so einfaches Grabmal, dass es entblössend wirkt, den Blick magnetisch an. Auf einem rechtwinkligen, in Jahrzehnten verwitterten Sandstein steht graviert "Louise". Nur dieser Vorname, in Grossbuchstaben, kein Datum, kein Ort, kein religiöses Zeichen, weder Ornament noch Blume. Eine vorstellungsträchtige Leere. Wer war diese Louise? Oder, eher noch, wer war die Person, er oder sie, die das Grab bestellte und den Epitaph bestimmte? Gefangen im Schmerz? Die geliebte Louise, die einzige Liebe? Louise nur für mich und für immer, kein einziger Hinweis, der andere zu ihr führen könnte, und mit meinem Tod wird alles zu Ende sein...

Oder aber, welche Schuld hat Louise auf sich geladen, welches Geheimnis umgab sie, dass man sie ohne ihren Familiennamen dem Vergessen anheim gab?"

 

Philippe Aries (1914-1984) wuchs im katholisch-royalistischen Milieu auf, gehörte als Schüler und Student der nationalistischen "Action francaise" an, tendierte allerdings gegen den autoritären zu einem anarchistischen Nationalismus, fiel im Staatsexamen (Aggregation) für Geschichtslehrer durch und wurde 1943 Dokumentalist im staatlichen Institut für Kolonialforschung. Dort auch Vorreiter technischer Neuerungen (Mikrofilm, Elektronische Datenverarbeitung). Zahlreiche Publikationen zur Sozialgeschichte, ab 1977 Lehre in der EHESS, der Hochschule für Sozialwissenschaften.

1973, vor dem Hintergrund seiner Studien zur Kindheit im Ancien Regime (1960), in einem Radiogesprächmit der Psychoanalytikerin Francoise Dolto:

"...ich bin ein Historiker, der sich für Psychologie interessiert, für das Verhalten der Menschen angesichts von Leben und Tod, Kindheit, Familie, Eltern usw.

Ich muss aber gestehen, dass ich, bis vor noch gar nicht langer Zeit, die Psychoanalyse immer aus der Distanz, um nicht zu sagen mit Misstrauen betrachtet habe. Ich könnte das mit banalen Gründen erklären, zum Beispiel damit, dass wir uns einer rapiden und schlechten Popularisierung des psychoanalytischen Vokabulars ausgesetzt sehen, über die man sich oft nur ärgern kann.

Aber es muss noch einen anderen, tieferen Grund geben. Als Historiker frage ich mich, in wie weit wir, um die Vergangenheit besser zu erklären, Kategorien in sie hineinprojizieren können, und seien es die wissenschaftlichen, von Freud und seinen Nachfolgern definierten, die aus der Beobachtung der westlichen Gesellschaft um die Jahrhundertwende herum entstanden sind.

Ich will, um meine Zweifel zu verdeutlichen, eine konkrete historische Frage formulieren. Die vorindustriellen Gesellschaften, sagen wir bis zur Mitte des 18ten Jahrhunderts, sind "harte" Gesellschaften, wo man mitineinander absolut nicht zimperlich umging und alles andere als dünnhäutig war. Das soziale Klima war sehr hart, man litt darunter und starb früh.

Man kann ohne Gefahr von Ideologisierung sagen, dass es eine reale Ungleichheit vor dem Tod gab. Ein Gesellschaftstyp also, nachdem wir uns auf keinen Fall zurücksehnen sollten. Mehr noch: das Kind, das Sie und mich interessiert, dieses Kind, wurde von der Gesellschaft am wenigsten von allen geliebt, es starb noch leichter und schneller als die Erwachsenen..."

Dienstag 7. November 2006

Das (objektive?) Auge des Objektifs...

 

Im Prinzip vergeht immer eine Woche zwischen den Fortsetzungen meiner Chronik. Im Prinzip auch - und das war eigentlich eine mir unumstösslich erscheinende Bedingung - vermeide ich Themen, von denen alle Welt spricht. Aber die weltweite Übereinstimmung der Bilder, die mit dem Urteil im ersJPEG - 148.4 kBten Prozess gegen Saddam Hussein erschienen, kann einfach nicht ohne Reaktion bleiben. Warum einunddasselbe Foto zur Illustration der Gerichtsenscheidung "Tod durch den Strang"?

 

Man sieht einen mehr denn je dezidierten Saddam, der mit dem Finger zum Himmel zeigt, irgendetwas ausruft, aber niemand sagt uns was, noch nicht einmal, ob die Aufnahme entstanden ist, als die Richter das Urteil verkünden. Handelt es sich vielleicht um ein Archivbild?

 

Von Zeitung zu Zeitung, von Kontinent zu Kontinent die gleiche Aufnahme, höchstens ein etwas anderer Ausschnitt oder ein etwas anderer Blickwinkel. Allerdings zwei Kleinigkeiten, die von Bedeutung sein könnten: je nach Winkel beschreibt der Angeklagte in seiner Haltung nahezu
ein Kreuz und zweitens verschwindet von einem Bild zum anderen ein Arm, eine Hand, die den Gestus des Zeigefinger hebenden Rächers oder Anklägers verhindern oder abschwächen zu wollen scheinen.

Was will uns das Bild sagen? Dass der gestürzte Diktator nur den Moment abwartet, seine Herrschaft wieder anzutreten? Dass die Todesstrafe für den, der sich nicht in sein Schicksal fügt, umso mehr gerechtfertigt ist?

 

Und warum haben die Layouter der ganzen Welt eben dies Portrait gewählt, dass beinahe zu schön ist, um wahr zu sein? Die Ausnahmen sind rar: die Süddeutsche Zeitung und die portugiesische Publico zeigen Menschen im Moment der Urteilsverkündung vor dem Fernsehern in einem Bagdader Cafe, bzw. bei Tisch und eine andere portugiesische Tageszeitung symbolisiert die Geschichte mit einem Strang...

Dienstag 14. November 2006

Aus hohen Häusern...

 

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Die europäischen (konstitutionellen) Monarchien werden regelmässig und in erster Linie in Europa von den Tageszeitungen aufs Korn genommen, ganz zu schweigen von den Schlagzeilen in den Blätter, die den glückbringenden Neuigkeiten aus den letzten grossen Dynastien gewidmet sind, den Hochzeiten, Scheidungen, Todesfällen und Geburten von mehr oder weniger gekrönten Häuptern.

Mit Ironie bedachte dieser Tage die britische Tageszeitung The Guardian (vor beinahe zwei Jahrhunderten in Manchester gegründet und seit fast hundert Jahren entschieden auf Seiten der Arbeiterschaft) die beeindruckende Militärlaufbahn von Prinz Charles, dessen erste Waffentaten (Küstenwache und eventuelle Minensuche) dreissig Jahre zurückliegen. Ohne jede kriegerische Handlung wurde dem Thronerben anlässlich seines 58sten Geburtstags der Rang eines Admirals, eines Generals und gar eines Feldmarschalls zuteil... Es scheint übrigens, dass seit über 250 Jahren kein englischer König mehr seine Truppen in die Schlacht geführt hat... Während des Malwinenkrieges war es Andrew, der jüngere Bruder von Charles, der auf der Queen Elizabeth II mit der Flotte seiner Majestät diesen Archipel verteidigte, den man doch auch "Charles’ Insel" nennt.

