Sonntag, 15. Januar 2012

Blickfelder und Gegenblickfelder von Syrien bis Argentinien

 

Sie hat ihre Hände zärtlich auf die Schultern der Kinder vor ihr gelegt: ein Junge, ein Mädchen, die unruhig blicken. Sie trägt eine Kappe, die ihr leichtes, aufmerksames und bewunderndes Lächeln zu betonen scheint. Ihr Blick ist stracks geradeaus gerichtet. Das strahlende Gesicht von Asma el-Hassad, der Gattin des finsteren Bachar, retouchiert auf der Titelseite der holländischen Trouw oder genau so auf der der britischen Times hat etwas im Blick an diesem Donnerstag den 12 mai, aber was nur? Man musste die New York Times nehmen um sich das Gegenblickfeld vor Augen zu führen: eine Fläche voller Menschen in orange, weiß und grau, die Rücken von Frauen mit wehendem Haar, darüber junge Männer die sich wie in einem Popkonzert zu bewegen scheinen und hochragend über alle hinweg, Bachar, der wie ein Rockstar lächelnd die Menge grüßt.
Die Bildunterschriften der Zeitungen beidseits des Atlantik sagen uns das gleiche: die beiden da treten selten öffentlich auf, lasst uns die Gelegenheit nutzen! Betrachten wie die Haltung dieses Mannes, der nicht Präsident Syriens werden wollte und die seiner Frau, die von einer Karriere als Augenärztin in London träumte. Sind sie sich eigentlich bewusst, wieviele Tote es gegeben hat, wieviel Blut geflossen ist? Sind sie sich der allgemeinen Ablehnung bewusst? Sie sehen so sympathisch aus! Und ohne Zweifel sind sie's auch, im Schutz ihrer schalldichten Mauern...

Alles eine Frage von Blick und Gegenblick. Das wusste die große Fotografin Eve Arnold, die uns diese Woche auf immer verlassen hat. Zum Beweis das Bild auf der Titelseite des Guardian, eine der seltenen Aufnahmen von ihr und auch nur im Profil. Die Grande Dame des Gegenblickfeldes, die man so gut wie nie zu sehen kriegte, starb mit 99 Jahren in einem Alterheim. Ärgerlicherweise nur wenige Wochen vor ihrem 100sten Geburtstag, schreibt ihre Assistentin Beeban Kidron in einem sehr schönen Nekrolog im britischen Blatt.

Legendär, sagt Beeban: bei Eve Arnold trifft das zu. Die legendäre Fotografin, die Legenden auf ihr Medium bannte, an erster Stelle Marilyn Monroe und Malcolm X. Beeban erinnert vorallem an die tiefe Stimme von Eve, an ihre Gastfreundlichkeit, an ihre Fähigkeit, Kenntnisse weiterzugeben.  

Am selben Tag fiel die Wahl der argentischen Pagina 12 auf ein unscharfes Foto auf der Titelseite. Ein unkenntliches Gesicht mit vorgehaltener Hand, betitelt: "Ein Leben im Terror". Die linksgerichtete Tageszeitung berichtet vom Schrecken, dem sehr junge Mädchen ausgesetzt waren, die den Weg von Raul Martins kreuzten, ehedem Mitglied der SIDE, des argentinischen Geheimdienstes unseeligen Angedenkens während der Diktatur, und seitdem im Zuhältergechäft. Jetzt ist er endlich in Händen der Justiz, denn seine eigene Tochter Lorena trat schließlich als Zeugin gegen diesen Folterer-Vater auf. Folterer von politischen Gegnern und anschließend von Frauen.

Den unglücklichen wurden Beschäftigungsverhältnisse als Empfangspersonal in Mexiko, in Cancun versprochen, wo sie voller Hoffnung ankamen. Bis dann ihre Reisepässe konfisziert wurden,

Eine von ihnen berichtet: "als wir zugesagt hatten und am Bestimmungsort eintrafen, mussten wir zu einem Willkommensfest gehen. Wir wurden im Auto zu einem Haus gebracht, in dem der Besitzer der größten Hôtels von Cancun wohnt. Wir begannen vor Angst zu zittern: überall waren bewaffnete Männer und überall lagen Gewehre auf den Tischen. Der Besitzer war von einer Kugel ins Bein getroffen worden und eine Pflegerin betreute ihn ständig und reinigte die Wunde, die sich entzündet hatte. Wir wurden bei den Haaren gepackt und sie machten mit uns, was sie wollten. Ich habe geweint, habe mich im Bad versteckt. Auch die anderen, die älteren Mädchen, zitterten vor Angst. Es waren zwölf Männer und eine Frau, auch sie sehr gewalttätig, und wir waren nur zu dritt. Ich blutete". Raoul Martins besaß Nachtklubs in Buenos Aires und in Cancun, Zentren der Prostitution. Und seine Tochter, bis dato im Gegenblickfeld, hat jetzt der argentinischen Justiz alles offengelegt.   

