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16.10.2011
17:12

Jenseits von Gut und Böse: Berlusconi lächelt weiter

In Italien erinnern dieser Tage die Titelseiten der Blätter an jene der dreißiger Jahre in Europa. Da wimmelt es von Vorurteilen, Anathemata und Ablehnung, gegen alles, gegen die anderen, gegen die Märkte, gegen die Europäische Union, gegen die anderen Zeitungen und natürlich gegen die immer oder fast immer korrupten Kritiker. Den Auftakt machte die Secolo d'Italia vom 29. September 2011, die Zeitung, die das MSI begleitet, seit es sich zur neofaschistischen Bewegung erklärte, bis es sich neuerdings zur politischen Mitte hin bewegte und sich von seinem Beschützer von ehedem abwendete, von Sylvio Berlusconi, genannt der Cavaliere, oder auch der Bunga-bunga-König. Neben der Schlagzeile in nicht gerade feiner Manier ein erhobener Finger: "Verleumdete, Genötigte, unserer Souveränität enteignete: wir alle sollten uns empören!" Solche Augenfälligkeiten sind kein gutes Zeichen. Sie zeugen vorallem von Ohnmacht angesichts des lächelnden Helden, der seit nunmehr 15 Jahren wie ein Despot und mit dem Gefühl von "mir kann keiner" die Geschicke der Halbinsel lenkt. Am 29. September feierte Sylvio Berlusconi seinen 75. Geburtstag. Er verkörpert über alle Maßen deutlich jene Arroganz eines guten Teils unserer euopäischen Politiker, die kein Wort verlieren mögen zu Tiefschlägen, sexuellen Übergriffen, Betrügereien, die sie bestenfalls nachsichtig mitansehen und schlimmstenfalls selbst begehen oder mitbegehen. Wenn sie dann vor Gericht erscheinen müssen, ist ihnen das überraschend und aufrichtig egal. Sie sehen ganz einfach nicht, was ihnen vorgeworfen wird: sie nutzen doch einfach nur, was ihre Machpositionen ihnen bieten, Ausgleich für ihren Dienst am Staat, gar an der MenschheitSeit 2009 das italienische Verfassungsgericht das vom Regierungschef zu seinen Gunsten zur Abstimmung gebrachte Gesetz zur Straffreiheit des Amtsträgers für verfassungswidrig erklärte, wird Berlusconi ständig vorgeladen. So auch wieder am Montag den 3 und Dienstag den 4. Oktober, zunächst wegen Korruption und Betrug in der Affäre seines Medienimperiums Mediaset, dann in Sachen Rubygate, wegen Verführung Minderjähriger. Das Verfahren trägt den Namen jener Minderjährigen, die bei einer ausschweifenden Soirée auf seinem Besitz auf Sardinien missbraucht wurde. Der Cavaliere scheut sich nicht, vor Gericht nicht zu erscheinen und mit seinem ständigen Lächeln zu erklären, dass alles das eine Farce sei. Auch die Warnungen des Vatikans und des Papstes gleiten an ihm ab. "Exkommunikation" titelt selbst das Mitte-links-Blatt Il Riformista. Warum auch wäre das Risiko für ihn heute größer als gestern? Es gibt kaum noch eine Zeitung außer der Berluconi gehörenden Il Giornale, die sich über die Beschimpfungen  der Helden empört, sie wurden zu einer Art Nationalsport. Sehr junge Frauen gestehen ihre mit Sylvio eingegangenen Beziehungen. Die derzeit letzte, eine 20 jährige Montenegrinerin, erklärt sich selbst anlässlich des 75. Geburtstages zur offiziellen Verlobten; abgehörte Telefongespräche offenbaren, wie zahlreiche, sehr junge Prostituierte am Fußende des Präsidentenbettes Schlange stehen: Aber Silvio lächelt und denkt sicher, dass sein Volk ihn in seiner stürmischen Virilität nur umso lieber möge: was für ein Temperatment! Vielleicht war das eine Zeit lang so, aber es scheint, dass sich der Wind dreht und dass Sylvio Berlusconi, wie so manche blinde Politiker, die Veränderung nicht wahrhaben will. Es ist jetzt 2 Jahre her, dass der Economist ausrief: "Es ist Zeit für Italien, Berlusconi loszuwerden". Doch Alberto Toscano nimmt in seinem neuen Werk, "Diese Fehlermacher die uns regieren" (erschienen bei Fayard: "Ces gaffeurs qui nos gouvernent"), geradezu meisterhaft auseinander, wie Berlusconi alle seine Übergriffe zum eigenen Vorteil zu wenden weiß.

Jetzt nennen die Italiener ihn den Abstufer, seit Italien durch die Ratingagenturen heruntergestuft zu werden droht. Aber er ist immer noch da. Bis dann in Rom, wie anderswo, die Massen hasserfüllt auf die Straße gehen, nur um ihm und anderen zuzurufen: "Haut ab". Die Italiener sind auf dem Weg. 

  

(ks@aleph99.org)Gravatar: Forward articlePermalinkTrackback link
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