Charles verdankt seine gänzlich unvermeidliche Beförderung ohne Zweifel seinen häufigen "Patrouillengängen" an den langen Küsten Schottlands und Irlands. Auf jeden Fall ist die Nachfolge schon gesichert: sein zweiter Sohn Harry trat soeben (dem älteren Bruder folgend)ins Hofkavallerie-Regiment ein. Gewisse Leute haben sogar geäussert, dass man ihn nach Afghanistan schicken könnte, wo seine Einheit an der Aufrechterhaltung des "Friedens" beteiligt ist. .. Die Mail on Sunday hat unverzüglich dementiert: die Kämpfe dort seien viel zu gefährlich.

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals kommt die grosse Brüsseler Tageszeitung Le Soir anlässlich des 15. November - Feiertag des Königshauses - auf ein ebenso bevorzugtes wie riskantes Thema der belgischen Bürger zurück: "Werden die Parteien Hand an den König legen?" Verstehen wir uns nicht falsch: es handelt sich nicht um die Monarchie, die ist immer noch der Garant der nationalen Einheit dieser Föderation. Das Blatt widmet zwei gründlich dokumentierte Seiten dem Gerücht, das sich derzeit ausbreite: Belgien könne, wie Schweden eine protokollarische Monarchie werden... Es scheint, dass die vergangenen zwei Jahre für König Albert II keine leichten waren.

Doch alles in allem scheint die Frage nach der Natur der belgischen Monarchieeher rhetorisch als reell. Kaum gestellt hat die Zeitung auch schon die Antwort: tatsächlich wolle wohl keine einzige Partei das Tabu brechen.

Wenn man etwas tiefer nachdenken möchte über die europäischen monarchischen Überreste, und das mit etwas weniger Ironie, bietet sich ein Besuch des Kinofilms "The Queen" an, des englischen Filmemachers Stephen Frears neuestes Werk. Der Streifen widmet sich dem Herumgestotter von Königin Elizabeth beim Tod ihrer Ex-Schwiegertochter Diana. Zum Schluss des Films bekennt eine völlig aufgelöste Königin ihrem Premierminister Tony Blair, dass sie den kollektiven Wahn in der Woche nach dem Tod von Diana Spencer überhaupt nicht verstanden hat. Die Verfasserin dieser Zeilen muss gestehen: ich auch nicht!

 

Der französische Titel "Point de vue. Images du monde" bezieht sich auf eine Zeitschrift dieses Namens, die ihr Publikum mit Berichten und Bildern aus den "Hohen Häusern" und der mondänen Welt versorgt.

Stephen Frears (geb.1941, Studium in Cambridge) begann seine Karriere bei der BBC. Nach einem ersten Kinofilm, Gumshoe 1972, wurde er in den 80er Jahren zum bekannten Film- und Fernsehregisseur. Er ist verheiratet mit der Malerin Anne Rothenstein, lebt in London und unterrichtet an der Film- und Fernsehhochschule in Beaconsfield. 2003 brachte Channel 4 "The Deal" eine Geschichte um Tony Blair und Gordon Brown, die sich vor den Wahlen 1994 (angeblich) abgesprochen, wer der Premier werde.

Dienstag 21. November 2006

Gewicht der Worte, Schock der Bilder...

 

Bei meinen wöchentlichen, erdumspannenden Reisen durch die Weltpresse veranlassen mich mal ein Titel, mal ein Foto den Film vorübergehend anzuhalten. In dieser Woche gab es was für jeden Geschmack und auf allen Kontinenten... Auch wenn man sich manchmal fragt, warum eine Nachricht, ein Bild auf der Titelseite erscheint.

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So bei diesem wildgewordenen Stier, der sich bei der "Royal New Zealand Show" in Christchurch, der zweitgrössten Stadt Neuseelands in die Menge gestürzt hat. Bei diesem bedeutenden,jährlichen Ereignis des Landes, vergleichbar mit dem Salon de l’Agriculture, der französischen Landwirtschaftsschau. Obendrein hat sich das Hornvieh zur Befriedigung seines Zerstörungstriebes ausgerechnet ein Poney-Defilé ausgesucht. Doch zum Glück wurde niemand verletzt. Die Angelegenheit scheint für The Press so wichtig, dass das Blatt ein Video der Attacke ins Netz gestellt hat.

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In Japan kann man beim Betrachten der Titelseite einer der auflagenstärksten Tageszeitungen der Welt, der Asahi Shimbum (die zum Glück für die weniger nipponophonen Leser auch in einer englischen Version erscheint), ins Träumen geraten: Tokyo verstärkt seine Sanktionswelle gegen Nordkorea diesmal mit dem entscheidenden Schlag: die Regierung beschliesst, den Export von 24 Luxusprodukten zu verbieten für ein Land, dass von Armut, ja selbst Hunger, heimgesucht wird. Man stelle sich den Dialog von zwei zum Skelett abgemagerten Bürgern im tiefsten ländlichen Nordkorea vor, die gerade den Boden auf der Suche nach ein paar Wurzeln durchackern und total niedergeschlagen die schlechte Nachricht hören: "Oh Schreck, es gibt kein Kaviar mehr und auch keine Edelsteine."

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In der Schweiz und in Australien schlägt die Debatte um die Polizei und ihre Organisation hohe Wellen. The Age, das Referenzblatt aus Melbourne, zeigt sich beunruhigt über die neue Ausrüstung der Polizisten, ihre neuen Waffen (halbautomatische Schiessprügel) und vorallem über die Erweiterung der Einsatzberechtigung. Die Zeitung befürchtet weitere Einschränkungen der individuellen Freiheit durch diese Massnahmen.

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In Genf löste eine Frau, aber diesmal aus den Reihen der Polizei, die Debatte aus. In der Tribune de Genève erfahren wir, das in der Tat die helvetischen Gendarmen und Polizisten mit eiserner Hand von Monica Bonfanti geführt werden, von einer Art Margret Thatcher der Sicherheit. Man werfe ihr vor, dass sie autoritär sei, den Dialog ablehne und sich einer sehr persönlichen und übertriebenen Medienkampagne widme. Die Zeitung dementiert keineswegs und das erinnert an Vorwürfe die man anderen Frauen in anderen Breiten gemacht hat...

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Und just ist da eine Frau unter den Machthabern, die zornig ihre kleinen Fäuste einem leicht erstaunten, etwas verlegen dreinschauenden Mann vor die Nase hält, der wie ein Kosmonaut aussieht. Glaubt Angela Merkel nach ihrem ersten Jahr an der Spitze Deutschlands (dessen Bilanz von vielen gerühmt wird) sich alles mögliche erlauben zu können? Jedenfalls haben zahlreiche Blätter (bis in die Türkei) die Aufnahme nicht übersehen. Sie entstand bei einem Besuch bei der Truppe, bei der Begegnung mit einem Minenentschärfer in seinem Schutzanzug. Die Legenden ("Achtung" in Der Tagesspiegel oder "Boxtraining" im New Anatolian) betonen den kämpferischen Anschein.