 

Samstag, 28. Januar 2012

Gendergeschichten - ein mütterlicher Grundfehler

 

Man könnte denken, es sei nur eine Anekdote. Die Berliner Tageszeitung, immer auch ein wenig auf der Yupie-Linie, bringt sie auf der Titelseite. Warum auch nicht? Es ist die Geschichte einer/eines kleinen Alex die/der, seit sie/er gehen und brabbeln lernte ein anderes Geschlecht als das seinige haben wollte. Als Alexander geboren wurde, fanden die in Liebe vereinten Eltern das wundervoll. Da war er, der göttliche Knabe! Aber dann, als das Kind nach und nach sich für die Welt zu interessieren begann, kämmte es seine Puppen, fand rosafarbiges schön und flocht sich Zöpfe ins Haar.Trotz aller väterlicher Aufmerksamkeiten mit kleinen Autos und anderem virilem Spielzeug. Anna, die Mutter, wollte das Kind gewähren lassen und schmückte sein Zimmer in "Mädchenfarben", kaufte Kleidchen und Lackschühchen. Auch die Schule hatte nichts dagegen und änderte den Namen um in Alexandra. Der Vater versuchte immer noch sein Glück mit kleinen Robotern und Zinnsoldaten. Doch nichts half, Alex blieb standhaft, weinte, tobte. Die Eltern trennten sich. Heute nun tanzt Alex gern, schwimmt gern, und liest gern Harry Potter - lauter neutrale Tätigkeiten, die selbst einen entsetzten Vater kaum schockieren können...

Alex ist mittlerweile 11 Jahre alt und niemand würde von ihr/ihm reden, wenn sich nicht der Bundesgerichtshof mit einer Klage des Vaters beschäftigt hätte. Denn Alex will sich mit dem Eintritt in die Pubertät einer hormonalen Behandlung unterziehen, die ihm sozusagen endgültig das weibliche Geschlecht verleiht. Sein Schicksal liegt seither bei widersprüchlichen psychiatrischen Gutachten. Denn "die" Wissenschaft ist in dieser Sache geteilter Meinung. Entweder bleibt das Kind bei seiner Mutter oder es geht in eine psychiatrische Klinik, erfährt eine sexologische Gehirnwäsche und kommt dann in eine Adoptivfamilie. Das Ministerium für Jugend und Familie und der Vater sind sich einig in der Erwartung, dass die Uhren zurückgestellt werden und werfen der Mutter Anna vor, das Kind in seinem "Fehlverhalten" begünstigt zu haben. Die Tageszeitung hat Spezialisten von Berlin über Basel bis Amsterdam befragt.

Doktor Klaus Beier in Berlin ist dagegen, dem Kind seinen Willen zu lassen. Denn, sagt er, "in diesem Alter haben wir keinerlei Gewissheit über seine zukünftigen Wünsche, die sich noch ändern können, keinerlei wahrhaftiges Kriterium, dass uns zu einer Entscheidung verhülfe und eine derartig endgültige Behandlung kann sich als eine Katastrophe erweisen." In Holland haben dagegen neuere Studien erbracht, dass der entschiedene Wunsch von Knaben, Mädchen sein zu wollen, wenig mit Homosexualität zu tun hat, die oft erst nach der Pubertät klar wird und dass die Sehnsucht auf die andere Seite des Geschlechterspiegels zu gelangen mit der Zeit sich nicht ändert. Der gute Doktor Rauchfleisch in Basel kann das nur bestätigen: "Man muss das Kind über mehrere Monate beobachten und wenn ich dann zur Diagnose einer Transsexualität komme, beginne ich die Hormonbehandlung. Es kann nur zu einer großen Erleichterung führen, wenn das Kind sich dem ersehnten Geschlecht nähert. Viel Leid wird dadurch vermieden." Bei Untersuchungen in einer Berliner psychiatrischen Klinik als Alex 6 Jahre alt war, haben Ärzte ihm erklärt, wie schrecklich es sein würde, wenn er später einmal nicht mehr Mädchen sein wolle... Alex verweigerte die weitere Untersuchung.

