Copy and paste this link into your RSS news reader

RSS 0.91Posts
RSS 2.0Posts
 
17.08.2011
16:02

Arabischer Frühling, israelischer Sommer - chilenischer Winter?

Auch in Chile gehen Autos in Flammen auf. Nicht zum wärmen, auch wenn in diesen Gegenden der südlichen Hemisphäre zur Zeit Winter ist, sondern weil gleichsam ein Echo rund um die Erde zu laufen scheint und nach Kairo, Tunis, Madrid, Athen, Tel Aviv oder London die junge Generation nun überall die alten Welten umzukrempeln versucht. Eine, wie es scheint ununterdrückbare Bewegung, mit der sich sehr wohl die Voraussagen und Analysen des Demographen bewahrheiten könnten.

Aber Chile ist ja so weit weg von Europa... Die Tageszeitungen des alten Erdteils verlieren kaum ein Wort dazu, aber auch die der Neuen Welt bleiben vage... Aus Angst, aus Gleichgültigkeit? Aber da haben doch am Dienstag den 9. August in Santiago 150 000 Studenten demonstriert und zu einem Kampf eine Art Orgelpunkt gesetzt, zu dem eine junge Frau, Camilla Vallejo, Mitglied der Jungkommunisten und Vorsitzende der Vereinigung chilenischer Studentenverbände, im Juni den Anstoß gegeben hatte. Wenn diese Demonstranten auch keine Schaufenster einschlagen oder Zelte im Stadtzentrum aufstellen, so wollen sie doch, dass mit den Resten einer schlechten Vergangenheit aufgeräumt werde und eine Hochschulbildung endlich erneuert wird, die bisher noch immer nach den ultraliberalen Regeln der Pinochet-Boys in den Zeiten der Diktatur der 70er und 80er Jahre gestaltet und verwaltet blieb. Die chilenischen Universitäten sind privatrechtliche Institutionen, sie funktionieren wie Unternehmen, und Stipendien gibt es kaum noch, seit die Militärs an einem 11. September 1973 Salvador Allende stürzten. Die meisten Eltern verschulden sich auf lange Zeit, manchmal bis zu 15 Jahren, um ihren Kindern ein Studium zu ermöglichen.

"Das war die Universität der Straße" begeistert sich Pagina 12.  Aber die argentinische Tageszeitung zeigt sich über Maßnahmen zur Unterdrückung der Demonstration beunruhigt. Polizisten hätten sich unter die Demonstranten gemischt und hätten, um die Bewegung zu diskreditiern, Aktionen provoziert wie das Anzünden von Autos und andere Vandalismen.  

Es geht um nichts weniger als eine Verfassungsreform, bemerkt das mexikanische Blatt La Jornada. Die Jungen wollen, dass die Hochschulbildung als öffentliche Dienstleistung in der Verfassung der chilenischen Republik verankert wird. Diese datiert von 1980 und es ist kaum zu verstehen, dass selbst die ehemalige, sozialdemokratischen Präsidentin Michelle Bachelet, Pädiater und Mutter, nichts unternommen hat, um sie zu ändern.

Auch stellt man fest, wie sehr doch der Journalismus keine exakte Wissenschaft ist. Man nehme nur die Titelseiten zweier Blätter vom gleichen Tag: "Ein Demonstrationszug von 70 000 Personen gezeichnet von studentischem Aufruhr" titelt Tercera, während El Mercurio "mehr als 140 000" gezählt hat und dann auch den Vandalismus betont. "Lauf, Genosse, die alte Welt liegt hinter dir" riefen die jungen Pariser, die im Mai 1968 Pflastersteine warfen.

(ks@aleph99.org)Gravatar: Forward articlePermalinkTrackback link
Views: 647
  •  
  • 0 Comment(s)
  •  

Your comment

Notify me when someone adds another comment to this post

back

Zähler
51084