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Ein anderes Bild ging um die Welt von einem Ereignis das ohne den scharmanten Anblick wohl kaum auf die Titelseiten gelangt wäre: drei der mächtigsten Männer der Welt posierten (unter ihren Kollegen) in Hanoi, zum Abschluss des Asien-Pazifik-Gipfels in traditioneller vietnamesischer Tracht. So wie es das Protokoll dieser Zusammenkünfte fordert: ein "ao dai", die lange, an den Seiten geschlitzte, seidene Tunika. Sie lächeln sich dümmlich 
an, während die drei einzigen anwesenden Frauen, die chilenische Präsidentin und die der Philippinen, sowie die Premierministerin Neuzeelands, sich sichtlich wohlzufühlen scheinen und sogar den Hut aufgesetzt haben, was ihre männlichen Kollegen ablehnten. Wieder eine weibliche Überlegenheit... Die Zeitungen haben sich ganz dem Spass an den Untertiteln und den Zwischentönen hingegeben.: "Der
Staat hängt an einem seidenen Faden" für die Los Angeles Times, "Lehrstunde der Diplomatie" in der Presse Québeoise, "ich bin ganz mit Dir einig, George" für die russische Gazeta, "Handelt es sich um einen Spass?" für die Times of India, "Präsidenten in Seide" bei der Süddeutschen Zeitung usw. usw....

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Auf allen Fotos ist Wladimir Putin gut gelaunt. Das war am
Sonntag Vormittag. Vielleicht hat er wegen der Zeitverschiebung die britische Presse noch nicht gelesen, weiss noch nichts von der neuesten Affäre, die sein Verhältnis zu George und den anderen vergiften könnte? Seit mehr als drei Wochen kämpft ein ehemaliger Major des FSB (postsowjetischer Ersatz des KGB) mit dem Tod, nachdem er mit Thallium vergiftet wurde, dieser farblosen und geruchlosen Substanz, von der ein Gramm tödlich
ist...

Alexander Litvinenko interessierte sich näher für die Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja vor einem Monat, deren Hintergründe auch die russische Iswestija aufzuklären versucht. Im einen Fall wie im anderen geraten die Geheimdienste unter Verdacht. Ihr Sprecher, Sergej Iwanow, dementiert: "Man muss in anderen Kreisen als denen der russischen Führung suchen". Ja, aber wo?

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Von allen Kreisen im heutigen Russland kann man sich, dank des Kinos, ein genaueres Bild machen. Leider sind die russischen Filme (deren Regisseure oft aus einer der besten Schulen der Welt, nämlich der von Meyerhold und Eisenstein gegründeten, kommen) nur zwischen Petersburg und Wladiwostok zu sehen. Ausser, einmal im Jahr, in Honfleur, in Frankreich. Diese gemütliche normannische Hafenstadt organisiert jedes Jahr im November ein Festival des russischen Kinos, das inzwischen zu einem der besten 
in Europas zählt und nicht nur in Europa. Das kleine,
enthusiastische Organisationsteam des Ereignisses, bietet, angeleitet von Francoise Schnerb fast eine Woche lang (in diesem Jahr vom 22ten bis 26ten November) ein Dutzend Filme im Wettbewerb, aber auch eine Retrospektive, Filme für die Jugend und Dokumentarfilme.

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Für alle, die nicht das Glück haben, in Honfleur dabei sein zu können, bietet eine Internetseite ein komplettes Panorama des russischen und sowjetischen Kinos. Sie wird von zwei passionierten Freiwilligen Mitarbeitern fortlaufend versorgt und aktualisiert. Jacques Simon, pensionierter Lehrer und Elena Duffort, Filmkritikerin und Absolventin des VGIK haben diese Fundgrube von Sehens- und Wissenswertem "Kinoglaz" getauft, das ist der Name, den Dsiga Wertow seinerzeit seiner Avantgardegruppe gab.

Man findet biographische und filmographische Daten, geschichtliches, Interviews, Chronologien usw. Alles um sich die russischen Komplexitäten der Vergangenheit, der Gegenwart und, wer weiss, der Zukunft vor Augen zu führen und sie womöglich besser zu verstehen.

 

Inzwischen hat sich anscheinend herausgestellt, dass nicht Thallium sondern Polonium (Po) das Gift war. Dieses seltene, 1897 von Pierre und Marie Curie in Uranerz gefundene (und aus politischer Sympathie für die Unabhängigkeit Polens von Russland so benannte), chemisch dem Wismuth verwandte, Element der Protonenzahl 84 (mit zahlreichen Isotopen, von denen das häufigste das 210 (84 Protonen, 126 Neutronen)), zeichnet sich durch eine Reihe praktisch verwertbarer Eigenschaften aus, so dass es heute künstlich (Protonenbeschuss anderer Elemente im Zyklotron oder Neutronenbeschuss im Reaktor)hergestellt wird. Das Isotop 210 ist ein reiner Alphastrahler (die Atome zerfallen (zur Hälfte in 138 Tagen) in Helium und Blei, die Heliumkerne (Alphastrahlen) haben eine hohe Energie (5 Mio Elektronenvolt), die sie in Materie auf kurzer Strecke (z.B. schon in der Epidermis unseres Körpers) abgeben. So können mit geringen Mengen Po thermoelektrische Elemente (z.B. in Satelliten, auch schon im russischen Mondfahrzeug) betrieben werden. Die stark ionisierende (z.B. Luft elektrisch leitfähig machende) Wirkung wird genutzt, um elektrostatische Aufladung zu verhindern (Textil- und Filmindustrie). Po teilt eine sehr unangenehme Eigenschaft mit Plutonium: es löst sich schon bei niedrigen Temperaturen in Luft (bei 55 Grad "verschwindet" die Hälfte in 45 Stunden als Aerosol, obwohl der Schmelzpunkt bei 254 Grad liegt). Die Toxizität von Po (durch Einatmen oder Einnehmen) beruht auf der Radioaktivität und ist enorm hoch, Handhabung daher nur im Speziallabor: die gesundheitlich zugelassene Ganzkörperbelastung liegt bei 1100 Zerfällen pro Sekunde(Becquerel), was weniger als einem hunderttausendstel von einem Mikrogram entspricht. Gewichtsmässig ist Po so mehr als hundert Milliarden mal giftiger als Zyanide. Biologisch wird das Gift zur Hälfte in 
30 bis 50 Tagen ausgeschieden. Die akute Wirkung kann bei entsprechender Dosis Strahlenkrankheit sein, längerfristig bleibt das Krebsrisiko. Versuchstiere starben an der Strahlenkrankeit bei Eingabe von etwa einem hundertstel von einem Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht. In der technischen Anwendung (in durchaus bei Einnahme tödlichen Mengen) ist das Po in Keramik eingeschmolzen, frei ist der Alphastrahler wohl nur in weit weniger als tödlichen Mengen (etwa als Strahlenquelle im Labor) kommerzialisiert. Angaben s.Wikipedia.

Dienstag 28. November 2006

Unglücksvögel

Da wären sie also wieder. Zwar noch weit weg, aber die Bedrohung schwebt über uns, kennt keine Grenzen, kommt auf uns zu. Die Herolde unserer modernen Zeiten trompeten wieder, denn noch immer gilt: Angst steigert die Verkaufsziffern und Angst beschäftigt die Menschen. Die Rede ist von der Vogelgrippe und von ihrem ständigen Begleiter mit dem furchterregenden Namen, dem Virus H5N1!