In den USA haben Eltern im Mai 2011 ihren 10 jährigen Jack per Operation in eine Jackie verwandeln lassen, was immer schon sein/ihr Wunsch war. Die Geschichte schlug mächtig Wellen und man zeigte mit dem Finger auf die Eltern, besonders auf die Mutter. In Kanada weigern sich nach wie vor Eltern, der Verwaltung zur Feststellung einer "Identität" das Geschlecht ihrer Kinder mitzuteilen. Sie geben ihnen neutrale Vornamen und Spielzeug für beiderlei Geschlecht. Das Land ist gespalten in Befürworter (oder auch nur toleriende) solcher Haltung und ihre Gegner... Bestenfalls sehen letztere solche Elternpaare als Verrückte und schlimmstenfalls als Verbrecher. Uns geht es nicht darum, mit den Wölfen zu heulen oder zu entscheiden, wer Recht und wer Unrecht hat, wir weisen nur darauf hin, dass sich jedesmal die Finger auf die Mütter richten, wie es lange Zeit auch beim kindlichen Autismus der Fall war. Häufig haben sich Künstler des vielfach tabuisierten Themas angenommen, kürzlich noch Cécile Sciamma mit "Tomboy". Jetzt hat die Realität die Fiktion überholt.

In Erwartung der höchstrichterlichen Entscheidung sehen sich Alex und seine Mutter Anna zuhause weißgekleideten Männern gegenüber, die zur Vorsicht und auf Anordnung von Jugenschutzbehörden das allzu unentschiedene Kind mitnehmen wollen.

Und was Lady Joan Bakewell angeht, eine der Stars im britischen Radio: auch sie hätte man fast gehindert an der Erfüllung ihrer Träume, eine "Stimme" zu sein, eher eine von der überwältigenden Mehrheit der Höhrer geschätzte, tiefe und männliche. Und auch hier wärs die "Schuld" der armen Mutter gewesen. Bakewell hat nämlich dem Daily Telegraph anvertraut, dass man ihr, lange bevor sie zur Lady gemacht wurde, als sie sich bei der BBC für nächtliche Durchsagen vorstellte, gesagt habe, ihre Stimme sei zu hoch und zu sehr "snob".

Ihre Mutter hatte sie, in bescheidenen Verhältnissen lebend, als Kind in einen Sprachkurs gegeben, damit sie später keine Nachteile gegenüber aristokratischen Kindern habe. Da scheint das Kind ihre Lehrer noch übertroffen zu haben. Denn heute finden die Höhrer, es gebe keine Stimme die mehr "BBC" sei, als Joan Bakewell... Eine kleine Angestellte aus dem Süden Manchesters, die ihrer Tochter ein besseres Leben wünschte, kann nur stolz sein.       

 

28.01.2012

Mein Frühstück bei Standard and Poor's

Der investigative Journalist des 21ten Jahrhunderts geht gern Risiken ein, um sich aktuelle Nachrichten zu den großen Gegenwartsthemen zu verschaffen. Wenn er zu den verhassten modernen Finanzinstituten recherchiert, zögert er folglich nicht einen Moment, ins Allerheiligste vorzustoßen, im gegebenen Fall in den Pariser Sitz der in letzter Zeit in Europa so beschimpften Agentur Standard & Poor's. Eines Mittwochmorgens im bleichen winterlichen Frühlicht kommt er, fröstelnd in seinem wattierten Mäntelchen dort an. Eilig tritt er ein. Zum Glück ist er nicht allein: etwa zwanzig Kolleginnen und Kollegen aus dem ganzen alten Kontinent (und selbst darüber hinaus) finden sich in der weißen Eingangshalle (Marmor, Schreibtische, Sofas, Blumen, alles in Allem sauber und eine Synfonie der Reinheit) ein. Die derzeit in Frankreich am meisten verabscheute Notationsagentur hat freimütigst zu einer Frage- und Antwortsitzung gebeten.

