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16.10.2011
19:14

Klassenkampf: Spanische Herzogin tanzt barfuß, die Russen entdecken, dass ihre Kommunalki in Westeuropa Schule machen...

Es geschieht im post-francistischen und sozialistischen (gewiss etwas weich linken) Spanien von José Luis Zapatero, dessen Kabinet mit genau gleich vielen Frauen wie Männern besetzt ist. Eine Fünfundachtigjährige tanzt auf der Titelseite von El Pais, grauhaarig und zerzaust, doch als einzige bewegt sie sich da in einem wahrhaft teuflischen Sevilla-Flamenco. Die Herzogin von Alba kann sich eines Titels, eines Vermögens, großer Ländereien und des Ruhmes einer der glänzensten Aristokratenfamilien rühmen, und sie heiratet wieder, und zwar einen Beamten des Sozialamtes. Es scheint dass das Fest nicht sonderlich  gelungen war, traurig für die alte, unwürdige, empörte alte Dame, die an ihrem Lebensabend (doch auch zum Neubeginn) sich der Gesetze des guten Benehmens einfach so begibt.

Cayetana Fitz-James Stuart, eine spanische Grande, vermählt sich zum dritten Mal in ihrem Leben. Noch vor drei Jahren wähnte sie sich sterbend, sie war krank, allein und depressiv, trotz ihrer zahlreichen, nur allzu weit entfernten Nachkommenschaft: Aber von Zeit zu Zeit hat sie die Kraft, ins Kino zu gehen. Und dort, im dunklen Kinosaal, trifft sie Alfonso Diez, 60 Jahre alt, der sich ihr als ein alter Freund ihres verstorbenen zweiten Ehemannes Jesus Aguirre vorstellt. Der Mann, der kaum seine 1500 Euro im Monat verdient, erklärt ihr seine Zuneigung, spricht von schon lange empfundener Leidenschaft.

Die Herzogin lebt auf und kündigt ihren sechs Kindern ihre Verlobung an, Die schreien auf: Mutter, diese Mesalliance kannst Du uns nicht antun! Aber vorallem hatten sie wohl Angst um das Erbe. Man hat ja gesehen, was in Frankreich zwischen Mutter und Tochter Betancourt los war. Doch Cayetana vollführte einen Geniestreich: sie hat ihr ganzes (ungeheur großes) Vermögen unter ihre Erb/inn/en verteilt und hat akzeptiert, dass der neugebackene Herzog nach ihrem Tod den Titel ablegt. Und auf einmal waren die kleinen Herzoginnen und Herzöge mit der Heirat einverstanden. Aber doch wohl etwas pickiert: nur zwei von ihren konnten sich zu Glückwünschen für Mama und Papa herablassen.

Im übrigen kamen weit mehr Journalisten nach Sevilla als eingeladene Gäste, Und die Mehrzahl der Anwesenden waren Routine-Partygänger, Hausangestellte oder Pflegepersonal der alten Dame. Der Jungverheirateten war das egal. Sie wünschte alle Höflichkeiten und Konventionen zum Teufel und kaum war die Zeremonie zu Ende, saßen die beiden im Flugzeug nach Thailand. Die listige alte Dame hatte eben doch ein wenig Taschengeld für sich behalten. Mal eben genug, um angenehm leben zu können!

Und dies geschieht gerade im postsowjetischen, ultraliberalen Russland von Wladimir Putin und Dmitri Medwedjew. Russsische Forscher haben herausgefunden, dass das notbedingte gemeinsame Wohnen, die siebzig Jahre lang verfluchte Kommunalka, in den Ländern Westeuropas eine ungeahnte Renaissance erlebt, besonders in Zürich, wohin die Forscher ihre Untersuchung geführt hat. Leicht erstaunt konnten sie feststellen, dass man in Russland seinzeit das erfunden hat, was hier Wohngemeinschaft heißt. Die geschätzte Moskowskaja Prawda berichtet darüber unter dem Titel "Die Kommunalka ohne Zwang". Irena Tatonowa erzählt mit Humor, wie die die florierenden Europäer/innen das Butterschneiden mit dem Draht neu erfinden, und wie sie sich wundern würden, wenn sie erführen, dass das charmante, heute viel gelobte, gute und preiswerte Leben in der Wohngemeischaft, dass nebenbei auch der Vereinsamung entgegenwirkt, einst in der Sowjetunion die Regel war.

Die Journalistin beschreibt, wie man sich in der Schweiz wunderbar zu siebt ein Badezimmer und eine Küche teilt. Sie verdächtigt allerdings die Eltern im Hintergrund, dass sie ihre erwachsenen Kinder endlich aus dem Haus haben wollen. Und sie bemerkt, dass den Forschern die kleinen Unterschiede zwischen studentischen oder  Rentnerwohngemeinschaften und den nur allzu sowjetischen Wohnverhältnissen in Frankreich, der Schweiz, in Deutschland und anderswo entgangen sind, wo ganze Familien und oft mehrere Generationen in einem Zimmer hausen.

Die Kommunalki haben in der UdSSR der 70er Jahre eine üppige Literatur und Filmographie hervorgerufen. Drollig und niederschmetternd wurde da das höllische Leben in diesen Wohnungen ausgemalt, wo jeder jeden ausspionierte, wo es keinerlei Intimität gab. Sie sind noch immer nicht ganz verschwunden, zumal in Petersburg, wo hunderte von Familien immer noch in den verfallenden Palästen der ehemaligen Hauptstadt aufeinanderhocken.

(ks@aleph99.org)Gravatar: Forward articlePermalinkTrackback link
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