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Die zunächst Betroffenen im Fernen Osten sind auch die ersten im Blätterwald, auch wenn man weiss, das per Schmetterlingseffekt oder wegen der Nachrichtenpause anlässlich der Feiertage am Jahresende die Europäer "in den Startlöchern stehen". Die beiden grossen Tageszeitungen Südkoreas, wo das Virus wieder aufgetaucht ist, die Joong Ang Daily und die Korea Times haben also die Woche mit derselben Nachricht eröffnet. "Die Massentötung von Hühnern hat begonnen" schreibt die eine, während die andere uns beibringt: "Im Kampf gegen das Vogelgrippevirus geht kein Weg am Auslöschen vorbei". Zwei Bilder zur Unterstützung dieser Feststellung scheinen sich zu widersprechen: Auf dem grösseren der beiden versammelt sich eine Armee von Männern in weisser Schutzkleidung (in der sie komischerweise Hühnern ähneln) vor einer riesigen landwirtschaftlichen Halle in der man zu tausenden das Federvieh vor seiner Tötung vermutet. Ein Schaudern läuft einem über den Rücken.

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Aber gleich daneben das Foto, auf dem eine junge Frau offenbar mit Genuss etwas isst, was ganz wie eine Hähnchenkeule ausssieht. Die Legende belehrt uns, dass die Angestellte des Gesundheitsdienstes auf diese Weise die korreanische Bevölkerung beruhigen will.Die Botschaft könnte sein: "schlaft nur in Ruhe, wo auf der einen Seite ausgelöscht wird (236 000 Geflügeleinheiten in einer Woche) werdet ihr auf der anderen gut ernährt.

Die WHO,die Weltgesundheitsorganisation, kommentiert die Massnahmen äusserst positiv: solange das Virus nicht mutiert, ist kein wirksamer Impfschutz möglich, und die einzige wirkliche Prävention besteht in der Massenschlachtung von Geflügel. Wenn man sich nicht mit der französischen Krimiautorin Fred Vargas, die gleichzeitig auch eine Spezialistin für die Bekämpfung der Pest im Mittelalter ist, den absolut dichten, durchsichtigen Schutzanzug überziehen will. Der gewöhnliche Bürger ist perplex: warum ist diese Krankheit, die bisher auf der ganzen Erde in vier Jahren 153 Menschen das Leben gekostet hat, so fürchterlich? Und für Leute mit einer Vogelphobie ändert sich sowieso nicht das geringste...

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Dem Londoner The Independent zufolge, geschieht ein anderes Auslöschen ziemlich geräuschlos und bei weltweiter Gleichgültigkeit: das der englischen Füchse. Während doch die britische Regierung in einer lobenswerten Anwandlung von Würde vor 18 Monaten die Fuchsjagd mit Hunden untersagt hat. Der Artikel von Guy Adams auf der Rückseite des aufregenden Titels fängt so an: " Der Fuchs hat keine Chance, sich zu retten. Erst wird er von einer Hundemeute gejagt. Dies bis zum Eingang eines Erdlochs, das eigens zu diesem Zweck gegraben wurde. Da wird ihm mit einem Luftgewehr der Gnadenstoß verpasst. "Ich töte so viele, wie ich will, genau wie vor dem Gesetz", rühmt sich ein Jäger. Wirklich, Tony Blair hat keine Chance.

Noch weniger eine Chance haben die belgischen Arbeiter der Firma Volkswagen (was wörtliche Wagen des Volkes bedeutet, bekanntlich eine Erfindung der Nationalsozialisten). Das deutsche (aber auch, wie die ganze Automobilindustrie, weltweite) Unternehmen hat gerade den Wegfall von 4000 Stellen im Brüsseler Werk angekündigt. Der Autobauer hat beschlossen, sich zurückzuziehen und fast die gesamte Produktion über den Rhein zu verlagern, nicht ohne zu äussern, dass selbst in Deutschland beträchtliche Einschränkungen fällig seien. Angesichts dessen, was für tausende von Familien einer Katastrophe gleichkommt, hat die belgische Presse eine seltene Einigkeit bewiesen, ob wallonisch oder flandrisch. Der Trauerkranz auf der Titelseite von Le Soir (Der Abend)und die Arbeitertränen auf der von De Morgen legen Zeugnis ab.

Tatsächlich gehört die Zukunft zum Verzweifeln den neuen Technologien. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet uns, dass eine der orthoxen Strömungen im Judaismus jetzt den SMS eingeführt hat. Die dringenden Fragen der Bussfertigen sollen so beantwortet werden. Der Erfolg ist umwerfend. Die Fragen sind lebensnotwendige: "Darf man am Schabbat Techina (eine Art Mayonnaise mit Sesamöl) zubereiten?" Postwendend die Antwort des Rabbi "Nur wenn sie mit Wasser angemacht wird". Vor ein paar Jahren widersetzten sich die Verfechter des Dogmas derartigen Dialogen noch ... im Radio nicht zuzulassen.

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Wir beschliessen die Woche mit zwei guten Nachrichten, beide von den Titelseiten der russischen Iswestija (Iswestija bedeutet "Nachrichten, Neuigkeiten"). Die zu Sowjetzeiten emblematische Tageszeitung ist ihren Weg auch nach dem Ende der UdSSR gegangen und wurde folgerichtig von einer Bank gekauft. Ein Teil ihres Teams hat sie daraufhin verlassen und die "Nowije Iswestia " gegründet (was auch soviel wie "Neue Neuigkeiten" bedeuten könnte). Am Dienstag den 21 November führt uns das Blatt (ironisch) die zukünftigen Uniformen der Soldaten mit folgender Frage vor: "Die Armee 2007: was wird sich ändern, mit Ausnahme der Uniform?" Die Anwort lag natürlich schon in der Frage. Sicher ist nur, dass sie (die Armee) nicht mehr die Rote ist. Was die Uniform angeht, wird man vorallem auf die Kopfbedeckungen achten.

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Am Mittwoch, den 22 November, ist man dann ganz aus dem Häuschen: der neue BAkunin erscheint. Nein, nicht der anarchistische Revolutionär des 19ten Jahrhunderts, sondern der (georgisch-moskovitische)Krimiautor unserer Zeit, der sich das Pseudonym B. Akunin gegeben hat. Selten, dass ein Buch die Titelseiten beansprucht, aber wenn es sich um die neueste Episode der Abenteuer des Erast Petrowitsch Fandorin, Privatdetektiv im zaristischen Russland, handelt, ist alles erlaubt. Diesmal entdeckt das vollkommene Konzentrat aller Tugenden eines Dieners seiner Mitbürger, das dem alten wie dem neuen Russland so grausam fehlt, - entdeckt der Held Amerika. Wie lange werden wir armen, nicht russischsprachigen Leser auf die Übersetzung warten müssen?

 

Grigori Chalvovitch Tchkhartichvili (geb. 1956) Japanologe, Redakteur bei der Inostrannaja Literatura (bis Oktober 2000), Direktoriumsvorsitzender des Soros-Projektes Pushkinbibliothek, lebt seit seiner frühesten Kindheit in Moskau und wurde, beginnend mit "Azazel", zum erfolgreichen Kriminalromanschriftsteller (mehrere Werke sind auch verfilmt). Sein Pseudonym Boris Akunin verweist einerseits auf Michail Bakunin, Anarchist des 19ten Jahrhunderts, andererseits auf die japanische Übersetzung des in Russland seit der "Wende" besonders geläufigen Ausdrucks "plochoi tschelowek" ("schlechter Mensch" vergleichbar in der Anwendung mit dem spanischen "mala gente").