Die glücklichen Auserwählten des Briefings trinken stehend Kaffee, essen Frühstücksgebäck im Miniformat, bevor sie sanft in einen Raum im Untergeschoss des neuerdings, dank regelmäßiger antikapitalistischer Rituale der Entrüsteten aller Couleur berühmten Gebäudes geführt werden. Die am Gebäck erlabten und vom Kaffee belebten Recherchejournalisten sind vollends erfreut, als sie auf jedem Stuhl Notizheft und Schreiber Marke "collectors" mit S&P Logo finden, die ihnen fortan helfen werden, einander wiederzuerkennen.

Erste Überraschung: das Empfangskomitee ist fas ausschließlich weiblich: - die Chefin des Pariser Büros, verantwortlich für Methodologie und Analysen, die Abteilungsleiterin zuständig für Kommunikation. Der einzige Mann ist der Chefökonom, also der Denker... Der Begrüßungsaustausch beginnt mit einem herrlichen Lapsus, dem des allgemein beliebten Präsidenten dieser Clique ohne Gleichen europäischer Korrespondenten, Alberto Toscano, selbst ein unvergleichliches Konzentrat von allem was italienischer Geschmack hergeben kann: "Zu allererst möchte ich der Pariser Vertretung von Goldman Sachs meinen Dank für den Empfang aussprechen!." Alberto hat gerade ein Buch über "Versprecher in der Politik" veröffentlicht ("Ces gaffeurs qui nous gouvernent" eschienen bei Fayard) ! Die Sitzung kann beginnen... Sie beginnt mir einem einstündigen, leicht professoralen Vortrag, nicht im entferntesten von dem Glanz oder der virtuellen Knappheit der "Finanzmärkte" einer globalen Geldwirtschaft.

Dann eine weitere Stunde mit Fragen und Antworten im äußerst glatten und höflichen Ton - mit der einzigen Ausnahme des Zwischenrufs eines franzöischen Kollegen: "wie können Sie uns noch immer mit gutem Gewissen gegenüber treten nachdem sie sich hinsichtlich der Dauerhaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit der Subprimes so katastrophal geirrt haben?" (Die Subprimes sind jene risikoreichen Hypotheken, die 2008 nicht bedient wurden, so zur Krise führten, weil aufgrund solcher Darlehen die Banken mittels Verbriefung ihre Finanzierungskapazität über alle Maßen übertrieben hatten.)

Was also hat unser Korrepondent an diesem Mittwoch dem 25. Januar am Pariser Sitz von Standard & Poor's erfahren? Dass man sich bei Standard & Poor's unter keinen Umständen aufregt; dass eine Herabstufung von AAA auf AA oder gar auf A kaum viel bedeutet; dass sie von niemandem beauftragt sind, Staaten zu bewerten wie Frankreich, Deutschland oder die USA; dass man alle Informationen auf ihrer Webseite finden kann; dass sie keinerlei politischem Druck ausgesetzt seien, - sag nur!; dass es sich bei der Untersuchung eines italienischen Richters gegen S&P wegen Manipulation um einen einsamen Kreuzzug handle; und dass die Verbriefung eine wunderbare und grundsolide Finanzierungstechnik sei; und das schließlich für die Annotation von Staaten das Kriterium sei, ob in sich zuspitzenden Krisenzeiten ein Kapitän an Bord sei, egal ob von Rechts oder von Links!

"Wie bei den Costa-Kreuzfahrten" bekräftigte Alberto...

 

08.02.2012

Unerträgliche Spannung vor dem Elf-Städte-Lauf in den Niederlanden

 

Die Bilder sind von oben aufgenommen, aus Hubschrauberentfernung. So nah wie möglich an den Menschen, wie um sie besser auszuspionieren. Wie emsig-fleißge Ameisen widmen sich Menschen in bunten Mützen dem weißen Schnee unter ihnen. Sie haben Schaufeln und Rechen in den Händen. Sie sind schwarz, rot oder blau gekleidet. Aus dieser Höhe sieht man ihre Gesichter nicht, weiß nicht was sie ausdrücken. Aber auch ohne zu sehen, weiß man Bescheid. Die Sorge geht um, sie ist mit Händen zu greifen...

Denn noch ist nichts sicher. Trotz der Kälte, trotz Temperaturen die sich seit Tagen den sibirischen nähern, bleibt alles offen. Bisher war der Winter so mild. Für ein gutes Eis von mindestens 30 cm Dicke braucht es klare, frostige Nächte.

