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28.01.2012
11:36

Mein Frühstück bei Standard and Poor's

Der investigative Journalist des 21ten Jahrhunderts geht gern Risiken ein, um sich aktuelle Nachrichten zu den großen Gegenwartsthemen zu verschaffen. Wenn er zu den verhassten modernen Finanzinstituten recherchiert, zögert er folglich nicht einen Moment, ins Allerheiligste vorzustoßen, im gegebenen Fall in den Pariser Sitz der in letzter Zeit in Europa so beschimpften Agentur Standard & Poor's. Eines Mittwochmorgens im bleichen winterlichen Frühlicht kommt er, fröstelnd in seinem wattierten Mäntelchen dort an. Eilig tritt er ein. Zum Glück ist er nicht allein: etwa zwanzig Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen alten Kontinent (und selbst darüber hinaus) finden sich in der weißen Eingangshalle (Marmor, Schreibtische, Sofas, Blumen, alles in Allem sauber und eine Synfonie der Reinheit) ein. Die derzeit in Frankreich am meisten verabscheute Notationsagentur hat freimütigst zu einer Frage- und Antwortsitzung gebeten.

Die glücklichen Auserwählten des Briefings trinken stehend Kaffee, essen Frühstücksgebäck im Miniformat, bevor sie sanft in einen Raum im Untergeschoss des neuerdings, dank regelmäßiger antikapitalistischer Rituale der Entrüsteten aller Couleur berühmten Gebäudes geführt werden. Die am Gebäck erlabten und vom Kaffee belebten Recherchejournalisten sind vollends erfreut, als sie auf jedem Stuhl Notizheft und Schreiber Marke "collectors" mit S&P Logo finden, die ihnen fortan helfen werden, einander wiederzuerkennen.

Erste Überraschung: das Empfangskomitee ist fas ausschließlich weiblich: - die Chefin des Pariser Büros, verantwortlich für Methodologie und Analysen, die Abteilungsleiterin zuständig für Kommunikation. Der einzige Mann ist der Chefökonom, also der Denker... Der Begrüßungsaustausch beginnt mit einem herrlichen Lapsus, dem des allgemein beliebten Präsidenten dieser Clique ohne Gleichen europäischer Korrespondenten, Alberto Toscano, selbst ein unvergleichliches Konzentrat von allem was italienischer Geschmack hergeben kann: "Zu allererst möchte ich der Pariser Vertretung von Goldman Sachs meinen Dank für den Empfang aussprechen!." Alberto hat gerade ein Buch über "Versprecher in der Politik" veröffentlicht ("Ces gaffeurs qui nous gouvernent" eschienen bei Fayard) ! Die Sitzung kann beginnen... Sie beginnt mir einem einstündigen, leicht professoralen Vortrag, nicht im entferntesten von dem Glanz oder der virtuellen Knappheit der "Finanzmärkte" einer globalen Geldwirtschaft.

Dann eine weitere Stunde mit Fragen und Antworten im äußerst glatten und höflichen Ton - mit der einzigen Ausnahme des Zwischenrufs eines franzöischen Kollegen: "wie können Sie uns noch immer mit gutem Gewissen gegenüber treten nachdem sie sich hinsichtlich der Dauerhaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit der Subprimes so katastrophal geirrt haben?" (Die Subprimes sind jene risikoreichen Hypotheken, die 2008 nicht bedient wurden, so zur Krise führten, weil aufgrund solcher Darlehen die Banken mittels Verbriefung ihre Finanzierungskapazität über alle Maßen übertrieben hatten.)

Was also hat unser Korrepondent an diesem Mittwoch dem 25. Januar am Pariser Sitz von Standard & Poor's erfahren? Dass man sich bei Standard & Poor's unter keinen Umständen aufregt; dass eine Herabstufung von AAA auf AA oder gar auf A kaum viel bedeutet; dass sie von niemandem beauftragt sind, Staaten zu bewerten wie Frankreich, Deutschland oder die USA; dass man alle Informationen auf ihrer Webseite finden kann; dass sie keinerlei politischem Druck ausgesetzt seien, - sag nur!; dass es sich bei der Untersuchung eines italienischen Richters gegen S&P wegen Manipulation um einen einsamen Kreuzzug handle; und dass die Verbriefung eine wunderbare und grundsolide Finanzierungstechnik sei; und das schließlich für die Annotation von Staaten das Kriterium sei, ob in sich zuspitzenden Krisenzeiten ein Kapitän an Bord sei, egal ob von Rechts oder von Links!

"Wie bei den Costa-Kreuzfahrten" bekräftigte Alberto...

(ks@aleph99.org)Gravatar: Forward articlePermalinkTrackback link
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