Dienstag 5. Dezember 2006

Schläge, Beulen, Weh und Ach

 

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Es passiert uns in Frankreich, dass wir manchmal angesichts des Schauspiels, das uns unsere Parlamentarier bieten, den Kopf schütteln und uns ein wenig schämen. Manchmal gewinnen Beleidigungen und Erniedrigung die Oberhand über die höfliche demokratische Auseinandersetzung. Es passiert uns aber auch, dass die Abgeordneten, wenn wir anderswo schlimmeres sehen, plötzlich in unserer Achtung steigen. Vergangenen Freitag kam es in Mexiko zu Handgreiflichkeiten unter den Volksvertretern (Abgeordnete und Senatoren). Männer und Frauen zogen sich an den Kleidern, schubsten sich, gingen mit den Fäusten aufeinander los, fielen über die Ballustrade im Kongress, wo zwei Stunden später die Amtseinführung des neuen Präsidenten stattfinden sollte und zahlreiche Ehrengäste (unter ihnen George Bush und Arnold Schwarzenegger) erwartet wurden. Alles dies vor laufenden Kameras und unter den Augen von hunderten von Journalisten, heimischen und internationalen, die zur Feier des Tages angereist waren.

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Das kommt davon, dass man für einen Vorsitz gleich drei Präsidenten hat. Seit Monaten herrscht im dritten Staat Nordamerikas eine gewisse institutionelle Verwirrung. Erinnern wir uns an die Vorgänge: am 2 Juli dieses Jahres siegt Felipe Calderon, Kandidat der Rechten in den Präsidentenwahlen über seinen Gegner Andres Manuel Lopez Obrador von der Linken. Soweit so gut. Nur war der Abstand von 0,56% der abgegebenen Stimmen so gering, dass die Anhänger des Verlierers partout und mit allen Mitteln, mit Demonstrationen, Petitionen, parlamentarischer Obstruktion usw., die Opfer von Wahlbetrug sein wollten. Nun lebt Mexiko mit einer institutionellen Besonderheit: zwischen der Wahl eines Präsidenten und seiner Amtseinführung liegen 6 Monate. So konnte der ehemalige Bürgermeister von Mexiko-City, der Wahlverlierer, sich selbst rechtmässig zum Präsidenten ernennen. Also hatte Mexiko sechs Monate lang drei Präsidenten zum Preis von einem: den Sieger, den Besiegten und den Amtsvorgänger (Vicente Fox). Das Land hätte gewiss gern auf dies Geschenk verzichtet.

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Im Allgemeinen urteilt die mexikanische Presse eher streng über solch kindische Ausbrüche bei gewählten (oder nichtgewählten) Volksvertretern . "Sie sperren sich im Kongress ein", moquiert sich der Diario de Yucatan, Tageszeitung der gleichnamigen Halbinsel (also Kuba gegenüber); der landesweite Excelsior lacht über diese Form von "parlamentarischem Dialog" der "die Kammer zur Explosion brachte"; und der Expreso stellt fest, dass "die Abgeordneten neuerdings mit nackten Fäusten debattieren".

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Man kann nicht genug betonen: Politik ist ein gefährliches Geschäft. Der arme Luiz Ignacio Lula da Silva wollte nur das Flugzeug erreichen, das ihn nach Abuja, der Nigerianischen Haupstadt, zum ersten afrikanisch-südamerikanischen Gipfel bringen sollte - und verstaucht sich den Fuß auf dem Rollfeld. Den Schmerzen zum Trotz fliegt der brasilianische Präsident dennoch los und wartet bis zur Landung auf seinen Gips um den rechten Knöchel. Das jedenfalls ist die Geschichte von diesem unbeweglichen Präsidenten, wie sie die Zero Hora von Porto Alegre darstellt. Aber der Journalist sagt uns nicht, ob der Präsident die unbeschreiblichen Misstöne, von denen der Einzug der Gäste in die Halle des Hilton begleitet wurde, ohne weitere Verletzung überstanden hat. "Das war ein Gipfel von Boxern" hat ein afrikanischer Minister geäussert.

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Noch ein anderer unter den Grössen dieser Welt hatte kein Glück in dieser Woche. Silvio Berlusconi, der ehemalige italienische Regierungschef, brach mitten in eine politischen Versammlung in der Toskana, unweit von Florenz zusammen, nur wenige Tage vor einer Demonstration der Stärke in Rom gegen den Haushalt der Regierung Prodi, und am Vorabend... der Prozesseröffnung gegen ihn wegen Steuerbetrug (die schon einmal verschoben wurde). Die gesamte politische Klasse nahm Anteil an diesem Ohnmachtsanfall (der glücklicherweise letztendlich ohne schwere Folgen blieb). La Stampa fasst die Beängstigung so zusammen: "Zehn Minuten lang war Italien ohne Berlusconi, ohne den Mann, den die Hälfte des Landes liebt und die andere verabscheut. Seine Getreuen konnten ermessen, wieviel sie ohne ihn bedeuten würden und wie desorientiert sie sein würden, während seine Gegner entdeckten, dass sie sich ohne diese sperrige Persönlichkeit gänzlich umorientieren müssten." Die Zeitung teilt uns auch mit, dass El Quaida im Internet während dieser zehn Minuten gejubelt hat...

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Wir werden uns hier nicht weiter über das Alter als eine Art Schiffbruch der Herren Fidel Castro und Augusto Pinochet auslassen. Die ganze Welt begleitet sie Schritt um Schritt in ihrer Agonie, spaltenlang in allen Medien des Planeten. So sehr haben diese beiden einander entgegengesetzten Figuren ihre Länder und ihre Kontinente geprägt. Wir begnügen uns, ohne Kommentar und sozusagen als Summe des Nachdenkens, mit den Überschriften der Berliner Tageszeitung und der chilenischen La Nacion: "Der Lider minimo", "Der Infarkt des Diktators".

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Zum guten Schluss bewundern wir die überraschende Initiative des britischen Gesundheitsministers, der gegen die Epidemie der Übergewichtigkeit in unseren wohlgenährten Ländern (also gegen einen Schlüsselparameter für den Infarkt) zu Feld zieht: Gratistanzkurse werden den allzu sesshaften Bürgern des Vereinigten Königreichs angeboten, damit sie sich bewegen und im Rythmus ihre Fettpolster verkleinern. Kein Zweifel, es wackelt jenseits des Kanals!

Dienstag 12. Dezember 2006

Das Öffentliche und das Private

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In Italien wird es diesmal wohl eine heisse Weihnacht geben, nicht aus klimatischen Gründen, sondern weil es Streit gibt zwischen dem Zeitlichen und dem Geistlichen. Die Linksregierung von Romano Prodi und der Vatikan von Benedikt XVI kreuzen die Klingen. Es geht um die Grenzen von Individuum und öffentlichem Raum: der italienische Pacs (Eheänliche gesetzliche Lebensgemeinschaft in Frankreich d.Ü.), den der Regierungschef im Januar einführen will, die Euthanasie in wiederaufflammender Debatte, weil ein 60jähriger, an Muskeldistrophie erkrankter, Mann für sich das Recht zu sterben fordert. Die Kontrahenten greifen sich gegenseitig mit seltener Härte an, besonders über die Presse. So klagt der Osservatore Romano, die einflussreiche Tageszeitung des Vatikan, Romano Prodi wutschnaubend an, er wolle die Familie auf der Halbinsel einfach ausrotten: ""Ja zum Plan des Schöpfers, "Nein" zu den Täuschungen der Macht".