Die Holländer, denn um die handelt es sich, halten also den Atem an. Werden sie sich ihrer nationalen Leidenschaft hingeben können, ihrem jährlichen Gründungs- und Einigkeitsmythos, der Elfstedentocht? Ein Wort, das man in einem Atemzug aussprechen muss, um nicht zu stolpern...

Die Spannung ist derart groß, dass die Tageszeitungen auf ihren Webseiten zum Live-Blog übergegangen sind. Minute für Minute - was sage ich? - Sekunde für Sekunde informieren sie über die Festigkeit des Eises... Wir haben an dieser Stelle schon erklärt, was die Elfstedentocht ist, dieser Eislauf über die Kanäle vorüber an 11 Städten... Aber immer wieder erstaunt die allseitige Begeisterung, die der populäre Wettlauf auslöst. Auch stellt man fest, dass in unseren Zeiten angekündigter Klimaerwärmung nun schon zum vierten Mal hintereinander die Eisläufer und Eisläuferinnen ans Rennen gehen. Nach mehr als zehn Jahren zwangsläufigen Verzichts. Und man bemerkt außerdem, dass wenn die Wirtschaftkrise am heftigsten, der Enthousiasmus für das polare Vernügen am stärksten scheint. Vervielfacht sich etwa die Sehnsucht nach Sebstvergesseneheit in solchen Momenten?

Jedenfalls hoffen wir, dass das Eis im Gegensatz zur weltweiten Börse nicht krachen wird. Es muss bis zum Wochenende halten, wenn am 11. Februar das ganze Volk Bataviens auf den Beinen sein wird. 

   

 

03.03.2012

Elfstedentocht: Caramba - nun doch nichts draus geworden!

 

Also sind sie nun doch nicht gestartet, die Eisläufer, die gestiefelt und bemützt schon an der Startlinie standen... Trotz der Temperaturen von -15° bis -2o° und obwohl die Sonne im Norden von Brügge und Antwerpen sehr auf sich warten ließ, hatten die holländischen Behörden entschieden, dass das Eis nicht hinreichend fest sei, Horden von Bataviern die Chance zu geben, andere zu überholen, sich selbst zu übertreffen, fast bis ins Jenseits zu gleiten und das über 200 km auf zugefrorenen Kanälen, vorbei an elf mythischen Städten in einem Rennen das nicht weniger mythisch. Das Eis wollte nicht dicker werden als 12 cm und muss doch mindestens die 20 cm erreichen damit tausende von Schlittschuhläufer/inne/n wie die Furien sich auf ihm austoben können. Der Winter kam zu spät und die Tage sind schon allzu lang...

Die Enttäuschung entpricht den Hoffnungen: eine Niederlage beinahe nationalen Ausmaßes und Bitterkeit so spürbar wie die der irischen Fans die nach der Annulierung der Begegnung Irland/Frankreich unverrichteter Dinge nach Dublin zurückfahren mussten. Nur dass die Elfstedentocht ein Gratisvergnügen ist und man weder Eintrittspreise zahlt noch überteuerte Hôtelbetten. Man braucht nichts als ein paar Schlittschuhe... Die in Holland sowieso jede/r hat.

Ein paar Glückliche kamen trotzdem auf ihre Kosten: während die Eisexperten die Strecke kontrollierten, fuhren ihnen ganz schlaue Männlein und Weiblein einfach hinterher und konnten so wenigstens ihre 40 km im vollen Geschwindigkeitsrausch und mit immensem Glücksgefühl dahinbrausen! Hoffentlich greift die polare Kälte im nächsten Jahr früher an und dauert länger... 

 

03.03.2012

Das Russland, Vaterland Vladimir Putins, hat männliches Geschlecht.

Wenn es in Russland eine Sache gibt, mit der nicht zu scherzen ist, dann ist es das "Vaterland". Man spricht das Wort allgemein nur mit einem gemischten Gefühl von Angst und Respekt aus, eine Folge der bewegten Geschichte der beiden letzten Jahrhunderte voller Schrecken und Getöse, die im Großen Vaterländischen Krieg, in Stalingrad ihren Höhepunkt fand. Zahlreich sind die quasi-religiösen Feiertage, manche entsprechen unseren wie der 9. Mai (statt des 8.), sowjetischer Jahrestag des Sieges über den Nazi-Agressor, dem 4 arbeitsfreie Tage folgen, eine Woche ist kaum zuviel, um sich an die 20 Millionen Toten zu erinnern, die der Kampf mit den Armeen Hitlers hinterlassen hat.