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Über das Eingreifen gegen die Anerkennung "freier" Bindungen, homosexuell oder heterosexuel, hinaus möchte die Kirche sich auch noch an anderen Fronten einmischen. Der Papst fordert, dass das Kruzifix in Schulen und öffentlichen Räumen hängen darf. Dies im Geist der Trennung von Kirche und Staat, und gestützt auf ein Argument das ein Abiturthema in Philosophie abgeben könnte. "Der Staat kann die Religion nicht einfach als individuelle, ganz auf die Privatsphäre beschränkte Empfindung betrachten. Sie muss ganz im Gegenteil in ihrer gemeinschaftlichen öffentlichen Präsenz anerkannt werden." Romano Prodi, selbst praktizierender Katholik, zeigt sich, laut La Repubblica, von der Debatte sehr betroffen, aber nicht bereit, den Kurs zu wechseln.

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Dieser theologische Angriff mag an den erinnern, den Frankreich in der letzten Woche erlebte, als ein Teil der französischen, katholischen Hierarchie die Ziele des Téléthon in Zweifel zog, vorallem die Forschungen am menschlichen Embryo. Die Franzosen wurden aufgefordert, ihr Portemonnaie nicht zu öffnen. Aber sie haben nicht gehorchen wollen, und es wurde ein neuer Spendenrekord aufgestellt. Auch hier hatte der Staatschef, obwohl mit einer sehr praktizierenden Katholikin verheiratet, sich für die Unterstützung der Erforschung seltener Krankheiten ausgesprochen... Soll man diese Einmischungsversuchen nun schwindendem Einfluss des Vatikans zuschreiben oder einer neuen ideologischen Verjüngung der römischen Kirche?

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Vielleicht gibt Portugal im kommenden Februar eine Antwort auf diese Frage. Dort wird per Referendum über Straffreiheit für Schwangerschaftsunterbrechung entschieden. Die Vollversammlung der portugisischen Bischöfe hat ihre Gegnerschaft gegen das Vorhaben noch einmal bekräftigt. "Der bestehenden Macht kann man keinerlei Kompetenz zusprechen, wenn es darum geht, was von Natur aus ein Verbrechen ist, zuzulassen oder straffrei geschehen zu lassen" haben sie endlos wiederholt. Portugal ist zusammen mit Irland und Polen (ebenfalls ein sehr katholisches Land) eines der letzten eurpäischen Länder ohne liberale Gesetzgebung auf diesem Gebiet. Dabei hatte eine erste Abstimmung vor acht Jahren, die allerdings ungültig war, gezeigt, dass die Portugiesen, wenn auch mit knapper Mehrheit, bereit waren, den Schritt zu wagen. Die Zunahme der heimlichen Schwangerschaftsunterbrechungen um ein Vielfaches und die Prozesse wegen dieser Praktiken haben, wie die bedeutende Tageszeitung Publico berichtet, die Politiker bewogen, Reformen zu beschleunigen. Die Zeitung deckt auf, dass eine Klinik in einem Vorort von Aveiro, einer der schönsten Städte der Silberküste, 500 bis 600 Schwangerschaftsunterbrechungen im Jahr vornimmt. Sie fordert dringend eine Gesetzesänderung.

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Auf der anderen Seite des Meeres hat die algerische Tageszeitung El Watan auch das Tabu der "heimlichen Schmerzen" brechen wollen . Mutig beschreibt die Journalistin auf der ersten Seite die Hindernisse und Risiken (tödliche und juridische), denen sich Algerierinnen ohne Unterschied des Alters und des sozioprofessionellen Milieus aussetzen. Aber sie zeigt auch solidarische Netzwerke (medizinische und finanzielle) auf, die dort einspringen, wo die Not keinen anderen Ausweg lässt. In diesem Land ist kein Referendum in Sicht um den alltäglichen, geräuschlosen Mikrotragödien ein Ende zu bereiten...

Dienstag 19. Dezember 2006

Cha-Cha

Sprechen Sie Cha-cha, kon-Ver, ver-Ver oder GMA? Nein? Schade, denn das müssen Sie, wenn sie das vibrierende politische Leben der Philippinen verstehen wollen. Seit Wochen jagen sich die komischsten Schlagzeilen auf den Titelseiten der Zeitungen in Manila: "Cha-cha ja!", "Cha-cha nein!", "Der Bischof will seine eigene Cha-cha". "Tod der Cha-cha!", usw., usw. Sogar eine türkische Tageszeitung hat festgestellt, dass die Philippinos mit dem "Cha-cha-Slogan" stundenlang gegen Gloria Macapagal Arroyo (GMA)demonstrieren, gegen ihre Präsidentin, eine Art Margaret Thatcher, philippinisch getönt.

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Die "Cha-cha" und das alles erklärt Ihnen The Economist sehr ernsthaft, wenn auch mit der ironischen Pointe, die den Charme des hervorragenden britischen Wochenblatts ausmacht. Die Philippinen, diese asiatische Inselgruppe, die sich Australien entgegenreckt, haben von ihren ehemaligen amerikanischen Kolonisatoren eine Präsidentialverfassung und ein Zweikammersystem geerbt und was in den Vereinigten Staaten wunderbar funktioniert, blockiert in Manila regelmäßig die Institutionen (besonders in diesem Jahr, wo der Haushalt Monate lang nicht verabschiedet werden konnte...) Frau Arroyo hat daraufhin beschlossen die Verfassung zu ändern ("Charter change": "Cha-cha") und zwar in die eines parlamentarischen Einkammersystems wie im benachbarten Neuseeland.

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Zu diesem Zweck haben Frau Arroyo und ihre Regierung Plan a,b,c entworfen (sehr viel einfallsreicher, als die Europäer, die ihren Verfassungsvertrag mit nur einer einzigen Strategie durchbringen wollten). Plan A: Petition mit anschliessendem Referendum. Es wurden 6,5 Millionen Unterschriften gesammelt, aber der von der Opposition angerufene Oberste Gerichtshof hat die Petition verworfen. Plan B: eine konstituierende Versammlung (kon-Ver)aus beiden Kammern, die durch Abstimmung den Senat abschaffen sollte. Aber, oh Wunder, die Senatoren stimmten gegen die eigene Abschaffung. Bleibt der Plan C: eine verfassunggebende Versammlung (ver-Ver), die von den Wählern bestimmt wird. Das hierzuland traditionelle, bei verschiedenen Gelegenheiten bewährte Verfahren zur Anpassung der Verfassung. Aber das Land steht derart unter Spannung und die Situation ist derart verfahren, dass die Präsidentin entschieden hat, abwarten sei noch dringender, wenn dem Land eine totale Lähmung erspart werden soll. Die institutionelle Krise hatte schon den letzten Gipfel der Regierungschefs im pazifischen Asien wesentlich wirkungsvoller verhindert als der Taifun Utor, der als Vorwand herhalten musste.