Dessen ungeachtet feiert man auch den 23. Februar. Das ist der Tag der Verteidiger des Vaterlands, man ehrt die Soldaten der großen vaterländischen Armee, denn am 22 Januar 1918 trat die "rote Armee der Arbeiter und Bauern" in die Geschichte ein; Initiative eines gewissen Leo Trotzki, der sie in aller Eile aufbaute, ohne viel Rücksicht auf demokratische Verfahren, bei aller von ihm proklamierten grundsätzlichen Freiwilligkeit. Zwei Jahre später standen bereits 5 Millionen Soldaten unter Waffen.

Aber der 23 Februar steht, seit er gefeiert wird, vor allem im Zeichen der Männer, wie eine Art Kontrapunkt vor dem 8. März, einer ebenfalls sowjetischen (aber auch amerikanischen) Einrichtung, dem Tag der Frauen. An jedem 23 Februar erreichen die Verkaufszahlen von Rasierschaum und Männersocken unverschämte Höhen. Eine gute Gelegenheit also für die ausgezeichnete Moskowskaja Prawda, sich über die Männlichkeit der vaterländischen Verteidigung Gedanken zu machen und über das Vergessen der Hälfte der russischen Bevölkerung. Dabei waren die Frauen seit der G

ründung der UdSSR bei der Roten Armee dabei und auch in nicht geringer Zahl bei der berüchtigten Tscheka und standen ihren männlichen Kollegen auch in punkto Gewalt gegen Abweichler keineswegs nach. Manche waren gar berühmt für ihre "Feinarbeit" in diesen Dingen.

1941, als die UdSSR schließlich mit allen ihren Kräften am europäischen Chaos beteiligt ist, stürzten sich manche in die Schlacht, während andere die Waffenindustrie auf vollen Touren hielten. Heute findet man sie, sagt uns die Moskauer Tageszeitung dann noch, auf allen zivilen und militärischen Ebenen der russischen Verteidigungsanstrengungen. Das Blatt zitiert im übrigen alle überlebenden Heldinen (wahre und falsche) des großen Vaterlandes. Und dennoch sind es nach wie vor am 23 Februar die Damen, die ihren Herren Rasierschaum und Socken schenken, während die Herren sich hemmungslos besaufen: der 23 Februar, mitten im Winter, ist auch ein Tag aller Arten Besäufnissen.     

Dieses Jahr, 2012, eine Woche vor den Präsidentschaftswahlen nahm Wladimir Putin, ex-Präsident, ex-Premier und bald der nächste Präsident, den 23. Februar zum Anlass um seinen erhitzten, im Louschniki-Stadion in Moskau versammelten, Anhängern zuzurufen: "Wir sind eine Siegernation, das haben wir in den Genen!"

"Lasst uns vor Moskau sterben / Wie unsere Brüder zuvor / Zu sterben wir versprachen / Dem Versprechen blieben wir treu "

Fünf Männer und nur Männer stellen sich diesmal zur Wahl. Da ist Testosteron willkommen und gefragt in den letzten Tagen vor dem großen Ereignis.

 

29.03.2012

Von links nach rechts und zurück

 

Ein Moment familiärer Andacht: der Backenstreich, den Beate Klarsfeld dem deutschen Kanzler und ehemaligen Nationalsozialisten Kurt Georg Kiesinger am 7. November 1968 in Bonn verpasste. Unmittelbar im Anschluss an die großartige Geste dieser jungen Frau, die sich als Journalistin Zugang verschafft hatte, sah man, wie der Hofstaat der CDU herbeistürzte und die von den fünf Fingern einer zarten Hand gerötete Wange mit Streicheleinheiten bedachte. Seither haben die Klarsfelds meine Eltern, vor allem meine Mutter, und auch mich im Loiret, wo ich lebe, begleitet. Dort wo die Lager waren, von denen die Transporte von Männern, Frauen und schließlich von Kindern in die Todeslager ausgingen. Ich verpasse die Klarsfelds nie, wenn sie im Juli, dem Monat der Razzia von 1942, nach Beaune la Rolande kommen. Beate eher etwas im Hintergrund, hinter den Überlebenden, denn trotz jener Ohrfeige und Aufsehen erregender Aktionen in der Verfolgung von Kriegsverbrechern, muss sie, die Deutsche, naturgemäß Zurückhaltung üben, zumindest in Frankreich, ihrem Wahlaufenthaltsland seit sie erwachsen ist.