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Wer war doch noch Herr Breschnjew? Die Moskowskije Nowosti (Moskauer Neuigkeiten) stellen diese interessante Frage nicht ohne Selbstironie anlässlich des hundertsten Geburtstages dieses Herrn: "Jetzt ist es gerade mal 25 Jahre her, dass die damaligen Wochenzeitungen mit einunddemselben Portrait auf der Titelseite erscheinen konnten, dem des Generalsekretärs der kommunistischen Partei der Sowjetunion, des Genossen Leonid Iljitsch Breschnjew. Denn an diesem Tag, am 19 Dezember 1981, feierte der seinen 75. Geburtstag. Es versteht sich von selbst, dass das Thema von oben befohlen war, ebenso wie die Bildwahl. Und was machen wir (die gänzlich unabhängigen Journalisten)zum 100. Geburtstag? Wir machen freiwillig genau das gleiche. Weil sich unabdingbar die Frage stellt: Wer war das noch, der Genosse Breschnjew? Oder im politischen Jargon des modernen Russlands: who is mister Brezhnev?"

Tatsächlich hatte der Mann, der die Zügel der Sowjetunion 20 Jahre lang in der Hand hielt, der Zeitung zufolge nichts aussergewöhnliches, war eine Art grauer "Durch-die-Wand-Gänger". Er verschwand in der Nomenklatura als eins ihrer makellosen Produkte. Aber er war und bleibt relativ populär an den Ufern der Moskwa. Vor zwei Jahren war ihm sogar eine Serie im öffentlichen Fernsehen gewidmet: sie begann mit dem Ende, man sieht einen allzu gutmütigen Machthaber, der heimlich seine Zigarren raucht und mit einem Vater mitfühlt, der (bis zur "Präsidentendatscha")gekommen ist, um verzweifelt die Freilassung seines Sohnes aus dem Gulag zu fordern. Kurzum, ein Mensch wie jeder - und das Feuilleton machte Furore! Sein Regime war - den Moskauer Neuigkeiten folgend - vom Stalinismus weiter entfernt als das von Nikita Chruschtschew; es war auch zu seiner Zeit, dass eine neue "Klasse" in Erscheinung trat, die heute dominiert: die der Oligarchen. Für das Wochenblatt eine Gelegenheit um drei Ecken, ein Bild der heutigen Gesellschaft und der Machthaber in Russland zu zeichnen...

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Auf der anderen Seite des Atlantik widmen sich zwei Tageszeitungen - und nicht die geringsten - im Stil von USA Today am Vorabend von Weihnachten auch dem Thema Menschen heute: ein Schwarzer sein in den USA ist das Thema der Washington Post und ein arabischer Amerikaner sein das der USA Today. In beiden Fällen ist das Unbehagen da, aber aus ganz verschiedenem Grund: die schwarzen Männer finden ihren Platz nicht mehr in der Familie, werden oft von ihren Frauen verlassen; die Menschen arabischer Herkunft finden ihren Platz im Land nicht mehr (Frauen wie Männer), werden oft von Mitbürgern gemieden. Es ist, als habe sich etwas verschoben: Früher waren alle Schwarzen die Ausgestossenen, jetzt sind die Araber an ihre Stelle getreten, während die Schwarzen den Zerfall der Familienstruktur erleben, genau wie die Weissen, nur noch härter.

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Die beiden Artikel stellen auch vor die Frage: wie soll man beschreiben was ist, ohne dass man es an sich selbst erfährt? John Howard Griffin (ein weisser amerikanischer Schriftsteller) hat als erster (6 Wochen lang) versucht, in die Haut eines Schwarzen zu schlüpfen, der im tiefsten Süden der Vereinigten Staaten lebt. (Black like me, 1961). Der Deutsche Günther Wallraff lebte zwei Jahre als türkischer Arbeiter (Ganz unten, 1985); und die Französin Anne Tristan hat mehrere Monate lang die Lage einer Zufluchtsuchenden aus Santo Domingo erfahren (Clandestine, 1993). Über den Mut hinaus, den solche Erfahrungen beweisen, stellt sich eine neue Frage: kann man tatsächlich "sein" wenn man weiß, dass man das nur eine Zeit lang ist? 
Darüber kann man in aller Ruhe nachdenken, denn für mich kommen jetzt Ferien. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern der Caravane und der Karwansereien gute Feiertage! Bis zum nächsten Jahr...

Montag 8. Januar 2007

Düstere Neujahrsmeldungen

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Im Prinzip geht die Sonne im Osten auf, aber kaum sind die Neujahrsfeiern vorüber, dämmern im Fernen Osten merkwürdig düstere Nachrichten. Im Land der aufgehenden Sonne eröffnet die Tageszeitung Asahi Shimbum (wörtlich "Zeitung der aufgehenden Sonne", tägliche Auflage über eine Million) das Neue Jahr mit einer Folge von Reportagen über Ängste und zerschlagene Träume von Nordkoreanern die seit langem in Japan leben. Die ältesten, die seinerzeit aus Pyongyang kamen, meist um reich zu werden, aber auch und trotz allem, um ihrem Vaterland zu helfen, sehen sich heute vom Herkunftsland verraten. Und das nicht nur wegen der Atomwaffen die Kim Il Sung dem Nachbarland unter die Nase hält.

Hiroshi Matsubara berichtet, wie nordkoreanische Einwanderer in Tokyo und anderen Großstädten meist im Gaststättengewerbe reich geworden waren, und heute, fast allen Besitzes beraubt,am Rand des Elends leben. Diese Frauen und Männer haben über Jahre den größten Teil ihrer Gewinne der Vereinigung in Japan lebender Koreaner (der Schongryon) überwiesen. Dieser Verein mit eigener Zeitschrift (die Schoson Sinbo) unterhielt zahlreiche Gemeinschaftsschulen und war so etwas wie die Botschaft, womöglich auch Spionagezentrum. Schongryon überließ Nordkorea, will sagen den dortigen Machthabern, beträchtliche Summen in Yen (bekanntlich eine nicht weniger als der Dollar geschätzte Währung). Geld, das der Verein von den Landsleuten erhielt (erpresste?).

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Die schönste Machenschaft war zweifellos die Feier zum 60sten Geburtstag von Kim Il Sung (dem "Völkerväterchen" und nebenbei auch Väterchen des gegenwärtigen Kim), der Leuchte der nordkoreanischen Nation. Fünf Milliarden Yen (beinahe 33 Millionen Euro) wurden zur Feier des Tages gesammelt,und wenn die Gratulanten nicht zahlungsfähig waren, nahm man liebenswürdigerweise auch ihre Autos oder anderen Wertbesitz als Geschenk. Seitdem hat Schongryon Fehlinvestitionen in gewagte Joint-venture-Unternehmen getätigt und um der Geschäfte willen seine sozialen Leistungen mehr und mehr eingeschränkt: keine Unterstützung mehr von verarmten, alten Mitbürgern trotz jahrzehntelanger treuer Dienste, Schliessung der meisten Schulen, Aufgabe der Zeitschrift usw.

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Derweil fragt sich das andere Korea, das südliche, verdutzt, was von der ersten Maßnahme des Jahres der Hauptstadt Seoul zu halten ist: die Stadt verkauft ihre Eigentumswohnungen je nach Größe und Lage 15 bis 20 Prozent unter Marktpreis. Wird dieser Ausverkauf die Immobilienspekulation weiter anheizen, die Profite der Händler in die Höhe treiben oder wird den Mittelschichten billigeres Wohnen bescheert? Moon So-young, Journalist des JoongAng Daily (oder auch "Tageszeitung des Zentrums" - ein Titel an dem sich niemand stösst, Tagesauflage eine Million), hat nicht wirklich eine Antwort. Man könnte ihm einen Besuch in Paris anraten. Vielleicht würden ihn die dieser Tage in der ganzen Welt so fotogenen, kleinen roten Zelte der Obdachlosen am Kanal Saint Martin inspirieren.

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In Indien, schliesslich, macht man sich Sorgen, von denen man dachte, sie seien typisch für das alte Europa: Abwanderung von Fachleuten und anderen Talenten in andere Breiten auf der Suche nach Reichtum. In der Tat werden 2011, das heißt übermorgen mehr als die Hälfte aller Piloten der indischen Fluggesellschaften Ausländer sein, darüber hinaus womöglich nicht die besten und solche die schlecht englisch sprechen. Schon jetzt haben zahlreiche Russen, Philippinos, Brasilianer oder Irländer das Kommando der indischen Luftflotte übernommen. Das hat vorallem zwei Gründe: der Luftverkehr in Indien erweitert sich infolge des exponentiellen ökonomischen Wachstums explosionsartig und die Flotte ist überaltert und indische

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Piloten werden für die alten Maschinen nicht mehr ausgebildet. V. Manju von der Times of India (Die indische Zeit - eine treffende Bezeichnung) macht sich Gedanken über die Sicherheit der Passagiere im Inlandverkehr... In Erwartung der avisierten Katastrophen empfiehlt sich (wieder) als Lektüre, die es in sich hat - quasi das Handbuch zum Überleben für Flugphobiker - : "Airport" des britisch-amerikanisch-kanadischen Schriftstellers Arthur Hailey...

Dienstag 16. Januar 2007

Techno-Abhängigkeiten

 

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Sind Sie Internet-, Handy- oder Digitalfoto-süchtig? Falls Sie zögern, nein zu sagen, empfehle ich Ihnen La Vanguardia zu lesen, das erstklassige Tagesblatt aus Barcelona. Die Zeitung hält das Problem für so ernst, dass sie es auf die Titelseite bringt: die Leidenschaft für die neuen Technologien hat ihre Suchtopfer. Psychologen warnen vor der neuen Krankheit, die mit Verhaltensstörungen einhergeht: Einsamkeit, Frustration, Rückzug auf sich selbst und Schwierigkeiten, sich mitzuteilen. Die Maschinen der Virtuellen Welten sollen tatsächlich Allmachtsgefühle hervorrufen, unmittelbare Befriedigung vermitteln und damit der Abhängigkeit die Tore öffnen. Auch entsteht die Illusion unerschöpflicher Kraftquellen, die immer weiter in schwindelnde Unendlichkeit treiben, bis man die ganze Welt zu beherrschen glaubt.

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Ich muss gestehen, dass mir die Lektüre des Artikels von Maite Gutierrez persönlich Sorge gemacht hat. Tagtäglich im Internet surfen um dieses Blog und die Sendung Kiosque zu füttern und wöchentlich die Früchte in die ganze Welt schicken - bin ich nicht dabei, mich selbst als Herr (oder sollte ich statt Maître besser Maitresse sagen) der Welt zu sehen? Zum Glück hat mich ein Kasten zu den vier Hauptcharakteristika von Technojunkies beruhigt: snobistisch, scheu, besessen und selbstzerstörerisch. Ohne Frage - dies alles bin ich nicht...

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Sind Sie vielleicht, im Gegenteil "tech-no"? Die amerikanische Tageszeitung USA Today schreibt, dass sich jenseits des Atlandik die Widerstandsbewegung formiert. Die "tech-no’s" sind diese komischen Heiligen, die noch immer und immer wieder den Eindringlichen widerstehen, dem Handy, dem Komputer, dem Internet, der digitalen Welt. Umgedrehte Besessene oder Neo-Junkies der Technologie? Können Sie mir folgen? Die Journalistin Janet Kornblum hielt den Atem an, als sie diesen Unverbesserlichen (oder eben konvertierten und daher mehr als überzeugten) begegnete, die nicht "in" sein wollen. Unter ihnen dynamische Manager/innen, Künstler/innen, Psycholog/inn/en, junge Student/inn/en ebenso wie Hochschulabsolvent/inn/en, die perfekt umgehen können mit allem, was sie da ablehnen. Sie wollen, sagen sie, ihr Leben wieder in den Griff bekommen angesichts von ausufernden Nachrichtenflüssen von nirgendwo, von Ängsten, oder auch im Hinblick auf jenen planetarischen, oder gar Weltraum-Schwindel... Eine Hassliebe, eine Ablehnung zu der sie sich stolz bekennen, vielleicht mit einem Anflug von Snobismus. Also Snobs wie die Technojunkies? Wir sind wieder da, wo wir waren...

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Wenn man The Independant, der britischen Tageszeitung für Aufsässige aller Schattierungen, glauben möchte, ist den neuen Technologien nicht nur mit persönlicher und selbstzufriedener Ablehnung zu begegnen, sondern es muss sich dringend eine allgemeine Gegenoffensive formieren. So sehr sieht Nigel Morris, der Autor des Berichts, die Freiheit bedroht. Premier Tony Blair kündigt tatsächlich Maßnahmen im Hightechbereich zur Bekämpfung aller möglichen Plagen an. Damit wird Großbritannien das Land der bestüberwachten Bürger: Zentralkomputer im Innenministerium der möglichst alle persönlichen Daten aufnimmt und im Kampf für Sicherheit und gegen Terrorismus auswertet; Registrierung des genetischen Fingerabdrucks für jede/n vom Staat erfassten Erwachsene/n; verstärkte Videoüberwachung (schon jetzt kontrollieren 4,2 Millionen Videosysteme das Land); Durchforstung der persönlichen Gesundheitsdaten aller Bürger auf der Suche nach Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen; obligatorischer Personalausweis (eine Revolution in einem Land, das sich über Jahrhunderte dieser Neuerung verweigerte); obligatorische Satellitenortung für Autofahrer... Kurzum die Engländer sind "in" und ohne Frage "in" der besten aller Welten.

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Ist Gordon Brown, der neue Chef der britischen Labourpartei , mehr als "in"? Der Daily Telegraph beschuldigt ihn der Schidzophrenie - nicht mehr und nicht weniger. Dem konservativen Blatt zufolge ist er in letzter Zeit eher "out" - neue Wirklichkeiten erscheinen am Horizont: dem Land droht eine "Balkanisierung" mit der Unabhängigkeit Schottlands. Das Parlament dieser (wundervollen) Gegend wird am 3. Mai neu gewählt und die separatistische schottische Nationalpartei hat Aufwind. Das ist auch unseren schweizerischen Kollegen von Le Temps nicht entgangen. Die Konservativen werfen Gordon Brown vor, dass er einerseits in bewegenden Worten an die Einheit appelliert und andererseits Sympathie für das "Schottische" zeigt - ein Zwiespalt, dem sich dieser Schotte wohl kaum entziehen kann. Auf jeden Fall steht nicht nur Frankreich ein heißer Frühling bevor...

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