Jetzt erscheint auf einmal ihr Gesicht auf den Titelseiten der meisten deutschen Tageszeitungen in Verbindung mit einem wiederum spektakulären Event: Die Linke, auf dem Schachbrett der deutschen Parteien die linkeste, zu der auch einige ehemaligen Kommunisten der DDR zählen, hat sie zur Kandidatur für die Bundespräsidentenwahl ausgerufen. Traumhaft, aber natürlich hat der Vorschlag keinerlei Aussicht auf Erfolg gegen Joachim Gauck, den Kandidaten der Regierunskoalition und der übrigen Oppositionsparteien. Die haben sich am 19. Februar auf den 72 jährigen Pfarrer geeinigt, der in Zeiten der DDR für die Menschenrechte kämpfte und ohne Zweifel am 18. März 2012 der neue Präsident wird. Schließlich ist die Bedeutung des Amtes vor allem auch eine symbolische und moralische. Der vorherige Präsident Christian Wulf, Mitglied der CDU wie seinerzeit der geohrfeigte Kiesinger, ist im Februar 2012, durch einen Skandal kompromittiert, zurückgetreten. Er soll als Ministerpräsident Niedersachsens von dem Kredit über 500 000 Euro eines Finanzmaklers profitiert haben - ein Faktum, das auf dieser Seite des Rheins nicht einmal ein Stirnrunzeln hervorgerufen hätte...     

Wenn auch aussichtslos, die Kandidatur von Beate Klarsfeld wirft Fragen auf: In Frankreich zeigt sie sich an der Seite ihres Mannes Serge und ihres Sohnes Arno als unbeirrbare Unterstützerin des Kandidaten und bisherigen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Bedeutet das, dass die französische UMP der deutschen radikalen Linken näher steht, als den deutschen Konservativen? Oder gewinnt manchmal eine Gefühlsbewegung die Oberhand über die Vernunft und das politisches Denken?

Symbol einer links-rechts Vermischung ist auch die Moskauer Iswestja, die mit der Revolution auf die Welt kam, mit jener von 1917, und die ihren Namen trotz einer Drehung um 180 Grad beibehalten hat. Mit großem Pomp feiert die Tageszeitung ihren 95. Geburtstag, stolz, dass sie das Ende der Sowjetunion überdauert hat. Einstmals war sie in der Hand des Staates, heute ist sie in der der Banken, einstmals war sie, ein wenig "intellektueller" als die Prawda, eine treue Unterstützerin der kommunistischen Partei, heute dient sie der Macht Wladimir Putins.

Aber der Stolz der Journalisten der russischen Tageszeitung ist nicht so sehr, dass sie die Wirren der Geschichte überwunden haben, sondern dass sie dem Ansturm der neuen Medien, des Internets und des wirtschaftlichen Übergang vom Sozialismus zum wildwüchsigen Kapitalismus standgehalten haben. Allerdings ist die Auflage von 1 Million in den Glanzzeiten auf 250 000 pro Tag abgestürzt.

Und: der Widerstand gegen Schicksalsschläge und Ansturm neuer Technologien hat auch ein paar Kompromisse gefordert, um nicht zu sagen eine kompromittierende Verbindung zur postsowjetischen Macht: da zeitweilig Eigentum von Gazprom, des staatlichem multinationalen Konzerns, hatten die Chefredakteure alle Mühe, wenn die Leitartikel allerhöchstes Missfallen erregten, wie im September 2004, nach der mörderischen Geiselaffaire in der Schule von Beslan in Nort-Ossetien.

Die Zeitung zieht es vor, anstelle eines Rückblicks auf glorreiche Stunden der Revolte von Kronstadt oder auf ihr Engagement für die Perestroika Gorbatschows, ihr Überleben nur mit einer Liste der weltweit ältesten,im wesentlichen angelsächsischen Zeitungen zu feiern, in der sie sich einer mittleren Position rühmen kann.